Die Welt berühren: Eine ökosensible Kunstvermittlung der Verbundenheit mit dem Lebendigen

Konzept und Praxis der Kunstvermittlung am Museum Sinclair-Haus

Artikel-Metadaten

von Kristine Preuß

Erscheinungsjahr: 2025

Peer Reviewed

Abstract

Der vorliegende Beitrag untersucht, wie Kunstvermittlung und Kulturelle Bildung neue Beziehungsformen zwischen Menschen und lebendiger Mitwelt eröffnen können. Vorgestellt werden Konzept und Praxis der ökosensiblen Kunstvermittlung am Museum Sinclair-Haus der Stiftung Kunst und Natur. Der Ansatz setzt auf Verbundenheit, um der Entfremdung von der lebendigen Mitwelt etwas entgegen zu setzten, die der französische Autor und Philosoph Baptiste Morizot als „Krise der Sensibilität“ bezeichnet. Hier richtet sich die Vermittlungsarbeit explizit auf das Wahrnehmen, Erleben und ästhetische Erforschen der lebendigen Mitwelt, um das, was man allgemein als „Natur“ bezeichnet, besser kennen zu lernen. Die Kunstvermittlung kann hier das sinnliche Erleben öffnen und ein Erfahrungsraum sein, in dem ökologische, soziale und ästhetische Dimensionen miteinander in Beziehung treten. Kunstvermittlung und Kulturelle Bildung werden in dieser Konzeption als Einladung zur planetaren und sozialen Mitgestaltung verstanden.

Einleitung

Kunstvermittlung kann die Vorstellungskraft und die Wahrnehmungsfähigkeit für das Lebendige stärken, gerade im Bewusstsein des Anthropozäns. Am Museum Sinclair-Haus der Stiftung Kunst und Natur entwickeln wir unter meiner Leitung der Kunstvermittlung seit über zehn Jahren Formate in diesem Sinne. Das Museum Sinclair-Haus ist das einzige Kunstmuseum Deutschlands mit dem thematischen Schwerpunkt Kunst und Natur. Die Ausstellungen und die Kunstvermittlung erkunden die lebendige Welt als mehr-als-menschliches Beziehungsgeflecht. Im Mittelpunkt stehen die Künste, die punktuell erweitert werden durch Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften.

Der folgende Beitrag stellt die Haltung der Kunstvermittlung am Museum Sinclair-Haus vor: Was bedeutet es ganz praktisch, ein Miteinander unterschiedlicher Seinsformen zu denken, den Menschen als eingebettet in ökologischen Gefügen zu verstehen, Empathie sowie Mitgefühl zu fördern, Freiräume zu schaffen, sich Zeit zum Zuhören zu nehmen und Fragen zu stellen, die unser Zusammenleben mit anderen Spezies betreffen? Ein Ausgangspunkt für die Betrachtung unserer (gestörten) Beziehungen zur lebendigen Welt ist die vom französischen Philosophen Baptiste Morizot (2024) beschriebene „Krise der Sensibilität“. Darauf aufbauend wird der Ansatz einer ökosensiblen Kunstvermittlung vorgestellt – analog zum ökosensiblen Kuratieren im Museum Sinclair-Haus, das seit 2020 unter der Leitung von Kathrin Meyer entwickelt wird (vgl. Meyer 2025: „Öko-sensibles Kuratieren: Lebendigkeit erzählen, Beziehungen knüpfen“).

Eine Krise der Sensibilität

Wir befinden uns global in multiplen Krisen, wobei die Klima- und Biodiversitätskrisen zu den größten Herausforderungen gehören. Ihre Entstehungen hängen zusammen, so Morizot, mit einer Wahrnehmungs- und Beziehungskrise zum Lebendigen. Wenn Jugendliche mehr Marken- als Pflanzennamen kennen (vgl. Morizot 2024:14), wenn Vogelstimmen anonym bleiben und auf die Saisonalität von Gemüse hingewiesen werden muss, sind das nur einige Beispiele für eine „Krise unserer Beziehungen zum Lebendigen“.

Das Ereignis, mit dem die Krise der Sensibilität beginnt, besteht darin, dass die lebendige Welt aus dem Bereich der kollektiven und politischen Aufmerksamkeit, aus dem Bereich des Wichtigen und Bedeutsamen herausgefallen ist. […] Unter ‚Krise der Sensibilität‘ verstehe ich die Verarmung der Möglichkeiten, wie wir Lebendiges fühlen, wahrnehmen und verstehen können, welche Beziehungen wir zum Lebendigen knüpfen können.“ (Morizot, 2024:17)

In urbanen, hochgradig technisierten Lebenswelten fehlt ein intensives Erleben der natürlichen Umgebung, fehlen Geschichten und Erfahrungen mit ihr. Wie können wir also unsere Umgebung, etwa Pflanzen, Tiere, den Boden und die natürlichen Kreisläufe des Lebens besser kennenlernen? Wie können wir Möglichkeiten schaffen, Lebendiges zu fühlen? Museen können sich daran beteiligen, diese Leerstelle zu füllen. Die Kulturelle Bildung kann zur sinnlichen Wahrnehmung der „Natur“ und zur künstlerischen Auseinandersetzung mit ihr einladen. Kunstvermittler*innen können in Beziehungsfragen Mensch und Natur „verkuppeln“.

Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Transformationsprozesse stellen alle Menschen – auch Kinder und Jugendliche – vor vielfältige Probleme (vgl. BMFSFJ 2024). Wie damit umgehen in der Bildungsarbeit? Angesichts ökologischer Krisen, digitaler Transformation und sozialen, wirtschaftlichen und politischen Wandlungsprozessen wird Kulturelle Bildung zu einem interdisziplinären Handlungsraum.

Ökosensible Kunstvermittlung im Museum Sinclair-Haus

Die Kunstvermittlung lädt Passant*innen (bei Projekten im öffentlichen Raum), sowie Besuchende im Museum und Teilnehmende in Projekten Kultureller Bildung dazu ein, die lebendige Welt ästhetisch zu erforschen und (neu) zu entdecken – mit dem Fokus, auf den jeweils in den Ausstellungen thematisierten, konkreten Beziehungen zu Pflanzen, Tieren, Pilzen, Steinen, Wolken und vielem mehr. (Anmerkung: Der Begriff „Natur“ wird hier im Text in Anführungszeichen gesetzt, um auf seine kulturell geprägte Konstruiertheit zu verweisen, die stark von menschlichen Vorstellungen, Projektionen und historischen Kontexten abhängt.) Dabei reflektieren sowohl die Ausstellungen als auch die Bildungsarbeit die planetaren Grenzen und die Verantwortung des Menschen für sein Handeln.

Der thematische Schwerpunkt „Kunst und Natur“ des Museums Sinclair-Haus besteht seit 2007, ab 2010 begann unsere Arbeit der Kunstvermittlung am Haus, die dann 2016 in eine eigene Abteilung unter meiner Leitung mündete. Die Bildungsarbeit am Museum Sinclair-Haus kann daher auf viele Jahre Erfahrung im Einsatz von künstlerischen Zugängen zur lebendigen Welt zurückgreifen. Seit 2020 entwickeln wir – analog zur Weiterentwicklung der kuratorischen Arbeit am Museum – eine „ökosensible“ Kunstvermittlung. Kathrin Meyer, seit 2020 Direktorin des Museums Sinclair-Haus, schreibt:

„Ökosensible Ausstellungen nutzen künstlerische, wissenschaftliche und praktische Zugänge, um andere Tiere, Pflanzen, Pilze oder geologische Formen nicht als Symbol, Objekt oder Ressource, sondern als Mitwesen wahrnehmbar zu machen. Eine wichtige ethische Grundlage hierfür ist die Anerkennung, dass jedes Lebewesen eine eigene Perspektive besitzt und seine Umwelt entsprechend gestaltet.“ (Meyer 2025: „Öko-sensibles Kuratieren: Lebendigkeit erzählen, Beziehungen knüpfen“)

Eine ökosensible Kunstvermittlung verfolgt das Ziel, im direkten Kontakt mit den Menschen unterschiedlicher Altersklassen, Begegnungen mit der lebendigen Welt herbeizuführen – sei es künstlerisch-forschend im Atelier oder draußen, sei es reflektierend im Ausstellungsraum. Ein Schwerpunkt der Kunstvermittlung am Museum Sinclair-Haus liegt auf der Kulturellen Bildung an Schulen, da sie sich parallel zum „KulturTagJahr“ an Schulen entwickelte (von 2007 bis 2019 führte die Stiftung das Projekt Kultureller Bildung immer zu Themen der Kunst und Natur an sieben Schulen in Hessen und Bayern durch). Heute umfassen die Angebote Workshops, Führungen, Spaziergänge, Fortbildungen, Schul-Kooperationen und andere Formen, in denen die Teilnehmenden reflektieren oder in die eigene freie künstlerische Auseinandersetzung gehen können. Sie werden angeregt, ihre Umgebung mit allen Sinnen neu wahrzunehmen. Die Vermittlungsangebote gehen zuweilen räumlich – in Outreach-Formaten – und inhaltlich über die Ausstellungen hinaus, erweitern die Themen, spielen assoziativ mit ihnen und laden zur erweiterten Auseinandersetzung ein. Immer ist es unser Ziel, die Fähigkeit zu schulen, langsam zu werden, sich auf Unbekanntes einzulassen und andere Wesen als eigenständig zu erleben, mit denen wir als Menschen auf vielfältige Weisen verbunden sind.

Ausgehend von Praxisbeispielen der Kunstvermittlung am Museum Sinclair-Haus werden im Folgenden fünf Arbeitsfragen skizziert, die unsere Konzeptionen von Formaten leiten und die Möglichkeiten einer Kunstvermittlung mit Ökologie- und Naturbezug ausloten.

Strategien, Haltungen und Perspektiven der ökosensiblen Kunstvermittlung am Museum Sinclair-Haus

Ökosensible Kunstvermittlung – Mit Wissen, Empathie und Verletzlichkeit der lebendigen Welt begegnen, ausgehend von den Künsten

1. Strategien der Kunstvermittlung

  • Empathie und Verwandtmachen als Grundlagen der Begegnung mit anderen Wesen; sich als Teil eines großen Netzwerks des Lebens verstehen
  • Kollaboration und Companionship stärken: Solidarität und Mitgefühl erweitern (Beziehung als Grundlage von Lernen, Offenheit für Interspezies Lernprozesse)
  • Sinnliches Erleben fördern; Wahrnehmung der lebendigen Welt schärfen und vertiefen und erweitern
  • Begegnung mit Kunstwerken und kollaborative Kreativität im Museum zu Möglichkeitsräumen für ästhetische Erfahrung werden lassen; Begeisterung, Freude und Staunen über die Schönheit der lebendigen Welt
  • Künstlerisches Experimentieren ermöglichen; Selbstwirksamkeitserfahrungen und Ausdrucksmöglichkeiten erweitern; Spiel, Fantasie und Kreativität fördern; Vorstellungskraft stärken und trainieren
  • Interdisziplinäre Perspektiven entwickeln; Künste, Naturwissenschaften und andere Wissensformen miteinander verbinden, um neue Perspektiven auf die lebendige Welt und unsere Beziehung zu ihr zu gewinnen; Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Mitwelt fördern; neue Blickwinkel auf das eigene Erleben der Welt erproben
  • Begegnung und Öffnung als Grundprinzipien der Vermittlungsarbeit; Zusammenhalt, Gemeinschaft und Austausch stärken, Vereinzelung und Einsamkeit entgegenwirken; kulturelle Teilhabe stärken

2. Haltungen der Kunstvermittlung

  • Offenheit für emotionale Berührung: Gefühle, eigene Erfahrungen und Verletzlichkeit als Teil der Auseinandersetzung mit den Themen und Exponaten im Museum
  • Verantwortung und Fürsorge: Solidarität, Verbundenheit und wertebasiertes Arbeiten vorleben; verantwortungsvoll mit Ressourcen und Beziehungen umgehen; Zeit für organisches Lernen und ästhetische Prozesse, die langsam entstehen, sich entfalten und transformieren dürfen; Interesse an den Perspektiven des Gegenübers
  • Mehr Fragen stellen, als Antworten geben; Philosophieren; Zuhören

3. Methoden der Kunstvermittlung

  • Künstlerische Praxis; ästhetisches Forschen
  • Orte außerhalb des Museums und des Ateliers der Kunstvermittlung aufsuchen, andere Menschen inspirieren
  • Körperübungen, Achtsamkeitsübungen, Wahrnehmungsübungen mit allen Sinnen
  • Einfühlung und Perspektivwechsel; Anthropomorphisieren erleichtert Empathie und Perspektivwechsel, um andere Lebewesen zu verstehen (ohne dabei komplexe biologische Realitäten zu verzerren); Embodiment und Verkörperung; Kreatives Schreiben; Bildgespräche; Philosophieren; Storytelling
  • Interdisziplinäre Formate; Qualitäten künstlerischer und wissenschaftlicher Zugänge verbinden, Spaziergänge mit dem Fokus auf künstlerische Praxis und Naturwissenschaft zur Förderung der Wahrnehmungsfähigkeit

Wie können Teilnehmende durch Kunst ihre Beziehung zur Mitwelt reflektieren?

Die „Natur“ im Anthropozän, die Spuren menschlichen Wirkens trägt, erfordert es, vertraute Sichtweisen infrage zu stellen und neue Perspektiven einzunehmen. In der Auseinandersetzung mit Kunst können Besuchende und Teilnehmende Erfahrungen von Uneindeutigkeit machen – sie werden angeregt, die komplexen und oft ambivalenten Beziehungen zwischen Menschen und mehr-als-menschlicher Mitwelt kritisch zu reflektieren.

Wenn wir etwa in der Ausstellung Was ist Natur? (2020/21) im Rahmen einer Führung das Nest einer Elster betrachten, das zu einem großen Teil aus menschengemachten Baumaterialien besteht, die der Vogel am Frankfurter Flughafen sammelte, reflektieren wir mit den Teilnehmenden unterschiedliche Naturbegriffe. Was meine ich genau, wenn ich „Natur“ sage? Welche Werte und Ängste projizieren wir auf die Natur, wenn wir sie beschreiben oder schützen wollen? In welchem Verhältnis stehen „Natur“ und „Kultur“? Stehen wir Menschen außen? Gibt es ein „Außen“ überhaupt? Die Einladung zur Befragung des eigenen Naturverständnisses und der eigenen Projektionen auf Pflanzen, Tiere und Ökosysteme ist ein Grundmoment der Arbeit am Museum Sinclair-Haus und wird als Thema und Praxis der Kunstvermittlung exemplarisch im Blattwerke-Heft „Was ist Natur?“ (Stiftung Kunst und Natur 2020) bearbeitet (Blattwerke, die Publikationsreihe der Kunstvermittlung seit 2015, Museum Sinclair-Haus).

In Workshops erproben wir unterschiedliche Möglichkeiten für die Auseinandersetzung mit „Natur“, etwa durch Empathie-Übungen und Rollenspiele. Zur Ausstellung Wälder. Von der Romantik in die Zukunft (2024) wurden in Workshops Liebesbriefe an Bäume (mit Nicole Horny) und andere Wesen verfasst. Spaziergänge mit künstlerischen Praxis-Anteilen (etwa Zeichnen) lenken den Fokus auf Flora, Fauna und Funga der unmittelbaren Umgebung (etwa zu Pilze. Verflochtene Welten, 2024; Unter Pflanzen, 2025). Nach der Kunstbetrachtung mit Gruppen – etwa im Anschluss an Schulklassenführungen und -workshops, in Ferienkursen für Kinder und im Erwachsenenkurs – gehen wir wann immer möglich nach draußen, um den Kontakt mit Pflanzen, Insekten, Vögeln, Boden oder Wasser zu suchen, und so zum eigenen Erleben zu ermutigen – nach der Erfahrung der Kunstwerke drinnen im Museum. Mittels Malerei, Zeichnung, Druck, Fotografie, musikalischer Komposition oder Tanz laden wir die Teilnehmenden zur sinnlichen und körperlichen Wahrnehmung der Mitwelt ein. Dabei beobachten wir, wie sich die Sensibilität häufig vertieft – oder erst hergestellt wird.

In Kinder-Ferienkursen und Kooperationen mit Schulen entstehen über längere Zeiträume hinweg künstlerische, literarische, musikalische und tänzerische Reflexionen und Neuerfindungen. Dabei stehen die Ideen der Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt, während die vermittelnden Künstler*innen die schöpferische Ideenfindung der Teilnehmenden unterstützen. Hier wird also nicht nur Wissen über die Kunstwerke vermittelt, künstlerische Techniken vorgestellt, sondern es wird parallel zu den Ausstellungen und über sie hinaus künstlerisch gearbeitet. Die Grundschüler*innen der Hölderlin-Schule (die Patenschule des Museums) etwa arbeiten über mehrere Wochen hinweg im benachbarten Wissensgarten des Schlossparks (ein Teil des Schlossparks Bad Homburg, der Gruppen zum eigenen Gärtnern zur Verfügung gestellt wird und den wir als Kooperationspartner nutzen dürfen). In den Abschlusspräsentationen in den Bereichen Kunst, Tanz, Literatur/Schauspiel und Musik wird häufig deutlich, dass sich die Beziehungen der Kinder etwa zu Pilzen, Bäumen, Nachtfaltern oder Vögeln verändert und meist vertieft haben.

Abb. 1: Ferienkurs für Kinder zur Ausstellung Naturkleid 2016 im Museum Sinclair-Haus, © Museum Sinclair-Haus

 

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Abb. 2: Künstlerisches Erforschen, Schulprojekt mit einem achten Jahrgang, © Museum Sinclair-Haus

Wie kann Kunstvermittlung die Vorstellungskraft für mögliche Zukünfte öffnen?

Kunstvermittlung kann die Vorstellungskraft öffnen, indem sie Räume schafft, in denen zweckfreies künstlerisches Handeln möglich ist.

Das Unbekannte und die Zukunft imaginieren – wie geht das? Neues lernen und sich dabei tätig und kreativ in einer Gemeinschaft erleben – vielleicht liegt hier ein Potenzial für Wandelmut unseres Verhältnisses zur lebendigen Welt? In künstlerisch-gestalterischen Prozessen – etwa durch das Arbeiten mit den Händen, das eigene Erforschen der Umgebung, durch Wahrnehmen mit allen Sinnen, den Austausch über das Erlebte und kreatives Schaffen von Artefakten erleben die Teilnehmenden ihre Selbstwirksamkeit. Die Lernenden begegnen nicht nur externen Inhalten, sondern sich selbst: ihrer „Handschrift“, ihren Ideen, ihrem eigenen Weltbezug (vgl. Spitzer, 2012; Göhlich/Zirfas, 2007) durch Selbstbildungsprozesse (vgl. Reinwand-Weiss 2013/12). In künstlerischen Freiräumen dürfen Fragen offenbleiben, Prozesse sich entfalten und Neues entstehen – jenseits von Bewertungen oder festgelegten Zielen. Durch das gemeinsame Erkunden, Experimentieren und Imaginieren können Perspektiven entstehen, die nicht nur andere Zukünfte denken, sondern sie auch fühlbar und vorstellbar machen.

Diese Prozesse möchten wir mit unseren Formaten in der Kunstvermittlung am Museum Sinclair-Haus fördern. In Schulklassen-Workshops, Ferienkursen und Schulprojekten regen wir Kinder und Jugendliche gezielt dazu an, ihre Vorstellungskraft weiterzuentwickeln und ihre Visionen bildnerisch sichtbar zu machen. Dabei suchen wir nach Formen, um zukunftsorientierte, ökologische oder philosophisch-forschende Fragen zu verhandeln wie etwa: Wie kann ich mir das Leben im Boden unter meinen Füßen vorstellen? In welchen Beziehungen stehen wir Menschen zur lebendigen Mitwelt? Wie sieht das Zusammenleben der unterschiedlichen Lebewesen (darunter Menschen) in den Städten und auf dem Land zukünftig aus? Wie können wir von Pilzen lernen?

Kunstvermittlung kann zur Werkstatt für Imagination werden: Das Unbekannte wird nicht nur gedacht, sondern ausprobiert, ästhetisch erlebt, gestaltet, entworfen und gemeinsam verhandelt: etwa in Schulklassenworkshops wie „Grüne Städte der Zukunft“, in welchen Stop-Motion-Videos entstanden (zur Ausstellung Wandelmut 2022) oder durch Miniaturwelten und Collagen zu Eislandschaften (zur Ausstellung Ewiges Eis, 2021/22) oder in der Kreation von Nachtfaltern und ihren Lebensräumen (zu Nachtleben, 2025). Dabei verfolgt das Museum Sinclair-Haus sowohl in den Ausstellungen als auch in den Vermittlungsangeboten das Ziel, gelingende Projekte und neue Zukunftsnarrative vorzustellen, statt allein Missstände aufzuzeigen. Wir arbeiten mit der Kraft positiver Visionen – im Sinne von Martin Luther King „I have a dream“, nicht „I have a nightmare“ (Vgl. Ellies 2025).

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Abb. 3: Zukünfte des Wohnens, Modelle aus dem Ferienkurs für Kinder 2021, © Museum Sinclair-Haus
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Abb. 4: Werden wir zukünftig mit pflanzlichen Erweiterungen leben? Ferienkurs für Kinder zur Ausstellung Unter Pflanzen 2025, © Museum Sinclair-Haus

Wie gestalten wir unsere Beziehungen zur mehr-als-menschlichen Welt verantwortungsvoll?

Die eigene Beziehung zur Mitwelt ist ein zentrales Thema in der Kulturellen Bildung des Anthropozän. Ökosensible Kunstvermittlung ist Beziehungsarbeit. Dabei geht es um Prozesse der Beziehungsgestaltung – zu sich selbst, zu anderen Menschen und im Fall von ökologischen Themen zur mehr-als-menschlichen Welt. Wie bei allen Beziehungen ist auch hier ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen zentral: Was bekomme ich von meiner Mitwelt und was bekommt sie von mir?

Im Nachdenken über Natur und Kultur eröffnen sich grundlegende Fragen an unser Verhältnis zur mehr-als-menschlichen Welt, zur belebten und unbelebten Mitwelt:

  • Welche Beziehung habe ich zur mehr-als-menschlichen Welt – zu Tieren, Pflanzen, Steinen, Erde und Luft?
  • Wie möchte ich diese Beziehungen gestalten?
  • Welche Formen des Miteinanders sind förderlich für ein zukunftsfähiges Zusammenleben?
  • Welche anderen, auch kulturell geprägten, Beziehungsformen existieren?

Diese Fragen führen zu einer ethischen Positionierung der Vermittlungsarbeit: Verantwortung, so ist unsere Haltung im Museum Sinclair-Haus, entsteht aus der Gestaltung der eigenen Beziehung zur Welt. Sie ist dabei nicht als allumfassender Verantwortungsanspruch gegenüber dem gesamten Planeten zu verstehen, sondern als konkrete Möglichkeit der Mitgestaltung im alltäglichen Handeln. Verantwortung wird somit nicht als abstrakte, übergroße Last („Ich bin für den gesamten Planeten verantwortlich“) begriffen, sondern als aktive, relationale Praxis: „Ich bin verantwortlich für meine Beziehung zur Welt“ (vgl. Ellies, 2025) – und die Gestaltung meiner Beziehungen hat Auswirkungen auf den Planeten, ob ich will oder nicht.

Diese Haltung eröffnet Räume für Sorge, Respekt und achtsame Mitgestaltung. Wie jede Beziehungsarbeit erfordert sie Zeit, Aufmerksamkeit und Flexibilität – und bleibt zugleich fragil. Wie können wir als Vermittler*innen aufrichtige, vorbehaltlose und vertrauensvolle Begegnungen als Basis für Prozesse der Interaktion und Partizipation ermöglichen? Wie können wir Beziehungsfähigkeit vermitteln und eine Haltung vorleben, die nicht nur emotional, sondern auch ethisch und rational verankert ist?

Am Museum Sinclair-Haus teilen wir die Vorstellung, dass planetare Verantwortung nicht gelehrt, sondern erlebt, reflektiert und gemeinsam entworfen werden sollte. Sie entsteht dort, wo Menschen die eigene Wirksamkeit im Beziehungsgeflecht der Welt erkennen und beginnen, diese Beziehungen bewusst und sorgsam zu gestalten. In diesem Sinne zielt Kunstvermittlung neben der Wissensvermittlung auf das Reorganisieren von Beziehungen – sowohl zwischen Menschen und Kunstwerken als auch zur lebendigen Mitwelt außerhalb des Museums.

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Abb. 5: Verlesen des Manifests für Insekten, Ferienkurs für Kinder 2019, © Museum Sinclair-Haus

 

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Abb. 6: Familienführung in der Ausstellung Wälder 2024: Als Baum durch eine Ausstellung gehen, in der Menschen Bäume malen – wie würde man die eigene Welt darin wiederfinden? © Museum Sinclair-Haus

Wie können Räume der Kunstvermittlung Berührbarkeit, Sorge und Mitgestaltung fördern?

Die Klimakrise hat direkte und indirekte psychische Folgen (vgl. Dohm 2025:28f). Die Herausforderungen durch globale Krisen (wie auch kriegerische Auseinandersetzungen und Desinformation) betreffen uns alle und „erfordern von uns eine kontinuierliche Auseinandersetzung und Weiterentwicklung – fachlich, methodisch und auch menschlich.“ (Dohm 2025:7). Kunstvermittlung kann eine solche Auseinandersetzung ermöglichen, indem sie Gefühle ernst nimmt und gezielt damit arbeitet. Das Nachdenken und Sprechen über Verlust bei der Kunstbetrachtung – etwa das Aussterben von Arten, Schmelzen von Gletschern, beschädigte Landschaften und Solastalgie-Erfahrungen – braucht Räume der Reflexion, Zeit für Emotionen und das stärkende Gefühl von Gemeinschaft, um Ohnmachtsgefühlen entgegenzuwirken. Wir arbeiten hier aus einer Haltung der Berührbarkeit heraus, die über die Vermittlung rein faktenbasierten Wissens hinausgeht und ein ganzheitliches, leiblich-emotionales In-Beziehung-Treten mit Welt ermöglicht (Preuß 2023).

Wenn wir mit Gruppen etwa in der Ausstellung Wälder. Von der Romantik in die Zukunft über Waldbrände sprechen oder eine Fotografie vom Protestcamp im Hambacher Forst (Sophie Reuter, Hambacher Forst, 2018) neben Wald-Gemälden des 19. Jahrhunderts betrachten, kommen Fragen nach ökologisch-sozialen Konflikten der Vergangenheit und der Gegenwart auf. Historisch lässt sich die Sehnsucht nach einer „unberührten“ Natur seit der Industrialisierung beobachten – als Reaktion auf die Technisierung und Verletzung natürlicher Lebensräume (Schmitz 2025:24ff). Ein idyllisches Naturbild steht in Spannung zur Erfahrung, dass der Mensch verletzlich ist – sowohl existenziell als auch emotional und körperlich (Schmitz 2025:22f), denn:

„Die grundlegende Einsicht, dass wir jederzeit erkranken, eine Behinderung erwerben können, einer Naturkatastrophe ausgesetzt sein können, fällt uns schwer, weil wir in diffuser Weise meinen, es werde nicht uns treffen, es ginge an uns vorbei, wir hätten nichts falsch gemacht, um das zu verdienen. Es zeigt sich hier, dass es anstrengend und manchmal beängstigend ist, sich die eigene Verletzlichkeit einzugestehen. Wir machen uns nicht gern klar, wie vielfältig wir auf eine Außenwelt angewiesen sind.“ (Schmitz 2025: 26)

In Gesprächen über Kunstwerke kann eine doppelte Beziehung zur Natur thematisiert werden: Wir sind Teil der Natur, in ihr verletzlich – und zugleich durch sie verletzbar (Schmitz 2025:32). In Momenten der Berührbarkeit in Kunstbetrachtung und Kunstpraxis kann diese Spannung nicht nur bewusst erlebt, sondern auch produktiv gewendet werden – hin zu einer Haltung der Sorge, der Verantwortung und der ko-kreativen (Mit-)gestaltung planetarer Zukunft. Die Inner Development Goals (IDGs. vgl. IDG Foundation) können hier einen Orientierungsrahmen bieten. Die fünf Dimensionen der IDGs umfassen die Entwicklung einer bewussten Beziehung zu sich selbst (Sein), die Stärkung kritischer und komplexer Denkweisen (Denken), den Aufbau von Empathie und Verbundenheit mit anderen und der Umwelt (Beziehung), die Förderung sozialer Fähigkeiten für eine gelingende Zusammenarbeit (Zusammenarbeit) sowie den Mut und die Verantwortungsbereitschaft, aktiv gesellschaftlichen Wandel zu gestalten (Handeln).

In den Ferienkursen und Schulprojekten des Museums Sinclair-Haus äußern Kinder bei Bildbetrachtungen und während dem gemeinsamen Zeichnen, Malen oder Drucken immer wieder ihre Gefühle. Gemeinsam wird ausprobiert, diese produktiv zu wenden. In einem Ferienkurs zur Ausstellung Wandelmut entwickelten die Kinder zum Beispiel (mit Lena Hällmayer und Steffen Lars Popp) eine künstlerische Maschine und eine kleine Performance, wodurch frischer Kindermut symbolisch abgezapft und in Flaschen abgefüllt wurde, um es als Mutagon den Erwachsenen verabreichen zu können, die – so waren sich die Kinder einig – den frischen Mut der Kinder sehr gut gebrauchen können. Eine große Flasche Mutagon wurde dem Bürgermeister der Stadt Bad Homburg vom „Klimaparlament Rhein Main“ überreicht (Wandelmut 2022).

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Abb. 7: Kinder bauten im Ferienkurs „Wandelmut“ 2022 eine Mut-Abzapfmaschine aus einem alten Staubsauger, © Museum Sinclair-Haus

Wie lässt sich eine Kultur der Wertschätzung und Verbundenheit in der Kunstvermittlung kultivieren – und was kann sie dabei von der Ökologie lernen?

Als Kunstvermittlerinnen an einem Museum mit dem Schwerpunkt Kunst und Natur stellen wir uns auch die Frage, was Bildungsarbeit von ökologischen Prinzipien lernen kann. Also nicht von der Ökologie als Wissenschaft, sondern von Entwicklungs- und Wachstumsprozessen, von Lebewesen und Ökosystemen. So benötigt Bildungsarbeit etwa Entwicklungszeit. Eine zentrale Voraussetzung für Wertschätzung und Verbundenheit in der Bildungsarbeit ist Zeit – um zuzuhören, langsam zu werden, sich einzulassen, genau hinzuschauen und sinnlich wahrzunehmen. Zeit als Möglichkeits- und Resonanzraum, für organisches Wachstum; nicht als Ressource, die es zu optimieren gilt. Das gilt sowohl für die Teilnehmenden als auch für die Vermittelnden. Die Ausstellung Tempo. Alle Zeit der Welt reflektierte unsere beschleunigte Gesellschaft und die virtuelle CO2-Uhr des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) tickte an der Wand. Beim Kunstwerk Breathe with me (Jeppe Hein) konnten die Besuchenden entschleunigen und bewusst atmen. In der Kunstvermittlung waren Kinder und Erwachsene zum Beispiel eingeladen, besonders langsam zu zeichnen und zu malen; in einem anderen Workshop wurden lebende Schnecken aquarelliert (mit Karin Bergdolt).

Die Bildungsarbeit am Museum Sinclair-Haus selbst ist immer wieder von lebendigen Entitäten inspiriert. Indem Kulturelle Bildung Relationalität nicht nur thematisiert, sondern als pädagogisches Prinzip praktiziert, trägt sie zur Entwicklung eines ethisch-ökologischen Bewusstseins bei, das den Menschen mit Bruno Latour nicht als Zentrum, sondern als Teil eines umfassenden Beziehungsgefüges (Latour 2007) begreift. In der Bildungsarbeit realisieren wir das zum Beispiel durch das internationale Netzwerk Nature Through Art, das ich 2022 mitgründete – dazu inspiriert hatte ein Vortrag über Pilze der Naturwissenschaftlerin Lene Lange. Die weiteren Mitglieder neben dem Museum Sinclair-Haus sind die Kunstvermittler*innen des Louisiana Museums (Humblebaeck, Dänemark), Moderna Museet (Stockholm und Malmö, Schweden), die Fondation Beyeler (Riehen, Schweiz) und das Gardasafn Museum (Reykjavik, Island). Das Ziel des Netzwerks ist Peer Education – also Austausch und gegenseitige Weiterbildung, etwa bei jährlichen Netzwerktreffen und durch Veröffentlichungen (ein E-Book erscheint 2026). 

Vernetzung war auch zentrales Thema der Ausstellung Pilze. Verwobene Welten 2024 im Museum Sinclair-Haus. Pilz-Myzelien verbinden Pflanzen und Böden, ermöglichen Austausch von Nährstoffen und tragen zur Regeneration von Ökosystemen bei. Sie verkörpern eine erdzentrierte Sichtweise, in der Boden und Mikrobiom als aktive Akteure eines lebendigen Planeten gedacht werden. Auch der menschliche Körper ist kein abgeschlossenes Individuum, sondern ein durchlässiges Ökosystem. Die Zahl der Bakterien, Pilze und Viren in und auf unserem Körper übersteigt die Anzahl unserer „eigenen“ Zellen. In unserem Darm leben mehr Bakterien als Sterne in der Milchstraße (vgl. Sheldrake 2021). Dieses Wissen fordert anthropozentrische Weltbilder heraus und lädt zu einem Perspektivwechsel ein – hin zu einer mehr-als-menschlichen (vgl. Abram 2021) Sichtweise, in der Verbundenheit, Koexistenz und gegenseitige Abhängigkeit im Mittelpunkt stehen. Das ist ein starkes Bild auch für die Kulturelle Bildung. Vor allem zeigt sich, dass Netzwerke widerstandsfähige und dynamische Systeme sind: In biologischen, ökologischen wie auch kulturellen Zusammenhängen sind Gefüge und Beziehungen unerlässlich für Wandel, Stabilität und Fürsorge. In der Kunstvermittlung haben wir erfahren: Unterschiedliche Netzwerke sicht- und erfahrbar zu machen, Gefüge und Beziehungsgewebe künstlerisch darzustellen, sie zu bauen, zu zeichnen, zu drucken (experimentelles Drucken mit Netzen und Geweben aus dem Verpackungsmüll) zu knüpfen und zu weben – oder sie gemeinschaftlich, räumlich und körperlich zu erleben, macht Freude und schafft Verbundenheit. Im Rahmen von Sonntagsateliers (offene Werkstatt mit Anleitung zu einem Thema) und Outreach-Projekten im öffentlichen Raum sowie der Preview für Lehrkräfte und Kulturschaffende (ein Lehrerinformationsabend vor Ausstellungseröffnung) entstand langsam ein gemeinsames Geflecht, ähnlich einem Rhizom. Aus kleinen Ästen, Gipsbinden und Fäden wuchs die Gemeinschaftsskulptur als fragiles Gebilde immer weiter.

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Abb. 8: Eine Gemeinschaftsskulptur entsteht, hier mit Passant*innen in der Fußgängerzone am Pilz-Gewimmel Tag des Museums Sinclair-Haus zur Ausstellung Pilze – verflochtene Welten 2024, © Museum Sinclair-Haus
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Abb. 9: Wie wäre es wohl, ein Pilz zu sein? Ferienkurs für Kinder 2024, © Museum Sinclair-Haus

Wissenstransfer

Unsere Erfahrungen geben wir in der Publikationsreihe „Blattwerke“ und in einer Fortbildungsreihe an Lehrkräfte und Künstler*innen in der Bildungsarbeit weiter.

Die Blattwerke erweitern die Ausstellungsthemen um kunstpraktische Übungen, Hintergrundinformationen und Anregungen zum Weiterdenken. Sie enthalten erprobte Workshopideen und Methoden der Kunstvermittlung, Fakten, Fragen und stellen einige Kunstwerke vor. Über eigenes kreatives Tun, wissenschaftliche Erkenntnisse oder weiterführende Recherchen eröffnen sie unterschiedliche Zugänge, regen bildnerische, tänzerische und sensorische Praktiken an, um eine Verbindung zur „Natur“ und zur eigenen Lebensumwelt herzustellen.

Die Fortbildungsreihe „Kunst trifft Natur: Kulturelle Bildung vernetzen und gestalten“ in Kooperation mit dem Kulturfonds Frankfurt RheinMain vermittelt praxisnahe Impulse für eigene Projekte der Teilnehmenden im Bereich der Kulturellen Bildung und verknüpft ästhetische Forschung, künstlerische Techniken, Natur und gesellschaftliche Verantwortung. Workshops, Vorträge und Besuche außerschulischer Lernorte bieten Inspiration, Austausch und Vernetzung.

Fazit

Mit jeder Ausstellung erkunden wir, wie neue Formate der Verbundenheit und des Miteinanders in der Kunstvermittlung entstehen können. Für das Knüpfen von Beziehungen über Artgrenzen hinweg scheinen neue Herangehensweisen in der Kunstvermittlung notwendig zu sein. Weitere neue Räume wollen entdeckt werden – für die Wahrnehmung der lebendigen Mitwelt, für die künstlerische Auseinandersetzung mit „Natur“, für das Imaginieren des Unbekannten, für die eigene Berührbarkeit und für den Diskurs der Kunstvermittlung zum Thema „Natur“ im Anthropozän.

Je deutlicher wir begreifen, dass wir untrennbarer Teil der „Natur“ sind, desto klarer wird, wie wichtig es ist, diese Verbundenheit wieder zu spüren und wieder zu leben. Eine vertiefte Beziehung zu unserer lebendigen Mitwelt ist nicht nur ein persönliches Bedürfnis, sondern eine zentrale Frage unserer Gegenwart – und eine wesentliche Aufgabe für die Zukunft. Alle Bereiche unserer Gesellschaft können dazu beitragen, „Natur“ als gemeinsame Lebensgrundlage erlebbar zu machen: von den Künsten über beispielsweise die Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften bis hin zu Landwirtschaft, Handwerk, Sozialer Arbeit, Architektur oder Psychologie. Gerade einfache, sinnliche Erfahrungen – etwa ein künstlerisch gestalteter Waldspaziergang – können mehr Wohlbefinden, Verbundenheit und Gemeinschaft stiften als Konsum und Shopping. So eröffnet sich ein Weg zu einer Kultur, die uns selbst und unsere Umwelt gleichermaßen stärkt.

Verwendete Literatur

  • Abram, David (2021): Im Bann der sinnlichen Natur. Die Kunst der Wahrnehmung und die mehr-als-menschliche Welt. Klein-Jasedow: Drachen.
  • Arendt, Hannah (1967/2002): Vita activa oder Vom tätigen Leben. München, Zürich: Piper. Zitiert nach: Hofmann, Fabian / Roßkopf, Claudia (2022): Forschung zu Handlungspraxis und -verantwortung in der Kulturellen Bildung. In: Wissensplattform Kulturelle Bildung Online: https://www.kubi-online.de/artikel/forschung-handlungspraxis-verantwortung-kulturellen-bildung (letzter Zugriff am 01.12.2025).
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2024): Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe – 17. Kinder- und Jugendbericht: https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/244626/b3ed585b0cab1ce86b3c711d1297db7c/17-kinder-und-jugendbericht-data.pdf (letzter Zugriff am 01.12.2025).
  • Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) (2021): Planetar denken: Für eine neue politische Imagination. Bonn: bpb.
  • Dohm, Lea (2025): Stark im Wandel. Wie wir die psychische Gesundheit der Zukunft gestalten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Haraway, Donna (2016): Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene. Durham: Duke University Press.
  • Hallmann, Kerstin / Hofmann, Fabian / Knauer, Jessica / Lembcke-Thiel, Astrid / Preuß, Kristine / Roßkopf, Claudia / Schmidt-Wetzel, Miriam (2021): Interaktion und Partizipation als Handlungsprinzip — Ein gemeinsamer Selbstversuch. In: Wissensplattform Kulturelle Bildung Online: https://www.kubi-online.de/artikel/interaktion-partizipation-handlungsprinzip-gemeinsamer-selbstversuch (letzter Zugriff am 16.07.2024).
  • IDG Foundation (o. J.): Inner Development Goals: https://www.innerdevelopmentgoals.org/ (letzter Zugriff am 16.07.2024).
  • KLIMAPARLAMENT sämtlicher Wesen und Unwesen / Kemper, Astrid (2022): Die 16 Beschlüsse des Klimaparlaments Rhein-Main. Ein Projekt von metagarten & helfersyndrom: https://www.klimaparlament.org/2022/10/12/die-16-beschluesse-des-klimaparlaments-rhein-main/ (letzter Zugriff am 01.12.2025).
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Anmerkungen

Ich danke Kathrin Meyer (Direktorin Museum Sinclair-Haus), Nicola Lepp und Ute Pinkert für den Austausch beim Verfassen des Textes und ihre wertvollen Hinweise.

Zur sprachlichen Überarbeitung einzelner Textteile wurde ChatGPT verwendet. 

Zitieren

Gerne dürfen Sie aus diesem Artikel zitieren. Folgende Angaben sind zusammenhängend mit dem Zitat zu nennen:

Kristine Preuß (2025): Die Welt berühren: Eine ökosensible Kunstvermittlung der Verbundenheit mit dem Lebendigen. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/welt-beruehren-oekosensible-kunstvermittlung-verbundenheit-dem-lebendigen (letzter Zugriff am 15.12.2025).

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