Wissenstransfer durch künstlerische Formate: Transkulturelle Bildungsprozesse und gesellschaftspolitische Dimensionen in der WANA-Region

Artikel-Metadaten

von Meike Lettau, Michèle Brand

Erscheinungsjahr: 2026

Peer Reviewed

Abstract

Der Artikel untersucht, wie Wissenstransfer durch transkulturelle Forschungs- und Kulturprojekte in der WANA-Region (Westasien und Nordafrika) gestaltet werden. Empirische Grundlage bildet das Projekt „تواصل [Tawasol]  – Cultural Production and Policy Network“, das zwischen 2023 und 2025 an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, der Université de Tunis in Tunesien und der Université Saint-Joseph de Beyrouth im Libanon umgesetzt wurde. Im Zentrum steht die Implementierung von Wissenstransfer verbunden mit den Dimensionen künstlerischer Arbeit in der WANA-Region, beispielsweise in postkolonialen und re-autokratisierten Kontexten. Darüber hinaus wird die Rolle transkultureller Bildungsprozesse, welche sich durch die Entwicklung von Forschungs- und Kulturprojekten von Studierenden herausbilden analysiert, sowie die Rolle von Resonanzerfahrungen in diesem Kontext.

Hinweis zur Schreibweise: Im vorliegenden Text wird aus Gründen der Lesbarkeit und Inklusivität durchgängig das Gendern mit Doppelpunkt verwendet.

Wissenstransfer und transkulturelle Bildungsprozesse am Beispiel des تواصل [Tawasol] – Cultural Production and Policy Network

تواصل [Tawasol] bedeutet Kommunikation, in Verbindung sein, Kontakte auszubauen und sich zu vernetzen. Das „تواصل [Tawasol] – Cultural Production and Policy Network“ ist im Spannungsfeld der Rolle der Künste in der Gesellschaft angesiedelt. Seit den arabischen Umbrüchen von 2011 erlebte Tunesien tiefgreifende gesellschaftliche Transformationsprozesse, die sich in politischer, kultureller und sozialer Hinsicht äußerten (vgl. Lettau 2020, Khalifa 2021, Toukan 2021). Künstler:innen und Kulturaktivist:innen fungierten dabei nicht nur als Beobachter:innen, sondern als aktive Gestalter:innen dieses Wandels, indem sie demokratische Diskurse sichtbar machten und kulturelle Räume kritisch öffneten (Lettau 2020, Barisch 2023, Bousselmi 2019). Gleichzeitig hat der soziale Unmut über ökonomische Ungleichheiten und prekäre Lebensbedingungen zu wiederkehrenden Protestbewegungen geführt, die Teil eines längerfristigen sozioökonomischen Konflikts sind; insbesondere wirkt sich dies auf die Lebensbedingungen für junge Generationen aus (vgl. Gertel u.a. 2024, Vatthauer & Weipert-Fenner 2017). Hinzu kommen enttäuschte postrevolutionäre Erwartungen und Ernüchterung angesichts anhaltender struktureller Missstände, Reautokratisierungsprozesse sowie ein Vertrauensverlust in politische Institutionen (vgl. Konrad-Adenauer-Stiftung 2020). 

Der folgende Beitrag analysiert, wie Wissenstransfer in transkulturellen Forschungs- und Kulturprojekten von Studierenden aus Deutschland und der WANA-Region gestaltet wird und welche gesellschaftspolitischen Dimensionen damit verbunden sind. Wissenstransfer wird in der Formatentwicklung der Studierenden als künstlerische Praxis, Dokumentationsform oder Forschung praktisch umgesetzt (z.B. in Form einer Ausstellung, eines Video-Podcasts, Interviews mit Künstler:innen etc.). Die Studierenden entwickelten eine Problem- und Fragestellung und implementierten durch ein künstlerisches Format unterschiedliche Ansätze des Wissenstransfers. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Wechselwirkung zwischen sozialen und kulturellen Praktiken einerseits und wissenschaftlichen Diskursen andererseits. Daher wird der Frage nachgegangen, inwiefern kulturelle Ausdrucksformen und künstlerische Methoden als Wissensformen über den akademischen Kontext hinaus gesellschaftlich zugänglich gemacht werden. 

Bedeutsam ist hierbei die Rolle transkultureller Bildungsprozesse der teilnehmenden Studierenden – als Lernende, als künstlerisch Forschende und als selbst künstlerisch Praktizierende – welche sich durch die Entwicklung ihrer eigenen Forschungs- und Kulturprojekte herausbilden. Das in diesem Beitrag verwendete transkulturelle Bildungsverständnis umfasst einerseits Selbstbildungsprozesse und Weltaneignungsprozesse durch Kunst und Kultur, wie es in der Kulturellen Bildung verwendet wird. Diese beziehen sich u.a. auf Teilhabe, Mitgestaltung in einer demokratischen Gesellschaft, soziale Integration, Identität und Zugehörigkeit (Mandel 2025:17). Wird dieses Verständnis auf transkulturelle Lernprozesse angewendet, zielt es darüber hinaus auf die Formierung des transkulturellen Subjekts durch kulturelle Bildungsprozesse, in denen das Eigene und das Fremde, Hybridität sowie Differenz- und Fremdheitserfahrungen reflexiv verhandelt werden (Eremjan 2016:185), wie Inga Eremjan beschreibt: „Das Agieren in derartigen Zwischenräumen löst Prozesse aus, welche sich so im Ich, im Bewusstsein verankern und sich zudem in Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsstrukturen materialisieren können“ (Eremjan 2016:185). Damit verbunden ist auch die Schaffung von Zugehörigkeit zu einer globalen Gesellschaft.

Die empirischen Befunde basieren auf Erfahrungen aus dem internationalen Kooperationsprojekt „تواصل [Tawasol]  – Cultural Production and Policy Network“, das von 2023 bis 2025 zwischen den drei Partneruniversitäten der Université de Tunis in Tunesien, der Université Saint-Joseph de Beyrouth im Libanon und der Zeppelin Universität in Deutschland umgesetzt wurde. Darüber hinaus wurden zwei außeruniversitäre Partner:innen der Kulturpraxis als zivilgesellschaftliche Kooperationspartner auf internationaler und regionaler Ebene einbezogen: Das Goethe-Institut (mit seinen Standorten in Ägypten, Libanon und Tunesien) als größte deutsche Mittlerorganisation der auswärtigen Kulturpolitik, und die Organisation Ettijahat – Independent Culture, die sich explizit der Förderung von Kultur und Kulturpolitik an der Schnittstelle zu gesellschaftsrelevanten Bereichen verschrieben hat und hier eine der führenden Organisationen im arabischen Raum ist. Das Projekt wurde vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) aus Mitteln des Auswärtigen Amts (AA) gefördert. Die 20 teilnehmenden Studierenden wurden in fachlichen Workshops fortgebildet, haben an Arts & Science Residenzen in Ägypten oder Tunesien teilgenommen und haben innerhalb von zwei Jahren eigene transkulturelle Forschungs- und Kulturprojekte entwickelt. 

Im Zentrum des Beitrags wird analysiert, wie sich Wissenstransfer in den transkulturellen Forschungs- und Kulturprojekten konzeptualisieren lässt. Dabei wird künstlerisches Handeln nicht lediglich als Mittel zur Vermittlung bestehender Inhalte verstanden, sondern als eigenständige Form der Wissensproduktion, die ästhetische, emotionale und soziale Dimensionen miteinander verknüpft. In diesem Sinne wird Wissen nicht nur transportiert, sondern in kollektiven Prozessen hervorgebracht, sowohl situativ, prozessual als auch kontextbezogen. Darüber hinaus wird eine Verortung der künstlerischen Arbeit in die gesellschaftspolitischen Kontexte in der WANA-Region vorgenommen, beispielsweise in postkolonialen Kontexten oder Reautokratisierungsprozessen. Hier wirkt künstlerisches Schaffen häufig u.a. als Form des Widerstands, der Reflexion und der sozialen Intervention. Abschließend wird untersucht, welche Dimensionen von Resonanzerfahrungen durch transkulturelle Bildungsprozesse bei den teilnehmenden Studierenden identifiziert werden können. Anknüpfend an die Resonanztheorie von Hartmut Rosa (2016) wird analysiert, inwiefern in transkulturellen Bildungsprozessen neue Verständigungsformen, affektive Bindungen und Erfahrungsräume entstehen.

Zur Konzeption von Wissenstransfer durch künstlerisch-kulturelle Formate

Wissenstransfer wird im vorliegenden Beitrag als ein vielschichtiger nicht-linearer Prozess verstanden, der über klassische Modelle der Wissensvermittlung hinausgeht. Insbesondere durch künstlerisch-kulturelle Formate und Kommunikationsprozesse eröffnen sich neue Möglichkeiten des Transfers von Wissen, die auf sinnlich-verkörperte, dialogische und kontextbezogene Weise funktionieren und in denen Wissen nicht nur vermittelt, sondern ko-kreativ hervorgebracht wird. Diese Formen des Austauschs stehen in engem Zusammenhang mit sozialen Praktiken, kulturellen Selbstverständigungen und gesellschaftspolitischen Bedingungen. Gleichzeitig gehen sie über institutionelle Strukturen weit hinaus und wirken direkt in gesellschaftliche Kontexte hinein. In solchen Prozessen entsteht Resonanz im Sinne eines wechselseitigen In-Beziehung-Tretens zwischen Akteur:innen, kulturellen Kontexten und Wissensformen. Im Zentrum des Projekts stand nicht eine einseitige Vermittlung, sondern die Eröffnung dialogischer Räume, in denen unterschiedliche Wissensformen sichtbar, verhandelbar und wirksam werden konnten. Diese Praxis kann einen Beitrag zur Entwicklung partizipativer, demokratischer Formate darstellen, die künstlerisch-kulturelle Formate als Formen des gesellschaftlichen Dialogs und der kollektiven Selbstverständigung nutzen. Für die transkulturelle Kunstvermittlung beschreibt Inga Eremjan insbesondere die Relevanz der Offenheit: 

„Praxen, die nicht auf die Erfüllung vorher festgelegter Anliegen beruhen, die mit bestimmten Methoden erreicht werden sollen, sind offen, subjekt- und prozessorientiert mit Gelegenheiten zum entdeckenden und forschenden Lernen. Sie schaffen Möglichkeiten, in denen die Einzelnen selbstständig, selbstgesteuert und selbstorganisiert Wege aus den Alternativen aushandeln können und vergegenwärtigen so, dass es nicht nur eine Lösung oder einen Weg gibt.“ (Eremjan 2016:190)

Um dies umzusetzen, wurde im Tawasol-Projekt auf die Methode der künstlerischen Forschung zurückgegriffen. Hierbei steht die wissenschaftliche Auseinandersetzung durch die künstlerische Praxis im Fokus, um durch künstlerisches Schaffen, Reflexionen und theoretische Auseinandersetzungen neues Wissen zu generieren. Dabei ist weniger das Ergebnis, sondern vielmehr der Prozess relevant für den Forschungsprozess. Künstlerische Forschung stellt somit einen eigenständigen Zugang zur Wissensgenerierung dar, der kognitives, sinnliches und verkörpertes Wissen miteinander verbindet. Kathleen Coessens (2016) betont, dass in der Kunst vielschichtige Wissensebenen existieren, auf denen über verschiedene sensorische und körperliche Kanäle kommuniziert wird. Besonders in transkulturellen Kontexten spielt diese Form von Wissen eine zentrale Rolle, da sie alternative, oft marginalisierte Erfahrungsräume sichtbar macht und das Prinzip des „situierten Wissens“ betont. Künstlerische Forschung eröffnet somit Räume, in denen gesellschaftlich relevantes Wissen außerhalb akademischer oder institutionalisierter Kontexte entstehen kann (Coessens 2016, Jas 2024, Lea et al. 2011, van Klaveren 2015). Zudem spielt die Einbindung von nicht-akademischen Akteur:innen und Stakeholdern in die Prozesse des Wissenstransfers eine zentrale Rolle. Wie Joaquín M. Azagra-Caro und Alejandra Boni hervorheben, ermöglicht deren Einbindung neuartige Formen des Wissensaustauschs und verbessert die Narrationen über den öffentlichen Wert von Forschungsinteraktionen. Diese kontextspezifische und relationale Perspektive des „situierten Wissens“ reflektiert die Notwendigkeit, bestehende Strukturen akademischer und künstlerischer Wissensproduktion zu hinterfragen (Azagra-Caro und Boni 2023).

Darüber hinaus ist die Ablehnung von Funktionalisierung im Wissenstransfer in künstlerischen Prozessen von hoher Relevanz. Bezugnehmend auf Mona Jas (2024) richtet sich diese Kritik gegen ein in westlichen Gesellschaften verbreitetes Verständnis von Wissen als Produkt, das angeeignet, besessen und verwertet werden kann. Stattdessen wird für eine prozessuale, ergebnisoffene und gemeinschaftsorientierte Wissenspraxis plädiert. Gerade in Regionen wie in Westasien und Nordafrika entstehen innovative Wissensformen häufig aus gesellschaftlichen Notwendigkeiten heraus und fungieren als Gegennarrative zu autoritären und postkolonialen Wissensordnungen. Wissen wird hier nicht nur als Ressource betrachtet, sondern als Träger symbolischer, sozialer und kultureller Werte, die in spezifischen Kontexten verhandelt werden. Künstlerische Praktiken tragen dabei zur Schaffung alternativer Wissensökonomien bei, in denen kollektive und gemeinwohlorientierte Formen der Weitergabe und Nutzung im Vordergrund stehen (Azagra-Caro und Boni 2023, Coessens 2014, Jas 2024, Lea et al. 2011, van Klaveren 2015). 

Abschließend ist zu reflektieren, dass Wissenstransfer als Praxis untrennbar mit Machtverhältnissen verbunden ist. Wissen ist nach diesem Verständnis nicht neutral, sondern Teil hegemonialer Strukturen, die über Zugang, Legitimität und Sichtbarkeit entscheiden (Foucault 1980). In internationalen Kooperationskontexten stellt sich daher die Frage, wer welches Wissen wie weitergibt, und welche Machtstrukturen und Ausschlüsse dabei entstehen. Antikoloniale Bewegungen haben darauf mit community-basierten Wissenspraktiken reagiert, die einerseits aus der Notwendigkeit alternativer Bildungsformen entstanden sind, andererseits aber auch bewusste politische Strategien der Selbstermächtigung darstellen.

Tawasol-Forschungs- und Kulturprojekte im Kontext von Wissenstransfer

Die Erforschung und Erprobung künstlerischer Wissenstransferprozesse im Kontext gesellschaftlicher und politischer Themen in der WANA-Region stand im Fokus des Tawasol-Netzwerks und der entwickelten Forschungs- und Kulturprojekte. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie künstlerische Methoden eingesetzt werden können, um Austauschprozesse zu initiieren, gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen und lokal verankerte Wissensformen in einem internationalen Rahmen zur Geltung zu bringen. Ziel der Kulturproduktionen war es, in transnationalen Projektgruppen künstlerische Formate des Wissenstransfers zu entwickeln und umzusetzen, die eine explizite gesellschaftspolitische Relevanz und partizipative Ansätze beinhalten. Der Fokus lag dabei auf den individuellen Prozessen der teilnehmenden Studierenden – von der gemeinsamen Themenfindung, Definition, Netzwerkarbeit, über die Feldforschung mittels künstlerischer Methoden hin zur Finalisierung und Veröffentlichung der Projekte und Produktionen. Dieser Prozess fand insbesondere während der Tawasol Arts & Science Residenzen im Jahr 2024 statt, innerhalb derer die Studierenden ihre kollaborativen Forschungsprojekte zusammen mit Praxispartner:innen in Tunesien und Ägypten entwickelten und sich mit dem Konzept des Wissenstransfers durch künstlerische Methoden auseinandersetzen. Im Folgenden werden exemplarisch drei Projekte aus dem Tawasol-Netzwerk vorgestellt.

Rolle weiblicher Nachwuchskünstlerinnen in sozio-politischen Transformationsprozessen

Das Projekt „Artists in Society – Film-Portraits from Tunis” von Chiara Kessel und Johanna Diekmann fokussierte die Rolle junger, aufstrebender Künstlerinnen in sozio-politischen Transformationsprozessen Tunesiens. Die Forschung konzentrierte sich auf individuelle Werdegänge junger Künstlerinnen und untersuchte, wie diese sich innerhalb eines komplexen und oft herausfordernden politischen Umfelds positionieren. Die Leitfragen bezogen sich auf den Werdegang der Künstlerinnen, die Gestaltung ihrer Zukunftsvisionen sowie die Positionierung und den Umgang mit ihrer eigenen künstlerischen Praxis angesichts politischer Entwicklungen und struktureller Hindernisse. Die Feldforschung basierte auf Interviews mit Künstlerinnen in Tunesien, wie beispielsweise autodidaktischen und professionellen bildenden Künstlerinnen, Musikerinnen und Theaterschaffenden. Die Forschungsergebnisse wurden in Form von Videoportraits präsentiert. Dieses Format ermöglichte es, persönliche Geschichten und Narrative zu vermitteln und gleichzeitig ein umfassenderes Bild der Bedingungen für aufstrebende Künstlerinnen in Tunesien zu zeichnen. 

Ein Beispiel ist das filmische Porträt der Theaterschauspielerin Leila M. In einem Interview-Setting auf einer Dachterrasse in Tunis berichtet sie von ihrem biografischen Werdegang, ihren künstlerischen Inspirationen sowie prägenden Erfahrungen innerhalb der Theaterszene. Ihre Erzählung verdeutlicht, wie persönliche und kollektive Erfahrungen in performativen Momenten verdichtet werden, wie durch Theater Situationen und Emotionen übersetzt werden können und innerhalb einer Gruppe für kurze Zeit alternative soziale Wirklichkeiten entstehen können. Im Gespräch reflektiert Leila M. nicht nur ihre Rolle als Schauspielerin, sondern auch ihre individuelle Entwicklung hin zu einer offeneren und toleranteren Haltung gegenüber der Gesellschaft insgesamt durch die eigene Erfahrung aus der Theaterpraxis. Aus ihrer Selbstverortung als „Amateurin“ heraus, betrachtet sie das tunesische Theater und dessen angesehene Rolle in der WANA-Region. Zugleich thematisiert sie die strukturellen Herausforderungen des Sektors, insbesondere hinsichtlich Finanzierungsmöglichkeiten und ‑strukturen. Im Kontext der politischen Umbrüche der letzten Dekade konstatiert Leila M. eine spürbare Ausweitung von Ausdrucksfreiheit. Besonders hebt sie hervor, dass satirische Elemente im postrevolutionären tunesischen Theater stets präsent waren. Allerdings stellt sie zugleich die offene Frage, in welche Richtung sich diese Freiheit künftig entwickeln werde. Damit verweist sie auf die Ambivalenzen einer Transformation, die sowohl neue Räume der Artikulation öffnet als auch von Unsicherheiten und strukturellen Begrenzungen geprägt ist.

Wissenstransfer erfolgte in diesem Beispiel über die Dokumentation und Vermittlung persönlicher Lebensgeschichten. Dabei wurden die Erfahrungen der Künstlerinnen als Schlüssel zur Reflexion breiterer sozio-politischer Dynamiken genutzt. Die Videoformate dienten somit nicht nur als künstlerische Ausdrucksmittel, sondern auch als Instrumente zur Kommunikation komplexer kultureller und politischer Realitäten durch die Perspektive und Rolle junger Künstlerinnen und ihrer Kreativität.

Künstlerische Kollektive als gemeinschaftsorientierte Orte der Wissensproduktion

Das Projekt „Collectivise (Culture) – mapping collaborative practices in arts and culture“, von Lilli Kim Schreiber, Julian Kraemer, Bahman Iranpour und Mariem Bettouhami, untersuchte autonome und kollektiv organisierte sozio-politische, künstlerische und kreative Initiativen in Tunesien und Ägypten. Im Fokus standen lokale unabhängige Projekte, die durch gemeinschaftsorientiertes künstlerisches Engagement gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen anstoßen. Während der Residenzphase in Tunis wurden verschiedene unabhängige Kunstinitiativen, darunter das Hip-Hop-Kollektiv DEBO, El Warcha Social Design Studio, das Bléch Esm Coffee Shop & Street Art Collective sowie das Café Culturelle interviewt. Hierbei wurde die Rolle von sozial verankerten künstlerischen Praktiken als legitime Wissensorte analysiert. Zentral ist die Wechselwirkung dieser Initiativen mit ihren unmittelbaren Umgebungen und den Communities, mit denen sie zusammenarbeiten. Auf Grundlage von fünfzehn Interviews wurde erforscht, wie Künstler:innen Kollektivität praktizieren und Strategien für ihre Nachhaltigkeit gestalten, insbesondere in Bezug auf Finanzierungsstrukturen und wirtschaftliche Autonomie. Besonderes Augenmerk wurde auf Ressourcenverteilung, kollektive Fürsorge und kreative Strategien im Spannungsfeld von Gemeinschaft und Finanzierung gelegt. 

Die Produktion und der Transfer von Wissen wurde in diesem Projekt adressiert, indem das Verständnis für gemeinschaftsorientierte Praktiken und Strukturen im Kulturbereich in Tunesien und Ägypten untersucht wurde. Ein Glossar für kollektive Praktiken, welches durch die Einbindung lokaler Kollektive und Kulturschaffender erstellt wurde, ermöglicht die systematische Aufarbeitung informeller Strukturen und ihrer Praktiken. Beispielhaft werden im Folgenden vier Begriffe aufgeführt:

„Collectivise: To Collectivise refers to a form of organization in which a group of people decides to make operational decisions not through a single leader, fixed ideas, or strict guidelines, but through the shared expertise of its members. Unlike hierarchical structures, collectivity does not rely on one person’s authority or specific expertise but emerges from the interaction of diverse individuals. The verb “to collectivize” is also used when resources, responsibilities, or knowledge are transferred into a collective process.“ (Iranpour, Kraemer, Schreiber, Bettouhami 2025)

„Plural Aesthetics: Collectivity often produces its own recognizable way of solving things, as many people collaborate with their ideas. This process values the contributions of each individual, where diverse perspectives come together through shared goals and continuous dialogue.“ (Iranpour, Kraemer, Schreiber, Bettouhami 2025)

„Sharing Economies: At its core, collectivisation is about building structures that support collaboration, adaptability, and inclusion. It challenges traditional models of organization by emphasizing shared agency and the power of working together in a self defined manner, rather than sticking to existing frameworks. […] Collectives are experts in distributing and sharing resources. They often come up with unique solutions and can work under conditions of scarcity.“ (Iranpour, Kraemer, Schreiber, Bettouhami 2025)

„Localized Care: Collectives slowly adapt to their social, environmental, and societal surroundings to sustain their practice, engaging with local communities and public spaces in ways that reflect their flexibility as a form of care for their own community. Rather than one-sided solutions, they seek lasting compromises.“ (Iranpour, Kraemer, Schreiber, Bettouhami 2025)

Die Erkenntnisse können als Grundlage dienen, um nachhaltige und partizipative Kulturmodelle zu entwickeln und sichtbar zu machen. Im Rahmen der Tawasol Workshops regten sie zudem einen internationalen Dialog über die Herausforderungen und Potenziale kollektiver Kulturarbeit an.

Unabhängige Musikproduktion und digitale Vertriebszyklen

Das Projekt „A Dialogue Between Egypt & Tunisia’s Music Scenes“ von Hiba Kammarti und Souha Bachtobji, Studierende im Bereich Musik- und Kunstmanagement, untersuchte unabhängige Musikproduktion und digitale Vertriebszyklen in Ägypten und Tunesien. Die Forschung analysierte die Praktiken unabhängiger Musiker:innen und deren Distributionswege sowie die Organisation und das Management von Musik- und Kunstfestivals. Während ihrer Residenz in Kairo beschäftigten sich die Studierenden intensiv mit den Dynamiken von Musikfestivals und führten Interviews mit verschiedenen Akteur:innen, darunter Kunstmanager:innen, Festivalorganisator:innen, Fördermittelgeber:innen, Künstler:innen und Rechtsexpert:innen. Besonders relevant waren Gespräche mit Vertreter:innen unabhängiger Musiklabels und bedeutenden Persönlichkeiten der ägyptischen Rap-Szene. Das Projekt verfolgte einen vergleichenden Ansatz und setzt die Erkenntnisse aus Kairo in Relation zu Musikmanagementpraktiken in Tunesien, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Musikproduktions- und Vertriebszyklen beider Kontexte herauszuarbeiten. Die Forschungsergebnisse wurden in Form einer Video-Podcast-Serie auf tunesischem Arabisch mit englischen Untertiteln präsentiert, die es ermöglicht, die gewonnenen Erkenntnisse zugänglich und anschaulich zu vermitteln. 

In der Episode „Digital Distribution Intermediaries in Music: Between Artists and Platforms – The Case of Sout Sharq thematisieren die Präsentatorinnen die Rolle digitaler Distributionsintermediäre im Musikbereich am Beispiel der ägyptischen Plattform Sout Sharq. Im Zentrum steht die Frage nach den spezifischen Positionierungen solcher Intermediäre im Spannungsfeld zwischen Künstler:innen und globalen Plattformen. Sout Sharq versteht sich als lokal verankerte Plattform, die sich insbesondere auf Rapmusik konzentriert und gezielt aufstrebende junge Künstler:innen aus der Region fördert. Anders als viele internationale Plattformen verzichtet Sout Sharq bewusst auf kommerzielle Werbung und richtet sich stattdessen an eine engagierte, community-basierte Hörer:innenschaft. Im Gespräch werden zentrale Herausforderungen digitaler Distribution deutlich, etwa in Bezug auf Sichtbarkeit, Monetarisierung und nachhaltige Reichweite. Es wird ein Spannungsfeld skizziert, das sich für viele Musiker:innen in der Region, insbesondere auch in Tunesien, auftut. Sie stehen vor der Entscheidung, entweder mit international etablierten Labels zusammenzuarbeiten, die ihnen eine größere Reichweite und globale Sichtbarkeit versprechen, oder aber mit lokalen Plattformen zu kooperieren, die oftmals direkter mit Künstler:innen kommunizieren und deren künstlerische Unabhängigkeit stärker respektieren. Aktuell sei in Tunesien eine Tendenz zur Zusammenarbeit mit ausländischen Labels zu beobachten, was nicht zuletzt auf deren Ressourcen und infrastrukturelle Vorteile zurückzuführen sei.

In der Episode „Palestinian Musicians & Music as Resistance“ widmen sich die Präsentatorinnen einem gesellschaftspolitisch hoch relevanten Thema: der Situation palästinensischer Musiker:innen im Kontext von Repression, Identitätsfragen und kulturellem Widerstand. Im Zentrum steht die Plattform PMX, die sich der digitalen Sichtbarmachung und internationalen Verbreitung palästinensischer Musiker:innen widmet. Ziel dieser Plattform ist es einerseits, die Reichweite und Sichtbarkeit palästinensischer Künstler:innen zu erhöhen, andererseits aber auch über das künstlerische Medium auf die politische Lage und die Palästinafrage aufmerksam zu machen. Für viele der portraitierten Musiker:innen ist Musik nicht allein Ausdruck ästhetischer Praxis, sondern ein wesentliches Mittel zur Selbstverortung und zur Artikulation kollektiver Erfahrungen unter den Bedingungen struktureller Bedrohung. Besonders betont wird auch die Rolle und Sichtbarmachung weiblicher palästinensischer Musikerinnen innerhalb der Plattform PMX, die neue Narrative palästinensischer Identität und Widerstandsfähigkeit sichtbar machen. Die Episode schließt mit der zentralen Beobachtung, dass Musik hier nicht nur als künstlerisches Medium fungiert, sondern zugleich politische Realitäten reflektiert und soziale Kämpfe dokumentiert.

Wissenstransfer findet am Beispiel des Video-Podcast-Projekts auf zwei Ebenen statt: Erstens durch die vergleichende Analyse der sozio-politischen Rahmenbedingungen, in denen Kulturschaffende in Ägypten und Tunesien agieren; zweitens durch die Verbreitung der Erkenntnisse über das populäre Medium des Video-Podcasts, wodurch eine breite Öffentlichkeit erreicht und ein Beitrag zum Diskurs über unabhängige Musikproduktion und Festivalmanagement geleistet wird.

Dimensionen von Resonanzerfahrungen im Tawasol-Netzwerk 

Auf diese Beispiele aufbauend soll die Frage diskutiert werden, wie Resonanzerfahrungen bei den teilnehmenden Studierenden im Tawasol-Netzwerk erfolgten. Bezugnehmend auf die Theorie der Resonanzerfahrung von Hartmut Rosa (2016) wird Wissenstransfer in transkulturellen Forschungs- und Kulturprojekten als eine Form von Resonanzbeziehung verstanden. Resonanz beschreibt eine dynamische Wechselwirkung, bei der Individuen und Kollektive in responsive Beziehungen zu ihrer Umwelt treten. In diesem Sinne entstehen Wissen und Bedeutung nicht durch einseitige Vermittlung, sondern durch Prozesse der Selbstinterpretation, Transformation und affektiven Berührung. Durch transkulturelle künstlerische Projekte erfolgen sowohl sinnliche und emotionale Erfahrungen als auch kognitive Erkenntnisse. Dadurch werden den Teilnehmenden neue Sichtweisen oder Handlungsräume eröffnet, wodurch Resonanz erfahrbar wird und transformative Prozesse stattfinden können. Diese Resonanz entsteht situativ und relational und ist nicht kontrollierbar. Ebenso entstehen neue Resonanzachsen zwischen Akteur:innen, Kontexten und gesellschaftlichen Realitäten (Rosa 2016).

Im Rahmen des Tawasol-Netzwerks wurden im Kontext künstlerischer und wissenschaftlicher Forschungsprojekte, vielfältige Resonanzerfahrungen generiert. Diese Erfahrungen bilden einen produktiven Rahmen für die Reflexion von Wissenstransferprozessen, wie sie im vorliegenden Beitrag dargestellt wurden. Unter Rückgriff auf das erläuterte Konzept der Resonanzerfahrung nach Hartmut Rosa (2016), werden die von den Autor:innen identifizierten persönlichen und zwischenmenschlichen sowie gesellschaftspolitischen Resonanzerfahrungen analysiert. 

Die Auseinandersetzung mit transkulturellen Herausforderungen in der Umsetzung eigener Kulturproduktionen führte zu Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Offenheit für neue Formen künstlerischen Handelns und für gesellschaftspolitische Realitäten. Die direkte soziale Interaktion mit Künstler:innen, exemplarisch während der Arts & Science Residenzen, eröffnete neue Zugänge zu sozial und politisch relevanten Themen. Dies erfolgte beispielsweise durch eine Auseinandersetzung mit kollektiv organisierten Kulturinitiativen und jungen Künstler:innen in Tunesien. Die kontextuelle Verortung dieser Themen erfolgte unter Berücksichtigung sozio-politischer Gegebenheiten, etwa im Umgang mit Zensur und Meinungsfreiheit. Durch die Projektarbeit wurde darüber hinaus die Mitgestaltung von demokratischen Strukturen, zur sozialen Teilhabe und zur Entwicklung von Identität und Zugehörigkeit exemplarisch erprobt. Diese Form der Resonanz kennzeichnet sich durch eine emotionale und affektive Dimension, die über rein kognitive Erkenntnisse hinausgeht. Sie ermöglicht eine reflexive Auseinandersetzung mit dem Eigenen und dem Fremden, fördert die Wahrnehmung von Hybridität und ein Bewusstsein für Differenz- und Fremdheitserfahrungen. Dies ist, in Rückbezug auf die transkulturellen Bildungsprozesse, eine zentrale Bedingung für die Herausbildung transkultureller Subjekte. Im Rahmen der abschließenden externen wissenschaftlichen Evaluation des Projekts reflektieren die teilnehmenden Studierenden diese Prozesse und Auswirkungen auf ihre eigenen Perspektiven und Praxis:

„[Ich habe] viel durch die Residency im Bereich persönliches Netzwerk gelernt, also auch, wie ich mich als Kunstschaffender platziere, in welche Diskurse ich dann real praktisch reingehöre, nicht [nur] rein akademisch. Also es ist immer eine Sache, ein akademisches Thema mitzutragen, aber letztendlich ist die Kulturwelt irgendwie eine, die immer von allen möglichen Fragen nach Ressourcen, nach Machtverhältnissen, nach Bedeutung, nach allem Möglichen begleitet wird. Und gerade diese Zeit in Tunesien, wo ich dann doch relativ auf mich allein gestellt sein konnte, […] als Kulturschaffender in dieser Rolle, […] das fand ich wahnsinnig bereichernd.” (Interviewpartner:in 1618257961 2025)

„Ich kann [jetzt] viel besser einschätzen, aus welcher Perspektive die Leute argumentieren oder woher sie kommen und was sie dort erleben […]. Also mein Bewusstsein über koloniale Strukturen und postkoloniale Strukturen und Dynamiken, die man sonst vielleicht eher nur in der Theorie kennt.” (Interviewpartner:in 1950520893 2026)

„Beziehungsweise habe ich über das Projekt extrem viele eigene Vorurteile aufdecken können, extrem viele Wissenslücken identifizieren können.” (Interviewpartner:in 1618257961 2025)

Parallel zu den individuellen und zwischenmenschlichen Erfahrungen konnten gesellschaftspolitische Resonanzerfahrungen beobachtet werden. Die gesellschaftspolitischen Dimensionen in der WANA-Region stellen einen relevanten Faktor für die künstlerische Arbeit dar, insbesondere Aspekte wie Meinungsfreiheit oder Reautokratisierungsprozesse. Politische Krisen, insbesondere der Gaza-Krieg von 2023 bis 2025 und die Anschläge im Libanon, beeinflussten unmittelbar die Projektarbeit der Studierenden sowie die akademische Kooperation. Dies wirft grundlegende Fragen darüber auf, wie in internationalen Kooperationen mit politischen Krisen umgegangen und wie ein produktiver Umgang mit Unsicherheiten in solchen Kontexten gestaltet werden kann. Dabei zeigte sich, dass Resonanzprozesse nur begrenzt steuerbar oder planbar sind und stets von der Komplexität sozialer und politischer Rahmenbedingungen geprägt werden. So reflektieren einige der Teilnehmenden ihre Erfahrungen im Rahmen des Projekts vor und nach dem 7. Oktober 2023 als einschneidenden geopolitischen Wendepunkt: 

„Ich fand gerade nach dem ersten Workshop, also vor dem 7. Oktober, war die Energie total beeindruckend. Also da sind wir alle aus Beirut zurückgekommen und es waren irgendwie schon so ganz viele Pläne da und es waren schon Kontakte in Beirut geknüpft und wir haben schon ganz viel geträumt, was jetzt alles möglich ist.” (Interviewpartner:in 1618257961 2025)

„And most importantly, I think that because of the events after October 7th, I mean it provided us a chance to be connected to people from the region who are kind of suffering from all the things that are happening from a firsthand. I mean, to experience their perspective.” (Interviewpartner:in 1015654595 2025)

Transkulturelle Bildungsprozesse als Ansatz multidimensionaler Resonanzerfahrung

Wenn transkulturelle Bildungsprozesse im Kontext von kulturellen Wissenstransferprojekten als multidimensionaler Ansatz gedacht werden, spielen kulturelle Hintergründe, Identitätsentwicklung, soziale Integration und politische Partizipation der Studierenden eine wichtige Rolle. Darüber hinaus ist die Ergebnisoffenheit des Prozesses und der Einbezug persönlicher, sozialer, kultureller und gesellschaftspolitischer Aspekte von hoher Relevanz. Die kulturelle Bildungspraxis innerhalb der Tawasol-Wissenstransferprojekte zeigt hierfür verschiedene Beispiele: Zentral ist die Verbindung des Lernens aus sozialen und kulturellen Praktiken innerhalb von sozialen Gemeinschaften in Verbindung mit wissenschaftlichen Diskursen. Die Projekte verstehen Wissenstransfer beispielsweise im Rahmen gemeinschaftsorientierter Kulturpraktiken in Tunesien und Ägypten durch die Dokumentation informeller kollektiver Strukturen oder durch die Vermittlung individueller Biografien anhand von Videoportraits, wo durch weibliche künstlerische Perspektiven persönliche Erzählungen ein differenziertes Bild sozio-politischer Dynamiken zeichnen können. Außerdem wurde der Einsatz populärer Medienformate wie Video-Podcasts genutzt, um der breiten Öffentlichkeit einen Zugang zu situiertem Wissen zu ermöglichen.

Durch die wechselseitige Resonanz zwischen den Teilnehmenden und den lokalen Akteur:innen entstanden Erfahrungsräume, in denen Wissen nicht nur vermittelt, sondern situativ verhandelt, transformiert und persönlich erlebt werden konnte. Diesbezüglich zeigen sich in den transkulturellen Projekten vielseitige Resonanzerfahrungen, die jedoch sehr individuell und schwer steuerbar sind.

Abschließend erfolgt eine kritische Reflexion des terminologischen Rahmens der Analyse. In künstlerischen Prozessen weist der Begriff des Wissenstransfers aufgrund seiner linearen Ausrichtung oftmals Limitationen auf. Die komplexen stattfindenden Prozesse sind daher mit dem Begriff des Wissensaustauschs präziser zu fassen. Dieser wird als ein wachstumsorientierter Prozess verstanden, bei dem Wissen sich durch Interaktionsprozesse und die Erweiterung des Zugangs vermehrt (Abinbuhaybeha 2023), was anhand der Projektbeispiele des Tawasol-Netzwerks aufgezeigt werden konnte. Wissen ist demnach kein statisches Gut, sondern ein dynamischer und prozessualer Raum, der durch künstlerische Praxis fortlaufend neu verhandelt und gestaltet wird. Bezogen auf transkulturelle Bildungsprozesse zeigt sich, dass Wissen stets in Machtstrukturen eingebettet ist. In diesem Kontext wurde im Tawasol-Netzwerk ebenso versucht, kontinuierlich das durch die teilnehmenden Akteur:innen repräsentierte Wissen sowie die damit verbundenen Dominanzen und Marginalisierungen zu reflektieren.

Zusätzliche Informationen

Formate des „تواصل [Tawasol] – Cultural Production and Policy Network“

Im Tawasol-Netzwerk wurden verschiedene Formen des Wissenstransfers mittels künstlerischer Formate entwickelt, wie beispielsweise: 

Link zur Tawasol-Plattform: https://tawasol-culture.xyz/ 

Verwendete Literatur

  • Abinbuhaybeha, Mansour M. S. (2023): Knowledge Transfer: A Critical Review of Research Approaches. In: International Journal for Global Academic & Scientific Research 2 (1):41-52.
  • Azagra-Caro, Joaquín M. and Boni, Alejandra (2023): ‘Enlarging the knowledge transfer realm through engagement with research stakeholders: a conversation attempt with action research’, Tapuya: Latin American Science, Technology and Society, 6(1). DOI: 10.1080/25729861.2023.221.
  • Barisch, Vanessa (2023): Tunis öffnet seine Innenhöfe – Das Kunstfestival Dream City. Berlin: Disorient.
  • Bousselmi, Meriam (2019): Freedom does not feed Bread. On the State of Artistic Freedom in the Performing Arts during Tunisia’s Democratic Transition, Arts Rights Justice (ARJ) Study – UNESCO Chair “Cultural Policy for the Arts in Development”, University of Hildesheim, 60 pp.
  • Coessens, Kathleen (2016): Performative sides/sites of knowledge: sharing knowledge in artistic ways. A&HHE Reflective Conservatoire Special Issue Aug 2016. http://www.artsandhumanities.org/performative-sidessites-of-knowledge-sharing-knowledge-in-artistic-ways/ (letzter Zugriff am 21.10.2025).
  • documenta fifteen (2021): lumbung. https://documenta-fifteen.de/en/lumbung/ (letzter Zugriff am 21.10.2025).
  • Eremjan, Inga (2016): Transkulturelle Kunstvermittlung: Zum Bildungsgehalt Ästhetisch-Künstlerischer Praxen. Dissertation, Bielefeld: transcript.
  • Foucault, Michel (1980): Power and Knowledge. Selected Interviews and Other Writings 1972-1977. Edited by Colin Gordon, translated by ibid., Leo Marshall, John Mepham and Kate Soper, 55-133. New York: Pantheon Books.
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Meike Lettau, Michèle Brand (2026): Wissenstransfer durch künstlerische Formate: Transkulturelle Bildungsprozesse und gesellschaftspolitische Dimensionen in der WANA-Region. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/wissenstransfer-durch-kuenstlerische-formate-transkulturelle-bildungsprozesse (letzter Zugriff am 02.04.2026).

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