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Wie Bilderbücher das „Fremde“ darstellen

Bilderbuchanalysen - Foto: Isa Lange

Die Studentinnen der Kulturwissenschaften Julia Breit, Antonia Wangler und Agata Wozniesinska am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim schauen genau hin. Sie analysieren in ihren Beiträgen Vorstellungen des „Eigenen“ und des „Fremden“ in Kinderbüchern und Zeichentrickfilmen und reflektieren, wie das „Wir“ in Bild und Text dargestellt wird.

Bilderbuch und Zeichentrickfilm sind – neben Fernsehen, Computerspielen und Hörspielen – ein wichtiger Teil der Medienwelten, in denen Kinder aufwachsen. Dr. Nina Stoffers, Wissenschaftlerin vom Institut für Kulturpolitik der Stiftung Universität Hildesheim hat mit Studierenden im Rahmen des Seminars „Wir und die Anderen. Zur Darstellung des Fremden im Kinderbilderbuch" Kinderbücher und Zeichentrickfilme analysiert und untersucht, wie „das Fremde" zur Darstellung gebracht wird und welche Vorstellungen des „Eigenen“ und des „Fremden“ mit welchen Mitteln (visuell) vermittelt werden.

„Wie wird in den Büchern und Filmen eigentlich ein „Wir“ in Bild und Text dargestellt? Wir gucken genau hin – wo werden Unterschiede gemacht? In einem Buch zum Thema Vielfalt in Deutschland wurde etwa eine Frau aus Iran als Ärztin vorgestellt. Das Buch fiel uns positiv auf – sonst sind ja wie selbstverständlich nur Männer die Ärzte“, so Nina Stoffers. Ein weiteres Beispiel aus der Analyse: Es gibt ein Genre des Bilderbuchs, das man als „die Reise in die Fremde“ bezeichnen könnte. In Bilderbüchern aus den 1960er, 1970er, 1990er, 2000er Jahren begegnet man häufig einem kolonialen Schema: Der Weiße, der die nicht-technisierte vorzivilisierte Welt entdeckt. Dabei bildet die eigene technisierte Realität die unsichtbare Kontrastfolie, vor der die Anderen präsentiert werden. Eine Diversität wird dann anhand von (vermeintlich) traditionellen Elementen dargestellt, wobei die Hierarchie ganz klar ist: Das europäische Kind reist und schaut und handelt, alle anderen sind mehr oder weniger Staffage dieser Bildungsreise.

Entscheidend ist, dass sich dieses Schema stark durch die Bilderbuchlandschaft zieht und es gar nicht viele andere Varianten gibt. „Deshalb kann man konstatieren, dass sich das sogenannte „Othering“ auch und gerade in Kinderbildungsmedien finden lässt. In ihnen werden die Anderen pädagogisch-künstlerisch konstruiert, allerdings nicht in einer gleichberechtigten, sondern in einer hegemonialen Eigen-Fremd-Perspektive. Die Folie der vermeintlichen Norm verbleibt unsichtbar, das ‚Wir‘ konstruiert sich im Kontrast: ‚Wir‘ sind die Nicht-Anderen – diejenigen, die sich nicht erklären müssen. Deshalb braucht es eine gesellschaftliche und wissenschaftliche Debatte, was wir eigentlich in Kinderbüchern für legitim halten und Verlage und Autorinnen und Autoren, die kritisch und differenziert mit Diversität umgehen“, sagt Nina Stoffers.

Die Studierenden der Kulturwissenschaft haben sich insbesondere mit Medien auseinandergesetzt, die für die Altersgruppe der Drei- bis Sechsjährigen zentral sind, wie beispielsweise mit den Bilderbüchern „Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm” des Autoren Rafik Schami und des Illustrators Ole Könnecke oder „Hör zu, was ich erzähle“ der Autorin und Illustratorin Gunilla Bergström. Dabei greifen sie auf unterschiedliche Analyseverfahren zurück, analysieren Bild-Figuren, Farbkonzepte, Bildnarration und Bildhandeln sowie die Beziehungen zwischen Bild und Text und befassen sich mit Sichtbarem und Unbestimmtheiten sowie Leerstellen.

Vier Hausarbeiten aus dem Seminar sind als Artikel auf der Wissensplattform „Kulturelle Bildung Online“ – nach einem Peer Review durch die Seminarleiterin Nina Stoffers – veröffentlicht.