What’s the frequency? Künstlerisch-wissenschaftliche Resonanzen
Abstract
Der Text plädiert auf Basis theoretischer Konzepte und praktischer Erfahrungen dafür, kulturelle Bildungsarbeit als Einheit von Theorie und Praxis zu gestalten. Er untersucht „Frequenz“ als künstlerisch-wissenschaftlichen Arbeitsbegriff zwischen Selbstreflexion, Resonanz und Begegnung. Dies erfolgt anschaulich anhand der Beschreibung eines 90-minütigen Workshops, der diesen Prozess in drei Phasen inszenierte: einer performativen Begegnung (What’s a frequency?), einer individuellen Selbstreflexion (What’s your frequency?) und einer kollektiven, körperlich erfahrbaren Auseinandersetzung (What’s our frequency?). Durch visuelle und räumliche Praktiken wurden individuelle und gemeinsame Schwingungen erfahrbar, wodurch theoretische Konzepte in konkrete Interaktionen übersetzt wurden. Frequenzarbeit fungierte sowohl als ästhetische Praxis der Selbstaufmerksamkeit wie auch als pädagogisches Instrument kollektiver Aushandlung. In der Verbindung von Theorie, Praxis und künstlerischer Forschung wird ‚Frequenz‘ zum heuristischen Konzept kultureller Responsivität – sie ermöglicht, das Spannungsverhältnis zwischen Selbst und Welt, Individuum und Kollektiv, Denken und Handeln reflexiv zu gestalten. Der Workshop zeigt, wie ästhetische Experimente und Reallabor-Ansätze Resonanz als Bildungserfahrung erfahrbar und sozial wirksam machen können.
Ausgangspunkt
Die Frage „What’s the frequency?“ macht zunächst ein assoziatives Feld auf: ein Flashback in den Physikunterricht der 7. Klasse? Apparaturen und grün flackernde Displays, auf denen sich Kurven bewegen und Schwingungen abbilden. Vielleicht provoziert die Frage auch einen Ohrwurm des Songs "What's The Frequency, Kenneth?"der Band R.E.M aus den 1990er-Jahren? Oder …? Diesen biografisch geprägten Assoziationen soll ein eingängiger Metatext an die Seite gestellt werden, der den Begriff der Frequenz im Kontext von Resonanz neutral beschreibt und zugleich einen interdisziplinären Zugang ermöglicht. Bewusst ist hier eine KI-generierte Definition als Ausgangspunkt gewählt, um den Moment vom Fragen-Stellen hin zum Antworten-Bekommen als entscheidend zu markieren und die Gleichzeitigkeit zu betonen. Wer fragt? Wer antwortet? Wer denkt? Wer handelt? Das Ergebnis:
„Resonanz ist ein Spezialfall einer erzwungenen Schwingung, bei der das System genau im Rhythmus seiner Eigenfrequenz angeregt wird. Die Eigenfrequenz ist die Frequenz, mit der ein Körper bei einer freien Schwingung schwingt. Jeder Körper hat eine bzw. mehrere Eigenfrequenzen, die von seiner Form abhängig sind.“ KI-generierte Definition, März 2025. Chat GPT. Der Prompt lautete: „Definiere den Zusammenhang zwischen Resonanz und Frequenz. Stelle eine interdisziplinäre Zugänglichkeit sicher.“
Start
Zusammenarbeit in Feldern Kultureller Bildung bedarf Aushandlungen – Verhandlungen und Verortungen (zum hier genutzten Begriff der Verortung vgl. Bhabha 2000). Die Bewusstmachung dessen kann zu einem wichtigen Faktor in Kontexten der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Verständnisses in (temporären) Arbeitszusammenschlüssen sein. Die Verwendung der Begriffe Aushandlung, Verhandlung und Verortung nehmen ganz deutlich den prozessualen Charakter in den Fokus: Homi K. Bhabhas Begriff der „Verortung“ betont, dass Kultur kein fixer Ort und keine geschlossene Einheit ist, sondern sich in Zwischenräumen, Grenzräumen, Aushandlungen und Machtverhältnissen immer wieder und neu formiert – der Dritte Raum (Bhabha 2020:10). Bhabha verwendet den Ausdruck Zwischenraum, der im weiteren Verlauf seiner Ausführungen auch als „Dritter Raum“ bezeichnet wird, in dem sich Kulturen aushandeln und sich Identitäten (be)gründen. Bhabhas Theorie unterstützt damit eine reflexive kulturelle Bildung, die partizipative, dialogische Formate, in denen Teilnehmende ihre eigenen Verortungen (biografisch, sozial, kulturell) erkunden und verändern können, formuliert. Darüber hinaus bietet sie ein theoretisches Fundament, um Diversity-, Inklusions- und Dekolonisierungsperspektiven in der Kulturellen Bildung zu verankern. In Aushandlung zu gehen, bedeutet demnach zugleich, einen Prozess zu eröffnen zwischen erster Begegnung und – im besten Falle – kontinuierlicher kollaborativer Praxis. „What’s the frequency?“ fragt nach dem selbstreflexiven Modus, d.h. nach der Frequenz, auf der sich Akteur*innen, Institutionen und Gegenwärtiges begegnen und bewegen – einen Dritten Raum formieren –, schwingen. Frequenz kann auch als Qualitätsdimension oder Intensität von Wahrnehmung, Begegnung und (Welt-)Beziehungen gelesen werden, als das rhythmische Moment, in dem Resonanz (vgl. Gurdon/Hübscher/Kreutchen 2022) möglich ist oder gestört wird. Frequenz wird hier als Arbeitsbegriff verstanden, der stetig in Entwicklung ist – mit dem gespielt werden darf. Wo die Frequenz nicht mehr gefunden wird, entsteht Irritation; wo sie wahrgenommen und reflektiert werden kann, entsteht Resonanz. Und manchmal begegnen sich Irritation (vgl. Hübscher 2022) und Reflexion in absoluter Gleichzeitigkeit.
Im Anschluss an die Theorie des Soziologen Hartmut Rosa (2019) kann Frequenz hier auch als rhythmische und reflexive Dimension verstanden werden, die solche Resonanzbeziehungen strukturiert. Frequenz meint hier auch den selbstreflexiven Modus, in dem diese wechselseitigen Schwingungen wahrgenommen und interpretiert werden – sie fungiert als ein relationales Maß kultureller Responsivität. Während Resonanz die Qualität der Beziehung beschreibt, verweist die Selbstaufmerksamkeit als ästhetische Teildimension (Dietrich/Krinninger/Schubert 2013) auf die Dynamik und Variabilität der Frequenz. Pädagogisch übersetzt wird Frequenz damit zu einer Form der Selbstbeobachtung: In welcher Schwingung trete ich mit der Welt in Beziehung? Wo übersteuert der Kontakt, wo bricht er ab?



Abbildungen 1-3: Impressionen aus dem Workshop im Rahmen der kubi-online Jahrestagung 2025, © Funk/Hübscher 2025.
Das Finden der Frequenz als selbstreflexiver Prozess
Frequenz bezeichnet hier also keine objektive Messgröße, sondern eine Selbstreflexionsfigur – eine Praxis des immer wieder neu auszuhandelnden Einstimmens zwischen Subjekt, Welt und sozialem Raum bzw. kulturellem Kontext. Im Kontext Kultureller Bildung und kollaborativen Praxis würde demnach das Finden der Frequenz – der Moment der Selbstaufmerksamkeit – eng verbunden sein mit dem Moment der Begegnung. In dem Workshop „What’s the frequency? Künstlerisch-wissenschaftliche Resonanzen“ (Workshop Leitung Sarah Hübscher und Sabine Funk. Raum für künstlerische Forschung – Frappanz e.V. Dortmund) im Rahmen der Jahrestagung „Kulturelle Bildung – eine Resonanzoase? Zugänge und Grenzen der Weltbeziehung“ der Wissensplattform kubi-online 2025 (17.-18. März 2025 an der Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW in Remscheid) wurden unterschiedliche Settings der Situierung erprobt. Der Moment der Begegnung wurde im Ablauf des Workshops entschleunigt, um dem Finden vorab überhaupt die Möglichkeit der Suche einzuräumen. Die teilnehmenden Personen kamen aus sehr unterschiedlichen Kontexten: aus der freien Jugendkulturarbeit, der Hochschulbildung, der schulpraktischen Arbeit oder der freien Kunst. Die Phasen des Workshops waren als geschlossene Handlungschoreografien angelegt, die aufeinander aufbauten:
In einer kurzen Speeddating-Phase What’s a frequency? hatten die 26 teilnehmenden Personen in Zweier-Konstellationen die Möglichkeit, sich einander vorzustellen und sich grundlegend dem Begriff der Frequenz anzunähern. Mit den Leitfragen „Wer bin ich?“, „Was sind meine Kontexte, wo verorte ich mein Handeln?“ und „Was verstehe ich unter Frequenz?“ näherten sie sich einander. Die Gespräche fanden in zwei gegenüberstehenden Stuhlreihen statt. Eng nebeneinander platziert war es nötig, einen Umgang mit der Lautstärke, dem eigenen Sprechen und fokussierten Zuhören in der räumlichen Voraussetzung zu finden. Dies geschah unter Zeitdruck – als Vorgabe waren nur wenige Minuten gesetzt – und erzeugte Stress und Irritationen, auch wenn dies weder von den Teilnehmenden artikuliert noch von der Workshopleitung thematisiert wurde. Ziel war eine Aktivierung und die implizite Thematisierung von üblichen ersten Begegnungen in Arbeitskontexten, die selten den Raum für die Suche und das Finden als Momente der Selbstaufmerksamkeit einräumen. Das Auflösen der Zweier-Konstellationen sowie eine kurze Definition (siehe oben) des Begriffs Frequenz schloss die Einführungsphase ab.
Es folgte ein Wechsel des Settings. In Kleingruppen von vier bis sechs Personen wurden nun neue Konstellationen sitzend an Tischen auf Stühlen eingegangen. Als Material lag den Teilnehmenden ein Bleistift sowie ein Arbeitsbogen vor. Die neue Phase stand unter dem Motto What’s your frequency?, mit dem Fokus auf die eigene Frequenz als Self-Check und Selbstaufmerksamkeitsphase. In stiller Arbeit widmete sich jede Person dem Arbeitsbogen, der einleitende Text lautete: „Lies dir alle Fragen in Ruhe durch, damit du ein Gespür für die thematischen Felder bekommst. Es geht um Selbsteinschätzungen der Zustimmung oder Ablehnung von Aussagen. Auf der y-Achse siehst du die Abstufungen von starker Zustimmung (+ +) bis hin zu starker Ablehnung (- -). Auf der x-Achse siehst du eine Nummerierung entsprechend den Fragen. Lies die erste Frage und markiere einen Punkt auf der Koordinate entsprechend deiner Einschätzung. Gehe zur nächsten Frage und wiederhole. Wenn du alle Fragen bearbeitet hast, verbinde alle Punkte zu deiner eigenen Frequenz.“ Der Aussagenkatalog umfasste 27 Aussagen, diese betrafen sehr unterschiedliche Momente im Kontext von Arbeit und Persönlichkeit und boten die permanente Möglichkeit, mit sich selbst in Aushandlung und Verhandlung zu gehen. Zugleich wurden aber auch Bedingungen und Umstände des Arbeitsumfeldes und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen thematisiert. Es ging um Bedürfnisse und Ressourcen. Die Reihung der Aussagen und die Vehemenz der Aussagen waren dynamisch aufeinander abgestimmt, bauten mitunter aufeinander auf und brachen immer wieder mit der vorangegangenen Thematik (Fragen vgl. Fragebogen). Beispielsweise folgen im Mittelteil der Aussagen 12 – 18 sehr unterschiedliche Perspektiven aufeinander:
- „12. Ich identifiziere mich mit meiner Arbeit.
- 13. Meine Arbeit identifiziert sich mit mir.
- 14. Ich bin prekär beschäftigt.
- 15. Meine Arbeit bringt mich regelmäßig an Grenzen.
- 16. Inhaltliche und administrative Arbeit sind ausgewogen.
- 17. Meine Kolleg*innen sind für meine Arbeit wertvoll.
- 18. Meine Kolleg*innen sind für mich wertvoll.“
Der Aussagenkatalog startete und endete mit ein und derselben Aussage – eben nur zu einem unterschiedlichen Zeitpunkt der Übung: Ich bin hier und jetzt präsent.
Auf die intensive Selbstreflexionsphase folgte ein Abgleich der Markierungen und der durch die Verbindungslinien entstandenen sichtbaren Schwingungen und „Frequenzen“ in den Skalen des Koordinatensystems auf dem Arbeitsbogen. (Die Arbeitsanweisung dazu lautete: „Vergleiche in Gruppen deine Frequenz. Übertragt eure individuelle Frequenz auf eine gemeinsame Folie. Diskutiert. Formuliert in der Kleingruppe drei Fragen, die ihr an diesen Resonanzraum stellen wollt. Notiert sie auf den Karteikarten.“) Der Begriff der Frequenz wird hier gefordert und gedehnt und zugleich zum spielerischen Element, um Verbindungen zu betonen. Der visuelle Charakter von Kurven, Ausschlägen und Zuspitzungen macht die Frequenz zum visuellen Element, dass in gleichen Teilen Erkenntnis-, Kommunikations- und Zeigmedium ist. Bei diesem Self-Check-Check wurde zunächst kein verbal-kommunikativer Prozess angebahnt, sondern eine visuelle Strategie verfolgt: Auf einer maßstabsgerechten Folie wurden alle Frequenzen einer Kleingruppe mit farbigen Folienstiften übertragen und gesammelt. Das Gemenge der überlagerten Frequenzen machte thematische Knotenpunkte sofort sichtbar: Welche Aussagen sind mit gleichstarken Ausschlägen versehen, welche Reaktionen ähneln einander, wo unterscheiden wir uns. Die Personenkonstellation der Kleingruppe wurde so visuell auf gleiche Bedürfnisse und unterschiedliche Wahrnehmungen direkt hingewiesen – unmoderiert und wertfrei. Es folgte ein intensiver Austausch über Ähnliches, Unterschiedliches und Gleichzeitiges. Aus der entschleunigten Begegnung, der Selbstaufmerksamkeit und Positionierung formulierten die Konstellationen nun gemeinsame Fragen an einen möglichen Handlungsraum – einen gemeinsamen Resonanzraum.
In einer dritten und letzten Phase folgte ein Ortswechsel zum Außenbereich der Akademie in Remscheid, um der Frage What’s our frequency? nachzuspüren. Gelingt es gemeinsam ins Schwingen zu kommen? Kann diese Schwingung visuell erfasst werden? In einem markierten Aktionsbereich stellten sich Vertretende jeder der Kleingruppen-Konstellationen auf einer Grundlinie auf. In ihren Händen hielten sie ein langes Seil, welches die Verbindung und gleichzeitig den Ausschlag der Schwingung markierte. Die kollektiv entwickelten Fragen aus den Gruppen wurden nun an die Vertretenden gestellt. Zustimmungen würden mit einem Schritt nach vorn, Verneinungen mit einem Schritt zurück beantwortet. Die performative Dynamik wurde mit Kreidekreuzen auf dem Boden dokumentiert. Die abschließende Handlung war das Platzieren des Seiles nach Beantwortung der letzten Frage. Die Vertretenden verließen den Aktionsbereich und legten die kollektive „Frequenz“ offen.
Die Kurzbeschreibung des rund 90-minütigen Workshops zeigt neben dem Prozess von Begegnungen und Möglichkeiten der Aushandlung, Verhandlung und Verortung – dem Suchen und Finden von Frequenzen – als selbstreflexive Praxis vor allem auch eine Versuchsanordnung: Wie gelingt ein Transfer der Vermittlung von theoretischem Wissen in praktische Handlungen und wie erfolgen Rückkopplungen, um aus der Praxis heraus theoriebildend zu wirken? Wie können Ansätze künstlerischer Forschung Spielweisen erproben, neue provozieren, Irritationen hervorbringen, thematisieren und produktiv machen? Wie kann ich mich in einer Theorie im wahrsten Sinne bewegen und performen?
Von der Reflexion zur Interaktion
Mit diesen Fragen im Gepäck lohnt es sich den Arbeitsbegriff der Frequenz in praktische und theoretische Felder mitzunehmen und ihn in kollaborativen Settings immer wieder neu zu befragen und in neuen Konstellationen zu codieren oder umzucodieren. Insbesondere in pädagogischen und ästhetischen Settings, wie Sarah Hübscher sie am Beispiel musealer Interaktionen (Hübscher 2020) beschreibt, wird diese Frequenzarbeit zur Voraussetzung resonanter Bildungserfahrungen in hybriden und fluiden Räumen. Aushandlung ist auch ein permanenter Reflexionsprozess, der gängige Praxen in einem Immerwieder hinterfragt, Gleichzeitigkeiten aller beteiligten Personen berücksichtgt und tranformative Bildungsbewegungen zulässt. „Bildungsprozesse bestehen in der Entstehung neuer Formen, neuer Figuren des Welt- und Selbstverhältnisses in Auseinandersetzung mit Problemen, zu deren Bearbeitung die bisherigen Figuren des Welt- und Selbstverhältnisses nicht ausreichen“ (Koller 2007:50). Die Aussagen knüpfen an ein Verständnis von Bildung als lebenslangen Prozess der Entfremdung und Selbstreflexion an – als reflexives In-der-Welt-Sein –, der als transformative Grundkonstellation des Menschseins gefasst werden kann und in der transformatorischen Bildungstheorie bei Hans-Christoph Koller eine explizite Ausarbeitung erfährt (vgl. Koller 2012). Gegenwärtige Kulturpraxis ist durch Hybridität gekennzeichnet – durch Übergänge zwischen Digitalem und Analogem, Privatem und Öffentlichem, Individuellem und Kollektivem. Fluidität beschreibt nicht Beliebigkeit, sondern die Fähigkeit, zwischen diesen Modi zu wechseln, ohne Resonanz zu verlieren. Frequenzarbeit meint in diesem Zusammenhang die Kompetenz, diese Übergänge wahrzunehmen und zu gestalten. Denn diese Prozesse sind längst nicht mehr an feste institutionelle Grenzen gebunden, sondern vollziehen sich in Netzwerken von Medien, Räumen und Körpern. Hier wird Frequenz auch zum heuristischen Instrument, um die Qualität dieser Übergänge zu bestimmen – etwa wenn Jugendliche in digitalen Kunstvermittlungsprojekten zwischen analogem und virtuellem Raum oszillieren. Frequenzarbeit ermöglicht dann eine bewusste Synchronisierung dieser Erfahrungsräume, ohne sie auf Einheit zu reduzieren. Frequenzarbeit ist eine reflexive Praxis und markiert Räume der Aushandlung.
Die Fokussierung auf die erste Begegnung in Arbeitskontexten der Kulturellen Bildung – aber sicherlich auch anderen Arbeitsfeldern – ist als intensivierender Prozess und tatsächliche Eröffnung von Denk- und Handlungsräumen (vgl. Hübscher 2020) zu verstehen. In der Selbstvergewisserung durch Reflexion ist die Etablierung sozialer Praktiken, in denen Beziehungs- und Erfahrungswissen, neben Fachkompetenz und theoretischem Wissen, eine Bedeutung (zurück-)erlangen, implizit eingeschrieben. Gerade Logiken der Installation von Reallaboren verstärken diese Multiperspektiven und verschränken Theorie und Praxis, Mensch und Medium, Raum und Resonanzpraxis. Uwe Schneidewind formuliert: „Ein Reallabor bezeichnet einen gesellschaftlichen Kontext, in dem Forscherinnen und Forscher Interventionen im Sinne von ‚Realexperimenten‘ durchführen, um über soziale Dynamiken und Prozesse zu lernen. Die Idee des Reallabores überträgt den naturwissenschaftlichen Labor-Begriff in die Analyse gesellschaftlicher und politischer Prozesse. Sie knüpft an die experimentelle Wende in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an“ (Schneidewind 2014). In diesem Sinne in Interaktion geratende Beteiligte sind relationale Akteure, deren Identität performativ in wechselseitigen Bezügen entsteht. In solchen Interaktionen werden Resonanzachsen insbesondere sozial ausgebildet: Subjekte erfahren sich als wirksam, weil andere sie wahrnehmend, interpretierend und rückmeldend erleben. Im Umkehrschluss kann eine ähnliche Aussage zur Konstruktion von Raum mit Martina Löw getroffen werden (vgl. Löw 2015. In Bezug auf Erfahrung und Kunst lohnt das Zusammendenken mit John Dewey, vgl. insbesondere Dewey 1989). Damit einher geht auch ein Konstellationswechsel, wie er auf einer Mikroebene im Workshop umgesetzt wurde. Das Wechseln und Intensiveren von Rollen wirkt kollaborationsfördernd. Dieser Dreh in der Anordnung der Rollen und Konstellationen kann insbesondere ein wichtiger Prozess in institutionsübergreifenden Projekten sein. Insbesondere geraten diese Konstellationen ins Wanken, wenn prekäre und nicht-prekäre Arbeitsverhältnisse aufeinandertreffen oder historisch gewachsene Hierarchien wie „Kurator*in trifft auf freie Kunstvermittler*in“ spürbar sind.
Das Erforschen, Sichtbarmachen und Sichtbarhalten von Gleichzeitigkeit ist ein wichtiger Moment auch intersektional sensibler Zusammenarbeit (vgl. Hübscher/Neuendank 2024). Aus der Museumsarbeit lassen sich Beispiele von kollaborativem Kuratieren anführen (vgl. Hübscher 2023), in der Kulturellen Bildung zudem exemplarisch peer-to-peer Formate oder partizipative Vermittlungsarbeit. Mit der Etablierung von Reallaboren ist nicht nur die transformative Bewegung hin zur experimentellen Wende gefasst, sondern auch eine Transformation hin zu machtkritischem Handeln in Forschungskontexten und Praxisfeldern gemeint. In den Momenten, in denen Beteiligte auf Grundlage ihres selbstreflexiven Prozesses, der hier explizit als empowernde Praxis verstanden wird, einen Zugang zu Theorie bekommen, sie in pädagogischen Settings ins Nachvollziehen und Weiterdenken involviert sind, entstehen neue Bewegungen. Frequenzarbeit bedeutet: neue Begegnungen und wirkliche Aushandlung, Verhandlung – Verortung.