Selbst/Erzählung. Konzepte narrativer (Lebens-)Geschichte in der biografisch-dokumentarischen Theaterarbeit

Artikel-Metadaten

von Leonie Ahmer

Erscheinungsjahr: 2020 / 2018

Abstract

Im wissenschaftlich-künstlerischen Studium MA Theaterpädagogik an der UdK Berlin besteht das Mastermodul aus zwei Teilen, einem praktischen – dem Masterprojekt und einem theoretischen – der Masterarbeit. Zwischen beiden Teilen gibt es vielfältige Möglichkeiten der Bezugnahme. Die Masterarbeit von Leonie Ahmer veröffentlicht kubi-online als PDF Textanhang, um Interessent*innen dieses ausgezeichnete Wissen zu erschließen und den Wissenstransfer zu bereichern. Das einführende Abstract hierzu habe die Gutachterinnen Ulrike Hentschel und Ute Pinkert verfasst.

„Selbst/Erzählung. Konzepte narrativer (Lebens-)Geschichte in der biografisch-dokumentarischen Theaterarbeit“ von Leonie Ahmer beschäftigt sich mit einer zentralen Problematik dieser in der zeitgenössischen theaterpädagogischen Arbeit prominenten Theaterform. Die leitende Fragestellung der Arbeit geht auf  Erfahrungen Ahmers in ihrem Masterprojekt zurück und richtet sich auf das Verhältnis von Lebenserfahrung und Lebensgeschichte und damit auf die Möglichkeiten von Repräsentation und Authentizität in biografisch-dokumentarischer Theaterarbeit.

„Welche Rolle spielt das, was ich über mich erzähle, für das, was ich bin? Kann eine Erzählung überhaupt repräsentativ sein für eine vergangene Gegenwart, die ich erlebt habe? Ändern sich Erzählungen nicht im Laufe der Zeit immer wieder, je nachdem, aus welchem Blickwinkel ich mich an etwas erinnere?“

Die Autorin geht von einer kulturwissenschaftlichen Perspektive aus und thematisiert im ersten Teil der Arbeit theoretische Grundlagen des Erzählens über die (eigene) Vergangenheit. Vor dem Hintergrund ihrer geschichtswissenschaftlichen Expertise diskutiert sie dabei unterschiedliche theoretische Ansätze zum Begriff der Geschichte und zu den erkenntnistheoretischen Möglichkeiten historischer Forschung (u.a. Carlyle, Benjamin, Kosellek). Mit Blick auf die leitenden Fragestellungen fokussiert sie sich dabei vor allem auf Fragen der Repräsentation sowie auf das Verhältnis von Geschichte und Gedächtnis und vertieft die theoretische Bestimmung verschiedener Zugriffe auf Vergangenheit:

„der Biografie als Erzählung vom eigenen Leben und der Geschichte als kollektivem Zugang vieler subjektiv erlebter Vergangenheiten. Dabei werden insbesondere die Begriffe des Subjekts, der Repräsentation und des Gedächtnisses aus kulturwissenschaftlicher Perspektive geschärft und Biografie und Geschichte in ein Verhältnis mit narrativen Prozessen gesetzt.“

Auf der Basis dieser theoretischen Grundlagen diskutiert Ahmer im zweiten Teil der Arbeit Positionen des (biografisch-)dokumentarischen Theaters. Sie geht von der historischen Position Peter Weiss’ aus und arbeitet sehr differenziert Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu zeitgenössischen Formen (Bühne für Menschenrechte, Milo Rau, Rimini Protokoll) heraus. Unter den Stichworten „Authentizität ausstellen?“, „Exotismus“, „Identität performen“ und „Privatheit und Banalität“ spricht die Autorin schließlich zentrale Problematiken solcher Inszenierungen an und diskutiert mit vielfältigen Verweisen auf Beispiele der (aktuellen und historischen) Kunstpraxis die Herausforderungen, die mit biografisch-dokumentarischen Theaterformen einher gehen. Abschließend fragt sie vor dem Hintergrund der einschlägigen Fachliteratur (Köhler, Pinkert, Hentschel, Herrbold) nach den Erfahrungsräumen, die sich in theaterpädagogischen Projekten für die nicht-professionellen Spielerinnen und Spieler ergeben und positioniert sich – auch als Ergebnis ihrer theoretischen Diskussion – als Theaterpädagogin, die in sozialen Kontexten mit biografischem und dokumentarischem Material arbeitet:

„Aus theaterpädagogischer Sicht scheint die Vertiefung eines dezentrierten Subjektbegriffs und damit der narrativen und performativen Erzeugung flüchtiger Identitäten von grundlegender Bedeutung zu sein. Entsprechend ist es sinnvoll, Akteur_innen in theaterpädagogischen Projekten im Wechselspiel mit der Gruppe und ihrem gesellschaftlichen und kulturellen Kontext aufzufassen, sodass sie nicht auf bestimmte Eigenschaften festgelegt und somit zu ‚Dokumenten‘ eines Themas erstarrt werden. Vielmehr kann die Thematisierung eines Biografie- und Geschichtsbegriffs zu Beginn theaterpädagogischer Projekte Differenzerfahrungen in Bezug auf alltägliche Realitäten begünstigen und das Verständnis der eigenen Erzählungen als künstlerisch gestaltbares Material fördern. Auf diese Weise können Akteur_innen zu experimentierenden und reflektierenden, ernst zu nehmenden Erzähler_innen, Performer_innen oder theatralen Archivar_innen persönlicher und kollektiver Geschichten werden.“

Leonie Ahmer gewinnt durch die Einordnung des biografisch-dokumentarischen Theaters in den historischen und kulturwissenschaftlichen Diskurs neue Perspektiven auf ein im theaterpädagogischen Kontext weit verbreitetes Phänomen. Durch ihre Sicht auf eine Geschichtsschreibung mit den Mitteln des dokumentarischen Theaters erschließt sie in der Theaterpädagogik bisher wenig oder nicht diskutierte Quellen und Positionen. Ihre Ausführungen knüpfen an der aktuellen theaterpädagogischen Diskussion an und erweitern diese durch eine Vielzahl von Kontextualisierungen aus der Perspektive einer kritischen Geschichtswissenschaft.

Verwendete Literatur

Auswahl von fünf Literaturempfehlungen zum Thema. Mehr Literaturhinweise finden sich in der angehängten Masterarbeit:

  • Assmann, Aleida (2000): Individuelles und kollektives Gedächtnis – Formen, Funktionen und Medien. In: Wettengl, Kurt (Hg.): Das Gedächtnis der Kunst. Geschichte und Erinnerung in der Kunst der Gegenwart (21-27). Frankfurt am Main: Haje Cantz.
  • Fetz, Bernhard/Hemcker, Wilhelm (2011): Biographie. Grundlagentexte und Kommentar. Berlin/New York: de Gruyter.
  • Hentschel, Ulrike/Mattenklott, Gundel (Hg.) (2009): Erzählen. Narrative Spuren in den Künsten. Berlin/Milow/Strasburg: Schibri.
  • Tecklenburg, Nina (2014): Performing Stories. Erzählen in Theater und Performance. Bielefeld: transcript.
  • Wihstutz, Benjamin (2012): Der andere Raum. Politiken sozialer Grenzverhandlungen im Gegenwartstheater. Zürich: diaphanes.

Anmerkungen

Die Masterarbeit „Selbst/Erzählung. Konzepte narrativer (Lebens-)Geschichte in der biografisch-dokumentarischen Arbeit“ von Leonie Ahmer veröffentlicht kubi-online als PDF-Anhang (591 KB), um Interessent*innen dieses ausgezeichnete Wissen zu erschließen und den Wissenstransfer zu bereichern. Das einführende Abstract hierzu habe die Gutachterinnen Ulrike Hentschel und Ute Pinkert verfasst.

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Gerne dürfen Sie aus diesem Artikel zitieren. Folgende Angaben sind zusammenhängend mit dem Zitat zu nennen:

Leonie Ahmer (2020 / 2018): Selbst/Erzählung. Konzepte narrativer (Lebens-)Geschichte in der biografisch-dokumentarischen Theaterarbeit. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/selbst-erzaehlung-konzepte-narrativer-lebens-geschichte-biografisch-dokumentarischen
(letzter Zugriff am 31.05.2020).

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Dieser Artikel wurde dauerhaft referenzier- und zitierbar gesichert unter https://doi.org/10.25529/92552.571.

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