Empirische Studie zur (tanz)künstlerischen Produktion und Rezeption von angehenden (Sport)Lehrkräften

Artikel-Metadaten

von Sabine Hafner

Erscheinungsjahr: 2019

Peer Reviewed

Abstract

Schüler*innen für kulturelle Bildungsangebote zu begeistern, ist eine Herausforderung, der auch über den im Sportunterricht curricular verankerten Bewegungsbereich Tanzen, Gestalten, Darstellen nachgekommen werden soll. Ob und wie Kulturelle Bildung über tanzkörperliche Auseinandersetzungen gelingen kann, ist u.a. von hochschulischen Ausbildungsstrukturen und schulischen Angeboten sowie der Befähigung von Sportlehrkräften abhängig.
Im Gesamtprojekt Kulturelle Bildung - Bildung zur kulturellen Teilhabe durch Tanzunterricht an Schulen? sollen personelle und strukturelle Voraussetzungen für Tanzunterricht in der Schule empirisch geprüft werden. Das Projekt beurteilt ausgewählte Unterrichtsrealitäten an tanzdidaktischen Ansprüchen und möchte resultierende Differenzen in machbare tanzkünstlerische Unterrichtsprozesse in der Schule übertragen. Das Tanzen, Gestalten, Darstellen stellt sich mit seinen spezifizierten Aufgaben zu den übrigen Bewegungsfeldern des Sportunterrichts disparat dar, so dass tanzpädagogische Herausforderungen oftmals mit der Rollenidentität von Sportlehrkräften in Konflikt geraten.
Im hier vorgestellten ersten Schritt sorgt eine Fragebogenerhebung für Zugänge zu den Lehramtsstudierenden mit dem Ziel, Erkenntnisse zu deren differenten personellen Prädispositionen für Kulturelle Bildung zu gewinnen. Die Befragung zur künstlerischen Teilhabe von Sportstudierenden im Vergleich mit Studierenden im Studiengang Theaterpädagogik (obere Bezugsgröße) und Lehramtsstudierenden, die das Fach Sport nicht studieren (Mittelmaß) bilanziert ernüchternde Voraussetzungen (Aktivität, Engagement, Interesse) für künstlerische Unterrichtsprozesse.

Idee und Aufgabe von Tanz in der sportunterrichtlichen Praxis

„In seinen Kreativitäts- und Originalitätsimperativen berührt und bewegt die Kunst den Menschen als Rezipient und als Produzent“ (Rosa 2016:473).

Schule greift Aufgaben Kultureller Bildung in spezifizierten Unterrichtsprozessen überwiegend in den Fächern Bildende Kunst und Musik auf. In beiden Fächern können personell wie strukturell orientierungsstiftende Voraussetzungen für gelingende Kulturelle Bildung angenommen werden. Lässt man die in Umfang und Inhalten innerhalb der Länder sehr unterschiedlich veranlagte Primarstufenausbildung außen vor, wird Unterricht in Bildender Kunst und Musik von Lehrkräften begleitet, deren kunstidentitätsbezogene Eignung in der Regel durch umfassende Aufnahme-, Studien- und Prüfungsmodalitäten angelegt und geprüft wurde. Bei Kunst- und Musiklehrenden kann ein hohes Selbstwirksamkeitsverständnis vorausgesetzt werden, da u.a. persönliche Teilhabe an Kunstwelten mit hohem Maß an hochschulisch erworbener Kompetenz einhergehen.

Doch sollen Schüler*innen nicht nur in den Fächern Bildende Kunst und Musik, sondern in vielfältigen Bezügen zur kulturellen Selbstverantwortung befähigt werden. Auch der Tanz als künstlerische Ausdrucks-, Gestaltungs- und Darstellungsform kann Menschen, produktiv in der individuellen und gruppenbezogenen körperlichen Auseinandersetzung, und rezeptiv etwa bei Tanzveranstaltungsbesuchen, berühren. Schüler*innen können Kulturelle Bildung erfahren, wenn sie Tanzkunst als ästhetische Quelle und Tanzen als Ausdruck für die eigene Lebenswelt nutzen (Rosa 2016:162). Auch sind Schulen gut beraten, den Tanz für künstlerische Konfrontationen auszuwählen, weil dieser bei Kindern und Jugendlichen populär ist.

In der Schule sind tanzpädagogische Aufgaben traditionell dem einzigen Bewegungsfach, dem Sportunterricht, zugeeignet. Tanzen, Gestalten, Darstellen ist curricularer Bestandteil eines Mehrperspektivischen Sportunterrichts, der die Grundlage von Sportbildungsplänen aller Länder bildet. Zu seinen anderen Inhalten wird Sportunterricht damit zu einem Experimentierfeld für körperlich-ästhetische Erfahrungen.

Schwierigkeiten von Tanz in der sportunterrichtlichen Praxis

Sportlehrerausbildung findet an Sportwissenschaftlichen Instituten oder in Sportpädagogischen Abteilungen statt. Dort übernehmen vornehmlich sportive Charaktere die Regie. Zwar zählt der Sportunterricht zu den nicht-künstlerischen Fächern, jedoch beheimatet er als eine von sechs pädagogischen Perspektiven mit sich körperlich ausdrücken und Bewegungen gestalten eine Sinnrichtung, die explizit auf künstlerische Teilhabe zielt. Das hat Konsequenzen für die zukünftige Tanzunterrichtspraxis von Sportlehrkräften. Mit der Ausnahme einiger weniger, meist weiblicher, Sportlehrkräfte scheint der Tanz im Sportunterricht weitgehend unerkannt zu bleiben. Antje Klinge bemerkt in diesem Zusammenhang einen Mangel an Ausbildung und Qualifikation von Sportlehrenden und sieht die Qualität künstlerischer Bewegungsbildung in der Schule nur durch den Einsatz von Experten realisiert (2018:1). Die Zweifel an der Eignung von Sportlehrkräften für Tanz im Sportunterricht sollen durch diese Forschungsarbeit empirisch geprüft werden.

Aktuelle Forschungsstudien, die positive Auswirkungen von schulischem Tanz auf die Persönlichkeitsbildung von Schüler*innen empirisch sichern, greifen zur Durchführung ihrer Tanzinterventionen auf ausgebildete Tanzpädagog*innen zurück (siehe: Claudia Steinberg/Svenja Konowalczyk/Esther Pürgstaller/Yvonne Hardt/Nils Neuber/Martin Stern „Facetten Kultureller Bildung im Medium „Tanz und Bewegungstheater“ – Eine empirische Studie"). Derlei Experten-Zuweisungen stellen sich vor dem potenziellen Wirkungsspektrum der Kreativfächer nachvollziehbar dar, repräsentieren aber den Hintergrund sportunterrichtlicher Möglichkeiten und Dispositionen von Sportlehrkräften defizitär.

Indem man dem Tanzen im Sportunterricht eine „künstlerische Deutung der Welt und des menschlichen Lebens“ (Engemann 2007:8) zuspricht, navigieren nicht nur Sportlehrkräfte, sondern auch Schüler*innen auf Auseinandersetzungen mit für sie fremden Deutungsmustern und Vermittlungsweisen zu. Durch seine Ausdrucks- und Gestaltungsbetonung beinhaltet das Tanzen, Gestalten, Darstellen nicht nur fremde Bildungsinhalte, sondern baut auch personell auf ungewohnte, gewissermaßen künstlerische Identitäten. Im Vergleich mit den Fächern Kunst und Musik können für den Sportunterricht ungünstigere Voraussetzungen angenommen werden. Dem Mangel an diesbezüglicher empirischer Evidenz ist nachzukommen. Damit Qualifikationsmerkmale bestimmt werden können müssen berufliche Einstellungen von Sportlehrkräften kritisch hinterfragt werden.

Forschungsfragen und forschungsmethodisches Vorgehen

Im Gesamtvorhaben geht diese Forschungsarbeit den beiden Fragen nach, ob und wie Tanzunterricht im Sportunterricht an Schulen kulturell bildet. Ziel der hier vorgestellten ersten Teilstudie ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse zu unterschiedlichen Prädispositionen (Sport)Lehramtsstudierender gegenüber künstlerischen Interessen im Allgemeinen und tanzkünstlerischen Auseinandersetzungen im Speziellen darzulegen.

Sportlehramtsstudierende stellen die zukünftigen Tanzvermittler*innen im Sportunterricht dar. Weil gute Lehre aus einem Wirkungszusammenhang von Kenntnis und Erfahrung besteht, bestimmt das Maß an rezeptiver und produktiver Kunstteilhabe angehender Sportlehrkräfte die Qualität von Tanzunterricht mit. Aus diesem Zusammenhang entwickeln sich konsequente Fragen an Lehramtsstudierende:

  • Wie stellen sich künstlerische Aktivitäten von Sportlehramtsstudierenden dar?
  • Wie stellen sich diese im Verhältnis zu Studierenden anderer Fachrichtungen dar?
  • Wie haben sich künstlerische Produktions- und Rezeptionsaktivitäten von Lehramtsstudierenden gewandelt?

Informationen zum Fragebogen

Zur Beantwortung dieser Fragen wurden mit empirisch-quantitativer Erfassung per Fragebogen zur ausreichend großen Stichprobensicherung im Vergleichsgruppendesign die Aktivitäten Studierender in verschiedenen Bachelor-Of-Education-Studiengängen zueinander in Beziehung gesetzt.

Grafik 1 Hafner

172 Sportlehramtsstudierende (139 Sportstudierende an einer Pädagogischen Hochschule und 33 an einer Universität) stellen die bestimmende Untersuchungspopulation dar, an der Vergleiche und Konsequenzen zur Personeneignung für Tanzunterricht an Schulen dargelegt und ins Verhältnis zu Lehramtsstudierenden an der Pädagogischen Hochschule im Erweiterungsstudiengang Theaterpädagogik (obere Bezugsgröße) und zu Lehramtsstudierenden an der Pädagogischen Hochschule, die das Fach Sport nicht studieren (Mittelmaß), gebracht werden. Die per Fragebogen gewonnenen Daten wurden kategorisiert und in das Statistikprogramm IBM SPSS Statistics eingepflegt. Zielgebende Prädispositionen sind über außerhochschulische Sport- und Kunstaktivitäten der Befragten erfasst worden. Fragen zu künstlerischen Aktivitäten sind bei den Sportlehramtsstudierenden in Relation zum Sportengagement gesetzt worden. Produktive Kunstteilhabe ist im Fragebogen in aktive, künstlerische Betätigung außerhalb des Studiums übersetzt worden, rezeptive Kunstteilhabe wurde über die Häufigkeit des Besuches von Kulturveranstaltungen operationalisiert. Ausgeschlossen wurden universitäre Lehrveranstaltungen und Fernseh-Aktivitäten, um sicher zu stellen, dass Befragte nicht etwa Sportschau anschauen als rezeptive Sportaktivität benennen. Die Datenerhebung wurde jeweils zu Beginn der Wintersemester 2016/17 und 2017/18 und der Sommersemester 2017 und 2018 durchgeführt.

Ergebnisse zu personenbezogenen Fragen

Auffällige Unterschiede zwischen Sport- und anderen Lehramtsstudierenden wurden durch Gewichtung sowohl in der Geschlechter- als auch Alterskategorie ausgeglichen. Die geschlechtliche Unterscheidung der Erhebungspopulation ist relevant, weil Lehramtsstudiengänge, insbesondere im Grundschul- und Sonderpädagogikbereich, von Frauen überfrequentiert sind. In Bezug auf die Fachwahl Sport zeigen Männer und Frauen eine mehr oder weniger ausgewogene Verteilung. Die Geschlechterverteilung für Sportlehramtsstudierende blieb in etwa berücksichtigt, ebenso die deutliche Überrepräsentation des weiblichen Geschlechts bei Lehramtsstudierenden, die das Fach Sport nicht studieren. Die Soziodemografie der Studie ist auch bezüglich des Alters repräsentativ. Physische Anforderungen im Sportstudium beeinflussen den Studienbeginn in einem sportlich leistungsfähigen Alter. Über 90% der befragten Sportstudierenden waren zum Erhebungszeitpunkt zwischen 18 und 24 Jahre alt. Studierende anderer Lehramtsfächer beginnen ihren Lehramtsstudiengang durchaus später. Um Vorerfahrungen mit bewegungskünstlerischen Aktivitäten unbeeinflusst erheben zu können, war es darüber hinaus wichtig, Sportstudierende am Anfang ihres Studiums zu befragen, so dass die Antwortqualitäten noch weitgehend unbeeinflusst von der erst im Studium später zu durchlaufenden Tanzausbildung waren. Fragen zum angestrebten Studienabschluss waren erhebungsrelevant, weil polyvalente Bachelorstudiengänge Einstiege in vielfältige Berufsfelder garantieren. Damit war für die Erhebungspopulation zu prüfen, ob Studierende im Studiengang Bachelor of Education überhaupt beabsichtigen, einen Lehramtsberuf zu ergreifen. Befragte Studierende an der Pädagogischen Hochschule gaben zu 100% einen Lehramtsberufswunsch an. Sportstudierende an der Universität erwägen kaum einen anderen als den gymnasialen Studiengang, während Sportstudierende der Pädagogischen Hochschule zu einem geringen Prozentanteil einen anderen als am Studienort üblichen Lehramtswunsch äußern. Von allen 334 Befragten konnte nur eine Kandidatin (Sportstudentin an der Universität) ihren Berufswunsch nicht spezifizieren und gab an, keine Lehrerin werden zu wollen.

Ergebnisse zu inhaltsbezogenen Daten

Bewegungskünstlerische produktive Aktivitäten Sportlehramtsstudierender
Wie stellen sich künstlerische Aktivitäten von Sportlehramtsstudierenden dar?

Sportlehramtsstudierende wurden nach ihrem obligatorisch zu wählenden zweiten Studienfach gefragt. Nur 2% der Sportstudierenden und kein Sportstudierender von der Universität gaben an, ein weiteres künstlerisches Fach zu studieren. Um weitere Hinweise auf Vorerfahrung mit (bewegungs-)künstlerischen Inhalten zu erhalten, wurden die Sportstudierenden nach der Sportart befragt, die sie intensiv aktiv betreiben. Neun Sportstudierende an der Pädagogischen Hochschule (6,5%) und nur ein Studierender an der Universität (3%) haben eine Sportart genannt, die dem künstlerisch-ästhetischen Bereich zugeordnet werden kann. Während die einzige in einem künstlerischen Bewegungsfeld aktive Universitätsstudentin den Rollkunstlauf benennt, wurden auf Seiten der Pädagogischen Hochschule acht Nennungen, ebenfalls von Frauen, angezeigt. Der einzige männliche Kunstsportler hat angegeben, dass er Breakdance ausübt. Die Bewegungskünstlerinnen betätigen sich mit sechs Nennungen als Tänzerinnen, als Akrobatin und als Rollkunstläuferin.

Die überwiegende Mehrheit der Befragten priorisiert die Sportspiele. Gut ein Drittel der weiblichen und etwa zwei Drittel der männlichen Befragten sind in Ballsportarten aktiv. Erwartungsgemäß ist ein großer Einfluss der Art der sportlichen Betätigung auf das aktive künstlerische Verhalten der Studierenden anzumerken. Sieben von Zehn (70%) Kunstsportler*innen betätigen sich öfter als einmal im Monat künstlerisch, während sich nur 17% der Sportspieler*innen und 25% der Individualsportler*innen öfter als einmal im Monat künstlerischen Aktivitäten verschreiben.

Für die untersuchte Population kann formuliert werden:

>> Im Sportlehramtsstudium treffen Studierende mit größtenteils Ballspiel- und Individualsporterfahrung zusätzlich zu ihren alltäglichen sportiven Betätigungsfeldern auf den für Sie ungewohnten, aber ausbildungs- und bildungsplanobligaten, künstlerischen Bereich Tanzen, Gestalten, Darstellen.

Aus den Antworten der Studien-Teilnehmer*innen kann erschlossen werden, dass Bewegungsproduktion, als Formen intendierter Selbstbewegung, und Bewegungsrezeption, als Beobachten Anderer beim Bewegen, klar voneinander abgegrenzt wurden. Um die Intensität des Bewegungsengagements näher bestimmen zu können und loses Interesse von andauernder Aktivität abzugrenzen, wurden mehrere Items herangezogen. Es kann ein großes aktives Engagement von Sportlehramtsstudierenden in ihrer Sportart vorausgesetzt werden, denn die Mehrheit der Befragten ist drei bis fünf Mal pro Woche sportartenspezifisch aktiv. Die allermeisten Sportlehramtsstudierenden gehen ihrer sportlichen Betätigung regelmäßig nach. Damit kann angenommen werden, dass die Aktivitäten institutionalisiert stattfinden. Das zeitvertreibende Tanzen, etwa in Clubs, welches in manchen Fällen expressive Tendenzen aufweisen kann, aber unter sonstige Freizeitaktivitäten ohne künstlerischen Wert einsortiert werden müsste, spielt in den Antwortqualitäten der Sportstudierenden keine Rolle. Kurzfristige, fluktuationsanfällige Dauer des aktiven Interesses an der Sportart kann ausgeschlossen werden, denn die befragte Klientel übt ihre Bewegungsbetätigung seit vielen Jahren aus. Die meisten Aktivitäten weisen auf einen Beginn bereits im Kindesalter hin.

Die Art der sportlichen Betätigung beeinflusst das produktive künstlerische Verhalten dahingehend, dass die mehrheitlich weiblichen Sportstudentinnen, die auf die Frage nach ihrer Sportart ein ästhetisches Bewegungsfeld angaben, auch in ihren künstlerisch-produktiven Interessen Bewegungsaktivität zeigen. Je umfänglicher sich Sportlehramtsstudierende ihrem Sport widmen, umso geringer ist ihre künstlerische Aktivitätsquote.

>> Die Daten zur erhobenen Stichprobe zeigen, dass während Sportlehramtsstudierende ihren Bewegungsinteressen regelmäßig, fluktuationsresistent, andauernd, mehrmals pro Woche nachgehen, begegnen sie künstlerischen Bewegungsfeldern erfahrungs- und erwartungslos.

Bewegungskünstlerische rezeptive Aktivitäten Sportlehramtsstudierender

Sportstudierende besuchen deutlich seltener Sportveranstaltungen, als sie selbst ihren Sport ausüben. Etwas mehr als die Hälfte der befragten Sportstudierenden besuchen dennoch regelmäßig ein bis mehrmals im Monat Sportveranstaltungen. Da darauf hingewiesen wurde, hochschulische und Fernseh-/Internetaktivitäten auszuschließen, liegen diesen Nennungen Life-Events, etwa Besuche als Zuschauer*innen bei einem Fußballspiel, zugrunde. Sportstudierende, die rezeptiv mindestens einmal im halben Jahr oder öfter als Zuschauer*innen an einer Sportveranstaltung teilnehmen, sollten überdies die Art ihrer Beteiligung charakterisieren. Nur fünf von 172 Sportlehramtsstudierenden, ausschließlich weiblichen Geschlechts, besuchen Veranstaltungen, die weitestgehend künstlerischen Bewegungsfeldern zuzuordnen sind. Es wurden Hip-Hop-Meisterschaften, Cheerleading, Turnwettkämpfe und Turngalas angegeben. Es zeigt sich eine insgesamt nur sehr geringe Partizipationsquote für Kunstrezeptionen. Einflüsse von der Art der sportlichen Betätigung auf Kunst rezipierende Aktivitäten sind nicht erkennbar. Mit 12% sind die befragten Individualsportlerinnen noch am aktivsten und werden dicht gefolgt von Kunstsportler*innen (10%), dann folgen die Sportspieler*innen (8%).

>> Besuche von bewegungskünstlerischen Veranstaltungen im engeren Sinne finden bei der erhobenen Stichprobe nicht statt. Es ist nur eine zahlenmäßig unerhebliche Anzahl auffällig, die zudem keinem spezifizierten Verständnis von künstlerischen Bewegungsfeldern entspricht.

Künstlerische produktive Aktivitäten Sportlehramtsstudierender im Vergleich mit anderen Studierenden
Wie stellen sich künstlerische Aktivitäten von Sportlehramtsstudierenden im Verhältnis zu Studierenden anderer Fachrichtungen dar?

Nur etwa 20% der hier befragten Sportstudierenden gab an, sich öfter als einmal im Monat künstlerisch zu betätigen. Circa die Hälfte ist eher nie künstlerisch produktiv, die andere Hälfte beschäftigt sich mehrheitlich mit Musik. In absteigender Rangfolge rangieren dahinter bewegungskünstlerische Aktivitäten, die bei etwa 10% der befragten Studierenden der Pädagogischen Hochschule, mit der Ausnahme eines Hip-Hoppers, weiblich besetzt und von Tanz dominiert sind. Zwei Artistinnen komplettieren das bewegungskünstlerische Feld. Drei Befragte Sportstudierende an der Universität benennen die Bewegungskunst als aktives Betätigungsfeld. Cheerleading und Tanzen werden von Studentinnen und die Jonglage von einem männlichen Teilnehmer angeführt. Das Schlusslicht stellen Aktivitäten in Bildender Kunst und Sprach- und Schriftkunst dar.

>> Die gewonnene Datenlage bescheinigt Sportlehramtsstudierenden eine sehr geringe Aufmerksamkeit gegenüber künstlerisch produktiver Teilhabe, insbesondere, mit Ausnahme einiger weniger weiblicher Studentinnen, im Hinblick auf Bewegungskunst.

Nach Christian Kerst, der untersuchte, auf welchen Feldern und wie intensiv Studierende künstlerisch aktiv sind, wirkt der Übergang zur Hochschule für künstlerische Aktivitäten eher begrenzend; ein Viertel der Studierenden gibt ihre künstlerischen Interessen auf, insbesondere, wenn diese nicht in Verbindung mit der Studienwahl stehen. Nur wenige Studierende beginnen damit erst während ihres Studiums (2013:181). Da Sportstudierende ein sportlich hohes Produktionskontingent bestätigen und die in ihrer Kindheit und Jugend bereits angelegten sportiven Freizeitinteressen zudem im Sportstudium weiterführen, kann davon ausgegangen werden, dass weitere nichtsportive künstlerische Interessen allein aus Zeitmangelgründen ausgesetzt oder aufgegeben werden. Auch kann es am Selbstverständnis Sportstudierender liegen, bei engagierter Sportteilhabe nicht nur keine Zeit, sondern auch kein Interesse an künstlerischer Betätigung zu haben. Im Mittelmaß betätigen sich die Sportlehramtsstudierenden mit gering zu bewertender Streubreite (SD = 0,8) drei bis fünf Mal pro Woche aktiv in ihrer Sportart. Auch zeigen die Vergleiche der arithmetischen Mittel (Fünferskala von 1 = öfter als einmal im Monat bis 5 = eher nie) zum einen, dass Lehramtsstudierende mit Fach Sport weniger künstlerisch aktiv sind (M = 3,42; SD = 1,67) als die erhobene Gesamtpopulation (M = 2,82; SD = 1,7) und zum anderen, dass die künstlerische Produktion insgesamt keine entscheidende Rolle bei der Wahl von Freizeitbeschäftigungen spielt.

Um eine differenziertere Bewertung der künstlerischen Aktivitäten vornehmen zu können und generelle Teilhabe qualitativ besser bemessen zu können, wurde regelmäßiges von sporadischem Engagement isoliert, und es wurden zu den Beschäftigungszeiten mit produktiver und rezeptiver Teilhabe Angaben zur Ausdehnung des Engagements in Jahren erbeten. Die Zeitdauer, seit wann sich Studierende mit künstlerischen Aktivitäten auseinandersetzen, prägt künstlerische Prädispositionen mit, weshalb diese als erhebungsbedeutsam gelten. Aus der abstrahierten Antwortqualität ergibt sich ein erwartungsgemäß deutlich geringeres Engagement von Sportstudierenden für die künstlerische als für die sportliche Betätigung: Knapp 60% der befragten Sportstudierenden sind nur einmal im Jahr oder nie künstlerisch aktiv. Die künstlerisch aktiven Sportlehramtsstudierenden gehen ihrer Aktivität überwiegend einmal in der Woche (Universität) oder sogar nur einmal im Monat (Pädagogische Hochschule) nach. Künstlerische Aktivitäten der Sportstudierenden an der Pädagogischen Hochschule finden zwar eher sporadisch, doch schon seit mehreren Jahren statt, während Universitäts-Sportstudierende regelmäßig und ebenfalls seit mehreren Jahren ihrer künstlerischen Aktivität nachgehen.

Studierende, die im zulassungsbeschränkten Erweiterungsstudiengang Theaterpädagogik studieren, sind zu 90% öfter als einmal im Monat künstlerisch aktiv. Neben musikalischen (ca. 30%) verfolgen sie in ihrer Freizeit auch sprach- und schriftkünstlerische Interessen (ca. 20%). Die überwiegende Mehrheit ist regelmäßig aktiv und die Hälfte geht der aktiven Betätigung seit über 10 Jahren nach.

Lehramtsstudierende, die das Mittelmaß repräsentieren, sind zu knapp einem Drittel eher nie oder nur 1x im Jahr kunstaktiv, nur etwas mehr als 20% betätigen sich einmal im Monat künstlerisch. Die große Mehrheit der Teilnehmer*innen bestätigt ein zwar regelmäßiges, aber fluktuationsanfälliges künstlerisches Interesse.

>> Die produktive Kunstteilhabe Sportstudierender liegt weit unter dem Maß von Theaterpädagogikstudierenden und unter dem Maß der erhobenen Studierenden im Primarlehramt und Lehramt für Sonderschulen, die Sport nicht als Fach studieren und als Mittelmaß erfasst wurden.

Künstlerische rezeptive Aktivitäten Sportlehramtsstudierender im Vergleich mit anderen Studierenden

Werden die Teilnehmer*innen nach ihren rezipierenden Gewohnheiten gefragt, also danach, ob Sie regelmäßig künstlerische Veranstaltungen besuchen, so sieht es auf den ersten Blick so aus, als ob hier eine größere Teilhabe gelingt, denn nur etwa 10% der Sportstudierenden geben an, solche Veranstaltungen eher nie zu besuchen. Schaut man sich die Teilhabeoptionen näher an, dann ist allerdings auffällig, dass sich die Mehrheit der Kulturrezipient*innen für Kino oder zeitgenössisch-populäre Musik interessiert. Den Besuch einer bewegungskünstlerischen Veranstaltung haben nur drei Sportlehramtsstudierende erwähnt. Alle Nennungen, von zwei Frauen und einem Mann, wurden als Musicalbesuche spezifiziert.

Theaterpädagogik-Studierende rezipieren künstlerische Veranstaltungen erwartungsgemäß reger, benennen den Besuch von sprachkünstlerischen Veranstaltungen auf dem ersten Rangplatz und verweisen mehrheitlich auf das Schauspiel im Theater. Andere Studierende benennen häufiger Stand-Up-Comedy und Poetry-Slam-Veranstaltungen. Diese als Mittelmaß erfassten Lehramtsstudierenden zählen das Kino zu ihren priorisierten künstlerischen Besuchen. Ob es sich hierbei um Filmkunst im engeren Sinne oder um Unterhaltungskino handelt, konnte im Rahmen dieser Befragung nicht ermittelt werden.

Im Durschnitt besuchen Sportlehramtsstudierende mit einer leicht auffälligen Streubreite (SD=1,27) öfter als einmal im Monat Sportveranstaltungen. Beim künstlerischen Verhalten bildet der Vergleich arithmetischer Mittelwerte (Fünferskala von 1 = öfter als einmal im Monat bis 5 = eher nie) zum einen ab, dass Lehramtsstudierende mit Fach Sport nur leicht weniger künstlerische Ereignisse rezipieren (M = 2,94; SD = 1,14) als die erhobene Gesamtpopulation (M = 2,63; SD = 1,9) und zum anderen, dass die künstlerische Produktion insgesamt sich einer nahezu durchschnittlichen Beliebtheit bei der Auswahl von Freizeitbeschäftigungen erfreut.

Heute gelten für die kulturelle Teilhabe omnivore Tendenzen, ohne eindeutige sozioökonomische Zuschreibungen, so dass nicht mehr der Status alleine, sondern die Teilhabenachfrage das mitcharakterisiert, was unter künstlerischen Ereignissen zu verstehen ist. Eine an kulturellen Veranstaltungen teilhabende Gesellschaft bestimmt deren Regeln und Kriterien mit; kulturelle Phänomene unterliegen dem sozialen Wandel. Um Veränderungen aufzuspüren, bedarf es jedoch eines (antiquierten) Begriffes, an dem Abweichungen auszumachen sind. Sogenannte hochkulturelle Aktivitäten, nach Robert A. Peterson (1997) mit highbrow cultural activities gekennzeichnet, sind industriesoziologisch über öffentliche Institutionen (Theater, Schauspiel, Oper, Ballett, Tanz im Theater, Museen, Galerien) und organisationssoziologisch über Kunst-, Literatur- Medien- oder Musikverbände charakterisiert. Es war beabsichtigt, dass die Teilnehmer*innen an der Befragung diejenigen Aktivitäten aufführen, die ihrer persönlichen Einschätzung nach als künstlerisch gelten, um Anzeichen für Generationsspezifika und Veränderungen kultureller Gewohnheiten mit zu erfassen. Die Ergebnisse zeigen, dass bei der Benennung kultureller Aktivitäten heutige Studierende sich eine großzügige Auslegung einräumen.

>> Die rezeptiven künstlerischen Teilhabemuster von Sportlehramtsstudierenden verweisen im Vergleich mit anderen Lehramtsstudierenden auf eine zwar durchschnittliche, aber hinsichtlich Betätigungsdauer, -intensität und -umfang geringe Ausprägung. Bewegungskünstlerische Aktivitäten spielen hierbei keine signifikante Rolle.

Künstlerische produktive und rezeptive Aktivitäten insgesamt
Wie haben sich künstlerische Produktions- und Rezeptionsereignisse von Lehramtsstudierenden gewandelt?

Aus seiner Analyse resümiert Kerst, dass der Anteil an überwiegend informell-künstlerisch aktiven Studierenden mit zwei Dritteln erstaunlich hoch ist (2013:192). Hier ermittelte Ergebnisse lassen differenziertere Rückschlüsse zu. Zwischen künstlerischer Produktion und Rezeption ist ein Unterschied zu bemerken, denn 42% der Befragten geben zu, eher nie künstlerisch produktiv zu sein, jedoch geben nur knapp 21% an, eher nie Kunst zu rezipieren. Studierende besuchen häufiger Kunstveranstaltungen, als sie selber künstlerisch produktiv sind. Frauen wird eine größere künstlerische Teilhabe nachgesagt, auch variiert die Aktivitätsquote nicht nur nach Geschlecht, sondern nach Kerst auch mit den Fachrichtungen, kaum aber mit dem Abschluss oder der Studienphase (2013:181). Hier vorliegende Daten bestätigen, dass Studentinnen sich signifikant häufiger künstlerisch aktiv betätigen, aber nur minimal häufiger künstlerische Veranstaltungen besuchen. Während über die Hälfte aller befragten Frauen (57%) die Häufigkeit ihrer produktiv-künstlerischen Betätigungen mit einmal im Monat und öfter beschreiben, sind Männer inaktiver (40%). Nur 34% der Frauen geben an, künstlerisch eher nie aktiv zu sein (Männer 54%). Frauen bestätigen zu 52% ihre rezeptiv-künstlerische Betätigungen mit einmal im Monat und öfter. Auch hier sind Männer inaktiver (41%). Frauen interessieren sich deutlich weniger (13%) eher nie für künstlerische Veranstaltungen als Männer (35%).

Hinsichtlich des Studiengangs zeigen sich Studierende im Lehramt für Sonderschulen künstlerisch aktiver als Studierende anderer Lehrämter. Künstlerische Veranstaltungen werden dagegen von Sonderpädagogikstudierenden nur minimal öfter besucht. Produktion und Rezeption verhalten sich beidseitig proportional und so gehen hohe künstlerische Produktionsaktivitäten auch mit hoher Rezeption einher. Umgekehrt ist festzustellen, dass je mehr die Befragten künstlerische Veranstaltungen besuchen, sie sich umso mehr auch selber künstlerisch betätigen (Korrelation nach Pearson; beidseitig signifikant, r = ,247).

Die vielgestaltige Benennung künstlerischer Aktivitäten durch die Studienteilnehmer*innen ist ein Indiz dafür, dass sich künstlerische Produktion und Rezeption von Lehramtsstudierenden verändert haben. Auch wenn Clusterverfahren zum Erfassen künstlerischer Qualitäten heute eher unüblich sind, kann damit dennoch die Richtung beschrieben werden, in die sich solche Veränderungen vollziehen.

Grafik 2 Hafner

Die Zahl der künstlerisch Teilhabenden reduziert sich deutlich, schließt man die unter non-highbrow aufgeführten Aktivitäten aus. Dann betätigen sich nur noch 36% (gegenüber 58%) aller Fragebogenteilnehmer*innen produktiv-künstlerisch und nur knapp 20% (gegenüber etwa 80%) rezeptiv-künstlerisch. Diesbezügliche geschlechtsspezifische Unterschiede ergeben ein deutliches Übergewicht der Frauen, die sich zu 39% und Männer zu 29% produktiv betätigen. Legt man ein tradiertes Kunstverständnis zu Grunde, besuchen 24% der Frauen solche Veranstaltungen, gegenüber nur 8,5% der Männer. Dies bedeutet, dass sich Frauen insbesondere in Bezug auf Veranstaltungsbesuche weniger weit von einer, wenn auch strittigen, Hochkultur weg und hin zu Alltags-, Massen- und/oder Populärmustern bewegen als Männer.

Auch kann weiter spezifiziert werden, was unter solchen kulturellen Veränderungen zu verstehen ist. Es deuten sich zwei Tendenzen an:

>> Von der Exklusivität (formalisierte Elitebildung) zur Inklusivität (informeller Zeitvertreib)

Typische, traditionsbezogene Kunst wird nur noch selten produziert und rezipiert. Ein Instrument oder Theater spielen und Gesangsunterricht nehmen sind Raritäten künstlerischen Ausdrucks. Zeitgemäßer expandieren ausschließlich informelle Betätigungen, wie in einer Band spielen oder singen, offene Theatertreffs, Gedichte oder kreativ schreiben, Musik produzieren, an Rap-Battles teilnehmen, Karten oder Kalender basteln, Handarbeit machen und Comics oder Bilder zeichnen und malen. Unter bewegungskünstlerischen Betätigungen verstehen die wenigen, meist weiblichen, Teilnehmer*innen nach wie vor den Tanz, der von zeitgeistigeren Formen wie Cheerleading, Aerobic und Zirkuskünste ergänzt wird.

Der Besuch von klassischen Konzerten, des Theaters oder des Museums wird durch den Besuch von Kino, Stand-Up-Comedy, Poetry Slam, Pop-/Rock-/Elektro-/Hip-Hop-Konzerte und populäre Musikfestivals abgelöst. Tanztheater- oder Ballettbesuche finden so gut wie nie statt und werden durch gelegentliche Nennungen von Musicalbesuchen und Besuchen im Zirkus erweitert.

>> Von spezifischen (profunde Beständigkeit) zu diversifizierten (omnivore Fluktuation) Aktivitäten

Trotz ausdrücklicher Aufforderung, sich auf eine Darstellungs- oder Veranstaltungsart zu beschränken, ließen sich über die Hälfte der Teilnehmer*innen, insbesondere bei der Benennung ihrer rezeptiven Aktivitäten, nicht von Mehrfachantworten abhalten. Das kann als Indiz gewertet werden, dass sich heutige Studierende nicht mehr vertiefend auf eine einzige spezifische Form künstlerischen Verhaltens festlegen. Die mit Abstand häufigste Nennung war der Kinobesuch (47%). Neben dem Benennen von auffallend unterschiedlichen Genres, wurden traditionelle Angebote eher im Anschluss an diejenigen Aktivitäten genannt, die einer populären Unterhaltungsbranche zuzuschreiben sind. Es entsteht damit der Eindruck, dass klassische Muster nachgeschoben wurden, um kulturellen Erwartungen zu entsprechen.

Zusammenfassung der Ergebnisse zum Tanz als Vermittler künstlerischer Aufträge im Sportunterricht

Das freizeitliche Verhalten der erhobenen Studierenden in Sportlehramtsstudiengängen an einer Pädagogischen Hochschule und einer Universität ist von sportiven Interessen dominiert, denen sie regelmäßig, fluktuationsresistent und mehrmals pro Woche nachgehen. Die Studierenden weisen umfangreiche sportive traditionsbezogene Bewegungserfahrung auf und treffen unvorbereitet auf den für sie ungewohnten, aber ausbildungs- und bildungsplanobligaten Tanz. Ihre Aufmerksamkeit gegenüber künstlerisch produktiver und rezeptiver Teilhabe ist im Hinblick auf Bewegungskunst sehr gering. Die Art der sportlichen Betätigung beeinflusst das produktive künstlerische Verhalten dahingehend, dass die wenigen, meist weiblichen Sportstudentinnen, die auf die Frage nach ihrer Sportartidentität ein ästhetisches Bewegungsfeld angaben, auch künstlerisch produktiver, insbesondere bewegungsaktiver sind. Ein entsprechender Einfluss auch auf die künstlerisch-rezeptive Teilhabe konnte nicht nachgewiesen werden. Tendenzen zur Veränderung bewegungskünstlerischer Interessen sind weniger deutlich ausgeprägt, als Veränderungen, die sich bei anderen nicht-bewegungsbezogenen Interessen zeigen. Die wenigen Teilnehmer*innen, die angeben, sich aktiv bewegungskünstlerisch zu betätigen, geben mehrheitlich den Tanz als Sparte produktiver Betätigung an, während unter rezeptiven künstlerischen Interessen dem Tanz im Theater kaum Beachtung geschenkt wird.

Die gewonnene Datenlage bescheinigt Sportlehramtsstudierenden eine insgesamt sehr geringe Aufmerksamkeit gegenüber künstlerisch produktiver wie rezeptiver Teilhabe. Diese Aktivitäten liegen weit unter dem Maß von Theaterpädagogikstudierenden und noch unter dem Maß derjenigen Lehramtsstudierenden anderer Studiengänge. Sportlehramtsstudierende besuchen kaum künstlerische Veranstaltungen im engeren Sinne, weder bewegungsbezogen, noch in anderen künstlerischen Kontexten, und bescheinigen im Vergleich mit anderen Lehramtsstudierenden dem Künstlerischen nur eine sehr geringe Ausprägung.

Die Ergebnisse lassen die Annahme zu, dass die Sportlehrerausbildung bei der Beförderung Kultureller Bildung auf größtenteils künstleridentitätslose Voraussetzungen trifft. Sehr vereinzelt sind Potenziale für die Tanzvermittlung bereits aus außerhochschulischen Betätigungen in kulturell ausdifferenzierter, individueller und spezifischer Form angeeignet, vereinzelt ist eine Neigung zur Aneignung ersichtlich, so dass Lücken mit passenden Ausbildungsstrukturen gefüllt werden könnten.

Die identitätsbezogenen personellen Ergebnisse beziehen sich auf eine erhobene Stichprobe an nur zwei hochschulischen Sportlehrerbildungseinrichtungen. Es kann allerdings eine Unabhängigkeit der Datenlage vom Studienort angenommen werden, weil die Entscheidung, ein Sportlehramtsstudium aufzunehmen in der Regel von Erwartungen an eine bewegungskünstlerische Ausbildung und vom Ausmaß der im Studium verankerten Tanzausbildung unbeeinflusst sind. Die Berufswahl wird viel wahrscheinlicher von der Priorität der sportiven vor den bewegungskünstlerischen (Vermittlungs-)Interessen dominiert.

Ausblick

Aus der personellen Prädisposition ist zu erwarten, dass für die allermeisten der befragten angehenden Sportlehrkräfte die auf sie zukommende Herausforderung bei der Sicherung und Ausweitung von kultureller Bildung durch Tanz im Sportunterricht zu groß sind. Damit Schüler*innen mit Tanz etwas anders, besser und genauer erzählen können, bedarf es an Lehrkräften mit Tanzvermögen, Fertigkeit, Ausdrucksqualität und einer authentischen Tanzhaltung zu auszudrückenden Gegenständen und Gefühlen. Schüler*innen für und durch Tanz zu begeistern, wird deshalb Lehrkräften mit tanzkünstlerischen Erfahrungen und Voraussetzungen besser gelingen als traditionell ausgebildeten Sportlehrkräften.

Um dem zu begegnen, sind in der Sportlehrerausbildung Lehrveranstaltungen, deren Umfang je nach hochschulischem Standort beziehungsweise Lehramtsstudiengang differiert, mit dem Ziel verankert, Tanzpotentiale für den späteren Lehrberuf wirksam zu initiieren. Einer tanzpädagogischen Qualifizierung, wie diese die Tanzdidaktik empfiehlt (siehe: Claudia Fleischle-Braun/Martina Kessel „Ein Leitbild für das Berufsbild der Tanzpädagogik?“), kann die hochschulische Sportlehrerbildung bei weitem nicht hinreichend nachkommen. Ein geringer Stellenwert von Tanz im Sportlehramtsstudium bleibt nicht ohne Konsequenzen für die Kulturelle Bildung durch Tanz in der Schule. „In der tatsächlichen Unterrichtspraxis findet Tanz nur selten statt. Dies mag an der mangelnden Ausbildung der Lehrkräfte liegen (oft sind es nur 2 Wochenstunden über ein Semester im gesamten Studium) oder auch an den anspruchsvollen Aufgaben, einen besonders sensiblen, da körpernahen Handlungsbereich anzubieten (…)“ (Klinge 2018:1). Mit einer empirischen Antwort auf die Fragestellung, welche tanzkünstlerischen Qualitätsmerkmale aus der Sicht Sportstudierender durch eine gängige Tanzintervention angebahnt werden können, beschäftigt sich ein bevorstehender, zweiter Schritt der Forschungsarbeit.

Zusätzlich zu geeigneten Personen braucht es auch ein geeignetes Umfeld für eine möglichst weitreichende Strahlkraft von Tanz. So bleibt die unbequeme Forschungsaufgabe nicht aus, schlechte Umstände aufzudecken und etablierte Gewohnheiten zu hinterfragen und zu verlassen. In einem dritten Schritt sollen Einblicke in Strukturen der sportunterrichtlichen Tanzpraxis an Schulen in Form qualitativer Analysen intensiviert werden. Julia Hapke (2018) und Peter Neumann (2018) beziehen sich in ihren empirischen Studien voneinander unabhängig auf den Mehrperspektivischen Sportunterricht, der die Grundlage von Sport-Bildungsplänen aller Länder bildet, und bemerken eine Marginalisierung der oftmals durch Tanzunterricht vermittelten pädagogischen Perspektive sich körperlich ausdrücken und Bewegungen Gestalten durch Sportlehrkräfte. Dieses Ergebnis soll differenzierter nachgeprüft werden.

Weitere strukturelle Forschungsfragen ergeben sich aus Differenzen zwischen tanzpädagogischen Ansprüchen an ein Vermitteln im Künstlerischen Tanz (siehe: Claudia Fleischle-Braun/Martina KesselEin Leitbild für das Berufsbild der Tanzpädagogik?), schulischen Bildungsplananforderungen zum Inhaltsfeld Tanzen, Gestalten, Darstellen und Ausbildungscurricula verschiedener Hochschulstandorte zum Tanz in der Sportlehrerbildung.

Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit sollen schlussfolgernd in realisierbare Bildungsprozesse für Tanzunterricht an Schulen überführt und studienrelevant für die Lehrerbildung impliziert werden.
Bleibt die Tanzvermittlung Aufgabe des Sportunterrichts, müssten die Studiendeputate in der Sportlehrer*innenbildung zugunsten der Tanzvermittlung hochgesetzt werden. Weitere Ansatzpunkte sollten den alten Wunsch nach einem eigenen Schulfach für Tanz in der Schule und der damit zusammenhängenden Konzeptualisierung eines grundständigen, zugangsbeschränkten Studiengangs Tanz an Schulen oder Kulturelle Bildung mit Wahloption Tanz berücksichtigen. Einer angemessenen Ausbildung zu Tanzvermittler*innen an Schulen wird zurzeit weder die hochschulische Sportlehrerbildung in ausreichendem Maße gerecht, noch sorgen weder kultusministerielle noch hochschulische Strukturen für gute Voraussetzungen, das kulturelle Bildungspotential von Tanz schulisch gelingend einzusetzen.

Verwendete Literatur

  • Engemann, Tina (2007): „Bildung in Bewegung“. Über das Wesen von Tanz und dessen bildungskulturelle Bedeutung. Göttingen: Cuvillier (Dissertation).
  • Ermert, Karl (2009): Was ist kulturelle Bildung? In: Dossier kulturelle Bildung der Bundeszentrale für politische Bildung.
  • Fleischle-Braun, Claudia/Kessel, Martina (2019): Ein Leitbild für das Berufsbild der Tanzpädagogik? In: kubi-Online. Wissenstransfer für Kulturelle Bildung: https://www.kubi-online.de/artikel/leitbild-berufsfeld-tanzpaedagogik (letzter Zugriff am 04.02.2019).
  • Hapke, Julia (2018): Pädagogische Perspektiven im Handeln von Sportlehrenden – eine zentrale fachdidaktische Idee zwischen Anspruch und Wirklichkeit. In: Zeitschrift für sportpädagogische Forschung. 6 (1), 29-48.
  • Kerst, Christian (2013): Kulturelle und künstlerische Aktivitäten Studierende. Ergebnisse einer Studierendenbefragung. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 16 (3), 181-198.
  • Klinge, Antje (2018): Tanz in der Schule. Internetportal „Deutscher Kulturrat“: https://www.kulturrat.de/themen/kulturelle-bildung/kulturelle-bildung-schule/tanz-in-der-schule/ (letzter Zugriff am 13.02.2019).
  • Neumann, Peter (2018): Mehrperspektivischer Sportunterricht: ein Phantom der Schulsportpraxis. In: sportunterricht 67 (7), 290-295.
  • Peterson, Robert A. (1997): The Rise and Fall of Highbrow Snobbery as a Status Marker. In: Poetics 25, 75-92.
  • Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (1. Auflage). Berlin: Suhrkamp.
  • Steinberg, Claudia/Konowalczyk, Svenja/Pürgstaller, Esther/Hardt, Yvonne/Neuber, Nils/Stern, Martin (2018): Facetten Kultureller Bildung im Medium „Tanz und Bewegungstheater“ – Eine empirische Studie. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/facetten-kultureller-bildung-medium-tanz-bewegungstheater-empirische-studie (letzter Zugriff am 18.10.2018).

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Sabine Hafner (2019): Empirische Studie zur (tanz)künstlerischen Produktion und Rezeption von angehenden (Sport)Lehrkräften. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/empirische-studie-zur-tanzkuenstlerischen-produktion-rezeption-angehenden-sportlehrkraeften
(letzter Zugriff am 23.06.2019)

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