Schüler*innen von der Leine. Neue Lehr- und Lernformen für das Museum der Zukunft

Artikel-Metadaten

von Hannah Uhlen, Regina Cosenza Arango

Erscheinungsjahr: 2026

Abstract

Wie können Kultureinrichtungen als außerschulische Lernorte junge Menschen darin stärken, Zukunft aktiv und selbstbewusst mitzugestalten? Das Konzept der Futures Literacy wird zwar international als Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts diskutiert, doch seine Umsetzung in der Kulturellen Bildung ist bisher kaum erprobt. Der vorliegende Beitrag beleuchtet verschiedene Perspektiven auf Futures Literacy – von normativen Ansätzen der UNESCO über pädagogisch-pragmatischen Zugängen bis hin zu zivilgesellschaftlichen Initiativen – und fragt, wie diese für die Kulturelle Bildung fruchtbar gemacht werden können.

An ausgewählten Vermittlungsformaten der Klassik Stiftung Weimar wird gezeigt, wie neue Lehr- und Lernformate – von interaktiven Touren über selbstgesteuertes Lernen bis zu digitalen Angeboten – Futures Literacy in die Praxis übersetzen; und welche Handlungsoptionen daraus für andere Kulturinstitutionen abgeleitet werden können. Durch die Verknüpfung unterschiedlicher Perspektiven auf Futures Literacy mit den spezifischen Möglichkeiten außerschulischer Lernorte entsteht so eine Vision für die Kulturelle Bildung der Zukunft.

„Was müssen junge Menschen lernen, um gut vorbereitet zu sein auf eine Zukunft, die wir noch nicht kennen?“ (Nagy/Gloe 2020:3) Mit dieser Frage beginnt eine Publikation der Heinrich-Böll-Stiftung, die sich kurz vor der Corona-Pandemie mit der Zukunft der schulischen Bildung auseinandergesetzt hat. Darin sowie im fast zeitglich veröffentlichten OECD Lernkompass 2030 werden multiple Herausforderungen für eine sich rasant verändernde und krisengeprägte Arbeitswelt und Gesellschaft skizziert, die gemeinhin als VUCA- (volatil-unsicher-komplex-mehrdeutig) oder gar als BANI-Welt (brüchig-ängstlich-nicht linear-unbegreiflich) zusammengefasst werden.

Gleichzeitig verändern sich auch die Lebenswelten der Heranwachsenden – zunehmend verbunden mit persönlichen Krisen und psychischer Belastung. Bereits 2015 hat die UNESCO deshalb den Ansatz der Futures Literacy entwickelt – als Fähigkeit, die Zukunft aktiv zu denken und zu gestalten (Miller 2015:515ff.). Diesem Ansatz folgend gibt es eine Vielzahl von neuen Lehr- und Lernkonzepten für die Bildungslandschaft. Neben der OECD und der Heinrich-Böll-Stiftung auch von alternativen Bewegungen wie Die Zukunftsbauer oder dem Forum Bildung Digitalisierung e.V. 

Im Kern der Vermittlungsarbeit an der Klassik Stiftung Weimar steht dabei, dass sich das Sender-Empfänger-Verhältnis zwischen Lernenden und Lehrenden immer mehr auflöst. Das bedeutet, die Vermittlung von Zukunftskompetenzen anhand unserer Inhalte und Expertisen in den Mittelpunkt zu stellen, diese Kompetenzen zugleich gemeinsam mit unserem Publikum zu reflektieren und sie entsprechend der aktuellen Veränderungen fortlaufend weiterzuentwickeln. Demnach ist auch die Kulturellen Bildung gefordert, ein neues Selbstbild als kontinuierlich Lernende und entsprechende Praxen zu entwickeln. Das Umstellen von Wissensvermittlung auf Kompetenzentwicklung erfordert für Kultureinrichtungen, denen naturgemäß nur kurze Zeitfenster für die Vermittlung zur Verfügung stehen, im Vergleich zum Lernort Schule besondere Herausforderungen, bietet aber auch besondere Chancen. 

Wie die Kulturelle Bildung an der Klassik Stiftung Weimar diese Ansprüche durch neue Lehr- und Lernformate umgesetzt hat und welche Erfahrungswerte sich daraus für zukünftige Projekte ergeben haben, möchten wir im Folgenden vorstellen. Gleichzeitig soll die Auseinandersetzung anderen Institutionen mögliche Handlungsoptionen aufzeigen, um auf die beschriebenen Prozesse reagieren zu können. 

Neue Lernkulturen – in Schule und Museum: Futures Literacy unter der Lupe 

Neue Lernkulturen sind in aller Munde. Futures Literacy – die Fähigkeit, Zukunft aktiv zu gestalten, statt nur auf Gegenwart zu reagieren – gilt als Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts. Obwohl das UNESCO-Konzept klar umrissen ist, existieren vielfältige Interpretationen (vgl. https://www.unesco.org/en/futures-literacy/about, letzter Zugriff am 10.11.2025).

Auffällig ist jedoch, dass das Konzept bislang nur vereinzelt im Kontext der Kulturellen Bildung aufgegriffen wurde (siehe: Ernst Wagner „Kulturelle Bildung im Anthropozän“). Durch diese Lücke wird ein Untersuchungsaspekt besonders deutlich: Die Frage, wie Futures-Literacy-Ansätze praktisch an außerschulischen Lernorten erprobt und in den Vermittlungsalltag integriert werden können, ist bislang kaum systematisch gestellt worden. Der vorliegende Beitrag knüpft an diese Beobachtung an und versteht sich als erster Entwurf, das Potenzial von Futures Literacy in der Kulturellen Bildung auszuloten. Im Mittelpunkt steht dabei die praktische Annäherung: Wie lassen sich an Orten jenseits schulischer Strukturen Erfahrungsräume gestalten, in denen Zukunft nicht nur gedacht, sondern erlebt, entworfen und gemeinsam gestaltet wird? Um diese Fragestellung zu beleuchten, werden zunächst verschiedene Perspektiven auf das Konzept Futures Literacy vorgestellt. Dies ermöglicht es, die theoretischen Grundlagen und die praktischen Zugänge des Konzepts in ihrer Vielfalt sichtbar zu machen und die Potenziale für die Kulturelle Bildung herauszuarbeiten. Auf dieser Grundlage wird anschließend diskutiert, inwiefern diese Perspektiven die strategische Neuausrichtung der Bildungsarbeit der Klassik Stiftung Weimar beeinflusst haben und welche Implikationen sich daraus für die Entwicklung zukunftsorientierter Lernformate ergeben.

Die UNESCO hat im Jahr 2021 Futures Literacy zur zentralen Kompetenz der Zukunft erklärt. Ursprünglich ausschließlich auf den Klimawandel bezogen, „soll Futures Literacy jede*n einzelne*n dazu befähigen, Strategien zur Bewältigung einer unsicheren Zukunft“ (Sippl/Brandhofer/Rauscher 2023:9) zu gestalten und weiterzudenken. Es geht dabei also nicht nur darum, auf eine ungewisse Zukunft vorbereitet zu werden, sondern um die Kompetenz, sich verschiedene Zukunftsszenarien vorzustellen und sich daraus die eigene Handlungsfähigkeit innerhalb dieser Alternativen zu erschließen. Dabei stellt die UNESCO drei Kompetenzfelder in den Fokus: 

  1. Die Zukunft nutzen, um die Gegenwart neu zu denken: Ziel ist es, sich von dominanten Zukunftserzählungen zu lösen und neue Handlungsmöglichkeiten auf die Gegenwart zu entwickeln. 
  2. Vielfältige Zukünfte fördern: Durch die partizipative Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Zukunftsideen lässt sich ein Bewusstsein für den Wandel entwickeln, der langfristig dazu führen soll, einen sicheren Umgang mit unsicheren und dynamischen Zukunftsszenarien zu entwickeln. 
  3. Empowerment und Selbstwirksamkeit: Der Hauptfokus liegt auf den partizipativen Prozessen, die die UNESCO durch sog. Futures Literacy Laboratories fördert. Hier sollen Menschen in praktischen Szenarien dazu befähigt werden, durch den Blick auf alternative Perspektiven ihren eigenen Handlungsrahmen zu erweitern. 
    (frei übersetzt und zusammengefasst nach: https://www.unesco.org/en/futures-literacy, letzter Zugriff 30.10.2025) 

Neben der von der UNESCO formulierten, eher normativen Definition der Futures Literacy als globale Schlüsselkompetenz, betonen Carmen Sippl, Gerhard Brandhofer und Erwin Rauscher in ihrem Sammelband Futures Literacy – Zukunft lernen und lehren eine pädagogisch-pragmatische Perspektive, die sich stärker an der schulischen Praxis orientiert.

In der Einleitung des Sammelbandes richtet Sippl an den Schulentwickler Erwin Rauscher die Frage, wie Futures Literacy als Kompetenz zur Zukunftsgestaltung vermittelt werden kann. Rauscher antwortet darauf, dass dies nicht durch Prophezeiungen oder belehrendes Moralisieren geschieht, sondern durch faktenbasierten Dialog und aktive Beteiligung der Lernenden, die so eigenständig neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten entwickeln können (Sippl/Brandhofer/Rauscher 2023:12).

Die Perspektive des OECD Lernkompasses 2030 ergänzt diese Ansätze, indem sie Futures Literacy stärker auf die aktive Gestaltung von Zukunft in Lernprozessen richtet. Während Sippl, Brandhofer und Rauscher die pädagogische Praxis und die dialektische Auseinandersetzung im Unterricht betonen, verortet der Lernkompass die Lernenden in einer komplexen, unsicheren Welt und fordert neben Wissenserwerb auch die Fähigkeit (und das Recht) von Lernenden, ihre eigenen Lernprozesse aktiv mitzugestalten, Transformationskompetenzen und die Fähigkeit zu entwickeln, in offenen Zukunftsräumen zu handeln, diese zu reflektieren und Verantwortung zu übernehmen. Der OECD Lernkompass betont somit die strukturelle Einbettung von Zukunftskompetenzen in ein Bildungssystem, das nicht nur Wissen vermittelt, sondern Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Im Zusammenspiel lassen sich die drei Perspektiven so verstehen: Während die UNESCO den normativen Rahmen setzt und Sippl, Brandhofer und Rauscher die pragmatische Schulperspektive hervorheben, liefert der OECD Lernkompass eine analytisch-theoretische Fundierung, die Futures Literacy als lern- und handlungsorientierte Kompetenz operationalisiert. Einen weiteren Zugang eröffnet die relativ junge Initiative Die Zukunftsbauer, die das Konzept in den Kontext der Bildung für nachhaltige Entwicklung einbettet und damit um eine wirkungsorientierte Dimension erweitert. Die 2018 aus einem Forschungsprojekt der Freien Universität Berlin entstandene Initiative betont, dass die Befähigung zu verstehen, „wie Zukunftsbilder entstehen und welche Auswirkungen sie auf unser Handeln haben“ (zit. nach https://www.zukunftsbauer.de/unser-ansatz, letzter Zugriff am 29.10.2025) elementare Grundlage ist, um Zukunftskompetenzen erlangen zu können. Sie verknüpfen hierbei das Konzept mit dem Lehrkonzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung, die auf Grundlage der 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedeten 17 globalen Nachhaltigkeitszielen der Agenda 2030 entwickelt wurde. 

Beide Konzepte haben gemeinsam, dass nicht die Inhalte oder das Endprodukt, sondern die Aktion und Antizipation im Fokus stehen: Menschen sollen dazu befähigt werden, zukunftsfähig zu denken und zu handeln, also „die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt zu verstehen und verantwortungsvolle und nachhaltige Entscheidungen zu treffen“ (zit. nach https://www.bne-portal.de/bne/de/einstieg/was-ist-bne/was-ist-bne_node.html, letzter Zugriff am 29.10.2025). Die Heinrich-Böll-Stiftung fügt daran anknüpfend eine gesellschaftspolitische Perspektive hinzu, indem sie Futures Literacy mit der Fähigkeit verknüpft, Wissen kollaborativ und kritisch in neuen Situationen anzuwenden und sie stark mit der demokratischen und digitalen Bildung zusammendenkt. Sie betont in ihren Überlegungen zu den Kompetenzen, die Jugendliche für die Bewältigung einer ungewissen Zukunft brauchen, dass der klassische Wissenserwerb des Individuums, wie er nach wie vor grundlegend in den Lehrplänen an deutschen Schulen verankert ist, nicht ausreiche, um diese zu erreichen. „In modernen Gesellschaften ist nicht länger nur das Wissen an sich entscheidend, sondern die Fähigkeit, dieses Wissen anzuwenden – auch in ungewohnten und bisher nicht bekannten Situationen. Zeitgemäße Bildung muss neue Denkprozesse anstoßen, die kreative und kritische Problemlösung und Entscheidungsfindung ermöglichen“ (Nagy/Gloe 2020:7). 

Doch wie diese theoretischen Überlegungen umsetzen? Die Zukunftsbauern setzen hier auf praktische und niedrigschwellige Angebote, wie beispielsweise didaktisch aufbereitete Materialien, Lektüren und buchbare Kurse, die direkt für den Unterricht genutzt werden können (vgl. https://www.zukunftsbauer.de/unterrichtskonzept, letzter Zugriff am 30.10.2025). Die Angebote richten sich vorrangig an Schulen. Die Heinrich-Böll-Stiftung stellt die Methode des Service-Learnings, also „Lernen durch Engagement“ als praxisnahe Möglichkeit vor, Zukunftskompetenzen zu erlangen. Ziel der Methode ist es, fachliches Lernen mit gesellschaftlichem Handeln zu verbinden. Dabei werden Lernende in Projekte mit realem Bezug eingebunden, wodurch sie zentrale Kompetenzen wie kritisches Denken, Problemlösefähigkeit, Teamarbeit und demokratische Beteiligung entwickeln können (Nagy/Gloe 2020:12). 

Die verschiedenen Ansätze verdeutlichen, dass Futures Literacy kein einheitlich definiertes Konzept ist, sondern je nach institutionellem und disziplinärem Kontext unterschiedliche Schwerpunkte enthält – von globaler Kompetenzentwicklung über pädagogische Umsetzung bis hin zu gesellschaftlicher Transformation. Die unterschiedlichen Ansätze zeigen, dass Futures Literacy zwar als universelles Lernziel formuliert wird, ihre Umsetzung bislang jedoch überwiegend in schulischen und bildungspolitischen Kontexten verortet ist. Folgende Fragen lassen sich nun für die Kulturelle Bildung ableiten: 

  • Warum sind die oben skizzierten Konzepte für Kultureinrichtungen relevant? 
  • Was kann Kulturelle Bildung leisten, was Schule allein (noch) nicht kann? 

Während schulische Bildung häufig durch curriculare Vorgaben und Leistungsbewertung begrenzt ist, bietet die außerschulische Kulturelle Bildung Freiräume für ergebnisoffene, partizipative und experimentelle Lernprozesse. Diese Freiräume schaffen ideale Bedingungen, um Zukunftskompetenzen praktisch zu erproben und im eigenen kulturellen Handeln zu reflektieren. 

Viele Lehrkräfte berichten uns in den Lehrkräftefortbildungen  von strukturellen Problemen, insbesondere in der Infrastruktur und Personalausstattung. Schulen stehen vor der Herausforderung, Zukunftsthemen wie Nachhaltigkeit oder Digitalisierung in die Lehrpläne zu integrieren. Gleichzeitig zeigen die Lehrpläne in den verschiedenen Bundesländern eine hohe Dynamik. So wurde viel über das Streichen fester Werklisten (z.B. Goethes Faust) diskutiert, sodass Lehrkräfte künftig anhand von Themenfeldern  relevante Werke auswählen können. Zudem gibt es seit 2024 bundesweite mehrjährige literarische Abiturthemen, die an Epochen und nicht an einzelnen Werken ausgerichtet sind. (vgl. KMK 2012, Freie und Hansestadt Hamburg 2022, ISB o. J., Ministerium für Bildung und Kultur Saarland 2024). Im Fach Geschichte gibt es in einigen Bundesländern eine Abkehr von chronologischen Inhalten zugunsten von Themenclustern wie „Demokratie und Mitbestimmung“ (vgl. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie Berlin; Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg 2025). Lehrplanänderungen und aktuelle Diskussionen um das Lernen der Zukunft zeigen: In einer sich ständig selbst überholenden Welt steht die Frage im Fokus, wie das Erlernte angewendet, kritisch hinterfragt und reflektiert werden kann. Es geht also immer weniger um den Lernstoff selbst, sondern vielmehr darum, wie Schüler*innen in ihren Lern-, Reflexions- und Entwicklungsprozessen unterstützt werden können. 

„In den vergangenen Jahren haben außerschulische Lernorte insbesondere dann an Bedeutung gewonnen, wenn sie als innovativer Kooperationspartner von Schule gedacht werden.“ (Butterer/Sämann/Wohnig 2023:23)

In dieser Dynamik gewinnen außerschulische Lernorte zunehmend an Relevanz, weil sie informelle Lernprozesse ermöglichen können: Sie verbinden Wissen mit konkreter Anwendung, schaffen Raum für Experimente und Fehlertoleranz und erreichen zum Beispiel über lebensweltliche Themen auch Schüler*innen, die im schulischen Kontext oft schwer zu motivieren sind. Da sie informelle Lernprozesse in informellen Lernsettings ermöglichen, schaffen sie ergänzende und lebensnahe Zugänge zur Wissensaneignung und können so eine zukunftsfähige Lernkultur fördern. 

Weimar als Labor für Lernkulturen der Zukunft 

Auch Weimar lässt sich als ein solches Labor verstehen: Mit seinen Museen, Dichterhäusern, Schlössern, Parkanlagen, der Herzogin Anna Amalia Bibliothek und dem Goethe- und Schiller-Archiv bietet die Klassik Stiftung Weimar ein vielfältiges kulturelles Netzwerk, das Lernen jenseits schulischer Strukturen ermöglicht. Die Stadt ist nicht zuletzt eines der beliebtesten Ziele für mehrtägige Klassenfahrten, aber auch für eintägige Exkursionen regionaler Schulen. In der Zusammenarbeit mit Lehrkräften aus allen Bundesländern – oft über viele Jahre hinweg – nehmen wir die Veränderungen im schulischen Lernen, in der Gestaltung von Exkursionen und in den Lebenswelten von Jugendlichen wahr. Gleichzeitig hat sich auch der außerschulische Lernort Weimar weiterentwickelt. Die Klassik Stiftung Weimar hat jüngst einige Häuser neu konzipiert – teils mit co-kreativen Produktentwicklungen –, Eintrittsgrenzen nach hinten verschoben und eintrittsfreie Orte geschaffen. Mit Unterstützung der Direktion Digitale Transformation wurden eine App mit Audios, Rallyes, Games und anderen Features umgesetzt und die Sammlungen sukzessive digital zugänglich gemacht. Obwohl diese Prozesse nicht singulär auf Schüler*innen zielen, kann sich hierdurch die Besuchsqualität für Schulen maßgeblich verbessern.

Das neue Bildungskonzept der Stiftung ist Teil dieses mehrjährigen Strategieprozesses. Dort werden die historischen weimar-spezifischen und alltäglichen Bezüge in der ästhetischen Bildung genauso markiert wie Kulturelle Bildung als Beitrag zur Demokratiebildung. Wirkungsorientierung, teilhabeorientierte Formatentwicklung und digitale Vermittlung sind zentrale Entwicklungsschwerpunkte für die kommenden Jahre.

Schulen sind eine unserer wichtigsten Schlüsselakteurinnen. Sie machen in vielen Häusern der Stiftung ein Viertel der Besuchenden aus, in der Wintersaison teils bis zur Hälfte. Die meisten Klassen sind drei bis fünf Tage in Weimar. Dabei arbeiten sie „fächerübergreifend“ zu Weimarer Klassik und Moderne (von Nietzsche über Bauhaus bis Nationalsozialismus). In den verschiedenen Museen, Stadträumen und Parks nutzen sie betreute und unbetreute Angebote – Peer Group, Alltagssorgen und Smartphone als ständige Begleiter. 

Als noch recht junge Bildungsabteilung bzw. erst jüngst eigenständiges Referat haben wir in den letzten 17 Jahren deshalb stetig das Feld der mehrtägigen Bildungsprojekte ausgebaut, bei denen die Jugendlichen viele Häuser der Stiftung über unterschiedliche Methoden kennenlernen und sich Inhalte erarbeiten. Dies ermöglichte bisher jedoch nur einem Teil ein ganzheitliches Bildungserlebnis aus aufeinander aufbauenden Einheiten, während viele der jährlich bis 2.000 Schulklassen ein vor allem touristisches und nur in Teilen didaktisch aufbereitetes Programm buchten. Dieses Ungleichgewicht versuchen wir seit einigen Jahren aufzubrechen und zeitgleich Zugänge für jüngere Jahrgangsstufen und ein größeres Spektrum an Schularten zu schaffen. Wir entwickeln Formatreihen mit unterschiedlicher Dauer und Methodik sowie verschiedenen Graden der Betreuung. Zentral sind dabei Prinzipien des blended learning, bei dem sich digitale und analoge Räume abwechseln oder gar verschmelzen, sowie selbstgesteuertes Lernen, wobei wir soziale Lernsettings in Kleingruppen fokussieren (siehe Konrad 2024:28ff und Gauß-Hankele 2020). Damit stoßen wir nicht nur neue didaktische Angebote an, sondern fördern auch einen grundlegenden Wandel unserer Vermittlungsformate: hin zu Materialien und Methoden, die gezielt Kompetenzen stärken. Ein zentraler Ansatz in der Weiterentwicklung unserer Formate ist die Nutzung bestehender multimedialer Inhalte, etwa aus digitalen Sammlungen oder der Weimar+ App. Damit können wir mit geringerem Aufwand neue Angebote gestalten und vorhandene Formate im passenden didaktischen Kontext als Wissensquelle für weitere Zielgruppen nutzen. Als Mehrspartenhaus arbeiten wir mit Formatreihen, um die Grundmethodik (von der interaktiven Führung über Seminargespräch bis hin zum praktischem Projekttag) zu vermitteln und jährlich wiederkehrenden Lehrkräften die Orientierung und Auswahl zu erleichtern. 

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Abb. 1: Grafik zum exemplarischen Blended Learning Ansatz der Klassik Stiftung Weimar für Schulklassen, © Klassik Stiftung Weimar

Die beschriebenen strategischen Entwicklungen markieren den Rahmen, in dem sich auch die Bildungsarbeit der Klassik Stiftung neu ausrichtet: weg von der reinen Wissensvermittlung hin zu Erfahrungsräumen, in denen Jugendliche Zukunftskompetenzen wie kritisches Denken, Kreation, Kooperation und metakognitive Kompetenz (als Fähigkeit der eigenen Lernplanung und -reflexion) praktisch erproben. Diese Kompetenzen, die im Zentrum des Futures-Literacy-Ansatzes stehen, werden nicht abstrakt vermittelt, sondern in konkreten Lern- und Handlungssituationen erfahrbar.

Dazu hat die Klassik Stiftung Weimar verschiedene Formatreihen entwickelt, die unterschiedliche methodische Zugänge und Lernniveaus verbinden – von angeleiteten Gruppenangeboten bis zu selbstgesteuerten Lernformaten. Ziel ist es, museale Bildungsangebote als offene Lernräume zu gestalten, in denen Experiment, Dialog und Teilhabe gleichberechtigt nebeneinanderstehen.

Entdeckendes Lernen in der personellen Vermittlung

„Bauhaus verstehen, heißt Bauhaus machen – 
experimentieren, untersuchen und selbst sinnlich erfahren.“ 
(Klassik Stiftung Weimar o. J.)

In der Formatreihe „MACH MIT! Touren“ liegt unser Schwerpunkt auf sinnlich-ästhetischen Erfahrungen, Ausprobieren und sozialem Lernen. Bei der 90-minütigen Tour „Bauhaus im Sinn“ im Bauhaus-Museum liegt der Fokus bspw. auf den verschiedenen Sinnen im Zusammenspiel mit Kunstvermittlung und Kreativität. Die Tour wird dabei von fest angestellten Museumspädagog*innen betreut, die so flexibel auf die sehr unterschiedlichen Hintergründe und Bedarfe unserer Gäste zwischen fünf und 99 Jahren reagieren können. Die Tour beginnt mit einer Einstiegsübung im Raum „Der Neue Mensch“, bei der eine eigens produzierte Soundcollage vorgespielt wird. Jüngere Gruppen formulieren im Anschluss das Gehörte sehr assoziativ, Oberstufen verknüpfen die Dampflok- und Maschinengeräusche mit der Industrialisierung und dem technisierten 1. Weltkrieg und stellen Bezüge zu den im Raum präsentierten Menschenbildern der Zeit her. Für seheingeschränkte Gäste ist die Hör-Übung auch ein Ersatz für die visualisierte Zeitleiste im Museumsfoyer. Somit können wir auf spielerische Weise, die Wissens- und Rezeptionsformen der unterschiedlichen Gäste erfassen und vermeiden exkludierendes „Abfragen“. Im Anschluss folgen flexible Stationen, die Rätsel-, Bewegungs- und Bauaufgaben miteinander verbinden. Diese fördern den Austausch zwischen den Teilnehmenden und binden auch non-verbale Ausdrucksformen ein (siehe Kurz-Clip unter https://www.youtube.com/watch?v=-gupcdqcCyA&t=30s). Wie aufgezeigt greifen die „MACH MIT! Touren“ die Prinzipien neuer Lernkulturen auf: Lernen geschieht nicht durch passives Konsumieren, sondern durch selbstständiges Erproben, kooperatives Arbeiten und reflektiertes Handeln. Diese zentralen Zukunftskompetenzen können Jugendliche innerhalb der geführten Tour – also in einem überschaubaren Rahmen – praktisch kennenlernen und ausprobieren.

Essenziell für den dauerhaften Erfolg des Formats im Bauhaus-Museum war die Erprobung erster Konzeptideen bis hin zum detaillierten Testing mit unseren Kooperationsschulen und in Lehrkräftefortbildungen. So konnten wir Feedback vom Förderschulzentrum Lernen genauso einbetten wie von Gymnasien und Gestaltungsschulen. Dieser iterative Prozess ermöglicht es uns das „Produkt“ bereits seit fast sieben Jahren neuen und wiederkehrenden Schulen sowie z.B. für Firmenausflüge und Kindergeburtstage anzubieten. Wir haben also ein Format für viele Zielgruppen, was nicht nur den internen Einarbeitungsaufwand verringert, sondern auch in der Außenkommunikation attraktiver und ansprechender für alle ist. Damit sind solche flexiblen Konzepte auch betriebswirtschaftlich relevant. Im nächsten Schritt planen wir eine Ausweitung auf 90-minütige Touren durch historische Häuser, die 30-minütige Arbeitsaufträge in Kleingruppen enthalten. Damit möchten wir das selbstgesteuerte Lernen verstärken sowie das Lehren-Lernen-Verhältnis weiter aufbrechen, indem in der anschließenden zusammenführenden Einheit eine Peer-to-Peer-Austausch im Vordergrund steht und der*die Museumspädagog*in eine moderierende Rolle einnimmt.

Auch in anderen Kulturinstitutionen wird Zukunftskompetenz – teils wesentlich konsequenter – in den Mittelpunkt gestellt: Das Zukunftsmuseum Nürnberg (Deutsches Museum) etwa bietet sogenannte „Denktouren – Zukunft aktiv gestalten“ an, bei denen Gruppen dialogisch eigene Wege durch die Ausstellung entwickeln. Ergänzend ermöglichen Labor- und Werkstattangebote wie MINT-Experimente ein aktives Gestalten von Zukunftsszenarien. Da technologische und gesellschaftliche Zukünfte selbst den inhaltlichen Fokus bilden, ist das Konzept Futures Literacy integraler Bestandteil der Vermittlung.

Bei den Bildungsangeboten der Klassik Stiftung Weimar hingegen ergibt sich aus der thematischen Ausrichtung – mit Schwerpunkten auf historische, künstlerische und ästhetische Fragestellungen – eine andere inhaltliche Gewichtung. Zukunftskompetenzen werden daher vor allem methodisch eingebunden, etwa in Form von sinnlich-ästhetischen Zugängen, kooperativen Aufgaben, experimentierendem Lernen und selbstständigem Ausprobieren. Damit verfolgen beide Institutionen trotz unterschiedlicher thematischer Setzungen vergleichbare didaktische Ziele: Lernprozesse aktivieren, Reflexion anregen, co-kreatives Arbeiten fördern und die Jugendlichen zu aktiven, mitgestaltenden Handelnden werden lassen. Die Unterschiede liegen somit vor allem im inhaltlich begründeten Profil der jeweiligen Kultureinrichtung.

Selbstgesteuertes Lernen vor Ort

„Selbststeuerung ist keineswegs eine vorübergehende Mode. Ungeachtet von Alter, Schulbildung und Status sind Menschen zunehmend gefordert, ihre Entwicklung und speziell ihre Lernprozesse im Lebensverlauf zielgerichtet selbst zu bestimmen und selbstgesteuert zu organisieren.“ (Konrad 2024:18)

Seit 2024 erstellen wir „MACH MIT! Bögen“ für ein selbstgesteuertes Erkunden der Ausstellungen ganz ohne Vermittlung durch Erwachsene. Damit bieten wir den Klassen 8 bis 13 eine methodische und kostenfreie Alternative zu geführten Touren. Intern ermöglicht uns diese Formatreihe, im Saisonbetrieb auch bei voller Auslastung von Personal und Honorarkräften auf die hohe Nachfrage eingehen zu können. Die Bögen werden von den Lehrkräften ausgedruckt und vor Ort an die Kleingruppen verteilt. Die Schüler*innen benötigen lediglich einen Stift und ihr Smartphone mit unserer Weimar+ App. Darüber hinaus haben die Lehrkräfte im Sinne von Open Educational Resources die Möglichkeit, die PDF an die Bedarfe ihrer Schulklasse anzupassen. 

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Abb. 2: Selbstgesteuertes Lernen vor Ort: Die AR-Anwendung der App Weimar+ im Rokokosaal als Blended Learning Element im MACH MIT! Bogen, © Klassik Stiftung Weimar
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Abb. 3: Selbstständiges Erkunden vor Ort: MACH MIT! Station in der Faust Ausstellung im Schiller-Museum © Klassik Stiftung Weimar, Foto: Thomas Müller

Unser blended-learning-Ansatz wird am „MACH MIT! Bogen“ des Rokokosaals besonders deutlich. Mit der Einbettung der AR-Anwendung „Aufgeschlagen“, bei der die Gäste vor Ort digital in historischen Büchern blättern, schlagen wir eine Brücke zwischen sinnlichem Erleben vor Ort und einem exklusiven Einblick in den historischen Bestand. Die Schüler*innen werden zudem über den Bogen auf einführende App-Audios hingewiesen. Die interaktiven Aufgaben knüpfen an die Auseinandersetzung mit den Objekten und den Einsatz didaktischer Ausstellungselemente an und schaffen so ein hybrides Angebot. 

Ein weiterer methodischer Fokus liegt auf den sogenannten Transferaufgaben. Hier sollen zeittypische gesellschaftliche Kontexte erschlossen, Verknüpfungen zur Gegenwart, zur eigenen Lebenswelt oder möglichen Zukünften hergestellt werden. So erstellen die Kleingruppen in der Literaturausstellung „Faust“ mithilfe einer KI einen inneren Monolog der Figur Homunkulus (die eine Art künstliche Intelligenz ist) und tauschen sich im Anschluss darüber aus. 

Indem die Jugendlichen selbstständig Zusammenhänge erschließen, Hypothesen entwickeln und ihre Sichtweisen im Austausch mit anderen reflektieren, lernen sie, mit Unsicherheit produktiv umzugehen und unterschiedliche Szenarien und Perspektiven auszuhalten. Besonders die Transferaufgaben regen an, aktuelle und zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen – wie im Falle der Faust-Ausstellung im Umgang mit künstlicher Intelligenz – kritisch zu hinterfragen. Damit wird kulturelles Lernen zu einem Erfahrungsraum für antizipatives Denken und Zukunftsgestaltung.

Auch andere Kultureinrichtungen setzen zunehmend auf Formate, in denen Schüler*innen eigenständig vor Ort lernen können: So bietet das Jüdische Museum Berlin mit der App‑Tour „Junge Perspektiven“ eine multimediagestützte Erkundung für Jugendliche, in der sie selbstständig durch die Ausstellung navigieren, Quiz‑ und Kreativaufgaben lösen und dabei ihren eigenen Weg im Museum wählen können. Besonders hervorzuheben ist an dieser Stelle der Ansatz des biografischen Lernens. Die Jugendlichen haben an den einzelnen Stationen die Möglichkeit, in Interviews, historischen Zeugnissen und durch Stimmen junger Berliner Jüd*innen, die Inhalte des Museums zu entdecken. Ähnlich verfolgt das Deutsche Hygiene‑Museum Dresden mit seinem Entdeckerbogen einen Ansatz für selbstgesteuertes Lernen: Schulklassen bearbeiten in Kleingruppen für etwa 45 Minuten eigene Aufgaben in der Dauerausstellung Abenteuer Mensch, erkunden die Exponate auf eigene Faust und reflektieren die Inhalte miteinander – jedoch fast gänzlich ohne die Einbettung digitaler Formate. 

Der „MACH MIT! Bogen“ selbst kombiniert beide Elemente: Schüler*innen erkunden die Ausstellung vor Ort mit Papierbogen und Stift, nutzen aber auch digitale Inhalte wie App‑Audios, AR‑Elemente oder interaktive Aufgaben. Analoge und digitale Vermittlungsformen werden miteinander kombiniert, sodass unterschiedliche Lernwege gleichzeitig eröffnet werden können, ohne dass die direkte Begegnung mit den Exponaten verloren geht. Hierfür sowie für Verständnis- und Orientierungsfragen sind Testings mit Fokusgruppen besonders wichtig und teils ernüchternd, beispielswiese wenn die Schüler*innen uns den doch recht großen Unterschied ihrer und unserer Lebenswelt vor Augen führen. Nach zwei professionellen gestalteten Pilot-Häusern erstellen wir alle weiteren Bögen inhouse mithilfe der Designplattform Canva (https://www.canva.com), die für nicht-kommerzielle Kulturinstitutionen und Bildungseinrichtungen kostenfrei nutzbar ist. Dadurch können wir im laufenden Betrieb lernen sowie Verbesserungen, aber auch Ausstellungsänderungen jederzeit und kostenneutral einarbeiten. Das Integrieren von CC-Lizenzen gibt den Lehrkräften den Freiraum, die Inhalte an ihre eigenen Gruppen anzupassen oder diese im Unterreicht nachzunutzen. Nach Bögen zu unseren Haupthäusern werden wir ab 2026 auch kleinere Außenstandorte bespielen, da personell betreute Formate dort oft nicht möglich sind. 

Ortsunabhängiges Lernen 

Eines der im Bildungskonzept unserer Stiftung festgelegten Entwicklungsziele ist die Etablierung der digitalen Zugänge zu den Sammlungen der Museen, Archive, Bibliotheken und Liegenschaften – und damit auch die Steigerung der Teilhabe bspw. für Schulen aus dem ländlichen Raum. Hierfür haben wir zwei kostenfreie Onlinekurse entwickelt, die zur Vor- oder Nachbereitung der Weimarexkursion oder ganz unabhängig von einem Besuch genutzt werden können. Diese sollen durch aktivierende, reflexive und spielerische Elemente die eigenständige Auseinandersetzung mit den Inhalten anregen und zugleich Schlüsselkompetenzen fördern, die auch im Kontext der (von der Heinrich-Böll-Stiftung skizzierten) Zukunftskompetenzen – etwa der individuellen Auseinandersetzung mit offenen Fragestellungen und die Fähigkeit, Wissen in neue Kontexte zu übertragen. Als technische Grundlage dient die Lernplattform Moodle, die als Open-Source-Lernmanagement System kostenfrei genutzt werden kann. Moodle überzeugt vor allem durch seine Flexibilität und breite Nutzung. Allerdings stoßen wir bei der Erstellung immer wieder auf gestalterische und technische Grenzen. 

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Abb. 4: Ortsunabhängiges Lernen: Schüler*innen bearbeiten den Onlinekurs in ihrem Klassenzimmer, ©Klassik Stiftung Weimar, Foto: Curt Wehrmann
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Abb. 5: Ortsunabhängiges Lernen: Schüler*innen bearbeiten den Onlinekurs in ihrem Klassenzimmer, ©Klassik Stiftung Weimar, Foto: Curt Wehrmann

Inhaltlich knüpfen die Kurse an die Lehrpläne, unsere Sammlungsthemen und digitalen Inhalte an. Beim aktuellen Kurs zum Themenjahr Faust (https://www.klassik-stiftung.de/ihr-besuch/themenjahre/faust-2025/) können die Jugendlichen nach der Einführung zwischen drei Vertiefungsmodulen wählen. Diese sollen durch aktivierende, reflexive und spielerische Elemente die eigenständige Auseinandersetzung mit den Inhalten anregen. Der Kurs schließt ab mit einer Reflexionsphase, in der die Jugendlichen ihre Gedanken miteinander teilen und so auch andere Perspektiven auf das Thema erhalten. Der Onlinekurs Faust ist besonders stark nachgefragt. Auffällig ist hier auch die hohe Weiterempfehlungsquote zwischen Lehrkräften. 

Die Onlinekurse sind für uns ein ideales Medium, um exemplarische Bestände aus der Digitalen Sammlung zu vermitteln. Das starke Interesse und die Mitarbeit der sammlungsführenden Abteilungen an den Onlinekursen sind besonders hervorzuheben. Gleichzeitig besteht bei einer zu präsenten Sammlungsperspektive die Gefahr, dass diskursive Elemente und die Perspektive der Nutzer*innen zu sehr in den Hintergrund rücken. Für kommende Projekte gilt es daher, die fachliche Beteiligung weiterhin zu nutzen, zugleich aber noch konsequenter die Mitgestaltung und Mitarbeit der Nutzer*innen ins Zentrum zu rücken.

Vergleichbare digitale Ansätze zur Förderung ortsunabhängigen Lernens finden sich auch in anderen Museen und Kultureinrichtungen. So bietet das Archäologische Museum Hamburg mit seiner Plattform Museana ein vielfältiges und ortsunabhängiges Angebot, welches nach vorheriger Anmeldung digitale und multimediale Materialien auf einer eigens entworfenen Lernumgebung bereitstellt. 

Besonders innovativ ist das Futurium Berlin, das mit seinem Bildungsportal Zukünfte gestalten zahlreiche Formate anbietet, die sich mit Zukunftsfragen aus Wissenschaft, Gesellschaft und Technik beschäftigen. Über digitale Workshops, interaktive Simulationen, Methoden und digitalen Lernumgebungen können Jugendliche eigenständig Szenarien für die Welt von morgen entwerfen – ein Format, das gezielt Zukunftskompetenzen wie kritisches Denken, Kreativität und Problemlösefähigkeit stärkt. Besonders hervorzuheben ist bei diesem Format die Offenheit und freie Zugänglichkeit der Creative Commons lizenzierten (CC) Materialien.

Neben diesen beiden Beispielen gibt es noch zahlreiche weitere digitale und ortsunabhängige Bildungsangebote von Kultureinrichtungen, die zeigen, dass die Klassik Stiftung Weimar mit ihren Moodle-Kursen Teil einer wachsenden Bewegung ist, die digitale Lernräume als eigenständige Bildungsorte etabliert.

Aufbauend auf diesen Erfahrungen planen wir, die digitalen Lernangebote in den kommenden Jahren weiter zu verzahnen und auszubauen. Mit der neuen Bildungswebseite der Stiftung, die 2026 online gehen wird, sollen die Digitalen Sammlungen selbst als quellenbasiertes Recherchetool für Schüler*innen und Lehrkräfte nutzbar gemacht werden. So entsteht eine noch engere Verbindung zwischen den digitalen Bildungsangeboten und den wissenschaftlichen Sammlungen der Stiftung.

Schulen von der Leine? Zukunftskompetenzen gemeinsam gestalten 

Die Verknüpfung von Zukunftskompetenzen, außerschulischem Lernen und kultureller Praxis verdeutlicht, wie sich Bildung im 21. Jahrhundert neu ausrichten muss. Futures Literacy, wie sie von der UNESCO formuliert und in unterschiedlichen Bildungsinitiativen weiterentwickelt wurde, fordert eine Lernkultur, die nicht nur Wissen vermittelt, sondern Menschen dazu befähigt, mit Unsicherheit co-kreativ und reflektiert umzugehen. Und dies ist ein Schlüssel für starke Resilienz in einer von Krisen geprägten Gegenwart. Für die Kulturelle Bildung eröffnet dies ein enormes Potenzial: Sie kann Räume schaffen, in denen Zukunft nicht bloß thematisiert, sondern als gemeinsamer Gestaltungsprozess erlebt wird.

Wie können wir also neue offene Lernformen in der Kulturellen Bildung etablieren, trotz sinkender finanzieller Ressourcen und einer dynamischen Schulentwicklung? Wie kann außerschulische Bildung der Verantwortung zur Gestaltung von Zukunftskompetenzen gerecht werden? Wir nähern uns diesem Spannungsfeld, indem wir mit unseren Formaten offene und informelle Bildungsräume schaffen, die Jugendlichen den Austausch über vergangene, gegenwärtige und eigene Menschenbilder ermöglichen – und indem wir den Dialog mit ihnen und den Schulen stets mitdenken und fortführen. Dabei bleiben wir bei den von Lehrkräften eingeübten Formaten Führung, Seminar, Projekttag, Arbeitsblatt und Rallye, reizen diese aber im Sinne des selbstgesteuerten Lernens bestmöglich aus. Hier werden die unterschiedlichen methodischen Ansätze besonders dann wirksam, wenn Gruppen diese in einer drei bis fünftägigen Exkursion kombinieren, und beispielsweise das Profilthema Menschenbilder als Ausgangspunkt ihrer Auseinandersetzung mit dem Lernort Weimar nehmen.

Gleichzeitig lernen wir als Museum in iterativen Entwicklungsprozessen unheimlich viel von den Schulen, was uns analog wie digital enorm weiterhilft, zum Beispiel in der Museumsentwicklung und Umsetzung der neuen Webseite samt Bildungs- und Rechercheportal. Besonders die Fokusgruppengespräche als Auswertungsmethode haben sich dabei gewinnbringend gezeigt – denn nur durch den direkten Einbezug der Zielgruppe können die Formate nachhaltig und gewinnbringend konzipiert werden. Dass sich hier auch die Perspektiven, Bedarfe und Bedürfnisse im Laufe der Zeit ändern, zeigt sich heutzutage mehr denn je – was die dynamischen Entwicklungsprozesse unerlässlich macht. 

Damit deutet sich auch eine neue Rolle der Kulturellen Bildung an: Sie wird zum Labor gesellschaftlicher Lernprozesse, in dem Schulen und außerschulische Lernorte gemeinsam an einer Bildung der Zukunft arbeiten. Das erfordert institutionelle Offenheit, kontinuierliche Evaluation und den Mut, sich auf dynamische Entwicklungsprozesse einzulassen.

Zukünftig wird es entscheidend sein, die gewonnenen Erfahrungen systematisch weiterzuentwickeln, um Kulturelle Bildung noch stärker als Raum für demokratische Teilhabe, digitale Souveränität und gestalterisches Zukunftsdenken zu verankern. Weimar steht dabei exemplarisch für eine Bildungslandschaft im Wandel – eine, die Vergangenheit und Zukunft in einen offenen Dialog bringt und junge Menschen befähigt, aus der kulturellen Praxis heraus Zukünfte neu zu denken.