Mind the Gap. Eine theaterpädagogische Methode zur Bearbeitung sozialer Konflikte in transnationalen Räumen
Abstract
Der Beitrag stellt „Mind the Gap“ als theaterpädagogische Methode zur Bearbeitung sozialer Konflikte in transnationalen Räumen vor. Ausgangspunkt ist das Forschungsprojekt LaVie, das Familienbilder und Alltagspraktiken von Menschen in Vietnam und Vietnames:innen in Deutschland untersucht, um sozialarbeiterische Zugänge zur Begleitung von Migration zu entwickeln. Mind the Gap knüpft an Augusto Boals „Theater der Unterdrückten“ an, kommt jedoch ohne Publikum aus und bezieht alle Teilnehmenden aktiv in ein szenisches Spiel ein. Über Aufstellung, Rollenspiel, Perspektivwechsel und gemeinsame Reflexion werden Konflikte in Gruppen sichtbar gemacht, so auch in Weltfamilien oder in Organisationen, die mit Migrant:innen arbeiten. Zentral ist dabei das Konzept kultureller Abstände nach François Jullien: Nicht die Auflösung kultureller Differenzen, sondern die Verringerung von Distanz steht im Fokus. Auf der Grundlage qualitativer Daten aus dem Projekt LaVie wurde die Methode in Vietnam mit Studierenden sowie mit Lehrenden und Praktiker:innen der Sozialen Arbeit erprobt, unter anderem zum familiären Tabuthema von Homosexualität. Die Ergebnisse zeigen, dass Mind the Gap auch in Kontexten mit geringer Diskussionskultur und hierarchischen Bildungsstrukturen zur Aktivierung der Teilnehmer:innen, zur Förderung von Selbstwirksamkeit, Ambiguitätstoleranz und zum besseren Verständnis divergierender Normen beitragen kann. Zugleich werden Grenzen und Risiken – etwa die Reproduktion bestehender Machtverhältnisse – diskutiert. Der Beitrag schließt mit Überlegungen zur Übertragbarkeit der Methode auf sozialarbeiterische Praxisfelder, insbesondere im Kontext transnationaler Migration und der Anwerbung von Fachkräften aus dem globalen Süden.
Einleitung
Mit diesem für die vorliegende Veröffentlichung überarbeiteten Beitrag zur 15. Tagung des Netzwerks Forschung Kulturelle Bildung am 18./19.09.2025 in Hamburg wird Bezug genommen auf den Untertitel des Tagungsmottos: Kulturelle Bildung als soziale und gesellschaftspolitische Praxis. Mit der theaterpädagogischen Methode Mind the Gap wird die Übertragung und Anwendung von Methoden Kultureller Bildung für die Soziale Arbeit, insbesondere für die Arbeit mit Gruppen dargelegt. Hierbei wird mit Bezug auf zwei Lehrversuche in Vietnam der Fokus auf die Bearbeitung kultureller Abstände (vgl. Jullien 2019) und auf die Bedeutung von Transkulturalität (siehe hierzu Welsch 2017) in der Sozialen Arbeit gerichtet.
Es geht bei Mind the Gap um soziale Praktiken bzw. ihre Veränderung in Gruppen und Arbeitsgemeinschaften. Die Teilnehmer:innen erfahren durch ihre Einflussnahme auf ein soziales Gefüge bzw. auf ein konkretes Gruppengeschehen Selbstwirksamkeit und Möglichkeiten der Veränderung. Mind the Gap wurde von Christian Gedschold 2006 im Rahmen eines theaterpädagogischen Projekts an allgemeinbildenden Schulen entwickelt und später für andere theaterpädagogische Arbeitsfelder, unter anderem im Unternehmenstheater, erweitert und modifiziert. Ein ausgreifender gesellschaftspolitischer Bezug wird erreicht, indem Individuen sich als handelnd erleben und ermutigt werden, ihre Handlungsfähigkeit in größeren politischen Zusammenhängen einzusetzen. Widerständig – so der Haupttitel der Tagung – wirkt die Methode in mehreren Bedeutungen des Begriffs: Die Brechung eines äußeren Widerstands beispielsweise gegen soziale und politische Ungerechtigkeiten folgt aus der Überwindung des Widerstands zwischen dem eigenen Denken und Handeln, des inneren Widerstandes von Menschen in Gruppen zur Beteiligung, zum Agieren in sozialen Situationen. Da innere Widerstände ihre Ursache oft in gesellschaftlichen Verhältnissen haben, etwa durch die Angst, sich im Sinne der Herrschenden politisch falsch zu positionieren, kann Mind the Gap (auch) zur Formulierung eines Widerstands gegen gesellschaftliche Missstände verhelfen. Mind the Gap ist nicht zufällig dem „Theater der Unterdrückten“ Augusto Boals (2009) ähnlich und kann als eine Fortschreibung verstanden werden. Im Unterschied zur Methode Boals gibt es jedoch kein Publikum, sondern ausschließlich Spielende, da alle Teilnehmer:innen nicht nur an Entscheidungen über den Handlungsverlauf, sondern auch darstellend am Spiel beteiligt sind.
Der Widerstand soll durch die Verführung zum Spiel überwunden werden. Die theaterpädagogische Methode zielt darauf, Mitglieder von Gruppen bei der Bearbeitung und Lösung konflikthafter Situationen aus der Betrachtung ihrer Konfliktkonstellation zur Bildung einer sozialen Skulptur hin zu einer aktiven spielerischen Beteiligung zu bewegen. Durch die aktive Beteiligung am Geschehen gelangen die Teilnehmer:innen zur Übernahme unterschiedlicher Perspektiven und zum Verständnis konfligierender Positionen. Das Ziel ist die Veränderung der inneren Haltung der Mitspieler:innen und die gemeinsame Erarbeitung von Handlungsalternativen zur Lösung von Konflikten.
Mit dem vorgestellten Ansatz haben die Autorin und der Autor im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes in mehreren Lehrexperimenten in Vietnam untersucht, ob und inwieweit sich die Methode in einer nicht westlich-europäischen Kultur nutzen lässt und ob hiermit kulturelle Abstände überwunden werden können. An der Hanoi National University (HANU) sowie der University of Social Sciences Hanoi (USSH) wurde Mind the Gap im Jahr 2022 mit Studierenden (HANU) und im Jahr 2023 mit Lehrenden und Praktiker:innen der Sozialen Arbeit (USSH) erprobt.
Die Methode Mind the Gap im Forschungskontext von LaVie
Bei einem Unterrichtsversuch an Sekundarschulen im Rahmen einer theaterpädagogischen Reihe im Format eines Theaters im Klassenzimmer wurde im Schuljahr 2006/2007 im Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt und in angrenzenden Landkreisen der Länder Thüringen und Sachsen die Methode Mind the Gap entwickelt. Es ging damals vor allem darum, Schüler:innen der Sekundarstufe I, die vorwiegend aus benachteiligten Milieus stammten, aus ihrer auf Europäer:innen oft eher zurückhaltend wirkenden Haltung zu lösen, sie in ein gemeinsames Spiel einzubeziehen und ihnen eine leibliche Erfahrung von Perspektivübernahme zu ermöglichen. Später wurde das Format dann in anderen theaterpädagogischen Zusammenhängen im Unternehmenstheater in Köln und Frankfurt am Main erprobt; unter anderem 2008 mit Führungskräften von Banken und Finanzdienstleistern. Das Vorgehen war in der Arbeit mit diesen sehr unterschiedlichen Zielgruppen gleich, nur die Problemstellungen waren andere. Mit den Schüler:innen wurden alters- und milieutypische Probleme wie Perspektivlosigkeit, prekäre Lebensverhältnisse, drohende Arbeitslosigkeit und Drogen- bzw. Alkoholmissbrauch thematisiert, bei den Bankern standen Kommunikationsstörungen und Abhängigkeiten von starren Hierarchien im Vordergrund.
Im Rahmen des von Stefanie Sauer 2022 initiierten Forschungsprojekts LaVie – Leben und Alltag in Vietnam (Sauer/Gedschold 2026) wurde die Methode aufgegriffen und zur Anwendung mit Gruppen in transnationalen Räumen erweitert, wobei Stefanie Sauer vorwiegend der Part der Forscherin und Christian Gedschold die Rolle des Anleiters zukam. Das Forschungsprojekt LaVie untersucht und vergleicht Familienbilder von Menschen in Vietnam und von Vietnames:innen in Deutschland sowie damit einhergehende Konzepte von Partnerwahl, Familiengründung, Erziehung und Bildung, Migration und Religiosität. Hierbei wird der Frage nachgegangen, wie vietnamesische Migrant:innen in Deutschland Widersprüche zwischen gesellschaftlichen Normen zuhause und in ihrer Diaspora (Schaland 2016) im Ausland bewältigen. LaVie zielt auf die Entwicklung sozialarbeiterischer Methoden zur Begleitung von Migrant:innen, die meist zum Zweck der Erwerbstätigkeit von Vietnam nach Deutschland übersiedeln.
Mit LaVie sollen die Grundlagen zur Überwindung von Unterschieden herausgefunden werden. Im Sinne der Theorie von François Jullien, wonach für ein echtes Kulturverstehen und interkulturellen Austausch nicht die Überwindung kultureller Differenzen, sondern die Verringerung von kulturellen Abständen entscheidend ist (vgl. Jullien 2019), soll mit LaVie ermittelt werden, welche kulturellen Unterschiede zwischen den Lebensbedingungen bestehen, unter denen Menschen in Vietnam ihr Alltagsleben gestalten und den Bedingungen, die sie in Deutschland vorfinden, also welche Hindernisse und Unterschiede einer gelingenden Lebensführung in Deutschland entgegenstehen. Hierzu wurden qualitative Forschungsdaten generiert, vorwiegend in Form von ca. 20 Interviews mit Einzelpersonen und Gruppen, aber auch durch Teilnehmende Beobachtungen und Feldforschungen sowohl in Berlin und Brandenburg als auch in Hanoi.
Zur Erweiterung des Repertoires an Methoden der Sozialen Arbeit mit Gruppen sowie zur Vervollständigung des Datenmaterials von LaVie wurde Mind the Gap mit vietnamesischen Studierenden in Hanoi erprobt. Es sollten Konflikte in Lerngruppen, vor allem aber in ihren Familien identifiziert und thematisiert werden. Die Entwicklung von Lösungsstrategien für konkrete Situationen in den Seminargruppen wäre ein guter Nebeneffekt gewesen, wurde aber im Rahmen des Forschungsprojekts nicht angestrebt.
In der Vorbereitung stellte sich heraus, dass es in Vietnam in so gut wie keinem gesellschaftlichen Milieu und auch keiner Altersgruppe üblich bzw. möglich ist, über Probleme, Konflikte, Differenzen oder gar Streit offen zu sprechen (vgl. Willamowski 2025:261). Auch politische Themen werden weitgehend vermieden, da öffentliche Kritik an der Partei, am Staat und an seinen Institutionen in der sozialistischen Republik Vietnam verboten ist und verfolgt wird. Aus dem bisher erhobenen Datenmaterial ließen sich allerdings ausreichend Hinweise auf Konflikte in und zwischen Gruppen gewinnen. In den Interviews war herausgekommen, dass neben anderen das Thema Homosexualität in vietnamesischen Familien ein besonderes Tabu darstellt und als sehr belastend empfunden werden kann. Der vietnamesische Staat und auch die Gesellschaft sind im Unterschied zu anderen Ländern der Region liberal gegenüber lgbtq* Personen, dennoch ist Queerness ein schambelastetes Thema, da Homosexualität in vielen Fällen als Krankheit oder als schicksalhafte Bestrafung stigmatisiert wird.
Die Integration von Mind the Gap in das Projekt LaVie folgte dem oben beschriebenen Ziel der Konfliktbearbeitung und entsprach den im Forschungsgeschehen formulierten Forschungsfragen:
- Wie können verborgene bzw. unterdrückte Konflikte in transkulturell geprägten Gruppen sichtbar gemacht und zu Lösungen geführt werden?
- Wie lassen sich Mitglieder von Gruppen aus einer gegebenenfalls passiven Teilnahme in aktive Spiel- und Handlungsformate einbinden, die zur Sensibilisierung für Konfliktursachen beitragen?
- Welche Potenziale zur Lösung von Kontroversen lassen sich mit dem Format „Mind the Gap“ sinnvoll nutzen? (Mit dieser Frage wird auf den von einigen Projektpartner:innen geäußerten Wunsch eingegangen, Trainings und Workshops für Migrant:innen, aber auch für Fachkräfte, die mit Migrant:innen arbeiten, zu entwickeln und in die Soziale Arbeit mit ihnen zu integrieren.)
Die vietnamesischen Studierenden werden als potenziell transkulturell geprägte Gruppe angesehen, da ihr Deutschstudium keinem wissenschaftlichen linguistischen oder philologischem Interesse folgt, sondern ausschließlich der Vorbereitung auf die Migration nach Deutschland zum Zweck der Erwerbsarbeit dient.
Mind the Gap – Spielablauf
Die im Folgenden dargestellte Überleitung von der Betrachtung der vorgespielten Szene über die Beschreibung zur Personenaufstellung hin zur aktiven Spielbeteiligung soll die Teilnehmerinnen bei der (1) Überwindung der ersten Lücke, der ersten „Gap“ unterstützen. Es geht zunächst um den Schritt in die Handlung, in die eigene körperliche Beteiligung und um das Erlebnis der leiblichen Involviertheit in einer Situation. Durch die angestrebten permanenten Rollenwechsel wird (2) die zweite Lücke, nämlich zwischen der eigenen Position und der Position der anderen am zu bearbeitenden Konflikt Beteiligten, mental und leiblich geschlossen. Durch die Akzeptanz des Vorhandenseins bis hin zur Gültigkeit von der eigenen Haltung abweichender Positionen wird zudem (3) die Lücke zwischen einer angenommenen Wirklichkeit und der individuellen Wahrnehmung deutlich und kann bewältigt werden. Da alternative Handlungsweisen nicht nur mentalisiert, sondern ausagiert werden, können Ideen konkretisiert werden; (4) aus einem lediglich angenommenen „als ob“ wird ein tatsächliches „anders als“. Durch die genannten Lückenschlüsse können auf einer abstrakteren Ebene (5) kulturelle Abstände erfasst, akzeptiert und integriert werden.
1) Vorspiel | Die Mitglieder der Gruppe bleiben zunächst in der Rolle der Zuschauenden. Die Teamer:innen, das waren im konkreten Fall die Autor:innen dieses Beitrags, spielen eine kurze Szene mit einem aus den Interviews oder anderen Datenquellen ermittelten Konflikt im Zentrum. In den bisher erprobten Fällen wurde die initiierende Szene durch zwei Personen gespielt, da so am besten zwei gegensätzliche Positionen personifiziert und konturiert voneinander abgesetzt werden können. So können beispielsweise Konflikte zwischen Vorgesetzen und Mitarbeiter:innen, Lehrer:innen und Schüler:innen oder – auf einer einzigen Hierarchieebene – zwischen Nachbar:innen und Eheleuten dargestellt werden.
2) Erweiterung | Die Szene sollte an einem Tisch stattfinden, an dem beide Spielenden auf Stühlen sitzen. Es wird gespielt, bis ein Konflikt hinreichend erkannt werden kann oder sich festgefahren hat. An diesem Punkt unterbricht ein:e Spieler:in die Szene, wendet sich an die Gruppe und stellt einige Fragen zur Szene, etwa nach der Glaubhaftigkeit der Darstellung und ob das Gesehene den Erfahrungen der Zuschauenden entspreche oder ob Aspekte nicht ausreichend berücksichtigt worden wären. Nach einer kurzen Diskussion wird gefragt, welche Entwicklung der Situation die Zuschauenden erwarten und ob weitere Personen hinzugebeten werden könnten: Nachbar:innen, Vorgesetzte, die Schulleitung, Verwandte etc. Die Gruppe macht Vorschläge zur Erweiterung des Tableaus. Der bzw. die moderierende Spieler:in fragt, welches Mitglied der Gruppe die zur Erweiterung genannte Rolle füllen soll. Die ausgewählte Person tritt zu den beiden Teamern hinzu. Hierbei ist es sinnvoll, das Tableau im Sitzen beizubehalten, um die Hinzukommenden nicht in Verlegenheit zu bringen.
3) Austausch | Die Teamer:innen und die hinzugekommene Person spielen die Situation weiter, wobei die Teamer:innen in ein der Situation angemessenes stärkeres Agieren übergehen, sich bspw. erheben und durch den Raum gehen können. Ein:e Teamer:in passt einen günstigen Zeitpunkt ab, um das Spiel erneut zu unterbrechen. Die Gruppe wird gefragt, ob das Verhalten der einen oder anderen Person des Ausgangstableaus zur Lösung des Konflikts geeignet sei. (Ist der Vater zu streng oder zu nachgiebig; ist der Chef ausreichend im Bilde; hat die Lehrerin unüberwindliche Vorurteile etc.?) Die Gruppe beurteilt die infrage stehende spielende Person und schlägt Korrekturen vor. Der:die Teamer:in fragt, welches Mitglied der Gruppe womöglich besser für die Rolle wäre und bittet die vorgeschlagene Person darum, die Rolle zu übernehmen. Das Spiel wird auf diese Weise mehrfach unterbrochen, bis alle Rollen mehrfach neu besetzt wurden. Zwischen zwei Durchgängen können die Teamer:innen den Tisch und die Stühle entfernen und eine neue Situation vorschlagen: „Es ist jetzt drei Wochen später und die Personen treffen sich in der Teeküche“, „Kurz danach auf dem Schulhof“ oder „Der Konflikt ist eskaliert, man trifft sich vor dem Richter“. Die Fantasie für die Weiterentwicklung sollte nur durch die eine realistische Einordnung in die Gegebenheiten der Situation eingegrenzt werden.
4) Reflexion | Wenn die eingeplante Zeit abgelaufen ist oder die Teamer:innen merken, dass sich die Situation festfährt, wird das Spiel von den Teamer:innen mit einem Applaus beendet. Möglichst viele Mitglieder der Gruppe sollten die Gelegenheit zur Teilnahme gehabt haben. Die Spieler:innen, die als letzte auf der Szene waren, sollten dort verbleiben und als erstes gefragt werden, wie es ihnen in der jeweiligen Rolle gehe bzw. gegangen sei. Hierbei kommt es zunächst darauf an zu erzählen, welche Gefühle in den jeweiligen Positionen und Situationen vorherrschend waren. In dieser ersten Reflexionsrunde können die Teilnehmer:innen (a) antagonistische Positionen aus den jeweiligen Perspektiven und Gefühlsgründen der anderen Beteiligten für sich erschließen. Danach versuchen die Beteiligten gemeinsam, (b) Lösungen für die gespielten Szenen und Strategien zur zukünftigen Konfliktvermeidung zu entwickeln und angemessene und für sie akzeptable Verhaltensweisen zu entwerfen.
Die vorrangigen Ziele von Mind the Gap sind
- Entwicklung eines (Selbst-)Verständnis der eigenen Position
- Perspektivübernahme durch leibliche Beteiligung
- Situationsverstehen
- Kontextualisierung
- Entwicklung alternativer Szenarien
- Impulse zur Veränderung von institutionellen und organisatorischen Strukturen
- Empathie durch Interkorporalität
Zielgruppen
Eine Übertragung des Konzepts der „Lücke“ (s. o.) auf das Forschungsprojekt LaVie und der Einsatz von Mind the Gap als Methode der Sozialen Arbeit führt über die Bedarfe der jeweiligen Zielgruppen. Im Fall von LaVie sind dies (1) migrierende Angehörige von Weltfamilien (vgl. Beck/Beck-Gernsheim 2011:25-31), d. h. Menschen, die ihr Herkunftsland verlassen, um in einem anderen Land zu leben, aber starke und dauerhafte Verbindungen zur Familie im Herkunftsland aufrechterhalten und (2) Mitarbeiter:innen von Einrichtungen und Organisationen, die mit Angehörigen von Weltfamilien im Zielland arbeiten. Dazu gehören Fachkräfte der Sozialen Arbeit, Arbeitgeber:innen, Vorgesetzte, Ausbilder:innen sowie Lehrer:innen an Sprach- und allgemeinbildenden Schulen. In beiden Zielgruppen werden alle fünf benannte ‚Lücken‘ bearbeitet, wobei die an letzter Stelle benannte Bearbeitung bzw. Verringerung des kulturellen Abstands (Jullien 2019:46) ein übergeordnetes und verbindendes Ziel ist.
Ziele
Mind the Gap im Forschungskontext von LaVie wird zur Bearbeitung der erwähnten ‚Lücken‘ eingesetzt und verfolgt die folgenden Ziele:
- Reflexion der kulturellen Abstände zwischen Herkunfts- und Zielland
- Verständnis von „fremd“ empfundenen Verhaltensweisen
- Kritik eigener Normalitätsvorstellungen
- Umgang mit Loyalitätskonflikten
- Umgang mit Rassismus und Diskriminierung
- Entwicklung von Ambiguitätstoleranz
Es geht zunächst um die Erschließung und Reflexion kultureller Abstände zwischen dem Herkunfts- und dem Zielland bzw. zwischen den jeweiligen Bezugsgruppen in den Ländern. Die im Abschnitt ‚Spielablauf‘ angenommenen Konflikte können im transkulturellen Geschehen vergröbernd als interkulturelle Differenzen (vgl. Franz/Stadler-Altmann 2013) angenommen werden. Meinungsverschiedenheiten und Unstimmigkeiten resultieren zunächst meist aus unterschiedlichen Auffassungen über das ‚richtige‘ Leben oder die korrekte Anwendung sozialer Verhaltensregeln. Im ersten Schritt sollen daher die Existenz und die Gültigkeit verschiedener Normen in ihren jeweiligen gesellschaftlichen Bezügen und darüber hinaus als individuell gültige und gleichwertige Maßstäbe des Handelns erkannt werden, ohne sie miteinander zu vergleichen oder sie zu hierarchisieren.
Aus der zunächst bloßen Wahrnehmung soll im doppelten Sinn ein Verständnis von als fremd empfundenen Verhaltensweisen erwachsen: Zum einen als Verstehen von Bedeutungen der unbekannten Normen, Rituale und Verhaltensmuster und zum anderen als Akzeptanz ihres je eigenen Wertes. Damit einher geht in einer Kritik der eigenen Normalität für Angehörige der zweiten Zielgruppe (s. o.) die Möglichkeit, die eigenen Gewohnheiten zu beleuchten und womöglich in Frage zu stellen.
Durch die Übernahme der Konventionen des Aufnahmelandes können Loyalitätskonflikte aufkommen. Migrant:innen befürchten womöglich, „Verrat“ an ihren Communities und Familien zu begehen, wenn sie sich den Verhaltensregeln der aufnehmenden Gesellschaft unreflektiert unterwerfen. Die Akzeptanz der Geltung unterschiedlicher bzw. widersprüchlicher Normen kann durch das eigene Erleben der Differenz zu beiden Seiten des kulturellen Spektrums eher gelingen, da hierdurch die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Lebensauffassungen erfahrbar wird. Mind the Gap kann daher auch als eine effektive Übung zur Entwicklung von Ambiguitätstoleranz angesehen werden.
Methoden
Die in Mind the Gap eingesetzten Methoden entstammen dem klassischen Instrumentenkasten der Theaterpädagogik (vgl. bspw. Höhn 2018). Hinzu kommen Elemente der Familienaufstellung und des Forumtheaters und Diskussionsformate aus der Gruppenpädagogik:
- Aufstellung
- Rollenspiel
- Diskussion
- Analyse
- gemeinsame Entscheidungsfindung
Entscheidend ist im Prozess der Fortentwicklung und dem Aufzeigen von Lösungen der zunächst vorgespielten und danach durch die Teilnehmer:innen weitergespielten Situation, dass alle Schritte von der Gruppe im Konsens beschlossen werden, wobei wie im Forum-Theater den Zusehenden eine höhere Urteilskraft als den Spielenden unterstellt wird, demzufolge ihre Interventionen mehr Gewicht haben. Die Spieler:innen nehmen die Kritiken auf und setzen die Hinweise des Publikums um, bis Einigkeit über die Darstellung erlangt wird. Die Teilnehmer:innen nehmen gemeinsam eine objektivierende Haltung ein und versuchen, Konfliktlösungen diskursiv zu finden.
Im Unterschied zu rein diskussionsbasierten Formaten werden bei allen Teilnehmer:innen ähnliche Kompetenzen im Umgang mit der Situation und den zu bearbeitenden Konflikten angenommen. Durch die „Verführung“ zum Spiel von der Demonstration über die Erzeugung eines Tableaus zum eigenen Spiel werden die Lücken zwischen Zusehen, Nachstellen und Handeln geglättet. Auch soll durch den fließenden Übergang die Unterscheidung zwischen tendenziell eher zurückhaltenden und extravertierten, zwischen denen, die sich ein Rollenspiel nicht zutrauen, und denen, die gern schauspielern, verringert werden.
Als entscheidendes Momentum für die Akzeptanz von Mind the Gap und seine Wirksamkeit haben sich Prozessoffenheit, Flexibilität und Anpassungsbereitschaft der Teamer:innen und begleitender Pädagog:innen bzw. – wenn die Methode in Betrieben eingesetzt wurde – der verantwortlichen Führungskräfte erwiesen. Mind the Gap darf nicht als unveränderliches Regelwerk verstanden und umgesetzt werden, sondern muss den Zielen der Maßnahme, den Gegebenheiten der schulischen bzw. betrieblichen Umgebung, den Fähigkeiten der Teilnehmer:innen und vor allem dem Grad ihrer Bereitschaft zur aktiven Mitwirkung angepasst werden. Die Struktur aus Zusehen, statischer Positionierung, Rolleneinnahme und -wechsel und Diskussion muss erhalten bleiben. Bis zu welcher Tiefe die einzelnen Schritte ausgeführt werden, muss in der konkreten Situation eruiert und angepasst werden.
Ein Beispiel: Beim Lehrversuch mit Studierenden der HANU, allesamt lernten Deutsch als Fremdsprache (DaF), stellte sich in der Spielphase heraus, dass einige Teilnehmer:innen durchaus zum Thema beitragen wollten, aber noch nicht über ausreichende Sprachkenntnisse verfügten. Die (deutschsprachigen) Teamer:innen regten an, das Spiel auf Vietnamesisch fortzusetzen. Sofort fanden sich andere Teilnehmer:innen bereit, die Dialoge simultan ins Deutsche zu übersetzen. Die sprachliche Lücke konnte überbrückt und das Spiel fortgesetzt werden, wobei die Akteure weitaus agiler und engagierter waren als zuvor.
Effekte und Kritik
Die auffälligste Wirkung von Mind the Gap lässt sich zum einen wie erwähnt in der Akzeptanz, der Beteiligung auch von eher passiv agierenden Mitgliedern von Gruppen beobachten. Es spielen nicht nur diejenigen mit, die ohnehin Freude am Theaterspiel haben und sich an jedem Rollenspiel beteiligen, sondern auch die eher zurückhaltenden Mitglieder einer Gruppe, eines Seminars oder eines Arbeitsteams. Auch hierdurch können individuelle sowie gesellschaftlich oder kulturell bedingte Unterschiede zwischen tätiger und zurückhaltender Beteiligung am Gruppengeschehen überbrückt werden.
Ein besonderer Effekt von Mind the Gap baut auf den ersten Lückenschluss auf. Die Teilnahme am Spiel stellt nicht nur die leibliche Verbindung der Spieler:innen zum Geschehen her, sondern ermöglicht sowohl formal als auch inhaltlich die Erschließung von „Sinnprovinzen“ (Berger et al. 2021:102–103) – einerseits als Terrains unbekannter Kulturen und andererseits als eigene latente Potenziale. An der HANU wurde dieser Effekt durch das spontane Engagement der Studierenden an zwei Aspekten deutlich: In Vietnam gibt es, erstens, keine nennenswerte Tradition des repräsentierenden oder psychologisierenden Theaters, wie es in Europa und in Amerika gespielt wird. Rollenrepräsentationen sind lediglich aus dem TV, dem Kino und vermehrt aus Internet-Videos auf YouTube etc. bekannt. Dessen ungeachtet konnten alle Teilnehmer:innen das Prinzip der Rolleneinnahme intuitiv nachvollziehen und sich unmittelbar am szenischen Spiel beteiligen. Sie konnten auf diese Weise die Kunstform des westlichen Theaters auf sehr einfache Weise kennenlernen. Zweitens verhalten sich vietnamesische Studierende in ihren Seminaren durchweg passiv: Die Hochschuldidaktik folgt einem einseitigen Prinzip des Wissenstransfers von der Lehrperson zu den Lernenden in frontal arrangierten Unterrichtssettings. Mit Mind the Gap konnten die Studierenden der HANU ihnen bisher unbekannte Lernformen erproben. Allein die Umstellung der Möbel zu einem Stuhlkreis war für sie – so versicherten sie uns – eine vollkommen neue Erfahrung.
Ein weiterer, zunächst nicht beabsichtigter Effekt konnte in Bezug auf das Sprachlernen mit den Studierenden in Hanoi beobachtet werden. Die DAAD-Lektorin des Deutschkurses, in dem wir Mind the Gap einsetzten, hatte vorab darauf hingewiesen, dass die Studierenden im Unterricht besondere Schwierigkeiten im freien Sprechen hätten. Dies war im Unterrichtsversuch des Forschungsteams von LaVie nicht der Fall. Die Studierenden beteiligen sich intensiver als im konventionellen Kursgeschehen und hatten deutlich höhere Sprechanteile.
Neben den dargestellten positiven Effekten könnte Mind the Gap entgegen der Absicht, Horizonte zu erweitern und Konfliktlösungen zu erarbeiten, bestehende Konflikte vertiefen und Machtverhältnisse in Gruppen verfestigen. In den Diskussionen zur Fortschreibung der Szenen und ihrer Erprobung, die konsensuell und objektivierend geführt werden soll, besteht immer auch die Gefahr der Reproduktion der bestehenden Verhältnisse in der jeweiligen Gruppe und ihrer lebensweltlichen Umgebung. In diesem Zusammenhang wurde bisher noch nicht näher untersucht, welchen Einfluss die Teilnahme von Mitgliedern unterschiedlicher Statusgruppen in Hierarchien haben kann. So können Mitarbeitende von Unternehmen im Spielgeschehen von Mind the Gap gegenüber ihren Vorgesetzten zurückhaltend agieren, da sie womöglich befürchten, dass ihre Konfliktdarstellungen und Problemlösungsstrategien unerwünschte Auswirkungen auf den Arbeitsalltag haben (vgl. Herbrechter 2016). Deshalb wurde in den bisherigen Versuchen von Mind the Gap darauf geachtet, dass die Spieler:innen einer Statusgruppe bzw. derselben Hierarchieebene angehören. Die Spielleiter:innen müssen zudem darauf achten, dass womöglich nicht offensichtliche Machtungleichgewichte weder offen noch verdeckt zum Tragen kommen können.
Resümee
Die Anwendungsgebiete und Zielgruppen von Mind the Gap wurden eingangs dieses Beitrags beschrieben. Es geht bei der Methode um die gemeinschaftliche Herausarbeitung und Bearbeitung von Konflikten in Gruppen, seien sie durch interne Prozesse oder von außen wirkende Einflüsse ausgelöst. Die Teilnehmer:innen erfahren Selbstwirksamkeit durch ihre individuelle leibliche Beteiligung am Geschehen, gemeinschaftliche Reflexion und aktive Veränderung. Mind the Gap schließt die Lücke zwischen der Betrachtung einer Situation und den eigenen Anteilen an ihr, die Lücke zwischen Spielen und Zusehen, zwischen den eigenen Positionen und denen anderer Personen und zwischen lebensweltlichen bzw. kulturellen Realitäten und ihrer Wahrnehmung.
Nicht nur im Zusammenhang mit der Anwerbung von Fachkräften und Auszubildenden für das Arbeits- und Ausbildungsfeld der Krankenpflege sowie anderer Berufe aus Ländern des globalen Südens nach Deutschland gewinnt die Überwindung kultureller Abstände an Bedeutung, aber besonders diese Gruppe erhält aufgrund der aktuellen politischen Bestrebungen zunehmende Beachtung. Es geht nicht um sogenannte interkulturelle Trainings, mit denen Migrant:innen zur Integration oder womöglich zur Anpassung an die Gebräuche des aufnehmenden Landes qualifiziert werden, sondern um die Annäherung der einen wie der anderen Population, der Zuwandernden ebenso wie der Aufnehmenden.
Die Bedingungen für ein Gelingen dieser und anderer Methoden der Kulturellen Bildung in Aufnahmeprozessen liegen in der Erreichbarkeit der Zielgruppen, der Bereitschaft der Mitarbeitenden von Organisationen, sich aktiv an der Aufnahme von Migrant:innen zu beteiligen, und der Verfügbarkeit von zeitlichen und finanziellen Ressourcen für spielerische und vermeintlich entbehrliche Angebote. Für die Angehörigen von Weltfamilien und für die Mitarbeitenden aufnehmender Organisationen und die Fachkräfte der Sozialen Arbeit können mit Mind the Gap eigene Positionen und auch Vorurteile erkannt und aufgelöst werden. Perspektivübernahmen erfolgen ganzheitlich, spielerisch und respektvoll. Aus dem theatralen „Als ob“ wird durch die Aktion in der Gruppe ein lebensweltliches „Anders als“. Hier werden nicht nur Rollenspiele angestoßen, sondern im ästhetischen Vollzug die Potenziale für Veränderungen der Haltung und des Handelns freigelegt.