Wurden die sozialen Milieus in Deutschland geschlossener? Konfliktreicher?

Auszüge und Mitschnitt des Vortrags im Rahmen der kubi-online Jahrestagung am 30.11./1.12.2020 zum Thema „Kultur für alle? Kultur von allen? Milieuübergreifende kulturelle Bildungskonzepte“

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von Stefan Hradil

Erscheinungsjahr: 2021

Abstract

Prof. Hradil skizziert Entwicklungen und Erkenntnisse der sozialwissenschaftlichen Milieuforschung. Im Einzelnen spricht er über die Fragen: Was sind soziale Milieus?  Welche sozialen Milieus gibt es und wozu dient die Milieuforschung? Warum und wie veränderten sich die sozialen Milieus?

Milieus sind nach heutiger Forschung, so Hradil, Gruppenzuschreibungen in Abhängigkeit von Werthaltungen und ähnlichen Prinzipien der Lebensführung. Besonders häufig wird der Milieubegriff dann benutzt, wenn - etwa bei „bildungsfernen Milieus" - auf soziale Vor- oder Nachteile und zugleich auf kulturelle Unterschiede zwischen solchen Gruppierungen aufmerksam gemacht werden soll (vgl. Hradil 2006:3). Postindustrielle Gesellschaften zeichnen sich in Zeiten der Globalisierung und der neuen Informationstechnologien einerseits durch die Universalisierung von Normen (etwa die Stellung von Frauen betreffend), andererseits durch die Pluralisierung von Denk- und Lebensweisen aus. Die Mentalitäten der Menschen gehen weit auseinander. Die Milieuforschung zeichnet diesen (keineswegs konfliktfreien) Pluralismus nach und versucht, Verhaltensdifferenzierungen hieraus zu erklären (ebd).

In seinem Vortrag arbeitet Hradil, verdeutlich anhand eines Schaubilds der Sinus-Milieu-Studien 2020, Unterschiede zwischen verschiedenen Milieus sowie den Zusammenhang zwischen sozialen Schichten und Milieus heraus. Zugleich verweist er aber auch auf die Veränderbarkeit von Mentalitäten innerhalb der Milieus und die fließenden Grenzen der Milieus innerhalb der sozialen Schichtgrenzen (vgl. Sinus-Institut 2021).

Vor dem Hintergrund von Prozessen des gesellschaftlichen Wandels wie wachsender Wohlstandsentwicklung in den Jahrzehnten nach 1945, dem Anwachsen von Verteilungskämpfen und zunehmender Arbeitslosigkeit bis zur Jahrtausendwende, von sozialer Spaltung, Zuwanderung, Digitalisierung und Globalisierung im 21. Jahrhundert, diskutiert Hradil damit einhergehende Veränderungen von Werten und Milieus in den unterschiedlichen Schichten.

Wurden soziale Milieus in den 80er Jahren noch positiv gesehen, galt die Vielfalt von Milieus als anregend und als Zeichen einer wohlhabenden Gesellschaft, in der man sein Leben frei gestalten kann, so stellt er fest, dass Milieus heute längst nicht mehr so einheitlich und positiv wahrgenommen werden wie noch vor einigen Jahrzehnten und deutlich stärker mit Gegensätzen in Verbindung gebracht werden. Nach seiner Analyse der Milieuforschung  „…werden Milieus heute als weitgehend geschlossene Gruppierungen angesehen. Sogar der Eindruck ist verbreitet, dass die gegenseitige Bestärkung in manchen Milieus zur Radikalisierung und zum Glauben an vermeintliche Wahrheiten führt.“ Und die Frage stellt sich entsprechend: Sind Milieus in Deutschland wirklich geschlossener und konfliktträchtiger geworden? Hradils Antwort fällt gemischt aus:

„Sie haben gehört, dass die Kulturen vieler der Besser-Gestellten in Deutschland sich gewandelt haben, dass Werte der individuellen Selbstverwirklichung, der Gleichstellung der Frauen, der Umweltbewegung, des Kosmopolitismus und der Anerkennung fremder Kulturen in den Vordergrund geraten sind. Und diese Werte prägen mittlerweile die meisten der bessergestellten Milieus. In der unteren Mittelschicht und in der Unterschicht ist von diesen Veränderungen viel weniger zu bemerken. Die sozialen Schichten sind also nicht nur im Hinblick auf Einkommen und Berufschancen, sondern auch hinsichtlich der Mentalitäten auseinander gerückt. Und manche der neuen Werte, also ökologische z. B. und ausländerfreundliche, werden auch innerhalb der oberen Schichten und  der oberen Mittelschicht von traditionellen Milieus oder dem konservativ etablierten Milieu eher abgelehnt. Dadurch tuen sich neue Gräben auch  zwischen materiell ähnlich gut gestellten Gruppierungen, also innerhalb von Schichten auf. […]

Besonders beim Wohnen, bei der Heirat oder bezüglich von Schulentscheidungen lassen sich wachsende soziale Schließungen wie auch vermehrt  Konflikte nicht nur unmittelbar zwischen sozialen Milieus, sondern auch zwischen sozialen Schichten und damit mittelbar zwischen sozialen Milieus registrieren. Auch das Internet wird zum Problem, wenn hier bevorzugt die Kommunikation mit Gleichgesinnten gesucht wird und soziale Kontrolle fehlt.  „Damit steigt die Gefahr, dass Milieus entstehen, in denen man nur die eigenen Werte kennt, sich darin gegenseitig bestärkt und einander radikalisiert. Das Internet hat in dieser Hinsicht, die wir hier betrachten, auch handfeste Nachteile.“

Seinen Vortrag abschließend fasst Hradil zusammen:

„Nach meinen Schilderungen könnten Sie den Eindruck gewinnen, dass die Frage danach, ob Milieus geschlossener werden, umstandslos mit Ja zu beantworten wäre. Ich wäre da etwas vorsichtiger. Es gibt auch Gegentendenzen. Es ist Menschen immer weniger anzusehen, welchem Milieu sie zugehörig sind. Viele Statussymbole werden nachweislich zurückhaltender gehandhabt. Gerade in gutgestellten Milieus ist die Bereitschaft groß, auf Zugewanderte und auf Schlechter-Gestellte zuzugehen, beispielsweise in ehrenamtlichen Tätigkeiten, in der Kunst oder in der Politik. Oben in unserer Gesellschaft sind Standesdünkel und Vorurteile ´out`, wenn man das so sagen darf. D. h. nicht, dass es gelegentlich, wenn es ans Eingemachte geht, z.B. an die Schulaussichten der eigenen Kinder, dann doch zu Abgrenzungen kommt  und z.B. der Schulsprengel gewechselt wird. Insgesamt gibt es aber bedeutende Entwicklungen hin zu einer wachsenden Offenheit großer sozialer Milieus. Jedenfalls sind wir von der hermetischen Abgeschlossenheit und geradezu  Feindseligkeit sozialer Milieus der Kaiser- oder der Zwischenkriegszeit weit entfernt.“

 

Als Hintergrundinformationen zu Erkenntnissen der sozialwissenschaftlichen Milieuforschung von Prof. Dr. Stefan Hradil werden nachfolgend Textpassagen aus einem früheren Artikel von ihm wiedergegeben, erstmalig veröffentlicht in „APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte, 44-45/2006". In Gänze ist dieser Beitrag nachzulesen auf der Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).

Soziale Milieus – eine praxisorientierte Forschungsperspektive
(in Auszügen)

Zur Entstehungsgeschichte der Milieuperspektive

Die Entstehung der Milieuperspektive hat eine Tradition, die bis in die französische Aufklärung zurück reicht. Als eigentlicher Begründer des sozialwissenschaftlichen Milieubegriffs gilt Hippolyte Taine (1823 - 1893). Bei ihm findet sich das erste Milieukonzept, das eine Verschmelzung zahlreicher sachlicher und menschlicher, äußerer Wirkungsfaktoren als ursächlich für alltägliche Lebensweisen der Menschen vorsieht. […]

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet der Milieubegriff mit der vollen Durchsetzung der Industriegesellschaft in den Hintergrund. Es wurde mehr und mehr unterstellt, dass vor allem anderen die moderne Erwerbssphäre und die industrielle Arbeitswelt (und damit die Klassen- und Schichtzugehörigkeit) die Lage und das Leben der Menschen prägten. In den sechziger und siebziger Jahren gingen Sozialwissenschaftler davon aus, dass Denken und Verhalten der Menschen von ihrer Klassen- bzw. Schichtzugehörigkeit geprägt seien. So wurde der Milieubegriff von der Nachkriegszeit bis in die siebziger Jahre hinein wenig benutzt.

Im Laufe der achtziger Jahre kamen dann, angestoßen von Praktikern aus Schule, Marketing und Politik, immer mehr Zweifel an dieser Vorstellung auf. Mit Wohlstand, Bildung und sozialer Sicherheit schienen auch die Freiheiten und die Unterschiede der Lebensgestaltung gewachsen zu sein. Das Denken und das Verhalten der Menschen wurden nicht (mehr) so weitgehend als Folge der Schichtzugehörigkeit - und damit der Berufsstellung, der Einkommensstufe und des Bildungsgrads - angesehen wie bisher. Damit schienen auch die gesellschaftlichen Unterschiede im Denken und Verhalten nicht (mehr) vorrangig vertikal gegliedert zu sein. Vor dem Hintergrund dieser Eindrücke kam es zu einem Boom von Milieu- (und Lebensstil)studien. […]

Was sind soziale Milieus?

In der neueren Forschung werden unter "sozialen Milieus" üblicherweise Gruppen Gleichgesinnter verstanden, die jeweils ähnliche Werthaltungen, Prinzipien der Lebensgestaltung, Beziehungen zu Mitmenschen und Mentalitäten aufweisen (vgl. Stefan Hradil 2006:278). Im Kern werden sie also durch "psychologisch tief sitzende" psychische Dispositionen definiert. Diejenigen, die dem gleichen sozialen Milieu angehören, interpretieren und gestalten ihre Umwelt folglich in ähnlicher Weise und unterscheiden sich dadurch von anderen sozialen Milieus. […]

Wie sie auch immer definiert sind: Milieubegriffe weisen Eigenschaften auf, die sie von Schichtbegriffen klar unterscheiden. Milieubegriffe betonen erstens die "subjektive" Seite der Gesellschaft. Sie bezeichnen Gruppierungen gleicher Mentalitäten. Schichtbegriffe konzentrieren sich dagegen auf die "objektiven" Faktoren der Berufsstellung, des Einkommens und des Bildungsabschlusses. Zweitens lässt das Milieukonzept die Entstehung von Mentalitäten bewusst offen. Sie können berufliche, religiöse, regionale, lebensweisebedingte, politische, moralische etc. Ursachen haben. […] Sucht man in der Literatur nach den Unterschieden zwischen dem Milieu- und dem Lebensstilbegriff, so wird man feststellen, dass sich die einschlägigen Definitionen nicht selten überschneiden und dass sie manchmal sogar fast deckungsgleich sind. Dennoch setzt der Milieubegriff andere Schwerpunkte als der Lebensstilbegriff. Hebt Ersterer hauptsächlich auf die relativ "tief" verankerten und vergleichsweise beständigen Werthaltungen und Grundeinstellungen von Menschen ab, bezieht sich der Lebensstilbegriff vor allem auf die äußerlich beobachtbaren Verhaltensroutinen der Menschen.

Die oben angeführte Definition impliziert, dass soziale Milieus nicht einfach gewechselt werden können. Werthaltungen, Grundeinstellungen und diesbezügliche Milieueinbindungen lassen sich gewöhnlich nur im Falle massiver Lebenskrisen und völlig neuer Einflüsse verändern. Dagegen können sich Verhaltensroutinen (wie etwa Mediennutzung, Freizeitbetätigung, Kleidungsstil) und entsprechende Lebensstile schon dann ändern, wenn neue Kontakte geknüpft werden, wenn eine Familie gegründet wird oder wenn Menschen älter werden.

Wieso entstehen soziale Milieus?

Wieso entstehen, bestehen und vergehen soziale Milieus? Mehrere Theorien versuchen, diese Frage zu beantworten. Sie enthalten "Antwortvermutungen". Nur durch empirische Überprüfung lässt sich entscheiden, inwieweit diese zutreffen.

Generell besagen Theorien sozialer Milieus, dass das Denken und Verhalten der Menschen weder ausschließlich von äußeren Daseinsbedingungen abhängt noch völlig in das Belieben der Menschen gestellt ist. Milieutheorien sind weder deterministisch noch intentional. Soziale Milieus werden vielmehr als Gruppierungen handlungsfähiger Menschen gesehen, die in der praktischen Auseinandersetzung mit aktuellen Lebensbedingungen und historischen Hinterlassenschaften bestimmte gemeinsame Mentalitäten entwickeln. Freilich stehen die einzelnen Milieutheorien den beiden Polen des (unbewussten) Determinismus und der (bewussten) Intentionalität unterschiedlich nahe. Dies zeigen auch die im Folgenden skizzierten Erklärungsansätze.

Besonders häufig liegt Milieustudien die Habitustheorie Pierre Bourdieus (vgl. Bourdieu 1982) zu Grunde. Diese besagt im Kern, dass soziale Milieus durch Anpassungsprozesse an die Lebensbedingungen sozialer Klassen und Klassenfraktionen zustande kommen. Bourdieu geht von der ungleichen Verteilung dreier Ressourcenarten aus: dem ökonomischen Kapital, dem Bildungskapital und dem "sozialen Kapital" (in Gestalt sozialer Beziehungen). Je nach Ausmaß ihres Kapitalbesitzes insgesamt gehören die Menschen der Arbeiterklasse, dem Kleinbürgertum oder der Bourgeoisie an (vertikaler Aspekt). Und je nach Zusammensetzung bzw. Zukunftsaussichten ihres Kapitalbesitzes werden sie den Klassenfraktionen der Besitz- oder der Bildungsbourgeoisie sowie dem alten, dem neuen oder dem "exekutiven" Kleinbürgertum zugerechnet (horizontaler Aspekt).

Wenn Menschen innerhalb der jeweiligen Lebensbedingungen ihrer sozialen Klasse aufwachsen, entstehen nach Bourdieu weitgehend unbewusst klassenspezifische Habitusformen. Hierunter versteht er latente Denk-, Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster, die einerseits die Möglichkeiten alltäglichen Handelns begrenzen, andererseits Handlungen hervorbringen. So entstehe der Habitus der Arbeiterklasse in einer Lage harter Notwendigkeiten, die Nützlichkeitsdenken und eine "Kultur des Mangels" nach sich ziehe. Käufe werden nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten, sondern nach Preis und Haltbarkeit vorgenommen. Während also der Habitus der Arbeiterklasse ein "Sich-Einrichten" in gegebenen Verhältnissen nahe lege, sei der Habitus des Kleinbürgertums - seiner Mittellage entsprechend - auf sozialen Aufstieg, auf die ehrgeizige, teils ängstliche, teils plakative Erfüllung vorgegebener kultureller Normen ausgerichtet, auch in Fragen der Bildung und des Geschmacks. Der Habitus des Kleinbürgertums bedeute angestrengtes Bemühen, das "Richtige" zu tun. Der Habitus der Bourgeoisie hingegen ermögliche es, sich in Kenntnis der "richtigen" Standards über diese zu erheben, einen eigenen Stil zu entwickeln, diesen unter Umständen als gesellschaftliche Norm zu propagieren und durchzusetzen. Das Kleinbürgertum sei wiederum darauf angewiesen, dieser neuen "Orthodoxie" gerecht zu werden. Die Arbeiterklasse verharre in ihrer Kultur des Mangels. Somit reproduziere sich die Herrschaft der Bourgeoisie auf kulturelle Weise.

Die Konsequenzen dieser Habitusformen zeigen sich Bourdieu zufolge in unterschiedlichen alltäglichen Lebensstilen der Menschen. Zu diesen gehören die jeweils bevorzugten Wohnungseinrichtungen und Speisen, Sänger und Musikwerke, Maler, Museen und Komponisten. Hierbei stellt Bourdieu eine hohe Übereinstimmung von Klassen(fraktions)zugehörigkeit, Habitusform und praktischen Verhaltensweisen fest.

Identitätstheorien betonen dagegen, dass soziale Milieus durch das Bemühen zustande kommen, die eigene soziale Identität zu entwickeln und zu dokumentieren. Mittels Stilisierung der eigenen Wertehaltungen und Lebensweisen werden einerseits Selbstzuordnung und Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppierung möglich gemacht, andererseits Absetzung und Distanz zu anderen Gruppierungen sichergestellt (vgl. Hörning/Michailow1990:502). Identitätstheorien finden sich in unterschiedlichen Varianten. Von einigen Autoren (vgl. ebd.:501ff.) wird die Entstehung von sozialen Milieus und Lebensstilgruppierungen primär aus den Integrationsbemühungen von Menschen erklärt. Andere (vgl. Berking/Neckel 1990:481 ff.) sehen die Erklärung eher in Konflikten, in der Herstellung von Differenzen und in Abgrenzungsprozessen von sozialen "Territorien". […]

Die Individualisierungstheorie geht davon aus, dass Modernisierung einhergeht mit der Zunahme persönlicher Ressourcen, Freiheiten und Sicherheiten. Damit verbunden ist eine Herauslösung der Einzelnen aus vielfältigen kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Bindungen. Dies bedeutet für die Menschen Verluste von Vertrautheit und Sicherheit in Gemeinschaften einerseits, Gewinne an individueller Handlungsfähigkeit und Entfaltungsmöglichkeit andererseits. […]

Struktur sozialer Milieus in Deutschland

Die verfügbaren empirischen Befunde zeigen, dass das Gefüge sozialer Milieus in Deutschland zu einem guten Teil von der Schichtstruktur abhängig ist. Es gibt typische Unterschicht-, Mittelschicht- und Oberschicht- Milieus. Welche Werthaltungen und Mentalitäten ein Mensch aufweist, ist also auch eine Frage seiner Einkommenshöhe, seines Bildungsgrades und seiner beruflichen Stellung. Hierbei können Milieuunterschiede Schichten im Alltag trennen. „Die Grenze der Distinktion trennt die oberen von den mittleren Milieus. Die Grenze der Respektabilität trennt die mittleren von den unteren (Vester 2001:26)."

Aber die Schichtzugehörigkeit gibt keineswegs zureichend über die Milieuzugehörigkeit Auskunft. In der Regel finden sich innerhalb der einzelnen Schichten mehrere Milieus "nebeneinander". Bestimmte soziale Milieus erstrecken sich auch "senkrecht" über Schichtgrenzen hinweg.

Neben der Schichtzugehörigkeit lenkt u.a. auch die Kohortenzugehörigkeit die Menschen in bestimmte Milieus: Ältere Menschen, die in Zeiten des materiellen Mangels und autoritärer Ordnung aufgewachsen sind, haben sich meist andere Mentalitäten bewahrt als Menschen im mittleren Alter, die im Wohlstand und in der 1968er Zeit ihre wichtigsten Prägungen erfahren haben (vgl. Schulze 1992).

"Horizontal" unterscheiden sich soziale Milieus (vgl. Sinus-sociovision.de) vor allem nach dem Grade ihrer Traditionsverhaftung bzw. ihrer Modernität. Denn die einzelnen Milieus sind in unterschiedlichem Maße vom Wertewandel erfasst (weg von "alten" Pflicht-, hin zu "neuen" Selbstentfaltungswerten). So weisen die Angehörigen des "Traditionsverwurzelten", des "DDR-nostalgischen" und des "Konservativen" Milieus Mentalitäten auf, die dem Bewahren, den Pflichten der Menschen und ihrer Eingebundenheit in Regeln großes Gewicht geben. Auf der anderen Seite stehen die "modernen" Milieus der "Hedonisten", der "Experimentalisten" und "modernen Performer", in denen die Menschen dem jeweils Neuen nachstreben und sich als Einzelne relativ losgelöst von Bindungen und Zugehörigkeiten empfinden. In diesen Milieus finden sich zwar Gemeinsamkeiten des individuellen Bewusstseins und Verhaltens, aber kaum das Bewusstsein der Gemeinsamkeit mit anderen Milieuzugehörigen.

In Wirklichkeit sind die Grenzen zwischen sozialen Milieus fließend. […]

Wozu dienen Milieustudien?

Vieles spricht dafür, dass sich die Mitglieder moderner Dienstleistungsgesellschaften nicht mehr so vorrangig wie die Menschen in typischen Industriegesellschaften in Abhängigkeit ihrer Berufs- und Schichtzugehörigkeit definieren. Vielmehr bestimmen die Angehörigen postindustrieller Gesellschaften ihren gesellschaftlichen Ort nicht zuletzt auch durch ihre Milieuzugehörigkeit und ihren Lebensstil. Oft symbolisieren sie dies mit Kleidung, Musikgeschmack etc. und tragen so ihre Zugehörigkeit nach außen.

Die Menschen, die einem bestimmten sozialen Milieu angehören, denken und verhalten sich in der Praxis relativ ähnlich; Menschen die verschiedenen sozialen Milieus angehören, denken und handeln oft unterschiedlich - und sie tun dies in weiten Bereichen: Sie kaufen gleichartige bzw. andersartige Konsumgüter, wählen ähnliche bzw. verschiedene Parteien, erziehen ihre Kinder gleich bzw. anders usw. Milieugliederungen dienen daher Marketinganalysten, um Zielgruppen zu definieren, Wahlkampfstrategen, um Wählerpotenziale zu erschließen, Sozialisationsforschern, um typische Lernstrategien zu lokalisieren und zu erklären.

Weil die Zugehörigkeit zu sozialen Milieus die jeweilige Selbstdefinition und Alltagspraxis der Menschen beeinflusst, wurden Milieustudien in den letzten beiden Jahrzehnten in zunehmendem Maße zur Erklärung von Verhaltensunterschieden und so auch zur Lösung praktischer Probleme eingesetzt. […]

Milieustudien sind mittlerweile weit verbreitet, vor allem in der angewandten Sozialforschung. Angesichts der Tatsache, dass diese auf praktische Bewährung unmittelbarer angewiesen ist als die akademische Forschung, erstaunt es, dass exakte soziologische Prüfungen zum Ergebnis kamen, dass sich die empirisch nachweisbare Erklärungskraft so mancher Milieuuntersuchung in Grenzen hält. […]

Verwendete Literatur

Quellenhinweise aus Hradils Beitrag (2006): Soziale Milieus – eine praxisorientierte Forschungsperspektive

  • Berking, Helmuth/Neckel, Sighard (1990): Die Politik der Lebensstile in einem Berliner Bezirk. In: Berger, Peter A./Hradil, Stefan (Hrsg.): Lebenslagen, Lebensstile, Lebensläufe. Sonderband 7 der Zeitschrift SOZIALE WELT, 481 - 500. Göttingen.
  • Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M.: Surkamp.
  • Hörning, Karl H./Michailow, Matthias (1990): Lebensstil als Vergesellschaftungsform. Zum Wandel von Sozialstruktur und sozialer Integration. In: Berger, Peter A./Hradil, Stefan (Hrsg.): Lebenslagen, Lebensstile, Lebensläufe. Sonderband 7 der Zeitschrift SOZIALE WELT, 502. Göttingen.
  • Hradil, Stefan (2006): Die Sozialstruktur Deutschland im internationalen Vergleich. Wiesbaden: VS Springer.
  • Hradil, Stefan (2001): Soziale Ungleichheit in Deutschland. Opladen: Leske + Budrich.
  • Hradil, Stefan (2006): Soziale Milieus – eine praxisorientierte Forschungsperspektive. Online unter: https://www.bpb.de/apuz/29429/soziale-milieus-eine-praxisorientierte-forschungsperspektive (letzter Zugriff am 02.11.2021)
  • Schulze, Gerhard (1992): Die Erlebnisgesellschaft. Frankfurt/M.-New York: Campus.
  • Sinus Sociovision (2006): Das Modell der Sozialen Milieus in Deutschland 2006. Online unter: www.sinus-sociovision.de (letzter Zugriff am 15.8.2006).
  • Vester, Michael u.a. (Hrsg.) (2001): Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung, Frankfurt/M.: Surkamp.

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Stefan Hradil (2021): Wurden die sozialen Milieus in Deutschland geschlossener? Konfliktreicher?. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/artikel/wurden-sozialen-milieus-deutschland-geschlossener-konfliktreicher
(letzter Zugriff am 03.11.2021).

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