Theaterpädagogische Ausbildung

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von Ulrike Hentschel

Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Die Theaterpädagogik ist eine relativ junge akademische Disziplin. Erste Überlegungen zu Studiengängen gingen aus theaterpädagogischen Tagungen und Kongressen zu Aus­bildungsfragen in den 1970er Jahren hervor. Als ein wesentlicher Schritt zur Etablierung theaterpädagogischer Studiengänge in der Bundesrepublik Deutschland kann die Gründung des Instituts r Spiel- und Theaterpädagogik und dessen Integration in die Hochschule der Künste Berlin (1980) angesehen werden. Hier wurde Ende der 1980er Jahre der erste theaterpädagogische Studiengang in der Bundesrepublik Deutschland eingerichtet. Ende der 1990er Jahre folgte an der Fachhochschule Osnabrück, Standort Lingen (Ems) der erste theaterpädagogische Diplom-­Studiengang (vgl. Streisand u.a. 2005).

Zur gleichen Zeit entwickelte der Bundesverband Theaterpädagogik e.V. (BuT) Kriterien zur Zertifizierung von theaterpädagogischen Fort- und Weiterbildungen, die außerhalb der Hochschulen von Fachverbänden oder privaten Anbietern organisiert werden. Die Aner­kennung über den Berufsverband erfolgt entsprechend dem Umfang und der Qualität der absolvierten Fort-­ und Weiterbildungen (siehe Karl Ermert „Weiterbildung für Handlungs­felder Kultureller Bildung“).

Aktuelle Situation

Seit Beginn dieses Jahrhunderts sind zahlreiche neue theaterpädagogische Studiengänge auf Bachelor-­ und Masterniveau an deutschsprachigen Hochschulen entstanden. Speziell für den Bereich der außerschulischen Bildungsarbeit sind hier zu nennen: die Bachelor­studiengänge „Theaterpädagogik“ an der Fachhochschule Osnabrück, Standort Lingen (Ems) und „Theater im Sozialen, Theaterpädagogik“ an der Fachhochschule in Ottersberg, Masterstudiengänge an der Universität der Künste Berlin, der Universität Erlangen-Nürnberg, der Hochschule r Musik und Theater Rostock, ein Bachelor-­ und Masterstu­diengang „Theaterpädagogik“ an der Züricher Hochschule der Künste. An der Universität Hildesheim wird der Masterstudiengang „Kulturvermittlung“ angeboten, in dem „Theater“ als ein Schwerpunktfach gewählt werden kann. Darüber hinaus bieten Fachhochschulen innerhalb sozialpädagogischer und kulturvermittelnder Studiengänge in der Regel einen theaterpädagogischen Studienschwerpunkt an.

Mit Ausnahme des forschungsorientierten Masterstudiengangs an der Universität Erlangen-Nürnberg sind die gemeinsamen Kennzeichen der o.g. Bachelor­- und Masterstudiengänge ihr Anwendungsbezug und ihr handlungs-­ und projektorientiertes Vorgehen. Die Studiengänge beinhalten Module in den Bereichen der Theaterpraxis (Bewegung, Sprecherziehung, schauspielerische Grundlagen, Improvisation, spezielle Theaterformen u.a.), der Vermittlung (Spielleitung, Kulturelle Bildung, Kulturmanagement u.a.) und der Theorie (Theatertheorie und ­-geschichte, Dramaturgie, Theorien der Theaterpädagogik u.a.) sowie didaktische und künstlerische Projekte, die diese Studienbereiche integrieren. Hinzu kommen Praktika, Theaterbesuche und die Teilnahme an einschlägigen Festivals.

Ziel ist es, TheaterpädagogInnen auszubilden, die professionell dazu in der Lage sind, die Kunst des Theaters an nicht professionelle AkteurInnen zu vermitteln, also über künstle­rische Kompetenz, Vermittlungskompetenz und die Fähigkeit zur theoretischen Reflexion theatraler und theaterpädagogischer Praxis verfügen. Die Schwerpunktsetzung zwischen Theorie und Praxis, Theater und Pädagogik ist dabei vom jeweiligen Fachverständnis der ausbildenden Institution bzw. ihrer FachvertreterInnen abhängig (vgl. Dörger/Nickel 2005).

Weiterhin lassen sich theaterpädagogische Ausbildungsgänge danach unterscheiden, von welcher Vorstellung von ästhetischer Erfahrung, der Erfahrung im Umgang mit Theater sie ausgehen. In Anlehnung an Eva Sturm (2011), die diese Unterscheidung für die Kunst­pädagogik formuliert, lassen sich idealtypisch zwei Positionen unterscheiden. Stärker repräsentationsorientierte Positionen stellen das theatrale Rollenspiel in den Mittelpunkt und bestimmen die Erfahrung des Theaterspielens als ein „Probehandeln“ für den Ernstfall des sozialen Handelns. Differenzorientierte Ansätze legen eine paradoxe Struktur theatraler Kommunikation zugrunde, in der Wirklichkeiten gleichzeitig konstruiert und dekonstruiert werden und bestimmen so die ästhetische Erfahrung aus der ­ der theatralen Produktion innewohnenden ­ Differenzerfahrung (vgl. Hentschel 2010, 2005).

Herausforderungen

Professionalisierung im Rahmen eines Berufsfeldes, das noch keine lange Tradition hat und sich in den wenigen Jahrzehnten seines Bestehens vielfältig gewandelt hat, bedeutet nicht ausschließlich das Erreichen von „Employability“, im Sinne einer Reaktion auf die heterogenen Anforderungen des Berufsfeldes. Über eine unmittelbare Fachkompetenz hinaus geht es innerhalb theaterpädagogischer Studiengänge auch darum, die Fähigkeit zu konzeptionellem Denken und zur kritischen Befragung von Konzepten und Institutionen zu entwickeln, neue Praxisfelder zu erschließen und damit aktiv zu Entwicklungen des Faches beizutragen, die zum Zeitpunkt der Ausbildung noch nicht abzusehen sind. Im Rahmen des theaterpädagogischen Studiums heißt das, die künstlerische Praxis des Theaters und die (eigene) theaterpädagogische Praxis als historisch und kulturell bedingt und damit veränderbar zu reflektieren und sie im Zusammenhang mit anderen performativen Praxen einer jeweiligen Kultur zu betrachten.

Die Ausbildung einer solchen reflexiven Haltung gegenüber dem eigenen Tun ist einer­seits die Grundlage für eine Skepsis gegenüber einem emphatischen Bildungsverständnis und übertriebenen Erwartungen an die Wirkungsweisen theaterpädagogischer Arbeit. Ande­rerseits schafft sie ein Bewusstsein dafür, dass mit dieser Arbeit immer auch ein Beitrag zu einer konkreten gesellschaftlichen Wirklichkeit produziert wird und stellt damit die Frage nach den immer schon vorhandenen Formen der Vereinnahmung theaterpädagogischer Arbeit im Kontext Kultureller Bildung. Solche Fragen – letztlich die entscheidenden Fragen nach dem beruflichen Selbstverständnis – überschreiten das Ausbildungs- und Prüfungs­system von Bachelor-­ und Masterstudiengängen. Sie sind nicht einem einzelnen Modul zuzuweisen, sondern bilden eine Grundhaltung, die zu vermitteln und ständig zu überprüfen eine Herausforderung für theaterpädagogische Ausbildungen darstellt.

Verwendete Literatur

  • Dörger, Dagmar/Nickel, Hans-Wolfgang (Hrsg.) (2005): Spiel- und Theaterpädagogik studieren. Milow: Schibri.
  • Hentschel, Ulrike (2010): Theaterspielen als ästhetische Bildung. Über einen Beitrag produktiven künstlerischen Gestaltens zur Selbstbildung (3. Auflage). Milow: Schibri.
  • Streisand, Marianne u.a. (Hrsg.) (2005): Generationen im Gespräch. Archäologie der Theaterpädagogik I. Milow: Schibri.
  • Sturm, Eva (2011): Von Kunst aus. Kunstvermittlung mit Gilles Deleuze. Wien/Berlin: Turia + Kant.

Anmerkungen

Dieser Text wurde erstmals im Handbuch Kulturelle Bildung (Hrsg. Bockhorst/ Reinwand/ Zacharias, 2012, München: kopaed) veröffentlicht.

Zitieren

Gerne dürfen Sie aus diesem Artikel zitieren. Folgende Angaben sind zusammenhängend mit dem Zitat zu nennen:

Ulrike Hentschel (2013 / 2012): Theaterpädagogische Ausbildung. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/theaterpaedagogische-ausbildung
(letzter Zugriff am 30.06.2019)

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Dieser Artikel wurde dauerhaft referenzier- und zitierbar gesichert unter https://doi.org/10.25529/92552.485.

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