Kino und Schule am Beispiel der SchulKinoWochen

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von Michael Jahn

Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Seit der Erfindung des Kinos aus dem Geiste des Jahrmarktsvergnügens hat es in unterschied­lichen Epochen immer wieder um die Anerkennung als „seriöser“ Kultur-­ und Bildungsort kämp­fen müssen. Das Image des Kinos als Ort belangloser Unterhaltung und damit verbundene Ängste vor schädlichen Effekten des Kinofilms auf die geistige und moralische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen gehörten lange Zeit zum Repertoire einer fundamentalen Skepsis gegenüber dem Kino. Fast erübrigte sich da die Frage, warum man mit der Schulklasse an einen Ort gehen soll, der – nicht immer zur Freude der Erziehungsberechtigten – von Kindern und Jugendlichen allein und vor allem in ihren Peer Groups ohnehin regelmäßig aufgesucht wird. Stets fanden sich Gründe für ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber dem Kino – gerade auch im Bildungsbereich.

Der Ansatz, das Vergnügen im Kino mit seinen spezifischen Erfahrungspotentialen für eine lustvolle und zugleich analytische Beschäftigung pädagogisch zu nutzen, spielte im schulischen Bereich aus eben genannten Gründen lange Zeit eine untergeordnete Rolle.

Raus aus der Schmuddelecke – das Kino als Bildungsstätte

Das hat sich inzwischen geändert: Das Kino hat – neben hochkulturellen Einrichtungen wie Theater, Museum und anderen kulturellen Ausstellungsräumen – als Lernort Eingang in den Schulalltag gefunden. Sei es etwa im Rahmen des Deutschunterrichts, in dem Schulklassen ganz selbstverständlich ins Kino gehen, um beispielsweise anhand der aktuellen Verfilmung von „Krabat“ grundlegende Unterschiede zwischen dem Medium „Buch“ und dem Medium „Film“ zu erlernen. Oder als Exkursion im Oberstufen-­Geschichtsunterricht, wo der Widerstand gegen den Nationalsozialismus mittels eines Kinobesuchs von „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ erfahrbar gemacht wird. Für Grund-­ und FörderschülerInnen hingegen ist der Besuch des Kinos oftmals die erste Begegnung mit einem Film auf der großen Leinwand. Zugleich dient der Ausflug dem Erwerb wichtiger sozialer und kommunikativer Kompetenzen, die auch für den Besuch anderer kultureller Einrichtungen eine Rolle spielen.

Der Kinobesuch mit der Klasse als bundesweites Angebot

Das Projekt, das diesen Image-­ und Paradigmenwechsel des Kinos im Bildungsbereich in den vergangenen Jahren am nachhaltigsten befördert hat, sind die SchulKinoWochen. Sie haben bei der Integration von Film-­ und Kinokultur in schulische Bildungskontexte maßgebliche Vorarbeit geleistet und eine Brücke zwischen Schule und Kino geschlagen, die auch über die jeweilige SchulKinoWoche hinaus vielfältige Kooperationen ermöglicht. Zugleich ist es im Rahmen der SchulKinoWochen gelungen, sich in der Schule immer wieder auch mit ästhetisch und künstlerisch relevanten Kinofilmen auseinanderzusetzen, um auf diese Weise Kindern und Jugendlichen Wege zu anspruchsvollen Filmen zu eröffnen, denen sie sonst vermutlich nicht begegnet wären.

Das Konzept der SchulKinoWochen basiert auf einer film- und medienpädagogisch intensiv begleiteten Vernetzung von Schulen und Kinos vor Ort, die der Kino-­ und Filmkultur wie der Pädagogik gegenseitig neue Räume erschließen hilft. Sie sind ein bundesweites Angebot zur Filmbildung, das jeweils für die Dauer einer bzw. mehrerer Wochen in allen 16 Ländern stattfindet. In diesem Zeitraum können Schulklassen zu einem ermäßigten Eintrittspreis vormittags Kinovorstellungen in einem nahegelegenen Kino besuchen.

Die Vorzüge des Kinos liegen dabei auf der Hand: Gerade bei SchülerInnen ist dieses ein äußerst positiv besetzter Ort, an dem sich unterschiedlichste Unterrichtsinhalte auf abwechslungsreiche und innovative Art und Weise sinnlich vermitteln und gemeinsam er­schließen lassen. Im Vergleich zum Klassenzimmer bietet das Kino nicht nur die Möglichkeit einer „Ganz­-Film­-Rezeption“, wie sie im getakteten Schulunterricht fast nicht möglich ist, sondern zugleich auch ein emotional berührendes Filmerlebnis, das sich in dieser optischen und akustischen Qualität nicht in der Schule herstellen lässt.

Der Erfolg des Angebots lässt sich in Zahlen ausdrücken: Seit 2006 haben über drei Millionen SchülerInnen Vorführungen im Rahmen von SchulKinoWochen besucht. Allein im Schuljahr 2011/12 nahmen über 690.000 SchülerInnen und Lehrkräfte an dem Angebot teil. 755 Filmtheater aller Typen und Größen beteiligten sich, über 430 Filmgespräche und Seminare mit FilmpädagogInnen und 220 Sonderveranstaltungen mit Filmschaffenden und ExpertInnen fanden statt. In knapp 60 Fortbildungen konnten über 1.000 Lehrkräfte im Vorfeld der SchulKinoWochen ihr Wissen zum Umgang mit Film im Unterricht vertiefen.

Damit zählt das Angebot zu den populärsten Angeboten Kultureller Bildung an deutschenSchulen.

Miteinander statt gegeneinander: die SchulKinoWochen als erfolgreiche Bund-Länder-Kooperation

Veranstaltet werden die SchulKinoWochen von VISION KINO, dem 2005 vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Filmförderungsanstalt und der Filmwirtschaft in Form einer Public-­Private-­Partnership gegründeten Netzwerk für Film-­ und Medienkompetenz. VISION KINO als bundesweiter Veranstalter bringt das grundlegende Fachwissen und den Hauptteil der finanziellen Mittel in das Projekt mit ein. Der große Erfolg der SchulKinoWochen beruht auch auf der Vielzahl an engen Kooperationen mit regionalen und bundesweiten Part­nern. Die SchulKinoWochen werden ganz im Geiste des Föderalismus in allen Ländern gemein­sam mit Projektpartnern realisiert, die meist ganzjährig im Bereich der Filmvermittlung tätig und die Ansprechpartner für Schulen, Lehrkräfte und Kinos vor Ort sind. Hier in den Ländern haben die jeweiligen Projektteams ihren Sitz; sie stehen im ständigen Kontakt zu Schulen und Kinos, beraten Lehrkräfte und organisieren das Anmeldeverfahren. Auch das Kinoprogramm vor Ort wird von den Projektpartnern ausgewählt; das pädagogische Begleitprogramm in Form von Seminaren, Fortbildungen und Workshops wird ebenfalls dezentral organisiert. Sowohl bei der Konzeption als auch bei der Bewerbung wird das Angebot aktiv durch die zuständigen Bildungs-­ und Kultusministerien unterstützt. In Schulbriefen und Rundschreiben laden die Ministerien zur Teilnahme an dem Projekt im Rahmen des Unterrichts ein. Die zuständigen MinisterInnen, SenatorInnen und StaatssekretärInnen haben darüber hinaus stets große Bereitschaft gezeigt, auch persönlich im Rahmen von Auftaktveranstaltungen und Presse­konferenzen die Bedeutung des Projektangebotes aus ihrer Sicht zu betonen. Nicht zuletzt werden die SchulKinoWochen aktiv von der Filmwirtschaft unterstützt. Die Filmverleiher verzichten im Rahmen der SchulKinoWochen auf die sonst übliche Mindestgarantie. Breite Unterstützung erhalten die SchulKinoWochen auch von den Kinos, die für einen stark reduzier­ten Eintrittspreis vormittags ihre Säle öffnen. Schließlich unterstützt die Bundeszentrale für politische Bildung das Projekt bei der Durchführung von Fortbildungen und Kinoseminaren. Auf regionaler Ebene beteiligen sich zahlreiche weitere Kooperationspartner an der Realisierung der SchulKinoWochen.

Allen Partnern gemein ist das Ziel, Film als Teil schulischer Bildungsarbeit zu popularisieren und Kinos langfristig als Orte Kultureller Bildung zu etablieren.

Ein Kinoprogramm für Schulen – der Prozess der Filmauswahl

Die Erwartungen von Lehrkräften an ein von Kultusministerien empfohlenes Filmprogramm sind naturgemäß hoch. Bei der Auswahl, die durch VISION KINO in Zusammenarbeit mit sei­nem Beirat und den Kooperationspartnern vor Ort, teils auch in direkter Absprache mit den Kultusministerien, Landesmedienzentren und Fortbildungsinstitutionen der Länder erfolgt, ist daher besondere Sorgfalt angebracht. Als eine besondere Herausforderung kommt hinzu, dass viele Lehrkräfte die Filme, die oftmals noch nicht auf DVD im Handel erhältlich sind, nicht im Vorfeld sichten können und daher auf eine pädagogische Beratung durch das Projektbüro, vor allem aber auch auf eine zutreffende Altersempfehlung angewiesen sind. Hier gilt es, die Altersempfehlung so zu wählen, dass einerseits jüngere SchülerInnen nicht überfordert, ältere SchülerInnen aber auch nicht unterfordert werden.

Bei der Auswahl der Filme spielen sowohl Filmästhetik, der Inhalt des Films als auch (film-)pädagogische Aspekte eine Rolle. Bildungsrelevante Filme finden sich dabei im gesamten Spektrum des Kinos, sowohl Arthousefilme als auch Blockbuster haben für die filmische Bildungsarbeit Relevanz. Der im engeren Sinne schulpädagogisch leitende Auswahlgesichtspunkt ist, dass ein nach filmästhetischen und thematischen Kriterien ausgewählter Film sich mit Anforderungen und Aufgabenstellungen der vorhandenen Bildungspläne und Fachcurricula in den Ländern verbinden lässt. Die Auswahl der Filme wie auch die pädagogische Einschätzung nehmen daher einen gewichtigen Anteil der Vorbereitungszeit der SchulKinoWochen ein und erfordern eine ganzjährige Beobachtung der Film-­ und Festivallandschaft.

Für den Einsatz im Kino kommt hinzu, dass ausschließlich Werke berücksichtigt werden können, die als hochauflösende Kinokopie bzw. Festplatte verfügbar sind und einen deut­schen Verleih haben.

Rund 200 Filme sind derzeit im Filmpool der SchulKinoWochen. Bei der Auswahl des Filmpools wie auch bei der Zahl der Anmeldungen überwiegt der deutsche Film. Zu den erfolg­reichsten Titeln der vergangenen Jahre zählten demnach auch einige deutsche Produktionen wie „Almanya – Willkommen in Deutschland“, „Lippels Traum“, „Tom Sawyer“, „Vincent will meer“ oder „Vorstadtkrokodile“.

Filmbildung in der Schule und im Kino: Perspektiven des Angebots

Für viele SchülerInnen bietet die Begegnung mit Filmen aus dem Angebot der SchulKinoWochen Einstiegsmöglichkeiten für einen reflektierten, über die Rezeption im Kino hinausführenden Umgang mit dem Medium Film. So schreiben im Rahmen der SchulKinoWochen SchülerInnen Filmkritiken, drehen eigene kleine Filme in Workshops oder vertonen gar – wie in Frankfurt geschehen – einen Stummfilm von Lotte Reiniger. In zahlreichen moderierten Veranstaltungen und Begegnungen mit Filmschaffenden wird das Kino zum Ort einer produktiven Auseinan­dersetzung über den Film, bei dem spontane Reaktionen durch einen filmpädagogischen Referenten in ein Gespräch überführt werden.

Der filmkulturelle Ansatz des Projektes hat allerdings auch seine Grenzen. Aufgrund bislang weitgehend fehlender medien- und filmpädagogischer Basisqualifikationen sind Lehrkräfte im Umgang mit Film häufig unsicher, so dass die Vermittlung von Kenntnissen über den Film als eigener Kunstform mit einer spezifischen Mediengeschichte oft zu kurz kommt. Dies ist mit ein Grund, dass Verfilmungen bekannter Kinder- und Jugendliteratur von „Mullewapp“ über „Krabat“ bis hin zu „Die Welle“ besonders populär sind, wohingegen Filmklassiker oder ästhetisch besonders außergewöhnliche Werke eher zurückhaltend angenommen werden. Die zunehmende Verankerung von Filmbildung einschließlich verbindlicher medienpädago­gischer Qualifizierung von Lehrkräften in Aus- und Fortbildung, wie sie im Zuge des jüngsten Beschlusses der Kultusministerkonferenz zur Medienbildung in der Schule berechtigterweise zu erwarten ist, wird dem Angebot der SchulKinoWochen hier eine besondere Perspektive bieten und sicherlich auch eine stärkere Öffnung von Schulen gegenüber Filmklassikern und anderen Filmen des Repertoires bewirken.

Bei alledem bleibt das Kino, das, was es schon immer war: ein kulturell prägender Ort des gemeinschaftlichen Erlebens und des besonderen Sehens, ein dunkler Raum mit einer großen Leinwand, der bei aller Zerstreuung eine ungestörte Konzentration bieten kann. Die Fokussierung auf ein Werk mit seiner spezifischen dramaturgischen Struktur bietet eine Wahrnehmungs-­ und Rezeptionsform, die vielen SchülerInnen im Zeitalter konvergenter Medienentwicklung (siehe Helga Theunert „Die konvergente Medienwelt – Veränderter Rahmen für den Mediengebrauch“) anderenorts nicht (mehr) begegnet. Wenn im Saal das Licht ausgeht, der Projektor die Leinwand beleuchtet, SchülerInnen und LehrerInnen gemeinsam in eine andere Welt entführt werden, um sich anschließend über ihre jeweils individuelle Seherfahrung auszutauschen, dann muss einem angesichts dieses sozial­-kommunikativen „Mehrwerts“ nicht bange sein um die Zukunft des Kinos – als Ort des Vergnügens und als Ort ganz besonderer Lernerfahrungen.

 

Anmerkungen

Dieser Text wurde erstmals im Handbuch Kulturelle Bildung (Hrsg. Bockhorst/ Reinwand/ Zacharias, 2012, München: kopaed) veröffentlicht.

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Gerne dürfen Sie aus diesem Artikel zitieren. Folgende Angaben sind zusammenhängend mit dem Zitat zu nennen:

Michael Jahn (2013 / 2012): Kino und Schule am Beispiel der SchulKinoWochen. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/kino-schule-beispiel-schulkinowochen
(letzter Zugriff am 23.06.2019).

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Dieser Artikel wurde dauerhaft referenzier- und zitierbar gesichert unter https://doi.org/10.25529/92552.417.

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