Digital Citizenship und Bildung

Artikel-Metadaten

von Petra Missomelius

Erscheinungsjahr: 2025/2024

Peer Reviewed

Abstract

Der Beitrag thematisiert Digital Citizenship im Rahmen von Europas Digitaler Dekade 2030 zur Vermittlung digitaler Kompetenzen. Als wissenschaftliches Mitglied des Advisory Boards der Digitalen Kompetenzoffensive begleitet die Autorin den Entwicklungsprozess. Vor dem Hintergrund der theoretischen und bildungspolitischen Ver­ständnisse von (Digital) Citizenship wird der Stand der österreichischen Strategie ,Digitale Kompetenzoffen­sive‘ in Österreich als eine Form der Umsetzung der Europaratsbeschlüsse skizziert. Unter Bezugnahme auf das Positionspapier der Initiative ,Bildung und digitaler Kapitalis­mus‘ werden Möglichkeiten und Probleme dieser Umsetzung des Konzepts Digital Citi­zenship als bildungspolitische Strategie diskutiert. 

Hinweis: Dies ist eine Zweitveröffentlichung des Beitrags aus dem Sammelband Bildung und digitaler Kapitalismus, herausgegeben von Valentin Dander, Nina Grünberger, Horst Niesyto und Horst Pohlmann im kopaed-Verlag, München 2024. Kubi-online dankt der Autorin für diesen Beitrag und freut sich, diesen gelungenen Text über das Dossier „Kulturelle Bildung und digitaler Kapitalismus“ (2025) der Wissensplattform Kulturelle Bildung Online breit teilen zu können.

1.    Bildung und Bürger im Zeitalter der Digitalität

Die im März 2021 vom Rat der EU vorgestellte Digitale Dekade 2030 folgt der Metapher eines Kompasses. Als eine der vier Kompassdimensionen (Infrastrukturen, öffentlicher Dienst, Unternehmen und Kompetenzen) visiert man mit der Ausrichtung auf Skills insbesondere den Umstand an, dass Alltag, Beruf und Ökonomie digital durchdrungen sind und leitet daraus einen zu bewältigenden Kompetenzerwerb von Bürgerinnen und Bürgern ab, um als Digital Citizens an diesem Wandel teilzuhaben. Die EU möchte, dass bis 2030 mindestens 80 % der Bevölkerung Europas über darin festgelegte grundlegende digitale Kompetenzen verfügen.

Dabei genießt Digital Citizenship Education (DCE) hohe Priorität, besonders hinsichtlich der Gewährleistung aktiver Partizipation in demokratischen Gesellschaften. (Anm.: Die deutschsprachigen Übersetzungen ‚Digitale Bürgerschaftserziehung‘ oder ‚Digitale Staatsbürgerschaftsbildung‘ haben sich bislang nicht durchsetzen können, ‚Netzpolitische Bildung‘ entspricht nicht unbedingt der Breite des Feldes. Daher wird im Folgenden der englischsprachige Ausdruck verwendet.) Fertigkeiten, Fähigkeiten, kritisches Verstehen und Medienwissen der Medienbildung soll hierbei auch, so das 2019 verfasste und 2022 neu aufgelegte ‚Digital Citizenship Education Handbook‘ (Council of Europe 2022), zur Stärkung von Werten und Haltungen beitragen (siehe hierzu Abb. 1). 

Abb. 1: “The 20 competences for democratic culture”. Council of Europe 2022, S. 12.  © Council of Europe.
Abb. 1: “The 20 competences for democratic culture”. Council of Europe 2022, S. 12.© Council of Europe. 

2025 wurde als Jahr der DCE ausgerufen und die für das kommende Jahr geplanten Aktivitäten beinhalten Bildungsprojekte, welche sich überwiegend an die Jugend richten. Dabei stehen unter dem Titel „The transformative power of education: universal values and civic renewal” die Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz im Vordergrund. Darüber hinaus soll DCE europaweit in formalen und nicht formalen Bildungskontexten verankert werden und menschenrechtskonforme Teilhabe von Digital Citizens gewährleisten.  

2.    Citizenship, Digital Citizenship und Digital Citizenship Education 

Citizenship als Bildungsthema weckt zunächst Assoziationen wie Staatsbürgerschaftskunde, Einbürgerungsverfahren und beinhaltet in der Tat Rechte und Pflichten von Bürgern, hat aber ebenso einen Fokus auf aktiver Partizipation an gesellschaftlichen Prozessen. Die Themen dieses Bereichs wurden in den letzten Jahrzehnten immer stärker ausgeweitet und fassen heute auch Fragen der Diversität, der Ungleichheit, der Menschenrechte, des fairen Konsums, des Klimawandels und des Umgangs mit Mobbing und Hass online. 

In England ist Citizenship Education seit 2001 explizit Teil des Lehrplans für 11- bis 16-jährige Schülerinnen und Schüler staatlicher Schulen. Das Fach beinhaltet die drei großen Themenfelder Gesetze, Finanzen und politisches System. In Frankreich würde dies der Education Civique, Juridique et Sociale (ECJS) entsprechen. In Österreich und Deutschland gibt es kein vergleichbares Fach. Dies mag unter anderem an der – auch historisch begründeten – Kritik liegen, dass staatliche Schule Regierungsnähe und damit die Gefahr einer Engführung impliziert, wohingegen eine kritische Konzeption zur Erreichung von Partizipation und Solidarität notwendig sei. Inhalte werden somit teilweise in verschiedenen Fächern wie Sozial- und Gesellschaftskunde oder Geografie und Wirtschaftskunde aufgegriffen.

Während die Beschäftigung mit Digital Citizenship sich lange Zeit durch Fragen der Ermöglichung, Zugangsschwierigkeiten (digital divide) und Gefahren gesell­schaftlicher Partizipation mittels Internettechnologie auszeichnete (etwa Mossberger, Tolbert & McNeal 2008), hat sich dieses Konzept in den letzten Jahren stark verändert. Die Pandemie hat weltweit ein neues Verständnis von Digital Citizenship befördert (Bignami et al. 2023). Der Ausbruch von COVID-19 hat die Bedeutung digitaler Medien für den Lebensalltag von Bürgerinnen und Bürgern deutlich verstärkt. Sie wurden genutzt, um über Maßnahmen zu informieren, Kontakte zu minimieren und Verbreitungsmuster vorherzusagen.  Citizenship wurde in dieser Zeit deutlich geprägt durch das Eindringen von Datafizierung, Plattform-Elementen und -Dynami­ken wie etwa durch die Verwendung von Corona-Warn-Apps zur Detektion von Kontaktpersonen als Teil nationalstaatlicher Pandemieregulierungsbemühun­gen (Bignami et al. 2023, S. 145). Damit sind die Themen Datenextraktivismus und algorithmische Überwachung (Zuboff 2019) in Verbindung mit dem Digital Citizenship offenkundig geworden. Digitaltech-Giganten des Überwachungskapitalismus haben bereits viele Funktionen übernommen, die früher mit staatlich waren, – ein Beispiel ist die Kartierung von Territorien – indem sie diese neu skaliert haben. Diese Neuskalierung wiederum scheint Staatsbürgerschaft von einem konkreten Territorium los zu lösen. Digitale Praktiken technopolitischer Demokratien bringen somit einen Bedarf hervor, deren Potenziale und Herausforderungen zu untersuchen. Alex Örtegren weist in seinem Beitrag zu Digital Citizenship in der Lehramtsausbildung ebenfalls nachdrücklich auf das Politische von Technologien hin und macht auf die Gefahr der Ausblendung sozio-technologischer Aspekte aufmerksam, weshalb DCE konsequent auch Infrastruktur, Datenverfügbarkeit und Governance thematisieren müsse (Örtegren 2024).

Als Digital Citizen ist man mit biometrischen Technologien und algorithmischen Identitätsformen für die Staatsbürgerschaft (elektronische Ausweise) konfrontiert, hat aber auch Ansprüche auf digitale Rechte wie etwa des Datenschutzes als Reaktion auf Extraktivismus. Damit ergibt sich eine neue, nicht nur physische, sondern auch digitale bzw. algorithmische Verletzlichkeit der Digital Citizen, die sich etwa durch Zugangseinschränkungen bemerkbar macht (Dumbrava 2017). Örtegren gibt daher zu bedenken, dass Digital Citizenship Education Entwicklungsoffenheit, Plastizität und Zeitlichkeit konzeptionell berücksichtigen muss, um diesen technologischen Dynamiken zu entsprechen (Örtegren 2024, S. 4279f.).  

3.    Österreichs Digitale Kompetenzoffensive

Auf dem Digital Skills Summit im Juni 2023, einer Art Gipfeltreffen des Digital Citizenships, hat Österreich die Digitale Kompetenzoffensive als Teil des Aktionsplans Digital Austria vorgestellt, mit der sich der EU-Mitgliedsstaat aktiv in die Digitale Dekade 2030 einbringt. Mit der operativen Umsetzung dieser Vorhaben und der Abwicklung der geplanten Projekte beauftragt ist die OeAD GmbH als Agentur für Internationalisierung und Bildung. 

„Unter Digital Citizenship versteht man gesellschaftliche Teilhabe über digitale Medien. Dahinter steht die Annahme, dass der Begriff des Digital Citizen gleichzeitig Medienkompetenzen als auch Handlungsräume beschreibt, die für Datenaktivismus von Interesse sind.“ (Neuschäfer 2021, S. 111) Eine solche datenaktivistische Zielbeschreibung liegt dem Regierungsprogramm nicht zugrunde. Im Rahmen der Kompetenzoffensive als Teil von Digital Austria geht es wiederum um mehr Wirtschaftswachstum, weniger Verwaltungskosten, Wohlstand, Krisensicherheit und Lebensqualität für Jede und Jeden – das klingt immer noch stark wie das Vokabular des angeschlagenen Turbokapitalismus’ und die Rolle von Bürgerinnen und Bürgern darin. Man kann nicht ernsthaft erwarten, dass diese Ziele allein durch verstärkte Digitalisierungsaktivitäten erreicht würden.

Als Mindestgrundlage für den allgemeinen Kompetenzerwerb bezüglich Digitalität wird das Vorhandensein von Fähigkeiten angenommen, die im europäischen Kompetenzmodell DigComp festgelegt sind, das immer wieder überarbeitet und aktualisiert wird (Anm.: In diesem Jahr finden die nationalen Konsultationsprozesse statt, 2025 soll das überarbeitete DigComp EU-Modell sowie das erweiterte DigComp AT-Kompetenzmodell publiziert werden.). Als Teil des österreichischen Referenzrahmens wurden diese im Kompetenzmodell DigComp 2.3 AT mit 6 Kompetenzbereichen und 27 Kompetenzen weiterentwickelt (Nárosy et al. 2022). 

Im österreichischen Kompetenzmodell DigComp 2.3 AT, an dem alle weiteren Aktivitäten ausgerichtet werden, wurde gegenüber der europäischen Variante eine Basisebene 0 neu eingezogen, welche dem Umstand Rechnung zollt, dass sich digitaler Wandel nicht in technischem Verständnis und Anwendungswissen erschöpft. Diese Ebene thematisiert Grundlagen, Zugang und digitales Verständnis. Hierdurch wird eine grundsätzliche Reflexionsebene eingezogen, was insgesamt sehr zu begrüßen ist. Inwiefern diese genutzt wird, wird in der Zukunft zu beobachten sein.

Um nun zu erfassen, wie diese Strategien die Gesamtheit der Bürgerinnen und Bürger Österreichs erreicht, wurden sogenannte Stakeholderdialoge mit 500 Vertreterinnen und Vertretern von Seniorenbund, Volkshochschulen, Arbeiterkammer und vielen anderen mehr geführt. Denn alle Menschen in der Breite ansprechen zu wollen, bedeutet, sich mit deren Interessen, Motivationen, evtl. auch begründeter Digitalabstinenz auseinanderzusetzen.

Ein großes Aktionsfeld bildet der Bildungsbereich mit dem Schulfach Digitale Grundbildung als Teil des Gesamtkonzepts ebenso wie frühkindliche und Volksschul-Angebote sowie weiterführende Bildungssektoren wie berufliche Aus- und Weiterbildung und Studium.

In Zusammenarbeit von Bund und Ländern werden fit4internet und landesweit existierende Digitalkompetenzvermittlungen in der Initiative Digital Skills for All vernetzt, verstärkt Trainerinnen und Trainer sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ausgebildet, so dass in allen österreichischen Gemeinden entsprechende Vermittlungsangebote vorgehalten werden. Darüber hinaus soll es auch niederschwellige aufsuchende Angebote geben. Jede in Österreich lebende Person soll ein Anrecht auf eine bestimmte Anzahl an Angeboten haben. Hier spielt auch die Sichtbarkeit lokal aktiver zum Teil sehr kleiner medienpädagogischer Angebote eine Rolle, die noch auszubauen und besser zu akzentuieren ist. Die Pilotphase der Initiative Digital Skills for All wurde evaluiert und in einem Endbericht vom April 2024 zusammengefasst (Bergmann, Enengl & Hosner 2024). Demnach fokussieren die bisherigen Angebote in erster Linie Jugendliche und Eltern, gefolgt von Seniorinnen und Senioren. Abbildung 2 verdeutlicht die regionale Clusterung der Angebote und deren Fokus auf städtische Regionen. 

Abb. 2: Verteilung der Workshops* nach Themenschwerpunkten**/Zielgruppen auf die unterschiedlichen Gemeinden Österreich (mit Ausnahme von Wien). © Bergmann et al. 2024, S. 14.
Abb. 2: Verteilung der Workshops* nach Themenschwerpunkten**/Zielgruppen auf die unterschiedlichen Gemeinden Österreich (mit Ausnahme von Wien). © Bergmann et al. 2024, S. 14. 

Die Mehrheit der bisher Teilnehmenden sind weiblich und haben Deutsch als Erstsprache. Bei Eltern haben überwiegend Mütter an der Veranstaltung teilgenommen. Dies verdeutlicht, dass hier noch einige Bemühungen und eine Verstärkung der Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen notwendig ist, um die anvisierte Breite an Bürgerinnen und Bürgern zu erreichen. Gerade ältere nicht-deutschsprachige Zielgruppen sowie Personen mit niedrigem Bildungshintergrund konnten bislang nicht von diesen Angeboten profitieren. Weiterer Handlungsbedarf ist deutlich zu erkennen. 

Es ist vorgesehen, lebensbegleitend den individuellen Fortschritt der Aneignung von DigComp-Kompetenzen, Computational Thinking und 21st Century Skills (OECD) zu erfassen, wobei auch das Schulfach Digitale Grundbildung einen Teil derselben abdecken soll. Hier sind Parallelen zum Erwerb von Fremdsprachenniveaus angedacht, die in der Bildungsbiografie weitere Möglichkeiten eröffnen. Skills und Kompetenzen werden, sofern Mess- und Prüfbarkeit im Vordergrund stehen, nicht an persönlichkeitsfördernde Bildung heranreichen. Insofern sind Kompetenzmodelle und Skills reduzierend.

Des Weiteren geht es um Berufsbilder im Wandel. Hier spielt der Bedarf der Wirtschaft eine große Rolle. Es ist die Rede von IT-Berufen, bei denen noch niemand wirklich weiß, was diese konkret auszeichnet. Denn dies geht definitiv über Berufe im engen Feld der Informatik, der Technikservicierung, -entwicklung und der Programmierung hinaus. Die Auswirkung der Digitalisierung auf Berufsgruppen allgemein harrt einer sorgfältigen Untersuchung, die sich wiederum auf Ausbildungswege niederschlägt. Es bleibt zu vermuten, dass sich Berufe der Zukunft neben dem Verständnis von Funktionsweisen und algorithmischen Prozessen nicht in technischen Fähigkeiten erschöpfen werden, sondern vielmehr Transferaufgaben beinhalten werden – sei es zwischen Nutzenden und Entwickelnden, sei es in der Bedürfniserhebung und diesbezüglicher Umsetzung, sei es in der Berücksichtigung vielfältiger Zugänge, zwischen Fachspezifik und digitalen Tools oder Digitalitätsagentinnen und -agenten, die Digitalabstinenten E-Governmentzugänge in Behörden gewährleisten – und viel Kreativität im Umgang mit permanentem Wandel, Coaching sowie Beratung. Ein weiterer Aspekt, der besonders hinsichtlich Citizenship und der immer wieder vorgebrachten Forderung nach mehr Frauen in diesen Berufen eine Rolle spielt, ist die notwendige Berücksichtigung von Arbeiten und Aufgaben gesellschaftlicher Sorge und Versorgung, welche nicht unbedingt zum Wirtschaftswachstum beitragen. Arbeitsbedingungen sollten sich diesen besser anpassen statt zu erwarten, dass Menschen sich an die Arbeitsmarkterfordernisse anpassen. 

4.    Reflexion und Kritikpunkte

An dieser Stelle sollen noch zwei Alternativen oder Erweiterungen zum Digital Citizenship genannt werden. Grundsätzlich ist in Frage zu stellen, ob zwingend Digitalität und technologischer Fortschritt Dreh- und Angelpunkt einer zukünftigen Bildung sein muss (siehe hierzu auch den Beitrag von Theo Hug zu Futures Literacy in dem Sammelband Bildung und digitaler Kapitalismus). Diese Frage bedarf weitergehender Überlegungen an anderer Stelle. 

Angesichts aktueller Entwicklungen schlagen Wessel Reijers, Liav Orgad und Primavera De Filippi (2023) den Terminus ‚Cybernetic Citizenship‘ vor. Die Kybernetisierung macht er an der Normativität des Digitalen fest, das in dem chinesischen Sozialkreditsystem kulminiert. Citizens leben in einem Konglomerat loser kybernetischer soziotechnischer Systeme, die keiner besonderen politischen Ideologie zuzuordnen ist. Cybernetic Citizenship kann ebenso in neoliberal ausgerichteten sowie in kommunistischen Staaten zur Anwendung kommen. Zentral ist, dass die Datafizierung einen quasi metaphysischen Stellenwert in der jeweiligen Gesellschaft erhält.

In einem Beitrag zur Post-Corona und Post-Brexit-Veränderung des Verständnisses von Digital Citizenship in Nordirland machen Igor Calzada und John Bustard (2023) den Vorschlag, vielmehr nationalstaatliche Identitätsgrenzen überschreitendes ‚Algorithmic Citizenship‘ in Erwägung zu ziehen. Calzada und Bustard stellen anhand des Beispiels Nordirland ein Modell doppelter Staatsbürgerschaft und Querverbindungen zwischen supranationalen Bereichen der EU, Regionen und Ländern vor. Dieses biete wiederum digitale Möglichkeitshorizonte für die Vernetzung von Interessengruppen, könne kritisches Bewusstsein mit digitalem Aktivismus verbinden und ermögliche damit experimentelle Formen demokratische Beteiligung eine Verflüssigung nationalstaatlicher Citizenships durch Dialog und Konzeptbeteiligung (ebd, S. 286). 

Zurückblickend stellt sich die Frage, ob hinsichtlich des Umgangs mit digitalem Wandel die Operabilität und Effizienz der Bildungsverwaltung prioritär gegenüber der Notwendigkeit von Ambiguitätstoleranz und Ambivalenzkompetenz sein sollte, welche ganz besonders hinsichtlich zivilgesellschaftlicher Aushandlungs- und Partizipationsprozesse im 21. Jahrhundert hoch relevant sind. Diese Zeiten sind geprägt von Überforderung, einer Sehnsucht nach Bequemlichkeit und der Neigung zu polarisierenden Vereinfachungen. Gerade darum bedarf es der Fähigkeit Sachverhalte und Probleme multiperspektivisch betrachten und Mehrdeutigkeit, Widersprüche sowie Unentscheidbarkeit aushalten zu können. Es bleibt zu beobachten, ob die im DCE-Handbuch (Council of Europe 2022, S. 12) genannte Ambiguitätstoleranz ihren Weg in die Bildungsinstitutionen finden wird.

Digital Citizenship sollte sich nicht auf die Digitalisierung von Bürokratie zurückziehen. Auch hier ist ein Neudenken von Beteiligungsformen angeraten. Grundsätzlich darf E-Government nicht alternativlos sein, da man Gefahr läuft, hierdurch Menschen auszuschließen und zu benachteiligen. Positionen von technologiefernen/-kritischen Menschen müssen ernst genommen werden. Das würde eine Auseinandersetzung mit technischen Dystopien, mit non-profit-Anwendungen und mit sozialen, gemeinschaftsfördernden, ästhetischen, haptischen, kreativen sowie sensorischen Ansprüchen dieser sehr dispersen Zielgruppe bedeuten. Das Verständnis von Technologie muss hierzu erweitert werden. Skeptikerinnen und Skeptikern sollten alternative Möglichkeiten offenstehen.

Wird gesellschaftlicher Wandel mit Technologisierung und Digitalisierung gleichgesetzt, läuft man Gefahr dem Techno-Solutionismus (Morozov 2014) zu erliegen. Daher müssen technische Mythen, Utopien und Dystopien analysiert und als solche benannt werden, statt ununterbrochen Neuerungen als „Revolution“, „Dammbruch“ u. a. zu feiern. Insofern unter der Zukunftsfähigkeit Aspekte der Marktpositionierung Österreichs verstanden werden, es im Großen und Ganzen darum geht, mit der internationalen Konkurrenz mithalten zu können, und die aktuelle Digitaltechnologieentwicklung ausschließlich mit der technologiepositivistischen Brille als Chance betrachtet wird, läuft die Digitale Kompetenzoffensive Gefahr systemstabilisierend auf ein politisches Steuerungsinstrument reduziert zu werden, auf Grenzen der Akzeptanz zu stoßen und wertvolle, vielleicht im ersten Moment irritierende Alternativen im Rahmen des digitalen Wandels aus dem Blick zu verlieren. Denn gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, die Stärkung von Gemeinwohlorientierung und Ermöglichung von Ermächtigungen bislang vernachlässigter und marginalisierter Interessen sind bisher Leerstellen – vermutlich politisch nicht gern gesehen – und werden es bleiben, wenn die Ambiguitäten und Ambivalenzen des digitalen Wandels selbst keinen Raum finden. Das Positionspapier der Initiative Bildung und digitaler Kapitalismus fordert eine Vision zum Umgang mit dem Planeten Erde, kulturellen Gütern und menschlicher Arbeitskraft. Vielfach erweist sich ‚die Digitalisierung‘ als Verstärker für Krisendynamiken und für sozio-ökonomische Ungleichheiten. Gleichzeitig ermöglichen digitale Technologien die Organisation zivilgesellschaftlicher Kräfte (vgl. das Positionspapier im vorliegenden Band sowie unter Initiative Bildung und digitaler Kapitalismus, S. 3).

Diese Zukunftsperspektiven und Gesellschaftsebenen bleiben die staatlichen Initiativen schuldig. Es bleibt aktiv zu beobachten, wie ernst die folgenden Formulierungen im Digitalen Aktionsplan Austria gemeint sind und realisiert werden: „Die Vision eines lebenswerten, demokratischen, digitalen Österreichs 2050 ohne Kontrollstaat und Monopolunternehmen. Deshalb basiert der Digitale Aktionsplan Austria mit seinem Zukunftsbild einer ,Digitalen Verantwortungsgesellschaft’ sicher auf der richtigen Werte-Basis.“ Es sollten sich nicht die gleichen Fehler wie in der Umsetzung des Schulfachs Digitale Grundbildung wiederholen, die zuletzt in einem Profil-Artikel vom 5. Juni 2023 dargelegt wurden (Winter 2023). Kritik und Reflexion gesellschaftlicher sowie individueller, soziokultureller, politischer und struktureller Konsequenzen des digitalen Wandels muss ebenso selbstverständlich sein, wie bislang Knowhow zur Bedienung von Geräten und digitalen Services verhandelt wurde. Erst dann werden wir einen ergebnisoffenen und kreativen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess darüber führen können, wie wir als Gesellschaft die digitale Zukunft gestalten wollen.

Bereits in Kapitel 3 wurde die Leerstelle Datenaktivismus benannt. Medien- und technologiebezogene Forschung muss Technopolitik weiter herausfordern z. B. durch transdisziplinäre Forschung zu digitalen Rechten und Privatsphäre, zu Möglichkeiten grenzüberschreitender zivilgesellschaftlicher Datenkooperationen, zum Recht auf algorithmische Transparenz, zu Datensouveränität und Datenspenden und schließlich zur Umsetzung einer breiten gesellschaftlichen Teilhabe an Entscheidungsprozessen über technologische Zukünfte. Insofern kann man nur von einem sich eröffnenden weiten interdisziplinären Feld sprechen und hoffen, dass auch staatliche Digitalisierungsstrategien diese wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigen und sich aktiv mit verändernden Regimen und Mustern des Digital Citizenship auseinander zu setzen.

Verwendete Literatur

  • Bergmann, Nadja/Enengl, Flavia/Hosner, Daniela (2024). Evaluierung der Pilotphase der „Digital Skills for All“-Initiative. Endbericht April 2024. L&R Sozialforschung. https://www.lrsocialresearch.at/news/endbericht-evaluierung-der-digital-skills-for-all-initiative/
  • Bignami, Filippo/Calzada, Igor/Hanakata, Naomi/Tomasello, Frederico (2023). Data-Driven Citizenship Regimes in Contemporary Urban Scenarios: An Introduction. In: Citizenship Studies, S. 145–159, , 2/27. DOI: 10.1080/13621025.2022.2147262
  • Calzada, Igor/Bustard, John R. T. (2023). The dilemmas around digital citizenship in a post-Brexit and post-pandemic Northern Ireland: towards an algorithmic nation? In: Citizenship Studies 2023, S. 271-292, 2/27. DOI: 10.1080/13621025.2022.2026565
  • Council of Europe (2022). Digital Citizenship Education Handbook. Being online – wellbeing online – rights online. Strasburg: Council of Europe Publishing. https://rm.coe.int/prems-003222-gbr-2511-handbook-for-schools-16x24-2022-web-bat-1-/1680a67cab
  • Dumbrava, Costica (2017). Citizenship and Technology. In: Shachar, Ayelet/Bauböck, Rainer/Bloemraad, Irene/Vink, Maarten Peter (Hrsg.): The Oxford handbook of citizenship. Oxford: Oxford University Press, S. 767–788.
  • Initiative Bildung und digitaler Kapitalismus (2023). Bildung und digitaler Kapitalismus: Ein Positionspapier. URL: https://bildung-und-digitaler-kapitalismus.de/positionspapier/
  • Missomelius, Petra (2023). Digital Citzenship zwischen Skills und Kompetenzmodellen: Die Digitale Kompetenzoffensive. In: Medienimpulse. Beiträge zur Medienpädagogik, S. 1-10, 2/61. DOI: 10.21243/mi-02-23-20
  • Morozov, Evgeny (2014). To save everything, click here: technology, solutionism and the urge to fix problems that don’t exist. London: Penguin Books.
  • Mossberger, Karen/Tolbert, Caroline J./McNeal, Ramona S. (2008). Digital Citizenship: The Internet, Society, and Participation. Cambridge, MA: MIT Press.
  • Nárosy, Thomas/Schmölz, Alexander/Proinger, Judith/Domany-Funtan, Ulrike (2022). Digitales Kompetenzmodell für Österreich: DigComp 2.3 AT (2022). In: Medienimpulse. Beiträge zur Medienpädagogik, S. 1–103, 4/60. DOI: 10.21243/mi-04-22-23
  • Neuschäfer, Anna-Maria (2021). Datenaktivismus und Digital Citizenship. In: Bachor, Martina/Hug, Theo/Pallaver, Günther (Hrsg.): DataPolitics. Zum Umgang mit Daten im digitalen Zeitalter, Innsbruck: iup, S. 111–120.
  • Örtegren, Alex (2024). Philosophical underpinnings of digital citizenship through a postdigital lens: Implications for teacher educators’ professional digital competence. In: Education and Information Technologies S. 4253–4285, 29/2024. DOI: 10.1007/s10639-023-11965-5
  • Reijers, Wessel/Orgad, Liav/Filippi, Primavera de (2023). The rise of cybernetic citizenship. In: Citizenship Studies, S. 210–229, 2/27. https://doi.org/10.1080/13621025.2022.2077567
  • Winter, Jakob (2023). Kritik an Digitaler Grundbildung: Peinlich für die Republik. In: Profil vom 5. Juni 2023. https://www.profil.at/kritik-an-digitaler-grundbildung-peinlich-fuer-die-republik/402472745
  • Zuboff, Shoshana (2019). The age of surveillance capitalism: The fight for a human future at the new frontier of power. New York: PublicAffairs.

    Auf alle Online-Quellen wurde zuletzt am 11. August 2024 zugegriffen.

Anmerkungen

Die Überlegungen dieses Beitrages knüpfen an einen bereits publizierten Text zur Digitalen Kompetenzoffensive und Digital Citizenship an (vgl. Missomelius 2023). Die Autorin begleitet als wissenschaftliches Mitglied des Advisory Boards der Digitalen Kompetenzoffensive den Entwicklungsprozess.

Dieser Artikel ist eine Zweitveröffentlichung aus dem Sammelband Bildung und digitaler Kapitalismus, herausgegeben von Valentin Dander / Nina Grünberger / Horst Niesyto und Horst Pohlmann im kopaed-Verlag, München 2024. Kubi-online dankt der Autorin für diesen Beitrag und den Herausgeber*innen für die Begleitung dieses Textes und freut sich, ihn über das Dossier „Kulturelle Bildung und digitaler Kapitalismus“ (2025) der Wissensplattform Kulturelle Bildung Online breit teilen zu können.

Zitieren

Gerne dürfen Sie aus diesem Artikel zitieren. Folgende Angaben sind zusammenhängend mit dem Zitat zu nennen:

Petra Missomelius (2025/2024): Digital Citizenship und Bildung. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/digital-citizenship-bildung (letzter Zugriff am 25.11.2025).

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Dieser Artikel wurde dauerhaft referenzier- und zitierbar gesichert unter https://doi.org/10.25529/f3wb-z380.

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