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Kinder- und Jugendmuseen und Museen als Orte für alle Generationen

von Gabriele König  Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Anfänge in den USA

Weltweit entstand die Idee der „Kinder­- und Jugendmuseen“ in den USA. Das älteste Kinder­museum ist das Brooklyns Children‘s Museum in New York, dessen Tore sich erstmals am 16.12.1899 öffneten. Die Initiative zur Gründung dieser neuartigen Museumsgattung geht auf Willy Goodyear, den Direktor der Kunstsammlungen des Brooklyn Institute of Art and Science zurück, der die museale Aufbereitung und Präsentation der traditionellen Museen zu komplex und zu wenig ansprechend für Kinder fand, grundsätzlich aber davon ausging, dass Museen geeignete Orte seien, Kindern die Welt zu erschließen (siehe Matthias Henkel „Museen als Orte Kultureller Bildung“). Anders als in traditionellen Museen, deren Mittelpunkt die Sammlung darstellt, orientieren sich Kinder­- und Jugendmuseen an ihrer Zielgruppe. Das Brooklyn Children´s Museum fand schnell großen Zuspruch und dementsprechend auch andernorts Nachahmer; zwischen 1899 und 1925 entstanden in drei weiteren Großstädten entlang der Ostküste der USA Kindermuseen. Zu einem weltweit wahren Boom an Kindermuseumsgründungen kommt es ab 1963 durch die Aktivitäten des Boston Children´s Museum. Michael Spock, damaliger Direktor der Institution, entwickelte die Zielgruppenorientierung und das handlungsorientierte Lernen entscheidend weiter. Die BesucherInnen erschließen sich die Ausstellungsinhalte auch durch eigenes Handeln und Ausprobieren, wie beispielsweise das Fahren mit einem Rollstuhl in einer Ausstellung über Behinderung. Dadurch werden die BesucherInnen nicht nur intellektuell angesprochen, sondern auch emotional erreicht. Mittlerweile gibt es in vielen US-amerikanischen Städten Kindermuseen, laut der Amerikanischen Kindermuseumsorganisation (Association of Youth Museums, AYM) liegt die Zahl landesweit bei über 250 Institutionen dieser Art.

Kinder- und Jugendmuseen in Europa

Bis Kindermuseen auch in Europa Einzug fanden, dauerte es bis in die 1970er Jahre. Bis dahin war es üblich, dass klassische kulturelle Institutionen wie Theater, Bibliotheken und Museen sich mit ihren Programmen fast ausschließlich an die Zielgruppe bildungsbürgerlicher Erwach­sener richteten. Erst die gesellschaftlichen Umwälzungen Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre brachten Diskussionen in Gang, die die Rechtmäßigkeit des elitären Anspruchs von Kultur in Frage zu stellen wagten und auch darauf drängten, sich für neue Zielgruppen zu öffnen. Im Zuge dieser Entwicklungen wurden Forderungen formuliert, Kultur an sich, vor allem aber den Zugang zu Kultur, zu demokratisieren. Die ersten Kindermuseen entstanden in Deutschland im Ethnologischen Museum in Berlin (1970) und im Historischen Museum Frankfurt/Main (1972) als Abteilungen dieser Häuser. Aufgrund ihrer besucherorientierten Ausrichtung hatten diese Einrichtungen innerhalb der Museen einen schweren Stand. Für die VertreterInnen traditioneller Museen war die mangelnde Sammlungszentrierung Anlass, Kindermuseen die Existenzberech­tigung abzusprechen, mit der Folge, dass zunächst keine weiteren Kindermuseen innerhalb der bestehenden Museen gegründet wurden. Anfang der 1990er Jahre bekommen die AnhängerIn­nen der Kindermuseums-­Idee durch das Bekanntwerden der Aktivitäten des Boston Children´s Museum erneuten Schwung. Die InitiatorInnen gehen jetzt aber einen anderen Weg, sie treten nun an, Kinder­- und Jugendmuseen als eigenständige Kulturorte für Kinder und Jugendliche außerhalb traditioneller Museen zu etablieren. Überwiegend geht diese Initiative von engagierten Privatpersonen aus; nahezu überall liegt die Umsetzung, das tägliche Handling, in den Händen und auf den Schultern von Frauen, die vielfach gerade in den Anfangsjahren auf ehrenamtlicher Basis tätig sind. Die Erscheinungsform dieser Kinder-­ und Jugendmuseen ist dabei so unter­schiedlich wie ihre GründerInnen. In den 1980er Jahren überwog die Idee mobiler Kindermuseen wie in Nürnberg durch das „Museum im Koffer“ und in Freiburg durch das Augusteenager Museum während der Kunstwochen praktiziert. Die Mobilität galt als großer Vorteil und entsprach dem kulturpolitischen Anspruch, breitere Bevölkerungsschichten anzusprechen, „die Partizipation aller Gesellschaftsschichten an der kulturellen Praxis zu ermöglichen und in der Folge die Ent­wicklung neuer kultureller Ausdrucksformen zu fördern“ (Eppensteiner 1992:175). Die Grün­dung eigenständiger, nicht mobiler Kindermuseen außerhalb traditioneller Museen prägen die 1990er Jahre. In Frankfurt entstand 1987 das Werkstattmuseum Kaleidoskop, 1988 in Berlin das Neue Universum. Die InitiatorInnen konzipierten zunächst als Pilotprojekte Ausstellungen an ihren jeweiligen Standorten. Die ursprüngliche Planung, daraus langfristig Kindermuseen mit eigenem Haus und ganzjährigem Betrieb zu realisieren, fand keinen politischen Widerhall, sodass bis in die Gegenwart weiterhin temporäre Ausstellungen in wechselnden Örtlichkeiten realisiert werden. Das erste eigenständige Kindermuseum mit eigenem Haus und ganzjährigem Ausstellungsbetrieb entstand 1991 mit der Kinder-Akademie Fulda; Kindermuseen mit eigenem Haus folgten in Berlin mit dem Kindermuseum Machmit! und dem Kindermuseum Labyrinth. Das im Südosten Berlins angesiedelte Kindermuseum im FEZ ist Teil des größten Kinder­- und Jugendfreizeitzentrums.

Bei den namentlich genannten Einrichtungen handelt es sich um eine exemplarische Aufführung der verschiedenen Kindermuseumstypen in ihrer mobilen, temporären, inner­institutionellen und eigenständigen Form. Die Entstehung und Entwicklungsgeschichte der hier nicht Genannten ist meist ganz ähnlich verlaufen.

Explizite Besucherorientierung

In der explizit formulierten Besucherorientierung liegt das Innovative des konzeptionellen Ansatzes von Kinder­- und Jugendmuseen. Bis heute halten die Konzepte von Kindermuseen an dieser Maxime fest. Anders als für das traditionelle Museum ist für sie nicht die Reihenfolge der Museumsprinzipien Sammeln, Bewahren, Erforschen, Ausstellen, Vermitteln bindend, vielmehr messen sie dem Vermittlungsaspekt die größte Bedeutung bei. Im Mittelpunkt ihrer Museumsarbeit steht nicht die Sammlung, sondern der Besucher. Mit ihren Ausstellungen und Projekten setzen sie auf ein existierendes Weltinteresse ihrer BesucherInnen und ermöglichen ihnen Zugang zu Kunst und Kultur sowie Naturwissenschaft und Technik, indem sie alle Sinne des Publikums ansprechen – nicht nur mit den visuellen. Dieser Ansatz hat sich über all die Jahre bewährt: Denn es ist ganz offensichtlich, dass immer dort, wo Menschen die Möglichkeit haben, etwas auszuprobieren, die Chancen am größten sind, dass Zusammenhänge nachhaltig begrif­fen werden. Zentrale Aussagen von Ausstellungen werden deshalb in der Regel ganz bewusst mit interaktiven Stationen gekoppelt, an denen die BesucherInnen mitdenken und mitmachen können. Dabei ist es wichtig, dass bei der Konzeption mitbedacht wird, dass im Zentrum des Tuns die Vermittlung von Wissen steht und nicht das Tun an sich zum Selbstzweck wird.

Kindermuseen – Orte für alle Generationen

Kinder-­ und Jugendmuseen erreichen mit ihren Ausstellungen viele BesucherInnen, keinesfalls nur Kinder und Jugendliche. Weil sie dem Aspekt der Vermittlung großen Raum geben, fühlen sich vielfach Menschen jeden Alters davon angesprochen und kommen beim Besuch auf ihre Kosten. Anders als noch vor dreißig Jahren sind die Menschen durch die vielfältigen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung anspruchsvoller geworden. Ob jemand dem Impuls folgt, ins Museum zu gehen, wird auch nach dem Unterhaltungsaspekt entschieden. Menschen wollen durch einen Museumsbesuch ganz gewiss ihr Wissen erweitern, was sie dabei nicht wollen, ist im klassi­schen Sinne belehrt werden. Kindermuseen mit ihren Ausstellungen gelingt die Vermittlung von Wissen im besten Fall auf unterhaltsame, kurzweilige Weise. Die Museen haben erkannt, dass ihre BesucherInnen unterschiedliche Zielgruppen mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen sind, die es nicht nur zu erkennen, sondern auch in der Museumsarbeit zu berücksichtigen gilt.

Die Kindermuseen im deutschsprachigen Raum sind seit März 1997 im Bundesverband der Deutschen Kinder- und Jugendmuseen e.V. organisiert. Als Fachvertretung dieser zielgrup­penorientierten Museumsgattung sah der Verband seine Aufgabe anfangs vor allem darin, das Modell Kinder­- und Jugendmuseum zu etablieren und kulturpolitisch durchzusetzen, sowie den Aus-­ und Aufbau bestehender Kinder-­ und Jugendmuseen zu unterstützen. Inzwischen hat das Modell Kindermuseum in der Museumswelt weiträumig Einzug gehalten und nachhaltig und maßgeblich dazu beigetragen, das Verhältnis Museum gegenüber BesucherInnen zu verändern. Das kommt unter anderem darin zum Ausdruck, dass nahezu alle (großen) Museen wie beispielsweise das Deutsche Hygiene Museum in Dresden oder das Deutsche Museum München eigene Kindermuseumsabteilungen gegründet haben oder zumindest regelmäßig auch Kindermuseumsausstellungen realisieren – wie zum Beispiel das Rheinische Landesmuseum in Bonn. Kindermuseen gehören heute also zu einem unverzichtbaren Teil Kultureller Bildung (siehe Hannelore Kunz­-Ott „Museum und Kulturelle Bildung“).