Zukunftsräume öffnen und Qualität strukturell sichern: Wie in Niedersachsen Kulturelle Bildung kooperativ in Schulen gestärkt wird

kubi-online im Gespräch zur Entwicklung und Arbeit der Kontaktstelle Kultur macht Schule

Artikel-Metadaten

von Anja Krüger

Erscheinungsjahr: 2026

Abstract

Mit der Kontaktstelle Kultur macht Schule in Niedersachsen wurde vor 17 Jahren eine Landesfachstelle etabliert, die sich in Zusammenarbeit mit den Landesministerien und den Fachstrukturen Kultureller Bildung für die Entwicklung von Kooperationen, kulturelle Schulentwicklung und kommunale Bildungsvernetzung engagierte. Das Gespräch zeichnet wichtige strukturelle Voraussetzungen nach und setzt diese ins Verhältnis zu bildungs- und kulturpolitischen Entwicklungen in Niedersachsen. Reflektiert werden neben der Aufbauphase und den damit verbundenen Herausforderungen insbesondere die Bedeutung des Aufeinanderzubewegens unterschiedlicher Systeme und Denkweisen – einerseits der schulischen Seite und anderseits der außerschulischen Träger Kultureller Bildung. Für diese Begegnungsprozesse hat die Landesfachstelle beispielsweise Qualifizierungsangebote, Beratung und Handreichungen geschaffen. Neben erfolgreichen Entwicklungen werden durch die ehemalige Leiterin der Landesfachstelle auch Spannungsfelder und Grenzen der Wirksamkeit sichtbar gemacht – beispielsweise vor dem Hintergrund der aktuellen Haushaltssituation oder der Einführung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsförderung im Grundschulalter.

Das Interview ist Teil des kubi-online Dossiers „Kulturelle Bildung und Schule“, das Forschungs- und Praxisperspektiven umfasst. Mit diesem Interview wird dieses Dossier um eine Perspektive der politischen, verbandlichen und strukturellen Arbeit ergänzt.

Die Kontaktstelle Kultur macht Schule Niedersachsen, angesiedelt bei der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Niedersachsen e. V. (LKJ), wurde 2008 eingerichtet. Gefördert wird sie vom niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur – vom Referat für Kulturelle Bildung und Transformation. Neben dem vorherigen Koordinationsbüro Kultur macht Schule ist die LKJ Niedersachsen als Landeskoordination Kultur im Förderprogramm SCHULE:KULTUR! aktiv und bietet mit der Servicestelle Kultur macht stark ein umfassendes Beratungsangebot für die niedersächsischen Akteure der Kulturellen Bildung zum gleichnamigen Bundesförderprogramm. All diese Aktivitäten haben zum Ziel, durch die Vernetzung und Zusammenarbeit der Akteure (aus Kultur, Schule, Jugend, Sozialraum) mehr Kulturelle Bildung für alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft zu ermöglichen. 

Das fördernde Kulturministerium hat den Bedarf anerkannt und stattete ab 2017 das Themenfeld Kultur und Schule mit mehr Förderung aus. Damit war es der LKJ Niedersachen möglich, die Kontaktstelle Kultur macht Schule ins Leben zu rufen. Über diese Struktur wurde es möglich, sich stärker zu vernetzen und Synergien positiv zu nutzen. Die Kontaktstelle Kultur macht Schule setzt sich dafür ein, dass jedes Kind aktiv an Kunst und Kultur teilhaben kann.

Nähere Informationen: www.lkjnds.de

Grundlagen für den Aufbau der Kontaktstelle

kubi-online-Redaktion: Auf welchen Zielen und Grundlagen basierte der Aufbau der Fachstelle für Kulturelle Bildung und Schule in Niedersachsen?

Anja Krüger: Eine zentrale Grundlage ist, Unterstützung für Kooperation und Vernetzung für Kulturelle Bildung zu schaffen. Wir wussten, dass es im Land Niedersachsen bereits viele Kooperationen gab, nur wussten wir vor nunmehr fast 20 Jahren nicht, wer mit wem an welcher Stelle kooperiert. Zweite Grundlage bildet für uns Qualitätssicherung und Weiterentwicklung. Zu Beginn des Jahrtausends gab es ein „Kessel Buntes“ – vielfältige und langjährige Modelle Kultureller Bildung, die sehr personenbezogen und -abhängig waren. Daher haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, durch Fortbildungen, Fachtage oder Informationen und Beratung eine Struktur und Qualitätskriterien zu entwickeln.

Eine wichtige konzeptionelle Grundlage für uns ist der ganzheitliche Bildungsansatz (Braun/Schorn 2013/2012). D. h. es geht um mehr als um ein Lernen in der Schule: Wenn wir in der Kulturellen Bildung in Kooperationen unterwegs sind, ist dies nur durch einen guten Zusammenschluss von informeller, non-formaler und formaler Bildung möglich. Der Kulturellen Bildung immanent ist aus unserer Perspektive die Persönlichkeitsentwicklung; dieser Aspekt ist eine weitere grundlegende Überzeugung und Perspektive – Kulturelle Bildung fordert durch Teamwork mit anderen und durch Kreativität die soziale und emotionale Intelligenz heraus. Der Hauptantrieb aber war und ist die Förderung von Teilhabe- und Bildungsgerechtigkeit. Wir wollen jene erreichen, die sonst keine Zugänge zu Kultureller Bildung und damit keine Möglichkeit oder Interesse haben, beispielsweise an „Jugend musiziert“ teilzunehmen, aber trotzdem ein musikalisches Interesse zeigen oder eine Leidenschaft für Theater oder ein Zirkustalent.

kubi-online-Redaktion: Und welche rechtlichen und politischen Grundlagen gab es für den Aufbau eurer Kontaktstelle? Wie war das Ausgangsgefüge in Niedersachsen?

Anja Krüger: Wir haben immer etwas neidisch nach NRW geschaut, weil es dort eine verbindliche Verankerung gab, dass Schule mit außerschulischen Partnern kooperieren muss. Das gab es in Niedersachsen niemals. Wir haben 2008 mit dem Koordinationsbüro Kultur macht Schule – in einem personellen Umfang einer halben Referent*innenstelle – angefangen, gefördert vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur und eben nicht durch das Jugend- oder Sozialministerium. Nach und nach begann sich auch die schulische Seite, also das Kultusministerium, für dieses Themenfeld Kooperationen – besonders im Ganztag – zu interessieren. Das bedeutete viel Aufbauarbeit für uns, z. B. beide Seiten mit ihren Akteuren an einen Tisch zu bekommen und beispielsweise das Ministerium für Wissenschaft und Kultur zu überzeugen, auch in Kooperationen mit Schule zu investieren. Das haben sie gar nicht als ihren Auftrag betrachtet. Umgekehrt vertrat das Kultusministerium die Position, dass sie Schule und Bildung fördern – Kultur lag nicht in ihrer Zuständigkeit, entsprechend sahen sie sich auch nicht in Verantwortung für Kulturelle Bildung jenseits der künstlerischen Schulfächer. Dieser Prozess, den Bedarf zu erkennen und anzuerkennen, hat lange gedauert und viel Lobbyarbeit erfordert. Wir haben dabei stets unser Potenzial und unsere Fachlichkeit präsentiert – als unmittelbar wirksame Faktoren für junge Menschen.

Lobbyarbeit hieß zu diesem Zeitpunkt, die Notwendigkeit von Kultureller Bildung in der Ganztagsschule zu betonen, die Bedeutung außerschulischer Partner und natürlich die der Kulturellen Bildung an und für sich. Über unsere Beharrlichkeit und Good Practice Erfahrungen haben wir daher zusehends auch in Schulen Anerkennung erhalten. Wir konnten dabei nutzen, dass Niedersachsen sehr weit entwickelt ist, was die kulturellen Bildungspartner angeht: Unsere LKJ-Mitglieder sind seit Jahr und Tag aktiv unterwegs, auch im ländlichen Raum, und konnten in diesem Prozess ihre Arbeit und Qualität zeigen.

kubi-online-Redaktion: Wie ging es strukturell weiter?

Anja Krüger: Als wir in Niedersachsen die genannten Grundlagen geschaffen und bereits mehrere Jahre die Kooperationslandschaft entwickelt hatten, haben wir im Jahr 2013 ein Konzept geschrieben, das der Frage nachging, wie eine nachhaltige Kooperationslandschaft in Niedersachsen zwischen außerschulischen Partnern der Kulturellen Bildung und Schule aussehen könnte.

Gleichzeitig haben das Ministerium für Wissenschaft und Kultur und das Kultusministerium ein eigenes Förderkonzept gemeinsam mit der Stiftung Mercator und deren bundesweiten Programm Kreativpotentiale entwickelt. Ziel war in diesem Programmkontext die Entwicklung eines kulturellen Schulprofils. Das war nicht hundertprozentig unser Fokus, weil wir uns eher für Jugendliche und ihre Lebenswelten zuständig fühlen, um Zugang zu Kultureller Bildung zu ermöglichen. Unser Interesse war es also gar nicht so sehr, Schule zu entwickeln. Wir haben uns diesem Thema aber gestellt, weil es für uns eine Möglichkeit war mitzugestalten und eine tragende Rolle einzunehmen und weiter um Anerkennung für Kulturelle Bildung zu ringen. Für diese Ziele wurden gemeinsame Instrumente geschaffen: Bei Kreativpotentiale in Niedersachsen gab es eine Steuerungsgruppe, in der beide Ministerien vertreten waren – gemeinsam mit der Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel als Weiterbildungsträger und uns als Träger für kulturelle Kinder und Jugendbildung konnten wir uns innerhalb des Rahmens des Förderprogramms bewegen. Mit diesem Bündnis wurde es möglich, im Land Niedersachsen nun Kooperationen gezielt zu fördern – durch Qualifizierung, und durch Projektförderung. Gemeinsam entwickelten wir dazu das Programm SCHULE:KULTUR!

kubi-online-Redaktion: Welche Rolle spielten in diesem Zusammenhang Instrumente wie die Rahmenvereinbarungen?

Anja Krüger: Bei uns in Niedersachsen gibt es seit 2004 eine Rahmenvereinbarung zwischen Kultusministerium und LKJ, die keine Verpflichtungen beinhaltet, sondern eher eine Absichtserklärung ist, dass Kooperationen mit Schulen vom Kultusministerium gewünscht werden. Auch wenn es keine Verbindlichkeiten darin gab bzw. gibt, ist es wichtig, dass diese Rahmenvereinbarung immer aktualisiert wurde.

Entwicklungen und Bewegungen durch die Arbeit der Kontaktstelle

kubi-online-Redaktion: Lass uns auf Entwicklungen schauen – was hat sich in den letzten 15 Jahren in dem Themenfeld bewegt?

Anja Krüger: Eine erste zentrale Bewegung war: Beide Seiten sind aufeinander zugegangen. Kulturtätige haben versucht zu verstehen, wie Schule tickt, und umgekehrt. Das haben wir mit unseren Partnern unter anderem in unserem Förderprogramm SCHULE:KULTUR! umgesetzt: Wir haben geschult, wie gute Kooperation funktionieren. Wir haben beiden Seiten ein gegenseitiges Verständnis für die unterschiedlichen Realitäten vermittelt, in denen sie jeweils verortet sind. In der Zusammenarbeit war es ein beidseitiger Lernprozess, sich gegenseitig wahrzunehmen und sich aufeinander einzustellen. Von da aus waren sie gemeinsam in der Lage, Lösungen zu finden. Plötzlich war es möglich, auch Kulturelle Bildung in die Stundentafel zu implementieren, was vorher in niedersächsischen Schulen nicht denkbar war. Jene, die mutig waren und das umgesetzt haben, haben anderen erzählt, wie das geht.

Auch Verwaltung und Politik haben sich bewegt: Sowohl das Ministerium für Wissenschaft und Kultur als auch das Kultusministerium haben in Niedersachsen erkannt, dass es diesen (gemeinsamen) Arbeitsbereich gibt und sie (gemeinsam) verantwortlich sind. Das sind ganz aktuell wichtige Grundlagen, wo doch der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung ab 2026 vor der Tür steht und noch unklar ist, ob sich durch den neuen Ganztagsschulerlass in Niedersachsen tatsächlich etwas qualitativ ändert. Dazu haben wir Gespräche geführt, weil aus unserer Perspektive dies eine Chance ist, Kulturelle Bildung noch mehr an Grundschulen zu binden. Zumindest ist es in Niedersachsen so, dass sich unsere Partner sehr wohl Gedanken darüber machen: Wie können wir Schule so ausgestalten, dass Schüler*innen länger dableiben können? Das Bewusstsein für Kultur und Schule ist nunmehr vorhanden, weil beide Ministerien ressortübergreifend bereits in dem Themenfeld tätig waren und die Kontaktstelle Kultur macht Schule als Träger eingebunden ist. In den Augen der Ministerien ist die LKJ ein zuverlässiger, solider Partner an ihrer Seite. Wir sind anerkannt und als professioneller Qualitätspartner in Kooperation mit beiden Ministerien unterwegs.

kubi-online Redaktion: Was hat das mit den Trägern der Kulturellen Bildung oder dem Feld der Kulturellen Bildung gemacht? Wie haben sich Denkweisen, vielleicht auch Qualitätsperspektiven verändert?

Anja Krüger: Ich finde besonders spannend: Viele Kulturtätigen sprechen nicht von Freizeitgestaltung, sondern sie verstehen sich tatsächlich als Teil der Allgemeinbildung und sie nehmen ihren Auftrag in dieser Richtung wahr. Mit den Schulen haben sie um einen gemeinsamen Bildungsbegriff, ein gemeinsames Bildungsverständnis gerungen, aber auch darum, diese unterschiedlichen Systeme zusammenzubringen und dafür Zeitfenster zu finden. Das war am Anfang in unseren Qualifizierungsmaßnahmen die spannendste Entwicklung überhaupt: Wir brauchten in den Angeboten nicht viel Inhalt hineingeben, sondern die Akteure bzw. Partner brauchten viel Zeit, um sich zu begegnen und sich genau damit – mit ihren Rahmenbedingungen und unterschiedlichen Denksystemen – auseinanderzusetzen. Das zu erkennen, war das Wichtigste in den Qualifizierungen. Wahrzunehmen, dass Kulturmenschen nicht nur jene sind, die Kultur machen, um Spaß zu haben, sondern zu vermitteln, dass sie eine eigene Profession haben. Aus dem Blickwinkel der Kulturtätigen wiederum war es wichtig anzuerkennen, dass Schule so ist, wie sie ist, weil sie bestimmte Rahmenbedingungen hat, und dass manche Menschen in der Schule ganz ähnlich denken wie sie selbst. Diese Aha-Effekte können die Menschen nur in der direkten Begegnung erleben, das funktioniert nicht über abstrakte Strukturen und verregelte Vorgaben.

Den Freigeist der Kreativität in die Schule zu bringen, ist natürlich schwierig, weil sie die Kompetenzorientierung ins Zentrum stellt. Aber häufig saßen in unseren Qualifizierungen und Beratungen Lehrer*innen, die Kulturelle Bildung als Hobby haben und daher ganz ähnlich dachten wie die Kulturtätigen und im Rahmen von Schule nach Lösungen suchten. Da kam nicht der Kulturkritiker von außen und sagte, wie es laufen muss. Sondern sie haben gemeinsam mit Kultur und Schule entwickelt: Was brauchen ihre Schüler*innen konkret?

kubi-online-Redaktion: Wie seid ihr in den Qualifizierungen mit den unterschiedlichen Voraussetzungen umgegangen?

Anja Krüger: Schulen sind eine sehr heterogene Gruppe. In unseren Programmen und Angeboten sind zudem nicht alle Schulen Ganztagsschulen, es gibt die offene, teilgebundene und die vollgebundene Ganztagsschulen, aber eben auch viele Halbtagsschulen. Die einen sind in der Stadt, die anderen auf dem Land. Schnell wurde klar, dass sie unterschiedliche Rahmenbedingungen und Bedarfe hatten, unterschiedliche Kooperationen brauchten und auch unterschiedliche Faktoren neu entwickeln mussten: Manche waren froh, wenn sie überhaupt einmal ein Projekt umsetzen konnten, andere hatten bereits lange Kooperationserfahrungen und haben an ihrem Schulprofil gearbeitet.

Und wo haben wir dann angesetzt? Bei der Qualität! Wir haben nicht nur viel beraten und informiert, sondern wir haben in den ersten Jahren von Kreativpotentiale eine Evaluation durchgeführt und davon ausgehend haben wir ein Evaluationstool mit konkreten Fragestellungen entwickelt, das die Schulen selbst anwenden konnten. Wir haben dafür zunächst unsere Ziele formuliert, unsere Maßnahmen festgehalten und dann Kriterien zur Überprüfung fixiert. Wissenschaftlich unterstützt und begleitet wurde die Erarbeitung vom NLQ, dem Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung. Seitdem haben die Schulen ein Instrument an der Hand, das wir in den ersten drei Jahren gemeinsam genutzt haben und nun selbstständig von den Schulen eingesetzt wird. Gemessen an unseren Zielen waren die Ergebnisse dieses Evaluationsprozesses sehr eindeutig: Die Kooperationen, die stattgefunden haben, haben mit unserer Unterstützung die Ziele durchgehend erreicht.

Wir haben in unseren Qualifizierungen erlebbare Praxis vermittelt, wie Kulturelle Bildung in und mit Schule funktioniert. Wo gehen Physik und Zirkus zusammen oder Chemie und Theater? Wir haben den Lehrer*innen eine Vorstellung davon gegeben, in welcher Form diese Fragen und Potenziale konkret auch ihren Fachbereich betreffen. Dadurch wandelte sich die eigene Haltung der Kulturellen Bildung gegenüber und Trennungen wurden aufgelöst: Die einen machen Kunst, die anderen rechnen. Vielmehr wurde nach Verbindungen gesucht. Kulturelle Bildung kann etwas Abstraktes erlebbar machen: Wenn man im Zirkus eine Pyramide mit Körpern baut und auf der einen Seite zu viel Gewicht ist, dann kippt sie um. Das ist erlebte Physik!

Flächenpotenzial und aktuelle Perspektiven

kubi-online-Redaktion: Wie schätzt ihr eure Flächenwirkung in Bezug auf Kinder und Jugendliche ein? Das Thema Kulturelle Teilhabe war dir eingangs sehr wichtig ...

Anja Krüger: Aus meiner Perspektive ist Kulturelle Bildung in Niedersachsen bei vielen Kindern und Jugendlichen angekommen – bei weitem noch nicht bei allen. Die Zusammenarbeit mit Schulen ist für die Mitgliedsorganisationen der LKJ (oder deren Mitglieder) ein wesentliches Kennzeichen ihrer Arbeit. Aktuell kooperieren ca. 80 % der LKJ-Mitgliedseinrichtungen mit Schulen in unterschiedlichen Konzepten und Zusammenhängen. Fast die Hälfte davon bietet ein kontinuierliches Konzept für Schüler*innen an. Sie erreichen insgesamt jährlich ca. 200.000 Kinder und Jugendliche in niedersächsischen Schulen. (Anmerkung: Die LKJ Niedersachsen hat das Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung GmbH Hannover (ies) beauftragt, eine Evaluation der LKJ Mitgliedsverbände durchzuführen. Der Fragebogen wurde vom ies zusammen mit der LKJ entwickelt. Die Durchführung der Befragung erfolgte durch die LKJ (Versand der Fragebögen, Nachfragen), die anschließende Auswertung und Aufbereitung der Ergebnisse durch das ies.) Kulturelle Bildung erfährt in den letzten 15 Jahren in Niedersachsen permanent Rückenwind. Auch ein Bundesförderprogramm wie zum Beispiel Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung hat dazu beigetragen, dass Kulturelle Bildung stärker im Bewusstsein angekommen ist.

Gleichzeitig muss ich für das Flächenland Niedersachsen sagen: Es gibt noch weiße Flecken. Es ist unsere Aufgabe zu schauen, wo es noch keine Kooperation gibt bzw. die jungen Menschen weder in Kultur macht stark gefördert werden, noch jemals in unserem Förderprogramm SCHULE:KULTUR! gewesen sind. Durch die Landschaftsverbände in Niedersachsen ist die Kulturförderung regional aufgegliedert. Das gibt uns die Chance, im Kontakt mit den Landschaftsverbänden Partner vor Ort zu gewinnen oder Veranstaltungen durchzuführen, die nach Möglichkeiten für Kooperationen und Kulturelle Bildung suchen. Das funktioniert gut, aber um flächendeckend wirksam zu sein, bräuchten wir mehr Personen und Ressourcen, um ins Land zu reisen oder Angebote digital durchzuführen, um Akteure direkt zu erreichen.

kubi-online-Redaktion: Das war bereits ein kleiner Ausblick darauf, wohin es sich vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen entwickeln kann. Ist das Glas nun halb voll oder an welcher Stelle ist es halb leer?

Anja Krüger: Ich bin weiterhin optimistisch, dass sich das Feld weiterentwickeln wird. Zum Glück ermöglicht der neue Ganztagsschulerlass weiterhin die Kooperationen von Kulturtätigen mit Schulen.  Eine hohe Nachforderung von Sozialversicherungsbeiträgen der Deutschen Rentenversicherung vom Kultusministerium vor 20 Jahren, die nunmehr durch das Herrenberg Urteil verschärft wurde, erleichtert die Rahmenbedingungen nicht. Zum Glück hat die Deutsche Rentenversicherung erst mal eine Übergangsregelung §127 SGB IV eingeführt, die aktuell bis 2027 verlängert wurde, damit das Herrenberg Urteil und die dort formulierten  Kriterien für selbständige Tätigkeit noch nicht in Kraft treten werden, sondern nochmal in Verhandlung gegangen wird.

Gerade sitzen wir ein bisschen wie das Kaninchen vor der Schlange, weil wir nicht wissen, wie es sich politisch entwickelt. Wir sind vehement dabei, mit unserem Kulturministerium in Niedersachsen ins Gespräch zu gehen, damit das gesichert wird, was wir (erreicht) haben. Das Credo ist hier: Wenn ihr das erhalten wollt, was ihr in den letzten Jahren geschaffen habt, dann sichert es nicht durch Projektförderung oder befristete Projekte, sondern sichert es so ab, dass es in dieser politisch und gesellschaftlich schwierigen Lage nicht auszuradieren ist.

Mein zentrales Argument ist stets: Wenn wir nicht jetzt in junge Menschen investieren, die ein wertvoller und demokratischer Teil dieser Gesellschaft und unserer Zukunft sind, wann dann? Wir haben eine massive Bildungskrise (El-Mafaafani 2020, El-Mafaafani et al. 2025), die sich z. B. im Fachpersonalmangel zeigt. Dabei müssen wir gerade jene, die jung sind, gezielt fördern und unterstützen, damit sie handeln können, damit sie resilienzfähig werden können, weil sie unsere Zukunft sind.

Die niedersächsische Entwicklung wurde ermöglicht durch die Flankierung des fördernden Ministeriums und durch die bundesweiten politischen, strukturellen und fachlichen Entwicklungen bezüglich Kultureller Bildung. Niedersachsen hatte eine gute Ausgangsposition, weil es bereits eine aktive Kooperationstätigkeit gab, als sowohl der Verband als auch das Ministerium das Thema in den Fokus gerückt haben.

Wenn ich auf die Kulturelle Bildung, auf die Kooperationslandschaft und darauf, was sich entwickelt hat, schaue, bin ich zuversichtlich: Ich habe das Gefühl, es gibt inzwischen viele Selbstverständlichkeiten. Es gibt in Niedersachsen Programme und Strukturen, die sich etabliert haben. Es ist wichtig, dass es bleibt, denn dann können wir das Feld noch weiterentwickeln und Jugendlichen mehr Zugänge zur Kulturellen Bildung ermöglichen.