Potenziale Kultureller Bildung in der sozialarbeiterischen Unterstützung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen beim Ausstieg aus rechtsextremistischen Lebenskontexten

Artikel-Metadaten

von Bünyamin Werker

Erscheinungsjahr: 2026

Peer Reviewed

Abstract

Der Verfassungsschutz stellt seit Ende der Corona-Pandemie fest, dass sich mit dem Ende der Corona-Schutzmaßnahmen vor allem Jugendliche vermehrt rechtsextremen Organisationsformen aller Ideologierichtungen zuwenden (IM NRW 2025:18). Die sehr heterogene rechtsextreme Szene verbreitet ihre Hassbotschaften von Rassismus, Antisemitismus, Queerfeindlichkeit, Antifeminismus und Islamfeindlichkeit insbesondere über die sozialen Medien, aber auch im Rahmen vieler Demonstrationen im öffentlichen Raum. Für die rechtsextreme Szene sind Jugendliche die Zielgruppe Nummer eins. Videos auf Youtube, die Inszenierung von Flashmobs, rechtsextreme Lifestyleprodukte, Events wie Konzerte oder Demos sind das Lockmittel für Jugendliche, die in den meisten Fällen noch kein stabiles Weltbild entwickelt haben. Die rechtsextreme Szene inszeniert sich zeitgemäß, dynamisch, cool, teils subversiv und provokant (Glaser/Pfeiffer 2017:14).

Rechtsextremismusprävention versucht dem entgegenzuarbeiten. Dabei geht es nicht nur um Aufklärung, um die modernen Strategien der rechtsextremen Szene zu entschlüsseln. Es geht auch um die Verhinderung des Abdriftens von Jugendlichen in die rechtsextreme Szene und um die Hilfe beim Ausstieg aus dem Teufelskreis von rechtsextremistischer Orientierung und Menschenverachtung. Angebote Kultureller Bildung arbeiten im Kontext von Prävention vor allem mit Jugendlichen, die im Sinne des Empowerment-Ansatzes gestärkt werden sollen, um gegen Rechtsextremismus einzutreten. Selten gibt es Überlegungen, mit Jugendlichen oder auch jungen Erwachsenen zu arbeiten, die rechtsextreme Orientierungen aufweisen. Ausgehend von Ausdrucksformen ästhetischer Praxis der rechtsextremen Szene schaut der Beitrag auf die Potenziale einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Kultureller Bildung und Sozialer Arbeit im Kontext von Ausstiegsprozessen aus der rechtsextremen Szene. Dabei zeigt sich, dass die Arbeit mit ästhetischen Medien den als Bildungsprozess verstandenen Ausstiegsprozess fördern kann.

Kulturelle Bildung und ästhetische Praxis

Die Begleitung von Ausstiegsprozessen aus extremistischen Lebenskontexten ist ein wichtiges Handlungsfeld der Sozialen Arbeit auf der Ebene der tertiären Prävention (Borstel 2022; Fraas 2023:76). Im Rahmen der Begleitung von Personen, die aus ihren extremistisch geprägten Lebenskontexten aussteigen wollen, ist neben dem Verlassen der rechtsextremen Szene auch die Distanzierung von der rechtsextremen Ideologie ein wesentliches Ziel. Mit der Distanzierung soll zugleich auch die Emanzipation von den mit der Ideologie verknüpften Handlungs- und Orientierungsmustern erfolgen (Möller/Wesche 2014:22ff.). 

Im Rahmen der Prävention gegen Rechtsextremismus arbeiten Angebote Kultureller Bildung vor allem mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die im Sinne des Empowerment-Ansatzes gestärkt werden sollen, um damit ihre Persönlichkeitsbildung zu unterstützen. Diesbezüglich liegt einem solchen pädagogischen Ansinnen zugleich die Hoffnung zugrunde, den adressierten Jugendlichen Räume für kulturelle Teilhabe zu ermöglichen und sie damit zugleich in der Beteiligung an der Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft zu fördern. Dies macht die Adressat*innen Kultureller Bildung unter Umständen weniger anfällig für rechtsextreme Ideologien. 

In Bezug auf diese These ist im Rahmen dieses Beitrags Kulturelle Bildung als künstlerisch-ästhetischer Teil der Allgemeinbildung zu verstehen, der einen subjektorientierten und ganzheitlichen Ansatz verfolgt. Somit wird im Rahmen Kultureller Bildung nicht nur Wissen über Kultur bzw. Kunsttechniken/-formen vermittelt, sondern sie ermöglicht ihren Adressat*innen eine aktive und kritische Auseinandersetzung mit den symbolischen Formen von Kunst, Kultur und Ästhetik. Sie bezieht dabei sinnlich-emotionale Erfahrungen mit der kulturellen Lebenswelt der Adressat*innen mit ein und verbindet sie mit gesellschaftlichen Prozessen und Fragen (Zacharias 2001:20). Die sinnlich-emotionalen Erfahrungen bilden hierbei zugleich Gegenstand und Methodik der initiierten Lern- und Bildungsprozesse. Kulturelle Bildung hat so nicht nur einen integrativen Charakter (kulturelle Teilhabe), sie hat auch einen emanzipatorischen Anspruch und ist damit sowohl soziale als auch politische (Selbst-)Bildung (Fuchs 1999:221). 

Der Bezug auf den emanzipatorischen Anspruch Kultureller Bildung verweist auf einen Bildungsbegriff, der Bildung als Selbstbildungsprozess fasst, der auf die Konstitution (Aufbau) und Transformation (Veränderung) von Selbst-/Weltverhältnissen (wie sehe ich mich/wie stehe ich zur Welt) abzielt und sich in Gelegenheitsstrukturen lebensweltlicher und institutioneller Bildung vollzieht (Kühn 2022:20ff.). Bildung verwirklicht sich diesbezüglich als aktive Aneignung der Welt, im Rahmen dessen sich die bestehenden Bezüge zum Selbst sowie zur materiellen und sozialen Welt in Frage stellen und in diesem Rahmen neue Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsmuster aufbauen bzw. bestehende überdenken und/oder anpassen lassen (Kokemohr 2007; Koller 2018). Die Orientierung an den Begriff der Gelegenheitsstrukturen von Bildung verweist darauf, dass so verstandene Bildungsprozesse sich in unterschiedlich strukturierten Möglichkeitsräumen der formalen (Schule), non-formalen (Jugendzentrum) und informellen (Familie, Peers) Bildung vollziehen können. Damit hebt ein solches Verständnis die sozialräumliche sowie lebensweltliche Dimension von Bildung hervor und wie sie durch Subjekte erschlossen wird. Die subjektive Aneignung von und Auseinandersetzung mit der materiellen/sozialen (Um-)Welt ist damit immer auch in einen gesellschaftlich/lebensweltlichen Bezug eingebettet; sie ist aber aktiv ausgehend vom Subjekt her zu betrachten (Kühn 2022:20ff.). Darüber hinaus folgt ein solcher Bildungsbegriff einem umfassenden ästhetischen Bildungsverständnis, mit dem das Phänomen der ästhetischen Praxis, also alle alltags- und hochkulturellen Bildungszusammenhänge betreffend, die für die Subjekte bedeutsam sind, in den Fokus rückt. In Anlehnung an Jutta Jäger und Ralf Kuckhermann (2004) wird ästhetische Praxis als auf eine gegenständliche Ebene künstlerisch/kultureller Formen (Musik, Theater, Poesie usw.) bezogene soziale Handlungspraxisverstanden, in der aufeinander bezogene Bildungsebenen zusammenspielen. Sie verweist auf ein „spezifisches Setting von Medien, Tätigkeiten und Erfahrungen, das nach der Struktur von Kunst organisiert ist“ (Jäger/Kuckhermann 2004:14). Damit wird eine spezifische Form der aktiven Aneignung der Welt betrachtet, die sich als spezifisch ästhetische Bildungspraxis begreifen lässt, mit der die Sicht auf sich und die Welt zum Ausdruck gebracht (z.B. in einem Rapsong biografische Erfahrungen verarbeiten), mit Anderen in Kommunikation getreten (z.B. über eine Theateraufführung mit anderen diskutieren) und soziale Zugehörigkeit geschaffen werden kann (z.B. mit Freund*innen ein gemeinsames Bandprojekt verfolgen). 

Somit geraten Inhalte und Formen ästhetischer Praxis in den Blick, die aus der Perspektive der Subjekte einen „biografischen Eigenwert“ besitzen. Neben der Auseinandersetzung mit kunstförmigen und als ästhetisch qualifizierten sowie gesellschaftlich anerkannten hochkulturellen Gegenständen und Formen (Schlagzeug spielen lernen in der Musikschule, Singen im Schulchor, Besuch einer Oper usw.) rücken damit auch lebensweltlich eingebettete pop- oder alltagskulturelle Bildungszusammenhänge (Rappen, Musikhören, Fotografieren, Jammen im Proberaum, TikTok-Videos produzieren, Tanzen in Clubs, Krafttraining im Fitnessstudio usw.) in den Blick, insofern ihnen Bedeutung seitens des Individuums für den Selbstbildungsprozess zugeschrieben wird (Sturzenhecker 2015). Dieses so formulierte Verständnis von Kultureller Bildung wirbt in Anlehnung an Marion Gerards für eine Einbeziehung einer sozialarbeiterischen Perspektive, die stärker die Adressat*innen in ihrer Lebenswelt verortet berücksichtigt und das Recht auf Bildung, Teilhabe und Teilgabe in den Fokus nimmt (Gerards 2025:32).

Zusammenfassend wird hieraus für den weiteren Verlauf des Beitrages gefolgert, dass ästhetische (pädagogische und alltagskulturelle) Bildungssettings dazu beitragen können, sich von bestehenden Selbst-/Weltverhältnissen zu emanzipieren und andere alternative Selbst-/Weltverhältnisse zu entwickeln (Werker 2021). Dieser These liegt die Annahme zugrunde, dass Settings Kultureller Bildung (im non-formalen Kontext z.B. ein Theaterbesuch mit der Jugendgruppe; im Rahmen von informeller Alltagskultur z.B. eine Bandprobe im eigenen Proberaum) einen besonderen Möglichkeitsraum für ästhetische Erfahrungen bieten, die ein Unterbrechen von Alltagsroutinen bedeuten, die zugleich z.B. auch von extremistischen Weltbildern durchsetzt sein können. Ästhetische Erfahrungen werden dann oft durch die Verfremdung des Gewohnten ausgelöst (Dietrich/Krinninger/Schubert 2013:110f.). Dies gilt sowohl für die Rezeption von Kunst und Kultur als auch im Prozess des produktiven künstlerischen/kulturellen Tuns (Bertram 2014:170ff.). Im Zusammenhang mit Bildung stellt die ästhetische Erfahrung als Fremdheits- und/oder Krisenerfahrung wiederum einen Raum dar, in dem Bildungsprozesse sich in Form von ästhetischer Praxis vollziehen können (Schönfelder 2012:112ff.). Hier besteht ein besonderer Schnittpunkt zu Ausstiegsprozessen aus extremistischen Kontexten, die ausgelöst und begleitet werden von intensiven Krisenerfahrungen, die das extremistische Weltbild einer Person ins Wanken bringen (Möller/Wesche 2014:30ff.; Rieker 2009: 120ff.). 

Bevor aber ausgelotet werden soll, welche Potenziale sich in der Zusammenarbeit von  Kultureller Bildung und  Sozialer Arbeit zeigen, die auf der tertiären Ebene der Präventionsarbeit Ausstiegsprozesse unterstützen können, ist es notwendig, den Kontext der rechtsextremen Szene und ihre ästhetische/kulturelle Praxis zu erläutern. 

Das Phänomen Rechtsextremismus – eine beunruhigende Entwicklung bei Jugendlichen

Was unter Rechtsextremismus verstanden wird, ist nicht eindeutig zu formulieren. Eine gesetzlich abgesicherte Definition des Begriffs existiert bislang nicht (Stöss 2007:14). Dieser Sachverhalt liegt darin begründet, dass es sich beim Rechtsextremismus nicht um ein einheitliches, ideologisch geschlossenes Phänomen handelt. Rechtsextremismus umfasst unterschiedliche Strömungen, Ideologierichtungen und Organisationsformen (Grumke 2017:22). Nach Hans-Gerd Jaschke ist daher unter Rechtsextremismus „die Gesamtheit von Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen, organisiert oder nicht, die von der ‚rassisch‘ oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschen ausgehen, nach ethnischer Homogenität von Völkern verlangen und das Gleichheitsgebot der Menschenrechts-Deklaration ablehnen, die den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum betonen, von der Unterordnung des Bürgers unter die Staatsräson ausgehen und die den Wertepluralismus einer liberalen Demokratie ablehnen und Demokratisierung rückgängig machen wollen", zu verstehen (Jaschke 2001:31). Ausgehend von diesem Verständnis des Phänomens des Rechtsextremismus lassen sich beunruhigende Entwicklungen im Rahmen von Prozessen des Eintritts von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in die rechtsextreme Szene beobachten.

So stellt der Verfassungsschutz seit Ende der Corona-Pandemie fest, dass sich mit dem Ende der Corona-Schutzmaßnahmen vor allem Jugendliche vermehrt rechtsextremen Organisationsformen aller Ideologierichtungen zuwenden. Die aktivsten Akteure bilden hierbei die Junge Alternative (JA) der Partei AfD und die Jungen Nationalisten (JN) als Jugendorganisation der Partei Die Heimat (ehemals NPD). Während sich die JA mittlerweile aufgelöst hat (die ehemaligen Mitglieder sind aber weiter aktiv in der Szene), zählt die JN zu den bundesweit aktivsten politisch organisierten Jugendorganisationen der rechtsextremen Szene (IM NRW 2025:18). Daneben ist es vor allem die Identitäre Bewegung (IB), die in ihrer Zielgruppenfokussierung vor allem Jugendliche und junge Erwachsene anspricht, die vornehmlich in akademischen Milieus zu finden sind. Die Leitfigur der deutschsprachigen IB, der österreichische Staatsbürger Martin Sellner, ist auch maßgeblich für die Entwicklung des Konzepts der „Remigration“ verantwortlich, das er auf einem Treffen Ende 2023 in Potsdam unter der Beteiligung von Akteuren der Neuen Rechten, Unternehmer*innen sowie auch Politiker*innen der AfD vorstellte (BMI 2023:102). Darüber hinaus gibt es Jugendliche, die sich im Rahmen virtueller sozialer Netzwerke zu losen rechtsextremen lokalen Gruppen bilden und anlassbezogen auch in der realen Welt aktiv werden. So führten Mobilisierungsaufrufe der Netzwerkgruppen Deutsche Jugend voran und Jung und Stark zu Störaktionen bei vielen Christopher Street Day (CSD)-Veranstaltungen im Jahr 2024. Hierzu zählen auch kleinere Gegendemonstrationen zum CSD, die auch von gewalttätigen Übergriffen von Mitgliedern der rechtsextremen Jugendgruppen auf CSD-Teilnehmer*innen begleitet wurden (IM NRW:18f.). Es lässt sich an dieser Stelle fragen, warum gerade Jugendliche die rechtsextreme Szene als Form der Vergemeinschaftung wählen (für eine Betrachtung der Einstiegsfaktoren siehe auch den Beitrag von Bünyamin Werker „Kulturelle Bildung für alle - mit allen, also auch mit rechten Jugendlichen?“ auf der Wissensplattform kubi-online).

Was macht die Szene also so attraktiv? Nicht der einzige, aber ein sehr bedeutender Faktor für eine erhöhte Attraktivität der rechtsextremen Szene bildet eine moderne und ausdifferenzierte rechtsextreme Erlebniswelt (Pfeiffer 2017:42). Mit ihren unterschiedlichen subkulturellen Zugehörigkeitsangeboten bietet die rechtsextreme Szene auf eine eingängige Art und Weise die Möglichkeit, ihre rassistische und menschenverachtende Ideologie zu transportieren und diese mit einer ästhetischen Praxis des Kampfes, der Vernichtung und Zerstörung wie selbstverständlich zu verinnerlichen. Die damit verbundene kulturelle Inszenierung stärkt die Vergemeinschaftung der Szeneangehörigen und ist daher als Attraktivitätsmoment für Jugendliche und junge Erwachsene nicht zu unterschätzen (Tiedeken 2015; Werker 2021).  Im folgenden Abschnitt wird diese These ausführlicher betrachtet.

Ausdrucksformen ästhetischer Praxis in der rechtsextremen Szene 

Bevor allerdings an einigen Beispielen die ästhetische Praxis der rechtsextremen Szene beschrieben wird, ist es noch einmal notwendig, kurz zu erläutern, auf welchen Ebenen die ästhetische Praxis von Menschen verortet werden kann. Dabei ist aus einer weniger künstlerischen, sondern stärker sozialarbeiterischen Perspektive in Anlehnung an Gerards (2025:27) im Rahmen meines Beitrages von einem breiten Kunst- und Kulturverständnis auszugehen, das auch jugendkulturelle, popkulturelle sowie auch alltagskulturelle Praxen in den Blick nimmt. Die ästhetische Praxis von Menschen, so Jäger und Kuckhermann, lässt sich dabei auf mindestens drei Ebenen beschreiben, die miteinander verschränkt sind:

  1. Eine gegenständliche Ebene, die im weitesten Sinne durch eine spezifische Symbolik bestimmt wird, wie sie z.B. im Aufbau und Klang des Rhythmus eines Musiksongs zum Ausdruck kommt. Zu dieser Ebene gehören unterschiedliche ästhetische Medien wie Film, Musik, Theater usw.

  2. Eine Handlungsebene, die auf der einen Seite gekennzeichnet ist durch die ästhetische Tätigkeit von Mimesis als die Annäherung an die gegenständliche Welt über Nachahmung und Nachbildung. Auf der anderen Seite lässt sich die Handlungsebene mit der Tätigkeit der Poiesis beschreiben als schöpferische Neugestaltung der Welt. Hiermit ist dann nicht nur die Rezeption von Kunst und Kultur gemeint, sondern auch die Produktion von und die Kommunikation über ästhetische Medien von Kunst und Kultur.

  3. Auf der Subjektebene führt im Kontext der ästhetischen Tätigkeiten von Rezeption und Produktion die Begegnung mit ästhetischen Objekten und Ereignissen zur ästhetischen Erfahrung. Dabei entwickeln sich in der Auseinandersetzung mit den Ereignissen und Objekten eigene Formen der Realitätswahrnehmung, die schlussendlich in eine ästhetische Form der Selbstdarstellung münden, die auch mit neuen Formen von Wahrnehmungs- und Deutungsmustern verbunden sind (Jäger/Kuckhermann 2004:14f.). 

Im Folgenden werden exemplarisch einige ästhetische Praxen im Kontext der rechtsextremen Szene vorgestellt.

Spätestens seit den 1990er Jahren hat sich das Erscheinungsbild des Rechtsextremismus erheblich verändert. Auch wenn die rechtsextreme Szene sich weiterhin der Symbole und der Ästhetik des Nationalsozialismus bedient, bewegen sich heutige Akteur*innen der Szene in der Symbolsprache des 21. Jahrhunderts (Pfeiffer 2017:41). Für die ersten Anfänge dieser Entwicklung steht exemplarisch die rechtsextreme Gruppierung der Autonomen Nationalisten (AN), die sich seit 2004 aus dem Kontext der Freien Kameradschaften entwickelt hat. Es handelt sich hierbei um rechtsextreme Aktivisten, die sich im Rahmen eines losen Netzwerkes bei Veranstaltungen in der Öffentlichkeit als martialisch auftretender, insbesondere männlich geprägter, schwarzer Block inszenieren. Dabei adaptieren die AN in schwarz gekleidet mit Sonnenbrille, Basecaps, Halstüchern und Handschuhen die Agitationsformen von eher linksautonomen Gruppen und weisen dabei schon popkulturelle Züge auf. Bei den AN handelt es sich aber zweifelsohne um Neonazis, die im Großen und Ganzen ohne einen direkten Bezug zum Nationalsozialismus agieren und sogar in ihrem Erscheinen einen positiven Bezug zum Hier und Jetzt aufweisen. Das vom äußeren Erscheinungsbild eher linksautonome Auftreten wird seitens der AN als popkultureller Event verstanden, der in der Öffentlichkeit sehr werbewirksam für die eigene menschenverachtende Ideologie verwendet wird. So ist bei einem öffentlichen Auftritt z.B. im Rahmen einer Demonstration oft ein Filmteam dabei. Von den Inszenierungen werden dann Videoclips für die Internetplattform YouTube erstellt, die so professionell anmuten wie MTV-Produktionen (Schulze 2009:9ff.). Seitdem allerdings einige freie Kameradschaften und Vereinigungen wie beispielsweise der Nationale Widerstand Dortmund und die Kameradschaft Hamm, die auch der Szene der AN zugerechnet werden, 2012 verboten wurden, gibt es nur noch wenige rechtsextreme Aktivist*innen, die dem popkulturellen Konzept der AN folgen (Klose/Richwin 2016:215). Neue Beobachtungen zeigen, dass mit den losen sozialen Netzwerkgruppen vor allem auf TikTok und Instagramm wie Deutsche Jugend voran, Jung und Stark oder Der Störtrupp die Inszenierung rechtsextremer Ideologie im Sinne der AN jugendlichen Nachwuchs erhalten hat. Auch wenn diese Gruppen längst nicht so einheitlich uniformiert als Adaption linker autonomer Gruppen agieren, treten sie mittlerweile mit einheitlichen T-Shirts und/oder vor allem sportlicher Kleidung bei den schon genannten Gegenveranstaltungen zum CSD auf (IM NRW 2025:75).

Heutzutage sind es eben nicht mehr ausschließlich Wahlkämpfe und ideologische Debatten, die den Schwerpunkt rechtsextremen Auftretens in der Öffentlichkeit ausmachen. Vielmehr werden die ideologischen und menschenverachtenden Botschaften über ästhetische Medien verbreitet, die stärker auf die Lebenswelten originärer und potentieller Anhänger*innen abzielen. Nach Pfeiffer sind diesbezüglich unter dem Begriff der „Erlebniswelt Rechtsextremismus“ die Gesamtheit aller Formen der gezielten Hinwendung von Rechtsextremist*innen an Jugendliche und junge Erwachsene zu fassen (Pfeiffer 2017:42). Hierunter zählen Angebote, die „Eventcharakter“ haben und insbesondere mit Gemeinschaft, Anerkennung, Action und Tabubrüchen bis an die Grenze der Legalität verbunden sind. Es sind, so Pfeiffer, Aktivitäten, die Erlebnisse verheißen (ebd.). Die besonderen Attraktivitätsmomente der „Erlebniswelt Rechtsextremismus“ macht Pfeiffer an vier Aspekten fest:

  1. Das Angebot der Gemeinschaft (Kameradschaft) stellt vielleicht den wichtigsten Reiz für Jugendliche dar, um an rechtsextremen Gruppierungen zu partizipieren.

  2. Der Grad der Modernisierung, also die Art und Weise, wie Stilelemente zeitgenössischer Jugendkulturen adaptiert werden, sind zudem relevant für eine gewisse Attraktivität.

  3. Die optische und verbale Tarnung der rechtsextremen Ideologie über jugendaffine Szene-Medien erhöht die Anschlussfähigkeit an Diskurse der Mehrheitsgesellschaft.

  4. Symbolik, Codes und Mythen bilden den Kitt, der die Gruppe zusammenhält und die gemeinsamen Aktivitäten emotional auflädt. Eine typische Symbolik stellen das stilisierte Keltenkreuz oder die „Schwarze Sonne“ dar. Codes wie beispielsweise „14 words“ (we must secure the existence of our people and a future for white children) stehen für eine ganz klare und unmissverständliche rassistische Botschaft (ebd.:42f.).

Da die Erlebnisangebote im rechtsextremen Kontext vor allem Gruppenerlebnisse darstellen, sind es insbesondere Freie Kameradschaften oder andere kleinere rechtsextreme Gruppierungen, welche die Basis der Erlebniswelt Rechtsextremismus bilden. Die rechtsextreme Szene bietet eine recht vielfältige Sinn- und Erfahrungswelt. Ein besonders breit gefächertes Angebot stellt in diesem Zusammenhang die Rechtsrock-Szene dar (Tiedeken 2015). Dabei ist der Rechtsrock nicht als eigener Musikstil zu bezeichnen, sondern er stellt ein Sammelsurium von vielen unterschiedlichen Musikgenres dar. Ein Großteil der existierenden Bands verfolgt eher einen härteren Punk- und Metalstil oder sind im Hardcore verortet. Es gibt aber genauso einige rechtsextreme Liedermacher wie z.B. Frank Rennicke, vielleicht einer der populärsten, die stärker ein generationenübergreifendes Publikum ansprechen wollen (Pfeiffer 2017:52ff.). 

Auch die Rap-Musik wird mittlerweile von der rechtsextremen Szene adaptiert. Zu den aktivsten Protagonisten zählen hierbei der rechtsextreme Rapper Makss Damage oder aber auch die Rapper Kavalier und Proto, die zusammen zugleich das rechtsextreme Rapmusik-Label Neuer Deutscher Standard (NDS) betreiben. Die durchaus professionell produzierten Songs beschäftigen sich mit Themen der Migration, Patriotismus und Nationalismus und werden mit einer deutlichen rechtsextremen Ideologie verknüpft (Proto & Kavalier 2025). Ein Song wie „Freiluftpsychiatrie“, ein Re-Upload von 2025, an dem auch Makss Damage beteiligt ist, zeigt die ganze Bandbreite einer antifeministischen, rassistischen und antidemokratischen Law and Order-Ideologie, die in einer vermeintlich satirischen Art und Weise transportiert werden soll (NDS 2025).

Der Youtube-Kanal und Spotify-Account von NDS wurden zwar gesperrt, die genannten Videos sind aber über Re-Uploads anderer Nutzer*innen weiterhin abrufbar. Auch wenn das Rap-Genre in der rechtsextremen Szene nur eine Randerscheinung darstellt, weisen die Videos eine relativ hohe Reichweite auf. Darüber hinaus gibt es auch schon sehr skurrile Ausformungen wie beispielsweise die Youtube-Auftritte des Varieté Identitaire (2017) bestehend aus der Sängerin Melanie Halle (eigentlich Melanie Schmitz) und Till-Lucas Wessels (mal am Klavier oder mit der Akustikgitarre) mit Anleihen aus einer Mischung von Chanson und Musik der 1930 Jahre im Anzug und Abendkleid (Begrich/Raabe 2018:178). Trotz der Vielfältigkeit der musikkulturellen Zugänge bleiben die transportierten Botschaften dieselben: Rassismus, Menschenverachtung, Antisemitismus und Verherrlichung des Nationalsozialismus, mal aggressiv und direkt, mal subtil und implizit. Neben der Musik selbst bilden Musikfestivals mit vielen tausend Rechtsextremen, kleine Musikveranstaltungen, Liederabende und Live-Musik auf Demonstrationen die Orte, an denen die rechtsextreme Szene sich ihrer selbst vergewissern kann (Pfeiffer 2017:52f.). In Bezug auf das ästhetische Medium Musik lässt sich wie gezeigt eine enge Verschränkung der gegenständlichen Ebene und Handlungsebene ästhetischer Praxis über die Rezeption und Produktion von rechtsextremer Musik und dem Besuch von Rechtsrock-Festivals beschreiben. In welcher Gestalt rechtsextreme Musik als Medium auch auf der Subjektebene ihrer Rezipient*innen und Produzent*innen wirkt, ist empirisch noch nicht vertiefend erforscht. Was sich empirisch nachweisen lässt, ist eine bestätigende Funktionen von rechtsextremen Songs, die in ihren Liedtexten Ideologien vermitteln, in denen sich die Hörenden mit ihren schon ausgeprägten rechtsextremen Deutungen und Positionen wiederfinden. Darüber hinaus erweist sich rechtsextreme Musik als bedeutsam für das Erleben, Herstellen und Demonstrieren rechtsextremer Gruppenzugehörigkeit. Hiermit zeigt sich in der Musik eine typische jugendkulturelle Funktion, die in der ästhetischen sozialen Handlungspraxis politische Bedeutung gewinnt (Glaser 2021:239f.; Tiedeken 2015).   

Ein weiteres Beispiel für die gegenständliche Ebene ästhetischer Praxis mit einer spezifischen Symbolik der rechtsextremen Szene stellen Gruppen wie die „Identitäre Bewegung“ (IB) dar. Die IB agiert auf einer sehr modernen Art und Weise in den sozialen Medien, um ihre rassistischen und islamfeindlichen Botschaften zu verbreiten. Dabei inszenieren sich die Protagonist*innen als hip und fortschrittlich, um eine junge und akademisch geprägte Klientel für ihre Botschaften und Verschwörungstheorien (z.B. der große „Austausch“) zu gewinnen (Speit 2018:70). Die „Identitären“ bedienen sich dabei einer rechtsorientierten Ästhetik, die auf den ersten Blick nicht gleich zu entschlüsseln ist. Exemplarisch für eine solche Ästhetik lässt sich die Verwendung des „Lambda“, dem elften Buchstaben des griechischen Alphabets, als Logo der IB anführen. Das Logo, bestehend aus einem gelben Lambda auf schwarzem Grund, verweist auf eine dahinterliegende Story, die im antiken Sparta verortet ist. Das Lambda galt als Kampfsymbol für die Krieger Spartas. Im Jahr 480 v. Chr. soll sich bei der Schlacht um Thermopylen eine Gruppe von 300 Elitekämpfern Spartas mit ihrem König Leonidas einem übermächtigen persischen Heer gestellt und dieses so lange aufgehalten haben, bis sich die griechischen Streitkräfte reorganisieren konnten. Dieses historische Ereignis ist auch Gegenstand der Graphic Novel „300“ von Frank Miller aus dem Jahr 1998 und der gleichnamigen Kinoverfilmung von Zack Snyder im Jahr 2006. Wahrscheinlich entlehnte die IB ihr offizielles Logo aus diesem Film (Frank 2017; Pfahl-Traughber 2019:171f.; Weiß 2013). So inszeniert sich die IB über das Lambda-Symbol als eine kleine Gruppe, die sich einer „ethnokulturellen Identität europäischer Völker“ zugehörig fühlt und sich gegen die Invasion einer übermächtigen Islamisierung von Fremden stellt, um die abendländische Kultur Europas zu verteidigen (Speit 2018:69ff.).

Prävention und Soziale Arbeit in Ausstiegsprozessen 

In der Prävention im Rahmen von Radikalisierungsprozessen von Jugendlichen sind, in Anlehnung an das medizinische Modell der Sucht- und Gesundheitsprävention von George Caplan (1964), Rauf Ceylan und Michael Kiefer, drei Präventionsformen zu unterscheiden (Ceylan/Kiefer 2013:111ff.):

Im Kontext der primären bzw. universellen Prävention geht es um Maßnahmen, die keine besondere gesellschaftliche Gruppe betreffen. Die Maßnahmen sind an alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen gerichtet und zielen auf lebenswerte sowie stabile Verhältnisse in der Lebenswelt der Jugendlichen ab. Hier finden sich vor allem im Themenfeld Rechtsextremismus Bildungsangebote der politischen Bildung, der antirassistischen Erziehung aber auch der interkulturellen und/oder transkulturellen Pädagogik. Besonders hervorzuheben wären hierbei auch Empowerment-Workshops in „geschützten Räumen“ oder in so genannten „People of Color-Räumen“, die sich vor allem an Jugendliche oder junge Erwachsene richten, die in der Gesellschaft selbst von Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus betroffen sind (Yiğit/Can 2009). Solche Angebote befinden sich an der Schnittstelle zur sekundären Prävention.

Im Rahmen der sekundären/selektiven Prävention beziehen sich Maßnahmen auf Personen, die sich in einer belasteten Lebenssituation befinden oder auch durch bestimmte Risikofaktoren definiert sind. Im Kontext von Radikalisierungsprozessen gehören hierzu beratende Angebote für Eltern, Angehörige, Schulsozialarbeit und/oder Lehrkräfte bzw. auch für die betroffenen Jugendlichen selbst. Zu den Einrichtungen, die solche Beratungen und Angebote bereitstellen, zählen z.B. das bundesweite Programm „Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus“, NinA NRW mit Sitz in Recklinghausen oder aber auch das „Violence Prevention Network“ in Berlin (Glaser/Pfeiffer 2017:326ff.).

Im Bereich der tertiären/indizierten Prävention fokussieren Maßnahmen Menschen, die sich in manifesten Problemlagen befinden und einen Ausweg aus der Radikalisierung, Gewalttätigkeit und Kriminalität suchen. Dieser Präventionsbereich gestaltet sich ganz besonders in radikalisierten Szenen als ein schwieriger und langandauernder Weg (Koch/Pfeiffer 2009). Die vielleicht bekannteste Initiative, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die aus der rechtsextremen Szene aussteigen wollen, hilft, ist das Projekt Exit Deutschland (siehe: Webseite der NGO-Initiative EXIT Deutschland). Es gibt aber auch staatliche Aussteigerprogramme wie z.B. Spurwechsel (NRW) oder Neustart (Niedersachsen), die an die Ministerien des Innern und an den jeweiligen Verfassungsschutzbehörden angegliedert sind.

Auch wenn Ausstiegsverläufe in erster Linie individuell ablaufen (BAG 2023:35), lassen sich nach Möller und Wesche (2014:24f.) drei zentrale Stadien des Ausstiegs aus bzw. der Distanzierung von der rechtsextremen Szene beschreiben:

In einem ersten Stadium ergeben sich Irritationen von inhärenter und kohärenter Überzeugung, die ausgelöst werden durch Erfahrungen von Misstrauen oder Verrat bis hin zu Gewaltkonfrontationen innerhalb der Gruppe. Damit verbunden ist auch das Nicht-Einlösen von Freundschafts- und Kameradschaftsversprechen, die bei vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen oft ein Einstiegsmotiv in die Szene bilden. In diesem Zusammenhang sind weiblich gelesene Personen erst in den letzten Jahren Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung. Neuere Studien haben ergeben, dass weiblich gelesene Personen mit hoher Wahrscheinlichkeit von Sexismus und sexualisierter Gewalt in der Szene betroffen sind. Diesbezüglich sind es insbesondere Erfahrungen von genderspezifischen ungleichen Machtverhältnissen, die weiblich gelesene Personen dazu veranlassen, sich von der Szene zu distanzieren (BAG 2023:35). Insgesamt können sich in dieser Phase erste Zweifel an Ideologiezusammenhängen aufgrund von Widersprüchen in Erklärungsmustern der rechtsextremen Ideologie zeigen, die z.B. verbunden sein können mit moralischen Bedenken, Gewalt als Mittel der Durchsetzung von Szeneinteressen einzusetzen (Hohnstein/Greuel 2015:20f.). Solche Erfahrungen können dann erste Distanzierungsimpulse beinhalten. In diesem Stadium der Distanzierung kann es erste Kontaktaufnahmen geben, die auch in Kontexten Sozialer Arbeit verortet sind, z.B. durch die aufsuchende Jugendarbeit oder im Rahmen eines Gefängnisaufenthaltes durch die Soziale Arbeit im Strafvollzug oder auch durch die Jugendgerichtshilfe. Nach der Kontaktaufnahme, die in der Regel seitens der betroffenen Person erfolgt, erhalten diese Personen erste Beratungen zu möglichen Wegen des Ausstiegs.

Hier setzt meistens das zweite Stadium der Distanzierung ein. 

Mit dem Rückzug aus der Szene und ihren Aktivitäten beginnt das Stadium der inneren und lebenspraktischen Loslösung von vormaligen Einstellungs- und Verhaltensmustern (Möller/Wesche 2014:24). Hiermit verbunden ist der Kontaktabbruch mit allen Personen aus der Szene, der auch oft einen Ortswechsel erfordert, und die Bereitschaft, rechte Einstellungen nicht mehr nach außen zu tragen, z.B. in Form von Kleidung oder Tattoos. Diese Anforderung bildet in vielen Ausstiegsprogrammen die Voraussetzung für eine professionelle Ausstiegsbegleitung (Inhülsen 2020:83f.). In diesem Stadium gilt es, neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Dies beinhaltet rein lebenspraktisch gesehen, neue soziale Kontakte zu knüpfen, sich beruflich (neu) zu orientieren, Freizeitaktivitäten zu suchen und einzugehen, die positive (sinnliche) Erlebnisse vermitteln, weit ab der rechtextremistischen Ideologie (Möller/Wesche 2014:25). Aus der Perspektive der Sozialen Arbeit ist es notwendig, in diesem Rahmen eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung mit der ausstiegswilligen Person zu entwickeln und diese in ihrem Lebensalltag zu begleiten. Dabei setzen die sozialarbeitenden Ausstiegsbegleiter*innen an der Lebenswelt der Adressat*innen an, um passende Unterstützungsangebote zu entwickeln, die in einer realistischen Weise von den Aussteigenden auch umgesetzt werden können (Inhülsen 2020:85). Hierbei können auch Angebote der Jugendberufshilfe in der Gestalt von Bewerbungstrainings erfolgen. Aber auch die Begleitung bei Behördengängen oder bei Freizeitaktivitäten können Gegenstand einer solchen Unterstützung im Alltag sein. Die Einbeziehung weiterer Einrichtungen Sozialer Arbeit z.B. die der Familienhilfe sind hier möglich. 

Um in der Phase des dritten Stadiums der Manifestierung von innerer und lebenspraktischer Distanz zu gelangen, ist es unabdingbar für die Aussteiger*innen, sich mit der eigenen Biografie auseinanderzusetzen. Das bedeutet eine Beschäftigung und Auseinandersetzung mit den Ursachen für die rechtsextremen Einstellungsmuster sowie mit den Motiven für den Einstieg in die Szene (Möller/Wesche 2014:24). Hier setzen mit der biografischen Arbeit typische Maßnahmen sozialer Beratungsarbeit an, die in der Regel auch mit einer systemischen Perspektive verbunden sind (BAG 2023:52). 

Ein gelungener Ausstieg ist dann geschafft, wenn sich die ausgestiegenen Personen einen neuen Lebensalltag gestalten, der frei vom Kontakt zur Szene sowie der Gewaltanwendung ist und begründet durch eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen biografischen Vergangenheit und der damit verbundenen Loslösung von extremen Einstellungsmustern hin zu einer Lebensweise, die mit den Grundwerten von Demokratie und Pluralität einhergeht (BAG 2023:39). Dies bedeutet die Gewinnung demokratischer Überzeugungen, die in eine grundlegende Änderung der politischen Haltung münden (Möller/Wesche 2014:23). Um dies zu erreichen, bedarf es viele Jahre der Ausstiegsbegleitung. Am Ende ist nun zu fragen, wie Angebote der Kulturellen Bildung in der Kooperation mit Sozialer Arbeit Prozesse des Ausstiegs unterstützen können. 

Kulturelle Bildung und Soziale Arbeit – eine mögliche Kooperation im Ausstiegsprozess

Auf der Ebene des Ausstiegs ist es in mehreren Phasen notwendig, sich nicht nur von der rechtsextremen Szene physisch loszulösen, sondern sich auch von den Attraktivitätsmomenten und der damit verbundenen Ideologie zu distanzieren. Einher geht damit die Reflexion der eigenen Biografie und den psychischen und/oder sozialen Ursachen, die zum Einstieg und dem Verbleib in der rechtsextremen Szene geführt haben.

Hier können Angebote Kultureller Bildung anknüpfen, die Räume bereitstellen, in denen sich ästhetische Erfahrung machen lassen. Das solche ästhetischen Erfahrungen im Rahmen von Ausstiegs- und Distanzierungsprozessen eine große Bedeutung haben, darauf verweist Kurt Möller im Kontext seiner „KISSeS-Bilanzierung“. Sinnlichkeit und sinnliches Erleben (Sensitivität für Sinneseindrücke, Erleben positiv empfundener körperlicher und psychischer Zustände und Prozesse, Möglichkeit zum Aufsuchen und zur Gestaltung entsprechender Erlebensbedingungen) stellen einen von sechs Bedingungsfaktoren dar, die eine Distanzierung von einem rechtsextremen Weltbild begünstigen (Möller 2018:107f.; 2015:85). Künstlerische Methoden können hierbei ein Schlüssel sein, um eigene Talente zu entdecken und weiterzuentwickeln. Die betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben oft verborgene Talente, die es zu bergen gilt. Hier bietet sich der Ansatz der Kulturellen Bildung an, um sich über die Beschäftigung mit Kunst und kulturellen Ausdrucksformen von den rechtsorientierten Weltbildern zu emanzipieren. Dabei ist das Ziel zu verfolgen, alternative Lebensmodelle und Sichtweisen durch das künstlerische Tun zu entwickeln. 

Ein Beispiel hierfür ist das in den Jahren 2009/2010 von der Organisation EXIT-Deutschland in Berlin mit acht Aussteigern*innen aus der rechtsextremen Szene initiierte Fotoprojekt „Lebensbilder“. Die im Rahmen biografisch orientierter, medien- und sozialpädagogischer Fallarbeit entstandenen Fotos wurden als Prozess individueller Bilderzeugung und als Mittel zur Reflexion der jeweiligen Lebenssituation der Aussteiger*innen verstanden und eingesetzt. Eine Ausstellung schloss das Projekt ab (Pilarczyk/Wichmann 2013:1). Die Aussteiger*innen hatten die Aufgabe, unabhängig voneinander die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft über das Fotografieren mit einer Einwegkamera ins Bild zu setzen. Von den entstandenen Bildern wählten sie dann sieben aus und versahen diese mit Titeln und Kommentaren. Im Rahmen des Projektes wurde das Fotografieren als ein Bilderzeugungsprozess begriffen, der Reflexion ermöglicht; letztlich findet sich in den Bildern das, was die Bildproduzent*innen noch nicht zur Sprache bringen können (Pilarczyk/Wichmann 2013:2ff.). An dieser Stelle kann aus Platzgründen nicht auf die gesamten Ergebnisse der Analyse eingegangen werden. Die Bilder brachten aber in ihrer Gesamtheit Unwägbarkeiten und Unbewusstes zum Ausdruck. Das Projekt zeigt auf, dass das Fotografieren als Prozess der Bilderzeugung Reflexionsprozesse für die Identitätsentwicklung und Lebensbewältigung anstoßen kann (Pilarczyk/Wichmann 2013:23f.). 

Das geschilderte Fotoprojekt setzt in der Phase der inneren und lebenspraktischen Loslösung von vormaligen Einstellungs- und Verhaltensmustern ein. Der verwendete biografische Ansatz stellt in der Ausstiegsbegleitung einen wesentlichen Standard dar. Denkbar wären auch Angebote zum kreativen Schreiben oder zum Poetry Slam, zur Video-, Musik- und Theaterproduktion. Hier bieten sich unterschiedliche Möglichkeiten, die einzelnen wichtigen Stationen des eigenen Lebens, des Einstiegs- und Ausstiegsprozesses zu thematisieren und diesen eine ästhetische Ausdrucksform zu geben. Letztlich kann dies ein Ausgangspunkt sein, entweder mit der vorhandenen ästhetischen Praxis oder aber auch über andere ästhetische Medien eine neue ästhetische Praxis kennen zu lernen, um alternative Bezüge zur Welt zu finden. Dies könnte zugleich einen Prozess initiieren, das bestehende Selbst-/Weltverhältnis in Frage zu stellen und mit etwas Zeit sogar ein neues Selbst-/Weltverhältnis zu entwickeln. Aus diesem theoretischen Verständnis heraus ist der Ausstiegsprozess auch als Bildungsprozess zu beschreiben, der im Rahmen kultureller Bildungssettings über hoch-, pop-, und/oder alltagskulturelle Medien ästhetische Praxen initiiert, die dazu beitragen, das Selbst-/Weltverhältnis eines Individuums zu verändern, d.h. sich auch im Falle der Aussteiger*innen von vorhandenen extremistischen Weltbildern zu emanzipieren und in neue habitualisierte (routinemäßig verinnerlichte) Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsmuster zu überführen. Dies würde im Idealfall auf der Subjektebene der ästhetischen Praxis zu einem neuen Selbstbild bzw. zu einer neuen Selbstpräsentation führen, die nicht mehr darauf angewiesen ist, das Selbstbild über die Abwertung anderer Menschen zu konstruieren, um eine positive Selbstwahrnehmung zu erhalten. Eine Kooperation von Angeboten Kultureller Bildung und Sozialer Arbeit würde daher bedeuten, in einem multiprofessionellen Team in der Regel am Einzelfall zu arbeiten. In einem solchen Team könnten neben Sozialarbeitenden und Psycholog*innen eben auch Künstler*innen und Vertreter*innen von Kultureinrichtungen zusammenarbeiten. Die Kooperation mit Kultureinrichtungen bietet darüber hinaus den Raum, die entstandenen Kunst- und Kulturprodukte an einem öffentlichen Ort einem Publikum zugänglich zu machen. Dies würde im Sinne einer neuen lebenspraktischen Umorientierung den Raum für neue soziale Kontakte und Austausch bieten. Hiermit verbunden ist auch eine Erfahrung positiver Selbstwirksamkeit, indem die Aussteiger*innen durch das Sprechen über das eigene Kunstprodukt ein Feedback zu ihrer kulturschaffenden Praxis vom öffentlichen Publikum oder etwas privater von der Familie und Freund*innen erhalten. Voraussetzung ist dafür natürlich, dass die Aussteiger*innen diese Öffentlichkeit auch befürworten. 

Damit eine solche Zusammenarbeit erfolgreich verlaufen kann, ist es unabdingbar, regelmäßige Teambesprechungen durchzuführen, um in diesem Rahmen auch Prozessverläufe und daraus abzuleitende weitere Maßnahmen zu diskutieren. Hieraus könnte auch eine Motivation entstehen, Angebote Kultureller Bildung von Sozialarbeitenden und Künstler*innen gemeinsam durchzuführen. Ein denkbarer Effekt des Dialogs und der gemeinsamen Arbeit zwischen Sozialarbeitenden und Künstler*innen wäre unter Umständen eine Sensibilisierung für die jeweilige fachliche Perspektive. Sozialarbeitende hätten die Möglichkeit, den Ausstiegsprozess stärker als Bildungsprozess zu fassen und deutlich systematischer auf die ästhetische Praxis im Lebenszusammenhang der Aussteiger*innen zu schauen. Künstler*innen hätten unter Umständen eine deutlichere Verbindung zum Lebensalltag und der Biografie der Aussteiger*innen, die eine individuellere Herangehensweise künstlerischer und ästhetischer Medien ermöglichen kann.   

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Bünyamin Werker (2026): Potenziale Kultureller Bildung in der sozialarbeiterischen Unterstützung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen beim Ausstieg aus rechtsextremistischen Lebenskontexten. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/potenziale-kultureller-bildung-sozialarbeiterischen-unterstuetzung-jugendlichen-jungen (letzter Zugriff am 20.04.2026).

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