Die Lehre ohne Leib oder LeibKörper im Blick

Artikel-Metadaten

von Jutta Krauß

Erscheinungsjahr: 2021

Peer Reviewed

Abstract

In diesem Beitrag findet eine Auseinandersetzung mit Videokonferenzen bzw. Lehrsituationen in Zeiten der körperlichen Abwesenheit statt. Zentral für diese Auseinandersetzung ist ein scheinbarer Mangel, der sich nicht unmittelbar im Titel des Artikels dokumentiert: Die Lehre ohne Leib oder LeibKörper im Blick. Vermisst wird ein LeibKörper in Lehrsituationen, welche im Format von Online-Veranstaltungen stattfinden. Diese werden im Kontext von Leib-Körper-Konzepten und Raumkonzepten reflektiert. Dazu wird eine Sichtweise erprobt, in welcher die Foucault’schen Raumkonzepte Utopie und Heterotopie als Referenzrahmen der Reflexion herangezogen werden. Die nicht vorhandene Ko-Präsenz zwischen Lehrenden und Lernenden in Online-Formaten wird mittels der Raumfigur des Spiegels ausgelotet. Daran schließt sich ein Körperkonzept von Nancy an, welches den Körper im Kontext von Betrachtungen im Spiegel erfasst. Die Durchkreuzung von Foucaults mit Nancys Spiegelkonzept ermöglicht eine begriffliche Erfassung einer Lehre ohne Leib. Wirkweisen im Kontext von Bildung und Kultureller Bildung lassen sich daran anschließen.

„Was wir aus welcher Perspektive ansehen und in welcher Beziehung wir mit dem Angesehenen stehen, beeinflusst, welches Bild wir uns von etwas machen und welche Sichtweise daraus entsteht: [...]“ (Stapf 2019:83, Herv.i.O.).

Im Kontext der derzeitigen gesellschaftlichen Situation, welche von der Corona-Pandemie bestimmt wird, möchte ich über Videokonferenzen im Sinne einer ‚Lehre ohne Leib’ oder eines ‚LeibKörpers im Blick’ nachdenken. Dazu möchte ich eine Sichtweise erproben, in welcher der virtuelle Raum im Kontext der Foucault’schen Raumkonzepte Utopie und Heterotopie gedacht wird. Dieses Raumkonzept wird mit einem Verständnis von Körper im Anschluss an Jean-Luc Nancy durchkreuzt. Dieser Text ist als eine Reaktion auf einen scheinbaren Mangel hin zu verstehen, nämlich dem zu wenig an Leiblichkeit in der Lehre. Mit der Parallelführung von Michel Foucaults und Nancys Konzepten wird keine detaillierte Antwort auf einen Mangel im Sinne einer tieferen Ergründung gegeben, sondern eher ein fragmentarischer Gedankengang wiedergegeben. Im Folgenden wird der Begriff LeibKörper verwendet. Dies geschieht in Anlehnung an den von Beatrice Müller und Lea Spahn herausgegebenen Sammelband Den LeibKörper erforschen (2020).

Zentral für diese Betrachtung ist die akademische Lehrsituation, die üblicherweise in einem Seminarraum oder Hörsaal stattfindet und sich nun im virtuellen Raum vollzieht. Dazu möchte ich den LeibKörper in Räumen der Lehre erinnern und Blicke auf diesen nachzeichnen, um vielschichtige Veränderungen bei Videokonferenzen anzudeuten und punktuell aufzugreifen. Ausgehend von dem Lehrszenarium der westlichen Welt, das geprägt ist von einer dozierenden Person am Pult und den Anwesenden im Auditorium, kann wie bei einer Performance von einer „leiblichen Ko-Präsenz“ (Fischer-Lichte 2004:47) von Redner*in und Zuhörer*in ausgegangen werden. Der Rahmen solcher Veranstaltungen wird durch sich durchquerende Konstellationen geprägt: Die Schritte und Blickrichtungen der Redner*in durch den Raum und die Blicke und Bewegungen der sitzenden Zuhörer*innen, welche sich kreuzen. Die Spannung zwischen Leib und Körper sowie zwischen sogenannten realen und virtuellen Raumkonzepten wirft Fragen bezüglich unserer Vorstellungen von LeibKörpern in Räumen auf. Ausgehend von einem Verständnis von LeibKörper, in dem der Körper „nicht nur als Objekt von gesellschaftlichen Einschreibungen“ (Müller/Spahn 2020:8) verstanden wird, sondern als Erkenntnismöglichkeit, so dass dann der „Leib in seiner Subjekthaftigkeit und Lebendigkeit“ (ebd.) gesehen werden kann und dem Raumkonzept Spiegel, welches auf einer Analogiebildung zwischen dem Bildschirm und dem Spiegel gründet, findet der folgende Gedankengang statt.

Orte zwischen Präsenz und Re-Präsentation

Das Verständnis von Raum hat eine Geschichte, welche ich nicht nachzeichnen werde, sondern vielmehr gleich auf ein Verständnis im Sinne von Foucault eingehen möchte und zwar, dass das Leben und der Raum von Entgegensetzungen geleitet ist: „Entgegensetzungen, die wir als Gegebenheiten akzeptieren: z.B. zwischen dem privaten Raum und dem öffentlichen Raum, zwischen dem Raum der Familie und dem gesellschaftlichen Raum, zwischen dem kulturellen Raum und dem nützlichen Raum, zwischen dem Raum der Freizeit und dem Raum der Arbeit“ (Foucault 2001:24).

Heutzutage scheinen diese Räume in eine Wechselwirkung miteinander zu treten. Oftmals werden private Räume zu öffentlichen Räumen, wenn die Lehre von zu Hause ausgebracht und entgegen genommen wird. Die LeibKörper, die sich in Relation zu diesen Räumen befinden, zeichnen sich dann durch ihr privates und individuelles Raumkonzept in einem virtuell erzeugten gesellschaftlichen Gebäude aus. Und unterschiedliche kulturelle und wissenschaftliche Spuren durchziehen Räume der Nützlichkeit, wenn beispielsweise kulturspezifische Phänomene in Küchen kartographiert werden. Finden in einem architektonischen Raum im gleichen Moment die Lehre und das Leben statt, zeigt sich, wie an einem Ort gleichzeitig mehrere Räume erzeugt werden. Diese Räume, die gemeinhin alle mit Qualitäten, Phantasmen und Wahrnehmungsweisen aufgeladen sind (Foucault 2001:24), gleichen dann einem „heterogene[n] Raum“ (2001:25), einer „Gemengelage von Beziehungen“ (ebd.) und zu definierenden Platzierungen (ebd.).

Der während einer Videoveranstaltung erzeugte virtuelle Raum besteht aus architektonisch errichteten Räumen, welche zu Hintergrundbildern werden oder von einem virtuellen Hintergrund überlagert werden. Aufgeladen mit unterschiedlichen Qualitäten treten dann diese miteinander in eine Beziehung. Die Teilnehmer*innen werden verwaltet und die Bildschirme werden geteilt. Dabei erscheinen – je nachdem ob die Kamera ein- oder ausgeschaltet ist – die Teilnehmer*innen reduziert auf bewegte Portraits in Kachelfeldern mit oder ohne akustische Signale. Welche Räume werden erzeugt und welche Raumteilungen werden vorgenommen? Folgt man Foucaults Gedankengang zu „Andere Räume“ (2001:20), wenn er vom „Raum des Außen“ (2001:25) spricht, es zwar möglich ist, die Beziehungen und Platzierungen zu beschreiben, wie er dies am Beispiel von Straßen, Zügen, Cafés, Kinos, Stränden tut, um provisorische Halteplätze oder Ruheplätze zu definieren (ebd.), erscheint es dennoch für ihn interessanter, „Räume, die mit allen anderen in Verbindung stehen und dennoch allen anderen Platzierungen widersprechen“ (2001:26), zu reflektieren. Diesen Räumen ordnet Foucault zwei Typen zu: Die Utopien und die Heterotopien. Utopien kennzeichnet, dass es „Platzierungen ohne wirklichen Ort“ (ebd.) sind. Diese sind im Wesentlichen unwirkliche Räume (ebd.). Heterotopien sind „tatsächlich realisierte Utopien“ (Foucault 2001:26) und „wirkliche Orte“ (ebd.), „in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden“ (ebd.). Also Orte zwischen Re-Präsentation, Reflexion und Widerständigkeit.

Dem Spiegel kommt die Funktion zu, „eine Art Misch- oder Mittelerfahrung“ (Foucault 2001:27) zu sein: Zwischen Utopie und Heterotopie. Vergleicht man nun die Bildschirmfläche während einer Videokonferenz mit dem Denkmodell des Spiegels, so erweist sich die Bildschirmfläche und der darauf erzeugte Raum als ein Dazwischen, zwischen Utopie und Heterotopie. Als Utopie ist der Spiegel „ein Ort ohne Ort“ (ebd.), so dass im übertragenen Sinn der Bildschirm als kein wirklicher Ort bestimmt werden kann. Wie in einem Spiegel ist es möglich, sich in einer Kachel des Browserfensters zu sehen. Man sieht sich dort, wo man nicht ist: „Im Spiegel sehe ich mich da, wo ich nicht bin: in einem unwirklichen Raum, der sich virtuell hinter der Oberfläche auftut“ (ebd.).

Der Spiegel und die Bildschirmoberfläche als Utopie gelesen bedeutet dann, dass es sich um einen unwirklichen Ort handelt, an dem man selbst nur „eine Art Schatten“ (ebd.) ist und man sich trotz seiner Abwesenheit erblicken kann (ebd.). Betrachtet man den Spiegel und die Bildschirmoberfläche als eine Heterotopie, also als eine realisierte Utopie mit einem wirklichen und wirksamen Ort (Foucault 2001:26), so verweist dieser Ort auf einen wirklichen Platz „wo ich bin, da ich mich dort sehe“ (2001:27). Der Spiegel ermöglicht dann, den Blick auf sich selbst zu richten und sich mit dem Umraum zu verbinden (ebd.). Die Videokonferenz zwischen Utopie und Heterotopie gelesen, kann somit als ein Platz betrachtet werden, der gleichzeitig ganz wirklich und ganz unwirklich ist. Wirklich, aufgrund des Verbindens mit dem Umraum und unwirklich, aufgrund des Ortlosens. Wirklich, aufgrund der eigenen Sichtbarkeit und unwirklich, aufgrund des schattenartigen Daseins.

Die Bedeutung von Foucaults Raumkonzept zwischen Utopie und Heterotopie liegt in dem Konnex von gleichzeitiger und sich nicht ausschließender An- und Abwesenheit. Damit wird meines Erachtens eine LeibKörper-Raum-Relation gedacht, die sowohl eine Ausdehnung als auch eine Kontraktion des Selbst erlauben. Das bedeutet, dass sich gleichzeitig die Prozesse der körperlich bedingten Raumnahme und der durch den Raum bedingten Körperlosigkeit vollziehen. Damit geht die Vorstellung von Räumen einher, sie seien durch Körperlichkeit hervorgebracht, in dem Sinne, dass sie Anteilnahme und Rückzug gewähren. Und auch in dem Sinne, dass die Körper an Konturen gewinnen und zur bloßen Rahmung eines Umrisses werden. Indem der Spiegel ein Ort ohne Ort ist, verweist dies darauf, wo ich nicht bin und indem der Spiegel ein wirklicher Platz ist, ermöglicht dieser, zu sein und sich mit dem Umraum zu verbinden. Das Raummodell des Spiegels - zwischen Utopie und Heterotopie - impliziert somit ein LeibKörperkonzept zwischen Ab- und Anwesenheit.

Blicke auf Körper im Spiegel

Dieser Denkfigur, zwischen körperlicher Raumnahme und durch den Raum erzeugter Körperlosigkeit oszillierend, möchte ich eine weitere Betrachtungsweise zur Seite stellen. Mit „Körper im Blick“ (Nancy 2019:41) eröffnet Nancy ein Verständnis vom LeibKörper, das eine Analogiebildung mit dem Spiegel ermöglicht. Nancy legt in seinem Werk Körper (2019) „Splitter, Fragmente und flüchtige Ansichten“ (2019:13) zum Konzept Körper dar, aus welchem ich Betrachtungen des LeibKörpers in der Malerei aufgreife, um die Relation LeibKörper und Spiegel darzulegen: „Der Spiegel, die Widerspiegelung ist mitnichten ein Ersatz für diese Figuration oder ‚Imagination’ durch die anderen Blicke, denn der Spiegel zeigt mich nur so, wie ich mich mir selbst zeige, das heißt nicht nur räumlich spiegelverkehrt, sondern auch von mir entfernt und mir wieder zugewandt, was genau die unmögliche Bedingung des Körpers ist“ (Nancy 2019:44).

„Dass wir unser Bild zu präsentieren wissen“ (Nancy 2019:41), macht den Körper aus: Nämlich, dass wir Gefühle und Gedanken offenbaren, wir uns mit dem Körper ausdrücken, wir uns mit dem Körper präsentieren und mit ihm unsere Existenz manifestieren als auch mit anderen in Kontakt treten (ebd.). Dies verweist auf unsere Bezüglichkeit zur Welt. Körper zusammen mit anderen Körpern zu denken, betrachtet Nancy als elementaren Aspekt von Körpern. Aus der Unterscheidung von anderen geht die Dis-Position hervor, die nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit der Zeit verbunden ist und Positionen bestimmt (Nancy 2019:14). Die Dis-Position ist als ein Akt zu verstehen, in dem die Körper zueinander angeordnet werden. Dabei bestimmt die Dis-Position sowohl die Ausdehnung als auch den Ausdruck des Körpers (2019:16). Während Videokonferenzen oszilliert oftmals der eigene Blick zwischen dem eigenen Betrachten und dem Blick auf die Anderen. Dabei sind die Teilnehmer*innen in Kacheln platziert, welche durch die Bildschirmansicht erzeugt werden. Sie markieren Platzierungen im virtuellen Raum und legen die Bildausschnitte der Körper fest. Wir sehen, wo die Kontur der Körper beginnt und endet. Die Idee, dass „es niemals einen Körper ohne andere Körper“ (Nancy 2019:14) gibt und dass die „Dis-position [...] die Bedingung selbst der Körper“ (2019:15) ist, ermöglicht auf der Oberfläche des Bildschirmes, welche im Kontext eines Spiegel-Modells betrachtet wird, nur Widerspiegelungen und keine Imagination durch den Blick der Anderen, so dass der „Spiegel [...] eine Art Enthäuteten, lebendig umgestülpt und sogleich verloren – toter als tot: verglast in der dünnen, konsistenzlosen Dichte der Spiegelung“ (Nancy 2019:44) zeigt.

Durchkreuzungen

Durchkreuzt man Foucaults mit Nancys Spiegelmodell, kann damit eine Sichtweise dargelegt werden, welche meines Erachtens die spezifische Situation einer Lehre ohne Leib und eines LeibKörpers im Blick, im Kontext einer digital ausgebrachten Lehre, fasst. Der Blick in den Spiegel – oder im übertragenen Sinne auf den Bildschirm – bedeutet dann, dass gleichzeitig wirkliche und unwirkliche Orte erzeugt werden sowie LeibKörper anwesend und abwesend sind, indem sie sich ausdehnen und zusammenziehen, indem ihre Konturen klar konturiert werden und zerfließen, sich ausdrücken und ausdruckslos werden. Dabei wird bei der hier verhandelten Lehre ohne Leib und dem Blick auf LeibKörper im Spiegel ein Raum erzeugt, welcher zwischen Heterotopie und Utopie, zwischen fruchtbarer Produktivität und Ödnis, zwischen Raumnahme und Zurücknahme des Raumes sowie zwischen dem Blick auf andere Körper und der Selbstbetrachtung oszilliert. Um uns zu verorten und nicht verloren zu gehen, sollen die ästhetischen Erfahrungen während einer Lehre ohne leibliche Anwesenheit im Folgenden reflektiert werden. Dies geschieht, indem eine Parallelführung zwischen Lehre und Performance unternommen wird.

Interface: LeibKörper zwischen Abwesenheit und Anwesenheit

Der scheinbare Mangel an zu wenig Leiblichkeit in der Lehre, welcher hier als Ausgangspunkt des Gedankengangs angenommen wurde, soll einer Parallelführung mit Aussagen zu postdigitalen Kunstpraktiken unterzogen werden, mit der Idee, die Paradoxien von gleichzeitig abwesenden und anwesenden LeibKörpern in der Lehre als Aufforderung zu verstehen, Denkweisen zu und über künstlerische Praktiken für die Lehre zu nutzen. Das Verhältnis von LeibKörpern zu Raumkonzepten, zu Anderen und zu digitalen Medien, welches mit den Raumkonzepten Foucaults und den Körperkonzepten Nancys ausgelotet wurde, verweist sowohl auf das Vorhandensein als auch auf die Abwesenheit des LeibKörpers in der digitalen Lehre. Liest man den Blick in den Spiegel beziehungsweise auf die Bildschirmfläche als eine Erzeugung eines wirklichen als auch eines unwirklichen Raumes und als eine Herstellung eines widergespiegelten, selbst dargestellten, sich selbst zugewandten und sich selbst entfremdeten LeibKörpers, so kann nicht mehr von einer „leiblichen Ko-Präsenz“ (Fischer-Lichte 2004:47) gesprochen werden. Argumentiert man im Anschluss an Nancy, dass Körper nur mit anderen Körpern gedacht werden können (2019:14-15), so würde die Lehre ohne Leib eine körperlose bleiben.

Die Suche nach einer Möglichkeit, wie während der digitalen Lehre Körper den anderen Körpern ausgesetzt werden können, führt zu Kerstin Hallmanns Überlegungen „wie in den Künsten die Verschränkung von körperlicher Involviertheit und medialer Distanzierung, von leiblicher Teilhabe und kognitiver Reflexion zum Ausgangspunkt von Bildungsprozessen werden kann“ (2021:2). Wird der „Körper als Bezugsdimension“ (Hallmann 2021:3) und wird der „Körper als Bedingung“ (2021:4) für Bildungssituationen und Performances betrachtet, so zielt diese Prämisse auf ein Verständnis von LeibKörpern als Ort von ästhetischen Erfahrungen und Reflexionen. Die folgende Parallelführung zu Kunstpraktiken im Sinne Hallmanns ermöglicht, die digitale Lehre – gerade im Kontext von Kultureller Bildung – mit postdigitalen Kunstpraktiken in ein Verhältnis zu setzen, um sowohl die Lehre als auch die Kunst als Praktiken zu begreifen, „die sich in situativen und interaktiven Kontexten als Prozess kultureller Reflexion und Produktion ereigne[n]“ (Hallmann 2021:3). Hallmann fragt „nach der Bedeutung des Körpers resp. Leibes als Bedingung für Wahrnehmungs- und Erfahrungsprozesse in der Kulturellen Bildung“ (2021:1). Um körperliche Vollzüge im Kontext einer kulturellen Bildungsforschung betrachten zu können, fokussiert sie die Dimension des Ästhetischen daraufhin, „wie der Köper in künstlerischen Praxen adressiert und involviert werden kann“ (Hallmann 2019:4). Am Beispiel der Videoperformance „Moving Images“ (2015) von Christian Falsnaes beschreibt Hallmann, wie die Besucher*innen Handlungsanweisungen erhalten, um selbst zu Akteur*innen zu werden. In „Moving Images“, folgt man Hallmanns Beschreibung, wird ein Zusammenspiel von medial repräsentierten und körperlich präsenten Körpern choreographiert, so dass sich die künstlerische Arbeit als ein „Oszillieren zwischen Produktions- und Rezeptionsästhetik, zwischen Repräsentation und Präsenz, zwischen Aneignung und Befremden, zwischen Verstehen und Erfahren“ (Hallmann 2021:6) analysieren lässt. Daraus lässt sich folgern, dass wenn Teilnehmer*innen direkt angesprochen werden und wenn sie aufgefordert werden, sich zu bewegen, dies als Möglichkeit gegen das Verschwinden des Körpers, betrachtet werden kann. Mittels einer interaktiven Performancearbeit weist Hallmann nach, wie medialisierte Körper künstlerisch als auch bildungstheoretisch an Bedeutung gewinnen, indem „Körper nach wie vor unsere Bedingung dafür, wie wir unser leibliches ‚In-der-Welt-Sein’ realisieren und wie die äußeren Dinge und medialen Substrate eine Bedeutung für uns annehmen“ (2021:8) sind.

Zu fragen bleibt: Wie können LeibKörper Teil der Situation werden? Wie können aktiv-passive Momente in der digitalen Lehre im Kontext der Kulturellen Bildung kreiert werden? Wie kann die Bildschirmfläche als eine Oberfläche, als ein ortloser Ort ein Dazwischen schaffen? Damit die Lehre nicht ohne Leib und der LeibKörper im Blick bleibt, müssen Möglichkeiten eines performativen Agierens gefunden werden, um den LeibKörper in seinem Vollzug an Prozessen der Reflexion, Produktion, Wahrnehmung und Erfahrung teilhaben zulassen. Von daher bleibt weiterhin zu fragen, welche Räume und LeibKörper wir in einer digital ausgetragenen Lehre erzeugen wollen, mit dem Ziel, dass sich Körper mit Ausdruck in Räumen ausdehnen.

Verwendete Literatur

  • Fischer-Lichte, Erika (2004): Ästhetik des Performativen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Foucault, Michel (2001): Short Cuts. Frankfurt am Main: Zweitausendeins.
  • Hallmann, Kerstin (2021/2020): Zur responsiven Leiblichkeit in Kunst und Bildung. Perspektiven für eine phänomenologisch orientierte Kulturelle Bildungsforschung. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/zur-responsiven-leiblichkeit-kunst-bildung-perspektiven-phaenomenologisch-orientierte (letzter Zugriff  am 12.05.2021).
  • Müller, Beatrice/Spahn, Lea (2020) (Hrsg.): Den LeibKörper erforschen. Phänomenologische, geschlechter- und bildungstheoretische Perspektiven auf die Verletzlichkeit des Seins. Bielefeld: transcript.
  • Nancy, Jean-Luc (2019): Körper. Wien: Passagen Verlag.
  • Stapf, Ingrid (2019): Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit im Netz. Eine medienethische Annäherung. In: Bienert, Maren/Fuchs, Monika E. (Hrsg.): Ästhetik – Körper – Leiblichkeit. Aktuelle Debatten in bildungsbezogener Absicht (63-88). Stuttgart: Kohlhammer.

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Jutta Krauß (2021): Die Lehre ohne Leib oder LeibKörper im Blick . In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/artikel/lehre-ohne-leib-oder-leibkoerper-blick
(letzter Zugriff am 09.06.2021).

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