Quo Vadis – Empirische Analyse von kommunalen Gesamtkonzepten für Kulturelle Bildung

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von Susanne Keuchel

Erscheinungsjahr: 2014

In den vergangenen Jahren hat sich die kulturelle Bildungslandschaft im Zuge des kontinuierlichen Ausbaus des Ganztags verändert. So werden verstärkt Anstrengungen unternommen, schulische und außerschulische kulturelle Akteure auf regionaler Ebene zu vernetzen. Die Kommunen sehen sich hier in einer wichtigen Schlüsselfunktion bei der Ausgestaltung kultureller Bildungslandschaften und verstehen die Vernetzung der Bereiche Erziehung, Bildung und Betreuung als eine zentrale kommunale Aufgabe (vgl. Deutscher Städtetag 2007: 1f.). Dabei entwickeln sich in den Kommunen vielfältige Strategien bei der Umsetzung dieser Vernetzungsaktivitäten in Abhängigkeit von unterschiedlichen Voraussetzungen und kultureller Infrastruktur (vgl. Faber 2011: 11). Einige Kommunen haben sich in einer Vorreiterfunktion aufgemacht, diese Vernetzungsaktivitäten und die Intensivierung kultureller Bildungsarbeit systematisch zu betreiben, zu dokumentieren und gezielt festzuschreiben: im Rahmen von kommunalen Gesamtkonzepten. Das Zentrum für Kulturforschung (ZfKf) hat im Auftrag der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. (BKJ) einige dieser kommunalen Gesamtkonzepte kleinerer, mittlerer und größerer Kommunen empirisch untersucht, unter der Fragestellung: Gibt es bestimmte Erfolgsindikatoren und Strategien, die unbedingt berücksichtigt werden müssen bei der Ausgestaltung kommunaler kultureller Bildungslandschaften? Und unterscheiden sich einzelne Handlungsmaßnahmen in Abhängigkeit von der Größe der Kommunen und deren kultureller Infrastruktur? Analysiert wurden die kommunalen Gesamtkonzepte für Kulturelle Bildung der drei Metropolen Berlin, Hamburg und München, der drei Großstädte Dortmund, Dresden und Düsseldorf, der drei mittelgroßen Städte Freiburg im Breisgau, Münster und Oldenburg und der drei kleinen Gemeinden bzw. der Region Coburg, Hiddenhausen und des Kulturraums Leipziger Raum. Ohne die Hilfestellung dieser Kommunen, die ihre Konzepte und umfangreichen Hintergrundinformationen zur Verfügung stellten, wäre die nachfolgend in Auszügen dargestellte Untersuchung nicht möglich gewesen.

Allgemeine Struktur der Konzepte

Kommunale Gesamtkonzepte für Kulturelle Bildung konzentrieren sich in der Regel auf drei zentrale Aufgabenfelder: 1.) Sichtbarmachen, 2.) Bündeln und 3.) Vernetzen. Dazu gehört in einem ersten Schritt das Sichtbarmachen der schon vorhandenen Strukturen innerhalb der kommunalen kulturellen Bildungslandschaft.

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Abb. 1: Allgemeine Gliederungsstruktur kommunaler Gesamtkonzepte (Quelle: ZfKf 2012)

Eine solche Bestandsanalyse hat grundsätzlich das Ziel, das schon vorhandene Angebot der einzelnen Akteure und die Organisationsstrukturen innerhalb der Institutionen zu erfassen. Damit wird deutlich, wie gut die Kooperationspartner schon untereinander vernetzt sind und wie das aktuelle Angebot aufgestellt ist. Eine solche Analyse zeigt dabei auch Angebotsdefizite und fehlende Vernetzungsstrukturen auf, sodass sich daraus Ziele zur Optimierung ableiten lassen. In einem zweiten Schritt werden dann Strategien entwickelt, wie die bestehenden Angebote und Akteure stärker gebündelt und vernetzt werden können. Die Erreichung der vorab in der Bestandsaufnahme definierten Ziele kann nun durch die Festlegung und Umsetzung konkreter Handlungsmaßnahmen erfolgen. In den meisten Konzepten werden neben dieser strukturierten Erarbeitung von Maßnahmen auch die geplanten Organisationsstrukturen zwischen Umsetzung der avisierten Ziele und Handlungsmaßnahmen beschrieben. In erster Linie handelt es sich hierbei um die Verteilung der Verantwortlichkeiten und die Gestaltung von Kooperationen auf unterschiedlichen politischen Ebenen.

Konkrete Handlungsmaßnahmen in den Konzepten

Die Kommunen setzten bei den in den kommunalen Gesamtkonzepten festgelegten Handlungsmaßnahmen unterschiedliche inhaltliche und organisatorische Schwerpunkte, die eine vergleichende Gesamtbetrachtung erschweren. Im Rahmen der wissenschaftlichen Analyse wurden daher für alle Städte einheitliche Bewertungskriterien entwickelt und angewendet, auch wenn die Städte selbst ihre konkreten Handlungsschritte in den Konzepten teils anders thematisieren und strukturieren. Als Maßnahmen werden hier Aktivitäten definiert, die sich inhaltlich unter keinem übergreifenden Titel weiter zusammenfassen lassen und eine konkrete Vermittlungsaktivität implizieren. Maßnahmen können dabei eine Vielzahl von Einzelprojekten beinhalten, so beispielsweise die Teilnahme am NRW-Landesprogramm mit mehreren Künstlerprojekten in verschiedenen Städten. In den Konzepten taucht punktuell der Begriff „Maßnahme“ auch im Kontext der Einrichtung einer Koordinierungsstelle oder der Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit auf. Solche Organisationsstrukturen, die nicht konkret Vermittlungsarbeit thematisieren, werden in der folgenden Analyse an anderer Stelle vergleichend betrachtet. Die Zahl der Handlungsmaßnahmen in den jeweiligen Konzepten steht in einer deutlichen Beziehung zur Stadtgröße: Während Mittel- und Kleinstädte durchschnittlich vier Maßnahmen in ihren Konzepten festlegen, wurden für Metropolen durchschnittlich neun Maßnahmen herausgearbeitet, für Großstädte sogar elf. Bei der Analyse der Maßnahmen wird deutlich, dass die Handlungsmaßnahmen durchaus Entwicklungsprozessen unterliegen, die nicht statisch festgelegt sind, sondern im Rahmen von Fortschreibungen auch weiterentwickelt und ausgebaut werden können. Bei der Hälfte der Städte ist so im zeitlichen Verlauf ein Zuwachs an Maßnahmen festzustellen, bei zwei Dritteln der Großstädte sogar ein deutlicher Zuwachs, hier auch in Abhängigkeit zur Dauer der bestehenden kommunalen Gesamtkonzepte.

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Abb. 2: Aufgabe der Maßnahmen in kommunalen Gesamtkonzepten Kulturelle Bildung, differenziert nach Größe der Kommunen (Mehrfachnennungen möglich) (Quelle: ZfKf 2012)

Ein Schwerpunkt der Maßnahmen liegt, im Sinne des vorausgehend skizzierten Systemwechsels, in allen Konzepten auf der Initiierung und Implementierung von Kooperationen zwischen Schulen und außerschulischen kulturellen Partnern wie Museen, Musikschulen, KünstlerInnen, so zum Beispiel die Beteiligung bzw. der Aufbau von Programmen wie „Theater und Schule“ („TuSch“) oder „Jedem Kind ein Instrument“ („Jeki“). Handelt es sich um außercurriculare Maßnahmen, werden diese häufig innerhalb des (offenen) Ganztags eingebunden. Einen wichtigen Stellenwert nehmen auch der Ausbau der Bildungsangebote in Kultureinrichtungen und Kooperationen mit Kindertagesstätten innerhalb der Maßnahmen ein, sind jedoch im Vergleich zu den Kooperationsprojekten mit Schulen nicht Bestandteil aller hier untersuchten Konzepte. In Metropolen erfolgen besonders häufig interkulturelle Maßnahmen oder spezielle Angebote bzw. Vergünstigungen, die sich an Familien richten. Der Bereich der Medienbildung wird in den meisten Großstädten initiiert, während Festivals am ehesten zu den Maßnahmen in mittelgroßen Städten gehören. Dabei ist das Gros der Maßnahmen in den kommunalen Gesamtkonzepten spartenübergreifend konzipiert. Nur einige Maßnahmen konzentrieren sich hier auf ausgewählte oder auch nur eine Sparte, wie eben genannte Programme „Jeki“ oder „TuSch“. Die punktuell in der Analyse beobachtete leichte Verdichtung in den Sparten Musik und Theater kann möglicherweise auf die stärkere Präsenz der Musikschulen und Theater in den Kommunen zurückgeführt werden. Neben dem spartenspezifischen Fokus einzelner Maßnahmen verfolgen alle Kommunen auch thematische Schwerpunkte mit ihrem Gesamtkonzept. An erster Stelle tauchen bei den untersuchten kommunalen Gesamtkonzepten interkulturelle Themen und partizipative Ansätze auf. Es sind vor allem Metropolen, Großstädte und Mittelstädte, die Projekte unterstützen, in denen junge Teilnehmende aktiv den Projektverlauf mitgestalten und beeinflussen können. In Metropolen und Großstädten sind außerdem auch stadtteilbezogene Ansätze von Bedeutung. Den jeweiligen Stadtteilen oder Bezirken werden hier einzelne Bereiche zur Selbstverwaltung überlassen. In großen Städten gibt es außerdem immer wieder vereinzelt Stadtteile, die als sogenannte „soziale Brennpunkte“ bezeichnet werden, und denen im Rahmen der Gesamtkonzepte ein größerer Bedarf an kultureller Bildungsarbeit zugesprochen wird. Hier geht es oftmals auch um andere konzeptionelle Strategien, da solche Stadtteile häufig über eine kaum ausgebaute kulturelle Infrastruktur verfügen. Der hohe Stellenwert interkultureller Themen bei den Kommunen (67 %), die sehr unterschiedlich interpretiert werden können, legt eine differenzierte Betrachtung dieser Aktivitäten nahe. Eine Mehrheit der Städte (42 %) versteht hierunter das Erreichen (junger) Menschen mit Migrationshintergrund, 33 Prozent das Aufgreifen von Kunst aus unterschiedlichen (Migrantenherkunfts-)Ländern – in der Regel mit der gleichen Absicht einer besseren Zielgruppenansprache von Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund. 25 Prozent der Konzepte stellen weniger kulturelle länderspezifische Unterschiede in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten als vielmehr den Aspekt der Migration als eigenes Phänomen. Neben dem thematischen Fokus charakterisieren sich Handlungsmaßnahmen auch über die Art, wie Teilnehmende an Kunst und Kultur herangeführt werden. Es ist positiv festzuhalten, dass bei allen Konzepten rezeptive und künstlerisch-kreative Aspekte in den Vermittlungsansätzen der Handlungsmaßnahmen eine Rolle spielen. Ein leichter Fokus kann dabei auf künstlerisch-kreative Vermittlungsansätze beobachtet werden.

Zielgruppenausrichtung der Konzepte

Entsprechend der Vielzahl an Maßnahmen, richten sich die kommunalen Gesamtkonzepte an ein sehr breites Zielgruppenspektrum und weisen dabei im Sinne lebenslanger Lernprozesse in einer Kommunikations- und Wissensgesellschaft ein breites Altersspektrum auf. Die wichtige Bedeutung auch der kulturellen Erwachsenenbildung unterstreichen ExpertInnen, wie zum Beispiel die der Enquete-Kommission (vgl. Deutscher Bundestag 2007: 400). Ein zentraler Fokus der Zielgruppenausrichtung liegt jedoch in allen Konzepten auf dem Erreichen von Kleinkindern und schulpflichtigen Kindern. Bei der Ansprache von Vorschulkindern kann in den kommunalen Gesamtkonzepten eine deutliche Fokussierung auf Kindertagesstätten beobachtet werden. In allen hier untersuchten Städten finden sich Handlungsmaßnahmen, die diese Einrichtungen einbeziehen. Seltener ist dagegen eine Zielgruppenansprache von Vorschulkindern innerhalb der Familie (42 %), die eher in Metropolen oder aber in kleineren Kommunen thematisiert wird. Eine Lücke zeigt sich in den Konzepten bei der Zielgruppenansprache junger Erwachsener. So gibt es nur wenige Maßnahmen, die sich beispielsweise an Studierende oder Auszubildende richten. Dies konnte jüngst auch in der Studie „mapping// kulturelle-bildung“ (Keuchel 2011) beobachtet werden, in der über 1000 kulturelle Bildungsmaßnahmen analysiert wurden. Einen Mangel an Angeboten, bzw. hier einen Mangel des Rückgriffs auf solche Angebote, speziell im Hochschulbereich, bestätigt auch der „Bildungsbericht 2012“ im Rahmen der HISBUS-Studierendenbefragung „Kulturelles Leben“ aus dem Jahr 2011 (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2012: 169). Auch Erwachsene über 65 Jahre werden nur vereinzelt mit den Konzepten angesprochen, obwohl SeniorInnen im Zuge des demografischen Wandels eine zunehmend wichtige Rolle als Zielpublikum einnehmen. Unter den erwachsenen Zielgruppen der untersuchten Konzepte werden Familien (58 %) am häufigsten thematisiert. Eine gängige Handlungsmaßnahme für Familien stellt hier die Einführung eines sogenannten „Familienpasses“ in Kommunen dar, der Familien ermäßigten oder kostenlosen Zugang zu Kultureinrichtungen ermöglicht. In den kommunalen Gesamtkonzepten finden sich auch altersunabhängige Zielgruppenausrichtungen. Beispielsweise beziehen Handlungsmaßnahmen auch PädagogInnen (42 %) ein, um das Interesse für Kulturelle Bildung, hier auch speziell deren Bereitschaft zur Kooperation mit außerschulischen Partnern, zu stärken. Bei Angeboten für die Zielgruppe der LehrerInnen engagieren sich vor allem die Groß- und Mittelstädte. Jeweils fünf der zwölf untersuchten Städte richten zudem konkrete Handlungsmaßnahmen auch speziell an migrantische und auch bildungsferne Bevölkerungsgruppen aus. Dies gilt vor allem für die Metropolen (67 %), die in der Regel einen hohen Anteil dieser beiden Gruppen aufweisen. Die Befähigung zur aktiven Teilhabe an Kultur und der Möglichkeit zu eigenem kulturellen Engagement wird dabei häufig in den kommunalen Gesamtkonzepten als Zielsetzung bei Projekten für Menschen mit Migrationshintergrund genannt. Ob in diesem Kontext eine zielgruppenspezifische Ansprache sinnvoll ist, wird allgemein in der Fachwelt kontrovers diskutiert, da die Ausschließlichkeit auch zu einer Stereotypisierung und dadurch Ausgrenzung führen kann (vgl. Yildiz 2009: 73ff.). Andererseits kann die Identifizierung mit Personen mit ähnlicher Biografie einen wichtigen Faktor darstellen, sich an kulturellen Bildungsaktivitäten zu beteiligen (vgl. Settelmeyer / Dorau / Hörsch 2006: 7f.). Vergleichsweise selten werden künstlerisch hochbegabte Zielgruppen (8 %) und Personen mit Behinderung (17 %) angesprochen. Eine mögliche Konzeptmaßnahme besteht beispielsweise in einer Bestandsaufnahme zur Barrierefreiheit in den kulturellen Einrichtungen und im Rahmen der angebotenen kulturellen Bildungsmaßnahmen. Auch können in der Praxis punktuell weitere andere altersunabhängige Zielgruppenausrichtungen beobachtet werden. Eine Maßnahme speziell für einkommensschwache Familien ist etwa die Weiterentwicklung von Ermäßigungssystemen für Musikschulen oder andere Kultureinrichtungen.

Zuständigkeiten und Organisationsstrukturen für die Konzepte

Die Zuständigkeit in der Stadt für die Umsetzung der kommunalen Gesamtkonzepte liegt in der Regel bei Ämtern bzw. Behörden für Kultur und Bildung. Dabei kann es sich um einzelne Ämter handeln oder um Ressorts, die in einem Amt zusammenarbeiten. Die beiden Ressorts Kultur und Bildung sind jedoch bei allen vorliegenden kommunalen Gesamtkonzepten zur Kulturellen Bildung beteiligt. Zusätzlich werden in der Praxis oftmals weitere Ämter oder Ressorts bei der Umsetzung einbezogen, wie Soziales, Jugend, Familie oder Integration. Die federführende Koordination der Konzepte wird in der Regel von einem eigenen Koordinator betreut. Alle zwölf beteiligten Städte geben an, diesen für die Umsetzung des kommunalen Gesamtkonzepts bereitzustellen. Diese Aufgabe erfolgt meistens im Rahmen anderer kommunaler Tätigkeiten und die Koordination wird in der Regel nahezu immer im Ressort Kultur ausgeübt, wie dies die Abb. 4 (s. o.) Übersicht veranschaulicht. So binden zehn Städte als federführend das Ressort Kultur und eine Stadt das Bildungsressort ein. Eine Stadt gibt an, dass bei der Koordination des Konzepts eine geteilte Federführung der Ressorts Kultur, Bildung und Soziales vorliegt. Aufgrund der zahlreichen unterschiedlichen Vermittlungsorte und Akteure einer Kommune nimmt das Einrichten von Koordinierungsstellen einen wichtigen Stellenwert bei dem Aufbau eines gesamtstädtischen Netzwerks zur Kulturellen Bildung ein. Elf der zwölf untersuchten Kommunen arbeiten entsprechend mit einer speziell für das kommunale Gesamtkonzept eingerichteten Koordinierungsstelle, die bei der Hälfte der befragten Städte von dem federführenden Ressort, den Kulturämtern (50 %) gesteuert wird. Alternativ werden eigenständige Projektbüros, Steuerungsgruppen oder selbstständig agierende Kultur- und Schulservices ins Leben gerufen.

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Abb. 3: Zielgruppen der kommunalen Gesamtkonzepte (Mehrfachnennungen möglich) (Quelle: ZfKf 2012)

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Abb. 4: Federführendes und beteiligte Ressorts bei der Koordination der kommunalen Gesamtkonzepte (Mehrfachnennungen bei Ressortbeteiligung möglich) (Quelle: ZfKf 2012)

Dies kann aufgrund der Vielzahl an Akteuren vor allem in den Metropolen beobachtet werden. Naturgemäß ist die Koordinierungs- bzw. Umsetzungsarbeit wesentlich einfacher in kleineren Gemeinden mit weniger Akteuren zu leisten als in Großstädten und Kommunen mit einer Vielzahl an kommunalen Einrichtungen und Partnern. Entsprechend variiert auch die Mitarbeiterzahl bzw. das Stellenbudget zur Umsetzung kommunaler Gesamtkonzepte in Abhängigkeit von der Größe einer Kommune: Sind in Metropolen durchschnittlich vier Stellen finanziert, liegt der Stellenanteil in kleinen Gemeinden nur bei 1,2. Durchschnittlich werden in den Kommunen 2,1 Personalstellen zur Koordination und Organisation eingesetzt. Alle Kommunen geben in ihren Konzepten an, Netzwerkarbeit zu betreiben. Zehn der zwölf untersuchten Städte veranstalten für alle Partner der Konzepte regelmäßig stattfindende Netzwerktreffen. Aufgrund der zahlreichen Einzelakteure und verzweigten Kooperationsstrukturen fallen Metropolen hier etwas zurück. Diese führen jedoch alle beteiligten Ämter des kommunalen Gesamtkonzepts bei regelmäßigen Netzwerktreffen für einzelne beteiligte Partnergruppen bzw. kulturelle Bildungsmaßnahmen zusammen. In einigen Kommunen sind die Netzwerktreffen auch themenspezifisch. Mehr als die Hälfte der Netzwerktreffen, die alle Partner der kommunalen Gesamtkonzepte einbeziehen, finden vierteljährlich (60 %) statt; insbesondere in Metropolen werden Netzwerktreffen in diesem Turnus veranstaltet. In Klein- bzw. Mittelstädten erfolgen Netzwerktreffen mit Blick auf den organisatorischen Aufwand und eine geringe personelle Besetzung zwar seltener, aber dennoch regelmäßig in jährlichen (20 %) oder halbjährlichen (20 %) Abständen.

Beteiligte Einrichtungen und Vermittlungsorte

Alle untersuchten kommunalen Gesamtkonzepte zur Kulturellen Bildung binden schulische und außerschulische Einrichtungen sowie Kindertagesstätten ein. Immer werden außerschulische kulturelle Partner bei der Realisierung eingebunden, seltener – nämlich zu 58 Prozent – sind auch nicht-kulturelle Einrichtungen an den kulturellen Bildungsmaßnahmen beteiligt, wie zum Beispiel Sportvereine oder Bildungszentren. Betrachtet man die kulturellen Bildungsmaßnahmen mit schulischen Partnern genauer, so konzentriert sich die Mehrzahl der kommunalen Gesamtkonzepte auf die Ausgestaltung des offenen Ganztags. Seltener, aber immerhin bei 42 Prozent der Gesamtkonzepte, finden sich curriculare Angebote, wie etwa die Projekte „Jeki“ oder „Singpause“, bei denen alle Kinder einer Klassenstufe das musikalische Angebot innerhalb der Unterrichtszeiten wahrnehmen. Alternativ gibt es freiwillige, ergänzende Angebote wie Workshops oder Projekttage, die beispielsweise in Kooperation mit Kultureinrichtungen stattfinden. Oftmals werden auch kulturelle Bildungsmaßnahmen implementiert, die außercurricular im Ganztag, Halbtag oder als ergänzende Schulangebote wahlweise eingebunden werden können, wie beispielsweise bei der kommunalen Teilnahme am NRW-Landesprogramm „Kultur und Schule“ (vgl. Der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen 2009). Kultureinrichtungen, die in allen kommunalen Gesamtkonzepten eingebunden werden, sind Museen (100 %) und Bibliotheken (100 %), aufgrund ihrer Präsenz sowohl in Großstädten als auch in kleinen Gemeinden. Neben der größeren Zahl existierender Einrichtungen könnte ein weiterer Grund für ihre zentrale Einbindung in kommunale Gesamtkonzepte in ihrem expliziten Selbstverständnis liegen, Kulturelle Bildung als einen zentralen Auftrag zu definieren (vgl. Hessisches Bibliotheksgesetz, § 2), während für Theater und Orchester der kunstproduzierende Auftrag im Wesentlichen ihre Legimitation bestimmt. Typische Vermittlungsangebote der Bibliotheken sind beispielsweise Lesungen, das Zusammenstellen von Buchmaterialien für Schulen, Kindergärten oder den Deutschunterricht, Führungen für junge Menschen zur Nutzung von Bibliotheken oder auch das Einrichten von Bibliothekstreffen oder -clubs, wo künstlerisch-kreative Projekte, wie beispielsweise eine Bibliothekszeitschrift, erstellt werden. Ein Schwerpunkt der kulturellen Bildungsarbeit in Museen liegt im Bereich der Schulklassenführungen.

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Abb. 5: Sammlung beteiligter Einrichtungen und Vermittlungsorte in den kommunalen Gesamtkonzepten (Quelle: ZfKf 2012)

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Abb. 6: Schulische Einbindung von kulturellen Bildungsmaßnahmen in den kommunalen Gesamtkonzepten (Mehrfachnennungen möglich) (Quelle: ZfKf 2012)

Neben Sonderführungen finden sich auch verstärkt Workshops und Kurse, in denen sich im Rahmen künstlerisch-kreativer Aktivitäten mit den Inhalten der Ausstellungen auseinandergesetzt wird. Größere Städte, die über eine entsprechende Infrastruktur verfügen, binden in der Regel auch Theater (83 %), Orchester (58 %) und Mehrspartenhäuser in die kommunalen Gesamtkonzepte ein, im Rahmen von zielgruppenspezifischen Vermittlungskonzepten, wie künstlerisch-kreative Workshops, Clubs, Einführungen oder moderierte Kinder- und Jugendkonzerte. In ländlichen Regionen ohne entsprechende Infrastruktur werden auch mobile Angebote der Museen und anderer Kultureinrichtungen von Großstädten im Rahmen kommunaler Gesamtkonzepte verankert. Überraschend binden nicht alle Kommunen Soziokulturelle Zentren (42 %) systematisch in ihre Konzepte ein, obwohl diese eine große Vielfalt unterschiedlicher Bildungsmaßnahmen anbieten und ein breites Zielgruppenspektrum ausweisen (vgl. Bundesvereinigung Soziokulturelle Zentren 2012) und sich in der Satzung ihrer Bundesvereinigung im Jahr 1979 explizit dazu verpflichten, mit ihren Angeboten übergreifend verschiedene Altersgruppen, soziale Schichten und Nationalitäten zu fördern (vgl. Heinrichs / Klein 2001: 348). Eine wesentliche Leistung der Kommunen besteht in der Mitfinanzierung von außerschulischen kulturellen Bildungseinrichtungen wie Musikschulen oder Jugendkunstschulen, die Kindern und Jugendlichen das Erlernen von künstlerisch-kreativen Fertigkeiten mit künstlerisch qualifiziertem Vermittlungspersonal ermöglichen. Wird die Musikschule (100 %) in allen hier untersuchten kommunalen Gesamtkonzepten eingebunden, kann dies bezogen auf die Jugendkunstschulen (58 %) und Volkshochschulen (33 %) vielfach nur in den Metropolen und punktuell in großen und mittelgroßen Städten beobachtet werden, die über entsprechende Einrichtungen verfügen. Auffällig ist die vollständig fehlende Einbindung der Ballett- bzw. Tanzschulen in den vorliegenden Konzepten. Möglicherweise liegt dies an der oftmals privaten Finanzierungsstruktur dieser Einrichtungen. Auch selbstorganisierte Gruppen und Einrichtungen der Jugendhilfe werden in kommunalen Gesamtkonzepten zur Kulturellen Bildung einbezogen, hier am ehesten Kulturvereine (75 %) und Jugendzentren (25 %), und dies vor allem in kleinen Gemeinden, möglicherweise wegen des Mangels einer breiten professionellen kulturellen Infrastruktur. Entsprechende kommunale Gesamtkonzepte legen jedoch nahe, dass solche Maßnahmen auch durchaus eigene inhaltliche Ausprägungen haben, werden hier zum Beispiel kulturelle Aktivitäten unterstützt, bei denen sich Kinder und insbesondere Jugendliche oftmals selbst stark aktiv engagieren, da im Rahmen von Projekten mit selbstorganisierten Gruppen, Eigenverantwortung und Freiwilligkeit besonders gefördert werden. Selten werden Migrantenselbstorganisationen (25 %) in kommunale Gesamtkonzepte zur Kulturellen Bildung eingebunden, obwohl einzelne Analysen nahelegen, dass diese Einrichtungen sich vielfach im Bereich Kultureller Bildung engagieren (vgl. Keuchel / Larue 2011: 57).

Beteiligte Vermittlergruppen in den Konzepten

Kommunale Gesamtkonzepte binden neben unterschiedlichen Zielgruppen und Vermittlungsorten auch unterschiedliche Vermittlergruppen ein, wie dies die Abb. 7 (s. u.) zeigt. Übersicht zeigt. Neben kulturellen Vermittlern wie Fachleuten des Bereichs Kunst, KünstlerInnen, KulturpädagogInnen oder Personal aus Kultureinrichtungen, die in der Regel in allen Kommunen am kommunalen Gesamtkonzept beteiligt sind, wird auch nicht-künstlerisches bzw. kulturwissenschaftlich ausgebildetes Vermittlungspersonal eingesetzt. So arbeiten in allen Kommunen LehrerInnen und SozialpädagogInnen, in neun von zwölf Städten ErzieherInnen aus Kindertagesstätten und bei knapp der Hälfte der Kommunen (42 %) auch Ehrenamtliche an der Umsetzung der Konzepte mit. Die Einbindung des fachfremden Vermittlungspersonals erfolgt beispielsweise im Rahmen sogenannter „Tandemarbeit“, in der zum Beispiel MusikerInnen oder Bildende KünstlerInnen und LehrerInnen gemeinsam mit Schulklassen Projekte realisieren. Dabei kann beobachtet werden, dass Kleinstädte häufiger als andere Städte auf die Vermittlungsarbeit von Ehrenamtlichen zurückgreifen, vermutlich aufgrund fehlender kultureller Infrastruktur in kleineren Gemeinden. Entsprechend spielen hier vor allem Kulturvereine und kulturelle Laienakteure eine größere Bedeutung bei der Umsetzung der kommunalen Gesamtkonzepte. SchülerInnen und Studierende werden als VermittlerInnen dagegen vergleichsweise selten eingebunden. In der Regel verfolgen kulturelle Bildungsmaßnahmen bei Einbezug von jungen Zielgruppen in der Vermittlung weniger eine personelle Entlastung als vielmehr partizipative Ansätze und Multiplikatorenfunktion im Kontext von Peergroups.

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Abb. 7: Beteiligtes Vermittlungspersonal in den Gesamtkonzepten Kulturelle Bildung (Mehrfachnennungen möglich) (Quelle: ZfKf 2012)

Qualität in der Vermittlung – auch ein Thema der Konzepte

Die kommunalen Gesamtkonzepte vernetzen nicht nur unterschiedliche Vermittlungsgruppen, sondern unterstützen diese auch in der Vermittlungsarbeit, indem sie das Personal auf neue Aufgabenfelder und Kooperationspraktiken vorbereiten und weiterqualifizieren. Entsprechend nehmen Fort- und Weiterbildungen für die VermittlerInnen in den Konzepten eine zentrale Rolle ein. Alle Kommunen bieten diese an. Dabei lassen sich vor allem vier zentrale Aufgabenfelder bei der Durchführung von Fortbildungen beobachten: >> Schulung pädagogischer Kompetenzen bei kulturellen Akteuren. >> Schulung kultureller Bildungskompetenzen beim pädagogischen Personal. >> Informationen für pädagogisches Personal und Eltern zu bestehenden kulturellen Bildungsangeboten. >> Hilfestellung zur Realisierung von gemeinsamen Kooperationsprojekten für PädagogInnen und Kulturakteure. Fortbildungsangebote für künstlerische Akteure werden dabei eher von größeren Städten durchgeführt. Je kleiner die Stadt, desto weniger Angebote gibt es in diesem Bereich. Bei der Schulung von PädagogInnen finden sich in den vergangenen Jahren zunehmend auch kommunale Fortbildungen für ErzieherInnen in Kindertagesstätten, die nicht über eine spezielle Fachkraftausbildung in den Themenbereichen Musik und Kunst verfügen (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2012: 189).

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Abb. 8: Fortbildungen für einzelne Vermittlergruppen in den kommunalen Gesamtkonzepten, differenziert nach Stadtgröße (Quelle: ZfKf 2012)

Kommunale Fortbildungen im Bereich der Kulturellen Bildung, die sich an Eltern richten, beziehen sich dabei eher auf die Sensibilisierung für das Thema und die Interessenbildung. Oftmals sind in der Praxis die zuvor bereits erwähnten Koordinierungsstellen (z. B. Kultur- und Schulservices), die die Akteure miteinander vernetzen, auch gleichzeitig Veranstalter von Arbeitskreistreffen einzelner kultureller Bildungsakteure, Vortragsreihen, Fortbildungen oder Tagungen. Vereinzelt werden für fachliche oder inhaltliche Rückfragen zu den kommunalen Gesamtkonzepten in allen Einrichtungen der Stadt, die entsprechende Maßnahmen anbieten, Kontaktpersonen für Kulturelle Bildung installiert.

Außenwirkung und Öffentlichkeit der Konzepte

Öffentlichkeit für Kulturelle Bildung herzustellen, ist ein erklärtes Ziel kommunaler Gesamtkonzepte. In zehn der zwölf kommunalen Gesamtkonzepte wird daher Öffentlichkeitsarbeit auch als konkretes Handlungsfeld benannt, jedoch in sehr unterschiedlichen Konkretisierungsformen, wobei die Kommunen, die dies nicht thematisieren, dennoch Öffentlichkeitsarbeit leisten. Insbesondere die Bereitstellung von Datenbanken oder Internetpräsenzen werden hier genannt, so auch die Nutzung des Web 2.0., eigene Publikationen oder Programmhefte über kulturelle Bildungsangebote. Internetseiten und klassische Programmhefte sind dabei die Medien, mit denen nahezu alle Kommunen auf die Arbeit ihrer Konzepte aufmerksam machen, wie dies Abb. 9 (s. S. 108) verdeutlicht. Insbesondere mit Websites lassen sich auch umfangreiche Strukturen und Maßnahmen benutzerfreundlich darstellen. Einige Städte bieten sogar Internetseiten speziell für einzelne Zielgruppen an, in erster Linie für Kinder und Jugendliche, um kulturelle Bildungsangebote zu bewerben. Vergleichsweise selten, möglicherweise aufgrund des damit verbundenen Arbeitsaufwands, werden periodisch wiederkehrende Medien wie Newsletter zu den Konzepten bzw. zur Kulturellen Bildung von den Kommunen bereitgestellt. Die Wirksamkeit der Pressearbeit für die kommunalen Gesamtkonzepte kann am besten an der tatsächlichen medialen Berichterstattung gemessen werden. Fast alle Städte geben an, dass in der Tages- oder Fachpresse über ihre Konzepte berichtet wurde. Am häufigsten geschah dies auf kommunaler oder landesweiter Ebene. Neben der Berichterstattung über die kommunalen Konzepte Kultureller Bildung als Gesamtpaket konnte in den vorliegenden Pressedokumentationen beobachtet werden, dass einzelne Maßnahmen, wie ein Festival zur Kulturellen Bildung oder die Teilnahme an einem Landesprogramm zur Kulturellen Bildung, eine gute Medienresonanz erfahren und im Nachgang dazu genutzt wurden, gezielt auf die Existenz des kommunalen Gesamtkonzepts aufmerksam zu machen. Auch die Teilnahme an Wettbewerben bzw. eine Auszeichnung kann Aufmerksamkeit für ein kommunales Gesamtkonzept erzielen und den Bekanntheitsgrad desselben vergrößern, da diese in der Regel in der Fachpresse besprochen werden. In der erfolgreichen Teilnahme liegt außerdem der Vorteil, dass Prämiengelder in weitere Aktivitäten der Kulturellen Bildung vor Ort investiert werden können. Von den zwölf analysierten Städten gaben vier ihre Teilnahme an einem Wettbewerb mit ihren Gesamtkonzepten an und wurden auch ausgezeichnet. Hierbei handelte es sich um den landesweiten Förderwettbewerb „Kulturelle Gesamtkonzepte“, den das nordrhein-westfälische Landesministerium seit 2007 ausschreibt (vgl. Krings 2011: 22ff. sowie in diesem Band, S. 123). Die Hälfte der Städte nahm bisher außerdem mit einzelnen Maßnahmen an Wettbewerben – ebenfalls erfolgreich – teil. Hierbei handelt es sich größtenteils um die Teilnahme an den bundesweiten Wettbewerben MIXED UP (www.mixed-upwettbewerb. de) und Kinder zum Olymp (www.kinderzumolymp.de). Insbesondere für die Präsenz der kommunalen Gesamtkonzepte in Fachkreisen und den Austausch mit anderen Städten ist daneben die Teilnahme an Tagungen von großer Bedeutung. Elf der zwölf Städte haben zur Vorstellung ihrer Konzepte an Tagungen teilgenommen. Hierbei handelt es sich in erster Linie um bundesweite Tagungen. Vier Städte veranstalteten bisher selbst Tagungen, um den Diskurs anzuregen und ihre Maßnahmen vorzustellen.

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Abb. 9: Formen der Öffentlichkeitsarbeit in den kommunalen Gesamtkonzepten (Mehrfachnennungen möglich) (Quelle: ZfKf 2012)

Qualitätskontrolle zur Umsetzung der erreichten Ziele

Um kommunale Gesamtkonzepte umsetzen zu können, müssen auf personeller, organisatorischer und finanzieller Ebene Aufwendungen betrieben werden, die eine angemessene Qualitätskontrolle und eine Überprüfung der erreichten Ziele notwendig machen. Neben der vorausgehend dargestellten Qualifizierung von Multiplikatoren, die die Qualität der Vermittlung sicherstellt, werden in allen Konzepten als weitere Ziele der Qualitätssicherung die Dokumentation der Maßnahmen und die Etablierung langfristiger Maßnahmen unterstrichen. Drei Viertel der hier betrachteten Kommunen stellen im Rahmen von Datenbanken Informationen zu abgeschlossenen Projekten und Adressen von AnsprechpartnerInnen bereit. Vergleichsweise selten werden Leitfäden (33 %) oder Vertragsvorlagen (33 %) zu einzelnen Maßnahmen erstellt, zum Beispiel für Schulen zur Kooperation mit außerschulischen Partnern oder zur Festlegung von Richtlinien für die Zusammenarbeit. Die wissenschaftliche Begleitung eines Projekts durch Dritte gehört ebenfalls zur Qualitätssicherung. So führen alle Städte grundsätzlich Evaluationen durch. Konkret wird das Thema „Evaluation“ sogar in elf der zwölf Konzepte explizit erwähnt. Sieben Städte evaluieren dabei nur einzelne Maßnahmen. Sechs Städte geben an, das Gesamtkonzept zu evaluieren – davon drei Städte, eine Fremdevaluation durchzuführen, also hierzu externe Personen oder Institutionen einzubinden. Dass Fremdevaluationen in der kulturellen Bildungspraxis selten sind, liegt in der Regel an den zusätzlich entstehenden Kosten. So wurde zum Beispiel in einer empirischen Bestandsaufnahme der Beiträge zum Wettbewerb MIXED UP festgestellt, dass 35 Prozent der eingereichten kulturellen Bildungsmaßnahmen evaluiert, davon nur 8 Prozent fremdevaluiert werden (vgl. Keuchel / Keller 2012: 54).

Fazit zu kommunalen Gesamtkonzepten in der Praxis

Im Rahmen der empirischen Bestandsaufnahme konnte ein Leitfaden für kommunale „Ersteinsteiger“ (Keuchel / Hill 2012: 46f.) zu den Grundzügen kommunaler Gesamtkonzepte Kultureller Bildung erarbeitet werden, der unabhängig von der Größe, Infrastruktur oder Bevölkerungszusammensetzung einer Kommune anwendbar ist und in einer Kurzfassung im Folgenden dargestellt wird (s. Abb. 10, S. 110). Das Grundprinzip beruht dabei auf vier Komponenten: 1.) Sichten, 2.) Vernetzen, 3.) Qualifizieren und 4.) Dokumentieren. Kommunale Gesamtkonzepte können, müssen jedoch nicht zwangsweise neue Förderprogramme für Kulturelle Bildung auflegen. Entscheidender ist es für die Kommunen, dass sie die Auflage solcher Konzepte als einen kontinuierlichen selbstverpflichtenden, gestalterischen Arbeitsprozess begreifen und mit den schon vorhandenen kommunalen kulturellen Bildungsressourcen neue Wege des effizienten Einsatzes und der Zielgruppenansprache beschreiten. Die Analyse der Konzepte hat jedoch auch gezeigt, dass sich bei ihrer Ausgestaltung im Kontext unterschiedlicher kultureller Infrastruktur auch alternative Lösungswege aufzeigen. So wird die Weiterentwicklung kommunaler Gesamtkonzepte maßgeblich mitbestimmt durch die vorhandenen kulturellen Bildungsressourcen einer Kommune. Unterschiedliche Voraussetzungen in der soziodemografischen Bevölkerungszusammensetzung und in der kulturellen Infrastruktur bedingen auch unterschiedliche Strategien in der Umsetzung der Konzepte. Schwierig ist es für kleine Gemeinden und ländliche Regionen, ein ausreichendes und abwechslungsreiches kulturelles Bildungsangebot vor Ort bereitzustellen. Eine Alternative liegt in der Realisierung von regionalen statt kommunalen Gesamtkonzepten Kulturelle Bildung. Innerhalb einer ländlichen Region lässt sich die gering ausgeprägte kulturelle Infrastruktur besser bündeln. Die wenigen Museen oder Kulturvereine können so Angebote entwickeln, die sie nicht nur in die Bildungsarbeit der Schulen einer Gemeinde, sondern in die mehrerer Gemeinden in der Region einbinden. Mit Blick auf die oftmals fehlende professionelle kulturelle Angebotsstruktur ist es durchaus eine Alternative im ländlichen Raum, auch mit kulturellen Laiengruppen zusammenzuarbeiten, beispielsweise der Blaskapelle des Ortsvereins oder der Amateurtheatergruppe (vgl. Moeller in diesem Band, S. 177). In diesen Fällen nimmt der Aspekt „Qualifizierung und Fortbildung“ einen besonderen Stellenwert innerhalb der Konzepte ein.

Kurzleitfaden für die Entwicklung von kommunalen Gesamtkonzepten Kulturelle Bildung

>> Bestandsaufnahme der aktuellen kommunalen kulturellen Bildungslandschaft.

>> Formulierung von Zielen für die Ausgestaltung der künftigen kommunalen kulturellen Bildungslandschaft.

>> Operationalisierung der Ziele in konkrete Handlungsfelder.

>> Schaffen notwendiger Organisationsstrukturen und finanzieller Mittel zur Umsetzung der Handlungsfelder.

>> Benennung eines Koordinators für den Aufbau des Konzepts aus dem Ressort Kultur und/oder Bildung.

>> Einbindung weiterer kommunaler Ressorts wie Jugend, Integration oder Soziales.

>> Einrichten einer Koordinierungsstelle zum Aufbau eines gesamtstädtischen Netzwerks Kulturelle Bildung.

>> Schaffen von Mitarbeiterstellen für die Organisation in Abhängigkeit von der Größe der Kommune.

>> Vernetzung der kommunalen Akteure zum Ausbau neuer Handlungsfelder in der Kulturellen Bildung.

>> Qualifizierung der kommunalen Akteure für diese Handlungsfelder, auch innerhalb von Netzwerktreffen.

>> Fort- und Weiterbildungen für kommunale Akteure zur Kompetenzerweiterung und Kooperationspraxis.

>> Dokumentation neuer Angebots- und Organisationsstrukturen für Zielgruppen und VermittlerInnen

>> Überprüfung der Zielumsetzung durch (prozessbegleitende) Evaluation.

Abb. 10: Kurzleitfaden für die Entwicklung von kommunalen Gesamtkonzepten Kulturelle Bildung (vgl. Keuchel/Hill 2012: 46f.)

Sinnvoll ist es, bei der Fortbildung ehrenamtlicher VermittlerInnen professionelle Hilfestellungen in Anspruch zu nehmen. Einen individuellen Charakter erhalten kommunale Gesamtkonzepte, wenn damit auch ungewöhnliche Partnerbünde geschmiedet werden, indem regionaltypische Aspekte in die kulturelle Bildungsarbeit einbezogen werden, wie ein benachbartes historisches Kloster oder ein traditioneller Bauernhof der Region. Grundsätzlich besteht immer auch die Möglichkeit, Kooperationen mit kulturellen Bildungseinrichtungen und Kultureinrichtungen der nächstgelegenen Großstadt zu suchen. Kultureinrichtungen sind immer bestrebt, ihre Publikumsstrukturen auszubauen. Daher sind diese oftmals bereit, im Rahmen des Audience Development auch mobile kulturelle Bildungsangebote zu installieren. Insbesondere gilt dies, wenn die Chance besteht, nicht nur eine Kommune, sondern eine ganze Region mit den Angeboten anzusprechen. Auch das Einbinden von KünstlerInnen ist eine gute Alternative, mehr kulturelle Angebotsvielfalt für schulische und außerschulische kommunale Einrichtungen im ländlichen Raum zu erhalten. Für Großstädte und Metropolen gilt es dagegen zu prüfen, ob es bei der Entwicklung von Gesamtkonzepten sinnvoll sein kann, innerhalb einer Kommune eine individuelle Konzeptausgestaltung anzugehen. Aufgrund der unterschiedlichen soziodemografischen Zusammensetzung in einzelnen Stadtteilen und deren unterschiedlich gewichteten kulturellen Infrastrukturen kann es sich empfehlen, für einzelne Stadtteile unterschiedliche Konzepte zu entwickeln und deren individuellen Bedarf an kultureller Bildungsarbeit zu überprüfen (vgl. Kokoschka / Bracke in diesem Band, S. 171). Bei der Entwicklung von kommunalen Gesamtkonzepten gibt es auch unabhängig von der Größe der Kommune verschiedene Wege, individuelle Akzente zu setzen. Ein Garant des Erfolgs hierfür ist die Berücksichtigung eigener regionaler Themen und Schwerpunkte, zum Beispiel ein historisches Puppentheater oder eine prägende kommunale Künstlerfigur zu beteiligen. Durch Einbindung der freien Kulturszene vor Ort können ebenfalls sehr individuelle Ansätze entstehen, wie auch beim Rückgriff auf kommunalspezifische historische oder aktuelle Themen (vgl. Scherf in diesem Band, S. 145). Auch bei der konkreten Ausgestaltung einzelner Handlungsfelder können Kommunen individuelle Akzente setzen, zum Beispiel die Stärkung partizipativer kultureller Vermittlungsansätze, u. a. auch durch gezielte Kooperationen mit Vereinen und selbstorganisierten Bürgergruppen, wie etwa Jugendgruppen, die oftmals eine eigene Qualität im Engagement und der Beteiligung besitzen. Kommunale Gesamtkonzepte, das hat die Analyse der Konzepte gezeigt, sind keine hermetisch abgeschlossenen Konstrukte, sondern neue gesellschaftliche Herausforderungen bedingen hier kontinuierlich konzeptionelle Weiterentwicklungen. So wie sich in den vergangenen Jahren der Bedarf nach neuen kommunalen Konzepten der kulturellen Bildungsarbeit aufgrund des Ausbaus von Ganztagsschulen ergeben hat, werden neue gesellschaftliche Herausforderungen die Notwendigkeit neuer Handlungsfelder in der kulturellen Bildungsarbeit unterstreichen. Dazu zählen etwa der zunehmende Bedarf einer früh ansetzenden kulturellen Bildungsarbeit in Kindertagesstätten im Sinne der Chancengleichheit oder die Schaffung von mehr interkulturellen Bildungsangeboten und der Einbezug von Migrantenselbstorganisationen im Zuge des wachsenden Anteils an Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund. Im Sinne gesellschaftlicher Veränderungen empfiehlt es sich, in regelmäßigen Abständen das Erreichen der Ziele im Rahmen von Evaluationen zu überprüfen und bei Bedarf neue Handlungsfelder der Konzepte zu benennen. Mit den Fortschreibungen und dem Ausbau von Maßnahmen lassen sich zugleich auch die bisher ermittelten Erfolge eines kommunalen Gesamtkonzepts Kulturelle Bildung dokumentieren.

Verwendete Literatur

  • Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.) (2012): Bildung in Deutschland 2012. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zur kulturellen Bildung im Lebenslauf: www.bildungsbericht.de/daten2012/bb_2012.pdf (letzter Zugriff am 07.10.2012).
  • Bundesvereinigung Kulturelle Kinder und Jugendbildung e.V. (BKJ) (Hrsg.) (2012): MIXED UP! Wie Kultur und Schule Lernprozesse gestalten. Eine Sammlung von Praxisbeispielen und Fachbeiträgen zur Kooperation von Kultur und Schule. Remscheid.
  • Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren (2012): Definition Soziokulturelles Zentrum: www. soziokultur.de/bsz/node/80 (letzter Zugriff am 06.02.2012).
  • Der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.) (2009): Augen öffnen. Kulturelle Bildung in der Kulturförderung des Landes Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf.
  • Deutscher Bundestag (Hrsg.) (Deutscher Bundestag (Hrsg.) (2007)): Schlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“. Drucksache 16/7000. Berlin.
  • Deutscher Museumsbund (2011): Empfehlungen für Museen. Berlin. [www.museumsbund.de/fileadmin/ geschaefts/dokumente/kmk/19690703_Empf.pdf, 19.12.2011].
  • Deutscher Städtetag (Deutscher Städtetag (2007)): Aachener Erklärung des Deutschen Städtetags anlässlich des Kongresses „Bildung in der Stadt“ am 22./23. November 2007: http://ec.europa.eu/education/migration/germany9_de.pdf (Letzter Zugriff am 08.10.13).
  • Faber, Angela (2011): Kulturelle Bildung als kommunalpolitische Querschnittsaufgabe – Von der Aachener Erklärung zum kommunalen Gesamtkonzept Kulturelle Bildung. In: Bundesvereinigung Kulturelle Kinder und Jugendbildung e. V. (Hrsg.) (08/2011): Lokale Bildungslandschaften. Magazin Kulturelle Bildung (10-13). Remscheid: BKJ.
  • Heinrichs, Werner/Klein, Armin (2001): Kulturmanagement von A–Z. 600 Begriffe für Studium und Praxis. München.
  • Keuchel, Susanne (Keuchel, Susanne (2011b)): Wo kommt das Geld her? Zur systematischen Vermessung und Kartographie­ rung der kulturellen Bildung im Rahmen des Projektes mapping//kulturelle-bildung. In: Kulturstiftung der Länder/Kulturstiftung des Bundes (2011): Kinder zum Olymp. Selbstverständlich! Kulturelle Bildung in der Schule (48-62). Berlin.
  • Keuchel, Susanne/Hill, Anja (2012): Quo Vadis? Empirische Analyse von Kommunalen Gesamtkonzepten zur Kulturellen Bildung (im Auftrag der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V.). Köln. [www.bkj.de/all/artikel/id/6335.html, 20.03.2013].
  • Keller, Wolfgang/Keuchel, Susanne (Zentrum für Kulturforschung) (Keller, Wolfgang/Keuchel, Susanne (Zentrum für Kulturforschung) (2011)): Zur Chronologie von „MIXED UP“. Empirische Daten zur Kooperation von Kultur und Schule. Im Auftrag der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) e.V. Sankt Augustin.
  • Keuchel, Susanne/Larue, Dominic (Keuchel, Susanne/Larue, Dominic (2011)): Kulturwelten in Köln. Eine empirische Analyse des Kulturangebots mit Fokus auf Internationalität und Interkulturalität. Hrsg. vom Zentrum für Kulturforschung. Köln: ArCult Media.
  • Krings, Eva (2011): Kommunale Gesamtkonzepte für Kulturelle Bildung in NRW. In: Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. (Hrsg.) (08/2011): Lokale Bildungslandschaften. Magazin Kulturelle Bildung (22-24). Remscheid: BKJ.
  • Settelmeyer, Anke/Dorau, Ralf/Hörsch, Karola (2006): Interkulturelle Kompetenzen junger Fachkräfte mit Migrationshintergrund: Bestimmung und beruflicher Nutzen. Abschlussbericht, Bonn: Bundesinstitut für Berufsbildung. [www2.bibb.de/tools/fodb/pdf/eb_24102.pdf, 26.09.2013].
  • Yildiz, Safiye (2009): Interkulturelle Erziehung und Pädagogik: Subjektivierung und Macht in den Ordnungen des nationalen Diskurses. Wiesbaden: VS/GWV Fachverlage GmbH.

Anmerkungen

Dieser Beitrag ist erschienen in: Viola Kelb (Hrsg.) (2014): Gut vernetzt?! Kulturelle Bildung in lokalen Bildungslandschaften. Mit Praxiseinblicken und Handreichungen zur Umsetzung „Kommunaler Gesamtkonzepte für Kulturelle Bildung“. Schriftenreihe Kulturelle Bildung // Band 38. München: kopaed. Die Querverweise in diesem Text zu AutorInnen „in diesem Band" beziehen sich eben diese Veröffentlichung von Kelb.

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Susanne Keuchel (2014): Quo Vadis – Empirische Analyse von kommunalen Gesamtkonzepten für Kulturelle Bildung. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/artikel/quo-vadis-empirische-analyse-kommunalen-gesamtkonzepten-kulturelle-bildung
(letzter Zugriff am 26.09.2018)

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