Come closer now: Das archäologische Erbe der Kulturstadt Basel im Spannungsfeld von urbanem Raum und pluraler Gesellschaft

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von Marco Bernasconi

Erscheinungsjahr: 2026

Abstract

Archäologisches Erbe wird in kulturpolitischen Leitdokumenten als zentrale Ressource für Identität, gesellschaftlichen Zusammenhalt und nachhaltige Entwicklung beschrieben, bleibt im Alltag vieler Menschen jedoch oft unsichtbar. Das Beispiel der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt (ABBS), der kantonalen Fachstelle für die Archäologie, verdeutlicht diese Spannung: Auf dem kleinen Gebiet des Stadtkantons (37 Quadratkilometer) konnten in den letzten Jahrzehnten rund 25 kleinere und größere archäologische Informationsstellen eingerichtet werden, die 2000 Jahre Stadtgeschichte an authentischen Orten im Stadtraum erfahrbar machen – von keltischen Befestigungen über römische Mauern bis zu mittelalterlichen Krypten und Türmen. Die Informationsstellen sind seit den 1950er-Jahren historisch gewachsen und liegen dort, wo Grabungsbefunde erhalten und in situ präsentiert werden konnten. Sie entstanden einerseits aus der Zufälligkeit des Befunds und andererseits aus der jeweiligen Bereitschaft und den jeweiligen Möglichkeiten für eine Erhaltung und widerspiegeln dadurch auch die jeweilige Wertschätzung und Aushandlung im politischen Kontext in seiner jüngsten historischen Dimension. Die archäologischen Informationsstellen sind fachlich sorgfältig erforscht und gesichert, gleichzeitig leiden sie unter geringer Bekanntheit, heterogenen Zugangsbedingungen, fehlender Durchgängigkeit im Narrativ und einer begrenzten Sichtbarkeit in den zentralen Informations- und Vermarktungskanälen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welchen Stellenwert das archäologische Erbe Basels und seine Vermittlung für eine diverse Stadtgesellschaft heute und in Zukunft haben kann, wenn es nicht nur als Objekt des Schutzes, sondern als aktiver Bildungs‑ und Begegnungsraum verstanden wird. 

Der vorliegende Beitrag greift diese Fragestellung auf, indem er das Basler Fallbeispiel mit theoretischen Überlegungen verknüpft, um Ansätze zu formulieren, wie archäologische Informationsstellen für kulturelle Bildungsprozesse produktiv werden können, und daraus Strategien für die praktische Umsetzung ableitet.

Vom archäologischen Denkmal zur Ressource

Der gesellschaftliche Wert des archäologischen Erbes ist rechtlich und politisch verankert, aber in seiner konkreten Bedeutung diskutierbar und historisch wandelbar. Das Basler Denkmalschutzgesetz definiert Denkmäler als erhaltenswerte Einzelwerke oder Ensembles von kulturellem, geschichtlichem, künstlerischem oder städtebaulichem Wert und schließt archäologische Funde ausdrücklich ein. Damit wird der Schutz der archäologischen Substanz als öffentliche Aufgabe anerkannt, die nicht nur der Bewahrung einer „schönen“ Vergangenheit dient, sondern auch der Sicherung materieller Quellen, auf deren Basis Geschichte überhaupt erst rekonstruiert und diskutiert werden kann.

Mit dem Inkrafttreten des Faro-Rahmenübereinkommens hat auch die Schweiz 2020 diesen primär objektschützenden Zugang um eine gesellschaftsorientierte Perspektive ergänzt (Rahmenübereinkommen des Europarats über den Wert des Kulturerbes für die Gesellschaft 2005/2020). Das Übereinkommen versteht das Kulturerbe als Gesamtheit der aus der Vergangenheit ererbten Ressourcen, die von Menschen als Ausdruck ihrer sich wandelnden Werte und Identitäten wahrgenommen werden, und betont seinen Beitrag zu Menschenrechten, Demokratie und nachhaltiger Entwicklung. Der Wert des Erbes liegt demnach nicht nur in der Qualität der Objekte, sondern auch in den Bedeutungszuschreibungen, Aneignungen und Aushandlungen, die Gegenwartsgesellschaften im Umgang mit diesen Ressourcen vornehmen. Das erweitert den Blick von einem rein fachintern definierten archäologischen Denkmalwert hin zu Fragen der Zugänglichkeit, der Teilhabe unterschiedlicher Gruppen und der Relevanz für heutige Lebensrealitäten.

Im Kanton Basel-Stadt spiegeln sich diese Ideen der Faro-Konvention in der Verfassung, der Gesetzgebung und die genannten Erweiterungen auf Verordnungsebene und im kulturpolitischen Leitbild sowie im Legislaturplan wider. Die Kantonsverfassung verpflichtet den Staat nicht nur zur Erhaltung von Kulturgütern, sondern ausdrücklich auch zur Förderung der kulturellen Vermittlung und des Austauschs. Der Legislaturplan und das Kulturleitbild konkretisieren diese Vorgaben, indem sie Ziele wie „kulturelle Teilhabe“, „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ oder „Erinnerungskulturen“ formulieren und dabei explizit auf die Sichtbarkeit und Vermittlung des kulturellen Erbes Bezug nehmen. Kulturerbe erscheint so als zentrale Ressource der Kulturstadt Basel, deren Profil zwischen Exzellenz und breitenwirksamer Vielfalt geschärft werden soll (Präsidialdepartement Basel‑Stadt 2020; Regierungsrat Basel‑Stadt 2025).

Der gesellschaftliche Wert des archäologischen Erbes erschöpft sich jedoch nicht im kulturpolitischen Anspruch, sondern zeigt sich auch empirisch im Nutzungsverhalten. Befragungen zum Kulturverhalten in der Schweiz belegen, dass die Bevölkerung in ihrer Freizeit am häufigsten Monumente sowie historische und archäologische Stätten besucht, und dies über Geschlechter‑, Alters‑, Migrations‑ und Wohnortgrenzen hinweg (Bundesamt für Statistik 2020). Diese breite Nutzung macht historisches und archäologisches Erbe zu einem Kontaktfeld zwischen sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und kulturellen Orientierungen, etwa wenn Tourist:innen, Schulklassen und Anwohnende sich im Verlauf eines Rundgangs vom Murus Gallicus über die römische Umfassungsmauer bis zur Krypta des Münsters bewegen. Gleichzeitig dominieren Kulturerbestätten die kulturtouristische Vermarktung; Destinationen stufen sie weit vor anderen Kultursparten als zentral ein, unter anderem wegen ihres sinnstiftenden Potentials und der oft hohen Verlässlichkeit und Saisonunabhängigkeit der Angebote (Burzinski/Buschmann/Pröbstle 2018). Archäologische Orte tragen damit zugleich zur lokalen Identitätsbildung und zum Standortmarketing bei – ein Spannungsfeld, das Chancen eröffnet, indem die archäologischen Informationsstellen als Baustein des Profils der Kulturstadt Basel dienen können.

Die archäologischen Informationsstellen Basels veranschaulichen diese Ambivalenzen exemplarisch. Einerseits ermöglichen sie authentische Begegnungen mit 2000 Jahren Stadtgeschichte „dort, wo sie stattfand“ – in Kellern, Krypten, Türmen und unter Plätzen der Altstadt – und verbinden somit die Aura des unerwarteten und geheimnisvollen Ortes mit der wissenschaftlich gesicherten Kontextualisierung und Rekonstruktion von archäologischen Befunden. Andererseits bleiben sie im öffentlichen Bewusstsein erstaunlich blass: Sie sind teilweise schwierig aufzufinden, teilweise nur zu eingeschränkten Zeiten zugänglich und in touristische wie lokale Kommunikationskanäle bislang unzureichend eingebunden. Der gesellschaftliche Wert dieses Erbes erscheint damit als Raum der Möglichkeiten, der erst durch bewusste Strategien der Vermittlung, der Öffnung und auch der Aushandlung erschlossen werden muss. In diesem Sinne versteht der vorliegende Beitrag das archäologische Erbe Basels als potentiellen Bildungs‑, Diskurs‑ und Begegnungsraum, dessen Relevanz sich in der Art und Weise entscheidet, wie verschiedene gesellschaftliche Gruppen Zugang erhalten, eigene Perspektiven einbringen und neue Bezüge zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft herstellen können.

Hintergrund: Die fünf Informationsstellen auf dem Basler Münsterhügel

Der Beitrag basiert auf zwei Arbeiten zu den archäologischen Informationsstellen Basels, die eine multiperspektivische Analyse als Basis für eine strategische Weiterentwicklung eines Rundgangs über fünf zentrale Informationsstellen vorlegen (Bernasconi 2024; Bernasconi 2025). Die fünf Informationsstellen befinden sich alle auf dem Basler Münsterhügel im Kern der Altstadt: 

  • Basel, 80 v. Chr.: Murus Gallicus, die spätkeltische Befestigung (im Bau, Eröffnung 2027)
  • Basel, 300 n. Chr.: Römische Umfassungsmauer                             
  • Basel, 820 n. Chr.: Karolingische Außenkrypta (Aktualisierung vorgesehen)
  • Basel, 820-1500: Krypta unter der Vierung des Münsters
  • Basel 1080-1356: Mittelalterlicher Stadtmauerturm (Aktualisierung vorgesehen)

Weblink zu den archäologischen Informationsstellen in Basel: https://www.bs.ch/pd/kultur/museen-und-andere-dienststellen/archaeologie/vermittlung/infostellen

Archäologischer Bildungsraum Stadt: Tourismus, Schule, Alltag

Archäologische Orte sind in den letzten Jahrzehnten zunehmend als vielschichtige Bildungsräume in den Blick geraten, in denen formelles, non‑formales und informelles Lernen ineinandergreifen. Sie verbinden touristische Entdeckung, schulische Curricula, lokale Erinnerungspraktiken und individuelle biografische Sinnsuche.

Im Feld des Kulturtourismus haben Kulturerbestätten eine Leitfunktion. Zugleich hat sich der touristische Diskurs vom klassischen Bildungsreisenden über die Erlebnis‑ hin zur so genannten Sinngesellschaft verschoben: Gesucht werden nicht mehr nur belehrende Informationen, sondern individuell sinnvolle, authentisch empfundene Erfahrungen, in denen Geschichte mit eigenen Fragen und Lebenslagen in Beziehung gesetzt werden kann (Schulze 2005; Romeiss‑Stracke 2003; Kreilkamp 2013; Pröbstle 2016). Die von Tourismusorganisationen entwickelten Personas – etwa die für Basel zentrale Figur einer kulturinteressierten, urbanen Freizeitbesucherin mit Wunsch nach authentischen, flexiblen, intellektuell anregenden Angeboten abseits des Massentourismus – machen deutlich, dass Kulturerbe hier als idealer Projektionsraum gesehen wird (Schweiz Tourismus 2024; Basel Tourismus 2023) und damit die archäologischen Informationsstellen als unerwartete, geheimnisvolle und authentische Orte mitten im urbanen Raum bei passender Entwicklung des Angebots eine attraktive Option darstellen können. 

Schulische Bildungsprozesse eröffnen eine komplementäre Dimension. Archäologische Informationsstellen eignen sich als außerschulische Lernorte, weil sie abstrakte historische Inhalte in konkrete, räumlich erfahrbare Situationen übersetzen. Programme wie die Basler Archäologiekoffer, Workshops in Fachinstitutionen und maßgeschneiderte Führungen zeigen, dass die Nachfrage von Schulen hoch ist, wenn Angebote als komplette, curricular anschlussfähige, handlungsorientierte und altersgerechte Pakete bereitgestellt werden. Kulturerbe wird so zu einem Raum für Kompetenzentwicklung: Beobachten, Deuten, Fragen stellen, Perspektivenwechsel, Quellenkritik und das Aushalten von Unvollständigkeit verbinden sich mit der Erfahrung, dass Geschichte vor Ort vielstimmig und lebendig ist. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie diese Lernangebote gestaltet sein müssen, um nicht nur geläufige Milieus zu reproduzieren, sondern Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Vorerfahrungen und kulturellen Hintergründen zu erreichen. Erfahrungen mit Schulklassen, die sich anhand von Audiostories mit spätrömischen Grabsteinen und ihren durchgehend migrantischen Biografien befassen, zeigen unerwartete Anschlussmöglichkeiten an heutige Realitäten (Bernasconi 2025). Ein wesentlicher Gelingensfaktor besteht darin, diese Aspekte im Diskurs herauszuarbeiten, sichtbar zu machen und zu reflektieren. 

Über Tourismus und Schule hinaus spielen sich wesentliche kulturelle Bildungsprozesse im weiteren Kontext der Stadtgesellschaft ab. In Basel gelten die Kulturangebote der Altstadt und die historische Kulisse als wichtiger Bestandteil der städtischen Lebensqualität; Befragungen zeigen eine hohe Wertschätzung über verschiedene Bevölkerungsgruppen hinweg (Schwenkel/Hertig/Bächler/Rieder 2024). Archäologische Informationsstellen liegen räumlich mitten in diesem Alltag: in Durchgangszonen, Höfen, unter Plätzen, in Türmen und Krypten, die von Touristinnen, Einheimischen, Pendlern, Schülerinnen und Spaziergängern frequentiert werden. Werden sie sichtbar gemacht und mit zugänglichen, mehrsprachigen und alltagsnahen Vermittlungsformaten ausgestattet, können sie Impulse für informelles Lernen im Vorübergehen geben – Irritationen, Fragen und Aha‑Momente, die sich später zu bewussteren Bildungsprozessen verdichten.

Damit dieses Potenzial wirksam werden kann, müssen archäologische Orte bewusst als Schnittstellenräume gestaltet werden. Touristische Formate, die vor allem auf „Highlights“ und Effekte setzen, riskieren, lokale Aneignungen zu überlagern und komplexe historische Kontexte zu vereinfachen. Rein schulische Nutzungen können die Orte auf Lernstoff reduzieren, und eine rein fachwissenschaftliche Präsentation bleibt häufig hinter dem gesellschaftlichen Bildungsanspruch zurück, den Kulturpolitik inzwischen formuliert. Entscheidend ist daher, Angebote so zu konzipieren, dass sie unterschiedliche Gruppen – die neugierige Touristin, die Schulklasse, den zufälligen Passanten, die langjährige Anwohnerin – adressieren, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Wo es gelingt, touristische Neugier, schulische Lernziele und lokale Erinnerungspraktiken in Beziehung zu setzen, kann Kulturerbe zu einem gemeinsamen Referenzraum werden, in dem eine diverse Stadtgesellschaft über ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ins Gespräch kommt.

Come closer now: Vom Befund zum Storytelling

Qualität in der Vermittlung des archäologischen Erbes erschöpft sich nicht in korrekten Informationen, sondern entsteht im Zusammenspiel von wissenschaftlichem Fundament, didaktischer Gestaltung, ästhetischer Qualität, Zugänglichkeit und Anschlussfähigkeit an die Lebenswelten der Besuchenden. Archäologische Informationsstellen präsentieren in situ‑Befunde im Zustand der abgeschlossenen Freilegung – meist fragmentarische Mauern, Gruben und Funde –, die ohne Kontextualisierung schnell unspektakulär wirken, obwohl sie für die Forschung zentral sind. Zugleich liegen sie in dichten urbanen Räumen, die über Jahrhunderte überbaut wurden, so dass der ursprüngliche Kontext oft nur in Ausschnitten sichtbar bleibt. Vermittlungsqualität bedeutet unter diesen Bedingungen, das Unspektakuläre lesbar und seine Verortung in der longue durée der Zeitschichten und der räumlichen Muster der Stadt zugänglich zu machen (Braudel, 1990). Ein Beispiel ist der Murus Gallicus: Die Straßenachse, die zum Münsterhügel und zur Informationsstelle führt, geht auf keltische Zeit zurück.

Aus archäologischer Sicht gehört die klare Unterscheidung zwischen Originalbefund und Rekonstruktion zur Vermittlungsqualität. Im europäischen Diskurs hat sich seit dem 20. Jahrhundert die Position durchgesetzt, dass Rekonstruktionen möglich sind, aber als solche erkennbar bleiben müssen; Besuchende sollen intuitiv sehen, was materielles Zeugnis ist und was interpretierende Ergänzung. Didaktisch eröffnet dies Chancen: Die Präsentation unterschiedlicher Phasen und Ergänzungen kann Einblicke in die wissenschaftliche Arbeitsweise geben – etwa, wie aus Mauerresten, Gräben und Einzelfunden Siedlungsgeschichten rekonstruiert werden. Exemplarisch wird dies in der neuen Informationsstelle zum spätkeltischen Murus Gallicus erfahrbar sein, dessen unspektakulär wirkender Mauerversturz durch Kontextualisierung als zentraler Ort der Basler Geschichte sichtbar wird, obwohl längst nicht alle Fragen zu Datierung, Bauweise und Siedlung beantwortet sind. Qualität bedeutet hier auch Transparenz über Perspektiven, Unsicherheiten und Forschungsgeschichte, nicht nur die Präsentation vermeintlich abgeschlossener Ergebnisse.

Ein zweites zentrales Qualitätskriterium ist die narrative und emotionale Vermittlungsebene. Archäologische Objekte erzählen nicht automatisch; sie werden erst im Rahmen von Erzählungen zu Trägern von Bedeutung (Pröbstle 2014). Die 2019 eingerichtete Informationsstelle in der Krypta des Basler Münsters mit einer multimedialen Präsentation, die die Baugeschichte über Biografien der Baubischöfe und Themen wie Religion, Tod und Erinnerung erzählt, zeigt, wie sich abstrakte Zeitschnitte mit erfahrbaren Lebenswelten verbinden lassen: Personen werden dann fassbar, wenn sie über die bloße Faktenbereitstellung hinaus Position beziehen, sichtbare Haltungen entwickeln und dadurch auch Emotionen zeigen. Storytelling ist hier kein Zusatz, sondern ein methodischer Schlüssel, um historische Komplexität in situ zugänglich zu machen, ohne sie zu banalisieren. Qualität misst sich auch daran, ob kognitive und emotionale Zugänge verbunden werden: Fakten werden nicht reduziert, sondern so gerahmt, dass Besuchende sie mit eigenen Fragen und Erfahrungen verknüpfen können.

Drittens spielt die szenografische Gestaltung für die Nahbarkeit eine wichtige Rolle. Lichtführung, Sound, Bewegungsführung und die Staffelung von Informationsdichten prägen, wie ein Ort wahrgenommen wird. Eine dezente Klangatmosphäre kann das Eintauchen unterstützen, gleichzeitig sollten Rückzugs‑ und Reflexionsräume statt eines durchinszenierten Erlebnisflusses vorhanden sein. Gute Vermittlung erlaubt unterschiedliche Formen der Aneignung – vom kursorischen Durchgehen bis zum vertiefenden Studium von Plänen, Texten und Objekten. Auch Sitzgelegenheiten, taktile Elemente und niederschwellige Visualisierungen tragen dazu bei, Schwellen abzubauen und individuelle Lernwege zu ermöglichen.

Ein häufig unterschätzter Aspekt von Qualität ist die Convenience aus Nutzendensicht. Sind Informationsstellen nur über komplizierte Schlüsselwege, restriktive Öffnungszeiten oder schlecht kommunizierte Zugangsmodalitäten erreichbar, werden auch inhaltlich hervorragende Angebote kaum als nahbar erlebt. Hohe Hürden bereits in der Pre‑Visit‑Phase – schwer auffindbare Informationen oder unübersichtliche Regeln – führen leicht dazu, dass Besuche gar nicht erst stattfinden. Besucherorientierung umfasst daher klare, leicht auffindbare Informationen vor Ort, Öffnungszeiten, Zugang und Sprachen sowie die Möglichkeit, sich spontan oder geführt, analog oder digital auf den Weg zu machen. Niederschwellige digitale Hilfsmittel wie QR‑Codes, kompakte Microsites oder Social‑Media‑Informationen können Brücken von der Pre‑ bis zur Post‑Visit‑Phase mit den entsprechenden Erinnerungs- und Multiplikationskanälen schlagen.

Schließlich ist Nahbarkeit immer auch eine Frage der Sprache und der adressierten Perspektiven. Inhaltlich präzise, aber stark fachlich geprägte Texte tendieren dazu, informierte Teilpublika zu privilegieren und andere auszuschließen. Qualitätsvolle Kulturerbevermittlung arbeitet mit Mehrsprachigkeit und klar strukturierten Informationsebenen, die sowohl einen schnellen Einstieg als auch vertiefende Auseinandersetzung ermöglichen. Im geplanten Rundgang fungieren die fünf Informationsstellen als aufeinander bezogene Erzählräume, die von der spätkeltischen Befestigung über die römische Umfassungsmauer und frühmittelalterliche Sakralbauten bis zur hochmittelalterlichen Stadtmauer führen. Dabei stellt sich auch die Frage, wessen Geschichten erzählt werden: Werden ausschließlich heilige, heroische oder elitäre Narrative fortgeschrieben, oder finden auch Alltag, Konflikt, Brüche, marginalisierte Stimmen ihren Platz? Während die keltische Befestigung zwar ein Elitenprojekt war, mit den Themen Bau Siedlung aber auch der Alltag und damit die Menschen hervortreten, berichtet die Informationsstelle zur römischen Umfassungsmauer u.a. von Menschen mit Migrationshintergründen, die Außenkrypta von Austausch und Religion, die Krypta unter der Vierung hauptsächlich vom den Bischöfen und ihrem Bauwerk mit all seinen mehr oder weniger einschneidenden Zäsuren: Brände, Erdbeben, Reformation und Zerstörung der Krypta im 19. Jahrhundert. Der Stadtmauerturm wiederum berichtet von der frühen Stadtwerdung und der damit einhergehenden Prägung des Stadtbilds und endet mit seiner Zerstörung im Erdbeben von 1356.    Ob eine archäologische Informationsstelle als nahbar erlebt wird, hängt wesentlich davon ab, ob Besuchende sich und ihre Themen irgendwo in der Erzählung wiederfinden – sei es in Fragen nach Migration, nach Umgang mit Tod, nach sozialer Ungleichheit oder nach religiöser Vielfalt. In diesem Sinne ist Qualität in der Vermittlung archäologischen Erbes immer auch eine Frage der bewussten Öffnung für aktuelle Fragen und Perspektiven und damit eine Voraussetzung dafür, dass diese Orte mehr sind als stille Zeugen der Vergangenheit: nämlich Resonanzräume für Gegenwart und Zukunft.

Teilhabe gestalten: Mainstream und Convenience

Damit archäologisches Erbe als Ressource für kulturelle Bildung wirksam werden kann, stellt sich zunächst die Frage: Wer kommt – und wer nicht? Im Audience Development setzen die archäologischen Informationsstellen in Basel auf einen Mainstream‑Ansatz. Er geht von einem bereits vorhandenen, kulturinteressierten Publikum aus – Kulturtourist:innen, Museums‑ und Konzertbesucher:innen, lokal verankerte „Best Ager“, bildungsaffine Familien –, das das Angebot aufgrund konkreter Schwellen bislang nur eingeschränkt nutzt. Anstatt neue, weit entfernte Zielgruppen anzusteuern, soll zunächst dieses Potenzial aktiviert, Barrieren abgebaut und eine stabile Beziehung aufgebaut werden.

Denn viele potenziell Interessierte bleiben bislang weniger aufgrund fehlender Motivation fern als aufgrund praktischer Hürden: schwer auffindbare Informationen, komplizierte oder restriktive Öffnungszeiten, unklare Zugangssysteme, unübersichtliche Beschilderung und fehlende kompakte Erklärangebote. Der Mainstream‑Ansatz im Audience Development setzt daher bei der Convenience an. Zentrale Maßnahmen sind eine klar strukturierte, leicht auffindbare Einstiegs-Webseite mit wenigen, gut verständlichen Informationen, eine sichtbare Signaletik (visuelles Orientierungssytem) im Stadtraum, die die Informationsstellen als zusammengehörigen Rundgang markiert, sowie vereinfachte Zugangsmodalitäten, etwa durch automatische oder digital gesteuerte Öffnungslösungen, um die Orte zeitunabhängig besichtigen zu können.

Auch die inhaltliche Gestaltung lässt sich im Sinne des Mainstream‑Ansatzes schwellenarm ausrichten, ohne Komplexität aufzugeben. Empfehlenswert ist eine Staffelung von Informationsebenen: sehr kurze Einstiegstexte in verständlicher Sprache, ergänzt durch vertiefende Abschnitte für besonders Interessierte. Mehrsprachigkeit, einfache Visualisierungen von Bauphasen und Grundrissen sowie Audiotracks, die ohne zusätzliche App per QR‑Code abrufbar sind, eröffnen unterschiedlichen Besuchstypen individuelle Zugangswege. Die Angebote sollten dabei von Neugier und vorhandener Mediennutzung ausgehen, nicht von vertieften Vorkenntnissen in Geschichte oder Archäologie.

Preis‑ und Nutzungsmodelle können Schwellen zusätzlich senken. Für ein primär lokales und kulturtouristisches Angebot bietet sich ein freiwilliges Modell wie „Pay what you want“ an, bei dem der Zugang kostenlos oder symbolisch bleibt und Besuchende nach dem Erlebnis über ihren Beitrag entscheiden. Dies nimmt finanziellen Druck, ermöglicht Spontanbesuche und regt zur bewussten Auseinandersetzung mit dem Wert des Angebots an. Voraussetzung ist eine einfache, gut sichtbare Umsetzung an Ausgängen oder zentralen Punkten des Rundgangs, etwa über digitale oder analoge Spendenpunkte (Kim/Natter/Spann 2009).

Der Mainstream‑Ansatz nutzt vor allem etablierte Kommunikationskanäle. Für ein kulturtouristisches und lokal interessiertes Publikum sind dies in Basel etwa die Webseiten von Basel Tourismus, die gemeinsame Museumsplattform, Hotel‑ und Gästeinformationen, Stadtpläne sowie Social‑Media‑Kanäle zu Reise‑ und Stadterlebnissen. Werden die archäologischen Informationsstellen hier nicht als verwaltungstechnische „Informationspunkte“, sondern als eigenständiges, kompakt erzählbares Angebot integriert, sinkt der Suchaufwand und die Angst, „etwas zu verpassen“. Kurze, visuell starke Teaser zu „verborgenen Orten unter der Altstadt“ können zusätzlich Aufmerksamkeit erzeugen.

Schließlich zielt der Mainstream‑Ansatz auf den Abbau mentaler Schwellen. Viele Menschen verbinden Archäologie mit Spezialistentum und einer abgeschlossenen Fachwelt. Eine ermutigende kommunikative Tonlage – mit einladenden Formulierungen, Beispielen aus Alltagsgeschichte und Bezügen zu Themen wie Arbeit, Ernährung, Migration oder Katastrophen – kann hier viel bewirken. Treten archäologische Informationsstellen als Orte der Entdeckung, des Staunens und der Anknüpfung an eigene Fragen auf, sinkt die Hemmschwelle für einen Besuch. Teilhabe wird dann als konkrete Erfahrung verständlich: Ein historischer Ort kann ohne großen Aufwand, ohne Vorkenntnisse und ohne Angst betreten, verstanden und als persönlich bedeutsam erlebt werden.

Fazit

Das archäologische Erbe Basels erscheint als vielschichtige Ressource, die weit über den reinen Objektschutz hinausgeht. Am Beispiel der fünf Informationsstellen auf dem Münsterhügel wird sichtbar, wie originale Fundorte im urbanen Raum zu Bildungs‑, Diskurs‑ und Begegnungsräumen für eine diverse Stadtgesellschaft werden können – vorausgesetzt, Zugänge, Vermittlungsqualität und Teilhabe werden bewusst gestaltet. Zwischen Kulturpolitik, Kulturtourismus, Schule und Alltagsnutzung zeigen sich Spannungsfelder, aber auch Synergien, in denen archäologische Orte zugleich als niedrigschwellige Lernorte, identitätsstiftende Referenzpunkte und touristische Anziehungspunkte wirken. Entscheidend ist, dass Vermittlung und Audience Development die Informationsstellen nicht als abgeschlossene Spezialräume, sondern als offene Resonanzräume verstehen, in denen unterschiedliche Gruppen eigene Fragen an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft richten können. Die fünf Informationsstellen auf dem Münsterhügel bilden damit ein konkretes Feld, um aus archäologischen Befunden im urbanen Raum vielschichtige Bildungs‑ und Begegnungsräume für eine plural zusammengesetzte Stadtgesellschaft zu entwickeln.

Verwendete Literatur

  • Basel Tourismus (2023): Strategie 2024–2027. Internes Strategiepapier. Basel.
  • Bernasconi, Marco (2024): Bleibt alles unter uns? Zum kulturtouristischen Potential der archäologischen Informationsstellen Basel‑Stadt. DAS‑Arbeit Kulturmanagement, Universität Basel.
  • Bernasconi, Marco (2025): Come closer now. Audience Development für die Archäologischen Informationsstellen Basel‑Stadt. MAS‑Arbeit Kulturmanagement, Universitäten Basel/Hildesheim.
  • Braudel, Fernand (1990): Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. 3 Bde. Erstausg. Paris 1949; dt. Ausg. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
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  • Europarat (2005): Rahmenübereinkommen über den Wert des Kulturerbes für die Gesellschaft (Faro‑Konvention), Faro 27.10.2005; in Kraft für die Schweiz seit 01.04.2020. Online unter: https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/2020/50/de (letzter Zugriff am 11.05.2026).
  • Kim, Ju‑Young / Natter, Martin / Spann, Martin (2009): Pay What You Want: A New Participative Pricing Mechanism. In: Journal of Marketing, 73 (2009) 1, S. 44–58. https://doi.org/10.1509/jmkg.73.1.44 
  • Kreilkamp, Edgar (2013): Von der Erlebnis‑ zur Sinngesellschaft – Konsequenzen für die touristische Angebotsgestaltung. In: Quack, Heinz‑Dieter / Klemm, Kristiane (Hrsg.): Kulturtourismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Festschrift für Albrecht Steinecke. München: De Gruyter Oldenbourg, S. 35–42.
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  • Pröbstle, Yvonne (2014): Kulturtouristen – eine Typologie. Wiesbaden: VS Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-05430-4.
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Marco Bernasconi (2026): Come closer now: Das archäologische Erbe der Kulturstadt Basel im Spannungsfeld von urbanem Raum und pluraler Gesellschaft. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/come-closer-now-archaeologische-erbe-kulturstadt-basel-spannungsfeld-urbanem-raum-pluraler (letzter Zugriff am 21.05.2026).

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