Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung zur Legitimität öffentlich geförderter Theater in Deutschland

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von Birgit Mandel

Erscheinungsjahr: 2020

Abstract

Die Stadt- und Staatstheater gehören zu den am höchsten geförderten Kultureinrichtungen in Deutschland. Insofern stehen die Theater in besonderer Weise unter Legitimationsdruck und benötigen ausreichend Rückhalt bei den relevanten Stakeholdern sowie in der Bevölkerung. Doch wie steht es um Interesse an und Nutzung von Theater? Wer gehört zu den Besucher*innen? Welche Einstellungen zur öffentlichen Förderung von Theater und welche Erwartungen an Programm und Aufgaben von Theater gibt es in der Bevölkerung in Deutschland?
Mit Unterstützung durch ein Meinungsforschungsinstitut
hat das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim dazu eine telefonische Repräsentativbefragung mit 1000 Personen durchgeführt. Die Befragung zeigt, dass zwar nur wenige zu den regelmäßigen Besuchern von Theatern gehören – darunter eher hoch gebildete, eher ältere und eher weibliche Personen - aber eine große Bevölkerungsmehrheit sich für eine weiterhin hohe öffentliche Förderung ausspricht. Von den Theatern wird vor allem eine hohe Zugänglichkeit und Programme kultureller Bildung für Kinder und Jugendliche erwartet. Die hohe Zustimmung zur Theaterförderung, weit über den Kreis des Publikums hinaus, verweist auf die hohe gesellschaftliche Bedeutung, die den Theatern zugeschrieben wird. Zugleich deuten sich erste Risse dieses positiven Theaterbildes bei den jüngeren Generationen an.

Theater gehören zu den am höchsten geförderten Kultureinrichtungen in Deutschland. Es gibt ca. 140 Stadt- und Staatstheater, die meisten davon mit eigenem Ensemble, Gewerken, Repertoirebetrieb und mehreren Sparten. Insofern stehen die Theater in besonderer Weise unter Legitimationsdruck und benötigen ausreichend Rückhalt bei den relevanten Stakeholdern, doch auch in der Bevölkerung und somit bei den Steuerzahler*innen. Wie steht es um Interesse an und Nutzung von Theater? Welche Einstellungen zur öffentlichen Förderung von Theater und welche Erwartungen an Programm und Aufgaben von Theater gibt es in der Bevölkerung in Deutschland?

Mit Unterstützung durch das Meinungsforschungsinstitut USUMA hat das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim dazu im Mai/Juni 2019 eine telefonische Repräsentativbefragung mit 1000 Personen aus der Grundgesamtheit der  wahlberechtigten Wohnbevölkerung in Deutschland durchgeführt.

Diese Befragung ist Bestandteil eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts mit dem Titel „Strukturwandel der Kulturnachfrage als Auslöser von Anpassungs- und Innovationsprozessen an öffentlichen Stadt- und Staatstheatern“. Koordinator des Gesamtprojekts „Krisengefüge der Darstellenden Künste“, das von 2018 bis 2021 läuft, ist das Institut für Theaterwissenschaften der LMU München.

In dem Teilprojekt der Universität Hildesheim geht es zum einen um die Frage, wie die Stadt- und Staatstheater den Strukturwandel der Kulturnachfrage - u.a. durch veränderte kulturelle Interessen und Rezeptionsweisen im Zuge von Digitalisierung, Migration, unterbrochenen Enkulturationsprozessen - erfahren und mit welchen Strategien sie darauf reagieren; zum anderen um die Frage, wie diese Theater von Publikum und Bevölkerung wahrgenommen werden. Dies wird durch Fallstudien und Interviews an verschiedenen Theatern sowie durch eine Befragung aller  Intendant*innen der Stadt- und Staatstheater erhoben.

Legitimationsprobleme für die Stadt- und Staatstheater im Hinblick auf die Kulturnachfrage und Wertschätzung in der Bevölkerung könnten insbesondere dann entstehen:

  • wenn nur eine kleine und schrumpfende Minderheit der Bevölkerung Interesse an Theaterangeboten zeigt und sich das kulturelle Interesse zunehmend auf andere Kulturformen richtet
  • wenn es eine starke soziale Spaltung des Kulturpublikums gibt und Theaterangebote weitgehend nur von einer höher gebildeten und sozial eher besser gestellten Gruppe der Bevölkerung wahrgenommen werden
  • wenn Theater im Hinblick auf ihre künstlerischen und gesellschaftlichen Leistungen nicht den Erwartungen des Publikums und der Bevölkerung entsprechen und
  • wenn die Förderungswürdigkeit von Stadt- und Staatstheatern von weiten Teilen der Bevölkerung in Frage gestellt wird.

Die Befragung ergab folgende zentrale Ergebnisse:

  • Nur ein Drittel der Bevölkerung ist an klassischen Kulturangeboten wie Theatern interessiert – überdurchschnittlich Frauen, ältere Menschen, formal hoch Gebildete und Großstadtbewohner*innen

Gefragt nach unterschiedlichen außerhäusigen kulturellen Aktivitäten äußerten 33 Prozent der Befragten ein Interesse an klassischen Kulturangeboten wie insbesondere Schauspiel, Oper, Klassikkonzerte oder Kunstausstellungen - im Vergleich Frauen häufiger als Männer (41 % zu 25 %); höher Gebildete häufiger als niedrig Gebildete (45 % zu 26 %); Ältere ab 60 Jahre häufiger als Jüngere zwischen 18 und 39 Jahren (40 % zu 31 %). Nischen- und Subkultur wie Jazz, Weltmusik, Kunstperformances oder Filmkunst interessiert 24 Prozent der Befragten.

Ein gutes Drittel der Befragten (36 %) äußerte ein Interesse an popkulturellen Veranstaltungen wie Rock- / Popkonzerte oder populäre Blockbuster-Filme. Das stärkste Interesse erfahren mit 40 Prozent Feste und Events in der Umgebung. Während sich immerhin 71 Prozent der Bevölkerung für mindestens einer dieser Kulturformen interessieren, also im weitesten Sinne als „Kulturinteressierte“ gelten können, kann man 29 Prozent als „Kulturabstinente“ bezeichnen, die sich für keine der genannten außerhäusigen Kulturformen interessieren. Generell zeigt sich: Wer sich für eine außerhäusige Kulturform interessiert, hat häufig auch ein Interesse an anderen Kulturformen.

  • Nur wenige gehören zu den Viel-Besucher*innen von Theatern, über die Hälfte zu den Nicht-Besucher*innen

Nur 10 Prozent können zu den Vielbesucher*innen von Theatern generell gezählt werden (mit vier und mehr Theaterbesuchen pro Jahr), 31 Prozent zu den Gelegenheitsbesucher*innen (1-3 mal pro Jahr) und 59 Prozent zu den Nichtbesucher*innen. Der Anteil der „Vielbesucher*innen“ nimmt mit dem Bildungsniveau und dem Alter zu. Außerdem haben Frauen eine höhere Besuchsfrequenz als Männer, die ebenso wie Niedriggebildete deutlich überproportional Nichtbesucher*innen sind. Dennoch gehören vor allem auch ältere Personen mit einfacher und mittlerer Bildung zu den häufigen Besucher*innen von Theatern, wenngleich mit niedrigeren Anteilen.

Auffällig ist, dass auch bei den höher Gebildeten der jüngeren Generation knapp die Hälfte zu den Nichtbesucher*innen gehört. Die Altersgruppe 60+ mit höherer Bildung hat den mit Abstand höchsten Anteil an Vielbesucher*innen.

Der tendenzielle Rückgang von Interesse an und Nutzung von Theatern bei der jungen Bevölkerung mit hoher Bildung, die in Längsschnittbetrachtungen durch das Institut für Demoskopie Allensbach nachgewiesen wurde (vgl. de Sombre 2017), verweist auf intergenerationelle Verschiebungen im kulturellen Geschmack und Lebensstil. Popkulturelle Veranstaltungen haben in dieser Altersgruppe eine deutlich höhere Bedeutung, und es gibt Anzeichen dafür, dass sich dies kaum verändert, wenn diese Generation älter wird.

  • Mangelnde Zeit wird mehrheitlich noch vor mangelndem Interesse als Grund für den Nicht-Besuch angegeben

Als Hauptgrund für den Nicht-Besuch oder nicht häufigeren Besuch von Stadt- und Staatstheatern wird „mangelnde Zeit“ (36 %) am häufigsten genannt, erst dann folgt „mangelndes Interesse“ (28 %), was ein Zeichen für die soziale Erwünschtheit von Theaterbesuchen sein könnte. Mit Abstand werden mit jeweils 12 Prozent die institutionellen Barrieren „zu teuer“ und „begrenzte Auswahl bzw. mangelnde Qualität“ angeführt.

  • Große Zustimmung zur öffentlichen Förderung von Theatern in allen Bevölkerungsgruppen, auch bei den Nicht-Besucher*innen

Die Bevölkerung stimmt weitgehend darin überein (86 %), dass die  öffentliche Förderung von Theatern mit Steuergeldern auch in Zukunft in bisheriger Höhe erfolgen oder sogar erhöht werden sollte, darunter auch der Großteil der Nichtbesucher*innen. Nur 14 Prozent wollen die Förderung der öffentlichen Hand kürzen. Auffällig ist, dass die jüngste Altersgruppe der 18- bis 39-Jährigen deutlich häufiger dafür plädiert, die Förderung der Theater zu kürzen als die älteren Generationen.

  • Über die Produktion von Kunst hinaus sollen Stadt- und Staatstheater vor allem für eine breite Teilhabe sorgen

Befragt nach den Erwartungen an diese Theater stehen in Bezug auf die Spielplangestaltung auf den ersten Plätzen: „Programme für Kinder und Jugendliche“ (89 %), „Programme anbieten, bei denen man lachen kann“ (86 %) und „Stücke zeigen, die für jeden verständlich sind“ (80 %). 66 Prozent wollen „aktuelle Stücke und künstlerische Experimente“, 60 Prozent erwarten „klassische Stücke von wichtigen Autor*innen“. Viele wollen sowohl klassische als auch experimentelle Stücke auf dem Spielplan sehen. Der Wunsch nach humorvollen Stücken ist unabhängig von Bildung und Alter.

Im Hinblick auf sonstige Erwartungen an Theater werden an erster Stelle genannt: eine „Preisgestaltung, die Menschen aus allen sozialen Schichten Teilhabe ermöglicht“ (92 %),  gefolgt von der Erwartung, dass „Theater ein Treffpunkt für die breite Bevölkerung der Stadt sein sollten“ (73 %) sowie dass sie „gesellschaftliche und politische Diskussionen in der Stadt anstoßen“ (57 %). Am seltensten wird der Wunsch nach partizipativen Angeboten im Sinne von „Selber Theater spielen“ geäußert (33 %).

  • Die Legitimation der Stadt- und Staatstheater in der Bevölkerung scheint derzeit nicht gefährdet, es deuten sich aber mittel- und längerfristig Legitimationsrisiken an, die vor allem von der demografischen Entwicklung ausgehen

Die hohe Zustimmung dafür, die Stadt- und Staatstheater auch zukünftig mindestens auf dem bisherigen Niveau mit Steuergeldern zu fördern, weit über den Kreis des Publikums hinaus, verweist auf die gesellschaftliche Bedeutung, die den Theatern zugeschrieben wird.

Der in den Befragungsergebnissen zum Ausdruck kommende Anspruch, dass Theater für alle, unabhängig vom sozialen Status und Bildungsniveau, leicht zugänglich sein sollte, könnte einerseits als Indikator dafür gewertet werden, dass die Bürger*innen Theater als sozial exkludierende Einrichtung wahrnehmen, andererseits als Hinweis darauf, dass die Theater als bedeutsam für die gesamte Bevölkerung betrachtet werden. Insgesamt sprechen die empirischen Befunde also nicht dafür, dass sich öffentliche Theater aktuell in einer Legitimationskrise befinden.

Dennoch gibt es in den Daten dieser Befragung sowie in den Ergebnissen von vorhandenen Längsschnittschnittbefragungen Hinweise auf eine nachlassende Nachfrage nach Theaterangeboten in der Zukunft:

Für einen bedeutenden und wachsenden Anteil auch der höher Gebildeten in den jüngeren Generationen gehören Theaterbesuche nicht mehr selbstverständlich zum Lebensstil dazu (de Sombre 2017), und es kann im Sinne einer Kohortenabhängigkeit auch nicht von einem automatischen „Hineinwachsen“ in die klassische Kultur im Alter ausgegangen werden (u.a. Reuband 2018).

Viel mehr deuten sich enkulturative Brüche in Bezug auf die klassischen Kulturformen insgesamt und das Theater insbesondere an. Insgesamt zeichnet sich eine Pluralisierung kultureller Interessen und Angebote ab, so dass Theater auf dem Markt kultureller Freizeitangebote zukünftig an Bedeutung verlieren könnten.

Allerdings zeigen die vielfältigen Aktivitäten der Stadt- und Staatstheater, dass sie sich für neue, diverse Publikumsgruppen öffnen, neue Aufgaben für die Stadtgesellschaft übernehmen (von Vermittlungsaktivitäten über die Bürgerbühnen bis zur höheren Durchlässigkeit in Führung und Personal) und dass sie sich der Notwendigkeit bewusst sind, ihre Programme, Aufgaben und Strukturen an eine veränderte gesellschaftliche und demografische Situation anzupassen. 

Die Gesamtstudie „Theater in der Legitimationskrise? Interesse, Nutzung und Einstellungen zu den staatlich geförderten Theatern in Deutschland – eine repräsentative Bevölkerungsbefragung" (von Birgit Mandel unter Mitarbeit von Moritz Steinhauer) ist als Download verfügbar.

/sites/kubi8/files/documents/Mandel%20Ergebnisse%20Bevo%CC%88lkerungsbefragung.pdf

Verwendete Literatur

  • de Sombre, Steffen (2017): AWA - Bildungsbürgertum und Massenkultur. Online zugänglich unter: https://de.slideshare.net/hemartin/awa-2017-dr-steffen-de-sombre-bildungsbrgertum-und-massenkultur (letzter Zugriff: 7.1.2020).
  • Reuband, Karl-Heinz (2018): Kulturelle Partizipation in Deutschland. In: Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft/Blumenreich, Ulrike/Dengel, Sabine/Hippe, Wolfgang/Sievers, Norbert (Hrsg.): Jahrbuch für Kulturpolitik 2017/18, 377–393. Bielefeld: transcript.

Anmerkungen

Die Gesamtstudie „Theater in der Legitimationskrise? Interesse, Nutzung und Einstellungen zu den staatlich geförderten Theatern in Deutschland – eine repräsentative Bevölkerungsbefragung“ (Birgit Mandel unter Mitarbeit von Moritz Steinhauer) ist als Download in der Bibliothek der Universität Hildesheim / Institut für Kulturpolitik unter folgendem Link erhältlich:  https://dx.doi.org/10.18442/077.

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Gerne dürfen Sie aus diesem Artikel zitieren. Folgende Angaben sind zusammenhängend mit dem Zitat zu nennen:

Birgit Mandel (2020): Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung zur Legitimität öffentlich geförderter Theater in Deutschland. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/ergebnisse-einer-repraesentativen-bevoelkerungsbefragung-zur-legitimitaet-oeffentlich
(letzter Zugriff am 30.10.2020).

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Dieser Artikel wurde dauerhaft referenzier- und zitierbar gesichert unter https://doi.org/10.25529/92552.565.

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