Überlegungen zur Erreichung bildungsbenachteiligter Zielgruppen

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von Christine Range

Erscheinungsjahr: 2014

Der folgende Beitrag geht den Fragen nach, was mit Bildungsbenachteiligung gemeint ist, wie sie sich auswirkt und was das mit kultureller Bildung zu tun hat. Er dokumentiert einen Vortrag, den die Geschäftsführerin der LKJ Sachsen e.V. vor einem Publikum von Jugendpolitiker/innen sowie Fachkräften in der Jugend-, Kultur- und Sozialarbeit im Mai 2012 in Leipzig gehalten hat. Für die Handlungsfelder Politik, kulturelle Praxis bzw. Einrichtungen und Pädagogik reflektiert Christine Range, was sich für die Verwirklichung des Rechts auf Teilhabe an Kunst und Bildung verändern sollte. Ausgrenzung und Teilhabe

1.  Was heißt Bildungsbenachteiligung?

In Deutschland wachsen fast 4 Mio. Kinder unter 18 Jahren, also mehr als ein Viertel dieser Altersgruppe, in mindestens einer sozialen, finanziellen oder kulturellen Risikolage auf, die ihre Chancen schmälert (Nationaler Bildungsbericht: Bildung in Deutschland 2010. BMBF 2012). Dazu gehören geringe Bildung, niedriges Einkommen oder Erwerbslosigkeit der Eltern. Ein Fünftel jedes Altersjahrgangs ist systematisch ausgekoppelt („dropouts“), es erfolgt nur eine fürsorgerische Aufnahme – keine wirkliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben (soziale Benachteiligung durch Herkunft und Schulverweigerung) (zitiert nach Prof. Dr. Arnulf Bojanowski, Vortrag zur Abschlussveranstaltung “Jugend für Jugend“ der BKJ e.V.  2006 in Bonn)

Der Begriff „Benachteiligte“ umfasst eine sehr vielschichtige Gruppe. Benachteiligt sein kann man wegen der kulturellen oder geografischen Herkunft, des sozialen Hintergrunds, persönlicher Problemlagen, mitunter auch wegen des Geschlechts. Wenn ein geringes Bildungsniveau der Eltern, der Wohnort große Stadt (ab 300.000 Einwohner) und ein Migrationshintergrund zusammen kommen, spricht man von einer Kumulierung der Risikofaktoren.

  • Oft, und gerade in Bezug auf Bildung, greifen kulturelle und institutionelle Diskriminierungen ineinander – wer bekommt eine Empfehlung für welchen Bildungsweg? Herkunft kann Privileg oder Handicap sein.

Marlene Lentner, Universität Linz, definiert Bildungsbenachteiligung enger. Bildungsbenachteiligt seien Personen, die als höchste abgeschlossene Ausbildung maximal über einen Pflichtschulabschluss verfügen und sich in keiner formalen Ausbildung befinden. (Lentner, Marlene: Bildungsbenachteiligte Jugendliche an der Schwelle zum Berufsleben. Zukunftsforum Erwachsenenbildung 2010. Universität Linz. 24. Juni 2010)

Unter Bildungsbenachteiligung wird in Deutschland die bildungsspezifische Benachteiligung von Gruppen bezeichnet, die über geringe kulturelle, soziale oder finanzielle Ressourcen verfügen. Der Begriff impliziert nicht vorsätzliche oder bewusste Diskriminierung, sondern konstatiert statistisch ein relatives Schlechterabschneiden dieser Gruppen bei der Verteilung von Bildungschancen und beim Erreichen von Bildungserfolgen.

Laut Grundgesetz darf in der Bundesrepublik Deutschland niemand aufgrund seiner Herkunft – womit auch die soziale Herkunft gemeint ist – benachteiligt werden. Dennoch stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung auf seiner Internetpräsenz fest: Es „… entscheidet in kaum einem anderen Industriestaat die sozio-ökonomische Herkunft so sehr über den Schulerfolg und die Bildungschancen wie in Deutschland. Zugleich gelingt es in Deutschland im internationalen Vergleich deutlich schlechter, Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gute schulische Kompetenzen zu vermitteln. Wenn wir die Zukunftschancen der jungen Generation in Deutschland sichern wollen, muss das Schulsystem in Deutschland mehr Kinder und Jugendliche zu höheren Bildungsabschlüssen führen – und zwar unabhängig von ihrer Herkunft.“ Tatsächlich konstatieren diverse Bildungsstudien eine Benachteiligung von Menschen mit einer niedrigen sozialen Herkunft.

2.  Wie wirkt sich Bildungsbenachteiligung aus?

  • Was im Milieu passiert, erweist sich als machtvoll. Die Verhältnisse bestimmen Einstellungen und Haltungen, einen kulturellen Habitus. (Pierre Bourdieu) Armut hat vor allem Folgen für die kulturellen und alltagsweltlichen Handlungs- und Bildungsmöglichkeiten der Betroffenen. „Dabei wirkt ein sozialpsychologischer Mechanismus, nach welchem eine depravierte soziale Lage in kulturelle und kommunikative Praktiken, zumal in solche des alltäglich-lebensweltlichen Handelns mündet, welche wiederum die Lage der Betroffenen verhärten lässt.“ (Winkler, Michael: Unterschicht, Kultur und soziale Arbeit – eine andere Geschichte. In: Kulturelle Bildung vol.4. TeilHabeNichtse. Chancengerechtigkeit und kulturelle Bildung. Eine Reihe der BKJ bei kopaed., 2008, S. 29) Festgemacht wird das oft an Sprachnutzung (BILD-Zeitung und an der Nutzung der Massenmedien), an Kleidung und Verhalten. „Die neue soziale Unterschicht markiert Sachverhalte der sozialen und pädagogischen Wirklichkeit. … die Zeit der einfachen Alternativen ist vorbei.“ (ebd. S. 29)
  • Menschen werden in Randlagen gedrängt, die sie als sozialen und kulturellen Ausschluss erleben. Es kommt bei Jugendlichen oft zu Schulmüdigkeit – man glaubt nicht an sich und an reale Chancen, einen guten Ausbildungsplatz zu bekommen. Sie haben meist schlechte Chancen am Arbeitsmarkt, oft niedrig bezahlte Jobs – selten Wunschberufe, sind oft arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht. Das führt in Abwärtsspiralen, in welchen Kompetenzen und Motivationen verloren gehen.
  • Materielle Not geht mit dem Ausschluss von kulturellen Möglichkeiten einher, mit einer insgesamt eingeschränkten Partizipation am gesellschaftlichen Leben.
  • Es folgen ein Mangel an Motivation und geistiger Lebendigkeit, es zeigen sich „Züge emotionaler Verrohung“. Die Gründe liegen oft in erlebter Entwürdigung, es gibt kaum Erfolgserlebnisse und Anerkennung. (Winkler, ebd., S. 31)
  • Benachteiligte Menschen sind oft unzufrieden mit vielen Dingen des Lebens, es mangelt an Zuspruch und Unterstützung durch das soziale Umfeld.

3.  Was wollen und können wir mit kultureller Bildung erreichen? Was ist das Ziel?

  • Kulturelle Bildung ist als Therapieform zu hinterfragen, sie kann grundsätzliche gesellschaftliche Fehlentwicklungen nicht korrigieren. In den 80er Jahren rückte die Kultur in der politischen Agenda als Medium der sozialen Formierung ganz nach oben. (Haselbach, Dieter; Klein, Armin; Knüsel, Pius u. Opitz, Stephan: Der Kulturinfarkt. München 2012, S. 29) 
  • Was wollen wir als Kulturarbeiter und Interessenvertreter? Kinder und Jugendliche stark machen, stolz machen, glücklich machen und sie zum Leben befähigen – Lebenskunst lehren. (BKJ-Slogan: Lebenskunst lernen)
  • Von welchem Verständnis der kulturellen Bildung gehen wir dabei aus? Der Deutsche Kulturrat beschrieb bereits in der im Jahr 1988 erschienenen „Konzeption Kulturelle Bildung“ jenes breite Verständnis von kultureller Bildung, das heute noch tragfähig ist: „Sie umfasst alle künstlerischen Sparten bis zur Medienbildung, Bewegungs- und Alltagskultur. Die Beschäftigung mit Kultur kann sowohl Ziel des pädagogischen Handelns sein als auch Methode. Kulturelle Bildung befähigt zum schöpferischen Arbeiten und auch zur aktiven Rezeption von Kunst und Kultur.“ 
  • Unser Ziel muss es sein, kulturelle Bildung bereits im Kita-Alter zur Selbstverständlichkeit zu machen, um frühzeitig familiäre Defizite (z.B. und besonders in der Sprachentwicklung) aufzufangen und auszugleichen, aber auch um frühzeitige Berührungen mit Kunst und Kultur/Zugänge zu ermöglichen.
  • Wir bieten Orte und Gelegenheiten, um den Eigenwert von künstlerischer Betätigung und die Freude daran erleb- und erfahrbar zu machen (Zweckfreiheit), künstlerische Kompetenzen zu fördern – die das Selbstwertgefühl erhöhen, denn Kinder und Jugendliche wollen sich kompetent erleben. „Ich kann was – ich bin wer“.
  • Wir wollen durch die Beschäftigung mit Kunst und Kultur oder/und die Rezeption von Kunst  ein positives Lebensgefühl vermitteln und die Kreativität und Phantasie anregen.
  • Wir müssen alles dafür tun, den Kulturbegriff positiv zu besetzen, weg von seiner im Bewusstsein vieler stark auf die Hochkultur ausgerichteten Orientierung (fragt man junge Menschen, Schüler, was sie unter Kultur verstehen, bekommt man oft zur Antwort: Oper, Museum, Klassische Musik – kurzum, man beschreibt damit vor allem Dinge, die aus Sicht der Befragten anstrengend und ernsthaft zu sein scheinen und vor allem keinen Spaß machen, die man freiwillig also nicht besuchen würde…).
  • Wir können in außerschulischen Kultureinrichtungen den Statusfatalismus der unteren Schichten durchbrechen und Kinder und Jugendliche unterschiedlicher sozialer Herkunft und Schulformen zusammen bringen, die sonst meist unter sich bleiben.
  • Wir sollten das Ziel haben, einen Fakt aufzuweichen: das das Bildungsniveau die Kulturnutzung bestimmt.

4.   Welche Bedingungen für mehr Bildungsgerechtigkeit und kulturelle Teilhabe
      brauchen wir bzw. müssen wir schaffen – Was ist zu tun?

>> Im Handlungsfeld Politik

  • Bildungs- und soziale Benachteiligungen zu verringern ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe (Hübner, Kerstin: Kulturinteresse, Kulturnutzung, kulturelle Aktivität – Ein Verhältnis in Abhängigkeit von Bildungsniveau und Sozialstatus Jugendlicher. In: Kulturelle Bildung vol.4. TeilHabeNichtse. Chancengerechtigkeit und kulturelle Bildung. Eine Reihe der BKJ bei kopaed., 2008, S. 48) – das Bewusstsein dafür muss geschaffen werden.
  • Das Thema muss zunächst ins Bewusstsein der Finanz-/Sozial-/Bildungs-/Politiker: dass wir keine Bittsteller sind, sondern dass es um ein (einklagbares) Menschenrecht geht und dass für dessen Umsetzung etwas getan werden muss. Was heißt: es muss ein Nachdenken beginnen. Solange Straßenbau wichtiger ist als Bildung, solange Jugendarbeit nicht als Investition, sondern als bloßer Kostenfaktor angesehen wird, solange die Lehrerstellen nicht ausreichen, um die Pflichtstunden abzudecken, man in der Oberstufe zwischen Kunst und Musik wählen muss, sind wir weit entfernt davon, ernst genommen zu werden mit unseren Forderungen, möglichst umfassend für alle Kinder und Jugendlichen, unabhängig von Wohnort, sozialer und kultureller Herkunft, Zugänge zu eigener künstlerischer Betätigung oder zur Rezeption zu ermöglichen.
  • Es gibt mit dem Kita-Gesetz in Sachsen eine gute Grundlage für die frühkindliche musische Bildung, es gibt das Eckwertepapaier musisch-künstlerischer Bildung, das Kulturräumegesetz, es gibt hunderte von Handlungsempfehlungen der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Kulturellen Bildung, es gibt ein Grundlagenpapier der kulturpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Landtagsfraktionen vom 10. Juni 2011 „Zugänge eröffnen – Kulturelle Bildung stärken. Kulturelle Bildungschancen für alle sichern die Zukunft unseres Landes“, ein Grundlagenpapier zur kulturellen Bildung der Jugendministerkonferenz – alles ist gesagt, aber dabei bleibt es. Es folgt keinerlei finanzielle Untersetzung, keine Verbesserung der Rahmenbedingungen. (Im Gegenteil, die Projekt- und Bildungsmittel der LKJ Sachsen e.V. sind von 2009 bis 2012 um 76 % durch das Land gekürzt worden.) Gut, es gibt wieder mehr Lehrerstellen in Sachsen – der Rechenfehler des alten Ministers wird durch die neue Ministerin korrigiert. Damit sind vielleicht alle Stunden in Mathematik und Deutsch abgesichert, aber damit kommt noch kein bisschen mehr Kultur und Kunst in die Schulen = Die Handlungsempfehlungen müssen umgesetzt werden!
  • „Wir brauchen neue Formen der Zusammenarbeit im Bildungsbereich, die sich an Verantwortung und nicht allein an Zuständigkeiten orientieren.“ (Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, 16.3.2010, Rede zur Eröffnung der didacta)
  • Die Schulen sind der Ort, wo man alle Kinder und Jugendlichen erreicht. Hier muss kulturelle Bildung platziert sein, im Fächerkanon und am Nachmittag. Mit den GTA-Angeboten ist ein Anfang gemacht, aber auch hier wurden die Mittel gekürzt (von 30 Mio. auf 21,6 Mio., dafür kamen mehr Lehrerwochenstunden zum Einsatz). Wenn es aber eine wirkliche Kooperation von Schulen und außerschulischen Jugend- und Kultureinrichtungen geben soll, reicht dieses Geld nicht aus, um Qualität zu ermöglichen und angemessene Honorare zu zahlen.
  • Es muss ein grundlegendes Umdenken stattfinden, welche Bildung wir brauchen, welche Ressourcen dafür erforderlich sind. Aber: die PISA-Studie bestätigt Sachsen in der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges (Sachsen ist bildungspolitisch erfolgreich),  außerdem gibt eine Schwerpunktsetzung auf die MINT-Fächer – Deutschland braucht Ingenieure!
  • Die Enquetekommission des Deutschen Bundestages empfiehlt dem Bund, den Ländern und Kommunen, öffentlich geförderte Kultureinrichtungen in den Bewilligungsbestimmungen zu verpflichten, kulturelle Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche zu entwickeln und nachzuweisen. Sie empfiehlt auch die Ausgabe von Kulturgutscheinen. Sie empfiehlt, mehr kann sie nicht tun, denn Kulturpolitik ist Ländersache.
  • Die Politik muss die Voraussetzungen schaffen, um eine Elterneinkommenunabhängige Teilhabe zu ermöglichen – Kultur-Gutscheine für alle, so wie es im Sport in Sachsen längst gängige Praxis ist.
  • Künstlerische Schulfächer für alle (und durch Fachlehrer erteilt), damit alle Kinder und Jugendlichen die Chance bekommen, sich auch elaborierte ästhetische Codes anzueignen, damit sie das das „eherne Gesetz“ der Sozialsegmentierung durch Kunst durchbrechen lernen (Bourdieu), (damit nicht die Gymnasiasten Klavier und Geige spielen und die Kinder der Unterschicht mit Rappen, Graffiti und Breakdance in der ihnen zugedachten Kultur verbleiben).

>> Handlungsfeld kulturelle Praxis / Konzepte der Einrichtungen

  • Um mehr Kinder und Jugendliche, vor allem die aus benachteiligten Schichten zu erreichen, müssen unsere eigenen Konzepte überprüft und gegebenenfalls verändert werden. Erreichen wir mit unseren Angeboten, unserer Sprache, unserer Werbung, auch die „anderen“, die aus der „Massengesellschaft“, die RTL schauen und die Bildzeitung lesen, die vielen in der Kultur Tätigen als „unrettbar verloren“ gelten? Einerseits wissen alle, wie überlebensnotwendig es ist, neue Zielgruppen zu gewinnen, andererseits findet eine Auseinandersetzung mit der Lebenswelt des Nicht-Publikums nicht oder noch zu wenig statt. Zu stark ist die Orientierung am eigenen Werte- und Rezeptionskanon (Behauptung einer Exklusivität des eigenen Verhaltens, Ab- und Ausgrenzung). Die Ansprache und Gewinnung von jungen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und Bildungszugängen erfordert eine intensive und ernsthafte Auseinandersetzung mit deren Lebenswelten. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchen neben der fachlichen Professionalität zunehmend pädagogische und soziale Kompetenzen, die für den Beziehungsaufbau zu diesen jugendlichen Zielgruppen notwendig sind.
  • Bislang dominiert eine stark angebotsorientierte Programmplanung in den Einrichtungen, ausgehend von den personellen Kompetenzen in den Häusern, eine Orientierung an den im Haus vorhandenen Nutzergruppen (wogegen ja erst mal nichts zu sagen ist), ein „Ausblenden“ der Nichtnutzer. Es ist wichtig, Platz zu lassen für nachfrageorientierte Angebote (Räume für Subkulturen, Aufnahme neuer Formate: Poetry Slam, Rap, HipHop – locken kulturfernes Publikum)  Die Angebote müssen den unterschiedlichen Interessen und Bildungsvoraussetzungen entsprechen. Max Fuchs: „Wer glaubt, es genüge, ein wohldurchdachtes kulturpädagogisches oder künstlerisches Angebot bereitzustellen, ohne sich darum zu kümmern, dass auch die richtigen Zielgruppen dieses Angebot wahrnehmen können, darf sich nicht wundern, wenn er die anvisierten Zielgruppen nicht erreicht.“ (Fuchs, Max: Kulturelle Teilhabe und kulturelle Bildung. In: Kulturelle Bildung vol.4. TeilHabeNichtse. Chancengerechtigkeit und kulturelle Bildung. Eine Reihe der BKJ bei kopaed., 2008, S. 75) Im Grundsatz ist es zwar möglich, mit den entsprechenden pädagogischen Strategien mit jedem Angebot jede Zielgruppe zu erreichen. (Fuchs ebd.) Aber man kann auch mit niederschwelligen Angeboten beginnen. Insbesondere Spiel- und Zirkuspädagogik haben sich als geeignete Arbeitsformen für einen Einstieg erwiesen, der möglichst kostenfrei gestaltet werden sollte.
  • Es gibt Zugangsschranken im außerschulischen Kulturbereich – z.B. Teilnahmegebühren. Warum ist der Besuch einer offenen Jugendeinrichtung/Jugendklub kostenfrei, der Besuch und die aktive Mitwirkung in einer Jugendkultureinrichtung aber kostet etwas? Fakt ist auch in vielen Einrichtungen, dass  es – im Unterschied zu den Musikschulen – keine Wartelisten gibt. Warum wohl? Gibt es zu viele Einrichtungen und Angebote oder liegen die Gründe woanders?
  • Außerschulische Jugend- und Kultureinrichtungen, Jugendkunstschulen, soziokulturelle Einrichtungen „spielen eine auffallend geringe Rolle als Motivator für bildungs- und sozialbenachteiligte Jugendliche“ (Hübner, Kerstin: Kulturinteresse, Kulturnutzung, kulturelle Aktivität – Ein Verhältnis in Abhängigkeit von Bildungsniveau und Sozialstatus Jugendlicher. In: Kulturelle Bildung vol.4. TeilHabeNichtse. Chancengerechtigkeit und kulturelle Bildung. Eine Reihe der BKJ bei kopaed., 2008, S. 48), auch deshalb sind stärkere Vernetzungen der außerschulischen Einrichtungen der kulturellen Bildung mit Schulen wünschenswert und erforderlich – als dritter Ort  auch in Schulprojekten).
  • 374.000 Schüler gibt es insgesamt in Sachsen, davon besuchen ca. 43.000  eine Musikschule (11,5 %),  ca. 11.500 junge Menschen zwischen 10 und 18 Jahren sind Mitglied der Jugendfeuerwehr, ca. 35 % aller Schüler im schulfähigen Alter (ca. 131.000) sind Mitglieder in Sportvereinen (Sportjugend Sachsen) Wie viele erreichen wir am Nachmittag, außerhalb von Schule, über kulturelle Angebote?
  • Formen der ÖA und Werbung müssen am Klientel ausgerichtet werden: Handynetze, Flyer an Peergroups aus dem Stadtteil, soziale Netzwerke, jugendgemäße Sprache und Gestaltung. Wir brauchen auch mehr männliche Mitarbeiter, um Zugänge für potentielle männliche Nutzergruppen zu erleichtern.
  • Noch nicht überall sind die Öffnungszeiten den Bedürfnissen der Zielgruppen angepasst.
  • Kunstpädagogen und Künstler treffen auf ein neues Klientel, das oft  Verhaltensauffälligkeiten aufweist – sind sie darauf vorbereitet? (Ausschluss aus Kursen oder Projekten, damit sie nicht stören!) Sie brauchen eine neue Konfliktfähigkeit und mehr pädagogisches und didaktisches Grundwissen, müssen die sachlichen und emotionalen Bedürfnisse ihrer Teilnehmer kennen, und kennenlernen wollen und ernst nehmen.
  • Respekt vor den kulturellen Unterschieden und den ästhetischen Codes, vor den unterschiedlichen Lebensthemen ist ein MUSS. Wir müssen die Jugendlichen in ihrem eigenen Symbolgebrauch ernst nehmen und wertschätzend und offen sein. (Bockhorst, Hildegard: Kulturelle Bildung – Schlüssel für Lebenskunst und Teilhabe. Konzeptionelle Grundlagen und Strategien der BKJ. In: Kulturelle Bildung vol.4. TeilHabeNichtse. Chancengerechtigkeit und kulturelle Bildung. Eine Reihe der BKJ bei kopaed., 2008, S. 82) Das Interesse an Unterhaltung, oft geprägt durch andere Seh- und Hörgewohnheiten (Pro 7/RTL-Fernsehgewohnheiten) bei jugendlichen Zielgruppen ist ein Fakt, dem man sich stellen muss.

>> Handlungsfeld Pädagogik

  • Der Fächerkanon kulturelle Bildung muss in allen Bildungseinrichtungen von Kita bis Berufsschule verankert werden, weil hier alle Kinder und Jugendlichen erreicht werden – die Praxis wird dem Bildungsauftrag jedoch nicht gerecht. „Die vorhandenen Defizite in der schulischen kulturellen Bildung sind nicht in den bestehenden Gesetzen, Richtlinien oder Empfehlungen zu suchen. Es besteht vielmehr ein Bewusstseins- wie auch ein Umsetzungsproblem. Das Dilemma liegt in einer Ungleichgewichtung zwischen kognitiven Lernfächern und kulturellen Bildungsfächern.“ (Connemann, Gitta: Chancengerechtigkeit und Integration als kulturpolitische Aufgabe und Strategie? In: Kulturelle Bildung vol.4. TeilHabeNichtse. Chancengerechtigkeit und kulturelle Bildung. Eine Reihe der BKJ bei kopaed., 2008, S. 54)
  • Es müssen die Voraussetzungen weiter entwickelt werden, um frühzeitige Förderung von Sprach- und Lesekompetenz und musischer Bildung zu ermöglichen.
  • Kulturelle Ausbildungsinhalte müssen in alle erzieherischen und pädagogischen Ausbildungsgänge integriert werden, um Erzieher, Lehrer und Sozialpädagogen mit methodischem Rüstzeug auszustatten. „Hierzu sollten an allen FHS Ausbildungsgänge etabliert und die gesamte Bandbreite kultureller Ausdrucksformen als integraler Bestandteil der Erzieheraus- und –Fortbildung festgeschrieben werden.“ (Connemann, ebd., S. 53)
  • Wir brauchen mehr männliche Studierende in den betreffenden Fachrichtungen. Im Wintersemester 2011/2012 waren 84 % der Studierenden aus den Fachbereichen Kunst/Kunstwissenschaften an pädagogischen Hochschulen weiblich. (Vgl. Statistisches Bundesamt (Hg.): Bildung und Kultur. Studierende an Hochschulen – Vorbericht – Wintersemester 2011/12. Fachserie 11 Reihe 4.1, Wiesbaden 2012, S. 72)
  • Wir brauchen langfristige Kooperationen von Kitas und Schulen mit Kultureinrichtungen. Kostenfreie Eintritte in Museen z.B., was ja schon umgesetzt ist. „Der Schulterschluss zwischen Schulen und außerschulischen Trägern kultureller Bildungsangebote ist noch nicht vollzogen, es wird nach wie vor nicht auf Augenhöhe agiert.“ (Connemann, ebd., S.54)
  • Wir brauchen mehr Sensibilität und Fairness: Gleiche Chancen für alle, unabhängig von der Herkunft und dem Vornamen! (Bsp.: Erteilung von Bildungsempfehlungen in Grundschulen nach Vornamen, Johanna ja, Jaqueline nein)
  • Wir brauchen eine positive Pädagogik, die von den Stärken der Kinder und Jugendlichen ausgeht, wie es der Kompetenznachweis Kultur (KNK) im dialogischen Verfahren praktiziert. Kulturelle Bildung ist ein wichtiger Faktor zur Erreichung von Chancengerechtigkeit, sie ist aber kein Allheilmittel. Bildungsbenachteiligung zu verringern, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe! (Hübner, ebd. S. 48) Die Realisierung des kulturpolitischen Leitziels „Kultur für alle“ (Hilmar Hoffmann) ist (noch) nicht in Sicht.

5.   Wenn sich alle einig sind: Warum sind wir noch nicht weiter?

  • Kulturelle Bildung wird noch zu oft als „Mehrwert“ und „Sahnehäubchen“ gedacht, nicht als Teil der grundständigen Bildung.
  • Es fehlt das Bewusstsein für die Querschnittsaufgabe und die Übernahme von Querschnittsverantwortung.
  • Es fehlen die fachübergreifende politische Überzeugung und der Wille, der Finanzen freigibt. Kulturelle Bildung – flächendeckend und mit Qualität – kostet Geld.
  • Förderlogik und Zuständigkeiten verhindern oft ein gemeinsames Agieren (Jugendamt/Kulturamt/Sozialamt/Bildungsagentur)
  • Es fehlen verlässliche Rahmenbedingungen und gemeinsame Konzepte.
  • Die etablierten Schichten sind von dieser Frage nicht betroffen. Sie schicken ihre Kinder in die Musikschule.
  • Sind die Schulen überfordert mit den Kooperationsangeboten außerschulischer kultureller Partner?
  • Haben wir die Eltern als Bildungspartner ausreichend im Blick? Wie erreichen wir sie?
  • Stimmen unsere Angebote, unsere „Ansprachen“ und unsere „Verpackungen“? Sind wir als Anbieter und Akteure im Feld der kulturellen Bildung ausreichend Nutzerorientiert?
  • Es fehlt Geld für Projekte, die nicht nur marginale Teilnehmerzahlen erreichen. Es fehlt der Wille nach wirklicher Veränderung.
  • Es fehlt eine flächendeckende Infrastruktur, vor allem in den ländlichen Regionen. Es fehlt eine ausreichende Finanzausstattung für Bildungsarbeit.
  • Derzeit, und das beweisen Nutzerstatistiken von Kulturangeboten, gibt es weder in Hinblick auf die Generationen, noch in Hinblick auf die sozialen Schichten bei den Nutzern ein auch nur annähernd kongruentes Abbild unserer Gesellschaft.
  • Die Anfang der 70er Jahre mit dem Slogan „Kultur für alle“ (Hilmar Hoffmann) anvisierten Ziele wurden nicht erreicht. Es gibt zwar immer mehr Angebote und Akteure, aber nicht wirklich steigende Nutzerzahlen. Die Hoffnung, das Angebot möge den Konsumenten erreichen bzw. erzeugen, hat sich nicht erfüllt. Die kulturelle Expansion wurde immer vom Angebot, nicht von der Nachfrage gedacht. (Vergleiche: Kulturinfarkt, S. 22, 78, 81 sowie 2. Jugend-Kultur-Barometer)
  • Eine etwas provokante Aussage von Alessandro Baricco, italienischer Schriftsteller und Kulturkritiker: Er empfiehlt, alles Geld in die Schulen und das Fernsehen zu geben, weil man dort/damit die weißen Flecken der Gesellschaft, die berühmten kulturfernen Schichten erreicht. (Vergleiche: Kulturinfarkt, S. 77)

     Sind unsere Ansprüche und Ziele vielleicht zu hoch gesetzt?

  • Kulturelle Bildung ist nicht der Nabel der Welt. „Aus der Sicht der Erziehungswissenschaft ist es zunächst gleichwertig, ob sich Kinder oder Jugendliche für den Fußballverein, den Angelkurs, den Tanzkurs oder die Musikschule entscheiden – wichtig ist, dass sie überhaupt Lernfelder außerhalb des formalen Bildungssystems erobern und gleichzeitig gesellschaftsübergreifend agieren.“ (Göhmann, Lars: Kulturelle Bildung und Grundversorgung. In: „politik & kultur“, 5/2009, S. 35)
  • Prof. Arnulf  Bojanowski, Universität Hannover: Jugendliche brauchen für ein gelingendes Leben vor allem eine Arbeit.
  • Ist es überhaupt eine realistische Zielstellung, alle Kinder und Jugendliche erreichen zu wollen?

6.  Warum dürfen wir als Fachkräfte der Kulturellen Bildung trotz mancher Zweifel
und Widerstände dennoch keinen Schritt hinter unsere Forderungen zurückgehen?

  • Kulturelle Bildung ist ein elementares und lebenslanges Recht jedes Menschen.
  • Wir haben die Aufgabe, möglichst vielen Kindern und Jugendlichen das (Menschen)Recht auf kulturelle Teilhabe zu ermöglichen, auch und vor allem den benachteiligten Zielgruppen, weil sie die Chancen des Einzelnen auf ein positives Lebensgefühl und Selbstverwirklichung  erhöht.
  • Wir haben die Pflicht, Kindern und Jugendlichen in einer immer weiter auseinanderdriftenden Gesellschaft gemeinsame und positive Erlebnisse und Erfolge zu ermöglichen, die sich positiv auf den Habitus der gesellschaftlichen Schichten auswirken können. Türen öffnen, Klassenschranken überwinden, etwas gegen die Spaltung der Gesellschaft tun. (Mädler, TeilHabeNichtse, S.111)
  • Wir müssen die derzeit vorhandenen Ausschlüsse von Bevölkerungsgruppen von Kultur problematisieren und die Erkenntnis vertiefen, dass eine reine Angebotsorientierung ausgrenzt. (Fuchs, TeilHabeNichtse, S. 77, S. 75)
  • Wir müssen jungen Menschen Zugänge ermöglichen, Brücken bauen, Bedürfnisse und Interessen wachkitzeln/wecken, gerade bei benachteiligten Gruppen.
  • Wir müssen versuchen, Segregation und Milieu-Zugehörigkeiten aufzumischen/aufzuheben.
  • Wir können und wollen Freude am Entdecken, Experimentieren und künstlerischem Arbeiten wecken.

Deshalb stehen wir in der Pflicht, uns anwaltlich auf verschiedenen Ebenen für die Bereitstellung der dafür notwendigen Ressourcen einzusetzen, auch wenn wir dadurch Gefahr laufen, als renitent zu gelten. Interessenvertretung für kulturelle Bildung und Bildungsgerechtigkeit ist zu allererst und zu allerletzt eine politische Aufgabe. (Vergleiche: Fuchs, TeilHabeNichtse, S.76)

Verwendete Literatur

  • Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2012): Bildung in Deutschland 2012. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zur kulturellen Bildung im Lebenslauf. Bielefeld: W. Bertelsmann.
  • Bockhorst, Hildegard (2008):

    Kulturelle Bildung - Schlüssel für Lebenskunst und Teilhabe. Konzepti­onelle Grundlagen und Strategien in der BKJ. In: Maedler, Jens (Hrsg.) (2008): TeileHabeNichtse. Chancengerechtigkeit und Kulturelle Bildung (78-101). München: kopaed.

  • Connemann, Gitta (2008): Chancengerechtigkeit und Integration als kulturpolitische Aufgabe und Strategie? In: Maedler, Jens (Hrsg.): TeilHabeNichtse. Chancengerechtigkeit und kulturelle Bildung (50-58). München: kopaed.
  • Fuchs, Max (2008d): Kulturelle Teilhabe und kulturelle Bildung. In: Maedler, Jens (Hrsg.): TeilHabeNichtse. Chancengerechtigkeit und kulturelle Bildung (69-77). München: kopaed.
  • Haselbach, Dieter/Klein, Armin/Knüsel, Pius/Opitz, Stephan (2012): Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. München 2012: Albrecht Knaus Verlag.
  • Hübner, Kerstin (2008): Kulturinteresse, Kulturnutzung, kulturelle Aktivität – Ein Verhältnis in Abhängigkeit von Bildungsniveau und Sozialstatus Jugendlicher. In: Maedler, Jens (Hrsg.): TeilHabeNichtse. Chancengerechtigkeit und kulturelle Bildung (38-49). München:kopaed.
  • Maedler, Jens (Hrsg.) (2008): TeilHabeNichtse. Chancengerechtigkeit und kulturelle Bildung. München: Kopaed.
  • Winkler, Michael (2008): Unterschicht, Kultur und soziale Arbeit. In: Maedler, Jens (Hrsg.): TeilHabeNichtse. Chancengerechtigkeit und kulturelle Bildung (27-37). München: Kopaed.

Anmerkungen

Der Artikel basiert auf einem Vortrag, den die Geschäftsführerin der LKJ Sachen e.V. vor einem Publikum von Jugendpolitiker/innen sowie Fachkräften in der Jugend-, Kultur- und Sozialarbeit im Mai 2012 in Leipzig gehalten hat.

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Christine Range (2014): Überlegungen zur Erreichung bildungsbenachteiligter Zielgruppen. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/artikel/ueberlegungen-zur-erreichung-bildungsbenachteiligter-zielgruppen
(letzter Zugriff am 26.09.2018)

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