Verhandlungen von Sexualität im Theaterunterricht. Eine qualitative Analyse von Expert*innen-Interviews

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von Elise Scheibner, Patrick Naumann

Erscheinungsjahr: 2023

Stichwörter

Abstract

Seit 2018/19 gibt es an der UdK Berlin den grundständigen Studiengang Lehramt Theater/Darstellendes Spiel, der sich in einen dreijährigen Bachelor und einen zweijährigen Master gliedert. Vorgestellt wird mit diesem Beitrag die Bachelorarbeit von Elise Scheibner und Patrick Naumann, die in ihrem Anspruch und der Durcharbeitung über das Format einer Bachelorarbeit weit hinausgeht und ein neues Thema für die Theaterpädagogik in der Schule erschließt. Da der Gegenstand von allgemeinem Interesse ist und die Wissensplattform KULTURELLE BILDUNG ONLINE bestrebt ist, ausgezeichnetes Wissen von Nachwuchswissenschaftler*innen zugänglich zu machen, wird die Bachelorarbeit der Autor*innen von kubi-online als PDF veröffentlicht. Die thematische Einführung in die Forschungsarbeiten von Scheibner/Naumann haben die Gutachterinnen der Bachelararbeit, Melanie Hinz und Ute Pinkert verfasst.

Verhandlungen von Sexualität im Theaterunterricht. Eine qualitative Analyse von Expert*innen-Interviews mit DS-Lehrkräften“ geht von der Tatsache aus, dass das Schulfach Theater/Darstellendes Spiel besonders nach dem performative turn in den 1990er Jahren eine körperzentrierte Unterrichtspraxis ist, die auch ein anderes Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden impliziert. Wenn man davon ausgeht, dass der Unterricht im Fach Theater/Darstellendes Spiel (wie alle anderen Unterrichtsfelder eigentlich auch) „kein asexueller Sozialraum" ist, dann stellt sich die Frage, welche (besonderen) pädagogischen Herausforderungen eine körperzentrierte Unterrichtspraxis in diesem Fach mit sich bringt (vgl. PDF:1).

„Das Fach Theater stellt ein Minenfeld an Triggern, Scham, Grenzüberschreitungen und Ängsten dar, welches vor allem in Bezug auf den Umgang mit Aspekten der Sexualität einen sensibilisierten Umgang seitens der Lehrkraft zu erfordern scheint. {...} Hieraus ergibt sich die […] Frage, welche Chancen eine intime und künstlerische Unterrichtspraxis mit sich bringt, um sexuelle Thematiken in einem geschützten Raum inhaltlich zu verhandeln und inwieweit sich hierfür ein Aufbruch des klassisch distanzierten Lehrer*innen-Schüler-innen-Verhältnis anbietet." (Scheibner/Naumann PDF:2)

Da diese Thematik in der Didaktik des Schulfaches Theater/Darstellendes Spiel bislang nicht untersucht wurde, wählten die beiden Studierenden eine empirische Methodik, um das Forschungsdesiderat zu erschließen. Nach einer Erhebung des Forschungsstandes im ersten Teil der Arbeit führten sie zwei problemzentrierte, leitfadengestützte Expert*innen-Interviews von ca. 90 Minuten mit zwei sehr erfahrenen Theaterpädagoginnen/Theaterlehrerinnen durch. Aus den beiden Interviews wurden nach der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring fünf deduktive Kategorien abgeleitet:

Der exponierte Schüler*innenkörper
Der Schüler*innenkörper wird als Ausgangspunkt des Theaterunterrichts vorausgesetzt und im Verlauf der Unterrichtspraxis inszeniert, berührt, kommentiert und bewertet. Über einen Vergleich der körperzentrierten Fächer Sport und DS nähern sich die Interviewpartner*innen diskursiv den Fragen nach exponierter Körperlichkeit und notwendiger Sensibilisierung.

Scham im Theaterunterricht
Theaterarbeit in der Schule ist für die Akteur*innen häufig schambesetzt. Unweigerlich beeinflusst es Ensemblebildung, Probengestaltung und Persönlichkeitsentwicklung der Schüler*innen. Mit einem Blick auf ihre langjährige Unterrichtserfahrung berichten die Expert*innen von verschiedenen Schamsituationen, dem körperlichen Ausdruck von Scham sowie positiven Beispielen, wie Scham überwunden oder konstruktiv in die Theaterarbeit einbezogen werden konnte.

Biografie und Profession von Theaterlehrkräften
Ist es in einer intimen Unterrichtspraxis notwendig, die eigene (sexuelle) Biografie von der sozialen Rolle „Lehrer*in“ zu trennen? Mit Blick auf die Situiertheit der befragten Expertinnen soll erfasst werden, wie sich Lern- und Bildungsprozesse und die subjektiven Erfahrungen von professionellen Lehrkräften auf die Unterrichtsführung auswirken können und welches Risiko mit der Einbringung der eigenen (auch sexuellen) Biografie einhergeht.

Sexualität als Thema in Inszenierungen
Die Auseinandersetzung sexueller Thematiken wird als fächerübergreifender Organisationspflichtpunkt an Schulen verstanden. Die Expertinnen diskutieren, welchen Beitrag das Fach Theater und die körperzentrierte Unterrichtspraxis in der Verhandlung sexueller Inhalte leisten kann und auf welche Grenzen sie dabei gestoßen sind.

Methodisches und reflexives Werkzeug
Die Expertinnen geben transparente Einblicke in vergangene Probenprozesse und generieren Methoden aus der theaterpädagogischen Praxis, die in der inhaltlichen und körperlichen Verhandlung von Sexualität zum Tragen kommen.

Außerdem bezogen Scheibner/Naumann weitere Lehrer*innen in die Untersuchung ein, indem sie auf dem Fachtag Darstellendes Spiel Berlin (2022) ihr Thema vorstellten und Gruppendiskussionen durchführten. Auf diese Weise konnten zu den gefundenen fünf Kategorien in einem themenbezogenen Austausch in Kleingruppen weiterführende Gedanken eingeholt werden.  Im Anhang der Arbeit sind alle Transkripte und auch Materialien der Fachtagung sehr gut dokumentiert. Der empirische Forschungsansatz ist sehr gut gewählt und präzise durchgeführt worden. Die Bachelorarbeit ist gut strukturiert und anschaulich geschrieben.

Den Studierenden Elise Scheibner und Patrick Naumann gelingt es zum Thema Sexualität im Theaterunterricht wichtige Erkenntnisse herauszuarbeiten, die sicher auch auf andere Fachunterrichte – besonders im Bereich der künstlerischen Schulfächer – anwendbar sind:

  • Ein nicht-asexueller Theaterunterricht eignet sich zur Verhandlung von Sexualität.
  • Das Fach Theater/Darstellendes Spiel hat den Anspruch, das Schamempfinden der Jugendlichen zu überwinden. Gleichzeitig können viele Übungen und Situationen der körperorientierten Unterrichtspraxis das Potenzial für schamauslösende Grenzüberschreitungen und den Aufbau von Blockaden bewirken. Dabei ist jede Unterrichtspraxis aufgrund unterschiedlicher situativer Gruppendynamiken anders. 
  • Der schulische Rahmen und die daran geknüpften Erwartungen an die Lehrkraft erlauben den Aufbruch eines distanzierten Lehrers*innen-Schüler*innen-Verhältnisses nur bedingt. Das Offenlegen biografischer Bezugspunkte zum Thema Sexualität muss die Lehrkraft sensibel abwägen.
  • Ein sensibilisierter Umgang mit Sexualität im Fach DS kann wesentlichen Einfluss für die Selbstbildungsprozesse von Jugendlichen entfalten und sollte mehr Relevanz in der Schule erfahren.
PDF (4,1 MB) der ausgezeichneten Bachelorarbeit von Elise Scheibner und Patrick Naumann: Verhandlungen von Sexualität im Theaterunterricht. Eine qualitative Analyse von Expert*innen-Interviews mit DS-Lehrkräften

Verwendete Literatur

  • Bütow, Birgit/Kahl, Ramona/Stach, Anna (2012): Körper • Geschlecht • Affekt: Selbstinszenierungen und Bildungsprozesse in jugendlichen Sozialräumen, 1.Aufl. Wiesbaden: Springer VS.
  • Hagen, H. P. (Hrsg.) (2022): Schultheater - Körper. Ausgabe 50/2022. Hannover: Friedrich.
  • Hinz, Melanie (2020): Scham in der Theaterpädagogik. In: Mayte Zimmermann/Kristin Westphal/Helga Arend/Wiebke Lohfeld (Hg.): Theater als Raum bildender Prozesse. Bielefeld: Athena.
  • Kündiger, Sabine (2018): Bereit, alles zu geben? Inwieweit sind die Wahrnehmung und der Einsatz des realen Körpers im Schultheater möglich? In: Praxis Schultheater (4–7), Heft 32. Hannover: Friedrich.
  • Simoneit, Julia Kerstin Maria (2021): Schule und Sexualität: Pädagogische Beziehung, Schulalltag und sexualerzieherische Potenziale (Pädagogik), 1. Aufl. Bielefeld: transcript.

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Elise Scheibner, Patrick Naumann (2023): Verhandlungen von Sexualität im Theaterunterricht. Eine qualitative Analyse von Expert*innen-Interviews . In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/verhandlungen-sexualitaet-theaterunterricht-qualitative-analyse-expert-innen-interviews (letzter Zugriff am 18.09.2023).

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Dieser Artikel wurde dauerhaft referenzier- und zitierbar gesichert unter https://doi.org/10.25529/64ce-bs27.

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