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Tanz in formalen Bildungseinrichtungen

von Linda Müller  Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Bedeutung individueller Projektformate

Die Kunstsparte Tanz zeichnet sich durch ein breites Spektrum unterschiedlicher Vorausset­zungen und individuell gewachsener Strukturen aus. Die vielseitig tanzkünstlerischen Aktivi­täten, die sich in formalen Bildungseinrichtungen bereits etabliert haben, sind aufgrund der jeweiligen lokalen Möglichkeiten entstanden. Diese Individualität bietet eine große Flexibilität in der Zusammenarbeit zwischen Bildungseinrichtungen und externen TänzerInnen, Choreo­grafInnen und TanzpädagogInnen. Vielfältige Themen und gesellschaftliche Entwicklungen können aufgegriffen und mit der Kunstsparte Tanz verknüpft werden. In jedem Tanz-­Projekt können Bedürfnisse der beteiligten PartnerInnen erkundet, zusammengefasst und in ein für alle befriedigendes und nachhaltiges Ergebnis geführt werden.

Die Ergebnisse der Pilotstudie „Tanz in Schulen – ein empirischer Blick in die Praxis“ des Bundesverband Tanz in Schulen e.V., die sich mit Kooperationen von Tanz-­KünstlerInnen und Schulen befasst, bestätigen, dass individuelle Bedürfnisse und Möglichkeiten aller Projektbeteiligten (TänzerInnen/LehrerInnen/SchülerInnen) aufgegriffen werden müssen, damit ein Tanz­-Projekt „funktioniert“ (vgl. Keuchel 2009:48).

Durch eine individuelle Projektgestaltung erhöht sich nicht nur die Zufriedenheit aller Betei­ligten, auch die Motivation zur eigenständigen Weiterführung und Weiterentwicklung steigt. Die Projekte gewinnen so enorm an Qualität. Auch internationale Forschungsergebnisse belegen die Bedeutung von Kooperationen für die Wirksamkeit künstlerisch-­kultureller Angebote an Schulen (siehe Marie Beyeler/Livia Patrizi „Tanz – Schule – Bildung. Überlegungen auf der Erfahrungs­grundlage eines Berliner Tanz-­in­-Schulen­-Projekts“). In einer Zusammenstellung der Merkmale “guter künstlerischer Bildung” von Anne Bamford führen „aktive Partnerschaften“, „gemeinsame Verantwortung“ und „flexible Strukturen“ die Liste an (Bamford 2010:114/115). Unterschiedliche Projektformate, die sich in der Zusammenarbeit mit allgemeinbildenden Schulen wiederfinden, können benannt werden:

Tanz…

>> als Angebot im Ganztagsbereich

>> eingebunden in den Fachunterricht (Sport, Musik, Deutsch, Geschichte etc.)

>> als Wahlpflichtfach

>> als Profilklasse (im Schulprofil)

>> in Form von Block-­/ Projekttagen

>> als zeitlich begrenztes Projekt (i.d.R. produktorientiert)

>> als Lehrerfortbildung

>> für ein junges Publikum

>> als Thema einer außerschulischen Aktion (Besuch eines Tanztheaters, Blick hinter die Theaterkulissen, Proben-Besuche, Gespräche mit KünstlerInnen, Tanzfilme, tanzgeschichtliche Lehrangebote etc. sowie Tanz an außerschulischen Bildungsorten).

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Kunstsparten wie Musik, Bildende Kunst, Thea­ter, Literatur und neue Medien sorgt für eine gegenseitige Befruchtung. Zusammen mit Part­nerInnen lassen sich grenzenlos neue Ideen und Konzepte für innovative Projekte entwickeln.

Präsentationen der erarbeiteten Werke helfen, in Schulen die künstlerisch-­kulturelle Bildung zu verankern. Darüber hinaus ist es wichtig, den Kindern einen künstlerischen Rah­men in Form einer Bühne zur Verfügung zu stellen. Durch das Erleben einer Aufführung mit Kostümen, Lichttechnik und Publikum erfahren die Kinder und Jugendlichen eine Würdigung ihres Engagements, Wirkungsweisen der künstlerischen Tanzerziehung verstärken sich.

Externe

Eine Zusammenarbeit zwischen schulexternen TänzerInnen, ChoreografInnen, Tanzpäda­gogInnen und Schulen wird in Deutschland seit Jahrzehnten gefordert und von einzelnen Akteuren praktiziert. Die Externen, die den Unterricht fachlich leiten, stehen in Kommunika­tion mit den LehrerInnen. Je nach Gruppenstruktur, Schulform und Projektziel, kann alleine oder in Teams unterrichtet werden. In der Vorbereitung eines Tanz­-in­-Schulen-­Projekts ist es zuerst notwendig, die Zuständigkeiten festzulegen und eine Ansprechperson zu finden, bei der alle Informationen gebündelt werden. Die beteiligten Partner (z.B. KünstlerInnen, Schulleitung, Schulbehörde, Fachbehörde) definieren gemeinsam Struktur und Inhalte des Projekts ausgehend von den Rahmenbedingungen. Zunächst ist der regelmäßige Austausch aller Projektpartner sicherzustellen. Ziel ist es, das Projekt meist qualitativ zu begleiten und den Prozess zu reflektieren. Im nächsten Schritt gilt es, schulinterne Kommunikationswege und Veranstaltungen (z.B. Lehrerkonferenzen) zu nutzen, um die Schulleitung und das Lehrerkollegium über das Projekt zu informieren und eine langfristige Verankerung von Tanz in der Schule anzuregen und vorzubereiten.

Eine fachliche Prozessbegleitung von außen kann die Vernetzung der unterschiedlichen Arbeitsweisen von Schule, freischaffender künstlerischer Tätigkeit und anderen Partnern unterstützen und optimale Schnittstellen herausfiltern, die für eine nachhaltige Zusammenarbeit wünschenswert sind. Sinnvoll ist in diesem Prozess eine Koordinationsstelle (Tanz-Kompetenzzentrum) einzurichten.

Perspektiven

Die inzwischen hohe Anzahl an Einzelprojekten fordert nun eine besondere Struktur der Vernetzung, die in ihrer Präsenz und Dichte zum Beispiel mit Musikschulen oder Jugend­kunstschulen zu vergleichen wären. Um Kontinuität und Professionalität zu stärken, benötigt die Tanzkunst ein stärkeres Netzwerk aus kompetenten AnsprechpartnerInnen und koope­rierenden Akteuren. Dies trägt zum einen zur Qualitätssicherung bei, zum anderen kann das gemeinsame Ziel, die Etablierung der Tanzkunst in Schulen, nur erreicht werden, wenn die Aktivitäten auch sichtbar werden!

Tanz­-Kompetenzzentren übernehmen die Rolle eines Initiators, der die Durchführung der Tanzprojekte in Schulen unterstützt, die Eigeninitiative der Schulen, der TänzerInnen und weiterer Institutionen einfordert und dadurch die langfristige Etablierung künstlerischer Angebote in Schulen sichert.

Diese Vorgehensweise setzt zu Projektbeginn einen Mehraufwand an Kommunikation voraus. Um die Planung und Durchführung eines Tanzangebotes individuell an die Bedürf­nisse und Voraussetzungen einer Gruppe anzupassen, muss die Schule einen schulinternen Ansprechpartner zur Verfügung stellen. Auf der anderen Seite müssen Tanz­-Kompetenzzentren benannt und sichtbar gemacht werden, um die Beratung zu Beginn einer Kooperation leisten zu können. Verantwortliche Stellen könnten in regionalen Institutionen, Kulturbüros, Thea­tern, etc. einen geeigneten Anknüpfungspunkt finden. Jede größere Stadt, die eine lebendige Tanzszene, ein festes Tanzensemble oder eine Tanzbühne hat, sollte sich um ihr „junges Publikum“ kümmern.

Des Weiteren hat sich nicht nur die Anzahl der TänzerInnen, ChoreografInnen und Tanz­pädagogInnen, die sich für die Vermittlung von Tanz in Schulen einsetzen, rasant vermehrt, auch Theater, Ensembles und Institutionen der Tanzkunst binden mehr und mehr die Zusammenarbeit mit Bildungsinstitutionen in ihre Programme ein (vgl. Website des Bundesverban­des Tanz in Schulen).

Wenn es das Ziel ist, Tanzkunst als Bestandteil der Kulturellen Bildung allen zugänglich zu machen, darf der Aspekt der Rezeption nicht fehlen. „Erst in der Verbindung von Vermittlung durch Unterricht und Vermittlung durch das Sehen professioneller Tanzproduktionen wird uns eine sinnvolle Heranführung an die Tanzkunst in ihrer gesamten Bandbreite gelingen“ (Kessel 2010:8).

Verwendete Literatur

  • Bamford, Anne (2010):

    Der Wow-Faktor. Eine weltweite Analyse der Qualität künstlerischer Bildung. Münster u.a.: Waxmann.

  • Kessel, Martina (2010):
    Tanzkunst für junges Publikum. In: Bundesverband Tanz in Schulen e.V. (Hrsg.): TANZ bildet KUNST SCHULE tanzt BILDUNG (8). Imagebroschüre des Bundesverbandes Tanz in Schulen e.V. Köln: Beltz.
  • Keuchel, Susanne/Günsche, Karolin/Groß, Stefanie (2008):
    Tanz in Schulen in NRW – Ein Erfolgsmodell? In: Bundesverband Tanz in Schulen e.V. (Hrsg.): Tanz in Schulen in NRW. Ein empirischer Blick in die Praxis (41-48). Bonn.
  • Bundesverband Tanz in Schulen:
  • Tanz in Schulen:
    http://www.landesbuerotanz.de/?page_id=9034 (letzter Zugriff am 02.12.13).

Anmerkungen

Dieser Text wurde erstmals im Handbuch Kulturelle Bildung (Hrsg. Bockhorst/ Reinwand/ Zacharias, 2012, München: kopaed) veröffentlicht.