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Streiten: Auf dem Podium oder zwischen den Zeilen? Eindrücke von der Tagung „Streitfälle“

von Nina Stoffers  Erscheinungsjahr: 2015

Wie kann es kubi-online als digitaler Plattform gelingen, einen lebendigen Austausch herzustellen und aufrecht zu erhalten? Läuft das Projekt nicht Gefahr eine tote Datenbank zu werden, die in den Tiefen des Netzes verschwinden wird? Für eine fundierte thematisch wie zwischenmenschliche Auseinandersetzung ist es notwendig, nicht nur digitale Möglichkeiten zu nutzen, sondern immer wieder auch das face-to-face-Gespräch zu suchen. Dafür sucht der Beirat des Portals gezielt andere Formate wie z.B. Tagungen und Expertentreffen. Der Austausch auf Tagungen kann dann wiederum Anregung für die Online-Plattform sein, sodass sich bestenfalls eine fruchtbare Verschränkung zwischen den Formaten ergibt.

Während auf einer ersten Tagung im März 2013 in der Bundesakademie Wolfenbüttel das Handbuch vorgestellt wurde und die Online-Variante noch Wunsch und nicht Realität war, fand die zweite Tagung im Juni 2014 in der Akademie Remscheid statt. Der Bezug zum Online-Handbuch wurde hergestellt, indem bewusst Streitfälle auf die Agenda gesetzt wurden, die aktuelle und „brennende“ Debatten aufgriffen. Das Ziel war die weitere Vermessung des Feldes – quasi als Felderforschung in Form von Impulsreferaten, Vorträgen sowie Podiums-, aber auch informellen Gesprächen. In konstruktiver Streitmanier sollte ausgelotet werden, wo und wie verschiedene Akteure unterschiedliche Meinungen vertreten. Mit der Besetzung der Podien sollten Gegenpole aufgezeigt und Pro und Contra verschiedener Standpunkte deutlich gemacht werden. Nicht Definitionen sollten diesmal Gegenstand der Debatten sein, sondern Gegenpositionen.

Ein dominantes Thema des ersten Panels war die Rolle von Stiftungen im Feld der Kulturellen Bildung. Stiftungen nehmen verstärkt die Rolle als Kooperationspartner und Finanziers größerer bis großer Projekte ein und sind immer häufiger auch Projektentwickler. Damit gewinnen sie Gestaltungsspielraum, der in dieser Form neu ist in der Förderlandschaft der Kulturellen Bildung. Insbesondere der Rat für Kulturelle Bildung, von sieben Stiftungen ins Leben gerufen und mit 14 Experten besetzt, wurde Gegenstand kontroverser Kommentare. Das Thema wurde offen diskutiert und Gegenpositionen schnell deutlich. Ist bzw. kann der Rat ein unabhängiges Gremium sein, gerade weil er nicht in Verbandsstrukturen verankert ist? Oder treten Stiftungen zwar als neue Akteure auf, sind damit aber noch lange nicht konstruktive Partner? Oder noch spitzer formuliert: Sind Stiftungen nicht einfach Steuersparmodelle, die sich der Verteilungslogik der öffentlichen Förderung entziehen, indem sie in eigenen Richtlinien und Gremien über Förderungen entscheiden und somit auch den Regularien und Eingriffsmöglichkeiten demokratisch legitimierter Zuständigkeiten? Der konzipierte Streitfall dominierte zwar das Panel, ging aber sehr gut auf (siehe auch den Kommentar des Moderators Burkhard Hill unter http://www.kubi-online.de/artikel/resuemee-panel-praxis-streitfaelle-institutionen-zustaendigkeiten).

Das Podium des zweiten Panels sollte sich mit Fragen nach Wirkungen und Nebenwirkungen Kultureller Bildung beschäftigen. Dieses Thema führte jedoch nicht zu einer größeren Diskussion oder gar einem Disput. Sicherlich hätten noch stärker polarisierende Positionen hierzu beigetragen, um diese Fragen auch streitbar auszuloten. Möglicherweise wird das Thema aber auch dann evident, wenn es differenziert betrachtet wird. So war es offenbar – zumindest in der Konstellation auf dem Podium – kein Streitthema.

An dieser Stelle scheint es sinnvoll, zu überlegen, welche Personen eigentlich prinzipiell für Podiumsgespräche angefragt werden. Sind es altbekannte Gesichter und Akteure, die aus mehr oder weniger ähnlichen Netzwerken stammen? Leute, die sich dadurch und auch ihre jeweiligen Standpunkte schon länger kennen und damit einschätzen können? Dies muss selbstverständlich nicht immer der Fall sein, ebenso denkbar ist es ja, dass man bestimmte Positionen gerade nicht kennt und erst dadurch Gegenpositionen deutlich werden, indem man explizit danach fragt. Dennoch: Wäre es im Sinne einer Vermessung des Feldes nicht gerade spannend und fruchtbar, verstärkt auch bislang ungehörte Stimmen einzuladen bzw. bereits die Konzeption der Einladung offener zu gestalten? Gerade aus einer distanzierteren Perspektive fällt die Wahrnehmung häufig leichter, zu benennen, was Streitfälle sind bzw. Gegenpositionen provokant zu vertreten. Vielleicht sollten wir den Diskurs auch noch offener denken und tatsächlich nicht bereits in der Konzeption festlegen, wer wie worüber spricht, sondern stärker eine Suchbewegung öffentlich machen, um schließlich gemeinsam mit verschiedenen Akteuren ein Konzept auf die Beine zu stellen. Vielleicht brauchen wir auch einfach den Mut, vermeintliche Grenzen – und damit meine ich nicht unbedingt disziplinäre – zu überschreiten und bewusst mit Netzwerken zusammen zu arbeiten, die bislang im Feld noch nicht vertreten sind. Vielleicht braucht es für eine streitbare Vermessung auch weitere Formate. Etwa solche, in denen die Grenzen zwischen Vortragenden und Zuhörern aufgebrochen werden, um stärker demokratisch viele Stimmen in die Felderforschung miteinzubeziehen. Kleinere Formate oder Methoden wie „Fishbowl“ könnten eine Möglichkeit sein, leichter miteinander ins Gespräch zu kommen und Positionen auszuloten – und so verschiedene Tendenzen benennen zu können. Der Weg ist hierbei sicherlich schon Teil des Ziels.

Die dritte Diskussionsrunde zu Unschärfen in der Vermessung Kultureller Bildung fand bewusst nicht in einer Podiumsdiskussion, sondern in Form eines „Talks in der Bar“ der Akademie statt. Trotz des durchaus lockeren Formats, blieb die Diskussion in der klassischen Gesprächsposition „Podium spricht – Publikum hört zu“ verhaftet. Es wurde in verschiedene Richtungen diskutiert, auf eine gemeinsame Diskussionslinie fand man jedoch nicht. Interessant waren meiner Wahrnehmung nach zwei Situationen, die ganz Grundsätzliches befragten: Es gab einen Moment, als ein Podiumsgast, ein Percussionist und Performer, aufgefordert wurde, eine Kostprobe seiner Kunst darzubieten. Mich irritierte der Vorführcharakter des Ganzen, durch den der Performer zu einem „Äffchen mit Halsband“ wurde, der auf Zuruf für Belustigung sorgte. Verstärkt wurde dies durch seine Frage an Podium und Publikum, was er denn eigentlich auf dem Podium solle, wo er keinen wissenschaftlichen Beitrag leisten könne. Hier muss ich mich selbstkritisch mit meiner eben genannten Forderung nach disziplinübergreifender Besetzung von Podien auseinandersetzen. Das Dilemma wird an dieser Situation deutlich: Wie können wir als Beirat, verantwortlich für die Ausrichtung und Konzeption, eine Atmosphäre schaffen, in der sich Personen aus verschiedenen „Welten“ – aus Wissenschaft und künstlerischer Praxis – wohl fühlen, um ihre Position im Feld angemessen vertreten zu können?

Die zweite Situation hatte scheinbar nichts zu tun mit der eigentlichen Diskussion um Vermessungsunschärfen. Es ging um die Frage nach Bezeichnungen, die als diskriminierend empfunden wurden. Damit ging es um die Frage einer autorisierten Sprecherschaft: Wer darf eigentlich was und zu bzw. über wen sagen? Darf man heute – mit Verweis auf die Reflexion der Bezeichnung – von „Negermusik“ sprechen, weil es früher als Musikrichtung so genannt wurde? Ist die Bezeichnung allein schon diskriminierend und Ausdruck einer solchen Haltung? Aber auch: ist allein die Vermeidung und Umschreibung des Wortes als „N-Wort“ hinreichend und sinnvoll, um Diskriminierungen zu vermeiden? Die Reaktionen auf diese kurze Einlassung über Begriffe waren vor allem Rechtfertigungen und Beschwichtigungen, aber auch der in solchen Fällen immer wieder angebrachte Hinweis verschiedener Seiten, so sei es ja nicht gemeint gewesen. Vertieft wurde das Ganze allerdings nicht, höchstens ironisch kommentiert. Für mich schien in der Art des Umgangs das Bestreben auf, sich mit diesem Thema nicht auseinander setzen zu wollen: Umso deutlicher ist dies meiner Meinung nach ein Zeichen dafür, dass wir uns unbedingt mit Fragen nach Bezeichnungen, Sprecherschaft und Deutungshoheit – und damit nach Machtfragen – auseinandersetzen sollten! Mir scheint, dass wir diese Diskussion bislang viel zu selten, nicht oder zu wenig selbstkritisch genug und auch (noch) nicht streitbar als ein Thema der Kulturellen Bildung reflektiert haben.

Plädoyer für eine selbstkritische Kulturelle Bildung

Als Vertreterin der Universität Hildesheim im Beirat der Plattform kubi-online plädiere ich dafür, nicht nur in den eigenen Netzwerken zu suchen, was offene Fragen und Themen im Feld der Kulturellen Bildung sind. Fragen, wie die nach Sprecherschaft und Deutungshoheit müssen gestellt werden. Auch die eigene Selbstpositionierung in Bezug auf Differenzlinien und Zugehörigkeiten wird noch zu selten praktiziert. Mein Eindruck ist, dass es viele Berührungsängste und Unsicherheiten z.B. mit postkolonialen und postmigrantischen Perspektiven gibt und dass es an fruchtbaren Erfahrungen und sinnvollem Austausch fehlt.

Es ist an der Zeit, auch Fragen zu stellen, die unangenehm werden können, weil sie die eigenen Positionen kritisch hinterfragen und diese v. a. in Kontexten zu diskutieren, in denen nicht nur die etablierten Positionen, sondern über diese hinausreichende beteiligt sind. Neue Gesichter, experimentelle Formate und auch Zweifel und Unsicherheiten können als konstruktive Elemente einer gemeinsamen Suche begriffen werden, um sich den nächsten streitbaren Debatten und Konflikten anzunehmen – ich freue mich darauf!