It’s Our Cake as Well* - Jugendbeteiligung in Kunstmuseen

Artikel-Metadaten

von Elisabeth Faul, Beate Slansky

Erscheinungsjahr: 2025

Abstract

* Der Titel „It’s Our Cake as Well“ ist eine Anspielung auf den einflussreichen Aufsatz von Bernadette Lynch „Whose Cake Is It anyway?“ (2011), in dem die Autorin anhand von zwölf Museen im UK untersucht, wie ernsthaft und wirksam Beteiligung in Museen tatsächlich praktiziert wird.

Junge Menschen wachsen heute in einer von digitalen Medien, globalen Unsicherheiten und gesellschaftlicher Vielfalt geprägten Welt auf. In einer alternden Gesellschaft ringen sie um ihre politische Repräsentanz. Die Lebensrealitäten junger Menschen fordern neue Formen politischer, sozialer und kultureller Teilhabe ein. Diese Verschiebung betrifft auch kulturelle Institutionen wie Kunstmuseen, die vor der Herausforderung stehen, junge Perspektiven nicht nur zu adressieren, sondern aktiv einzubeziehen.

Jugendgremien können hier eine zentrale Rolle spielen: Sie ermöglichen jungen Menschen, programmatisch, kuratorisch und institutionell mitzuwirken. Für Museen eröffnen sie neue Wege, ihre Relevanz in einer pluralistischen und polarisierten Welt zu stärken. Doch zwischen Anspruch und Realität klafft häufig eine Lücke: Allzu oft bleibt Jugendbeteiligung symbolisch – junge Menschen werden gehört, aber nicht ernsthaft beteiligt; ihre Perspektiven dienen der Imagepflege, nicht der institutionellen Veränderung. Der Beitrag beleuchtet diese Fallstricke symbolischer Partizipation und fragt, unter welchen Bedingungen Jugendgremien zu integralen Bestandteilen demokratisch erneuerter Museen werden können. Der Textteil bettet das Thema in aktuelle Diskurse rund um politische Jugendbeteiligung, Partizipation in Museen, Adultismus und Organisationswandel ein. Die zwei Podcasts beleuchten anhand unserer konkreten Erfahrungen als Mitglied und als externe Koordinatorin von Achtet Alis MB, dem Jugendgremium der Staatlichen Museen zu Berlin, mit welchen Herausforderungen sich Jugendgremien in Museen tatsächlich konfrontiert sehen und welche Lösungsansätze sie dafür entwickeln.

Jugend und Museum - eine Zustandsbeschreibung

Gesellschaftliche Situation (an)erkennen

Ein differenzierter Diskurs über jugendliche Teilhabe in Museen sollte damit beginnen, sich die derzeitige soziale und politische Situation von Kindern und Jugendlichen anzusehen. Welche Rolle spielen Kinder und Jugendliche aktuell in unserer Gesellschaft? Was bedeutet Kindheit und Aufwachsen in Deutschland heute und welche Interessen und Bedürfnisse haben Kinder und Jugendliche vor diesem Hintergrund? Zunächst gilt es festzuhalten, dass die sozio-politischen Rahmenbedingungen für Kinder und Jugendliche in Deutschland aufgrund des demografischen Wandels zunehmend problematisch sind. 2024 feierten mehr als doppelt so viele Menschen ihren 60. Geburtstag als Kinder geboren wurden (vgl. Statistisches Bundesamt 2025). Der Altersmedian liegt mittlerweile bei 45,5 Jahren (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2025), was bedeutet, dass die Hälfte der Bevölkerung älter als 45 und nur 13% der wahlberechtigten Bevölkerung unter 30 ist (Bundeszentrale für politische Bildung 2025). Auch potenzielle Eltern, die als Lobbygruppe für Kinder denkbar wären, gehören inzwischen zur Minderheit. Die demografische Schieflage hat unmittelbar auch eine demokratische Schieflage zur Folge: Rentner*innen bilden schon jetzt die größte Wähler*innengruppe. „Eine von Rentnern gewählte Regierung entscheidet über die Lebenszeit von Teenagern", schreibt Jonas Junack in der Süddeutschen Zeitung (Junack 2025). Eine alternde Gesellschaft rückt Themenfelder rund ums Altern automatisch in den Mittelpunkt, die Belange junger Menschen geraten dabei zunehmend ins Hintertreffen (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung 2025:70). Bereits jetzt sind die staatlichen Ausgaben für die Alterssicherung um ein Vielfaches höher als die für das Bildungssystem für Kinder und Jugendliche (Wolter 2009). Das Recht von Kindern auf Beteiligung wurde bereits 1989 in der UN-Kinderrechtskonvention verankert und dort ist in Artikel 12 auch festgehalten, dass die Interessen von Kindern („angemessen“) berücksichtigt werden sollten (vgl. UNICEF 2022: 17). Die Realität sieht leider anders aus. Aladin El Mafaalani, Sebastian Kurtenbach und Klaus Peter Strohmeier fassen in ihrem Buch „Kinder. Minderheiten ohne Schutz” zusammen: „Die alternde Gesellschaft ist weder kindergerecht, noch ist sie gerecht zu Kindern. Die Interessen und Bedürfnisse der Kinder werden nicht angemessen mitgedacht” (ebd. 2025:207). Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene wachsen in eine Welt hinein, in der grundlegende Strukturen bröckeln – und die Furcht vor einer weiteren Zuspitzung allgegenwärtig ist. Die Herausforderungen der Zukunft sollen und müssen von ihnen bewältigt werden, während sie im politischen Diskurs keine Rolle spielen. „Um sie geht es zuletzt und niemand fragt sie” (ebd.:210).

Minderheit schützen

Die Lebensrealitäten und Anliegen junger Menschen stoßen auch in der öffentlichen Wahrnehmung nur auf geringe Resonanz. Ständig rückt ein anderes Thema in den Vordergrund, löst eine Krise die nächste ab. Das beschreibt wohl auch am besten den grundlegenden Unterschied im Heranwachsen von Kindern heute zur Lebenserfahrung älterer Generationen: Der Krisenmodus ist für sie der Normalzustand. In ihren sozialen und kulturellen Herkünften superdivers, eint alle Kinder die Erfahrung gesellschaftlicher Instabilität und der Mangel an optimistischen Zukunftsaussichten (zum Begriff der Superdiversität: vgl. Vertovec 2024). Entsprechend hoch ist auch ihre Sorge vor Kriegen, Terrorismus, Wirtschaftskrisen und Klimawandelfolgen bis hin zu ausgeprägten Zukunftsängsten (COPSY-Studie: vgl. Kaman et al. 2025). Die Sonderbeauftragte des Generalsekretärs der Vereinten Nationen für Jugendfragen, Jayathma Wickramanayake, konstatiert:

„The intergenerational gap in power, influence and trust constitutes one of the biggest challenges of our time. As young people have made abundantly clear through their activism on the streets, in civil society and on social media, they care deeply about the transformational change needed to create more equal, just and sustainable societies. Participation is a right, and a lack of youth representation where decisions are made contributes to a growing mistrust towards political institutions and a sense of alienation from elected leaders, caused by policies that do not reflect the priorities of youth, mirror their concerns or speak their language.” (Global Citizen / Artz 2023)

Alle Befragungen junger Menschen zeichnen übereinstimmend das Bild einer Generation, die sich nicht gesehen und nicht gehört fühlt (u.a. SINUS-Jugendstudie: vgl. Calmbach et al. 2025, Vapaux 2022, Jugendrat der Generationenstiftung 2019). Angesichts dieser komplexen Gemengelage wird deutlich: Die Menschen, die künftig zentrale gesellschaftliche Aufgaben übernehmen und Lösungen für bestehende und aufkommende Probleme entwickeln sollen, brauchen dringend deutlich mehr Schutz, Beachtung und Ermächtigung. Die ältere Generation sollte sich bewusst machen, dass sie der jungen Generation eine Gesellschaft und Umwelt hinterlässt, die in vielerlei Hinsicht belastet und auf Zukunft unzureichend vorbereitet sind. Aus dieser Einsicht sollte sich die Verpflichtung ergeben, die wenigen Kinder und Jugendlichen von heute gezielt zu unterstützen und zu stärken. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie erfordert nicht nur ein politisches, sondern ein kulturelles Umdenken – Kinder und Jugendliche müssen in jedem Bereich stärker in den Mittelpunkt rücken. Was dies für Museen und die Arbeit von Museen bedeutet, soll im Folgenden umrissen werden.

Museen anders denken

Museen stehen weltweit unter einem erheblichen Erwartungsdruck: Sie sind längst nicht mehr nur Bewahrungs- und Bildungsorte, sondern werden zunehmend als aktive Akteure im gesellschaftlichen Diskurs verstanden. Museen müssen heute stärker als bisher begründen, welchen konkreten Beitrag sie für die Gesellschaft leisten – z. B. zur Demokratieförderung, Inklusion, kulturellen Teilhabe oder Bildung. In diesem Zusammenhang soll hier noch einmal auf die 2023 aktualisierte Fassung der ICOM-Museumsdefinition verwiesen werden, nach der ein Museum „eine nicht gewinnorientierte, dauerhafte Institution im Dienst der Gesellschaft (ist), die materielles und immaterielles Erbe erforscht, sammelt, bewahrt, interpretiert und ausstellt. Öffentlich zugänglich, barrierefrei und inklusiv fördern Museen Diversität und Nachhaltigkeit. Sie arbeiten und kommunizieren ethisch, professionell und partizipativ mit Communities. Museen ermöglichen vielfältige Erfahrungen hinsichtlich Bildung, Freude, Reflexion und Wissensaustausch” (ICOM 2023). Diese Definition erweitert den klassischen Museumsbegriff deutlich. Werte wie Partizipation, Inklusion, Nachhaltigkeit und ethisches Handeln rücken ins Zentrum des Museumsverständnisses und verschieben den Fokus zu einem offenen, partizipativen, gesellschaftlich verantwortlichen Raum. Es soll nicht mehr nur darum gehen, das Vergangene zu bewahren, sondern aktiv daran mitzuwirken, eine sozial gerechte Gegenwart und Zukunft zu gestalten. Beteiligung sollte dabei kein Zusatz sein, sondern zentrale Verpflichtung, und Communities nicht nur Zielgruppe, sondern Mitgestalter*innen von Sammlungsstrategien, Ausstellungen und Programmen. Damit gibt die neue Definition auch deutliche Orientierungspunkte dafür, Kinder und Jugendliche stärker und anders als bisher in die museale Arbeit einzubeziehen.

Jugendliche beteiligen

Jugendliche galten lange Zeit als schwer erreichbares Museumspublikum (Caroline Silva spricht von den „Untouchables“, ebd. 2017:17) und dieses Urteil ändert sich nur sehr langsam. Während es an Bildungsangeboten für jüngere Kinder nicht mangelt, sieht es bei Formaten, die sich explizit an eine jugendliche Zielgruppe richten, eher spärlich aus. Als Beleg reicht ein Blick in die Veranstaltungskalender der großen Kunstmuseen in Deutschland. Dabei mündet jede Investition in jüngere Kinder automatisch in die Notwendigkeit, sich mit diesen Kindern auch noch zu beschäftigen, wenn sie in eine spätere Phase ihres Aufwachsens eintreten. In den USA, dem UK und den skandinavischen Ländern tragen ein Wandel hin zu mehr Besucher*innenorientierung und ein wachsendes Bewusstsein für die soziale Mission im Museumssektor dazu bei, dass Museen seit zwei Jahrzehnten zunehmend auch in ihr jugendliches Publikum investieren (zur Rolle von Museen als Orte sozialer Inklusion: vgl. Sandell 1998). Die Programme reichen von kreativen Workshops über Jugendkollektive und Praktika bis zu Jugendgremien und -beiräten. Jugendbeiräte sind dabei das erfolgreichste Format, denn sie bieten jungen Menschen die Möglichkeit, eigene Programme zu gestalten und eine aktive und sichtbare Rolle innerhalb von Museen zu übernehmen (Silva 2017:3). Jugendgremien können ganz unterschiedlich organisiert sein: als fester Beirat (z.B. 10–20 Jugendliche, die regelmäßig tagen), als Projektgruppe zu bestimmten Themen oder Ausstellungen, als institutionalisiertes Beteiligungsgremium mit beratender Funktion gegenüber der Museumsleitung, oder als Labor / Plattform, in dem Jugendliche experimentell und selbstorganisiert arbeiten. In einigen dieser Programme werden die Jugendlichen bezahlt, was einerseits Verantwortungsbereitschaft und Verbindlichkeit stärkt, andererseits als ein Zeichen der Anerkennung der Museen für die Zeit und die Expertise der jungen Menschen wahrgenommen wird (ebd.:2). Ein wegweisendes Beispiel ist der Walker Art Center Teen Arts Council (WACTAC), der bereits 1996 gegründet wurde und trotz aller Veränderungen bis heute besteht. Die Mitglieder organisieren Ausstellungen, Veranstaltungen und Festivals, um junge Künstler*innen zu zeigen, laden zu Vorträgen und Kursen ein und entwickeln Marketingmaterialien und -strategien für junges Publikum. Sie vernetzen sich außerdem mit lokalen Initiativen und Communities für gemeinsame Projekte. Als eines der ersten Programme seiner Art hat WACTAC die Initiierung von Jugendbeiräten in Kunstmuseen in Nordamerika inspiriert und vorangetrieben, beispielsweise im Bronx Museum of the Arts, im Contemporary Arts Museum Houston, im Institute of Contemporary Art in Boston und im Museum of Modern Art in New York. Im UK können das Jugendkollektiv Duchamps & Sons der Whitechapel Gallery (gegründet 2010) ebenso wie die umfangreichen Angebote des Kick-the-Dust-Programms der Norfolk Museums als Best-Practice-Beispiele gelten. Im skandinavischen Raum stechen der Moderna Museet’s Youth Council und das Index Youth Advisory Board (ITAB) in Stockholm hervor. Das ITAB arbeitet zusammen mit dem PRAKSIS Youth Advisory Board Oslo und dem PUBLICS Youth Advisory Board Helsinki im Netzwerk Future Futures Network an einer gemeinsamen Strategie, wie junge Zielgruppen in Kulturinstitutionen besser repräsentiert und angesprochen werden können. In den Kunstinstitutionen in Deutschland sind Jugendbeiräte ein relativ neues Phänomen. Eine vermehrte Auseinandersetzung mit jungen Zielgruppen wurde vor allem dadurch angeregt, dass diese bei traditionellen Kulturangeboten zunehmend ausblieben (siehe Birgit Mandel: „Audience Development, Kulturelle Bildung, Kulturentwicklungsplanung, Community Building. Konzepte zur Reduzierung der sozialen Selektivität des öffentlich geförderten Kulturangebots”). Im selben Maße steigt das kulturpolitische Interesse an Kultureller Bildung und damit die Auflage – besonders an öffentlich finanzierte Kultureinrichtungen – Kinder und Jugendliche mit geringeren Bildungschancen zu erreichen (ebd.). Nicht zuletzt gewinnen auch internationale Impulse wie die im angelsächsischen Raum weit verbreiteten Youth Advisory Boards und Youth Councils im deutschen Museumsbetrieb an Bedeutung. Zur kurzen Liste der Jugendgremien in Kunstmuseen gehören neben dem Jugendgremium der Staatlichen Museen zu Berlin (SMB), Achtet AlisMB, welches 2020 aus einem museumsbegeisterten Kunst-Leistungskurs entsprang, auch das Schattenmuseum am Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin (gegründet 2018) und New Perceptions der Kunsthalle Bremen (seit 2021). Einige Jugendgremien erhielten 2021/2022 eine Förderung der Kulturstiftung des Bundes im Rahmen des Förderprogramms „Junge Perspektiven im Museum”, konnten aufgrund fehlender Haushaltsmittel ihre Arbeit jedoch nicht verstetigen. Es gibt und gab eine Reihe weiterer Jugendgremien, die im Rahmen von Einzelprojekten, als Modellversuche und Labore auf Zeit gegründet wurden. Die meisten partizipativen Jugendprogramme existieren auf der Grundlage limitierter Projektförderungen. Erfreulicherweise ist in jüngster Zeit ein deutlich wachsendes Interesse spürbar, junge Menschen aktiv in die Arbeit von Kunstmuseen einzubeziehen. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der Vielzahl an Anfragen zum Austausch sowie in Einladungen zu Fachveranstaltungen und Konferenzen, die Achtet AlisMB in den vergangenen zwei Jahren erreicht haben.

Jugendbeteiligung beforschen

Forschungsperspektivisch sind systematische Studien dazu, wie sich teenzentrierte Programme auf die beteiligten Jugendlichen auswirken und wie diese ihre Erfahrungen bewerten, ein Desiderat. Eine Ausnahme bildet die umfangreiche Studie „Room to Rise. The Lasting Impact of Intensive Teen Programs in Art Museums” von Danielle Linzer und Mary Ellen Munley (2015), die mittels qualitativer und quantitativer Methoden in vier Museen untersuchte, wie Jugendprogramme langfristig Identität, Karrierewege, kulturelle Teilhabe, Beziehung zu Museen etc. beeinflussen und welche Strategien und Rahmenbedingungen sich als besonders erfolgreich erweisen. Neben den durchweg positiven Wirkungen auf die teilnehmenden Jugendlichen (Stärkung des Selbstvertrauens, des gesellschaftlichen Verantwortungsgefühls, langfristig gute Beziehungen zu Museen im Allgemeinen, Berufsorientierung usw.) werden in der Studie auch die transformativen Effekte auf die beteiligten Museen hervorgehoben. Die Programmgestaltung wurde vielfältiger und inklusiver und intern wurden Impulse zur Reflexion institutioneller Praktiken aufgegriffen. Als entscheidende Erfolgsfaktoren nennen die Autorinnen der Studie die dauerhafte und regelmäßige Beteiligung, starke Beziehungen zu Museumsmitarbeitenden und Künstler*innen (Mentoring-Aspekte) sowie Möglichkeiten für echtes Mitgestalten und Verantwortungsübernahme. Eine breitere empirische Perspektive gibt es auf die Wirkungen kommunaler Jugendbeteiligung (bspw. Roth / Stange 2020). Gleichwohl bleibt festzustellen, dass die meisten Studien Jugendliche nur als Teilnehmende einbeziehen (Moreno / Jolliff / Kerr 2021). Vor diesem Hintergrund bieten die partizipativen Ansätze der Aktionsforschung (Participatory Action Research: PAR) eine vielversprechende methodische Grundlage für künftige Forschungsvorhaben, die sich mit kritischen pädagogischen und institutionellen Rahmungen von Beteiligungsräumen für Jugendliche befassen (u.a. Tzibazi 2013, Wöhrer et al. 2017). Indem in PAR-Projekten die Kinder und Jugendlichen, die sonst „beforscht“ werden, nicht nur in der Befragung als Expert*innen ihrer Lebenswelt ernstgenommen werden, sondern als Ko-Forscher*innen an der ganzen Forschung mitbeteiligt sind, erhöht das die Chance, dass die Ergebnisse nicht erwachsenen-verzerrt interpretiert werden, und löst daneben auch das zentrale Anliegen ein, das zu Beginn dieses Artikels zur Disposition gestellt wurde: dass Kinder und Jugendliche in jedem Lebensbereich stärker sicht- und hörbar werden.

Podcast-Folge I

Jugend und Museum - eine Zustandsbeschreibung

Audio file

00:00 Einführung: Wer wir sind und was wir vorhaben

03:00 Wer oder was ist Achtet Alis MB?

05:20 Erwartungen und Interessen der Teilnehmenden

16:32 Entscheidungs- und Einflussmöglichkeiten

21:41 Anerkennung der Arbeit des Jugendgremiums

23:39 Privilegien als Voraussetzung zur Teilnahme?

24:41 Zusammenfassung

Skript zur Podcast-Folge I >> hier.

Jugendbeteiligung in Museen - Chancen und Hürden

Mitbestimmung verhandeln

Bei Jugendbeteiligung in Museen treffen unterschiedliche institutionelle und individuelle Interessen, Verantwortlichkeiten und Erwartungen aufeinander. Alle Beteiligten – etwa Museumsteams (auf Leitungs- und Umsetzungsebene), externe Bildungsakteur*innen sowie die Jugendlichen selbst – bringen jeweils eigene Perspektiven auf Beteiligung mit. Hier bedarf es einer guten Vorbereitung solcher Formate in den Häusern, einer bewussten Auseinandersetzung mit dem Thema und eines kontinuierlichen Aushandlungs- und Reflexionsprozesses, damit Partizipation keine bloße Symbolhandlung ist, sondern als wirksamer Gestaltungsraum erfahren werden kann. Die Aktions- und Konfliktfelder spannen sich zwischen den folgenden Fragen auf, die als Leitfragen fungieren können: Wer wird beteiligt? Woran wird beteiligt? Wie wird beteiligt? Wann wird beteiligt? Wie lange wird beteiligt? Wo wird beteiligt? Ein hilfreiches Analyse- und Kommunikationstool, das die vielen Ebenen und Bedingungen von Beteiligung sichtbar macht, ist der Partizipationswürfel nach Waldemar Stange (2022, siehe auch: BMFSFJ/DBJR 2022:22 f). Er kann dabei unterstützen, eine gemeinsame Verständigung über Ziele, Inhalte, Verantwortlichkeiten und Reichweite der Beteiligung herzustellen und die Arbeit eines Jugendgremiums realistisch, differenziert und transparent zu planen und zu gestalten. Die Würfel-Metapher entspricht eigentlich einem dreidimensionalen Koordinatensystem und vereint drei Perspektiven bzw. Dimensionen der Beteiligung: Die erste Dimension fasst all jene Aspekte zusammen, die Auswirkungen auf die Reichweite der Beteiligung haben, also beispielsweise die Themen, die Handlungsfelder, die Zielgruppen oder auch die Ziele. Die zweite Dimension kategorisiert, quasi stufenförmig, Grade der Autonomie und der individuellen und kollektiven Einflussstärke (zu den „Stufen der Beteiligung”: vgl. Hart 1992). Die dritte Dimension schließlich lenkt den Blick auf die unterschiedlichen Formen der strukturellen Verankerung, Verbindlichkeit und Absicherung. Indem man nun die Aspekte der Dimensionen miteinander kombiniert und Schnittpunkte bildet, ergeben sich ganz andere Bilder der Qualität von Beteiligung, als wenn diese einzeln in nur einer der Dimensionen analysiert wird. Die wechselseitige Beeinflussung der Dimensionen, die der Würfel veranschaulicht, hilft auch dabei, Beteiligungsprozesse gezielt zu verbessern. Je bewusster Beteiligung gestaltet wird, desto wirksamer ist sie. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, dass die beteiligten Kinder und Jugendlichen in Planung, Reflexion und Weiterentwicklung der Formate einbezogen werden, wie auch in den vom Deutschen Bundesjugendring herausgegebenen „Qualitätsstandards für Kinder- & Jugendbeteiligung" (BMFSFJ/DBJR 2022) betont wird: „Alle Beteiligten sind von Anfang bis Ende in den Prozess involviert: Gelingende Beteiligungsprozesse zeichnen sich durch eine weitgehende Kontinuität aller Akteure aus: Die Stimmen aller am Prozess Beteiligten sind gleichwertig. Es wird nicht nach Alter oder Status unterschieden, wer in welcher Intensität beteiligt wird. Alle Beteiligten werden gleichermaßen ernst genommen (ebd.:37).

Beteiligungsräume erweitern

Im Folgenden sollen nun einzelne Aspekte der Beteiligung herausgegriffen und auf die Spezifik von Kunstmuseen bezogen näher beleuchtet werden. In der konkreten Herangehensweise an diese Aspekte liegen aus unserer Sicht die größten Herausforderungen und gleichermaßen die größten Potenziale für Jugendbeteiligung in Kunstmuseen. Da stellt sich zunächst die Frage, in welchen Räumen und Kontexten Kinder und Jugendliche in Museen beteiligt werden. Die historisch gewachsenen Strukturen der meisten Museen weisen einerseits der Kuratorik-Abteilung die Deutungshoheit über die Inhalte und andererseits der Bildungsabteilung die Aufgaben der Rezeption, Vermittlung und Besuchendenorientierung zu. Kinder- und Jugendprogramme werden als Zielgruppenarbeit verstanden und daher in der Bildungsabteilung angesiedelt. Junge Menschen werden somit aber primär als Lernende adressiert, nicht als Wissensproduzent*innen und aktive Akteur*innen, die den Museumsraum mitdefinieren oder transformieren können. Diese Ausrichtung verweist auf eine implizite Defizitperspektive, die davon ausgeht, dass Jugendliche zunächst über unzureichendes Wissen verfügen, Nachholbedarf aufweisen oder erst an kulturelle Praktiken herangeführt werden müssen (Tzibazi 2013, Silva 2017:77 ff). Selbst bei partizipativ angelegten musealen Angeboten, die stärkenorientiert mit Jugendlichen arbeiten, liegt der Fokus zumeist auf der individuellen Entwicklung. Es wird betont, was Jugendliche persönlich gewinnen (Selbstvertrauen, Fähigkeiten, Berufsorientierung etc.), weniger, wie diese Erfahrungen strukturelle Ungleichheiten beeinflussen oder wie Jugendliche kollektiv wirken können (Linzer / Munley 2015:24 ff). Die individuellen Wirkungen sind unzweifelhaft vorhanden. Auch die gesellschaftlichen Wirkpotenziale Kultureller Bildung sollen hier nicht in Abrede gestellt werden. Dennoch ist es strukturell problematisch, wenn Jugendbeteiligung allein in der Zuständigkeit der Bildung und auf bildungsbezogene Aspekte beschränkt bleibt. Die Bildungsabteilung ist in kuratorischen oder strategischen Fragen (z. B. Ausstellungskonzeption, Sammlungspolitik, Strategische Ausrichtung) oft nicht entscheidungsbefugt (Murr 2025: 375). Das bedeutet: Selbst wenn Jugendliche gute Ideen haben, verändern sie selten die institutionellen Kernbereiche des Museums. Jugendbeteiligung wird in der Bildungsabteilung zudem oft projektförmig organisiert und ist damit zeitlich begrenzt, abhängig von Drittmitteln und personellem Engagement (Feldmann / Zimmer 2025). Diese Umstände wirken einer institutionellen Verstetigung entgegen und Partizipation bleibt episodisch, oberflächlich, symbolisch (siehe Benedikt Sturzenhecker: „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ – Kritik des Bundesprogramms unter sozialräumlicher und zivilgesellschaftlicher Perspektive").

Mitbestimmung neu denken

Ein weiterer Schlüsselfaktor betrifft die Themen und Inhalte, bei denen Kinder und Jugendliche überhaupt in Museen beteiligt werden: In Politik, Bildung und Kultur ist tief verankert, dass Kinder und Jugendliche vor allem für ihr „eigenes“ Leben zuständig sind – aber nicht für gesellschaftliche, politische oder kulturelle Gesamtfragen (Bacalso / Bárta / Moxon 2023). Dahinter stecken strukturelle, politische und kulturelle Gründe. So werden junge Menschen beispielsweise gefragt, wenn es um die Neugestaltung eines Jugendzentrums geht, aber nicht, wenn ein Museum die Dekolonisierung seiner Sammlung verhandelt. Mit dem Vorurteil „Sie können das noch nicht einschätzen” wird Jugendlichen Urteilsvermögen, ethische Haltung und politisch-kreativer Ideenreichtum für Themen jenseits ihrer Lebenswelt abgesprochen (Walther et al. 2020). Gern wird eine selektive Beteiligung auch damit begründet, dass Jugendliche erwiesenermaßen wenig Interesse an politischen und gesellschaftlichen Fragen zeigen (Calmbach et al. 2024:287). So wird einer Vorstellung Rechnung getragen, die meint, dass junge Menschen sich ihr Recht auf Beteiligung erst verdienen müssten, indem sie ihre „Bereitschaft“ unter Beweis stellen, anstatt von vornherein als Rechteinhaber*innen anerkannt zu werden (UNICEF 2021). Beide Argumente stellen adultistische Diskriminierungen dar, weil sie Jugendlichen aufgrund ihres Alters pauschal Fähigkeiten und Mitgestaltungsrechte absprechen und Erwachsenenwissen, -interessen und -maßstäbe über die Perspektiven junger Menschen stellen. Adultismus ist der Fachbegriff für jene Form der Diskriminierung, die gesellschaftlich wohl am häufigsten vorkommt und (noch) am wenigsten benannt, thematisiert und kritisch diskutiert wird. Adultismus basiert auf der ungleichen Macht und dem Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern und meint einen ‚Missbrauch der Macht‘ Erwachsener gegenüber jungen Menschen (LeFrançois 2014). Überlegenheit, Privilegien, Bequemlichkeit und pauschalisierende Vorannahmen über das Kindsein wirken als zusätzliche Katalysatoren adultistischer Denk- und Handlungsweisen (Liebel / Meade 2023: 204). John Bell, einer der Pioniere der Adultismus-Forschung, beschreibt Adultismus als derart internalisiert, dass er von allen (Erwachsenen und sicherlich auch vielen Kindern) als soziale Realität akzeptiert wird (Bell 1995:1). Umso wichtiger ist es, anzuerkennen, dass Adultismus ein zentrales Macht- und Herrschaftsverhältnis in unserer Gesellschaft ist, das sich insbesondere auch in Bildungs- und Kulturräumen wie Museen zeigt. Wenn Museen also darüber entscheiden, bei welchen Themen Kinder mitreden dürfen, dann bestimmen sie auch darüber, bei welchen Themen nicht. Es dient der Machtsicherung, wenn Erwachsene Beteiligung räumlich, zeitlich und thematisch einschränken. Würden Kinder und Jugendliche bei allen Themen mitsprechen dürfen – Kolonialismus, Gender, soziale Ungleichheit, Erinnerungskultur etc. –, würden Erwachsene und „erwachsene” Institutionen in unangenehmen Rechtfertigungsdruck geraten, sowohl fachlich als auch strukturell. Sie müssten nicht nur Entscheidungsmacht, sondern auch die Kontrolle über Inhalte und Deutungshoheit abgeben.

Sichtbarkeiten erhöhen

Eine eng verwandte Diskriminierung erfahren Kinder und Jugendliche in musealen Partizipationskontexten, wenn sie mit eigenen Veranstaltungen, Ausstellungen und Projekten ausschließlich Gleichaltrige ansprechen dürfen. Die besucher*innenbedingte Sichtbarkeit und Reichweite, die jegliche Art der Intervention in Museumsräumen hat, macht die Limitation an dieser Stelle besonders brisant. Jugendgremien und -beiräte werden häufig eingeladen, Programme für andere Jugendliche zu gestalten – dieser als Peer-Learning bekannte Ansatz (zu Konzept und Methoden: Deutsch / Rohr 2016) genießt hohe Popularität in der Kulturellen Bildung (u.a. Museum macht stark o.J.), da klassische Lehr-Hierarchien aufgebrochen werden und kollaborative und horizontale Lern- und Wissensräume entstehen. Jugendliche werden ermächtigt, eigene Themen, Ausdrucksformen und Deutungen einzubringen (Linzer / Munley 2015:78 ff). Für die Institutionen sind Peer-Formate gleichwohl folgenarme Partizipationsarrangements. Sie sind abgegrenzt vom institutionellen Kern und entfalten wenig Einflusskraft auf die zentralen Praktiken der Museen (Crabbe 2024). Vasiliki Tzibazi (2013) dokumentiert, wie Jugendbeteiligung, die in der „Jugend-Zone” verbleibt, die Teilnehmenden frustriert und ihre kreative Handlungsmacht („Creative Agency“) einschränkt. Peer-Projekte verhindern gleichzeitig, dass Jugendgremien innerhalb der Institutionen größere Bekanntheit, Sichtbarkeit und Anerkennung gewinnen. Wie wichtig die institutionelle Wahrnehmung auf den Erfolg jugendlicher Beiratsarbeit ist, wird in der Literatur immer wieder betont (u.a. Dunger / Hagemeier / Walter 2023:135 ff.). Je begrenzter die zu adressierenden Zielgruppen sind, desto schwächer ist erfahrungsgemäß die interne Identifikation und das entstehende Verantwortungsgefühl. Deshalb ist es wichtig, dass Jugendbeteiligung nicht als temporäres und eindimensionales Programm in Erscheinung tritt, sondern als institutionelle Praxis (Simon 2010). Auch in der Außenkommunikation bleibt die Sichtbarkeit junger Perspektiven marginal, wenn sie in „reservierten Räumen” verbleibt: Interventionen erhalten weniger mediale Resonanz, weil junge Positionen nicht als gesellschaftlich relevante Stimmen, sondern als Sonderinteressen erscheinen. Nicht nur für die jugendlichen Teilnehmenden selbst, auch für das Gesamtpublikum bleibt die Erfahrung, dass Jugend gehört, aber nicht ernsthaft integriert wird. Dabei ist es – wie im ersten Textbeitrag aufgezeigt wurde – von allergrößtem Interesse, dass auch und vor allem ältere Generationen die Anliegen und Bedürfnisse junger Menschen in ihre Denk- und Entscheidungsoptionen integrieren. Junge Perspektiven tragen intersektionale, plurale Erfahrungen in Institutionen hinein (z.B. zu Migration, Gender, Klima, sozialer Ungleichheit). Wenn diese Perspektiven im Jugendformat gefangen bleiben, verspielen Museen eine bedeutsame Chance, ihre gesellschaftliche Transformationskraft unter Beweis zu stellen.

Organisationsstrukturen verändern

Wenn die Partizipation junger Menschen in Kunstmuseen mehr sein soll als Kulisse, liegen die entscheidenden Stellhebel auf Seiten der Institutionen. Mitwirkung, die für beide Seiten eine Bereicherung ist, erfordert tiefgreifende Veränderungen innerhalb der Museen. Sie müssen sich als lernende Organisationen begreifen und Partizipation in ihren Leitbildern und Strategien fest einschreiben. Die Einbindung von Kindern und Jugendlichen sollte auf allen Ebenen erfolgen und zur gesamtinstitutionellen Aufgabe werden. Jugendgremien sollten daher dauerhaft und als Querschnittsposition in den organisationalen Gefügen verankert werden. Vorstellbar wäre etwa, Jugendbeteiligung in ein ganzheitlich ausgerichtetes Nachhaltigkeitsmanagement einzubetten. Zahlreiche Museen haben in den vergangenen Jahren begonnen, Nachhaltigkeitsstrategien zu entwickeln und Transformationsmanager*innen einzusetzen, um ökologische, soziale und kulturelle Nachhaltigkeit miteinander zu verknüpfen und abteilungsübergreifend umzusetzen (Museumsbund o.J.). Generationengerechtigkeit bildet den entscheidenden Treiber einer nachhaltigen Entwicklung und kann hier einen gemeinsamen Bezugsrahmen für vielgestaltige Reflexionsprozesse über einen Wandel im Museumssektor setzen (Garthe 2021:9). Damit Jugendgremien wirkungsvoll und transformatorisch arbeiten können, brauchen sie neben der Verankerung noch weitere institutionelle Absicherung in Form von Finanzierung, Räumlichkeiten und pädagogischer und koordinatorischer Begleitung. In Zeiten intensiver Sparpolitiken im Kulturbereich erscheint gerade die finanzielle und personelle (und damit letztendlich auch finanzielle) Grundversorgung von Jugendgremien eine unüberwindbare Hürde. Daher liegt die Lösung hier nicht in einer finanziellen Aufstockung, sondern in einer Umverteilung vorhandener Ressourcen. „Warum also nicht das Budget, das gemeinhin für eine herkömmliche Produktion angesetzt ist, einmal in einen solchen Öffnungsprozess investieren?”, fragen Friederike Dunger, Wiebke Hagemeier und Laura Mirjam Walter in ihrem Handbuch für Kinderbeiräte an Kulturinstitutionen (ebd. 2023:134). Als Grundvoraussetzung für eine solchen Schritt sehen die Autor*innen allerdings auch, dass die Einrichtungen ihre Mitarbeiter*innen darin fortbilden, die eigene Haltung zu Kindern und Jugendlichen zu befragen (ebd.:154), denn die Arbeit von und mit Jugendbeiräten beginnt in den Köpfen (ebd.:73) und setzt das aktive Mittragen aller Abteilungen voraus (ebd.:9). Ein konsequenter Organisationswandel hin zu mehr Beteiligung würde außerdem beinhalten, dass sich Museen und deren Leitungen nicht nur für Beteiligung nach außen, sondern auch für mehr geteilte Macht nach innen öffnen. Museen sind traditionell hierarchisch organisiert, mit streng geteilten Funktionseinheiten und einer vertikalen Entscheidungshierarchie. Diese Macht- und Entscheidungsstrukturen sollten hinterfragt und aufgebrochen werden. Jugendbeiräte könnten Teil einer neuen partizipativen Governance werden, in der Verantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten breit geteilt sind (Lynch 2011). Entscheidungen werden dann nicht mehr ausschließlich von Leitung oder Kurator*innen getroffen, sondern plural und kollaborativ in abteilungsübergreifenden Teams und Gremien, die auch junge Menschen und Vertreter*innen von Communities hinzuziehen (King / Schramme 2019). Dafür benötigen Jugendliche aber formale Stimmbefugnisse und verlässliche Rahmenbedingungen, die ihre Bedürfnisse und Lebensrealitäten nicht außer Acht lassen. Die musealen Strukturen müssen so verändert oder neu gebildet werden, dass es gelingt, junge Menschen kontinuierlich, ernsthaft und auf Augenhöhe in Entscheidungsprozesse einzubinden. Auf diese Weise können sich Museen auch in Zukunft als relevante Aushandlungsräume etablieren, in denen gesellschaftliche, kulturelle und politische Themen gemeinsam zwischen jungen Menschen, Fachpersonal und der breiten Öffentlichkeit verhandelt und gestaltet werden.

Podcast-Folge II

Jugendbeteiligung in Museen - Chancen und Hürden

Audio file

00:00 Einführung: Worum geht es in dieser Podcast-Folge?

01:26 Beispiele fehlender Integration des Jugendgremiums

08:10 (Miss-)Verständnis von Jugendbeteiligung

11:00 Jugendbeirat als eigenes Organ innerhalb der Institution

14:35 Austausch und Kommunikation

15:47 Vorgehen und strukturelle Veränderung

22:11 Eigenständigkeit und Selbstorganisation

30:13 Rolle der externen Koordination

34:42 Vertrauen und Respekt im Verhältnis zur Institution

39:36 Präsenz und Sichtbarkeit

45:58 Zusammenfassung und Fazit

Skript zur Podcast-Folge II >> hier.

Fazit

Mit diesem Beitrag sollte aufgezeigt werden, welches Potenzial Jugendgremien für Kunstmuseen entfalten können, die sich als gesellschaftlich relevante Orte des Dialogs und der Beteiligung verstehen. Angesichts der aktuellen demografischen und politischen Entwicklungen ist es unerlässlich, jungen Menschen auch in Kulturinstitutionen Mitwirkungsmöglichkeiten zu eröffnen, die über reine Symbolik hinausgehen. Dafür ist es entscheidend, Jugendbeteiligung nicht nur als pädagogische Geste zu verstehen, sondern als politisches Handeln. Auf der Grundlage dieses Verständnisses sollten Museen die internen Strukturen schaffen, die notwendig sind, damit Jugendgremien zum selbstverständlichen Teil der musealer Aushandlungs- und Deutungsarbeit werden können: Sie müssen innerhalb der Institution sichtbar, anerkannt und wirksam verankert sein. Erst wenn ihre Perspektiven nicht nur gehört, sondern strukturell berücksichtigt werden, entsteht echte Teilhabe. Die Erfahrungen von Achtet Alis MB zeigen, dass diese Verankerung ein kontinuierlicher Aushandlungsprozess ist – zwischen institutionellen Routinen, jugendlicher Selbstbestimmung und dem Anspruch, Museen als lernende, dialogische Orte zu gestalten.