Chancen für junge Menschen: Kulturelle Bildung zwischen Schule und Verein, Daheim und Welt

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von Brigitte Schorn , Birgit Wolf

Erscheinungsjahr: 2018

Abstract

Ländliche Räume stehen aktuell im Fokus. Doch: Wie steht es um die Jugendkulturarbeit in ländlichen Regionen? Welche Potenziale bieten ländliche Räume und welche nutzen junge Menschen zwischen Tradition und Erneuerung? Welchen Stellenwert hat die Jugendkulturarbeit in Jugendverbänden und Jugendämtern? Welche Rahmenbedingungen tragen zum Gelingen kultureller (Bildungs)Angebote in ländlichen Räumen bei? Welche Rolle könnte Schule als Lern-, Lebens- und Kulturort zukünftig einnehmen? Dieser Beitrag versucht Antworten auf diese Fragen zu bieten und zeigt anhand von Beispielen Lösungsansätze auf. Gefordert wird zugleich ein vehementes Umdenken seitens der Förderprogrammverantwortlichen und seitens der Jugendkulturarbeit. Denn reale Kriterien sowie vitale Ideen brauchen die ländlichen Räume.

Vielfalt und Themen ländlicher Räume

Das föderale Deutschland hat auf Grund der Kleinstaaten, deren Herrscher bis 1918 in ihren Residenzstädten ein außerordentliches Kunst- und Kulturleben zelebrierten, das bis heute bewahrt und gefördert wird, eine „insgesamt hohe Bevölkerungsdichte, ein engmaschiges Infrastrukturnetz“ (Bundesstiftung Baukultur 2017:6) sowie einen großen kulturellen Reichtum. „Etwa zwei Drittel der Bevölkerung“ (ebd.) lebt in Mittel- und Kleinstädten sowie in ländlichen Räumen auf 93% der bundesdeutschen Gesamtfläche.

Typus

Einwohner*innen-Größe

Bevölkerung Deutschlands

Fläche Deutschlands

Anzahl insgesamt

Landgemeinde

bis zu 5 000

7 %

25 %

3 803

Kleinsadt

bis zu 20 000

etwa 33 %

57 %

6 756

Mittelstadt

bis zu 100 000

etwa 20 %

12 %

618

(Bundesstiftung Baukultur 2017:20f)

„11.000 von knapp 11.300 deutschen Kommunen haben eine Einwohner*innen-Zahl bis zu 50.000 Einwohner*innen“ (Bundesstiftung Baukultur 2017:18f). Diese 11.000 Kommunen zeigen ein sehr heterogenes Bild: Sie sind dicht oder dünn besiedelt, nah an einem Ballungsgebiet oder peripher gelegen, finanziell gut oder schlecht gestellt, wirtschaftlich boomend oder von Arbeitslosigkeit gezeichnet, vital oder trostlos, wachsend oder schrumpfend, Bischofs-, Hanse- oder Ackerbürgerstadt gewesen, touristisch attraktiv oder gänzlich unbekannt. Diese Vielfalt lässt sich nicht in ein Bild fassen, weshalb ländlicher Raum nicht gleich ländlicher Raum ist.

Dennoch: Eine Vielzahl der Landgemeinden und Kleinstädte verzeichnet(e) einen steten Bevölkerungsrückgang. Dabei gilt: Je kleiner der Ort und desto peripherer die Lage, umso größer ist das Ausmaß. In Hinsicht auf die Lebensqualität setzt eine Negativschleife ein: Schließung von Betrieben und Gewerbe, von Krankenhäusern, Schulen und Kitas, Ausdünnung der Einkaufs-, Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten. Junge Leute ziehen weg, die Alten bleiben: Der demografische Wandel wirkt.

Kulturelle Bildung mit Kindern und Jugendlichen in ländlichen Räumen

Trotz der Verschiedenheit ländlicher Räume ist Kulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche prinzipiell mit den gleichen Rahmenbedingungen konfrontiert: Die Abwanderung der gut qualifizierten jungen Menschen und die Alterung der Bevölkerung bringt die Kommunen an Grenzen der finanziellen Belastbarkeit. Die sozialen Ausgaben steigen und die Einnahmen schrumpfen. Vordringliches Augenmerk der Politik gilt den Problemen der eingeschränkten Mobilität, der mangelhaften medizinischen Versorgung oder dem zu langsamen Breitbandausbau. Die Jugendlichen vor Ort geraten schnell aus dem Blick. „Die Jugendarbeit im ländlichen Raum gerät gegenwärtig auf Grund gesellschaftlicher Entwicklungen zunehmend unter Druck: Der demografische Wandel und der Umbau des Bildungswesens zu Ganztagsschulen sowie der Ausbau von Kindertagesstätten verändern besonders in strukturschwachen und dünn besiedelten Landregionen den Stellenwert der Kinder- und Jugendarbeit. Diese wird hier vielfach zu einem marginalen Bestandteil der sozialen Infrastruktur einer Kommune, dem häufig nur noch eine ordnungspolitische Funktion im Gemeinwesen zugewiesen wird“ (Faulde 2014:210). Die Studie Jugend im Blick – Regionale Bewältigung demografischer Entwicklungen des Deutschen Jugendinstituts bestätigt diese Einschätzung: „Durch die angespannte Haushaltslage der Untersuchungsregionen (je ein Landkreis in Bayern, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen), würde in den Landkreisen akuten Pflichtaufgaben eine bedeutend höhere Priorität zugewiesen, als der deutlich unterfinanzierten Aufgabe der Jugendarbeit“ (Deutsches Jugendinstitut 2016:27). Entsprechend fehle es auch an kulturellen Angeboten für junge Menschen (vgl.: Deutsches Jugendinstitut 2016:31).

Die Möglichkeiten, sich aktiv einzubringen in die Gestaltung der Zukunft ländlicher Räume, sind für Jugendliche begrenzt. Für die Umsetzung ihrer Ideen und Interessen brauchen sie – in der Stadt ebenso wie auf dem Land - jugendgemäße Räume, Anlässe, Verbündete, Strukturen, Mobilität und (hauptamtliche) Unterstützer*innen. Diese Faktoren sind auf dem Land jedoch Mangelware, wenn gleich auf den ersten Blick vielleicht ein anderer Eindruck entsteht.

Ehrenamt im Dazwischen: Traditionen wahren und Neues wagen

Jugend(kultur)arbeit auf dem Land hat viele Gesichter: Heimatvereine und Jugendverbände, Freiwillige Feuerwehr, Schützenverein, Posaunenchor, Kirchengemeinden mit ihren Jugendgruppen. Und viele Jugendliche nutzen diese Angebote. Jugendliche auf dem Land sind häufiger Mitglieder in ebendiesen Vereinen, Jugendverbänden oder einer politischen Partei als Jugendliche, die in der Stadt aufwachsen (vgl. Mücke-Hansen, 2001:279). Zwei Drittel aller Jugendlichen gehören einer oder sogar mehreren organisierten Gruppen an und engagieren sich im Technischen Hilfswerk, der Freiwilligen Feuerwehr oder in kirchlichen Verbänden (vgl. Wetzstein 2005:141). Landjugendliche zeigen einen besonderen Bezug zum Gemeinwesen. „Eine häufig übersehene Facette jugendlicher Lebenswelten stellt die Mitwirkung an traditionellen Festen und ländlichem Brauchtum dar. Wenn sich die gängige Jugendforschung primär auf die Beschreibung und Interpretation urbaner und globaler Phänomene der Jugendkultur konzentriert, hat es in ländlichen Räumen schon immer viele traditionelle Bräuche und Rituale gegeben, die einerseits zum festen Bestandteil jugendlicher Freizeitgestaltung gehören und andererseits auch ein konstitutives Element der jeweiligen Dorfkultur bilden“ (Faulde 2007:20). Sie tragen in einem hohen Maße zur Integration, zur Verwurzelung im Dorf und in der Kleinstadt bei.

Die Weitergabe der spezifischen Traditionen als Teil der Breitenkultur und des Brauchtums vor Ort, diese (Vermittlungs)Arbeit, fußt allerdings weitgehend auf ehrenamtlichem Engagement (vgl. Matthias Laurisch: Klingen abseits der urbanen Zentren). Breitenkultur ist lokal verortet und traditionsverbunden. „Breitenkulturelle Betätigung und Kulturelle Bildung waren und sind auf dem Land selbstverständlich unentgeltlich, die Initiator*innen und Kulturvermittler*innen nur selten bezahlt. Breitenkultur ist Ehrensache“ (Kegler 2017:273). Ist das Ehrenamt die Crux? Kultur, insbesondere die Breitenkultur, fordert keine Debatten ums Geld in den Haushaltsverhandlungen der Gemeinde, des Kreistages, des Landes ein. Der Gesangsverein, der Heimat- und Kulturverein, der Schützen- und Karnevalsverein zählen seit Generationen zum Gemeinschaftsleben im Dorf. Solange diese ehrenamtlichen, unentgeltlichen Strukturen das Gemeinwesen tragen und somit teilweise Pflichtaufgaben erfüllen, besteht seitens der Kommunen kein Bedarf Verantwortung zu übernehmen.

Ein Manko ist zudem oft zu hören: Die fehlende Wertschätzung und Anerkennung der ehrenamtlichen Arbeit seitens der Verantwortlichen sowohl der Gemeinde, des Landkreises, Landes und Bundes als auch der Fachverbände. Die hauptamtliche Fachwelt verwehrt den ehrenamtlichen „Kolleg*innen“ die Augenhöhe.

Hauptamt: Zwischen Teilzeit und weiten Wegen

Hauptamtlich unbefristete Stellen in den Strukturen der Jugendarbeit und der Kulturellen Bildung sind in ländlichen Räumen, also auf kommunaler Ebene, selten geworden. Dort, wo es fest angestellte Mitarbeiter*innen der Jugendarbeit gibt, besetzen sie häufig Teilzeitstellen. Diese Situation hat zur Folge, dass attraktive kulturelle Angebote in den Bereichen Tanz, Theater, Musik oder Bildender Kunst, Medien und Literatur nur punktuell und spärlich stattfinden. Meist sind es einmalige Projekte, in denen Jugendliche ihre Potenziale entdecken und Anerkennung erhalten. Enttäuscht sehen sie anschließend, dass es für eine kontinuierliche künstlerisch-kulturelle Entfaltung ihrer Potenziale in ihrem Umfeld keine Möglichkeiten gibt.

Und für Organisator*innen bedeuten diese Projekte einen erheblichen (Mehr)Aufwand: Kooperationen mit Künstler*innen oder Kultureinrichtungen aufbauen, lange Wege zurücklegen, komplizierte Abrechnungen erledigen. Anträge an bestehende Förderprogramme scheitern an Zeit, Know-how oder Bagatellgrenzen. Sie sind für die Bedingungen der ländlichen Räume schlichtweg nicht zugeschnitten.

Weiße Flecken der Kulturellen Bildung

Warum gibt es so viele „weiße Flecken“ auf den Karten der (Kulturellen) Fachverbände, der Landratsämter und Kulturministerien? Anträge aus ländlichen Räumen bei landes-, bundes- oder gar europaweiten Programmen und Wettbewerben der Kulturellen Bildung sind rar. So kommen durchschnittlich 80% aller Anträge an den Fonds Soziokultur aus Städten über 100.000 Einwohnern (vgl. Fonds Soziokultur 2018). Im Bundesprogramm Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung des BMBF sind Anträge aus den ländlichen Regionen ebenfalls unterrepräsentiert (Prognos 2015:5). Anders gesehen: Der nordhessische Landkreis Waldeck-Frankenberg war 2017 „bei bundesweit erfolgreichen Projekten wie Kultur macht stark und dem Freiwilligendienst in Kultur und Bildung oder hessenweiten Initiativen wie den KulturSchulen Hessen des Hessischen Kultusministeriums oder FLUX – Artists in Residence - Künstlerische Residenzen im ländlichen Raum nicht vertreten. Vergebens sucht man eine Jugendkunstschule oder ein soziokulturelles Zentrum in diesem Landkreis“ (Wolf 2017:5).

Sind die Antragsformalitäten auf die Bedürfnisse des Ehrenamts zugeschnitten? Erfahren die Akteure von den Programmen? Haben sie die personellen, fachlichen, räumlichen, finanziellen Ressourcen, um sich an den Programmen zu beteiligen? Oder: Werden die weiten Wege für die geforderten Kooperationen auch adäquat – Entfernungen und Zeit – finanziert? Können selbstständige Kulturschaffende einen Antrag stellen? Gibt es ein vereinfachtes Förderverfahren, um Hemmschwellen zu verringern? Stellen Kommunen oder Landkreis Kulturmanager*innen ein, die beraten, vernetzen und qualifizieren? Das Deutsche Jugendinstitut beschreibt die Situation aus Sicht der (jugend)politischen Akteure: „Die mangelnde Regelfinanzierung werde dann mitunter über die Einwerbung von Fördergeldern und die Generierung von Bundesmodellprojekten zu kompensieren versucht. Jedoch […] würden durch den hohen bürokratischen Aufwand in Abrechnungsfragen Arbeitskapazitäten der Fachkräfte gebunden. Kaum würde es zudem gelingen, die zunächst sehr positiven Impulse, die innerhalb von Programmen entstehen, kontinuierlich und nachhaltig zu verankern…“ (Deutsches Jugendinstitut 2016:28).

Oder: Ist es der städtische Blick der Programmmacher*innen, die die Kriterien setzen, und der Entscheider*innen, die über die Förderung beschließen? So waren z.B. unter den zehn nominierten Projekten des BKM-Preises Kulturelle Bildung 2018 zwei Projekte für ländliche Regionen in Brandenburg und Sachsen, jedoch keines, das im ländlichen Raum seinen Ursprung hatte.

Programme und (Modell)Projekte der Kulturellen Bildung werden zumeist von Expert*innen konzipiert, die in urbanen Räumen leben. Stil und Logik der Konzepte ebenso wie die Texte aller Informationen werden vor diesem Hintergrund gedacht und formuliert. Verständnis, Werte, Arbeitsweisen und -strukturen seitens der breitenkulturellen Akteure sind andere. Die Vereine der Breitenkultur wirken seit Jahrzehnten kontinuierlich, ehrenamtlich und mit einem vorwiegend traditionellen Repertoire. Sowohl die künstlerische Leitung als auch Vereinsarbeit und -management übernehmen Laien. „Aktionismus“, wie er sich oft innerhalb der Modellprojekte zeigt, passt nicht in ihre Arbeitsweise. Um in traditionellen Strukturen Neues wie Kooperationen innerhalb wie außerhalb der Gemeinde oder die Ansprache neuer Zielgruppen zu wagen, braucht es Zeit. Diese Zeit ist in den meisten (Modell-)Projekten jedoch nicht gegeben. „Expertinnen und Experten äußerten in diesem Zusammenhang vor allem den Wunsch nach neuen Konzepten, die den Tagesabläufen der Jugendlichen gerecht werden und die Jugendlichen in ihrem Sozialraum aufsuchen können. Jedoch würden kaum Fachdebatten über Jugendarbeit im ländlichen Raum geführt. Diese seien zumeist auf die Bedingungen des städtischen Raums ausgerichtet. Daher gebe es wenige Impulse, die für die Jugendarbeit des ländlichen Raums fruchtbar seien“ (Deutsches Jugendinstitut 2016:28).

Gefordert wird von den Akteuren das, was zunehmend gefährdet ist: Eine solide Grundförderung, die nicht das Highlight, sondern die unspektakuläre Alltagsarbeit sichert und personelle Kontinuität sowie fachliche Qualität gewährleistet.

Gute Ansätze und die Lehren, die man daraus ziehen kann

Sieht und hört man in ländlichen Räumen genauer hin, findet man dennoch gelungene Beispiele Kultureller Bildung. Es sind kleine Leuchttürme, deren Strahlkraft, Reichweite und Kontinuität schwer mit den zumeist hauptamtlichen Angeboten professioneller Akteure in den Großstädten gemessen werden können. Vielmehr sollte man sich vor Vergleichen hüten und im Sinne einer lebenswelt- und sozialraumorientierten, regional verorteten kulturellen Bildungsarbeit die Rahmenbedingungen und spezifischen Gelingensbedingungen vor Ort in den Blick nehmen.

Mobil und Dezentral

Weite Wege und fehlender Nahverkehr erschweren Kindern und Jugendlichen die Teilnahme an attraktiven, kulturpädagogischen Angeboten. Beispiele mobiler und dezentraler Aktivitäten zeigen, dass es möglich ist, zusammen mit Jugendlichen vor Ort die vorhandenen Potenziale aufzugreifen und Projektideen zu entwickeln, die auf den Bedarf des Sozialraums und die jeweiligen Handelnden zugeschnitten sind. Dabei dürfen die dezentralen Angebote kultureller Bildung vor Ort nicht bei der Fixierung auf das Bestehende stehenbleiben. Auf das Bekannte einen ungewohnten Blick werfen, Perspektiven verändern, Routinen durchbrechen – erst mit Hilfe dieser Qualitäten Kultureller Bildung – siehe unten – kann es gelingen, aus der Binnenperspektive, die Vorurteile und Klischees bedient, herauszutreten.

In Mecklenburg-Vorpommern werden Jugendliche aktiviert, ihre Kulturinsel am Wohnort zu gestalten. Es entstehen temporäre, künstlerisch-kulturelle Interventionen an ungewöhnlichen Orten: Die eigene Bühnenshow auf dem Dorfplatz, das Theaterstück an der Bushaltestelle, die künstlerische Installation am Wegesrand. Durch die Zusammenarbeit mit Künstler*innen werden neue Impulse gesetzt. Die gemeinsam entwickelten Ideen stärken die Identifikation der Jugendlichen mit ihrem Ort.

Jugendlichen Gestaltungsmacht geben Jugendliche sind die Schlüsselpersonen, wenn es um die Zukunft der ländlichen Räume geht! Sie sind vital, übernehmen gern Verantwortung, haben Ideen. Werden ihnen keine „Ermöglichungsstrukturen“ geboten, besteht die Gefahr, dass sie ihrem Dorf, ihrer Region so schnell wie möglich den Rücken kehren. Jugendliche brauchen Unterstützer*innen, die ihnen Gestaltungsmacht einräumen, die ihnen Zeit und Raum geben, die eigenen Ideen umzusetzen, Prozesse in Gang setzen, Türen öffnen und Diskurse aufrechterhalten.

Ein Bespiel bietet die Gemeinde Hilchenbach im Kreis Siegen-Wittgenstein: Das dortige Jugendbüro hat die Gründung des Vereins Push e.V. unterstützt. Jugendliche setzen die unterschiedlichsten Aktivitäten in mehreren Sparten in Eigenregie um. In allen Belangen können sie sich der Hilfe des Jugendbüros sicher sein. Die Jugendlichen erleben in der Leiterin des Jugendbüros eine Erwachsene, die offen für ihre Ideen ist und die sich für die Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse einsetzt. Sie machen die Erfahrung, dass sich Einmischung lohnt und ihre Region gestaltbar und lebenswert ist. Sie schlagen Wurzeln: bleiben in der Region oder kehren nach ihrer Ausbildung zurück.

Ehrenamtskonzepte mit gemeinschaftlichem und individuellem Mehrwert

Studien zum Ehrenamt haben gezeigt, dass Jugendliche sich leichter engagieren, wenn drei Aspekte gewährleistet sind: Die Jugendlichen wollen Verantwortung übernehmen, eigene Ideen realisieren und der Zeitraum des Engagements muss überschaubar und befristet sein. Darüber hinaus muss ein individueller Nutzen, den jede*r für sich aus diesem Engagement ziehen kann, sichtbar sein.

Das Freiwillige Soziale Jahr in der Kultur und Bildung (FSJ Kultur) der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendarbeit e.V. bietet diese Bedingungen, setzt aber voraus, dass entsprechendes Personal für die Begleitung der jungen Freiwilligen vorhanden ist. Insofern scheitert leider der Wunsch von vielen ländlichen Kulturinitiativen und Heimatvereinen, FSJler*innen zu beschäftigen, an den Ehrenamtsstrukturen selbst, die eine Begleitung der jungen Erwachsenen unmöglich machen. Und auch die Zahlung des Eigenanteils ist für die Vereine meist nicht leistbar.

Im Bergischen Land wird derzeit unter dem Namen Youth4culture ein neues Format erprobt, dass Jugendliche an die Ehrenamtsarbeit heranführt. Weiterführende Schulen bieten ab der achten Klasse Ehrenamts-AG’s an. Innerhalb dieser AG ist es möglich, sich – begleitet und unterstützt von einem Tandem aus Lehrer*in und Vereinsmitglied – ein Schuljahr lang ehrenamtlich zu engagieren: Im Verein, in einer Kultureinrichtung oder im Rahmen einer künstlerischen Initiative. Die Schüler*innen können aus einem Pool von Aktivitäten wählen und erhalten nach Abschluss der ehrenamtlichen Tätigkeit einen Kompetenznachweis.

Generationenfrage: Künstler*innen als Übersetzer*innen

Ehrenamtlich geführte Heimatvereine, die beim Erhalt des kulturellen Erbes eine wichtige Rolle spielen, suchen dringend Nachwuchs. Sie wissen jedoch nicht, wie sie Kinder und Jugendliche erreichen können. Teils ist es fehlendes Wissen, um neue Wege der Vereinsarbeit einzuschlagen, teils ist es das Unvermögen, die Inhalte und Themen in jugendkulturelle Formate und Aktivitäten zu übersetzen.

Künstler*innen vor Ort können als Übersetzer*innen fungieren: Wie kann das, was dem Heimatverein wert und wichtig ist, neu interpretiert werden, sodass es auch für Kinder und Jugendliche attraktiv wird? Für alle Beteiligten gilt: Sie benötigen Möglichkeiten, neue Wege in der Programmgestaltung, Öffentlichkeitsarbeit, Organisationsentwicklung etc. auszuprobieren. Ohne die Beteiligung der jungen Menschen funktioniert die Suche nach neuen Perspektiven allerdings nicht langfristig.

Die Künstler*innen der Jugendkunstschule Schmallenberg übernehmen mit hoher Sensibilität für die Interessen der Kinder und Jugendlichen diese Dolmetscherfunktion. Ein Beispiel: Zum 125-jährigen Jubiläum des denkmalgeschützten Wilzenbergturmes arbeitete die Jugendkunstschule mit dem Förderverein Grafschaft-Schanze zusammen. Der Verein stand vor der Frage, wie das junge Publikum für einen Turm im Wald interessiert werden kann, der für die Region bedeutsam, doch für Kinder eher langweilig ist. Die Jugendkunstschule entwickelte das Kulturprogramm Höhenrausch. Mittels Fotografie, Ton, Malerei, Holzbearbeitung und Musik konnten sich Kinder und Jugendliche vielfältig ausprobieren und brachten neue, ungewöhnliche Perspektiven ein. Sie machten Landschaft und Turm zu ihrem „Ding“. Damit es solche Highlights geben kann, braucht es infrastrukturelle Sicherheiten.

Anerkennen und fördern: Für mehr kleine und flexible Angebote

Es muss ein Umdenken stattfinden! Kleine, scheinbar unspektakuläre Projekte und Angebote sowie deren Akteure sind für ländliche Räume und Kleinstädte bedeutend und wertzuschätzen. Vor dem Hintergrund weiter Wege und fehlender Mobilität müssen der andere Tages- und Wochenrhythmus der Jugendlichen zwingend mitgedacht werden und für die Durchführung von Angeboten andere Angebotsformen und -strukturen entwickelt werden.

Hinsichtlich der Projekt- bzw. Öffnungszeiten, der Finanzierung von Mobilität, der Ausstattung mit hauptamtlichen Stellen sind die Weichen grundlegend anders zu stellen. Dort, wo über regionale Förderprojekte neue Initiativen entstehen, benötigen sie kontinuierliche Rahmenbedingungen. So werden die Interessen von Kindern und Jugendlichen nach aktiver Gestaltung und kreativer Darstellung der eigenen Weltsicht im Theater, Film, Tanz oder bildnerischen Gestalten ernst genommen und ihnen eine Plattform geboten.

Kulturelle Bildung braucht Kümmerer, Vernetzer, Impulsgeber

Möchte man die Summe der Angebote und grundlegenden Infrastrukturen der ländlichen Regionen halten oder gar erweitern, muss es eine*n hauptamtlichen Kümmerer*in geben, der*die die Akteure in ihrer Spezifik kennt, ihre Potenziale aufspürt, Foren des Austauschens schafft, Menschen miteinander ins Gespräch bringt, sie zu Kooperationen ermuntert, die reale und virtuelle Plattformen der Vernetzung und Sichtbarkeit schafft. Dabei ist es wichtig, die Ideen und Wünsche auch von Jugendlichen aufzugreifen, diese beim Werden in die Welt zu begleiten und zugleich vom Vorhandenen ausgehend überlegt: Was können wir konkret tun?

Im Märkischen Kreis schlossen sich vier Kommunen zusammen, die eine Kulturmanagerin finanzieren. Diese hat einen besonderen Blick auf Kulturelle Bildung und unterstützt die Zusammenarbeit der Akteure. Die interkommunale Kooperation ermöglicht auch den Erfahrungsaustausch. Die gewachsenen Netzwerke und die Kulturmanagerin können die Eigeninitiativen der Jugendlichen befördern.

Schule als Ort Kultureller Bildung: Potenziale der Schulen in ländlichen Räumen

Die Zahl der Schulen in ländlichen Räumen sinkt: Seit 2006 wurden „in strukturschwachen Landkreisen viele Grundschulen (– 11 %) und berufliche Schulen (– 26 %) geschlossen“ (Bildungsbericht 2018:5). Strukturschwache Räume stehen vor der Herausforderung, auch zukünftig ein auf die Bedürfnisse der Bevölkerung angepasstes Bildungsangebot zu gewährleisten.

Schüler*innen müssen lange Wege in Kauf nehmen, wodurch der durch Ganztag ohnehin schon lange Schultag sich weiter ausdehnt. „Schüler*innen verbringen einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend in Schulgebäuden, im Bus oder bei den Hausaufgaben“ (Faulde 2007:58). Ihre frei verfügbare Zeit schrumpft und somit die Chancen, Freizeit selbst zu organisieren, kreativ zu sein, eigenen Interessen nachzugehen, sich in Vereinen zu engagieren oder am kulturellen Leben vor Ort teilzuhaben. In der Realität heißt das für Jugendliche: Die „Bildungsbeteiligung und der Bildungsstand in städtischen und strukturstarken Räumen sind höher als in eher ländlichen und strukturschwachen Landesteilen“ (Bildungsbericht 2018:5).

Entgegen dem Trend der letzten Jahre Schulen zu schließen und zentrale Standorte auszubauen, mehren sich die Stimmen, die den Erhalt der kleinen Schulen fordern. Schulen im ländlichen Raum könnten ein Ort für alle sein – auch für diejenigen, die keinen Unterrichtsbezug haben.

Die Schule als Lern- und Kulturort sollte im Hinblick auf Offenheit, Durchlässigkeit, Diversität als ein ganztägiges Angebot konzipiert sein. Ihr multiprofessionelles, räumliches und inhaltliches Potenzial steht allen offen und kann außerhalb der Unterrichtszeiten anderweitig genutzt werden: Ferienzeiten, die den Schulhof beleben, oder Werkräume, in denen Senior*innen schaffen. Zu den kommunalen Orten zählen ebenso Aula, Sporthalle, Spielplatz, Schulbibliothek, die intensiv außerschulisch genutzt werden können.

Schulische kulturelle Aktivitäten verfügen über eine große Reichweite, die weit über die Schule hinausweisen. Regelmäßige Aufführungen von Musicals und Theaterstücken, jährliche Projekttage und kulturelle Veranstaltungen, die Big Band der Schule, aber auch der Adventsbasar und der Flohmarkt gehören dazu – und sind zugleich ein Teil der kulturellen Schulentwicklung. Die Schule der Zukunft wäre ein generationsübergreifender, kultureller (Bildung)Ort für alle, mit ressortübergreifender Planung, multiprofessionellem Team, in dem Lehrer*innen, Künstler*innen, Sozialpädagog*innen, Ingenieur*innen, Handwerker*innen. Gärtner*innen gleichberechtigt zusammenarbeiten, und einem Konzept für Schule als Bildungs- und Kulturort.

Als eine von 40 Schulen in Niedersachsen und als einzige im Landkreis Northeim wurde die Paul-Gerhardt-Schule in Dassel ausgewählt, am Modellprojekt Schule:Kultur! teilzunehmen. Kunst und Kultur spielen schon lange eine große Rolle am Dasseler Gymnasium. „Im Rahmen des Modellprojekts besteht nun die Chance, die Stellung der Schule als kulturelle Institution im Solling weiter auszubauen und über den Landkreis hinaus mit Kultureinrichtungen zu vernetzen. … Die Schule öffnet sich gezielt Kultur- und Kunsttreibenden und ermöglicht allen Schülern vielfältige kulturelle Erlebnisse im Bereich Theater, Kunst und Musik. Ziel ist es, die aktivierende und motivierende Kraft kultureller Bildung für den Schulalltag zu nutzen. Darüber hinaus ist es gerade im ländlichen Raum wichtig, auf die Teilhabegerechtigkeit an Kultur zu achten, und dazu kann Schule maßgeblich etwas beitragen“ (PGS wird Kulturschule). 

Gestiegene Förderkontingente und ...?

Die Bedeutung und zugleich Not der ländlichen Räume signalisieren die Bemühungen seitens der EU, des Bundes und der Länder mit steigenden finanziellen Anstrengungen, Dörfer und Kleinstädte attraktiv und lebenswert zu erhalten und somit den Abwanderungs- und Überalterungstendenzen entgegenzuwirken. Investiert wird sowohl in den Schutz der Kulturlandschaft und den Erhalt lebendiger Dorfkerne als auch in die Breitbandversorgung, die Förderung von Unternehmen und Arbeitsplätzen in strukturschwachen Gebieten (vgl. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft 2016).

Gefördert werden die typischen Ausprägungen der Regionen: Traditionen und Brauchtum, spezifische Produkte und regionaltypische Speisen, Sehenswürdigkeiten wie Kirchen, Klöster, Burgen, Schlösser oder eine historische Altstadt. Denn sie geben den Orten eine Prägung und fördern Heimatverbundenheit, Identität und Stolz der Bürger*innen. Das sind Kriterien für Lebensqualität, die sich ebenso durch ein reges Vereins- und Initiativenleben auszeichnen. Gemeinsam Ideen spinnen, mit Visionen die Zukunft gestalten, Neues wagen, Vertrauen in die eigene Kraft haben, stärkt die Gemeinschaft.

Von Bedeutung ist der LEADER-Ansatz (Liaison entre actions de développement de l´économierurale: Programm zur Strukturförderung des ländlichen Raums, finanziert aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums. Lokale Akteure aus den vielfältigstenkommunalen und privaten Kontexten schließen sich zusammen und entwickeln gemeinsam in moderierten Prozessen Ideen und Konzepte, die die Entwicklungsmöglichkeiten der Region aufzeigen. Denn: Niemand kennt die Region besser als die Menschen vor Ort. Für die von ihnen ausgewählten Projekte werden Fördermittel zur Verfügung gestellt (vgl. www.bmel.de).

Dass dabei auch jugendkulturelle Interessen in den Blick genommen werden, ist leider nicht selbstverständlich. Es gibt Ausnahmen. In den sechs Gemeinden der LEADER-Region Hochsauerland z.B. werden gemeinsam mit Förderern aus der Region und den Jugendlichen vor Ort neue Projekte in neuen Formaten entwickelt. Sie ermöglichen den Jugendlichen „ihre Fähigkeiten zu entfalten und ihre Talente öffentlich zu präsentieren“. .... Durch eine fachliche, inhaltliche Begleitung und strukturelle Verankerung wird die nachhaltige Förderung gewährleistet.

Auf Bundes- und Länderebene werden gegenwärtig eine Vielzahl von Modellprojekten zur Förderung der Kulturellen Bildung in ländlichen Räumen erprobt (vgl. Wolf: Vier Flächenländer im Blick: Strategien und Programme zu Kultur und Bildung). Trotz der Verschiedenheit in der Ausrichtung eint die Modellprojekte das Ansinnen, die Akteure Kultureller Bildung vor Ort durch Beratung, Qualifizierung und Vernetzung bei der Realisierung ihrer Ideen zu unterstützen.

Differenzierte Betrachtung – Spezifische Förderung

Zumeist haben Förderprogramme ein Manko: Sie gelten für Stadt und Land. Die Konzepte werden vor dem Erfahrungshorizont der Ballungsräume entwickelt. Die Parameter der ländlichen Räume werden – siehe oben – selten mitgedacht. In ländlichen Räumen braucht es eher eine Prozessförderung anstelle inhaltlich festgelegter Projekt- und Produktförderung. Die Akteure müssen Zeit haben, um Partner*innen zu finden, ins Gespräch zu kommen und Netzwerke aufzubauen. Deren Energien und die sich daraus entwickelnden Ergebnisse sind im Voraus nicht planbar.

Würde sowohl seitens der Verwaltung und Politik als auch der Dach- und Fachverbände die Verschiedenheit der Räume Deutschlands als gesetzt gesehen, hieße das, dass in den Kinder- und Jugendhilfeplänen nicht nur für spezifische Themen oder Vernetzung als Fördermöglichkeiten auszuweisen wären, sondern auch Förderpositionen speziell für Jugendkulturarbeit in ländlichen Räumen bereitgestellt werden müssten. Gefördert würden dann auch Projekte unterhalb bestehender Bagatellgrenzen: Mit dem Blick auf Mobilität, ohne Zwang zur Innovation, der Zeit für Prozessentwicklungen, mit Möglichkeiten Künstler*innen temporär als artist in residence zu beschäftigen, mit vereinfachten Förderverfahren etc. So schafft man leichte Zugänge für alle. Generell empfehlenswert ist es, (Förder)Programme Kultureller Bildung mit erfahrenen Akteuren ländlicher Räume rückzukoppeln, denn deren Expertise hilft, dass Förderbedingungen und -modalitäten den besonderen Erfordernissen der ländlichen Räume Rechnung tragen.

Qualitäten Kultureller Bildung und ihre Relevanz für ländliche Regionen

Gelingende Angebote Kultureller Bildung für und mit Kindern und Jugendlichen sind geprägt von Handlungsprinzipien, die in weiten Teilen den Prinzipien der außerschulischen Jugendarbeit entsprechen und wichtige Parameter bei der (Weiter)Entwicklung kultureller Angebote sind. Die Handlungsprinzipien Kultureller (Kinder- und Jugend)Bildung basieren auf den Prinzipien des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SBG VIII/KJHG) und dessen Grundsatz: „Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ (§ 1). Erweitert um die Perspektive des ästhetisch-kulturellen Lernens und auf Grundlage der künstlerisch-kulturellen Praxis ergänzt, heißt das, dass folgende Prinzipien der Kulturellen Bildung bundesweit gelten (müssen).

  • Handlungsorientierung und Ganzheitlichkeit Die Bereitstellung von ästhetisch-künstlerischen Erfahrungs- und Gestaltungsräumen, die ganzheitliche Zugänge zu einem Thema, einem künstlerischen Prozess ermöglichen.
  • Freiwilligkeit Das Prinzip der Freiwilligkeit ist ein entscheidender Motor für die Motivation und Verantwortungsbereitschaft. Jede*r muss die Intensität und die Form des gestaltenden Ausdrucks selbst bestimmen können.
  • Partizipation Partizipation im Sinne der Mitbestimmung und Beteiligung junger Menschen zielt auf die Entwicklung einer mitverantwortlichen Selbstbestimmung. In der kulturpädagogischen Praxis sind in allen Dimensionen der Projektplanung und -durchführung die Teilnehmenden aktiv einbezogen.
  • Lebensweltorientierung Kulturpädagogische Angebote und Projekte knüpfen an der Lebenswirklichkeit an und bieten Möglichkeiten, einer die Lebenswirklichkeit betreffenden Frage ästhetisch forschend nachzugehen. Durch Perspektivenwechsel und Übersetzung in ästhetische Formen gelingt eine Distanz zur eigenen Lebenswirklichkeit, die Reflexion, kritische Bewertung und die Einnahme eines eigenen Standpunkts ermöglichen.
  • Erfahrung von Selbstwirksamkeit In künstlerisch-kulturellen Handlungszusammenhängen ist es möglich, die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten und -grenzen zu erkunden und zu erproben. Experimentierend und mit wachsender Wahrnehmungsfähigkeit erleben Kinder und Jugendliche sich selbst als Handelnde, als Akteure, deren individuelles Dazutun von Bedeutung ist, wirkt und sinnvoll ist.
  • Fehlerfreundlichkeit Die künstlerisch-kulturelle Praxis ist gekennzeichnet vom Handlungsprinzip des Experiments. Experimente bergen auch das Risiko des Scheiterns. Kinder und Jugendliche erfahren durch die positive Resonanz auf das Nicht-Gelingen, dass man „Fehler“ machen darf und machen muss, um zu wachsen.
  • Stärkenorientierung Stärkenorientierung bedeutet den Blick konsequent auf (vorhandene) Kompetenzen zu richten. Diese Form der Anerkennung ermöglicht es, Zutrauen in sich selbst zu fassen und ermutigt, neue Herausforderungen anzunehmen.
  • Selbst gesteuertes Lernen in Gruppen In der künstlerisch-kulturellen Praxis wird selbst gesteuertes, gemeinsames Lernen in möglichst kleinen Gruppen gefördert. Jede*r Einzelne bringt sich mit ihren*seinen Möglichkeiten, Kenntnissen und Ideen ein und kann dabei auf die Gruppe als Unterstützungssystem zurückgreifen.
  • Offenheit für Vielfalt Die Anerkennung und Wertschätzung kultureller Differenzen ist ein Merkmal künstlerisch-kultureller Praxis. Indem der Umgang mit vieldeutigen Situationen, Sachverhalten und Ausdrucksformen eingeübt und gefördert wird, stärkt sie die Toleranz gegenüber dem (scheinbar) Fremden und Neuen. Ästhetisch-kulturelles Lernen schafft Raum, Differenzen zu erkennen, sich auf sie einzulassen, damit um zu gehen und sie als Bereicherung wert zu schätzen.
  • Zusammenarbeit mit Kulturpädagog*innen und Künstler*innen Die Qualität künstlerisch-kultureller Praxis bestimmt auch die gelungene Einbeziehung der schöpferischen Fähigkeiten und dem fachlichen Können der Künstler*innen. Ihre „Art“ sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, begeistert und animiert, eigene künstlerische Wege zu beschreiten, spielerisch experimentelle Ideen zu entwickeln und umzusetzen.
  • Öffentlichkeit und Anerkennung Die Herstellung von Öffentlichkeit ist ein pädagogisches Prinzip. Die Akteure wollen und sollen zeigen, zu welchen Ergebnissen sie gekommen sind. Kinder und Jugendliche werden mit den Aussagen, die sie über ihre künstlerische Produktion machen, öffentlich gehört. Und sie erhalten Anerkennung für das, was sie geschaffen haben (vgl. Braun, Tom/Schorn, Brigitte 2012).

Das Kinder- und Jugendhilfegesetz gilt bundesweit –in urbanen wie in ruralen Räumen. Dessen Handlungsprinzipien zielen darauf ab, Kinder und Jugendliche zu befähigen, ihre Ideen und Interessen selbstständig und selbstverantwortlich Gestalt zu geben. Sie bieten den Rahmen für die Entwicklung zur eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. Die Umsetzung ist aber dort, wo es an hauptamtlichen Strukturen ebenso wie kulturpädagogischen Fachkräften mangelt, keine Selbstverständlichkeit. Sichtbar wird die Ungleichheit in den Regionen Deutschlands. Konzeptionelles, fachlich begründetes, professionelles Handeln muss gerade in ländlichen Räumen gewährleistet sein, u.a. um die ehrenamtlichen Strukturen zu unterstützen und Qualität zu sichern.

Zukünftig: Chancen Kultureller (Kinder- und Jugend)Bildung in ländlichen Räumen

Kunst und Kultur sind zugleich zweckfrei und zweckvoll: Für die Selbst- und Wertebildung, für Verantwortung und Zugehörigkeit, für Identifikation und Offenheit. Ein reges Kunst- und Kulturleben vor Ort sendet Signale: Hier passiert etwas, was verbindet, was ausstrahlt, was Interesse weckt. Das weckt wiederum die Neugierde junger Menschen vor Ort und zieht sie an. Andersherum: Je älter Menschen in den ländlichen Regionen werden, desto wichtiger wird die Kultur vor Ort. Erwachsen kann daraus ein generationsübergreifendes Potenzial, das sich entfalten kann. Manchmal passiert das gerade dann, wenn der Leidensdruck am größten wird, weil die vertrauten Anlaufstellen sowie Angebote Kultureller Bildung und Gemeinschaft wegfallen. Die Akteure der ländlichen Räume dürfen dann nicht allein gelassen werden. Es besteht ein hoher Handlungsbedarf seitens der Politik, um dem aktuellen Mangel an Infrastruktur gerade in den peripheren ländlichen Räumen entgegenzuwirken. Zu vitalen Kommunen zählen Kita, Schule, Jugendzentrum, Kirche, Apotheke und Krankenhaus ebenso wie die Einkaufs-, Freizeit- und Vergnügungsmöglichkeiten, Gastwirtschaften und Banken vor Ort sowie Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr, auch wenn es sich (finanziell) nicht rechnet. An genau diesen Problemlagen und Fragestellungen muss die kulturelle Bildungspraxis weiterdenken.

Zukunft regional und kreativ gestalten

Ein möglicher Handlungsansatz für die Kulturelle Kinder- und Jugendbildung besteht darin, sich nicht auf kreative Nischen und Einzelprojekte zu beschränken, sondern die Arbeit im Sinne einer Einmischung und Gestaltung der ländlichen Räume zu sehen. Sie muss sich selbst zum „engagierten Akteur für den Erhalt der Lebensqualität in der Region“ machen. (Faulde 2014:218). Joachim Faulde, Professor an der Katholischen Hochschule Paderborn, schlägt für die Jugendarbeit eine konzeptionelle Veränderung vor, die angesichts des Strukturwandels im ländlichen Raum zwingend notwendig sei: „Die Alternative für die Jugendarbeit in strukturschwachen, peripheren Gebieten besteht darin, ihr Aufgabengebiet zu ergänzen und einen neuen Schwerpunkt zu setzen. Die Übernahme von Verantwortung für eine endogene, integrierte Regionalentwicklung bildet ein neues Tätigkeitsfeld, d.h., die Jugendarbeit beteiligt sich aktiv an der Gestaltung des regionalen Lebensraumes und der Sicherung der regionalen Daseinsvorsorge“ (Faulde 2014:216).

Denn die zentrale Frage, der sich auch die Kulturelle Bildung in ländlichen Räumen stellen muss, ist doch, wie sie Kinder und Jugendliche bei der Suche nach den Fragen der eigenen Lebensgestaltung unterstützen kann. „Wenn Jugendarbeit sich im Regionalmanagement engagiert, verlässt sie eine Nische; sie wird zum engagierten Vertreter der Interessen junger Menschen und bringt diese in den Dialog mit ökonomischen, ökologischen und anderen sozialen Interessen, das Aushandeln von gemeinsamen Vereinbarungen und die Suche nach einem tragfähigen Lösungsweg für alle Beteiligten“ (Faulde 2014:218). Die aktive Beteiligung Jugendlicher an der Gestaltung ihrer Region, ihrer Heimat schafft soziale Anerkennung, Selbstwertgefühle und vermittelt die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Mit der Umsetzung der oben beschriebenen Qualitäten Kultureller Bildung hat sich die Praxis selbst diesen Auftrag gegeben. In ländlichen Räumen muss sie einen Schritt weiter gehen und sich in die Regionalentwicklung direkt einmischen und Jugendlichen kreativ-künstlerische Möglichkeiten bieten, zu aktiven Mitgestalter*innen der Region zu werden. Die Entwicklung ländlicher Räume braucht neue, kreative Ideen. Wer könnte diese besser liefern als die Jugendlichen in den Möglichkeitsräumen der Kulturellen Bildung.

Verwendete Literatur

  • Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2018): Bildung in Deutschland 2018. Bielefeld: wbv Publikation, S. 5.
  • Becker, Heinrich/Moser, Andrea (Hrsg.) (2013):: Jugend in ländlichen Räumen zwischen Bleiben und Abwandern – Lebenssituation und Zukunftspläne von Jugendlichen in sechs Regionen in Deutschland . Thünen Report 12, Braunschweig: Thünen‐Institut für Ländliche Räume.
  • Beierle, Sarah/Tillmann, Frank/Reißig, Birgit (Hrsg.) (2016): Jugend im Blick – Regionale Bewältigung demografischer Entwicklungen. Projektergebnisse und Handlungsempfehlungen. Deutsches Jugendinstitut: München/Halle.
  • Braun, Tom/Schorn, Brigitte (2012): Ästhetisch-kulturelles Lernen und kulturpädagogische Bildungspraxis. In: Bockhorst, Hildegard/Reinwand, Vanessa-Isabelle/Zacharias, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch Kulturelle Bildung (128-134). München: kopaed.
  • Bundesstiftung Baukultur (2017): Baukultur Bericht: Stadt und Land 2016/17. Potsdam: Bundesstiftung Baukultur.
  • Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2016): Bericht der Bundesregierung zur Entwicklung der ländlichen Räume, Berlin: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.
  • Faulde, Joachim (2007): Aktuelle Entwicklungen in den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen in ländlichenRegionen. In: Bund der Deutschen Landjugend, BAG Ev. Jugend im Ländlichen Raum, Kath. Landjugendbewegung Deutschlands (Hrsg.): Landjugend(t)räume, Herausforderungen und Perspektiven für die Jugendarbeit im ländlichen Raum. Berlin/ Bonn, S. 10-33.
  • Faulde, Joachim (2014): Jugendarbeit im ländlichen Raum zwischen Rückzug und Innovation, Regionalmanagement - eine neue Aufgabe für die Jugendarbeit?, in: deutsche jugend, 62.Jg., H 5, 2014, S. 210-220.
  • Fonds Soziokultur (2018): Auswertung aller Anträge. Bonn: Fonds Soziokultur; (unveröffentlicht).
  • Kegler, Beate (2017): Wege zu kreativen und partizipativen Kooperationen zwischen Stadt und Land. In: Hübner, Kerstin/ Kelb, Viola/ Schönfeld, Franziska/ Ulrich, Sabine (Hrsg.) Teilhabe.Versprechen?!, München: kopaed.
  • Paul-Gerhard-Gymnasium Dassel (2018): PGS wird Kulturschule; (letzter Zugriff am 5. August 2018).
  • Prognos AG (2015): Evaluation des Bundesprogramms Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung, S. 5 ff.; (letzter Zugriff am 5. August 2018).
  • Reichart, Sybille/Wagner, Simone (2012): Ehrenamtliche Jugendarbeit in den Heimatvereinen Westfalens: Eine Untersuchung der Fachhochschule Bielefeld. Münster: Heimatpflege in Westfalen, 25(4), S. 6-12.
  • Wetzstein, Thomas/Erbeldinger, Patricia Isabella/Hilgers, Judith/Eckert, Roland (2007): Jugendliche Cliquen. Zur Bedeutung der Cliquen und ihrer Herkunfts- und Freizeitwelten. Wiesbaden: Springer, S. 141ff.
  • Wolf, Birgit (2017): Kleine Evaluation des Modellprojektes LandKulturPerlen im Landkreis Waldeck-Frankenberg. Frankfurt/M.: Landesvereinigung Kulturelle Bildung, S. 5, (unveröffentlicht).
  • Wolf, Birgit (2018): Vier Flächenländer im Blick: Strategien und Programme zu Kultur und Bildung; (letzter Zugriff am 5. August 2018).

Zitieren

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Brigitte Schorn , Birgit Wolf (2018): Chancen für junge Menschen: Kulturelle Bildung zwischen Schule und Verein, Daheim und Welt. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/artikel/chancen-junge-menschen-kulturelle-bildung-zwischen-schule-verein-daheim-welt
(letzter Zugriff am 10.10.2018)

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