Der Park als Erfahrungsraum im Anthropozän

Die Open-Air-Ausstellung „Re:Generation. Klimawandel im Grünen Welterbe – und was wir tun können“ im Park Sanssouci 2024. 

Ein Gespräch mit Silke Hollender und Stefanie Bracht-Schubert

Artikel-Metadaten

von Stefanie Bracht-Schubert, Silke Hollender, Karin Kranhold, Sabina Meier Zur

Erscheinungsjahr: 2025

Abstract

Das Interview behandelt die Vermittlungskonzeption und -praxis der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) im Diskurs zu den Themen Klimakrise und Anthropozän. Im Mittelpunkt steht die Verantwortungsübernahme der SPSG insbesondere zur Förderung von zukunftsfähigem Denken und nachhaltigem Handeln angesichts globaler ökologischer Herausforderungen. Die Konzeption, Umsetzung und Rezeption der Open-Air-Ausstellung „Re:Generation. Klimawandel im Grünen Welterbe – und was wir tun können“ im Park Sanssouci Potsdam wird zum Anlass genommen, intervenierende, partizipative und interaktive Formate vorzustellen, die Besucher*innen einluden, den Einfluss des Klimawandels auf den Park wahrzunehmen, eigene Erfahrungen und Perspektiven einzubringen und diese zu reflektieren. Im Fokus stand, die komplexen und oft verunsichernden Herausforderungen angesichts des Klimawandels zu adressieren. Die ästhetische Gestaltung des Parks, Mitmachstationen, die inhaltliche Ausrichtung und künstlerische Formate und Impulse förderten eine Atmosphäre des Entdeckens. Die Ausstellung zielte darauf ab, nicht nur Problemlagen abzubilden, sondern auch Handlungsmöglichkeiten zu vermitteln. Im Beitrag diskutiert werden zudem Erfahrungen und Reaktionen auf diese Form der Ausstellung, die sowohl positiven Zuspruch fand, als auch Irritationen und Widerstände auslöste. Auch die institutionelle Verantwortung der SPSG und die Einbettung des Themas in die Kulturinstitution werden vorgestellt.

Hintergrund

Der Park Sanssouci in Potsdam, UNESCO-Welterbe seit 1990, gilt weit über das Land Brandenburg hinaus als ein Inbegriff von Schönheit, Kultur, Naturgestaltung und seit seiner Entstehung – wie es sein Name schon sagt – als ein perfekter Ort vermeintlicher Sorglosigkeit. Der Klimawandel als ein Bestandteil der multiplen Krisen der Gegenwart setzt jedoch heute die geschützte Gartenkunst massiv unter Druck – das prädestiniert den Park Sanssouci geradezu, um Fragen zu einer Kulturelle Bildung im Anthropozän zu diskutieren.

Von April bis Oktober 2024 wurde hier die Open-Air-Ausstellung „Re:Generation. Klimawandel im Grünen Welterbe – und was wir tun können“ präsentiert. 30 Stationen im Park führten die Auswirkungen des Klimawandels vor Augen. Die Ausstellung fügt sich ein in eine Reihe von Präsentationen, die seit 2014 die Klimakrise aus unterschiedlichen Blickwinkeln thematisieren (vgl. Schad/Möllers 2017) und teilweise vielschichtige Vermittlungskonzepte erarbeitet haben (vgl. z.B. Gavranic/Ziese 2021), entfaltet aber durch ihre unmittelbare Verortung im Welterbe-Park und ihre künstlerisch aktivierenden Ansätze eine besondere Wirkung.

Es war ein Glücksfall, dass die in Kooperation zwischen der Fachhochschule Potsdam, der Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg (PKB), der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) und der Universität der Künste Berlin konzipierte und organisierte Tagung Klima – Landschaft – Kunst. Kulturelle Bildung im Anthropozän zeitgleich auch im Park Sanssouci durchgeführt werden konnte. Der Park und die Ausstellung waren weit mehr als nur Tagungs- und Anschauungsort, sie fungierten als aktiver Erfahrungs- und Resonanzraum, der Begrifflichkeiten nachvollziehbar machte.

Um die Ausstellung und ihre Konzeption geht es im folgenden Gespräch, das Sabina Meier Zur und Karin Kranhold von der Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg mit Projektleiterin Silke Hollender und Projektkoordinatorin Stefanie Bracht-Schubert von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) für das Dossier Kulturelle Bildung im Anthropozän geführt haben.

 

Plattform Kulturelle Bildung: Im Jahr 2014 fand im Park Sanssouci in Potsdam die Open-Air-Ausstellung Paradiesapfel statt und lenkte den Blick der Besuchenden auf das gärtnerische Ensemble und die Pflanzen im Park. Der Titel enthielt zwar eine Anspielung auf den biblischen Sündenfall, im Zentrum stand aber die historische Gartenkunst mit ihren mythologischen Bedeutungsebenen, ihren gärtnerischen Besonderheiten und ihren aktuellen Funktionen als Biotop und Erholungsraum (vgl. SPSG 2014a). Der Klimawandel wurde nur am Rande thematisiert. Genau zehn Jahre später ist er in der neuen Ausstellung „Re:Generation. Klimawandel im Grünen Welterbe – und was wir tun können“ ins Zentrum gerückt. Wie stellt sich die SPSG dem Klimawandel als einem Thema, das an Dringlichkeit rasant zugenommen hat?

Stefanie Bracht-Schubert: Ja, der Fokus hat sich innerhalb dieser zehn Jahre stark in Richtung Klimawandel bewegt. Die SPSG beschäftigt sich allerdings schon seit über zehn Jahren wissenschaftlich mit diesem Thema. So hat beispielsweise auch im September 2014 eine internationale Fachtagung Historische Gärten im Klimawandel – Empfehlungen zur Bewahrung im Potsdamer Nikolaisaal und im Park Sanssouci stattgefunden. Die Ergebnisse wurden im gleichnamigem Tagungsband veröffentlicht (vgl. SPSG 2014b). In den folgenden Jahren haben weitere Tagungen und wissenschaftliche Arbeiten stattgefunden. Aber für die Mitarbeitenden wurde das Thema ab 2018 besonders real und im Negativen anschaulich. 2018 war eines der trockensten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Ganz unterschiedliche Kolleg*innen schilderten ihre Betroffenheit in dieser Zeit, weil die Trockenschäden bei Gehölzen so stark sichtbar waren. Sie hörten die Bäume ächzen und zahlreiche, vorher gesunde und vitale Bäume, nahmen starken Schaden oder starben ganz ab. Das ging auch emotional stark an die Substanz und einige Gärtner*innen weinten tatsächlich am Arbeitsplatz. Die Kolleg*innen haben verschiedene Phasen der Trauer durchlebt. Am Ende standen dann die Akzeptanz der Situation und die Motivation zum Handeln. Vernetzungen mit anderen Partnern wurden verstärkt und zahlreiche Anpassungsstrategien wurden nach und nach systematisch ausprobiert und ausgewertet. So ist in den zehn Jahren zwischen Paradiesapfel und „Re:Generation“in der Stiftung ganz viel zum Thema Klimawandel passiert, aber davon hat kaum ein Gast etwas mitbekommen. Und das wollte der Generaldirektor Prof. Christoph Martin Vogtherr ändern und hat dieses Thema ganz oben platziert. So wurde die Ausstellung „Re:Generation“ und das dazu gehörige Begleitprogramm ins Leben gerufen.

Silke Hollender: So ist auch die Ausstellung selbst eine Form des Umgangs mit dem Thema Klimawandel. Rückblickend kann man sagen, dass sie sowohl nach außen, in Richtung Publikum, als auch nach innen, in Richtung der mit der Pflege und dem Erhalt der Gärten betrauten Personen, etwas bewirkt hat. Die Ausstellung war ein echter Mutmacher, denn sie trug alle Ansätze, Experimente und Erfahrungen zum Thema Umgang mit dem Klimawandel zusammen.

Plattform Kulturelle Bildung: Wie hat sich das gewandelte Verständnis auf das Konzept und die Leitidee der Ausstellung ausgewirkt, auch im Vergleich zu Paradiesapfel?

Stefanie Bracht-Schubert: Im Gegensatz zu Paradiesapfel stand bei „Re:Generation“ das negative und bedrohliche Thema Klimawandel im Mittelpunkt. Es stellte sich also die Frage, wie man dieses Thema zum einen eindringlich vermittelt, aber gleichzeitig keine Handlungsunfähigkeit und Resignation bei den Besuchenden auslöst. Es gab aber auch Parallelen zwischen den beiden Open-Air-Ausstellungen, weil es immer eine Herausforderung ist, eine Ausstellung in einem denkmalgeschützten Park zu planen und aufzubauen.

Plattform Kulturelle Bildung: Welche konkreten Inhalte standen nun bei „Re:Generation“ im Zentrum? Wie haben Sie die Themen strukturiert und im Park erlebbar gemacht?

Stefanie Bracht-Schubert: Wir haben drei Hauptthemen an insgesamt 30 Stationen in der Ausstellung vermittelt: „Bäume und Pflanzen“, „Ressource Wasser“ und „Zeichen des Wandels“. Bei Zeichen des Wandels haben wir Bäume im Park ausgewählt, die Klimaschäden aufweisen und diese erklärt. Anfangs hatten wir den Namen Sehschule dafür vorgesehen. Es ging bei den Beispielen darum, das Sehen der Besuchenden zu schulen und aufzuzeigen, woran man klimageschädigte Bäume erkennen kann. Dazu zählen Sonnenbrand an der Rinde, krallenförmige Zweige oder Astbruchgefahr. Denn mit ungeschultem Auge erscheinen Parks und Gärten oft einfach schön und grün.

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Abb. 1: Ausstellungsstation zum Thema Wasser, © SPSG
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Abb. 2: Tunnelstation zum Thema Baumleben und -sterben, © SPSG

Beim Thema „Bäume und Pflanzen“ ging es um Klimaanpassung in Verbindung mit Denkmalschutz im Park. Wir haben sowohl die Probleme und Auswirkungen des Klimawandels auf die Gehölze erklärt, als auch gärtnerische Lösungsvorschläge aufgezeigt: Es sind ca. 80 Prozent der Bäume im Park Sanssouci geschädigt. Das Ausmaß der Schäden haben wir auf einem großen Parkplan visualisiert. Als eine Zukunftshoffnung haben wir u.a. die Naturverjüngung, also die natürliche Vermehrung der Bäume, vorgestellt. Denn Bäume, die unter den natürlichen Parkbedingungen heranwachsen und deren Erbgut von den Parkbäumen stammt, sind wesentlich besser an die trockenen und sandigen Bedingungen des Parks angepasst als Baumschulware von nicht regionalen Baumschulen. Die klassische Baumschulware wächst unter besten Bedingungen auf. Die Bäume bekommen gute Erde und viel Wasser. Wenn sie dann in den trockenen Park gepflanzt werden, sind sie nicht an diese Bedingungen gewöhnt und haben weniger gute Überlebenschancen. Neben der Naturverjüngung haben wir die Pläne für die Baumschule im Park Sanssouci vorgestellt. Hier sollen Bäume aus parkeigenem Saatgut herangezogen werden. Auch hier soll der Nachwuchs an wenig Wasser und sandigen Boden gewöhnt werden.

Das dritte Thema „Ressource Wasser“ drehte sich um die Probleme zunehmender Trockenheit und der Entwicklung des Grundwasserspiegels. Als Lösungsvorschläge wurden verschieden Bewässerungsmethoden mit ihren Vor- und Nachteilen vorgestellt.

Der für die Ausstellung neu entwickelte Klimarundgang in der Sanssouci-App ist weiterhin nutzbar.´

Silke Hollender: Ein wesentlicher Inhalt im Ausstellungsteil zum Wasser war die sogenannte Tröpfchenbewässerung, mittels derer sehr sparsam und direkt an dem Wurzeln der Pflanzen gewässert wird. Aus den vorgestellten Praxisbeispielen ließen sich viele Vorschläge ableiten, wie man seinen eigenen Garten oder das Gemeinschaftsgrün möglichst klimaneutral wässern und pflegen kann.

Plattform Kulturelle Bildung: Die genannten Themenbereiche wurden durchaus auffällig inszeniert. Sie haben im UNESCO-Weltkulturerbe Park Sanssouci, also inmitten eines historischen Parks, pink bespannte Bauzäune als Ausstellungsstationen aufgestellt. War das Provokation, Alarm oder Ärgernis?

Stefanie Bracht-Schubert: Das war ein Weg, Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Die beauftragten Agenturen Studio Prugger und Ohne Furcht und Tadel haben das Prinzip der Baustellenoptik ausgearbeitet. Zum einen wurde dadurch deutlich, dass der Klimawandel eine Baustelle ist. Die Verkehrsschilder, Bauzäune und Tunnel aus Baugerüsten hatten die von Ihnen genannten Alarm- oder Signalfarben Rot und Pink. Damit aber auch Buntheit, Unbeschwertheit und Fröhlichkeit ausgestrahlt wurde, ergänzte die Farbe Gelb das Ausstellungsdesign. Die Ausstellung sollte auffallen und zum gewissen Grad auch stören; sie sollte zur Auseinandersetzung mit dem Thema herausfordern, aber auch einladen.

Silke Hollender: Natürlich polarisierte die Ausstellungsgestaltung: Manche Besuchende fühlten sich positiv angesprochen von diesem Design, andere empfanden die Farben als störend im Park. Für alle aber warfen die temporären Ausstellungselemente Anker für die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel aus, was wir ja beabsichtigt hatten.

Plattform Kulturelle Bildung: Und wie fielen die Reaktionen der Besucher*innen auf die Ausstellung – ihr Thema und ihre Gestaltung – aus?

Stefanie Bracht-Schubert: Die Reaktionen fielen bei Führungen und persönlichen Gesprächen überwiegend sehr positiv aus. Unsere Botschaft und unser Wachrütteln, aber nicht Verstören, hat an vielen Stellen gut funktioniert. In den Sozialen Medien hingegen gab es auch negative Stimmen. Einige störten sich sehr an der Optik, andere sahen nicht das Problem im Klimawandel. Wieder andere signalisierten, dass sie sich an einem vermeintlich unbeschwerten Ort, wie dem Park Sanssouci, nicht mit Problemen auseinandersetzen möchten.

Silke Hollender: An der Menge der Reaktionen konnten wir ablesen, dass die Ausstellung und deren Inhalte von wirklich vielen Menschen wahrgenommen und diskutiert wurden, es gab eine breite Auseinandersetzung mit den Themen. Oftmals sah man lebhaft diskutierende Menschen an den Ausstellungsstationen im Park, gab es intensiven Austausch im Rahmen der vielen Begleitveranstaltungen. Gern genutzt wurde auch das Angebot im Bereich des sogenannten Forums, die eigene Meinung schriftlich zu fixieren oder sich auf der digitalen Plattform Question Pro zu äußern.

Plattform Kulturelle Bildung: Angesichts des Themas drängt sich eine weitere Frage auf: Wie ressourcenschonend war das Ausstellungsdisplay konzipiert?

Stefanie Bracht-Schubert: Die Baustellengerüste hatten nicht nur inhaltlich ihre Funktion, sondern auch aus nachhaltiger Sicht. Alle Baustellengerüstteile und alle Verkehrsschilder wurden für den Ausstellungszeitraum ausgeliehen und sind am Ende der Ausstellung wieder ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt wurden. Die Ausstellungsplanen waren PVC-frei und ein großer Teil der Planen ist an verschiedene Einrichtungen für Menschen mit Behinderung gegangen, die aus den Planen z.B. Stiftemäppchen, Schlüsselanhänger oder Taschen nähen. Der andere Teil wird für ganz praktische Dinge genutzt: als Tischdecken, Abdeckplanen für Holz und andere Materialien und vieles mehr.

Plattform Kulturelle Bildung: Der Park als ein von Menschen in einer bestimmten Epoche nach ihren ästhetischen Vorstellungen gestalteter Raum zeigt ein historisches Schönheitsideal. Dieses soll als Kulturerbe erhalten werden. Und doch sind – insbesondere durch die Folgen des menschengemachten Klimawandels – Veränderungen des Parks unausweichlich. Konfrontiert uns der Klimawandel mit dem Wandel von Schönheitsidealen, die bis heute unsere Wahrnehmung einer historischen Parkanlage und unsere ästhetischen Erwartungen an sie prägen? Oder gibt es Anzeichen, dass sich unser Verständnis von Schönheit bereits verändert hat?

Silke Hollender: Bemerkenswert ist, dass der Park in naher Zukunft wieder so aussehen könnte, wie seine Schöpfer ihn erlebt haben, z.B. Peter Josef Lenné. In seiner Lebensspanne sah er nur die noch jungen und kleinen Bäume – also ein ganz anderes ästhetisches Bild, als wir es heute haben. Setzt sich das dramatische Baumsterben im Park Sanssouci weiter fort, werden auch wir mehr junge als alte Bäume erleben. Natur, egal ob gestaltet oder scheinbar wild, ist immer zyklisch und lebendig, auch diese Einsicht vermittelte die Ausstellung.

Stefanie Bracht-Schubert: Ich denke, es kommt noch immer darauf an, mit welcher „Brille“ man einen Park betrachtet. Es gibt in den Parks der Stiftung durchaus Besuchende, die mit der „Naturschutzbrille“ durch den Park gehen. Diese Besuchenden sehen dann sehr genau hin und freuen sich beispielsweise, wenn tote Bäume als sogenannte Hochstubben stehen bleiben und nicht abgeholzt werden. Mit diesen toten Bäumen assoziieren sie dann etwas Positives und auch Schönes: Ein Lebensraum für zahlreiche Tiere, wie Fledermäuse, Vögel oder Insekten, die wichtig für die Biodiversität sind. Ebenso erfreuen sie sich an Langgraswiesen oder Grünschnitt, der zur natürlichen Verrottung in etwas natürlicheren Bereichen liegen bleiben kann. Andererseits wird durch die abgestorbenen Bäume auch das Ausmaß der Auswirkungen des Klimawandels deutlich, was dann wiederum negativ besetzt ist.

Andere Besuchende schauen mit einer anderen „Brille“ den Park an: Sie erwarten beispielsweise eine opulente Bepflanzung im Parterre und suchen unversehrte Schönheit, klassische Schönheit und Makellosigkeit im Park Sanssouci.

Ich denke, je mehr die Menschen einen Zugang zu Themen wie natürliche Anpassungsstrategien, Biodiversität und Klimawandel erhalten, desto mehr können sie sich öffnen und auch Schönheit in Totholz sehen. Aber gleichzeitig entsteht sicherlich auch ein geschärfter Blick für die Schönheit der Natur, die Schönheit von großen und gesunden Bäumen – eben deshalb, weil sie nicht mehr selbstverständlich sind und gleichzeitig so dringend gebraucht werden.

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Abb. 3: Ausstellungselemente vor dem Schloss Sanssouci, © Romberg

 

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Abb. 4: Schild zu „Zeichen des Wandels“, © Romberg

Plattform Kulturelle Bildung: Erhält gerade der historische Landschaftspark als ein Ort, an dem eine vermeintliche Harmonie von Kultur und Natur inszeniert wurde, eine neue Funktion als Bildungs- und Resonanzraum für ein sich wandelndes Verständnis vom Menschen und seiner Mitwelt? Müssen vielleicht gerade hier Zerbrechlichkeiten und Bruchstellen thematisiert werden, um Menschen zu berühren? Welche Konsequenzen hat dies für das Kulturerbe und seine Vermittlung und welche Rolle können dabei partizipative Kunstpraktiken und Kulturelle Bildung einnehmen?

Silke Hollender: Der Park an sich ist ja ein wertvolles gemeinschaftliches und demokratisches Gut: Er ist jederzeit innerhalb der Öffnungszeiten kostenfrei zugänglich. Es gibt viele Plätze dort für entspannten Aufenthalt, für gemeinsames Erleben und Austausch. Ein perfekter Ort für Entschleunigung und Entspannung in einer höchst ästhetisch gestalteten und sorgfältig gehegten Umgebung. Diese Botschaft kommt bei vielen Menschen an, oft mehr oder weniger unterschwellig. Gut ausgewählte Vermittlungsangebote können dieses emotionale Erleben vertiefen und steigern.

Stefanie Bracht-Schubert: Das ist genau der Weg, den wir gerne weiterverfolgen möchten. Wir sehen auf diese Weise sehr gute Möglichkeiten, Menschen zu berühren. Denn nur über reine Wissensvermittlung ist das nicht immer möglich. Vor allem nicht bei einem so negativ behafteten Thema wie dem Klimawandel. Während des Ausstellungszeitraums haben verschiedene künstlerische Formate gezeigt, dass sich der Park Sanssouci hervorragend für diese Art der Annährung eignet: Klangwandel beispielsweise war ein musikalischer Spaziergang mit Klangelementen durch den Park Sanssouci mit Violinistin Antje Messerschmidt und Künstlerin Jana Wilsky, der sehr gut angenommen wurde. Während des entschleunigten Klangwandels durch den Park hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, die Natur als Klanglandschaft und insbesondere verschiedene Baumarten auf eine einzigartige akustische Weise wahrzunehmen. Mit der fabrik Potsdam hat die SPSG im Rahmen einer Kooperation ein neu entwickeltes Format des Sudden Starlings Collective & Kompagnie 101 Concrete mit einer Mischung aus zeitgenössischem Tanz und der Kunst des Spazierens durchgeführt. Ein ganz besonderes Ereignis war auch das Kunstwerk This Joy des deutsch-britischen Künstlers Tino Sehgal, welches für knapp einen Monat in den Neuen Kammern gezeigt wurde. Die Interpret*innen haben durch ihre Darbietungen und ihren Gesang die Besuchenden auf ganz besondere Weise emotional angesprochen. Ein wichtiges Projekt war auch Wurzelbehandlung, das aus einer Kooperation zwischen der SPSG und dem Masterstudiengang Theaterpädagogik an der Universität der Künste Berlin hervorgegangen ist. Unter der Leitung von Leicy Esperanza und Nina Behrendt erarbeiteten die Studierenden im Neuen Garten eine Performance zu den Beziehungen zwischen Kolonialismus und Klima. Das sind nur einige Beispiele der zahlreichen künstlerischen Formate, die wir angeboten haben. Wir sehen darin ein großes Potenzial, weil die Kulturelle Bildung andere Zugänge zu Themen schaffen kann.

Plattform Kulturelle Bildung: Wie lässt sich in einer Ausstellung ein persönlicher Bezug der Besucher*innen zum Thema Klimawandel herstellen? Welche Formate haben sich dafür besonders geeignet oder bewährt?

Stefanie Bracht-Schubert: Im Prinzip ist es schon die Eingrenzung auf den Park Sanssouci, denn wir zeigen an einem konkreten lebenden Beispiel die Auswirkungen des Klimawandels direkt vor der eigenen Haustür. Darüber hinaus war eine Säule des Ausstellungskonzepts das Modell des Handprints: Wie kann man durch Taten einen positiven Handabdruck auf dieser Erde hinterlassen – im Gegensatz zum ökologischen Fußabdruck, der nur auf negative Auswirkungen des menschlichen Handelns ausgerichtet ist. Das Konzept wurde an den Eingängen erklärt und dann an allen Ausstellungsstationen ganz praxisorientiert aufgenommen. An jeder Station wurde thematisch passend eine Organisation, ein Verein, oder eine Aktion vorgestellt. QR-Codes haben dazu eingeladen, sich bei Bedarf näher zu informieren und ggf. dort zu engagieren. In diesem Rahmen gab es auch Mitmachaktionen im Park Sanssouci: Beispielsweise gab es von unseren Gärtner*innen begleitete Sammelaktionen von vitalem, also besonders vielversprechendem Saatgut, wie z.B. Eicheln. An einem weiteren Termin wurde dieses Saatgut gemeinsam an passenden Stellen im Park eingepflanzt. Diese Angebote wurden sehr gut angenommen und zeigen, dass sich die Parkbesuchenden gerne ganz praktisch für „ihren“ Park engagieren wollen.

Silke Hollender: Gut bewährt haben sich auch die angeleiteten Hands-on-Angebote an den Wochenenden, bei denen Besuchende jeden Alters ohne Anmeldung und kostenfrei zum Beispiel Insektenhotels gestalten konnten. Sehr niederschwellig agierten auch die sogenannten Klimaguides, die an den Wochenenden im Park unterwegs waren. Mit Fernglas, Lupe und Anschauungsmaterialien kamen sie mit Besucher*innen ins Gespräch und erleichterten den interaktiven und forschenden Zugang zu vielen Ausstellungsthemen.

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Abb. 5: Hands-on-Angebot im Forum, © Reinhard & Sommer 
Abb. 6: Besucher:innenbefragung im Forum, © Reinhard & Sommer 
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Abb. 7: Der Umarmbaum: Einen Baum spüren, © Reinhard & Sommer 

Plattform Kulturelle Bildung: Die Erkenntnis des Klimawandels und seiner Auswirkungen kann zu einer tiefen Verunsicherung führen. Wenn Sie noch einmal eine Zusammenfassung versuchen: Wie haben Sie diese Gefühle durch Ihr Ausstellungskonzept aufgefangen?

Stefanie Bracht-Schubert: Wir haben insgesamt versucht, thematisch eine Ausgewogenheit zwischen Problemen und Lösungen zu zeigen. Sowohl gärtnerisch als auch für jede*n Einzelne*n. Auch die Farbwahl und die Ausstellungsgestaltung sollte motivieren und nicht demotivieren. Zu den Veranstaltungen habe ich ja schon einiges erzählt, aber noch nicht erwähnt habe ich die vier Termine mit den Psychologists for Future. Drei Psychologinnen haben je ein spezielles Format angeboten. Dazu zählte zum einen ein Achtsamkeitsspaziergang und zum anderen das Thema „Klimagefühle“. Bei diesen Angeboten war ein persönlicher und intensiver Austausch möglich.

Silke Hollender: Stärkend wirkte sicherlich der Ansatz, sich inmitten vieler Initiativen und Aktivitäten selbst verorten zu können. Nicht allein zu sein mit den existenziellen Herausforderungen des Klimawandels, viele Anregungen für eigenes Handeln und Engagement zu bekommen – das schuf eine Atmosphäre von Ideenreichtum und gemeinschaftlicher Kraft.

Verwendete Literatur

  • Gavranic, Cynthia / Ziese, Maren (2021): Kunstvermittlung in der ökologischen Krise. In: Wissensplattform Kulturelle Bildung Online: https://www.kubi-online.de/artikel/kunstvermittlung-oekologischen-krise (letzter Zugriff am 01.12.2025).
  • Schad, Karin im Gespräch mit Nina Möllers (2017): „Willkommen im Anthropozän. Unsere Verantwortung für die Zukunft der Erde“. Eine Ausstellung im Deutschen Museum München und der Wertewandel in der Ausstellung- und Bildungsarbeit von Museen. In: Keuchel, Susanne / Kelb, Viola (Hrsg.): Wertewandel in der Kulturellen Bildung. Bielefeld: transcript, S. 125-141.
  • SPSG (2014a): Generaldirektion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (Hrsg.): Königliche Gartenlust im Park Sanssouci. Inszenierung, Ernte und Genuss. Begleitband zur Open-Air-Ausstellung „Paradiesapfel – Park Sanssouci“. Berlin 2014.
  • SPSG (2014b): Generaldirektion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (Hrsg.): Historische Gärten im Klimawandel – Empfehlungen zur Bewahrung. Leipzig 2014.

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Gerne dürfen Sie aus diesem Artikel zitieren. Folgende Angaben sind zusammenhängend mit dem Zitat zu nennen:

Stefanie Bracht-Schubert, Silke Hollender, Karin Kranhold, Sabina Meier Zur (2025): Der Park als Erfahrungsraum im Anthropozän. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/park-erfahrungsraum-anthropozaen (letzter Zugriff am 15.12.2025).

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Dieser Artikel wurde dauerhaft referenzier- und zitierbar gesichert unter https://doi.org/10.25529/2EMH-WE13.

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