Inklusion gestalten: Kulturarbeit zwischen Praxis, Theorie und ästhetischer Innovation
Abstract
Inklusive Kulturarbeit im Dialogfeld von Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung eröffnet neue Perspektiven für gesellschaftliche Teilhabe und künstlerische Selbstverwirklichung. Der Artikel beleuchtet die theoretischen Grundlagen beider Felder und zeigt anhand der Praxis des Vereins CultureClouds, wie Inklusion durch neue inklusiv entwickelte kreative Ausdrucksformen umgesetzt werden kann. Der Beitrag thematisiert strukturelle Ausschlüsse von Künstler*innen mit Beeinträchtigung und betont die gesellschaftliche Relevanz inklusiver Kunst. Dabei wird deutlich, dass Inklusion nicht nur pädagogisches Ziel, sondern auch ästhetisches Prinzip sein kann. Im Fokus steht die Inszenierung des Theaterstücks Wutschweiger beim Rampenlichter Festival, das durch die Integration von Dolmetscherinnen der Deutschen Gebärdensprache und einer Deaf Performerin eine neue Form des inklusiven Theaters schafft. Die gemeinsame Performance aller Beteiligten wurde vom Publikum als Einheit wahrgenommen und zeigt, wie künstlerische Praxis zur gelebten Inklusion werden kann. Die Erfahrungen aus dem Projekt verdeutlichen, wie durch Offenheit, Sensibilität und künstlerische Zusammenarbeit neue Räume für Begegnung, Reflexion und kreative Vielfalt entstehen. Inklusive Kunst wird so zur gesellschaftlichen Bereicherung und zum Impuls für eine Kultur, die Unterschiedlichkeit als Stärke begreift.
Einleitung
Kulturelle Teilhabe ist ein grundlegendes Menschenrecht, wie es in Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formuliert ist: „Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben" (UN-Generalversammlung 1948). Dennoch zeigt sich in der Realität, dass für viele Menschen – insbesondere mit Beeinträchtigungen – dieses Recht schwer umsetzbar ist. Der Zugang zu Kunst und Kultureller Bildung ist häufig durch strukturelle, soziale und institutionelle Barrieren erschwert. Dies betrifft sowohl die Teilhabe an kulturellen Angeboten als auch die Möglichkeit, selbst künstlerisch tätig zu sein.
Der vorliegende Beitrag untersucht das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung als theoretische Grundlage für inklusive Kulturarbeit und zeigt anhand der Praxis des Vereins CultureClouds, wie Inklusion mit dem Einsatz künstlerischer Mittel umgesetzt werden kann. Dabei wird insbesondere die Frage beleuchtet, wie Künstler*innen mit Beeinträchtigung in kulturelle Prozesse eingebunden werden können. Ein besonderer Fokus liegt auf der Umsetzung der Inszenierung von Wutschweiger im Rahmen des inklusiven Festivals Rampenlichter, das innovative Wege der künstlerischen Teilhabe durch Übersetzung des Textes in Deutsche Gebärdensprache (DGS) und Deaf Performance eröffnet. Ziel ist es, die Potenziale einer inklusiven Kulturarbeit sichtbar zu machen, strukturelle Ausschlüsse zu benennen und die gesellschaftliche Relevanz von Inklusion im künstlerischen Bereich zu betonen.
Gemeinsame Ziele, unterschiedliche Wege – das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung
Das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung ist – ebenso wie die Begriffe selbst – komplex und vielschichtig. Beide Felder zielen im weitesten Sinne auf eine Weiterentwicklung des Individuums ab und verfolgen das Ziel, Teilhabe, Selbstbestimmung und soziale Gerechtigkeit zu fördern. Dies geschieht allerdings mit unterschiedlichen Methoden, Mitteln und Perspektiven. Beide Felder weisen gemeinsame Konzepte wie bspw. Teilhabe und Inklusion auf und haben gemeinsame theoretische Bezugspunkte wie Lebensweltorientierung oder den Empowerment-Ansatz.
Sie unterscheiden sich aber in ihrer institutionellen Verankerung und ihren theoretischen Grundlagen. Soziale Arbeit ist gesetzlich geregelt, Kulturelle Bildung ist nicht gesetzlich verankert und deswegen auf Kulturförderung angewiesen (vgl. Soldan o.J.:12; Bundeszentrale für politische Bildung 2004). Während Soziale Arbeit „in ihren Zielsetzungen zum einen Bildungs- und Erziehungsaufgaben (u. a. frühkindliche Bildung, Jugendhilfe und -arbeit, Erwachsenen- und Familienbildung, Geragogik) und zum anderen Bewältigungs- und Gestaltungsaufgaben bei der Lösung sozialer Problemlagen von Menschen (z.B. Armut, Krankheit, Behinderung, Arbeits- und Wohnungslosigkeit, Kriminalität, Migration, Flucht)“ (Gerards 2025:25) verfolgt, basiert Kulturelle Bildung auf ästhetischen Prozessen und kreativen Ausdrucksformen (vgl. Rainer Treptow (2016) „Hand in Hand. Soziale Arbeit und Kulturelle Bildung“). Soziale Arbeit richtet sich sowohl an einzelne Personen wie auch an Gruppen „und wirkt darüber hinaus im Kontext der Gemeinwesenarbeit auch an der Veränderung struktureller und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen mit“ (Gerards 2025:25). Kulturelle Bildung hat einen Fokus auf dem „subjektiven Bildungsprozess jedes einzelnen wie auch (den) Strukturen eines Bildungsfeldes mit seinen zahlreichen Angeboten“ (Bockhorst/Reinwand/Zacharias 2012:22). Beide Professionen haben das Ziel, Lebensbedingungen zu verändern, bspw. bei Sozialer Arbeit, „die Veränderung von infrastrukturellen, politischen und sozialen Lebensbedingungen“ (Stövesand/Stoick 2013:16) und bei Kultureller Bildung „kulturelle Teilhabe für alle“ (Reinwand 2012: 112). Dies kann in der Sozialen Arbeit nicht nur über Einzelfallhilfe und soziale Gruppenarbeit geschehen, sondern auch über Gemeinwesenarbeit. „Gemeinwesenarbeit richtet sich ganzheitlich auf die Lebenszusammenhänge von Menschen. Ziel ist die Verbesserung von materiellen (z.B. Wohnraum, Existenzsicherung), infrastrukturellen (z.B. Verkehrsanbindung, Einkaufsmöglichkeiten, Grünflächen) und immateriellen (z. Bsp. Qualität sozialer Beziehungen, Partizipation, Kultur) Bedingungen unter maßgeblicher Einbeziehung der Betroffenen. […] Sie fördert Handlungsfähigkeit und Selbstorganisation im Sinne von kollektivem Empowerment sowie dem Aufbau von Netzwerken und Kooperationsstrukturen“ (Stövesand/Stoik 2013:21). Soziale Arbeit unterstützt Menschen dabei, ihr Leben aktiv zu gestalten, Kulturelle Bildung regt Menschen dazu an, sich mit künstlerischen Ausdrucksformen und symbolischen Praktiken auseinanderzusetzen (Treptow 2016). „Beide sind daran interessiert, deren Teilhabechancen an sozialen und kulturellen Lebensbereichen wahrzunehmen, zu sichern und zu erweitern, indem sie ihre individuellen Ressourcen und Fähigkeiten auf gegebene Strukturen beziehen, ggf. verändern oder neue entwickeln“ (ebd.). Gemeinsam ist beiden, dass sie von sozialen Handlungen wie bspw. Kommunikation und Interaktion abhängig sind (vgl. Werner Thole / Kerstin Hübner (2024/2022) „Kultur, Soziale Arbeit und Kulturelle Bildung“). „Darin wiederum nähert sie sich den Aufgaben Sozialer Arbeit an, ohne aber von dieser selbst organisiert zu sein – eben dann, wenn sich Kulturelle Bildung im Rahmen ihrer Potentiale um Menschen in benachteiligten Lebenslagen kümmert, um solche, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt sind, die mit Ausgrenzungserfahrungen leben, die Bildungs- und andere Benachteiligung erleben. Mögen die Veranstalter*innen Kultureller Bildung auch entfernt davon sein, von einem Träger der Sozialen Arbeit finanziert zu werden (das Geld stammt vom Kultursektor), so zeigt sich doch hier einmal ihre ausdrückliche Nähe zu unterstützenden, ja helfenden Absichten“ (Treptow 2016). Oft werden Soziale Arbeit und Kulturelle Bildung als getrennte Bereiche betrachtet (Thole / Hübner 2024/2022). Dabei gibt es enge strukturelle und inhaltliche Wechselbeziehungen. „Kulturelle Arrangements finden in Kindertageseinrichtungen, der Kinder- und Jugendarbeit und in sozialräumlichen und soziokulturellen Projekten, in Familienzentren oder der pädagogischen Altenarbeit einen Ort“ (Thole / Hübner 2024/2022).
Auch in der Praxis zeigt sich, dass Angebote Kultureller Bildung Teil Sozialer Arbeit sein können, wie bspw. in Jugendzentren oder sozialräumlichen Projekten. In diesen Angeboten vereinen sich kreative Selbsterfahrungen sowie soziale Kommunikation und kulturelle Teilhabe. „Kulturelle Bildung ist ein Teil der Jugendarbeit, ebenso wie der Kulturarbeit und des Bildungsbereichs. Sie unterstützt Kinder und Jugendliche dabei, zu starken Persönlichkeiten zu werden und zu erleben, dass sie selbst etwas schaffen können“ (BKJ 2020:4).
Das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung lässt sich als komplementäre, sich gegenseitig bereichernde Beziehung beschreiben. So stellt Kulturelle Bildung bspw. eine gesetzlich geregelte Aufgabe (vgl. §11 SGB VIII) sowie eine Methode in der Sozialen Arbeit dar. Kunst, Theater, Musik und Tanz werden als pädagogische Werkzeuge eingesetzt und u.a. in der Jugendhilfe genutzt, um insbesondere die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen zu fördern (Treptow 2016).
Der komplementäre Aspekt wird auch in der Arbeit von CultureClouds deutlich. Die Arbeit von CultureClouds ist verortet im Handlungsfeld der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, einem Kernfeld der Sozialen Arbeit. Die Kunst- und Spielangebote orientieren sich inhaltlich an den Prinzipien Kultureller Bildung (vgl. BKJ 2020). CultureClouds e. V. ist ein gemeinnütziger und nach § 75 SGB VIII anerkannter Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe, der seit über 20 Jahren im Auftrag der Landeshauptstadt München Kunst- und Spielprojekte für Kinder und Jugendliche veranstaltet. Der Fokus liegt dabei immer auf neuen Aspekten und unentdeckten Dimensionen von Kunst und Spiel – in der ganzen Stadt und zum Mitmachen für alle.
Als Träger der Kinder- und Jugendhilfe hat CultureClouds durch die gesetzliche Verankerung im SGB VIII den Auftrag, insbesondere „junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung (zu) fördern und dazu bei(zu)tragen, Benachteiligung zu vermeiden oder abzubauen“ (§ 1 Abs. 3 Nr. 1 SGB VIII) sowie es „jungen Menschen ermöglichen oder erleichtern, entsprechend ihrem Alter und ihrer individuellen Fähigkeiten in allen sie betreffenden Lebensbereichen selbstbestimmt zu interagieren und damit gleichberechtigt am Leben in der Gesellschaft teilhaben zu können“ (§ 1 Abs. 3 Nr. 2 SGB VIII).
CultureClouds setzt sich aktiv für das Recht aller Kinder auf Spiel und kulturelle Teilhabe ein. Ein Recht, dessen Umsetzung gegenwärtig von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen herausgefordert wird und dessen Zugänge vielen jungen Menschen erschwert sind. Die Umsetzung dieses Rechts überschneidet sich mit den Grundprinzipien und Zielen Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung.
In den Projekten von CultureClouds finden sich Beispiele für die Verbindung der beiden Felder, beispielsweise in Theater- und Tanzprojekten mit jungen Menschen, die zur Reflexion und künstlerischen Auseinandersetzung mit Themen wie Demokratie und Nationalsozialismus beitragen (vgl. Always Remember. Never Forget und Rampenlichter). Die Projekte zeigen, wie Kulturelle Bildung zur Reflexion, Verarbeitung und Gestaltung sozialer Realität beitragen kann.
Die Verbindung von Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung zeigt sich nicht nur in gemeinsamen Zielen wie Teilhabe, Selbstbestimmung und sozialer Gerechtigkeit, sondern auch in der praktischen Umsetzung durch inklusive Kulturarbeit. CultureClouds steht exemplarisch für eine solche Verbindung, indem der Verein kreative Ausdrucksformen gezielt nutzt, um soziale Prozesse zu fördern und jungen Menschen kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Besonders deutlich wird dies im Schwerpunkt Inklusion, der sich durch alle Projektformate zieht und strukturell verankert ist. Um das Thema Inklusion strukturell zu verankern und inhaltlich auszufüllen, hat CultureClouds sich für eine Stelle eingesetzt, die sich ausschließlich um die Themen Inklusion und Diversität in allen Belangen des Vereins kümmert. Seit 2023 ist diese Stelle mit einer Sozialpädagogin besetzt. CultureClouds möchte vor allem (jungen) Menschen Zugänge zu den Projekten und damit Kultureller Bildung bieten, denen sie erschwert sind. Alle Projektformate sind inklusiv im Sinne eines breiten Inklusionsbegriffs. Darunter wird die gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe aller Kinder und Jugendlichen verstanden, unabhängig von ihren körperlichen, geistigen oder sprachlichen Möglichkeiten, unabhängig von Herkunft, Nationalität, Religion, Kultur, Aufenthaltsstatus, Alter, Aussehen, sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität.
Wirklich alle miteinander ins Spiel zu bringen, ist ein Prozess, der die Veränderung von Strukturen und das Verlassen von alten Denkmustern erfordert. Um eine Teilnahme möglichst vieler jungen Menschen in den Projekten zu ermöglichen, werden unterschiedliche Maßnahmen über die Inklusionsstelle durchgeführt. Beispielsweise werden in einem aufwendigen Prozess inklusive Einrichtungen an den Projektorten recherchiert, persönlich angesprochen und zu den Projekten eingeladen. Im Nachgang wird erneut persönlich Kontakt zur Einrichtung aufgenommen, um den Besuch zu reflektieren, weitere Besuche zu planen und ggf. weitere Maßnahmen zum Abbau von Barrieren umzusetzen. Ziel ist es, diese Maßnahmen nachhaltig und kontinuierlich durchzuführen, um eine inklusive Infrastruktur der Projekte nachhaltig gewährleisten zu können. Die erprobten inklusiven Strukturen werden auf alle Projekte des Vereins übertragen und Inklusion zu einer festen Säule der Angebotsstruktur gemacht.
Ein weiterer Aspekt, der die gesellschaftliche Relevanz der Schnittstelle von Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung unterstreicht, ist die gezielte Einbindung von Künstler*innen mit Beeinträchtigung. Hier wird deutlich, wie sehr inklusive Kunst nicht nur individuelle Selbstentfaltung ermöglicht, sondern auch zur Sichtbarmachung von Vielfalt und zur Bereicherung der Gesellschaft beiträgt. In der Arbeit von CultureClouds zeigt sich ein bewusstes Gegensteuern gegen strukturellen Ausschluss und eine Öffnung hin zu neuen Perspektiven in der Kunstszene. Die Projekte des Vereins schaffen Räume, in denen künstlerische Ausdrucksformen unabhängig von Beeinträchtigung möglich sind und gesellschaftliche Reflexionsprozesse angestoßen werden.
Vielfalt sichtbar machen – Inklusive Kunst als gesellschaftliche Bereicherung
Für Menschen mit Beeinträchtigung ist es oft eine große Herausforderung, als Künstler*in tätig zu sein. CultureClouds strebt an, Künstler*innen mit Beeinträchtigung in die Projekte einzubinden. Oftmals gibt es keinen Zugang zu künstlerischer Ausbildung. Es erfolgt ein systematischer Ausschluss von Künstler*innen mit Beeinträchtigung (vgl. Rodriguez y Romero 2025a). Dabei wird in Artikel 30 Absatz 2 der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben, dass die Vertragsstaaten „geeignete Maßnahmen (treffen sollen), um Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit zu geben, ihr kreatives, künstlerisches und intellektuelles Potenzial zu entfalten und zu nutzen, nicht nur für sich selbst, sondern auch zur Bereicherung der Gesellschaft“. Leider werden diese Möglichkeiten nur selten gegeben. Bewerbungsprozesse an künstlerischen Ausbildungsstätten sind oft nicht barrierefrei, individuelle Bedürfnisse werden nicht transparent berücksichtig (vgl. Rodriguez y Romero 2025a). Es wird sogar die Fähigkeit von Menschen mit Beeinträchtigung, kompetent künstlerisch aktiv zu sein, in Frage gestellt (vgl. Schuppener 2005).
Es gibt wenig Künstler*innen mit (sichtbarer) Beeinträchtigung in der sogenannten Hochkultur, die von der breiten Bevölkerung wahrgenommen werden. Was wiederum Auswirkungen auf das Wahrnehmen von Künstler*innen mit Beeinträchtigung in der Gesellschaft hat. Zudem fällt eine Vorbildfunktion für junge Menschen mit Beeinträchtigung weg.
Viele Künstler*innen, insbesondere mit nicht sichtbaren Beeinträchtigungen, thematisieren diese nicht öffentlich, oft aus Angst, aufgrund der Beeinträchtigung nicht berücksichtigt und auf die Beeinträchtigung reduziert zu werden (vgl. Rodriguez y Ramiro 2025a). Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung im künstlerischen Bereich wird „zumeist als eine Form therapeutischer Teilhabe missverstanden […]. Dadurch wird die gesellschaftliche sowie die ästhetische Dimension von Behinderung ignoriert und das Thema wird der medizinisch-therapeutischen Domäne überlassen“ (Staab/Boger 2020, vgl. dazu auch Rodriguez y Romero 2025a). Das Potenzial, das sich durch die Auseinandersetzung von individuellen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten sowohl für die Künstler*innen selbst als auch für die Gesellschaft als Ganzes ergibt, wird nicht gesehen.
Auf individueller Ebene ermöglicht Kunst, Menschen mit Beeinträchtigung Träume, Gefühle und Gedanken auf eigene Weise auszudrücken. Dies fördert Selbstentfaltung, kulturelle Teilhabe und ein tieferes Verständnis von Vielfalt (vgl. Rodriguez y Romero 2025b). Ein Beispiel ist der Hornist Felix Klieser, der sein Horn mit dem Fuß spielt und 2014 für seine musikalischen Leistungen mit dem Echo-Klassik-Preis ausgezeichnet wurde. Seine sichtbare Behinderung trat hinter dem künstlerischen Ausdruck zurück (vgl. Sven Sauter, Susanne Quinten, Eva Krebber-Steinberger, Heike Schwiertz (2015/2016) „Im Zwischenraum: Kunst, Behinderung und Inklusion"). Darbietungen von Künstler*innen mit Beeinträchtigungen können Irritationen auslösen, regen aber zur Reflexion über eigene Wahrnehmungsroutinen und das eigene Menschenbild an. In der Auseinandersetzung mit inklusiver Kunst entstehen neue ästhetische Erfahrungen, die zur Sensibilisierung für die Potenziale von Menschen mit Beeinträchtigungen beitragen und Inklusion als kulturelle Bereicherung erfahrbar machen (vgl. Sauter 2015; Rodriguez y Romero 2025b).
Die gesellschaftliche Relevanz inklusiver Kunst zeigt sich nicht nur in der Notwendigkeit, strukturelle Barrieren abzubauen und Vielfalt sichtbar zu machen, sondern auch in der konkreten Umsetzung künstlerischer Projekte, die Inklusion aktiv leben. Der folgende Abschnitt führt in ein Praxisbeispiel ein, das zeigt, wie inklusive Kunst gelingen kann: Das Rampenlichter Festival und insbesondere die Umsetzung des Theaterstücks Wutschweiger demonstrieren eindrucksvoll, wie künstlerische Teilhabe durch kreative, inklusive Ansätze ermöglicht wird – und wie dadurch neue ästhetische Ausdrucksformen entstehen, die sowohl das Publikum als auch die beteiligten Künstler*innen bereichern.
Die gemeinsame Arbeit von hörenden und tauben Künstler*innen und Dolmetscher*innen zeigt, wie durch gegenseitige Sensibilität, Offenheit und künstlerische Zusammenarbeit eine neue Form des Theaters entstehen kann – eine Form, die nicht nur inklusiv, sondern auch ästhetisch innovativ ist. Die folgende Projektbeschreibung macht deutlich, wie Inklusion auf der Bühne nicht nur als pädagogisches Ziel, sondern als künstlerisches Prinzip verstanden und gelebt werden kann.
Inklusion als künstlerische Praxis – Das Theaterprojekt Wutschweiger als ästhetische Erfahrung
Das Rampenlichter Festival – seit jeher auf Vielfalt basierend – als bundesweit größtes gemeinnütziges, inklusives, jugendkulturelles Tanz- und Theaterfestival, bringt alle zwei Jahre rund 1500 junge Menschen im Alter von 6–27 Jahren zusammen, die gemeinsam gesellschaftliche Themen erkunden und in Beziehung zur eigenen Lebenswelt setzen. Im Juli 2025 brachte das Rampenlichter Festival über 160 junge Künstler*innen aus Europa auf die Bühne. Junge Menschen gehen miteinander in einen künstlerisch-diskursiven Austausch und entdecken, wie individuelle Unterschiedlichkeit im gemeinsamen künstlerischen Schaffen bereichern kann und Vielfalt enorme Potenziale freisetzt, die ohne diesen Austausch nicht erfahren werden und im Verborgenen bleiben würden.
Das Festival ist auch eine temporäre künstlerische Gemeinschaft und ein Labor, das auf den Prinzipien und der Kraft von Kunst und Spiel aufbaut und eine Zukunftsvision gesellschaftlichen Zusammenlebens kreiert. Als Zuschauer*innen oder Teilnehmende in Workshops, als Gesprächspartner*innen oder Mitgestaltende eines künstlerischen Prozesses – im Zusammensein und im Austausch miteinander wird Rampenlichter zum Schauplatz für außergewöhnliche Darbietungen von jungen Künstler*innen und bietet Freiraum zum Mitmachen und Austauschen. Rampenlichter lebt von der Kreativität, Unterschiedlichkeit und Besonderheit der Einzelnen. Dadurch ist Rampenlichter ein Fest des künstlerischen Flows, der gestalterischen Energie und der bereichernden Unterschiede.
Rampenlichter schafft unterschiedliche Zugänge, indem junge Menschen auf drei verschiedenen Wegen zum Festival finden: als junge Bühnenkünstler*innen, als Schüler*innen oder als Besucher*innen des öffentlichen Programms.
Rampenlichter ist ein Laboratorium für Vielfalt und Inklusion und geht stetig weitere Schritte, um inklusiver zu werden. Dabei wird auf den Dialog und die Mitgestaltung durch Menschen mit verschiedenen Einschränkungen und Bedürfnissen gesetzt. Auch in Kooperation mit Einrichtungen der Behindertenarbeit wird versucht, einen Ort zu schaffen, der allen zugänglich ist und allen künstlerische Gestaltungsmöglichkeiten bietet. Durch den hohen Personalschlüssel, bestehend aus Kulturpädagog*innen, Sozialpädagog*innen und Künstler*innen aus den Sparten Schauspiel, Kunst und Tanz, ist es möglich, dort individuelle Unterstützung zu leisten, wo sie nötig ist. Die Sozialpädagog*innen bspw. agieren als Assistenzen in den Workshops mit Schüler*innen. Sie unterstützen die jungen Menschen und schaffen Verbindungen zwischen den jungen Künstler*innen und den Teilnehmenden.
In den letzten Jahren wurden bereits verschiedene inklusive Maßnahmen im Festival umgesetzt.
- In den Workshopräumen gibt es kleine Ruheecken mit Sitzsäcken, die die Möglichkeit geben, jederzeit eine Pause zu machen. Davon profitieren neben Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigung, die durch regelmäßige Entspannungseinheiten wieder zur vollen Konzentrationsfähigkeit finden, auch Kinder ohne Beeinträchtigung, wenn sie sich einen Moment auszuruhen können.
- Es wurde ein Lageplan zur vereinfachten Orientierung und ein Schildersystem bestehend aus Metacom-Symbolen gestaltet. Der Lageplan und das Schildersystem ermöglichen einen besser verständlichen Zugang durch eine klare Gestaltung und die Bilder, die zur Beschilderung der verschiedenen Festivalorte genutzt werden. Die einfache Lesbarkeit des Wegeleitsystems soll es vor allem Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigung erleichtern, sich auf dem Festivalgelände zurechtzufinden. Dieses Beschilderungssystem wurde 2025 durch das Rampenlichterjugendteam in Kooperation mit geflüchteten Jugendlichen aus dem Projekt Die Raumveränderer überarbeitet, neugestaltet und umgesetzt.
- Menschen mit Hörbeeinträchtigung können sich Induktionsschleifen ausleihen.
- Fest verankert ist die Live-Übersetzung von zwei Inszenierungen in Deutsche Gebärdensprache (DGS). Dabei soll nicht ausschließlich der Text durch am Rand der Bühne stehende Dolmetscher*innen übersetzt werden. Dies würde dazu führen, dass das Publikum sich entscheiden müsste, entweder dem Geschehen auf der Bühne zu folgen oder dem Text, der am Rand der Bühne übersetzt wird. Der Anspruch ist, dass die Übersetzung Teil der künstlerischen Umsetzung wird und die Dolmetscher*innen als Akteur*innen mit dem Ensemble gemeinsam auf der Bühne sind. Um dies zu gewährleisten, werden bereits weit im Vorfeld des Festivals Gespräche mit Dolmetscher*innen geführt, um ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln. Die Dolmetscher*innen werden als Expert*innen in die Auswahl der Stücke einbezogen, um eine Rückmeldung dazu zu geben, welche Stücke sich am besten für eine Übersetzung eignen.
Die Dolmetscher*innen werden über die Inklusionsstelle in den Prozess eingebunden. Diese übernimmt die Kommunikation und Organisation.
2025 wurden ebenfalls zwei der Stücke mit DGS-Übersetzung aufgeführt. In einem der Stücke, die Produktion Wutschweiger der Kulturwerkstatt Kaufbeuren, geht es um die Begegnung zweier junger Menschen zwischen tristen Wohnblöcken und grauen Fassaden. Thematisiert wird die oft unsichtbare Kinderarmut und die Stärke von Freundschaft und Zusammenhalt. Der Fokus des Projekts lag auf verschiedenen Darstellungsformen. So wurden beispielsweise selbst produzierte Hip-Hop-Beats extra für das Theaterstück zur Verfügung gestellt. Das Stück wurde unter anderem für die Übersetzung in DGS ausgewählt, da es sich gut für Schattendolmetschen eignete. Beim Schattendolmetschen sind die Dolmetscher*innen Teil des Bühnengeschehens und folgen den Schauspielenden und ihren Bewegungen. Den beiden hörenden Dolmetscherinnen Sophie Blau und Tina Rauner-Hübl war es wichtig, dass sie als Dolmetschende nicht als Fremdkörper auf der Bühne wahrgenommen werden wollten. Zum Schattendolmetschen bei Wutschweiger sagten die beiden: „Das Ganze konnten wir durch die ähnliche Kleidung (zu den Schauspielenden, Anm. der Autoren) wunderbar abrunden. Auch in den Phasen, in denen es keinen Dialog gab, haben wir versucht, in der Rolle der Schauspielenden zu bleiben, mit ihnen gemeinsam Chips zu essen, Tic-Tacs zu teilen. Es wäre deutlich unnatürlicher, wenn die Schauspielenden versuchen würden, uns auf der Bühne auszuklammern oder uns zu ignorieren“. Jannis Konrad, der Wutschweiger mit seinem Schauspielkollegen Tim Häring die beiden Protagonisten auf der Bühne verkörperte, beschreibt eine Verbindung, die er zur Dolmetscherin empfunden hat: „Besonders hat mir gefallen, dass ich mit meiner Dolmetscherin Sophie im Einklang war und sie auch beispielsweise Chips gegessen hat, wenn ich das in meiner Rolle als Sammy auch getan habe. Ich hatte das Gefühl, wir waren alle so auf uns abgestimmt und ein gemeinsames Team“.
Um die Musik und Rap-Parts für taubes Publikum zugänglich zu machen, regten die beiden Dolmetscherinnen an, mit der Deaf Performerin Ilknur Warnecke zusammenzuarbeiten, da die Übersetzungen hörender Dolmetscher*innen von Musik nicht oder nur unzureichend vom tauben Publikum verstanden werden. Die Künstlerin wurde von der Inklusionsstelle bei CultureClouds kontaktiert und in den Prozess einbezogen. Ilknur Warnecke wurde ebenfalls ins Bühnengeschehen integriert und performte die Hip-Hop Songs mit visuellen Mitteln, Körperausdruck und Gebärdensprachpoesie (Deaf Performance).
Während der Austausch aller Beteiligten untereinander per Telefon oder Emails stattfand, erfolgte die künstlerische Arbeit, aufgrund der unterschiedlichen Wohnorte, zunächst getrennt voneinander anhand der zur Verfügung gestellten Texte und Videos früherer Aufführungen. Erst zur General- und Stellprobe trafen alle das erste Mal zusammen und konnten gemeinsam proben. Die künstlerische Zusammenarbeit auf der Bühne verlief reibungslos. Die Dolmetscherinnen Sophie Blau und Tina Rauner-Hübl beschreiben die gemeinsame Arbeit wie folgt: „Die künstlerische Zusammenarbeit mit Tim und Jannis war großartig! Die beiden Schauspielenden sind mit der neuen Situation so selbstverständlich und offen umgegangen. Alle Ideen, Anregungen wurden ernst genommen und einfach mal getestet in der Probe. Die Wechsel von uns Dolmetscherinnen mit der Deaf Performerin wurden mit sanften und natürlichen Übergängen gestaltet. Hier hat jeder seine Ideen eingebracht. Allgemein war es ein sehr respektvoller Umgang mit den Ideen und ein schöner fließender Prozess vom einfach mal ausprobieren und schauen, wie es wirkt, hin zu einer gelungenen Team-Aufführung“.
Aus der gemeinsamen Aufführung des Ensembles mit den DGS-Dolmetscherinnen und der Deaf-Performerin ist eine gemeinsame Performance und eine ganz eigene ästhetische Kunst entstanden, die nicht nur für die Beteiligten auf der Bühne wahrnehmbar war, sondern auch für das Publikum. Bei anschließenden Gesprächen wurde deutlich, dass alle auf der Bühne als ein Ensemble wahrgenommen wurden. Die Regisseurin Simone Klinger beschreibt das Gesehene wie folgt: „Die Verschmelzung unserer Inszenierung mit allen Menschen, die auf der Bühne waren, fühlte sich an wie ein Tanz! Es hat mich total berührt, wie Sensibilität und ein besonderes Gefühl füreinander im Fokus standen – und das, obwohl wir alle miteinander nur eine Probe hatten. Das ist gelebte Inklusion, die kein Label und wenig Worte braucht“. Die Schauspieler resümieren ähnlich: „Für mich war es eine unglaubliche Erfahrung und Bereicherung, die Möglichkeit bekommen zu haben, dieses Stück so aufgeführt haben zu dürfen, wie wir es aufgeführt haben. Außerdem habe ich nicht nur viel über Gebärdensprache und ihre Sprecherinnen gelernt, sondern eine ganz neue Form des Theaters entdeckt!“ (Tim Häring). „Ich bin total begeistert, wie Theater nochmal auf eine andere Ebene gebracht werden kann durch die Gebärdensprache und auch uns Schauspieler unterstützen kann. Dass es nicht nur eine Hilfe für Zuschauende ist, sondern eine theatrale Form, hat mir ganz neue Türen geöffnet. Für mich war auch die Deaf Performance ein neuer Begriff, ich hatte davor wenig Berührung damit. Das hat alles so sehr gepasst. Und wie Ilknur unsere Rap-Parts performt hat, war einfach nur spitze. Das Gesamtergebnis war einfach fantastisch“.
Dieses Beispiel zeigt, wie aus dem Einsatz verschiedener künstlerischer Mittel in inklusiven Projekten etwas ganz Eigenes geschaffen werden kann, das einen großen Mehrwert generiert. Es war erst der Beginn einer Reihe weiterer Aufführungen, die hoffentlich folgen werden und zu einer inklusiveren Kunst und damit zur Veränderung der (öffentlichen) Wahrnehmung von Menschen und insbesondere Künstler*innen mit Beeinträchtigung beitragen können.
Fazit
Die Verbindung von Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung bietet eine Basis für inklusive Kulturarbeit. Während die Soziale Arbeit auch strukturelle Rahmenbedingungen schafft und auf soziale Gerechtigkeit abzielt, eröffnet Kulturelle Bildung Räume für kreative Selbstentfaltung und ästhetische Erfahrung. In der Arbeit von CultureClouds zeigt sich diese Verbindung, und wie gemeinsam dazu beigetragen werden kann, Barrieren abzubauen und Teilhabe zu ermöglichen.
Besonders deutlich wird dies in der aktiven Einbindung von Künstler*innen mit Beeinträchtigung, deren Zugang zu künstlerischer Ausbildung und öffentlicher Sichtbarkeit oft eingeschränkt ist. Die Projekte von CultureClouds und das hier beschriebene Rampenlichter Festival machen sichtbar, dass Inklusion nicht nur eine pädagogische oder soziale Aufgabe ist, sondern auch ein künstlerisches und gesellschaftliches Potenzial birgt. Sie regen dazu an, bestehende Strukturen zu hinterfragen und neue Formen des Miteinanders und des künstlerischen Ausdrucks zu gestalten – in denen Vielfalt nicht nur akzeptiert, sondern als kreative Ressource verstanden und genutzt wird.
Die Inszenierung von Wutschweiger beim Rampenlichter Festival zeigt eindrucksvoll, wie inklusive künstlerische Praxis gelingen kann: Durch die Integration von DGS-Dolmetschenden und Deaf Perfomance als Teil des Bühnengeschehens und die Zusammenarbeit entstand eine neue Form des Theaters, die nicht nur zugänglich, sondern auch ästhetisch bereichernd ist. Die gemeinsame Performance aller Beteiligten wurde vom Publikum als Einheit wahrgenommen – ein Zeichen dafür, dass gelebte Inklusion nicht viele Worte braucht, sondern durch künstlerische Praxis erfahrbar wird.
Die Erfahrungen aus dem Projekt zeigen, dass Inklusion in der Kunst nicht nur eine Erweiterung des kulturellen Angebots bedeutet, sondern eine tiefgreifende gesellschaftliche Transformation ermöglichen kann. Sie schafft Räume für Begegnung, Irritation, Reflexion und Erkenntnis – und öffnet Türen zu einer Kultur, die Unterschiedlichkeit als Stärke begreift und allen Menschen die Möglichkeit gibt, sich kreativ und selbstbestimmt zu entfalten.