Inszenierung

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von Wolfgang Sting

Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Begriff

Unter Inszenierung versteht man den intentionalen Prozess der Gestaltung, Erprobung und Ordnung ausgewählter Stoffe, Materialien, Handlungen in Raum und Zeit, also allgemein etwas „zur Erschei­nung zu bringen“, das im performativen Akt der Aufführung öffentlich wahrnehmbar wird (vgl. im folgenden Fischer­-Lichte 2005:146-153).

Der Begriff der Inszenierung wird im Theaterkontext Anfang des 19. Jh.s aus dem Französischen übernommen als Übersetzung von mise-en-scène. 1837 liefert August Lewald die erste Definition: „’In die Szene zu setzen’ heißt, ein dramatisches Werk vollständig zur Anschauung (zu) bringen, um durch äußere Mittel die Intention des Dichters zu ergänzen und die Wirkung des Werkes zu verstärken“ (1991:306). Zu einer eigenständigen künstlerischen Tätigkeit avanciert das Inszenieren erst im Zuge der Theateravantgarde der Jahre 1900­-1930 und der Entwicklung des Theaters zu einer eigenen Kunstform in Abgrenzung zur dramatischen Literatur.

Mit dieser Fokusverschiebung auf die szenische Arbeit und der Ausdifferenzierung des Theaterbegriffs wird der Regisseur, vormals eher Theaterleiter oder Produzent, auch als Künstler etabliert. Inszenierung wird nun nicht mehr vorrangig als Anschau­lichmachen des Dramenwerks verstanden, sondern als „eine Erzeugungsstrategie, mit der ein ganz neues Kunstwerk, nämlich das theatrale Kunstwerk hervorgebracht wird“ (Fischer­-Lichte 2005:148).

Inszenierung in den performativen Künsten

Der Inszenierungsprozess lässt sich in unterschiedliche Phasen und Tätigkeiten einteilen, wobei von einer Abfolge von Inszenierungsidee, Inszenierungskonzept und Inszenierungsstrategien gespro­chen werden kann. Dieser Prozess reicht von der Stoffauswahl und thematischen Recherchearbeit über das Übersetzen und Erproben von theatralen Vorgängen und Zeichen, Darstellungsoptionen und szenischen Handlungen bis hin zur Festlegung von ästhetischen Formaten, Dramaturgien, szenischen Abläufen und letztlich der Bühnenhandlung bis somit eine Inszenierung entsteht.

Inszenierung heißt, dass das ästhetische Potential des Ausgangsstoffes und die Intention des Gestalters transformiert wird in und durch die Materialität und das Zeichensystem des Theaters. Die Materialität des Theaters setzt sich zusammen aus Körperlichkeit und Stimme der AkteurInnen, Bewegung und (verbale und nonverbale) Interaktion in Raum und Zeit, Bühne, Licht, Ton, Kulisse, Kostüm, Maske bis zur dramaturgisch festgelegten Szenenabfolge. Inszenierung als intentionaler Prozess hat damit eine planerisch-­konzeptionelle, eine experimentelle­-ausprobierende und eine gestalterische, dramaturgisch-­kompositorische Ebene, der die zukünftige Aufführung antizipiert und sich erst in der Aufführung realisiert. Martin Seel beschreibt Inszenierung als „ein auffälliges Herstellen und Herausstellen von Gegenwart“ (2001:53) und „absichtsvoll eingeleitete oder aus­geführte sinnliche Prozesse, die vor einem Publikum dargeboten werden“ (ebd.:50). Inszenierung und Aufführung oder Performance gehören also elementar zusammen, sind aber nicht dasselbe. Während die Inszenierung das geplante und geprobte Arrangement darstellt, ist die Aufführung die einmalige und flüchtige Performance des intendierten (oder improvisierten) Ablaufs vor Publikum.

Erst die Ko-­Präsenz der ZuschauerInnen und deren Wahrnehmung und Reaktion konstituieren die Aufführung und kennzeichnet deren performative Qualität (siehe Malte Pfeiffer „Performativität und Kulturelle Bildung“). Die szenische Realisation als Aufführung ist ein einmaliger Akt, der performativ vor Publikum hervorgebracht wird, wogegen die Inszenierung als Ablauf-­ und Gestaltungsplan des Zur-Erscheinung-Bringens eine reflektierte ästhetische Konzeption darstellt.

Dabei ist der Begriff der Inszenierung auch eng mit dem Begriff der Theatralität verbunden, wie Fischer-­Lichte (vgl. 1998) herausstellt. Mit Theatralität als theaterwissenschaftlicher Kategorie lässt sich der Theaterprozess als eigenständige Kunstform charakterisieren in seinem wahrnehmbaren Gesamt an Materialien, Zeichen, Symbolen und Aktionen. Dabei wird Theatralität bestimmt durch vier Aspekte: Inszenierung, Performance, Korporalität und Wahrnehmung. Theatralität wird demnach realisiert durch die mit der Inszenierung (Semiotisierung der Darstellung) gestalteten Performance (Aufführung) als Darstellungsereignis vor ZuschauerInnen, die durch Materialität und Korporalität ästhetisch hergestellt und durch die Wahrnehmung der ZuschauerInnen rezipiert und interpretiert wird. Inszenierung vermittelt sich also erst, wenn die Semiotisierung und ästhetische Gestaltung in der Aufführung zur Darstellung kommt und von ZuschauerInnen wahrgenommen wird.

Inszenierung zielt immer auf Wirkung und Rezeption, kann also ohne RezipientInnen und ZuschauerInnen nicht auskommen. Damit eine Inszenierung zum wirksamen Ereignis wird, bedarf es unbedingt der beiden Dimensionen Aufführung und Wahrnehmung. Letztlich ist es eine Frage der Wahrnehmung und ästhetischen Kompetenz, ob eine Inszenierung als solche erkannt und als theatrale oder soziale Situation gelesen werden kann. Performative Theaterformen wie ortspezifi­sches Theater, Flashmob, Straßenparaden oder Unsichtbares Theater etablieren bewusst Aktionen im öffentlichen Raum, die durch ihre Rahmung nicht sofort eindeutig als Kunstaktion erkennbar sind, sondern gerade in dem offenen Dazwischen und Mischen von performativem Handeln als theatralem und sozialem Tun Wirkung entfalten und mit der Uneindeutigkeit spielen, um Wirkung zu erzeugen.

Inszenierung in Alltag und Medien

Neben dem engen Verständnis als künstlerische Inszenierung ist Inszenierung auch in einem er­weiterten Verständnis als alltagskultureller, sozialer und anthropologischer Begriff von Bedeutung. Wenn man davon ausgeht, dass Aufführungen und Ausdruck immer eine Form von Inszenierung voraussetzen, wird deutlich, dass das Nachdenken über Inszenierung nicht nur den künstlerischen, sondern auch den allgemein öffentlichen, d.h. den gesellschaftlichen und sozialen Bereich betrifft. Dort finden im Zuge der zunehmenden Medialisierung permanent Aufführungen auf öffentlichen Bühnen und in den Medien statt, sei es in der Populärkultur, in Politik, Wirtschaft, Sport oder auch im Alltag. So ist mit der Rede von der „Inszenierungsgesellschaft“ der Begriff der Inszenierung seit den 1980er Jahren kulturwissenschaftlich bedeutsam geworden, um ausgehend von dem Theaterbegriff die sich ausdifferenzierenden Formen und Strategien des gesellschaftlichen und sozialen (Sich-)In-Szene-Setzens zu reflektieren. Über den Inszenierungsbegriff werden Formen der sozialen Interaktion von Selbstdarstellung bis zur Darstellung in Medien und Politik beschreibbar und in ihrer Herstellung reflektierbar, nämlich wie Subjekte und Ereignisse zur Erscheinung gebracht werden. Die Ästhetisierung weiter Bereiche der Lebenswelt verlangt nicht nur von Institutionen, sondern auch von Subjekten, die Fähigkeit „in Erscheinung zu treten“, (sich) zu präsentieren, zu gestalten und einer Idee und Wirkungsabsicht Ausdruck zu verleihen.

Anhand der künstlerischen Inszenierung als engerem Begriff lässt sich beschreiben, welche ästhetischen Gestaltungselemente, wie und warum verdichtet zusammen und/oder in einer Abfolge Wirkung entfalten können. Das erfordert ein sehr präzises Abstimmen, kritisches Erproben und reflektiertes Entscheiden über die einzusetzenden Mittel, also die Fähigkeit ästhetische Mittel, Verfahren, Formate gezielt und gestaltend einzusetzen.

Ein erweiterter Begriff umfasst die alltagskulturelle und anthropologische Dimension der Insze­nierung. Dass Inszenierung nicht nur als ästhetischer, sondern auch als anthropologischer Begriff bedeutsam ist, hat Wolfgang Iser mit Rückgriff auf Helmuth Plessner gezeigt (vgl. Fischer­-Lichte 2005:152). Denn durch das Gegenüber von Leib-Sein und Körper­-Haben, das Helmuth Plessner in seiner „Anthropologie des Schauspielers“ (1948) als die „exzentrische Position“ des Menschen beschreibt, wird es ihm ermöglicht, sich selbst gegenüber zu treten und sich in Erscheinung zu bringen. Dieses menschliche Grundvermögen befähigt ihn somit, sich zu sich selbst und zu anderen ins Verhältnis zu setzen und so auch – wie bei einer Inszenierung – einen planerischen Entwurf seines Handelns und Erscheinens zu machen. Hier ist ein notwendiges Ineinandergreifen von äs­thetischer und anthropologischer Ebene festzumachen, denn der Mensch muss sich inszenieren, um in Erscheinung zu treten. Nur über das ästhetisch gestaltete körperliche Auftreten, das sich in Sprache und Körper, Mimesis, Rollenspiel oder symbolischem und performativem Handeln äußern kann, kann er Ideen, Haltungen, Wahrnehmungen vermitteln und Interaktion gestalten.

Die Inszenierung des Sozialen als ausdifferenziertes Rollenspiel hat Erving Goffmann mit seinem Werk „The Presentation of Self in Everyday Life“ (dt. „Wir alle spielen Theater“, 1969) schon 1959 als Soziologie des szenischen Selbst ausformuliert.

Inszenierung und Kulturelle Bildung

Die alltags-­ und jugendkulturellen Sprachen und Ausdrucksformen sind geprägt von einer Vielzahl differenzierter ästhetischer Codes und Merkmale, wie Stilisierung, Symbolisierung, Überzeichnung, Multichiffrierung, Zitierung, die es zu entziffern, zu entwickeln sowie reflexiv und kritisch zu gebrau­chen gilt (siehe Christian Schmidt „Jugendkulturelle Szenen und Kulturelle Bildung“ und Burkhard Hill „Kulturelle Bildung in der Sozialen Arbeit“). Mediale Inszenierungsstrategien und -­formate zu durchschauen ist eine wichtige Kompetenz, um in der alltäglichen selbstverständlichen und notwendigen Selbstinszenierung nicht von den medialen Vorbildern überformt zu werden, son­dern eigene Akzente setzen zu können. Inszenierung und Performance sind daher Schlüsselbegriffe des 21. Jh.s. Ohne den kompetenten und kritischen Umgang damit, fehlt die Distanzierung zum medialen Muster sowie zu sich selbst und zu anderen.

Ästhetische Praxis in den Künsten als Aufgabe Kultureller Bildung schult deshalb nicht nur die Wahrnehmung, sondern vermittelt auch den (selbst-)reflexiven Umgang und Einsatz von Inszenierungsstrategien und performativen Aktivitäten. Lernfelder im Kontext Kultureller Bildung zeichnen sich durch die Bereitstellung und Inszenierung von Lernsituationen und ­-räumen aus, die Möglichkeiten zur künstlerischen und sozialen Inszenierung von Subjekten (Rolleninszenierung auf der Bühne und im Alltag) schaffen. Der Begriff der Inszenierung wird im (kultur­-)pädagogischen Kontext vielfältig benutzt, wenn es um die Konzipierung, Strukturierung und Bereitstellung von Lernsituationen oder ­-räumen geht. Inszenierung verweist dann explizit auf die methodischen und didaktischen Gestaltungsmöglichkeiten von Vermittlung.

Verwendete Literatur

  • Fischer-Lichte, Erika (2005):

    Inszenierung. In: Fischer-Lichte, Erika/Kolesch, Doris/Warstat, Matthias (Hrsg.): Metzler Lexikon Theatertheorie (146-153). München: Metzler.

  • Fischer-Lichte, Erika (1998):

    Inszenierung und Theatralität. In: Willems, Herbert/Jurga, Martin (Hrsg.): Inszenierungsgesellschaft (81-90). Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

  • Goffman, Erving (1969):

    Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München: Piper.

  • Lewald, August (1991): In die Scene setzen (1837). In: Lazarowicz, Klaus/Balme, Christopher (Hrsg.): Texte zur Theorie des Theaters (306-311). Stuttgart: Reclam.
  • Seel, Martin (2001): Inszenieren als Erscheinenlassen. Thesen über die Reichweite eines Begriffs. In: Früchtl, Josef/Zimmermann, Jörg (Hrsg.): Ästhetik der Inszenierung (48-62). Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Anmerkungen

Dieser Text wurde erstmals im Handbuch Kulturelle Bildung (Hrsg. Bockhorst/ Reinwand/ Zacharias, 2012, München: kopaed) veröffentlicht.

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Wolfgang Sting (2013 / 2012): Inszenierung. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/inszenierung
(letzter Zugriff am 26.09.2018)

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