Tanz – Schule – Bildung. Überlegungen auf der Erfahrungsgrundlage eines Berliner Tanz-in-Schulen-Projekts

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von Marie Beyeler, Livia Patrizi

Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Anmerkung: Dieser Beitrag wurde von Marie Beyeler und Livia Patrizi unter Mitarbeit von Jovana Foik verfasst.

Im Bereich der Kulturellen Bildung nehmen Tanzprojekte eine besondere Stellung ein, da Tanz nicht – wie Musik oder Bildende Kunst – im Fächerkanon des deutschen Schulwesens verankert ist. Im Lehrplan der Fächer Sport und Musik ist Tanz existent, nimmt aber eine Randstellung ein.

Tanz in Schulen birgt die Möglichkeit, Kindern und Jugendlichen verschiedener sozialer und kultureller Herkunft, unabhängig von ihrem Alter oder Geschlecht Tanz als Kunstform näher zu bringen. Werden Tanzprojekte im Vormittagsbereich, also innerhalb des schulischen Alltags von Kindern und Jugendlichen positioniert, erreichen sie auch diejenigen SchülerInnen, die sonst vielleicht niemals ihr Interesse an Tanz und Musik entdeckt hätten und denen somit dieser Zugang zu ihrer eigenen Kreativität verwehrt geblieben wäre.

Tanz als sinnliche und unmittelbare Kunstform erfahrbar zu machen bedeutet, alterna­tive Wege des Denkens und Handelns zu erforschen und damit Kinder und Jugendliche in ihrer physischen, geistigen und emotionalen Entwicklung langfristig zu unterstützen. Tanz vermittelt Bewegungsvielfalt und Körperwahrnehmung, stärkt das Selbstbewusstsein und schafft damit die Voraussetzung für positive Lernprozesse. Auf diese Weise kann Tanz auch das kognitive Lernen fördern.

Tanz überwindet Sprachbarrieren, fördert nonverbale, kreative Kommunikation und kann damit einen Beitrag zur Verbesserung des Klassenklimas, zur Integration von benachteiligten Schüle­rInnen, zur Überwindung kultureller und sozialer Unterschiede und zur Gewaltprävention leisten.

Beispiel „TanzZeit – Zeit für Tanz in Schulen“: Entstehung und Struktur

Das Projekt „TanzZeit“ ist ein Vorreiterprojekt für die Schaffung von Strukturen an Berliner Schulen im weiten Feld der Kulturellen Bildung. Nirgendwo sonst in Deutschland tanzen so viele Kinder und Jugendliche jede Woche zeitgenössischen Tanz im Schulunterricht und erhalten dadurch eine Form der ganzheitlichen Förderung, die schon nach kurzer Zeit zu positiven Ergebnissen führt.

Im Frühjahr 2005 wurde unter der Trägerschaft des Vereins Zeitgenössischer Tanz Berlin e.V. das Projekt „TanzZeit – Zeit für Tanz in Schulen“ von der Tänzerin und Choreografin Livia Patrizi ins Leben gerufen. Das „TanzZeit“­-Projekt hat sich seit seiner Gründung stetig ausgeweitet. In den sieben Jahren des Bestehens haben über 100 Schulen und über 11.000 SchülerInnen teilgenommen.

Zu jedem neuen Schuljahr bewerben sich LehrerInnen um die Teilnahme ihrer Schulklasse/n. Nach einem Auswahlverfahren entsendet die Koordinierungsstelle für die Dauer eines Schuljahres zwei professionelle ChoreografInnen in die teilnehmenden Klassen, wo in enger Zusammenarbeit mit der jeweiligen Lehrkraft zeitgenössischer Tanz vermittelt wird. Dies geschieht gemäß den Rahmenbedingungen zur Unterrichtung von Tanz durch TänzerInnen bzw. TanzpädagogInnen im Pflichtunterricht, die vom Berliner Senat für Bildung, Jugend und Wissenschaft erlassen wurden.

In Werkstattpräsentationen führen jeweils zum Schuljahresende alle Schulklassen, die ein ganzes Schuljahr über getanzt haben, das Erlernte unter professionellen Bedingungen in einem großen Berliner Theater auf. Auch auf diese Weise erhalten Kinder und Jugendliche Einblick in künstlerische Schaffensprozesse und können erste Bühnenerfahrungen sam­meln. Es liegt allerdings im Ermessen der KünstlerInnen, LehrerInnen und SchülerInnen, im Unterrichtsverlauf zu entscheiden, ob – z.B. statt produktorientiert auf eine Präsentation hinzuwirken – prozessorientiert gearbeitet werden soll.

Zur Qualitätssicherung des „TanzZeit“­-Unterrichts werden die unterrichtenden Künstle­rInnen zu regelmäßigen Fortbildungen, intensiver Supervision und individuellem Coaching verpflichtet. Zudem beteiligen sie sich an moderiertem Austausch mit KollegInnen sowie an der Projektdokumentation und ­-evaluation. „TanzZeit“ favorisiert eine langfristige Zusammen­arbeit mit seinen KünstlerInnen, damit Investitionen in deren Weiterbildung den „TanzZeit“­-SchülerInnen unmittelbar zugute kommen.

Nicht selten führt das Unterrichten bei den KünstlerInnen dazu, die eigenen Ziele und Schwerpunkte besser kennen zu lernen, da sie herausgefordert sind, unbewusstes Verhalten und Handeln auszuformulieren und klar und deutlich zu artikulieren. Manchmal platzieren KünstlerInnen Fragen, die sie gerade selbst beschäftigen, im Unterricht und profitieren so durch die Vermittlung von Impulsen der SchülerInnen für die eigene Arbeit.

Auch LehrerInnen profitieren vom Tanzunterricht. Dadurch, dass sie gemeinsam mit den KünstlerInnen die Verantwortung für das Projektgelingen tragen, werden die „TanzZeit“­-Stun­den zu einer Form der Lehrertanzfortbildung. Aktuell beginnt „TanzZeit“ damit, LehrerInnen individuell zu coachen, die nach Abschluss einer mehrjährigen Kooperation in ihrem regulären Unterricht selbst Tanz vermitteln wollen.

Bedeutung und Wirkungsorientierung

Tanz in Schulen sieht sich mit der Aufgabe konfrontiert, die beiden Systeme Tanz und Schule miteinander in Beziehung zu bringen. Die Kooperation birgt Herausforderungen und Chancen für LehrerInnen und KünstlerInnen, voneinander zu lernen und von Synergien zu profitieren. Die Verteilung von Verantwortungsbereichen und Aufgaben muss jeweils individuell ausge­handelt werden. Auch das jeweilige Verständnis von Disziplin und Autorität, von Kunst und deren Vermittlung muss grundlegend diskutiert werden.

Aus Sicht von „TanzZeit“ hat sich bewährt, dass KünstlerInnen mit professioneller Aus­bildung unterrichten, um SchülerInnen damit einen Einblick in die Lebenswelt eines profes­sionellen Tänzers und Choreografen zu ermöglichen. Dazu gehört auch, die Bühnenarbeit kennen zu lernen. Das Erlebnis eines Tanztheaterbesuchs bringt die SchülerInnen in ihrer Motivation einen großen Schritt weiter. Sie werden in ihren eigenen Vorbereitungen auf einen Auftritt effektiver und gewinnen eine Vorstellung von Herausforderungen und Möglichkeiten einer Bühnenpräsentation.

Um die Effizienz sicher zu stellen, ist eine Koordinierungsstelle für Tanz-in-Schulen-Pro­jekte notwendig. Sie hat unter anderem die Aufgabe, Strukturen zu schaffen und diese klar zu kommunizieren. Regelmäßig Feedback von LehrerInnen, KünstlerInnen und SchülerInnen einzuholen, Verbesserungsvorschläge in die Projektentwicklung aufzunehmen und auf ak­tuelle Bedürfnisse und Herausforderungen zu reagieren ist fester Bestandteil eines jeden „TanzZeit“-­Jahrs. Eine weitere Aufgabe der Koordinierungsstelle ist es, Prozessbegleitung zu leisten, d.h. allen Beteiligten wechselseitig deren Grenzen und Möglichkeiten aufzuzeigen und zwischen LehrerInnen und KünstlerInnen zu vermitteln.

Diskussion um die Frage „Sollte Tanz Schulfach werden?“

Aus der Erfahrung von „TanzZeit“ gesprochen ist es unerlässlich, dass Tanz an Schulen von professionellen TanzkünstlerInnen unterrichtet wird. Die besondere Kraft von Projekten freier Träger liegt aus „TanzZeit“­-Sicht darin, einen anderen Zugang zur Kunstform Tanz zu ermöglichen, als das von Schulseite möglich wäre. In der Regel findet eine andere Form des Lernens statt. Offene Prozesse können zugelassen werden, da der Künstler sich vom Bewer­tungssystem der Schule in der Regel weitgehend freimachen kann.

Wichtig ist dabei, dass zeitgenössischer Tanz nicht als freiwillige Arbeitsgemeinschaft sondern im Klassenverband unterrichtet wird, da Vorurteile den ersten Zugang oftmals ver­hindern. Wenn der Grundstein gelegt ist, können die SchülerInnen entscheiden, ob sie ihre Tanzerfahrung freiwillig im Nachmittagsbereich vertiefen wollen (siehe Ronit Land „Tanz­erfahrung und professionelle Tanzvermittlung").

Parallel sollten LehrerInnen kompetenter in Tanz ausgebildet werden, um Tanz in den regulären Sport­- und Musikunterricht integrieren zu können. Ideal wäre aus „TanzZeit“­-Sicht ein Wechselspiel zwischen in Tanz gut ausgebildeten LehrerInnen und KünstlerInnen, die für Projektarbeit und für Weiterbildung des Lehrpersonals herangezogen werden.

Zu unterstützen ist auch die Idee eines Fachs „Kulturelle Bildung“, in dem je nach Jahrgang und Schule unterschiedliche Kunstfächer von LehrerInnen und professionellen Tanzkünstler­Innen aus dem außerschulischen Bereich unterrichtet werden (siehe Claudia Fleischle­-Braun „Tanz und Kulturelle Bildung“).

Wünschenswert wäre zudem die Entwicklung von Schulen mit Tanzprofil. Schon lange gibt es Schulen mit Musik-­, Theater-­ oder Sport­-Zweig. In Anlehnung daran ließe sich ein Pro­fil aufbauen, das eine stärkere Intensität und Kontinuität ermöglicht und in dem auch das Kollegium – gemeinsam mit professionellen TanzkünstlerInnen und Kooperationspartnern – Wissen über Tanz vermitteln kann.

Entwicklungspotentiale

Die Strukturen, die Projekte Kultureller Bildung in den vergangenen Jahren in der Schulland­schaft geschaffen haben, basieren bisher weitgehend auf dem Engagement Einzelner. Sie sind aus den Bedürfnissen der Beteiligten heraus entstanden und damit natürlich gewachsen. Damit diese Strukturen auch zukünftig weiter wachsen können, müssen Räume zur Entwick­lung geschaffen werden.

Ohne das Eingehen auf individuelle Wünsche und Bedürfnisse zu vernachlässigen, wäre eine strukturelle Verankerung eine angemessene Entwicklung. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben deutlich gezeigt, dass die positiven Gesamtauswirkungen umso nachhaltiger sind, je länger eine Schulklasse die Möglichkeit hat, sich künstlerische Ausdrucksformen zu erarbeiten. Wenn junge Menschen über Kulturelle Bildung nachhaltig zu sozialer und gesellschaftlicher Kompetenz befähigt werden sollen, ist Kontinuität der wichtigste Faktor.

Deswegen ist „TanzZeit“ dabei, Schulklassen zur mehrjährigen Teilnahme zu bewegen und eine Tanzbildungskette aufzubauen, um besonders motivierten und talentierten Kindern und Jugendlichen nach Ende der Tanz­-in­-Schulen-­Projekte in Kinder­- und Jugendcompanies eine Chance zu dauerhafter tänzerischer Weiterentwicklung zu bieten.

Ein wichtiges Anliegen ist nach Meinung von „TanzZeit“, die Bereiche Kunst bzw. Kultur und Bildung enger zu verzahnen. Die Durchlässigkeit beider Bereiche könnte optimiert werden, um nach und nach zu einer möglichst gleichgewichtigen Zusammenarbeit zu kommen und Kunst und ihre Vermittlung gleichzeitig zu denken. Aus „TanzZeit“­-Sicht müssen beide Seiten aufeinander zugehen – zum einen sollten Schulen dem Tanz im Vormittagsunterricht mehr Raum geben, zum anderen sollte sich auch die Tanzszene für den Vermittlungsaspekt öffnen. Aufführungen von Schulklassen und Tanz für ein junges Publikum sollten selbstverständlicher Teil von Tanzfestivals und Tanz­-Fachtagungen sein und Vermittlung fester Bestandteil der Arbeit von (Tanz-)Theatern und von Companies werden.

Nach „TanzZeit“­-Erfahrung wächst das Bewusstsein für den Wert der Vermittlungsarbeit und wird von vielen KünstlerInnen als wesentlicher Bestandteil ihres Schaffens erkannt. Viele aktiv tanzende KünstlerInnen sehen in der Vermittlung inzwischen eine wertvolle Ergänzung zu ihrem künstlerischen Schaffen. Es ist ihnen wichtig, jungen Menschen Zugang zu zeit­genössischem Tanz zu ermöglichen und sie für die besonderen Ausdrucksformen dieser Kunst zu sensibilisieren.

Die Übernahme in den Haushalt der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft seit 2010 bedeutet für „TanzZeit“ eine wichtige Basissicherung und ist ein deutliches Zeichen, dass der Stellenwert von Kunstvermittlung im Bildungswesen nach und nach anerkannt wird. Die Zahl der Schulen, die gerne teilnehmen möchten, übersteigt dennoch bei Weitem das zur Verfügung stehende Budget, weshalb das Engagement vieler Schulen leider durch Finanzierungsschwierigkeiten gebremst wird.

Die mehrjährige Unterstützung durch unter anderem Rotary Clubs und Fördervereine wie dem Vincentino e.V. sind ein wesentlicher Bestandteil des Finanzierungsplans, um möglichst vielen Schulen die Teilnahme zu ermöglichen. Vorhaben wie „TanzZeit“ flächendeckend in der Schullandschaft zu verbreiten ist ohne Unterstützung aus der Politik nicht möglich. Dies ist auf dem Weg zur Etablierung von Tanz im Bildungssystem unerlässlich.

Anmerkungen

Dieser Text wurde erstmals im Handbuch Kulturelle Bildung (Hrsg. Bockhorst/ Reinwand/ Zacharias, 2012, München: kopaed) veröffentlicht.

Zitieren

Gerne dürfen Sie aus diesem Artikel zitieren. Folgende Angaben sind zusammenhängend mit dem Zitat zu nennen:

Marie Beyeler , Livia Patrizi (2013 / 2012): Tanz – Schule – Bildung. Überlegungen auf der Erfahrungsgrundlage eines Berliner Tanz-in-Schulen-Projekts. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/artikel/tanz-schule-bildung-ueberlegungen-erfahrungsgrundlage-eines-berliner-tanz-schulen-projekts
(letzter Zugriff am 03.06.2019)

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Dieser Artikel wurde dauerhaft referenzier- und zitierbar gesichert unter https://doi.org/10.25529/92552.46.

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