Am Rand und mitten drin: ein Beispiel aus Hellersdorf in Berlin

Gemeinwesenarbeit (GWA), Soziale Kulturarbeit, künstlerische Interventionen und ihre Potenziale in von Ausschluss betroffenen Quartieren

Artikel-Metadaten

von Andrea Plöger

Erscheinungsjahr: 2026

Peer Reviewed

Abstract

In der DDR war der Bezirk Marzahn-Hellersdorf als größte und zuletzt fertig gestellte Großraumsiedlung ein Prestigeprojekt mit kulturellem Angebot, vielen Grünflächen, einer guten Gesundheitsversorgung und ausreichend Schul- und Kindergartenplätzen. Während der Stadtteil Marzahn zuerst gebaut wurde, wurde Hellersdorf bis zur Wiedervereinigung nicht ganz fertig gestellt. 35 Jahre nach dem Ende der Systemkonkurrenz finden sich im Bezirk nur wenige Kulturangebote, eine mangelhafte Gesundheitsversorgung sowie ein Mangel an Schul- und Kindergartenplätzen. Es gibt jedoch vergleichsweise viele Angebote der Sozialen Arbeit. Diese sind nur zu einem geringen Teil Projekte der Gemeinwesenarbeit und der Sozialen Kulturarbeit. Transformatives Community Organizing (CO) und künstlerische Interventionen im Rahmen eines von der Alice Salomon Hochschule (ASH) mit getragenen Drittmittelprojektes beschreiten hier neue Wege. Zwischenräume mit der station urbaner kulturen der neuen Gesellschaft für bildende Kunst und Community Spaces als Pilotprojekte des Transfer_Hub des Campus Transferale Drittmittelprojekts sollen Community Organizing und künstlerische Interventionen im städtischen Raum im Sinne einer Sozialen Kulturarbeit und eines transformatorischen Community Organizing für den Bezirk entwickeln. 

Ästhetisch-künstlerische Praxis bzw. künstlerische Interventionen im öffentlichen (städtischen) Raum, Soziale Kulturarbeit, Kulturelle Bildung, Community Organizing und Gemeinwesenarbeit: dieser Artikel soll die Schnittstellen und ihre verschiedenen Ansätze ausloten. Wenn Marzahn-Hellersdorf heute als Labor für verschiedene sich bundesweit manifestierende Trends wie Segregation, Prekarität neben Prosperität, mangelhafte städtische Infrastrukturen in Bezug auf Kultur, Freizeit und Bildung und rassistisch konnotierte Schuldzuweisungen betrachtet werden kann, dann könnte das, was hier gelingt, auch woanders von Belang sein. Soziale Kulturarbeit und künstlerische Interventionen – so die Hypothese dieses Beitrags – nehmen hier neben der Gemeinwesenarbeit und dem Community Organizing als Soziale Arbeit eine wichtige Funktion ein.

Die Alice Salomon Hochschule (ASH) ist 1998 von Schöneberg nach Marzahn-Hellersdorf, in den Stadtteil Hellersdorf gezogen. Die station urbaner kulturen ist 2014 als Ableger der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) von Kreuzberg nach Hellersdorf gekommen. Das Pilotprojekt Zwischenräume als eines der beiden Pilotprojekte des Campus Transferale Drittmittelprojekts, das die ASH zusammen mit der station urbaner kulturen 2023 begann, hat zum Ziel, die Bildungs- und Gestaltungsungerechtigkeit, die hier vor allem nach dem Mauerfall manifest wurde, zu thematisieren und in einem eigens dafür gegründeten Anwohner*innenbeirat mit Anwohner*innen, Hochschulangehörigen und bildenden Künstler*innen mit verschiedenen Aktionen und Veranstaltungen für zukünftige Teilhabegerechtigkeit bei Bildung und Gestaltung einzutreten. Ein zweites Pilotprojekt – Community Spaces – hat transformatives Community Organizing zum Inhalt in einem Bezirk, in dem die Menschen daran gewöhnt sind, dass ihre Meinung und ihre Perspektiven systematisch übergangen werden. Im Transfer_Hub als einem Teilprojekt des Campus Transferale Gesamtprojekts sind Forschung und Veranstaltungen angelegt, die für eine Sichtbarkeit im Stadtteil sorgen und die Erfahrungen aus den Pilotprojekten wissenschaftlich auswerten sollen.

In der Peripherie entscheidet sich jedoch auch das Schicksal des Zentrums – vor allem in Zeiten zunehmender Segregation. In Bezug auf die Umsetzung von Projekten an diesem Standort stellen sich daher verschiedene Fragen: Wie hängen ästhetische und kulturelle Partizipation zusammen mit politischer Selbstbestimmung und Artikulation? Und welche Rolle können Künstler*innen, Kulturschaffende und Sozialarbeiter*innen spielen? Und welche Rolle können Community Organizing bzw. Gemeinwesenarbeit dabei spielen?

Im Epochenbruch: Industrialisierung und die Ausbreitung der Großstädte – die soziale Ungleichheit explodiert, die Soziale Arbeit entsteht

Die Ursprünge der Sozialen Arbeit in Deutschland sind eng mit dem Namen Alice Salomon verknüpft. Sie erlebte die Aufbruchstimmung der Moderne in der sich rasant industrialisierenden Stadt Berlin, die extremen sozialen Gegensätze und die Benachteiligung bzw. den Ausschluss von Frauen. Als Kind einer bürgerlichen jüdischen Familie, die am Ende des 19. Jahrhunderts in der Nähe des Anhalter Bahnhofs in einem Haus mit einem Garten lebte, war sie Zeitzeugin der Industrialisierung, die die Stadt in wenigen Jahrzehnten transformierte. Die reichhaltigen Gartenanlagen entlang der Spree wichen Fabriken, in denen Tag und Nacht gearbeitet wurde. Die Menschen, die dort arbeiteten, wanderten in großen Teilen vom Land in die Stadt auf der Suche nach einem Auskommen. Das Leben der Arbeiter*innen, vor allem der Alleinerziehenden mit Kindern, war von extremer Härte geprägt. 

Die Soziale Arbeit, wie sie auf Alice Salomon zurückgeht, nahm gerade diese Frauen in den Fokus. Als Frauenrechtlerin und als Akademikerin, die gegen familiäre und institutionelle Hürden als eine der ersten Frauen an der Humboldt Universität promovierte, stritt Alice Salomon gegen Widerstände. Gleichwohl sah sie die Soziale Arbeit in einer Vermittlungsrolle, die helfen könnte, das soziale Elend zu lindern und der zunehmenden mit der Industrialisierung einhergehenden Vereinzelung entgegenzuwirken (vgl. Feustel: 2020:30). Während Salomon durchaus Ziele der Arbeiter*innenbewegung teilte und insbesondere für die Rechte der Frauen stritt, so sah sie sich nicht als Revolutionärin (vgl. ebd.). Hier zeigt sich auch eine Abgrenzung zu Sozialen Bewegungen, wie insbesondere der kontemporären Arbeiter*innenbewegung zu Alice Salomons Zeit. 

Der Epochenbruch der Industrialisierung kann mit dem aktuellen Bruch der Digitalisierung und den damit einhergehenden Metaprozessen der Globalisierung, Individualisierung und Kommerzialisierung (vgl. Krotz 2020) verglichen werden. Faschismus, möglicherweise als „digital fascism“ (vgl. Fuchs 2022), scheint derzeit (wieder) eine Option zu sein. Was sind die Antworten darauf heute?

Community Organizing (CO) – eine andere Antwort auf die extreme soziale Ungleichheit während der Industrialisierung

Ungefähr 30 Jahre nachdem Salomon 1908 in Berlin-Schöneberg die Soziale Frauenschule gegründet hatte, machte sich ein gewisser Saul Alinsky daran, Prinzipien und Praxis des Community Organizing zu formulieren und zu erproben. Ähnlich wie Alice Salomon war auch Alinsky von der engen Verzahnung von Theorie und Praxis überzeugt. Ähnlich wie Salomon wurde er Zeitzeuge der rasanten Industrialisierung – in seinem Fall in Chicago/USA. Und ähnlich wie Alice Salomon kam er aus einer jüdischen Familie und wurde Zeuge des sich ausbreitenden Faschismus in Europa.

Auch wenn Saul Alinsky sich mit der Kirche zusammentat und kommunistische Ansätze ablehnte und kein gewerkschaftliches Organizing betrieb (vgl. McAlevey 2019: 67–68), so ist seine Form des Community Organizing in der heutigen Rezeption ein Modell für einen transformativen Ansatz, der lange Zeit in Deutschland keine große Rolle innerhalb der Sozialen Arbeit spielte. Leo Penta, der als Professor für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule Sozialwesen Berlin den Ansatz des Community Organizing ab 2000 in Deutschland bekannt machte, schreibt zusammen mit Frank Düchting: „CO versteht die Bürgergesellschaft als politisch im weitesten und ursprünglichsten Sinn. Die Bürger/innen, vor allem als miteinander verbundene und organisierte Bürger/innen, bilden ein Gegenüber zu Staat und Wirtschaft, das für eine lebendige Demokratie unabdingbar ist. […] Es geht darum, auf Entscheidungen und Strukturen, die die Menschen unmittelbar betreffen, wirklichen Einfluss zu nehmen“ (Penta/ Düchting 2014:2). Eine Studie zur Finanzierung von Gemeinwesenarbeit (GWA) und Community Organizing sieht vor allem den „transformatorische[n] Impetus“ als Gemeinsamkeit (Fehren et al 2023:11).

Die im deutschsprachigen Raum entstehende Gemeinwesenarbeit hatte jedoch aufgrund einer anderen Verfasstheit der staatlichen Sicherungssysteme, ihrer späteren zeitlichen Rezeption und ihrer Verortung in der Sozialen Arbeit von vornherein einen anderen Charakter. Die Gemeinwesenarbeit wurde oftmals als „dritte Säule der Sozialen Arbeit“ verortet und in Teilen auch kritisiert. Insbesondere die Finanzierung ist ein wesentlicher Unterschied zum Community Organizing, wie es in den USA entwickelt wurde. Durch größtenteils staatliche und vielfach unzureichende bzw. zeitlich begrenzte Alimentierung fehle die Unabhängigkeit, die CO in den USA oftmals aufgrund einer Finanzierung durch Spenden mit sich bringe (Bringt 2021:220).

Soziale Arbeit und Gemeinwesenarbeit (GWA) – die dritte Säule?

Die Adaption von Community Organizing in der Tradition Alinskys in der Sozialen Arbeit im deutschsprachigen Raum führte mit den Jahren in Westdeutschland und dann im wiedervereinigten Deutschland zu Justierungen, die es einerseits hinter den anderen beiden Säulen Sozialer Arbeit (Einzelfallhilfen und Soziale Gruppenarbeit) zurücktreten ließen und andererseits eher eine Vermittlungs-Funktion zuwiesen (vgl. Rothschuh 2013:6).

Die Nähe des Community Organizing und der Gemeinwesenarbeit zu Sozialen Bewegungen, insbesondere in den städtischen Quartieren, wurde seit den 1980er Jahren kontinuierlich weniger. Statt den Bürger*innenplattformen tauchten Quartiersmanagementbüros in Berlin ab dem Ende der 1990er Jahre auf, als die Stadt bereits im großen Stil Wohnungen an Investmentfonds und Unternehmen verkaufte und die Mieten zu steigen begannen. Die Einrichtung von Quartiersmanagement wurde so auch in Berlin in vielen Stadtteilen, insbesondere in Kreuzberg, als Appeasement-Strategie wahrgenommen. Dieter Oelschlägel schreibt (mit Bezug auf die Großraumsiedlungen in Westdeutschland), dass die „offensichtlichen Mängel dieser Siedlungen und die daraus erwachsenden sozialen Probleme […] zu zwei Entwicklungen der Gemeinwesenarbeit“ geführt hätten. Dies sei eine Beteiligung der Einwohner*innen an der Stadtplanung gewesen, die jedoch „gering geblieben“ sei, und zweitens die „Legitimationssicherung durch bürgerliche Aktivitäten im Rahmen der GWA“, die „wesentlich bedeutender“ gewesen sei (Oelschlägel 2017:172). 

In den letzten Jahren erscheinen jedoch neue Ansätze des Community Organizing bzw. der Gemeinwesenarbeit. Hier kann eine Bewegung hin zu einem eher originären Verständnis des Ansatzes beobachtet werden: In den letzten Jahren gibt es eine verstärkte Rezeption von CO und GWA, die sich in dieser Tradition versteht und der mitunter eine Abkehr der vermittelnden und eher befriedenden Rollen fordert, wie etwa Maren Schreier es postuliert: „Entscheidend ist, und hier unterscheiden sich GWA und Quartiersmanagement explizit, dass Gemeinwesenarbeit darauf zielt, gesellschaftliche Konflikte, die hinter individuellen wie kollektiven Notlagen, Scheitern, Perspektivlosigkeiten stehen, sichtbar zu machen. Dadurch werden diese politisierbar, und erst dann gibt es Möglichkeiten der öffentlichen Auseinandersetzung sowie der Schaffung von Gegenmacht“ (Schreier 2014:142).

In diesen – jüngeren – Ansätzen von GWA und CO verschwimmen die Grenzen zu Sozialen Bewegungen, wie etwa den Recht auf die Stadt Bewegungen. Im transformativen Community Organizing werden die Grenzen zu Sozialen Bewegungen und Protesten bewusst eingerissen. Miriam Pieschke schreibt: „Herrschaftsverhältnisse werden intersektional analysiert und angegriffen, theoretische Erkenntnis und praktisches Handeln greifen ineinander. Solche Aktivitäten des movement building stärken allen Aktiven des Transformative Community Organizings den Rücken und tragen essenziell dazu bei, dass eine starke Bewegung der Bewegungen entstehen kann“ (Pieschke 2019:31, Hervorhebungen im Original).

Wie wirken diese Ansätze in der ausgedehntesten Großraumsiedlung der DDR – 35 Jahre nach dem Mauerfall? Und welche Rolle kommt dabei der Sozialen Kulturarbeit zu –gemessen an ihrem eigenen Professionsverständnis? Und ist es überhaupt die Soziale Kulturarbeit als Teil Sozialer Arbeit, die sich hier in Soziale Bewegungen und Stadtteilarbeit einschreibt? Oder sind es auch künstlerische Interventionen, die die Verhältnisse nicht so zielgerichtet transformieren wollen, wie das transformative Community Organizing, sondern zunächst erst einmal „auf den Punkt bringen“ wollen?

Genau diese Widersprüche spiegeln sich in unserem Drittmittelprojekt und den beiden Pilotprojekten – Community Spaces (mit Oliver Fehren/ Gemeinwesenarbeit als Teil der Sozialen Arbeit und Miriam Pieschke und Ariel Bineth, Organizer*innen im Sinne eines transformativen Community Organizing und Soziolog*innen) und Zwischenräume (Andrea Plöger/ Soziale Kulturarbeit als Teil der Sozialen Arbeit und Adam Page und Eva Hertzsch als Künstler*innen und Kurator*innen der station urbaner kulturen/ nGbK) . 

Soziale Kulturarbeit in der Gemeinwesenarbeit (GWA) und im Community Organizing (CO)

Soziale Kulturarbeit (in der Literatur wird auch vielfach von Soziokultur gesprochen) spielte hier bereits in den ersten Entwicklungen eine Rolle. „Anknüpfend an die Tradition und Entstehungsgeschichte der Settlementbewegung Ende des 19. Jahrhunderts im anglo-amerikanischen Sprachraum sowie an die praktische Arbeit der ersten deutschen Nachbarschaftshäuser zu Beginn des 20. Jahrhunderts sieht Oelschlägel die Gemeinwesenarbeit als den Ort, an dem Soziales und Kultur nicht nur zusammenwachsen, sondern darüber hinaus sich gar gegenseitig bedingen. Gemeinsame Zielperspektive beider Bereiche ist die Bewusstmachung individueller wie kollektiver Lebensbedingungen und deren Änderung“ (May/ Stock 2019). 

Soziale Kulturarbeit als Transmissionsriemen für die Gemeinwesenarbeit bzw. das Community Organizing blickt auf eine lange Tradition zurück. Friedemann Bringt schreibt: „Die Settlementbewegung entstand Ende des 19. Jahrhunderts in Großbritannien. Ihr Mitbegründer war Arnold Toynbee, der 1892 im Londoner East End (einem damaligen Arbeiterslum) mit Akademiker*innen und Studierenden ein Haus bezog, um eine Brücke zwischen Arm und Reich zu schlagen. In den Niederlanden wurde diese Idee wenig später durch die Volkshausbewegung aufgegriffen, deren Gemeinschaftshäuser eine Kombination aus Begegnung, Erholung und Bildung als ganzheitlichen Lebensansatz vertraten. Kultur und Kunst wurde von den zumeist bürgerlich-humanistischen Pionieren der Bewegung als soziokulturelles Vermittlungsmedium für die drei Bereiche: Begegnung, Erholung und Bildung begriffen“ (Bringt 2021:101).

Auch Alice Salomon stand in dieser Tradition – insbesondere in Bezug auf Frauen.1898 gründete sie in Berlin einen Club für Arbeiterinnen. „Eines ihrer zentralen Motive für ihr Engagement bestand darin, sozial exkludierten Gruppen, wie jungen Arbeiterinnen – oftmals alleinerziehenden Müttern – Teilhabegerechtigkeit zu ermöglichen“ (Josties/ Hemberger/ Kaiser/ Plöger 2021:145).

Hier zeigt sich eine zweite Bruchlinie und gleichzeitig Wurzel aktueller Interpretationen von Sozialer Kulturarbeit: Kulturvermittlung und Teilhabegerechtigkeit sind als Grundprinzipien weiterhin leitend. Weiterhin sind auch in der Sozialen Kulturarbeit Marginalisierungen und Exklusion sowie ein durch Klassenzugehörigkeiten oder koloniale Prägungen vermitteltes Kulturverständnis als Mittel der Distinktion zu finden. Auch dieses Spannungsfeld, zwischen einer Spiegelung bürgerlicher Konventionen und damit einhergehender Abgrenzung und Bestätigung von Klassenzugehörigkeiten und emanzipativer kultureller Selbstbehauptung, ist bis heute virulent in den Debatten. 

Mit der Wiederentdeckung der Gemeinwesenarbeit in der Sozialen Arbeit und dem Community Organizing in seiner ursprünglichen Form geht auch eine erneute Auseinandersetzung um die Rolle der Sozialen Kulturarbeit einher. Zu diskutieren wird auch sein, inwiefern die Soziale Kulturarbeit die ihr hier zugewiesene Rolle, als „Türöffner und Brückenbauer“ (Gesemann/ Seidel/ Freudenberg/ Riede/ Groschke 2019:35), tatsächlich zu erfüllen gedenkt, denn diesem Verständnis von Sozialer Kulturarbeit wird immer wieder aus der Profession heraus widersprochen. Seit Jahrzehnten werden die Implikationen diskutiert und die Eigenständigkeit und Ergebnisoffenheit Sozialer Kulturarbeit dagegengehalten: „Soziale Kulturarbeit bedarf der öffentlichen Äußerung, der Performanz und Einmischung und entfaltet in diesem Kontext eine unmittelbare kulturell-symbolische, ja teilweise gesellschaftspolitische Kraft, vor allem im Kontext sozialer Bewegungen und Proteste. Soziale Kulturarbeit hat ihren ästhetisch-künstlerischen Eigensinn und lässt sich weder als ‚Medium‘ noch vermeintliche soziale Zwecke instrumentalisieren“ (Josties/ Hemberger/ Kaiser/ Plöger 2021:146f). Die Fragen der Ost/ West Sozialisation spielen hier ebenfalls eine wichtige Rolle: Welche Soziale (Kultur) Arbeit ist gemeint? Und welches Verständnis und welche Praxis von Kultureller Bildung? 

Soziale (Kultur) Arbeit in der DDR

Der Bezirk Marzahn-Hellersdorf war in der DDR attraktiv für kulturinteressierte und gut gestellte junge Familien. Die Wohnlage galt als bevorzugt. Nach der sogenannten Wende verlor der Bezirk rasant Anwohner*innen und alterte wie im Zeitraffer. Auch die gesellschaftliche Stellung der Anwohner*innen änderte sich, viele waren nun von Arbeitslosigkeit betroffen. Schulen und Kindergärten schlossen, wurden abgerissen und Träger der Sozialen Arbeit siedelten sich an. Nicht wenige Anwohner*innen wurden von Adressat*innen des Kulturbetriebs zu Klient*innen der Sozialen Arbeit. 

Die Soziale Arbeit und Kulturarbeit in Ostdeutschland brachten besondere Voraussetzungen und Bedingungen mit. Mit der so genannten Wende sind weitreichende gesellschaftliche Transformationsprozesse angestoßen worden, die im Osten vor allem zu einer schablonenhaften Übernahme von Westmodellen und Arbeits- vor allem Führungskräften aus Westdeutschland sowie einer Neoliberalisierung samt großflächigen Streichungen und Schließungen von Kultureinrichtungen geführt haben.

34 Jahre später kommt Livia Knebel zu folgender Bestandsaufnahme: „Obwohl es spätestens seit den 1970ern mit der Forderung nach 'Kultur für alle' auch in der BRD ein Bewusstsein für die gesellschaftliche Bedeutung von kultureller Bildung gab, wurde es jahrzehntelang versäumt, sich in der öffentlichen Debatte differenziert und kritisch mit der ostdeutschen Kulturpolitik auseinanderzusetzen. Da diese zweifelsohne ideologiebasiert war, musste sie schnellstmöglich den kulturpolitischen Handlungsmaximen der BRD weichen, ungeachtet ihrer Erfahrungswerte und vor allem positiven Effekte und Wirkungsweisen, die man nun mit neu anmutenden Ideen und Förderinitiativen teils wieder herzustellen versucht, sowie den weiteren Folgen, die der radikale Wandel für die in Ostdeutschland lebenden Menschen nach sich zog. Wer sich heute über die Verdrossenheit, Frustration und eine zunehmende politische Radikalisierung vieler Menschen in den neuen Bundesländern wundert, könnte gemäß der beschriebenen Wirkung von Kultur und kultureller Bildung hier einen Zusammenhang sehen“ (Knebel 2023:235).

Das Grundverständnis Sozialer Arbeit und staatlicher Hilfen war jedoch ein gänzlich anderes als in Westdeutschland. Birgit Bütow schreibt: „Die DDR verstand sich als gesellschaftspolitische Alternative, als Erbin und Umsetzerin gesellschaftspolitischer Modelle in der Tradition der deutschen Arbeiterbewegung und der Theoretiker Marx, Engels und Lenin, in der die Gleichheit Aller hinsichtlich des sozialen Status postuliert und in deren Konsequenz auch die grundlegende Interessensübereinstimmung Aller behauptet wurde. Soziale Probleme und die damit begründbare Sozialpolitik galten als ebensolches Übergangsphänomen wie die ihnen zugrundliegenden Widersprüche und Ungleichheiten. Die zentrale Funktion des Staates bestand u. a. nicht nur darin, soziale Probleme zu lösen, sondern auch die hegemoniale Deutungsmacht darüber zu beanspruchen, was soziale Probleme sind. Der Sozialstaat garantierte im Gegenzug die soziale Integration und Sicherheit zum Preis der Anpassung an kollektive Normen“ (Bütow 2014:172).

Der Blick jedoch auf die Realität in der DDR und damit auch Marzahn-Hellersdorf ist ab 1990 zunächst grundsätzlich ein westdeutscher. Auch die Kriterien, an denen Gelingen und Scheitern gemessen werden, sind exogen und im westdeutschen System entwickelt worden und von ihm legitimiert. So verwundert es nicht, dass in kurzer Zeit die westdeutschen Modelle der Sozialen Arbeit implementiert wurden und die Chance „diskursiver“ Prozesse zur Entwicklung eigenständiger Ansätze vertan wurde (vgl. ebd.:176). 

Die Aufarbeitung der Geschichte der Sozialen Arbeit in der DDR müsste sich aber über die staatlichen Institutionen hinaus auch auf „lokalhistorische Forschung zu widerständigen Praxen, die sich in Nischen der DDR-Gesellschaft spätestens in den 1980er Jahren, vor allem unter dem Dach der Kirchen, entwickeln konnten“, beziehen, so Heike Radvan (Radvan 2019:220; vgl. auch Maurer 2006:45). 

Martin Hunold geht noch einen Schritt weiter und konzipiert die derzeit geführten gesellschaftlichen Debatten um die „Transformationsgeschichte in Ostdeutschland“ in Anlehnung an Pierre Bourdieu als Ringen um gesellschaftspolitische Hegemonie mittels Distinktion: „Ost- und Westdeutschland als gesellschaftshistorische und politisch gewachsene Regionen können mit diesen Konzepten als mehrdimensionale ‚Kraftfelder‘ konzipiert werden, in denen um Bedeutung, Position und Einfluss gerungen wird“ (Hunold 2025:78).

35 Jahre nach dem Mauerfall findet nun erstmals eine größere Auseinandersetzung mit dem Erbe der DDR und Westdeutschlands und den Implikationen der so genannten Wiedervereinigung – auch in Bezug auf die Soziale (Kultur-) Arbeit statt (vgl. Schulze/ Hille/ Albrecht 2023). Mit Bezug auf Partizipation und Teilhabegerechtigkeit scheinen jedoch zwischen der westdeutschen und der ostdeutschen Gesellschaft mehr Gemeinsamkeiten bestanden zu haben, als oftmals angenommen. Zwar scheint das Ringen um Disktinktion in der DDR deutlich weniger ausgeprägt gewesen zu sein als es in Westdeutschland war. Jedoch konnte die „Abhängigkeit des individuellen Kulturinteresses von Faktoren wie dem sozialen und familiären Umfeld [...] nicht überwunden werden“ (Knebel 2023:232). 

Abriss Ost – Schulen schließen, die NPD mobilisiert und im Zwischenraum der Place Internationale

Die Ökonomisierung Sozialer Arbeit nach der Wiedervereinigung, die in Ostdeutschland – wie bereits argumentiert – eine Zerschlagung von Strukturen und die Übernahmen der westlichen Architektur Sozialer Arbeit zur Folge hatte und im Kulturbereich zu einem Kahlschlag führte, richtete auch in Westdeutschland Schaden an. Hans Thiersch resümiert 2014: „Der Neoliberalismus funktionalisiert die in der Arbeit notwendige Transparenz zum Instrument ökonomischer Effektivität und unterwirft die Soziale Arbeit den Gesetzlichkeiten der betriebswirtschaftlichen Logik; der Neoliberalismus erlaubt in den Einschränkungen der sozialen Arbeit ein gutes Gewissen: sie sind funktional, ebenso wie die Kontrollen und Disziplinierungen für diejenigen, die mit ihrer Lage nicht zurechtkommen“ (Thiersch 2014: 328).

Das Ende des realexistierenden Sozialismus und die Ad-hoc-Übernahme westlicher Strukturen in Kombination mit weitgehenden Kürzungen und Schließungen und der allgemeinen Ökonomisierung Sozialer Arbeit in Ost und West führten bis zum Ende der 1990er Jahre gerade in dem ehemals nachgefragten Stadtteil Hellersdorf, als letztem nie ganz fertig gestelltem Teil der Großraumsiedlung Marzahn-Hellersdorf, zu Wegzug, Niedergang, Leerstand und schließlich Abriss. Exemplarisch wird dies auch im Film „Kalle Kosmonaut“ (Kugler/ Kurth 2022), einer Langzeitbeobachtung des Protagonisten „Kalle“, der nach der Wendezeit in Hellersdorf aufwuchs, gezeigt. 

Auf der Suche nach Plätzen zur Unterbringung für Asylsuchende wurde 2013 das erste große innerstädtische Asylheim (450 Plätze für Kinder und Erwachsene) in eine leerstehende Schule in der Nähe der ASH gelegt. Kader der damaligen NPD (heute heißt die neonazistische Partei „Die Heimat“) organisierten und führten damals schnell die Proteste in der Nachbarschaft an. ASH-Angehörige stellten sich dagegen, und Studierende organisierten Schutz auf dem Weg zur U-Bahn-Station sowie Hausaufgabenhilfen für Kinder. Der Verein Hellersdorf hilft, der von Anwohner*innen zur Unterstützung der Menschen im Heim gegründet worden war, wurde in vielerlei Hinsicht aktiv. Ein Projektraum, das interfix (heute Projektraum des CaT Drittmittelprojekts) wurde in der Nähe des Asylheims angemietet, und die ASH vereinbarte mit dem damaligen Träger, einen Seminarraum im Asylheim zu belegen.

2016, zwei Jahre nachdem eine Arbeitsgruppe der nGbK mit Adam Page, Eva Hertzsch, Jochen Becker und anderen bereits den Hellersdorf-Standort station urbaner kulturen gegründet hatte, brachte die Gruppe künstlerische Aktionen und Interventionen auf eine nahegelegene Grünfläche vor dem Asylheim in der Maxie-Wander-Straße an diesen Ort. Sie nannte ihn fortan Place Internationale. Hier gelang ein Community Building – zunächst mit den Kindern und Jugendlichen aus dem Heim und den Anwohner*innen. Projekte der Urbanen Praxis, wie Cricket Training und Turniere, Workshops und Ausstellungen und das Urban Gardening-Projekt Wandergarten Hellwichstorp folgten und führten zu einer Transformation der konfliktiven Situation. 

Nach dem Abriss: Soziale Kulturarbeit, künstlerische Interventionen, Soziale Arbeit, Gemeinwesenarbeit (GWA) und Community Organizing (CO)

Insbesondere der Zuzug von Geflüchteten ab 2013 führte in Deutschland zu einer Revitalisierung der Gemeinwesenarbeit als „politische Gemeinwesenarbeit“, so Bringt. Er schreibt: „Zusammenleben von Angestammten und Zugewanderten in Verbindung mit einer Ächtung extrem rechter Akteure und von Ideologien der Ungleichwertigkeit entstand vermehrt erst wieder, als ab 2013 mehr geflüchtete Menschen nach Deutschland kamen, die integrativ mit Sozialarbeit begleitet wurden. Zudem scheint sich die Sozialarbeit in Reaktion auf die gesellschaftliche Rechtsdrift auf ihre politisch-ethischen Wurzeln zu besinnen und so eine Renaissance der GWA zumindest als konzeptionelle Größe Sozialer Arbeit an deren Ausbildungsstätten anzubahnen. Anknüpfen kann diese politische GWA an Ideen Sozialer Arbeit als Menschenrechtsprofession und politische GWA-Projekte“ (Bringt 2021:220).

Es bleibt die Frage, wie 35 Jahre nach dem Mauerfall eine GWA/ CO und Soziale Kulturarbeit gelingen kann, die nicht die dominante Lesart und Architektur des Westens reproduziert und impliziert (vgl. Bütow 2014:186). Es stellen sich auch Fragen nach den Folgen und Potenzialen der Digitalisierung für die Gemeinwesenarbeit. Es wird bereits mit Anwendungen experimentiert. Die Gefahr liegt hier jedoch in einer Verstärkung von Ausschluss und Marginalisierung eben jener Akteur*innen, die Adressat*innen der GWA und des Community Organizing sind (vgl. Tappert/ Suter 2024:216ff).

Mit der Gründung eines Anwohner*innenbeirates hat das Pilotprojekt Zwischenräume die Arbeit im Stadtteil aufgenommen. Hier wird diskutiert, was getan werden kann und wie Anwohner*innen und Hochschulangehörige zusammen an Lösungen arbeiten können. Die ersten Veranstaltungen fanden 2023 auf dem Alice-Salomon-Platz statt. Seitdem sind z. B. die Hochbeete als Initiative des Anwohner*innenbeirates umgesetzt worden, und es gibt regelmäßig Filmvorführungen, Diskussionen und Feste – auch im Rahmen des Gesamtprojektes.

2024 wurde von der nGbK ein Pavillon als Klassenzimmer der Zukunft auf der Grünfläche vor dem Asylheim in der Maxie-Wander-Straße aufgebaut. Der Ausstellungsort und Treffpunkt wurden schnell in der Stadt bekannt, und Studierende, Schulklassen und Künstler*innen stellten dort aus. 

Als grüner Kunststoff-Pavillon wurde er 1971 für die Dresdner Bank und ihrem neuen Silberturm in Frankfurt am Main entworfen – dem bis 1990 größten Hochhaus Deutschlands. Nach verschiedenen Zwischennutzungen erwarb die nGbK den Pavillon und baute ihn als Ausstellungsraum und Bildungsort auf der Grünfläche für verschiedene Kooperationen auf, u. a. mit dem Projekt Zwischenräume und in diesem Kontext auch als Klassenzimmer der Zukunft. Während der Silberturm der Dresdener Bank, einst Symbol für Fortschritt, Moderne und auch für die Gestaltungskraft der freien Märkte, inzwischen Geschichte ist, so lebt der Pavillon nun weiter als Ort der Zukunft von Bildungsgerechtigkeit und Demokratiestärkung. 

Die Idee eines Klassenzimmers der Zukunft entstand im nGbK-Arbeitskreis Schule der Zukunft, dessen Gründung von der Grünfläche als früherer Schulstandort und heutiges Ökotop inspiriert wurde. Der Arbeitskreis schlägt der Berliner Bildungspolitik vor, eine an diesen Standort an- und eingepasste Schule der Zukunft auf der Fläche entstehen zu lassen, anstatt eine der vom Senat geplanten Standardschulen der Berliner Schulbauoffensive zu platzieren. Eine Schule der Zukunft, an der ein diskriminierungskritisches, inklusives und umweltgerechtes Konzept umgesetzt wird, soll das Signal senden, dass die Hellersdorfer*innen und insbesondere die Kinder aus der Nachbarschaft, ob derzeit noch im Heim oder in den umliegenden Plattenbauten, einen innovativen Bau und ein partizipatives, kollaboratives Konzept umsetzen wollen und dass die Mitsprache ernst genommen wird – anknüpfend an die Prozesse, die sich auf der Grünfläche seit 2016 entwickelt haben. Es wäre eine Schule der Zukunft für eine Community der Zukunft, die sich hier viele wünschen.

Die Wünsche des Arbeitskreises wurden ignoriert und die Fläche musste im September vergangenen Jahres für eine Standardschule geräumt werden. Auch der Pavillon musste weichen. Auf Druck des Anwohner*innenbeirates genehmigte der Bezirk zumindest für ihn einen neuen Standort ab 2025: den Vorplatz der Alice Salomon Hochschule. Seitdem gibt es dort wieder Ausstellungen, Diskussionen, Performances, oder Schulklassen stellen ihre Schulgärten vor. 

Was fehlt, ist noch ein Ort für die Community, wo die Menschen wetterunabhängig zusammenkommen können. Die Einkaufszentren in der Nachbarschaft kämpfen mit dem Leerstand. Das Community Spaces Pilotprojekt hat seine Anlaufstelle nun dort aufgemacht. Bedarfe werden hier gerade ermittelt. Was wollen und brauchen die Hellersdorfer*innen? 

Die Community der Zukunft

Heute, 35 Jahre nach dem Ende der Systemkonkurrenz, ist die soziale Frage und insbesondere die Frage nach einem bezahlbaren Wohnraum in Berlin und weltweit von großer Bedeutung. Gleichzeitig erleben wir einen Rechtsruck und das Erstarken rechtsextremer Bewegungen und Parteien rund um den Globus. In diesem Kontext wird dem Community Organizing eine Demokratie stärkende Wirkung zugeschrieben. Zwei Quartiere im Leipziger Osten und eine lokale nachbarschaftliche Initiative, die sich an den Prinzipien des transformativen Community Organizing orientiert, wurden vor Kurzem auf ihre Demokratie und Solidarität fördernde Wirkung hin untersucht. Die Autoren der Studie, Leon Reichle und Peter Bescherer, schreiben: „Contextualizing our findings, we have argued that the interrelated withdrawal, individualization, and loss of community also has a temporal notion to it, with long term tenants interpreting urban changes with a sense of restorative nostalgia out of lack of a perceivable future. This ties back to alienation and isolation on yet another scale, tenants’ post-GDR experiences and their respective retreat and feeling of loss. Our research reveals how residential alienation can bring about a state of separation, both between tenants and ‘their’ spaces, and between tenants within a building/ neighborhood“ (Reichle/ Bescherer 2021:28). Sie fanden heraus, dass gegen die Vereinzelung und gegen rassistische Narrative von einigen Anwohner*innen die Arbeit von Initiativen wirkte, die einem Ansatz des transformativen Community Organizing folgen. Bis zur Pandemie konnte eine Community zusammengebracht werden, und strukturelle Probleme wurden benannt und angegangen, rassistische Narrative konsequent zurückgewiesen. Sie stellen aber auch fest, dass die Realität „messy“ sei und die Pandemie hier zu Rückschlägen geführt habe und so entsprechend die Arbeit den Herausforderungen im Prozess angepasst werden müsse (vgl. ebd.).

Es zeigt sich auch in dem hier vorgestellten Drittmittelprojekt, dass der für Deutschland gerade eine Konjunktur erlebende Begriff des transformativen Community Organizing und ein Revival der Gemeinwesenarbeit in der Sozialen Arbeit eine Lücke füllen können. Die Pilotprojekte Community Spaces und Zwischenräume im Rahmen des Drittmittelprojekts Transfer_Hub des Campus Transferale loten gerade die Schnittstellen von diesem Ansatz und Sozialer Kulturarbeit aus. Die Nutzung der Grünfläche als Place Internationale für Projekte der Kulturellen Bildung durch die station urbaner kulturen, die Gründung des  Anwohner*innenbeirats und die von ihm umgesetzten Hochbeete auf dem Alice-Salomon-Platz sowie die Gestaltung des Pavillons als Klassenzimmer der Zukunft sind erste Schritte zu einer gemeinsamen Gestaltung des öffentlichen Raumes im Bezirk und seiner Inbesitznahme durch die Community. Community Organizing trifft hier auf künstlerische Interventionen und Soziale Kulturarbeit – die Grenzen sind nicht klar umrissen, der „transformatorische Impetus“ (Fehren et al. 2023:11) ist jedoch deutlich. Die Community der Zukunft ist dabei eine Community, die sich den Raum nimmt und sich nicht auseinanderdividieren lässt. Neu-Hellersdorfer*innen und bereits etablierte Hellersdorfer*innen und Hochschulangehörige kommen im Anwohner*innenbeirat mit Künstler*innen bei allen Aktionen zusammen. 

Die Schule der Zukunft für die Community und insbesondere für die Kinder und Jugendlichen im Bezirk steht derzeit im Fokus des Pilotprojekts Zwischenräume. Gerade die Jüngeren sind besonders von Armut und damit verschiedenen Arten von Ausschluss betroffen (vgl. El-Mafaalani/ Kurtenbach/ Strohmeier 2025). Diskriminierungskritische Bildungsprogramme, Medienpädagogik und Bildung für nachhaltige Entwicklung sollten gerade hier im Bezirk und an dem Standort, wo 2013 die Proteste gegen das Asylheim und die Neu-Hellersdorfer*innen begannen, festgeschrieben und fortlaufend unter Beteiligung des Anwohner*innenbeirates und des Arbeitskreises Schule der Zukunft weiterentwickelt werden. Ein weiterer nächster Schritt wäre ein Sorge- und Communityzentrum, wie es auch von älteren Anwohner*innen gewünscht wird, sowie die Zusammenführung von Land und Stadtbezirken zu einer „produktiven Region“, wo regional produziert wird und Antworten auf die vom Klimawandel hervorgerufenen Probleme gefunden werden.

GWA/ CO, Künstlerische Interventionen, Soziale Kulturarbeit und Kulturelle Bildung: Adressat*innen statt Klient*innen

Das Desinteresse an dem Konzept einer Großraumsiedlung, die als Gartenstadt konzipiert und mit kulturellen Angeboten ausgestattet war – möglicherweise auch weil ähnliche Ansätze im Westen als gescheitert galten – sowie die extremen Einsparungen in den 1990er Jahren in Folge des so genannten Bankenskandals in Berlin führten zu Wegzug aus dem Bezirk und einer Alterung und Prekarisierung der Bleibenden. Diese demütigende Erfahrung der Ignoranz westlicher Stadtplanung und Politik wurde in einem der vielen Debattenräume des nGbK-Standortes in Hellersdorf station urbaner kulturen, z. B. 2019 im Rahmen der Ausstellung „Das Jahr 1990 freilegen“ (vgl. Wenzel 2021) bearbeitet. In sämtlichen Diskussionsrunden in der Ausstellung zwischen Künstler*innen, Soziolog*innen und Anwohner*innen zeigte sich schnell, wie auch in vielen weiteren Projekten der station urbaner kulturen, dass Partizipation an politischen sowie künstlerischen Prozessen willkommen ist und angenommen wird. 

Die Gründung des Anwohner*innenbeirates mit Beginn des Zwischenräume Pilotprojekts greift diese Erkenntnisse auf. Die bisher vom Anwohner*innenbeirat beschlossenen Projekte sind Projekte der Kulturellen Bildung von Anwohner*innen, Hochschulangehörigen und Künstler*innen für alle Menschen im Bezirk und der Stadtgesellschaft. Mit den Themen Bildungs– und Gestaltungsgerechtigkeit wurden genau die Defizite an politischer Partizipation und gestalterischer Teilhabe an den Entwicklungen im Stadtteil adressiert. Hier wird das Potenzial künstlerischer Interventionen sichtbar, die Widersprüche benennen und symbolisch auf den Punkt bringen können und insbesondere eines Kunstverständnisses wie das der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK), die sich als politisch begreift. Hier kommt sie mit der Sozialen Kulturarbeit, die die Prozesse der Menschen in den Mittelpunkt stellt und ebenfalls den Eigensinn dieser Prozesse fördert, zusammen. Soziale Kulturarbeit und künstlerische Interventionen und Kulturelle Bildung scheinen bisher gerade zusammen mit und als Community Organizing gut in diesem Kontext zu funktionieren. Dort, wo kulturelle Teilhabe nicht möglich ist, kann eine Kultur des Ausschlusses und der Marginalisierung gedeihen, insofern kann Hellersdorf durchaus als Labor betrachtet werden, denn was hier gelingt, könnte auch woanders Schule machen.

Der Pavillon als Klassenzimmer der Zukunft vor dem Asylheim auf der Grünfläche und nun auf dem Alice-Salomon-Platz vor der Hochschule, als Zentrum der gegenwärtigen Aktivitäten des Anwohner*innenbeirats nimmt gerade auch die Umsetzung einer Schule der Zukunft in den Fokus, weil es die konsequente Umsetzung der Interessen der Anwohner*innen und die Fortsetzung der bisherigen Arbeit – als Labor für eine andere Bildung und für kommende Generationen im Bezirk, bedeutet. Eine Bildung, die Angebote der Kulturellen Bildung, der Medienbildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung und diskriminierungskritische und inklusive Ansätze verfolgt; eine Bildung, die die Demokratiefähigkeit stärkt und auf die gemeinsame Geschichte von neuen und etablierten Hellersdorfer*innen in der neuen Schule aufbaut. Die Schule der Zukunft soll auch ihre Räume nach Schulschluss für die Community öffnen, für Kulturelle Bildung für alle.

Dies zeigt auch, dass die vielen Angebote der Sozialen Arbeit im Bezirk eine Lücke gelassen haben, die die Gemeinwesenarbeit/ CO – ursprünglich als dritte Säule der Sozialen Arbeit intendiert und dann immer weiter gegenüber den anderen beiden Säulen in den Hintergrund getreten – in einer Situation, wie sie heute in vielen Quartieren existiert, sehr wirksam werden kann – gerade in Kombination mit Kultureller Bildung, Sozialer Kulturarbeit und künstlerischen Interventionen. Die Instrumentalisierung der Sozialen Kulturarbeit und künstlerischer Interventionen – wie sie in traditionellen Konzepten der Gemeinwesenarbeit/ des CO anvisiert ist, funktioniert – zumindest in diesem Rahmen – so nicht. Gerade die Ansprache von Anwohner*innen als Kultur- und Kunstinteressierte im Ausstellungsraum station urbaner kulturen und durch die vielen Open-Air-Ausstellungen, künstlerischen Aktionen und Interventionen auf der Grünfläche und im Bezirk mit in der Kunstszene etablierten Künstler*innen und Kurator*innen von internationalem Rang entspricht auch einem Grundverständnis der Sozialen Kulturarbeit. Möglicherweise kann die Ansprache von Menschen, die Marginalisierung erfahren haben, in künstlerischen Interventionen und für Angebote der Kulturellen Bildung bedeuten, sie ernst zu nehmen und ihre eigene Ausdrucksfähigkeit anzusprechen. Hier ist eine Brücke zur Gemeinwesenarbeit/ CO vorhanden, die ebenfalls nach den Interessen und Belangen der Menschen fragt und versucht, gerade im transformativen CO, Menschen zum Eintreten für ihre Interessen und Belange zu bewegen und darin zu unterstützen. Eine so verstandene GWA/ CO macht Klient*innen der Sozialen Arbeit zu Adressat*innen von Angeboten Kultureller Bildung und Projekten Sozialer Kulturarbeit.

Die zweite Marginalisierung: Banlieue statt Gartenstadt – Gestaltungsgerechtigkeit steht erneut auf dem Spiel

Doch auch in Marzahn-Hellersdorf ist die Realität „messy“. Mit der aktuell großen Nachfrage nach Wohnraum in Berlin wird nun Marzahn-Hellersdorf zur Goldgrube für Investoren. Die Zwischenräume und Brachen schwinden rasant. Auch für Erholung und öffentliche Versorgung im ursprünglichen Konzept der Gartenstadt vorgehaltene Flächen werden nun mit hochgeschossigen Wohnungsblocks bebaut. Nach einem nach der Wiedervereinigung vor allem in Ostberlin angewendeten Paragraphen § 34 Baugesetzbuch (BauGB) können Investoren hier selbst die Bauplanung zur Nachverdichtung machen. 

Ein zweites Mal werden die Bewohner*innen und ihre Interessen übergangen. Es wird im großen Stil „nachverdichtet“ und das Konzept der Gartenstadt, das gerade in Zeiten des Klimawandels vorbildlich sein könnte, ad absurdum geführt und der Stadtteil damit zu einem der in Zukunft unwohnlichsten gemacht. Freizeitangebote, von denen es nicht viele im Bezirk gibt, fallen genauso dem Wohnungsbau im Turbomodus zum Opfer wie Dienstleistungszentren. In kurzer Zeit haben sich sieben Bürger*inneninitiativen gegründet, die für eine Partizipation der Anwohner*innen an den Vorhaben und Transparenz eintreten. Dies zeigt die Bereitschaft zur demokratischen Teilhabe und stellt eine Chance für eine demokratische und inklusive Stadtentwicklung dar. Community Organizing, Kulturelle Bildung, künstlerische Interventionen und Soziale Kulturarbeit wirken; Ausschluss und Marginalisierung wirken jedoch auch und werden so zum Risiko für die Demokratie.

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Andrea Plöger (2026): Am Rand und mitten drin: ein Beispiel aus Hellersdorf in Berlin. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/rand-mitten-drin-beispiel-aus-hellersdorf-berlin (letzter Zugriff am 20.04.2026).

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