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Mit Worten wachsen: Bibliotheksengagement für nachhaltige Kulturelle Bildung

von Susanne Brandt  Erscheinungsjahr: 2018

Abstract

In vielen kleinen Orten gibt es sowohl Bibliotheken als auch Kitas: Eine gute Voraussetzung, um besonders in ländlichen Gebieten neue, lebendig gestaltete Kooperationen zwischen Kultur und Bildung entstehen zu lassen. Ausgehend vom Bundesprogramm Sprach-Kitas. Weil Sprache der Schlüssel zur Welt hat die Büchereizentrale Schleswig-Holstein das Projekt Mit Worten wachsen entwickelt, um Kooperationen der mehr als 100 Sprach-Kitas mit den Bibliotheken vor Ort zu stiften. Dieser Praxiseinblick beschreibt, welche Chancen und Herausforderungen sich durch eine Zusammenarbeit vor allem für Einrichtungen kleinerer Gemeinden ergeben und wie sie durch Kooperations- und Verbundlösungen gestärkt werden können.

Bundesprogramm Sprach-Kitas. Weil Sprache der Schlüssel zur Welt inspiriert Büchereizentrale Schleswig-Holstein

Von 2016 bis 2020 wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Bundesprogramm Sprach-Kitas. Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist gefördert. Es richtet sich an Kindertageseinrichtungen, die von einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Kindern mit besonderem Bedarf an sprachlicher Bildung und Förderung besucht werden. Dabei stehen besonders drei Ziele im Fokus: Alltagsintegrierte sprachliche Bildung, inklusive Bildung und Zusammenarbeit mit den Familien.

An den Standorten der mehr als 3000 Sprach-Kitas in Deutschland gibt es nahezu überall öffentliche Bibliotheken, die als nachbarschaftliche Partnerinnen den Sprach-Kitas bei der Sprachförderung zur Seite stehen können. Auch als Schnittstelle zwischen Kita und Familie übernehmen die Bibliotheken wichtige Aufgaben. Schleswig-Holstein werden Überlegungen und Beispiele für eine nachhaltige Kulturelle Bildung im Sinne der drei Ziele von Sprach-Kitas beschrieben: Die mehr als 100 Sprach-Kitas finden ein flächendeckendes Netz an Bibliotheken vor und somit gute Voraussetzungen, um besonders in ländlichen Gebieten neue, lebendig gestaltete Kooperationen zwischen Kultur und Bildung entstehen zu lassen. Die Büchereizentrale Schleswig-Holstein hat hierfür mit Fördermitteln des Landes das Projekt Mit Worten wachsen entwickelt.

Dieser Beitrag beschreibt, welche Chancen und Herausforderungen sich durch eine Zusammenarbeit vor allem für Einrichtungen kleinerer Gemeinden ergeben und wie sie durch Kooperations- und Verbundlösungen gestärkt werden können. Mit verbesserten Möglichkeiten für die Ergänzung ihres Medienangebotes ebenso wie durch methodische Anregungen zur Gestaltung von Vorlese- und Erzählangeboten werden Büchereien in ländlichen Räumen aufgewertet und können sich wirksamer in Kooperationen zur Kulturellen Bildung einbringen.

Ausgangssituation in Schleswig-Holstein

Oft liegen sie in guter Nachbarschaft nah beieinander: Die öffentliche Bibliotheken und Kindertagestätten. Vor allem in kleineren Orten gehören sie zur Grundversorgung für junge Familien und ergänzen sich – im besten Falle – in ihren Aufgaben. Sie bahnen Freude an verschiedenen kulturellen Ausdrucksformen an, öffnen Zugänge zur Welt der Bilder, Geschichten und Musik und laden Menschen aller Generationen und Nationen zu vielfältigen Begegnungen und Austauschmöglichkeiten im Alltag ein.

Diese örtliche wie auch inhaltliche Nachbarschaft in gemeinsamer Verbundenheit mit jungen Familien legt es nahe, sich in guter Partnerschaft auf den Weg zu machen, um die räumliche Nähe zu nutzen und besonders auf dem Lande das gemeinsame Anliegen der alltagsintegrierten Sprachförderung durch eine verstärkte Kooperation vor Ort zu fördern. Dabei stellen landesweite Verbundprojekte gerade für kleinere Bibliotheken in Dörfern, Gemeinden und Kleinstädten unter 20.000 Einwohnern, die in Schleswig-Holstein etwa 70% des gesamten Bibliotheksverbundes ausmachen, eine Chance dar, um eine erweiterte Auswahl von Medien und Materialien in diese Kooperationen einzubringen. Für viele dieser kleinen Einrichtungen wäre es sonst kaum möglich, spezielle Medienzusammenstellungen in dieser Vielfalt aus eigenen Mitteln für ihren Bestand anzuschaffen.

Einen idealen Anknüpfungspunkt für solche Kooperationen bietet seit zwei Jahren das Bundesprogramm Sprach-Kitas. Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist und sich an Kindertageseinrichtungen richtet, die von einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Kindern mit besonderem Bedarf an sprachlicher Bildung und Förderung besucht werden. Deutschlandweit konnten sich Kindertagesstätten für dieses Programm bewerben. Es schließt an das Vorgänger-Programm mit Schwerpunkt-Kitas Sprache & Integration konzeptionell an und vertieft den begonnenen Weg vor allem durch den Einsatz von zusätzlichen Sprach-Fachkräften für die Kindertageseinrichtungen sowie durch zusätzliche Fachberater*innen, die die Arbeit und Qualifizierung kontinuierlich prozessbegleitend unterstützen und für die Themen sprachliche Bildung, Zusammenarbeit mit Familien und inklusive Pädagogik verantwortlich sind. Diese zusätzlichen Fachberater*innen und Sprach-Fachkräfte sind für einen regionalen Verbund von 10 bis 15 Sprach-Kitas zuständig. Für die Bibliotheken, die sich in dieser Region engagieren, sind sie als Ansprechpartner*innen und Multiplikator*innen für alle Fragen der Kooperation von großer Bedeutung.

Der so gestärkten Kooperationsstruktur der Sprach-Kitas in regionalen Verbünden steht in Schleswig-Holstein, wo das exemplarisch beschriebene Projekt Mit Worten wachsen 2017 startete, ein landesweit ausgebautes System mit 155 öffentlichen Bibliotheken in Gemeinden und Städten gegenüber, das wiederum von zentralen Dienstleistungen, Verbund- und Netzwerkangeboten der Büchereizentrale profitiert.

Die Überlegungen, das Potential der schleswig-holsteinischen Bibliotheks-Einrichtungen mit dem Engagement der Sprach-Kitas zu verbinden und die Zusammenarbeit so zu gestalten, dass sich vor allem für Familien in ländlichen Räumen eine nachhaltige Belebung und Inspiration für frühe sprachliche Bildung im Alltag ergibt, wurden im Jahr 2016 konkretisiert. Das Kulturministerium unterstützte das Vorhaben 2017 im Rahmen der Förderung von Innovationen in Öffentlichen Bibliotheken und bewilligte für 2018 einen weiteren Ausbau des Projekts. Dadurch ist es möglich, dass besonders kleine Büchereien in ländlichen Räumen ein deutlich breiteres Spektrum an Medien zur frühen Sprachbildung wie auch Materialien für das dialogische Vorlesen und Erzählen mit dem Kamishibai-Erzähltheater bei eigenen Veranstaltungen nutzen bzw. an die Sprach-Kitas leihweise weitergeben können.

Sprach-Kitas und Bibliotheken in guter Partnerschaft: Gemeinsame Anliegen entdecken

Orientiert an einer Kultur der sozialen Vielfalt und Teilhabe bei allen Lern- und Bildungsprozessen hat das Bundesprogramm Sprach-Kitas drei Ziele besonders im Blick:

  • alltagsintegrierte sprachliche Bildung
  • inklusive Bildung
  • Zusammenarbeit mit den Familien.

Im Unterschied zu den sogenannten additiven Sprachförderprogrammen früherer Jahre mit Kleingruppenangeboten und kompensatorischen Zielen, für die verschiedene Evaluationen kaum positive Effekte nachweisen konnten, geht es beim alltagsintegrierten Ansatz darum, die sprachliche Bildung aller Kinder der Kita in das alltägliche Geschehen und Handeln einzubetten sowie Spiel- und Dialogsituationen, Bewegungs- und Handlungserfahrungen mit Sprache zu verbinden. Dadurch gewinnen die Interessen der Kinder bei der sprachlichen Bildung eine größere Berücksichtigung, was die Motivation verstärkt. Die Übertragung des Gelernten auf verschiedene Lebens- und Handlungsbereiche gelingt leichter und es besteht nicht die Gefahr der Stigmatisierung von Kindern mit besonderem Förderbedarf, da alle Kinder der Gruppe gleichermaßen in das sprachfördernde Geschehen einbezogen sind.

Aus diesem alltagsorientierten Ansatz ergibt sich in schlüssiger Konsequenz auch das inklusive und familienorientierte Anliegen des Programms.

Für Bibliotheken, die sich als Bildungspartnerinnen der Sprach-Kitas in das Programm einbringen möchten, ist es wichtig, diesen Ansatz als gemeinsames Anliegen zu verstehen und bei der Medienauswahl zu berücksichtigen. Es geht nicht darum, nach Übungsmaterial für bestimmte Defizite in der Sprachentwicklung zu suchen, sondern das alltägliche Erleben und Handeln von Kindern in Kita und Familie als ein bewegtes und lebendiges Geschehen zu begreifen, in das ausgewählte Medien und Vermittlungsmethoden eingebettet sind. Bei der Beratung, bei der Gestaltung bibliothekarischer Leseförderung wie auch bei der Ergänzung des Medienangebotes mit dafür besonders geeigneten Bilderbüchern, Reimen, Liedern und sprachspielerischen Ideen kann dieses Grundverständnis von großer Bedeutung sein.

Austausch und wechselseitige Anregungen von Anfang an

Wie beim Kooperationsprojekt Geschichten bewegen (Kasimir 2012), das von 2010 bis 2012 eine gute Zusammenarbeit zwischen Bibliotheken und Kitas in ländlichen Regionen Niedersachsens befördert hat, ergibt sich für Bibliotheken in Schleswig-Holstein mit der Beteiligung am Bundesprogramm die Chance einer intensiven Zusammenarbeit zu Fragen einer nachhaltigen Sprachförderung als gemeinsame Aufgabe verschiedener Akteure. Dazu gehören von den ersten konzeptionellen Überlegungen des Projekts bis hin zur Begleitung der konkreten Praxiserfahrungen regelmäßige Treffen zwischen einer Sprachfachkraft als Ansprechpartnerin seitens der Sprach-Kitas und der für das Projekt verantwortlichen Projektleiterin der Büchereizentrale. Aufkommende Fragen und Überlegungen zur praktischen Umsetzung werden mit den Leiter*innen der Büchereien und der Sprach-Kitas sowie den Sprachfachkräften in anderen Regionen weiter beraten, um so immer wieder Rückmeldungen aus der Praxis vor Ort zu erhalten und z.B. bei weiteren Ergänzungen der Medienauswahl berücksichtigen zu können.

Oft geht es bei Rückmeldungen aus den Sprach-Kitas um spezielle Themen, für die sie sich von den Büchereien passende Medien wünschen. Die Büchereien wiederum sind an Praxisanregungen für eine spielerische, methodisch abwechslungsreiche Gestaltung von Vorlesestunden mit Kita-Gruppen oder Familien in den Bibliotheken interessiert und können somit von den Fachkräften in den Sprach-Kitas wertvolle Hinweise erhalten. Außerdem gibt es von beiden Seiten immer wieder Fragen zur Regelung der Medienausleihe. Für manche Kitas und Büchereien bietet das Projekt Anlass, um Kontakt zueinander aufzunehmen und einander kennenzulernen. Gar nicht so selten steht anfangs die Sorge der Bibliotheken, ob sich die Medienausleihe an Kitas und junge Familien überhaupt bewährt, da sich nicht immer gewährleisten lässt, dass die Bücher nach der Nutzung durch sehr kleine Kinder unbeschadet zurückgegeben werden können. Der regelmäßige Umgang mit Büchern gehört in Gruppen und Familien mit Drei- bis Fünfjährigen längst nicht überall wie selbstverständlich zum Alltag. Hier kann das Projekt ganz elementar dazu beitragen, auf beiden Seiten neue Erfahrungen zu sammeln, Vorbehalte abzubauen und bislang nicht genutzte Möglichkeiten zu entdecken.

Wege der Zusammenarbeit: Das Projekt Mit Worten wachsen

Durch das ausgebaute Büchereisystem erhalten die Bürger*innen Schleswig-Holsteins auch in kleineren Kommunen Zugang zu einem breiten, landesweit verfügbaren Medienangebot sowie einem Spektrum an bedarfsgerecht konzipierten Projekten, zu denen auch Mit Worten wachsen gehört.

Zudem spielen örtliche Programme mit Kultur- und Bildungsveranstaltungen für alle Generationen eine wichtige Rolle im Alltag der Bibliotheken. 2017 wurden landesweit mehr als 10.000 solcher Veranstaltungen von insgesamt 200.000 Menschen aller Altersgruppen besucht. Und ganz besonders wichtig in Schleswig-Holstein: Für die Versorgung der vielen kleinen Dörfer, die nicht über eine eigene Bücherei verfügen, erreichen 13 Fahrbüchereien rund 580.000 Einwohner*innen in etwa 570 Gemeinden.

Dabei ist es ein immerwährendes Anliegen der Bibliotheken vor Ort ebenso wie der Büchereizentrale in Schleswig-Holstein, mit diesem flächendeckenden Kultur- und Medienangebot die Zusammenarbeit mit anderen Partnern zu suchen und gemeinsam weiterzuentwickeln.

Seit Frühjahr 2017 wird das nun speziell für die Zusammenarbeit zwischen Sprach-Kitas und Bibliotheken in besonderer Weise mit Leben gefüllt und vertieft: Unter Verwendung der für das Projekt Mit Worten wachsen bereitgestellten Fördermittel hat die Büchereizentrale Schleswig-Holstein Medienboxen zusammengestellt, die von den mehr als 100 Sprach-Kitas in diesem Bundesland jeweils über die örtlichen Büchereien ausgeliehen werden können. Gefüllt sind die Boxen mit Materialien und Medien, die speziell auf die Belange der Kinder aus den Sprach-Kitas zugeschnitten sind. Dazu gehören Bücher ohne Worte, mehrsprachige Bücher in Sprachkombinationen wie Arabisch-Deutsch, Persisch-Deutsch, Russisch-Deutsch oder das Kamishibai-Erzähltheater.

Beim Kamishibai-Erzähltheater handelt es sich um einen Holzrahmen in DIN A 3-Format mit Flügeltüren, der eine gut sichtbare Präsentation von speziell dafür erstellten Bilderfolgen zu erzählten oder vorgelesenen Geschichten in kleineren bis mittelgroßen Kindergruppen ermöglicht. Im Verlauf einer Geschichte lassen sich die Bilder unkompliziert wechseln, so dass die Aufmerksamkeit beim Vorlesen oder Erzählen mit Blickkontakt und Impulsen zum Mitmachen ganz bei den Kindern bleibt. Diese haben bei dieser Form des bildgestützten Vorlesens oder Erzählens eine gute Sicht auf die großformatigen Illustrationen zur Geschichte. Das ermuntert zum Entdecken, Beschreiben und Kommentieren nach Art des dialogischen Erzählens. Diese sprachanregende Wirkung macht das Kamishibai-Erzähltheater zu einem bei Kindern wie bei Erwachsenen beliebten Medium der Sprachförderung.

Zusätzlich zu den Medienboxen erhalten die Sprach-Kitas kleine Wochenendrucksäcke. Die Familien können einzelne Bücher ausleihen und am Wochenende mit nach Hause nehmen. Dies regt zum Vorlesen und Erzählen an und fördert die Zusammenarbeit mit den Familien.

Bausteine für die Praxis in Sprach-Kitas und Bibliotheken

Die Basis der Zusammenarbeit zwischen Sprach-Kitas und Öffentlichen Bibliotheken in Schleswig-Holstein wird im Kern aus vier Bausteinen gebildet:

  • Sprach-Kita-Medienboxen mit einer gemeinsam getroffenen Titelauswahl für die Praxis in Sprach-Kitas
  • Wochenend-Rücksäcke für Familien
  • Kamishibai-Material als attraktives Medium für das dialogische Vorlesen und Erzählen
  • laufend ergänzte Ideen-Sammlung für die Praxis online über den Blog www.bz-sh-medienvermittlung.de der Büchereizentrale.

Auf dieser Grundlage ergeben sich jeweils vor Ort viele Möglichkeiten, um die Zusammenarbeit lebendig zu gestalten. Einzelne Büchereien engagieren sich für den Einsatz des Kamishibai-Erzähltheaters, laden Kita-Gruppen zu Kamishibai-Vorführungen in die Bücherei ein und stellen die Methode im Kita-Team vor.

Eine weitere Möglichkeit der Zusammenarbeit ergibt sich durch die gemeinsame Vorbereitung von Elternabenden, bei denen Tipps und Titelvorschläge für das Vorlesen in der Familie gegeben werden. Dabei gehört es zum alltagsintegrierten Förderansatz, dass an jedem Tag und in ganz verschiedenen Situationen erzählt, diskutiert, gesungen, gereimt, gerätselt, vorgelesen, gespielt und die Welt entdeckt wird – denn kaum eine alltägliche Aktivität kommt ohne Sprache in all ihren Facetten aus. Nicht immer steht dabei allein das Buch und das Vorlesen im klassischen Sinn im Mittelpunkt. Vielmehr geht es darum, die Lust an vielfältigen sprachlichen Aktivitäten zu.

Vorlesefeste für Familien auf der grünen Wiese mit Picknick-Korb, Wolldecke und Sommermärchen gehören ebenso zum gemeinsamen Veranstaltungsangebot wie gemütliche Erzählstunden am Kamin im Winter. Manchmal ergeben sich dabei weitere Kooperationen im Dorf wie mit dem Schul- oder Heimatmuseum, dem Turnverein oder der Kirchengemeinde.

Auch an Ereignisse des gemeinsamen dörflichen Lebens lässt sich dabei anknüpfen: So sind an manchen Orten Medien gefragt, die das Entdecken der umliegenden Natur im Jahreslauf begleiten können. Eine Rolle spielen dabei sowohl landwirtschaftliche Aspekte als auch das Sammeln und Bestimmen von Muschelschalen an den Stränden von Nord- und Ostsee.

Kein Kurzzeitprojekt: Nachhaltigkeit als übergeordnetes Anliegen in allen Zielbereichen

Aus dem alltagsintegrierten Ansatz des Projekts, bei dem Spracherfahrungen sich mit Naturwahrnehmung und Bewegung im Freien, mit Anregungen für Gespräche und zur kreativen Umsetzung von Geschichten mit Bildern und Musik verbinden, ergibt sich zugleich ein Bezug zur Bildung für nachhaltige Entwicklung im folgenden Sinne:

„Ziel einer Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist nicht ein Wissenskanon, sondern eine Persönlichkeit, die sich ermutigt und fähig fühlt, das eigene Leben mitzugestalten, und die über Wissen und Kompetenzen verfügt, dies im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu tun. Deshalb sind die Förderung von Wahrnehmungsfähigkeit, Kreativität, Selbsttätigkeit, kooperativem Arbeiten, unterschiedlichen Ausdrucksformen für Erfahrungen, Erleben und Bewerten ebenso Elemente von Bildungsprozessen wie eine systematische Suche nach inhaltlichen Zusammenhängen und Erklärungen mithilfe von Medien.“ (Stoltenberg 2009:4)

Bei der Medienauswahl und der Wahl geeigneter Vermittlungsmethoden im Blick auf Mehrsprachigkeit, Sprache(n) und Bewegung sowie auf dialogisches Vorlesen und Erzählen können Bibliotheken zur Konkretion dieser Aspekte in der Praxis wichtige Beiträge leisten.

Unter der Lupe: Kooperation in der Praxis

Sprachförderung in Sprach-Kitas ist eingebettet in bedeutungsvolles Handeln, wird begleitet durch feinfühlige Beziehungsarbeit und findet in allen Situationen des Alltags- und Familienlebens verschiedene Formen der praktischen Umsetzung statt. Sprachliche Bildung geschieht in alltäglich wiederkehrenden Situationen während der Mahlzeiten, in freien Spielsituationen wie Rollenspielen, in gezielten Angeboten der Kita und in der Geborgenheit der Familie. Im Umgang mit dieser alltäglichen Vielfalt können Kinder bei sich und anderen besondere Stärken entdecken. Sie werden ermutigt, ihre eigene Identität wahrzunehmen, Mehrsprachigkeit und kulturelle Verschiedenheiten wertzuschätzen, Gedanken und Gefühle zum Ausdruck zu bringen und gemeinsame Regeln zu vereinbaren.

Für die Auswahl und Vermittlung von Bilderbüchern und Geschichten heißt das:

  • Kinder brauchen Zeit für eigene Wahrnehmungen im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Fremdheit. Sie lernen durch spielerische Erfahrungen und eigene Deutungsversuche, die sich nicht an vorgegebenen Erklärungen orientieren müssen. Sie erleben dabei die Herausforderung, durch Fremdes und Irritierendes ein vielfältiges Weltverständnis zu entwickeln.
  • Bei aller Verschiedenheit öffnen Bücher und Geschichten auch gemeinsame Zugänge zu elementaren menschlichen Erfahrungen, die uns verbinden. Im Fremden lässt sich oft auch Vertrautes erkennen, etwa durch kulturübergreifende Erfahrungen wie Angst und Freude, Zugehörigkeit, Liebe, Einsamkeit und Ausgrenzung, Familienkonflikte, Schuld und Versöhnung.
  • Ästhetik und Sprache anderer Kulturen und Weltbilder sprechen für sich in einer jeweils eigenen Sprache, die sich nicht nur durch vertraute Worte vermittelt. Eine Vielfalt von Illustrationsstilen, Sprachen und Gefühlswelten aus verschiedenen Ländern macht Kinder vertraut mit der Entschlüsselung von ungewohnten Bildern und Zeichen.

Unter welchen Bedingungen können solche Erfahrungen mit Büchern und Geschichten gelingen? Als Handlungsempfehlung werden den Sprach-Kitas Beispiele für gute Praxis als Poster an die Hand gegeben. Einige der dort gesammelten Tipps und Zitate verweisen bereits auf Möglichkeiten, die von Bibliotheken aufgenommen, gemeinsam mit den Sprach-Kitas umgesetzt und weiterentwickelt werden können wie:

  • Lassen Sie die Kinder Geschichten erfinden. Dazu können Sie entweder die Geschichtensäckchen zum Vorbild nehmen oder auch ein ganz normales Figurentheater. Fortsetzungsgeschichten, die sich die Kinder gemeinsam ausdenken, regen zum Sprechen an. Natürlich kann dabei auch eine wilde Quatschwörtergeschichte herauskommen, bei der alle mit der Sprache spielen.
  • Führen Sie einen Tag der Muttersprache in der Kita ein und geben Sie Familien so die Möglichkeit, durch gemeinsames Singen, Musizieren, Tanzen und Spielen ihre Sprache und Traditionen in der Kita zu präsentieren.
  • Laden Sie mehrsprachige Verwandte der Kinder ein in die Kita zu kommen, um mit den Kindern Bilderbücher zu entdecken, Geschichten zum Buch zu erfinden und ihnen diese in ihrer Herkunftssprache vorzulesen.

Für kooperierende Bibliotheken bedeutet das: Schon eine kleine Auswahl von 10 bis 15 Titeln einer Sprach-Kita-Medienbox kann eine große Vielfalt an Themen, Sprachen und Erzählweisen beinhalten, die sich unmittelbar in den Alltag integrieren lassen. Mehrsprachiges gehört ebenso dazu wie Bücher ohne Worte, Anregungen zum Singen und für Fingerspiele, kleine Geschichten und Bilderfolgen, die besonders das dialogische Vorlesen und Erzählen fördern. Immer sind auch die beziehungsstiftenden Möglichkeiten des Mediums im Dialog und in der Interaktion mit zu berücksichtigen. Für Gruppensituationen wird besonders im bildgestützten Erzählen mit Kamishibai ein gutes Potenzial für dialogische Bilderbuchbetrachtungen gesehen.

Bei der Titelauswahl werden vor allem inklusive Aspekte in Text und Bildersprache mit bedacht. Eine gute Hilfe hierfür bietet das Auswahlverzeichnis Anders … als du denkst! Eltern erhalten im Rahmen des Projekts vielfältige Anregungen, wie sie zu Hause ein sprachanregendes Umfeld schaffen können.

Wir sehen uns in der Bibliothek!: Gestaltung von Sprach-Kita-Besuchen in der Bibliothek

Besucht eine Sprach-Kita-Gruppe die Bibliothek, sind viele Möglichkeiten denkbar, um den Raum mit seinen Medien als sprachanregende Umgebung erfahrbar und vertraut werden zu lassen. Nicht die klassische Bibliothekseinführung mit Erklärungen zu Ausleihregeln steht dabei im Mittelpunkt, sondern das Entdecken von Bildern und Geschichten in einer einladenden Atmosphäre, die von persönlichen Begegnungen und Freundlichkeit, von vielfältigen sinnlichen Wahrnehmungen und Interaktion geprägt ist.

Im Webblog der Büchereizentrale zur Medienvermittlung lassen sich in der zum Projekt Mit Worten wachsen eingerichteten Rubrik viele Impulse, methodische Ideen und Medien-Tipps recherchieren, die bei der Vorbereitung solcher Gruppenbesuche in der Bibliothek helfen können bzw. als Anregungen für den Bestandsaufbau zu verstehen sind. Von besonderem Nutzen dabei sind die empfohlenen Veröffentlichungen Mit Bilderbüchern in die Lesewelt, die viele wertvolle Vermittlungsideen zu ausgewählten Bilderbüchern beschreiben.

Als Beispiel für den Ablauf einer solchen Bilderbuchstunde in der Bibliothek ist auch folgendes Modell anzusehen, das sich mit ganz verschiedenen Themen und Geschichten verbinden lässt, dabei vor allem die Aspekte Wahrnehmen, Entdecken, Dialog und eigene Ausdrucksmöglichkeiten für Kinder berücksichtigt: Eine Gruppe von 10, 20 Kindern aus der Sprach-Kita hat sich für einen Bibliotheksbesuch angemeldet. Ziel ist es, den Kindern durch eine bewusste Einbeziehung von spielerischen Elementen Gelegenheit zu geben, die vermittelten Eindrücke und inneren Bilder mit verschiedenen Sinnes- und Beziehungserfahrungen in der Gruppe zu verbinden und im freien spielerischen Tun individuell zu vertiefen. Dabei werden die Kinder mit Geschichten und Themen vertraut und können Medien als bedeutsam für ihr Leben wahrnehmen.

Kennzeichnend für die methodische Gestaltung einer solchen Vorlese- und Erzählsituation ist ein gut ausbalanciertes Wechselspiel aus Phasen, in denen die Kinder sich einerseits spielerisch mit ihren Ausdrucksmöglichkeiten in der Gruppe erleben und andererseits Freiräumen für ein ungestörtes Nachdenken und Ausprobieren entdecken. Bilderbücher und Geschichten, die sich für ein solches Angebot eignen, sind nicht an bestimmte Inhalte gebunden, bieten jedoch ausreichend große Deutungs- und Gestaltungsräume, in denen die Kinder individuelle Zugänge dazu finden und eigene Vorstellungen dazu aufbauen können. Auch die Begegnung mit fremden Kulturen, ungewohnten Sprach- und Bilderwelten kann hier Raum und Ruhe zum Entdecken finden.

Die Geschichte selbst sollte dafür vom Umfang her nicht länger als 10 Minuten sein, geeignete Impulse zum freien Weiterdenken und spielerischen Tun enthalten und Anknüpfungspunkte bieten für das Weltwissen der Kinder.

Eine bewährte Methode: Arbeiten nach dem ZART-Modell

Das ZART-Modell für den möglichen Ablauf einer solchen Veranstaltung in vier Phasen – Zusammenfinden, Ansprechen, Raum geben, Teilnehmen – ist als erprobte und bewährte Orientierungshilfe zu verstehen, mit der sich immer wieder neue spielerische Ausgestaltungsmöglichkeiten für die Praxis entwickeln lassen (Brandt 2008).

Anders als bei komplexeren Spielformen, die oft einen größeren Zeitraum und Materialeinsatz benötigen und das kreative, interaktive Tun als Aktion stärker in den Mittelpunkt stellen, geht es bei ZART um ein Veranstaltungsmodell von insgesamt etwa 45 Minuten Dauer, das vor allem das Vertraut werden mit Sprache und Geschichten in Verbindung mit spielerischen, kreativen und sinnlichen Elementen zum Ziel hat und dabei besonders den dialogischen und beziehungsstiftenden Erfahrungen in der Gruppe Raum gibt. Bei den Zeitangaben zu den einzelnen Phasen handelt es sich um Richtwerte, die je nach Situation auch spontan variiert werden können:

Z wie Zusammenfinden – ca. 5 Minuten

Ein kleines spielerisches Einstiegsritual mit einem inhaltlichen Bezug zur nachfolgenden Geschichte schafft Vertrautheit, sammelt die Aufmerksamkeit der Kinder und weckt die Achtsamkeit für die Gruppe wie auch für die Beziehungen untereinander. Es regt die individuelle Phantasie und Gestaltungsfreude der Kinder an, leitet spielerisch zur Geschichte über und bereitet so das gemeinsame Schauen, Sprechen und Hören vor – geeignete Spielformen hierfür Gestenspiel, Bewegungsvers, Lied, Wahrnehmungsspiel mit Materialien.

A wie Ansprechen – ca. 10 Minuten

Das ausgewählte Medium kommt zum Einsatz, also die Geschichte, das Bilderbuch, möglicherweise auch zweisprachig und mit Hilfe des Kamishibai-Erzähltheater. Dabei werden die Kinder so angesprochen, dass jedes einen eigenen Zugang, eigene Gefühle und Gedanken zu dem, was es hört und sieht, finden und sich im Dialog dazu äußern kann.

R wie Raum geben – ca. 20 Minuten

Im Anschluss an das Vorlesen bzw. Betrachten der Bilder ist es wichtig, Raum zu geben für persönliche Äußerungen der Kinder wie auch für spielerische oder gestaltende Ausdrucksformen, die vertiefend an Aspekte der Geschichte anknüpfen können, zugleich aber genügend Freiraum lassen für individuelle Umsetzungsideen wie freies Spielen, Legen, Formen, Phantasieren und Bewegen.  

T wie Teilnehmen – ca. 10 Minuten

Alle Phasen geschehen mit einem Bewusstsein der Teilnahme, das bedeutet: Die vorlesende und begleitende Person nimmt aufrichtig und einfühlsam Anteil an den Äußerungen und Ausdrucksformen von jedem einzelnen Kind – Echtheit, Anteilnahme und Verständnis – durch aufmerksames Zuhören und wertschätzende Beachtung. Ebenso erleben sich die Kinder teilnehmend in einer Gruppe, die ihnen Freiraum für eigene Ausdrucksformen gibt, aber auch von Achtung und Wahrnehmung untereinander getragen wird. Eine verbindende Geste, ein spielerisches Abschlussritual kann am Ende die gemeinsame Anteilnahme erneut spürbar werden lassen und vielleicht die Wertschätzung für entstandene Ideen oder Bilder der Kinder bewusst machen.

Auch wenn hier von Bilderbüchern oder Geschichten, vom Vorlesen und Erzählen die Rede ist – anwendbar ist das Modell ebenso auf die Beschäftigung mit Sachthemen oder beim Einsatz von kleinen Hörspielen, die im Rahmen dieses Modells gemeinsam gehört und dann in gleicher Weise ausgestaltet werden. Prinzipiell vorstellbar ist ein in dieser Form beziehungsstiftend und spielerisch gestaltetes Angebot für Kinder ab 4 Jahre in Bibliotheken sowie anderen Einrichtungen und Projekten der Kulturellen Bildung mit Kindern zu allen Themen und Medienformen.

Verwendete Literatur

Brandt, Susanne (2017): Sprache als Schlüssel zur Welt. Bibliotheken und Sprach-Kitas in guter Partnerschaft. In: o-bib. Das offene Bibliotheksjournal (30-40). Erlangen: VDB.

Brandt, Susanne (2008): Lauschen und Lesen. Hörerlebnisse in der Sprach- und Leseförderung von Kinderbibliotheken, Berlin: Simon

Bremer Institut für Bilderbuchforschung (2017): Mit Bilderbüchern in die Lesewelt. (letzter Zugriff am 15.5.2018)

Büchereizentrale Schleswig-Holstein (2018): Jahresbericht 2017. Rendsburg: Büchereizentrale

Büchereizentrale Schleswig-Holstein (2015): Anders … als du denkst! - Auswahlverzeichnis. (letzter Zugriff am 15.5.2018)

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2018): Frühe Bildung - gleiche Chancen. (letzter Zugriff am 15.5.2018)

Kasimir, Sabine (2012): Abschlussbericht Transferprojekt Geschichten bewegen – neue Wege einer lebendigen Vorlese- und Erzählkultur. (letzter Zugriff am 15.5.2018)

Stoltenberg, Ute (2009): Bildung für eine nachhaltige Entwicklung im Elementarbereich. (letzter Zugriff am 15.5.2018)

Literatur-Empfehlungen

Alt, Katrin (2016): Mit Kindern Bilderbuchwelten vielfältig entdecken. Weinheim: Beltz

Hering, Jochen (2016): Kinder brauchen Bilderbücher. Seelze: Kallmeyer

Keller-Loibl, Kerstin / Brandt, Susanne (2014). Leseförderung in Öffentlichen Bibliotheken. Berlin: de Gruyter