Tänze als immaterielles kulturelles Erbe. Neue Perspektiven für kulturelles Lernen

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von Christoph Wulf

Erscheinungsjahr: 2026

Peer Reviewed

Abstract

Der Beitrag analysiert die Rolle und Funktion von Tanz aus anthropologischer und bildungstheoretischer Perspektive. Er versteht Tänze als elementare Formen kultureller Praxis, in denen sich kulturelle Identität, Selbst- und Weltverhältnisse, Gemeinschaft und Differenz ausdrücken und körperlich erfahren lassen. Tänze gelten – im Sinne des UNESCO-Konzepts des immateriellen Kulturerbes – als dynamische, vielfältige, generationsübergreifende Praxis.

Zentral diskutiert werden fünf Bildungsdimensionen des Tanzes: (1) Körper und Performativität, wobei die Rolle des Körpers als Medium der Bewegung, Ausdruck und Gemeinschaftsbildung hervorgehoben wird; (2) Mimesis und mimetisches Lernen, das Erwerb, Tradierung und Transformation von Tanzwissen über nachahmende, sinnlich-leibliche Prozesse als kreativen und produktiven Akt beschreibt; (3) Andersheit und Alterität, in deren Rahmen Tanz Zugang zu Erfahrung von Differenz und Heterogenität ermöglicht und über diesen Zugang Hybridität und Interkulturalität betont werden können; (4) Anthropologische Strukturmerkmale wie Raum, Zeit, Gemeinschaft, Ordnung, Erinnerung und Transzendenz, die das komplexe soziale, ästhetische und rituelle Gefüge von Tänzen konturieren; (5) Interkulturalität und anthropologische Forschung, die die Notwendigkeit einer transkulturellen, reflexiven und historisch vergleichenden Tanzforschung unterstreichen.

Der Text argumentiert, dass Tänze als performative und synästhetische Praxis wesentlich zur Ausbildung kultureller, sozialer und individueller Kompetenzen und Zugehörigkeiten beitragen.

Tänze gehören zu den wichtigsten Darstellungs- und Ausdrucksformen der Menschen. In ihnen wird kulturelle Identität ausgedrückt und das Selbst- und Weltverhältnis der Menschen dargestellt. Sie sind vielgestaltig. Ihre Formen variieren je nach Kultur und historischer Zeit (Wulf/Kamper 2002). In ihnen spiegeln sich gesellschaftliche, soziale und kulturelle Strukturen. Tänze sind produktiv; sie schaffen einen eigenen Bereich kultureller Praxis, in dem sich viele Merkmale verdichten (Junk 1977; Sorell 1983; Baxmann 1991; Brandstetter 1995; McFee 1999). Sie bringen ein Wissen vom Menschen zur Darstellung, das ohne sie nicht sichtbar würde. In ihnen zeigen sich unterschiedliche Bilder, Sichtweisen und Interpretationen des Menschen. Tänze verkörpern ein Wissen vom Menschen, bringen es zur Darstellung und machen es in mimetischen Prozessen erfahrbar. Im Zentrum der Tänze stehen der menschliche Körper und seine Bewegungen. Diese unterliegen der Dynamik von Raum und Zeit, in der sich die Bewegungen des Körpers entfalten. Aus den Tanzbewegungen, die sich im Raum vollziehen und in der Zeit konstituieren, erwachsen rhythmische Tanzfigurationen, in denen sich das kollektive und das individuelle Imaginäre ausdrückt (Wulf 2014). Tänze sind Medien menschlicher Selbstdarstellung und Selbstverständigung. Sie haben synästhetische Wirkungen, die von den verschiedenen Sinnen hervorgerufen werden. Besonders wichtig sind der Bewegungs-, Hör-, Tast- und Sehsinn; auch der Geruchs- und der Geschmackssinn haben für die Wirkungen des Tanzes Bedeutung. Wie Rituale und Spiele haben Tänze für die Bildung von Gemeinschaften eine zentrale Bedeutung. Durch die Synästhesie und die Performativität des Tanzes entsteht zwischen Menschen, die miteinander tanzen, eine emotionale und soziale Gemeinsamkeit. Tänze haben einen synästhetischen und einen performativen Überschuss, aus denen sich ihre soziale Dynamik und Bedeutung entwickeln.

Tänze sind körperlich, performativ, expressiv, symbolisch, regelhaft, nicht-instrumentell; sie sind repetitiv, homogen, ludisch und öffentlich; Tänze sind Muster, in denen kollektiv geteiltes Wissen und kollektiv geteilte Tanzpraxen inszeniert und aufgeführt werden und in denen eine Selbstdarstellung und Selbstinterpretation einer gemeinschaftlichen Ordnung stattfinden. Sie haben einen Anfang und ein Ende und damit eine zeitliche Kommunikations- und Interaktionsstruktur. Sie finden in sozialen Räumen statt, die sie gestalten. Tänze haben einen herausgehobenen Charakter; sie sind ostentativ und werden durch ihre jeweilige Rahmung bestimmt. Sie sind vielfältig. „Im weiten Spektrum der Tänze ist der Bühnentanz nur eine der vielen tänzerischen Bewegungsformen. Tänze entstehen auch in Verbindung mit Ritualen, Festen, religiösen Zeremonien und Popkultur-Events. Ihre Darstellungs- und Ausdrucksformen sind äußerst vielfältig und lassen sich nicht in wenige allgemeingültige Prinzipien subsumieren. Tänze inszenieren Körperbilder und Bewegungscodes. Sie erzeugen und dokumentieren Köpermythen; sie sind Ausdruck ästhetischer Repräsentationen und Inventionen“ (Brandstetter/Wulf 2007, S. 10). Sie bringen Körperwissen zur Darstellung, das ein schweigendes Wissen ist, dessen „Unschärfe“ ein Element ihrer Wirkung ist (Kraus/Budde/Hietzge/Wulf 2017).

Tänze lassen sich aus vielen Gesichtspunkten analysieren. Im Rahmen der UNESCO werden sie als Teil des „immateriellen“ kulturellen Erbes betrachtet. Im Jahr 2022 wurden z.B. der moderne Tanz und seine Rhythmus- und Ausdrucksbewegungen in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Damit wurde eine generationsübergreifende, expressive internationale Tanzform ausgezeichnet. Sie hatte ihren Ursprung in der Lebensreformbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts und ist bis in die Gegenwart eine wichtige Form lebendiger Kultur (Wulf 2024c). Der moderne Tanz und viele andere Formen des Tanzes sind wichtige Elemente des Weltkulturerbes, das Werke und Praktiken aus vielen Kulturen umfasst, die nicht in Form von Dokumenten und Monumenten überliefert sind, deren Bedeutung für die gesamte Menschheit jedoch unstrittig ist. Unter den immateriellen Praktiken des kulturellen Erbes spielen Tänze, Rituale, orale Traditionen und Ausdrucksformen sowie die Praktiken des Umgangs mit der Natur und das traditionelle Handwerkswissen eine besonders wichtige Rolle. Versucht man die Besonderheit dieser vor allem praktischen Überlieferungen und Traditionen zu bestimmen, so bieten sich für die Erschließung des tänzerischen kulturellen Erbes vor allem folgende für Bildungsprozesse zentrale Dimensionen an (Wulf 2025):

  • Körper und Performativität; 
  • Mimesis und mimetisches Lernen;
  • Andersheit und Alterität; 
  • Anthropologische Strukturmerkmale; 
  • Interkulturalität und anthropologische Forschung.

Körper und Performativität 

Wenn der menschliche Körper das Medium des Tanzes ist, ergeben sich daraus Konsequenzen für die Wahrnehmung und das Verständnis des Tanzes. Sie resultieren aus der Zeitlichkeit des menschlichen Körpers und werden durch die Dynamik von Raum und Zeit bestimmt. Die Praktiken des Tanzes sind nicht fixiert, sondern unterliegen wichtigen Transformationsprozessen, die an den gesellschaftlichen Wandel und Austausch gebunden sind. Da Tänze mit dem Körper vollzogen werden, gilt es, der körperlichen Seite ihrer Inszenierungen und Aufführungen besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Dabei kommt der Frage, auf welchen historischen und kulturellen Körperbildern Tänze beruhen, besondere Bedeutung zu.

Damit Tänze erfolgreich inszeniert und aufgeführt werden können, bedarf es eines individuellen Körperwissens sowie eines Wissens darüber, wie man sich zu den anderen Tänzern verhält. Die Momente eines Tanzes, die eine Gemeinschaft schaffen, sind eng mit seiner Körperlichkeit und Materialität verbunden. In seiner Inszenierung und Aufführung entsteht aus der Körperlichkeit und Materialität der einzelnen Körper ein kollektiver Körper, der vielfältig in sich gebrochen sein kann und von den ästhetische Wirkungen auf die Zuschauer ausgehen. 

Für die Performativität des Tanzes sind zwei Aspekte besonders wichtig. Der eine besteht darin, dass Tänze kulturelle Aufführungen sind, in denen sich Gesellschaften darstellen und ausdrücken und mit deren Hilfe Gemeinschaften entstehen. Der zweite Aspekt der Performativität charakterisiert die ästhetische Seite der körperbasierten Performance von Tänzen, ohne deren Verständnis Tänze nicht angemessen begriffen werden können (Wulf/Göhlich/Zirfas 2001; Fischer-Lichte/Wulf 2001, 2009; Wulf/Zirfas 2007; Wulf 2013a).

Aufgrund ihres performativen Charakters bringen Tänze Gemeinschaften hervor und erzeugen kulturelle Identität; ebenso bearbeiten sie Differenz und Alterität. Sie sind wichtige Praktiken des kulturellen Erbes, die traditionelle Werte vermitteln und dazu beitragen, diese an die aktuellen Bedürfnisse der Menschen anzupassen. Wenn dies nur unzulänglich möglich ist, werden neue Tänze „importiert“, die dann häufig dem aktuellen Lebensgefühl einer Gesellschaft besser gerecht werden. Dadurch kommt es zu neuen kulturellen Produkten, in denen sich unterschiedliche kulturelle Traditionen mischen; es entstehen hybride Tänze mit neuen Formen des Ausdrucks und der körperlichen Darstellung. 

Mimesis und mimetisches Lernen 

Die Praktiken des Tanzens werden in mimetischen Prozessen gelernt, in denen das für den Tanz erforderliche Körperwissen erworben wird. Dies geschieht durch die wahrnehmende und vor allem durch die praktische Teilnahme an Tänzen. Durch den mimetischen Bezug zu tänzerischen Vorbildern wird das für die Performanz des Tanzes erforderliche Körperwissen erworben. Solche Prozesse der Nachahmung zielen nicht darauf, die tänzerischen Vorbilder zu kopieren; Ziel ist es vielmehr, in einem Prozess kreativer Nachahmung, der Raum  für die individuelle Gestaltung des Tanzes lässt, sich den tänzerischen Vorbildern anzuähneln und dabei zu einer eigenen Gestaltung zu gelangen.

Der Prozess der Anähnlichung ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und hängt von vielen individuellen Faktoren ab. Wird eine Tanzhandlung auf eine frühere bezogen und in ähnlicher Weise durchgeführt, dann besteht der Wunsch, etwas wie die anderen Tanzenden zu machen, auf die sich die Beziehung richtet, und sich ihnen anzuähneln. Diesem Wunsch liegt das Begehren zugrunde, wie die Anderen zu werden, sich jedoch gleichzeitig von ihnen zu unterscheiden. Trotz des Begehrens, ähnlich zu werden, besteht ein Verlangen nach Unterscheidung und Eigenständigkeit (Gebauer/Wulf 1992, 1998, 2003, Wulf 2005, 2013b, 2024a, 2004b). Die Dynamik des Tanzens drängt zugleich auf Wiederholung und Differenz und erzeugt damit Energien, die die Inszenierungen und Aufführungen von Tänzen vorantreiben. 

Bei der Wiederholung geht es darum, in einem mimetischen Prozess gleichsam einen „Abdruck“ früherer Tänze zu nehmen und ihn auf neue Situationen anzuwenden. Die Wiederholung des Tanzes führt nie zur genauen Reproduktion des früheren Tanzes, sondern stets zur Erzeugung einer neuen Inszenierung und Aufführung, in der die Differenz zur früheren ein konstruktives Element ist. In dieser Dynamik liegt der Grund für die Produktivität mimetischer Handlungen. Unter Wahrung der Kontinuität bietet sie Raum für Diskontinuität. Inszenierungen und Aufführungen von Tänzen machen es möglich, das Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität auszuhandeln. Dabei spielen die jeweiligen Bedingungen der Individuen und Gruppen für die unterschiedlichen Handhabungen impliziter Muster und Schemata eine wichtige Rolle.

Für die Weitergabe praktischen Wissens vom Tanz ist die Sinnlichkeit der mimetischen Prozesse, die an den menschlichen Körper gebunden sind, sich auf menschliches Verhalten beziehen und häufig unbewusst sind, konstitutiv. Durch mimetische Prozesse inkorporieren Menschen Bilder und Schemata von Tänzen und machen sie zum Teil ihrer inneren Bilder- und Vorstellungswelt. Mimetische Prozesse überführen die Welt des tänzerischen Ausdrucks in die innere Welt der Menschen. Sie tragen dazu bei, diese innere Welt durch Bilder vom Tanz kulturell zu bereichern und zu erweitern. Die so entstandenen mentalen Bilder und die mit ihnen zusammenhängenden synästhetischen Erfahrungen sind von Kultur zu Kultur, von Generation zu Generation und von Milieu zu Milieu unterschiedlich. 

Da praktisches Wissen, Mimesis und Performativität wechselseitig verschränkt sind, spielt die Wiederholung bei der Weitergabe des Wissens vom Tanz eine wichtige Rolle. Tänzerische Kompetenz entsteht nur in Fällen, in denen ein geformtes Verhalten wiederholt und dabei verändert wird. Ohne Wiederholung, ohne den mimetischen Bezug zu etwas Gegenwärtigem oder Vergangenem entsteht keine kulturelle Kompetenz. Deswegen ist Wiederholung ein zentraler Aspekt der Vermittlung eines praktischen Tanz-Wissens (Resina/Wulf 2019).

Andersheit und Alterität 

Wenn Tänze kulturelle Identität darstellen, dann gewähren sie Menschen auch Erfahrungen von Alterität (Todorov 1985; Gruzinski 1988; Waldenfels 1990, Greenblatt 1994). Sie sind Ausdruck kultureller Vielfalt und können für kulturelle Heterogenität, d. h. für Andersheit und Alterität sensibilisieren. Nur dadurch, dass ein Sinn für Alterität entwickelt wird, kann eine Vereinheitlichung der Kultur als Folge uniformierender Globalisierungsprozesse vermieden werden. Mit Hilfe von Tänzen aus anderen Kulturen können Menschen für die Bedeutung der Vielfalt des kulturellen Erbes sensibilisiert werden. Nur mit Hilfe dieser Erfahrung sind sie in der Lage, mit Fremdheit und Differenz umzugehen und ein Interesse am Nicht-Identischen zu entwickeln. Neben Tänzen aus fremden Kulturen tragen auch viele zeitgenössische Tänze hoher ästhetischer Qualität dazu bei.

Individuen sind keine in sich geschlossenen Entitäten. Sie bestehen aus vielen widersprüchlichen und fragmentarischen Elementen. Rimbaud fand für diese Erfahrung den nach wie vor gültigen Ausdruck „Ich ist ein Anderer“. Auch Freuds Erfahrung, dass das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist, weist in diese Richtung. Die Integration der aus dem Selbstbild ausgeschlossenen Teile der Subjekte ist eine Bedingung dafür, dass Andersartigkeit und Alterität im Außen wahrgenommen und respektiert werden können. Nur wenn Menschen ihre eigene Alterität wahrnehmen , sind sie in der Lage, die Alterität von Tänzen und die Andersartigkeit anderer Menschen wahrzunehmen und mit beidem produktiv umzugehen. Gelingt es, das Andere in der eigenen Kultur wahrzunehmen, entsteht Interesse am Fremden in anderen Kulturen und die Möglichkeit, dieses zu wertschätzen. Dazu ist es notwendig, die Fähigkeit zu entwickeln, vom Anderen her, also heterologisch, zu empfinden und zu versuchen, sich selbst mit den Augen anderer zu sehen (Wulf/Merkel 2002; Wulf 2006).

Der Entwicklung dieser Fähigkeit stehen einige Faktoren entgegen. Zu den wichtigsten gehören die in den europäischen Kulturen besonders geschätzten Faktoren der Rationalität und Individualität, die bestimmte Muster der Welt-erfahrung und Weltdeutung enthalten. Häufig sind diese so bestimmend, dass sie Erfahrungen der Alterität nicht zulassen. Bei Tänzen spielen diese beiden Formen der verbreiterten Reduktion von Fremdheit eine eher geringe Rolle. Denn bei ihnen sind es die Körperlichkeit, die Bewegungen und Rhythmen, die Alterität vermitteln und kaum durch Rationalität und Individualität eingeschränkt werden. In Tänzen wird Alterität durch Performativität vermittelt. In mimetischen Prozessen machen Tänzer und Zuschauer fremde Figurationen nach, lassen sich durch diese erfassen und inkorporieren sie. Insofern dabei Bewegungen, Rhythmen und Figurationen aus fremden Kulturen assimiliert werden, entstehen neue Form-, Rhythmus- und Bewegungsverbindungen. Im Zeitalter der Globalisierung sind diese Hybridbildungen besonders verbreitet, bei denen sich die Herkunft einzelner Strukturelemente nicht mehr eindeutig bestimmen lässt. Angesichts der Tatsache, dass heute immer mehr Menschen in mehreren Kulturen gleichzeitig leben, gewinnen hybride Darstellungs- und Ausdrucksformen an Bedeutung (Wulf 2016). Die transnationale Jugendkultur und die Avantgarde des zeitgenössischen Tanztheaters enthalten dafür viele Beispiele.

Anthropologische Strukturmerkmale 

Betrachtet man Tänze als zentrale Elemente des immateriellen kulturellen Erbes und damit aus anthropologischer Perspektive, lassen sich einige Strukturmerkmale von Tänzen skizzieren, die wichtige Dimensionen bezeichnen, jedoch notwendigerweise unvollständig sind.

Raum und Zeit im Tanz
Tänze sind an die Räumlichkeit und Zeitlichkeit des menschlichen Körpers gebunden und entfalten ihre Figurationen im Raum und in der Zeit. Sie werden durch Bewegungen verbunden, in denen sich der menschliche Körper allein oder mit anderen Körpern in zeitlichen Sequenzen im Raum bewegt. In diesem Prozess spielen der Kontext sowie die Rahmung des Raums und der Zeit eine wichtige Rolle. In diese gehen historische und kulturelle, kollektive und individuelle Elemente ein, die die Darstellung, den Ausdruck und die Atmosphäre des Tanzes prägen. Die Bildszenarien, die virtuellen Räume und die mehrdimensionalen Zeitordnungen des zeitgenössischen Avantgarde-Tanzes schaffen Bedingungen von Raum und Zeit, welche die Potentiale des Tanzes erweitern. 

Tanz und Bewegung
In den Bewegungen des Tanzes macht der Körper Erfahrungen mit sich selbst, mit der Musik und den Bewegungen der Mittänzer. In seinen Bewegungen entwickelt er die Fähigkeit des Entwurfs, er formt sich und wird zu einem Instrument, das eingesetzt wird, ohne im funktionalen Gebrauch aufzugehen. Die Bewegungen des Tanzes enthalten einen „Überschuss“ in Darstellung und Ausdruck. In ihnen werden Figurationen imaginiert und handelnd eingeholt. Die Bewegungen des Tanzes formen den Körper, der sie hervorbringt; sie erzeugen Imaginationen und realisieren diese in wiederholten Inszenierungen und Aufführungen. Sie sind regelmäßig und Ausdruck von Ordnung. In den Bewegungen des Tanzes zeigt sich die Gelehrigkeit des Körpers; sie zeigt sich in Übungen und Wiederholungen. In den Bewegungen des Tanzes entsteht ein implizites Wissen, das sehr umfangreich ist. Je nach Tanz sind seine Bewegungen mehr oder weniger in soziale Machtstrukturen eingebettet oder, wie bei der zeitgenössischen Avantgarde, von diesen weitgehend freigesetzt (Kraus/Budde/Hietzge/Wulf 2017). 

Tanz und Gemeinschaft
Gemeinschaften ohne Tänze sind undenkbar. Über den symbolischen Gehalt der Interaktionsformen und vor allem über die performativen Prozesse der Interaktion und Bedeutungsgenerierung tragen Tänze zur Herausbildung von Gemeinschaft bei. Die das Tanzen ermöglichenden Techniken dienen der Wiederholbarkeit der notwendigen Vollzüge, ihrer Steuerbarkeit und Kontrollierbarkeit. Informelle, um Tänze herum gebildete Gemeinschaften zeichnen sich nicht nur durch den Raum eines kollektiv geteilten symbolischen Wissens aus, sondern vor allem durch die entsprechenden Interaktionsformen der Tänze, in denen und mit denen sie dieses Wissen aufführen. Diese Inszenierungen können als Versuch verstanden werden, die Selbstdarstellung und Reproduktion der Gemeinschaft und ihrer Integrität zu gewährleisten. Tänze erzeugen Gemeinschaften emotional, symbolisch und performativ; sie sind inszenatorisch und expressiv, ohne dass sich eine vollständige Übereinstimmung über die Mehrdeutigkeit der Tanzsymbolik erzielen ließe.

Tanz und Ordnung
Als interaktive Handlungsmuster bilden Tänze eine spezifische Ordnung und Regelhaftigkeit heraus. Zwischen den Tänzen und den Strukturen ihrer Entstehungskultur lassen sich Entsprechungen und Ähnlichkeiten identifizieren und analysieren, was bspw. der Vergleich der Tänze am französischen Hof und der bürgerlichen Gesellschaft am Anfang des 20. Jahrhunderts verdeutlicht. Tänze können daher zu Quellen für die Analyse gesellschaftlicher Ordnungs- und Machtverhältnisse werden; und eine Analyse der gesellschaftlichen Ordnung wiederum kann Hinweise zum Verständnis der Strukturen von Tänzen geben (zur Lippe 1974; Braun/Gugerli 1993). Im Tanz vollzieht sich eine rhythmische Dynamisierung von Bewegungen und ein ludischer Umgang mit der Hervorbringung, Veränderung und Auflösung von Ordnungen. 

Tanz und Identifikation
Mimetische Prozesse führen zur Identifikation mit den Tanzenden und den Tänzen und damit auch zur Identifikation mit den in den Tänzen impliziten Körperbewegungen und Körperbildern, den von ihnen ausgelösten Gefühlen und den ihnen inhärenten Werten und Normen. Nicht selten sind damit auch Prozesse der Inklusion und Exklusion verbunden. Über die Identifikation mit bestimmten Tänzen wird auch eine Identifikation mit Lebensstilen, Milieus und Gruppen erzeugt und beim Tanzen verkörpert. 

Tanz und Erinnerung
Tanzen schafft Erinnerungen. Zu diesen gehören Bewegungen, Rhythmen, Klänge. An diesen machen sich fest: Atmosphären, erotische Erlebnisse, Gefühle des „Fließens“, des Rauschs und manchmal sogar der Ekstase, Erinnerungen an Intensitäten, an Rhythmen, in denen man sich und die anderen spürt. Es sind synästhetische Erinnerungen, die mehrere Sinne einschließen. Manche sind kollektiv geteilte Erinnerungen, andere sind höchst individuell. Einige Erinnerungen sind primär an mentale Bilder, andere an Klänge, wieder andere an Bewegungen gebunden. 

Tanz als Differenzbearbeitung
In vielen Tänzen werden Differenzen bearbeitet, die unter anderem aus Geschlechts-, Alters- und ethnischen Unterschieden resultieren. Indem verschiedene Menschen gemeinsam tanzen, stellen sie die ansonsten zwischen ihnen bestehenden Unterschiede in den Hintergrund. Ihre Tanzbewegungen gelingen nur, wenn sie sich aufeinander beziehen und kooperieren. Sie bearbeiten die sie trennenden Differenzen, indem sie sich im Tanz mimetisch zueinander verhalten und sich einander anähneln. Unter der momentanen Zurückstellung von Differenzen erzeugen sie durch rhythmische Bewegungen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Im Tanz, in dem gemeinschaftliche Gefühle erzeugt, bestätigt und verändert werden, rücken ritualisierte Inszenierungsformen, körperliche Handlungs- und Spielpraktiken sowie mimetische Zirkulationsformen in den Mittelpunkt. Unter einer performativen Gemeinschaft der Tanzenden wird deshalb ein Handlungs- und Erfahrungsraum verstanden, der sich durch inszenatorische, mimetische und ludische Elemente auszeichnet (Wulf u.a. 2001, 2004, 2007, 2011).

Tanz und Transzendenz
In vielen Kulturen haben Tänze einen Bezug zur kosmischen Ordnung, zu Göttern, Geistern, Toten und Ungeborenen. Durch Tänze wird versucht, Einfluss auf die Mächte des Jenseits zu gewinnen. In vielen Fällen sind diese Tänze Teil von Opferritualen, mit denen Götter und Geister wohlgesonnen werden sollen. Meistens geschieht dies durch magische Tänze, in denen sich die Menschen mithilfe von Masken und anderen „Requisiten“ übernatürliche Kräfte zuschreiben, mit denen sie dann die bösen Götter und Geister vertreiben und bannen können. Nicht selten mobilisieren diese Tänze durch Rausch und Ekstase „übermenschliche“ Kräfte, mit denen die Bedrohung und Gefährdung der Welt abgewehrt werden soll. In diesen Tänzen etablieren die Menschen mit Hilfe von Exklusion und Inklusion Ordnung und Macht, durch die sie auch die kosmische Ordnung zu sichern trachten. 

Tanz und praktisches Wissen
Wer tanzt, lernt viel mehr als nur tanzen. Im Tanzen entwickelt sich eine weit über den Tanz hinausreichende, auch für andere Lebenszusammenhänge wichtige körperliche Kompetenz. Mit ihr geht eine Sensibilität für Bewegungen und Rhythmen, für Raum und Zeit, für Klänge und Atmosphären einher. Im Tanz entsteht ein praktisches, körperbasiertes Wissen, das in mimetischen Prozessen erworben wird. In dieses nehmen die Handelnden Bilder, Rhythmen, Schemata, Bewegungen in ihre Vorstellungswelt auf. Ihre mimetische Aneignung führt bei den Handelnden zu einem praktischen Wissen, das auf andere Situationen übertragbar ist. Das praktische Wissen wird in der Wiederholung geübt, entwickelt und verändert. Das so inkorporierte Wissen hat einen historischen und kulturellen Charakter und ist als solches für Veränderungen offen (Kraus/Budde/Hietzge/Wulf 2017; Boetsch/Wulf 2005). 

Tanz und Ästhetik
Aufgrund ihres Darstellungs- und Ausdruckscharakters sowie ihrer Performativität haben alle Tänze eine ästhetische Dimension, die deutlich macht, dass Tänze menschliche Ausdrucksformen sind, die sie zu wertvollen Bestandteilen des kulturellen Erbes der Menschheit machen, die durch nichts Anderes ersetzbar sind. Ästhetische Dimensionen haben sowohl die Tänze am Hof Ludwigs XIV. und der Avantgarde der zeitgenössischen Tanzkunst, die magischen Tänze der Götter- und Geisterbeschwörung, die Volks- und Gesellschaftstänze des 20. Jahrhunderts sowie die zeitgenössischen Tanzformen der Jugend. Der kulturellen Vielfalt der Tänze entsprechen unterschiedliche implizite Ästhetiken, die zwar durch eine Reihe von Gemeinsamkeiten, vor allem aber durch gravierende Unterschiede gekennzeichnet sind.

Interkulturalität und anthropologische Forschung 
Wenn Tänze Darstellungsformen von Kulturen sind, spiegelt sich in ihnen auch die kulturelle Vielfalt wider, die trotz der vereinheitlichenden Tendenzen der Globalisierung das kulturelle Leben weltweit bestimmt. Geht man davon aus, dass es für die Weiterentwicklung des menschlichen Zusammenlebens mehr denn je erforderlich ist, mit kultureller Diversität umgehen zu können, dann bieten die Praktiken des „immateriellen“ – nicht in Monumenten festgehaltenen – kulturellen Erbes, und insbesondere die Tänze Möglichkeiten, sich gegenüber dem Fremden zu öffnen und Erfahrungen im Umgang mit kultureller Vielfalt zu machen. Auch für den Bereich der Bildung liegt hier eine Herausforderung und Chance; Bildung muss heute mehr denn je als interkulturelle Aufgabe begriffen werden (Featherstone 1995; Wulf 1995, 2006, 2016). 

Fazit

Tänze sind Darstellungs- und Ausdrucksformen der Menschen, die etwas erfahrbar machen, was ohne sie nicht erfahrbar wäre. In vielen Tänzen experimentieren die Menschen mit sich, mit ihrer Geschichte und ihrer Kultur und versuchen, etwas auszudrücken, das sich anders nicht darstellen und aufführen lässt. Daher haben viele Tänze, vor allem aus dem Bereich der Tanzkunst, einen experimentellen Anspruch, der die Tänzer dazu anregt, etwas mit den Mitteln der Inszenierung und Aufführung des Körpers zu erfinden und zu erforschen, was zum Wissen über den Menschen beiträgt. Nähert man sich diesem Wissen heute aus anthropologischer Perspektive, so bieten sich vor allem drei Paradigmen der anthropologischen Forschung an, mit denen sich eine anthropologisch orientierte Tanzforschung konstituieren kann. Dabei handelt es sich um die philosophische Anthropologie, wie sie in Deutschland entwickelt wurde, die den prinzipiell offenen Charakter menschlicher Geschichte und die Möglichkeiten menschlicher Perfektibilität betont; die historische Anthropologie der „Schule der Annales“, die den historischen Charakter menschlicher Kultur und Fragen der Erforschung von Mentalitäten ins Zentrum stellt; sowie die angelsächsische Kulturanthropologie oder Ethnologie mit ihrem Interesse an kultureller Vielfalt und Heterogenität (Wulf 2009, 2010, 2013a, 2013b). Auf der Basis dieser Paradigmen steht die Entwicklung einer historisch-anthropologischen Tanzforschung an, die nicht auf bestimmte Kulturen und Epochen begrenzt ist und die in der Reflexion der eigenen Geschichtlichkeit und Kulturalität in der Lage ist, den Eurozentrismus großer Teile der Humanwissenschaften und der Ästhetik zu überwinden. Dazu bedarf es einer transdisziplinären und transkulturellen Orientierung sowie einer reflexiven Selbstkritik. Diese drei Paradigmen sind auch für die pädagogische Tanzforschung von zentraler Bedeutung, in der Inhalte, Methoden und Ziele, Transfer- und Anwendungsbeispiele sowie bildungspolitische Positionen eine wichtige Rolle spielen (Obermaier u.a. 2024).

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Christoph Wulf (2026): Tänze als immaterielles kulturelles Erbe. Neue Perspektiven für kulturelles Lernen. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/taenze-immaterielles-kulturelles-erbe-neue-perspektiven-kulturelles-lernen (letzter Zugriff am 14.04.2026).

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