Vom „quadratischen Denken“ zur transformatorischen Erkenntnis: Eine Textmontage zu künstlerischen Praktiken für Kulturelle Bildung im Anthropozän

Artikel-Metadaten

von Hannes Brunner, Doris Sprengel, Sandra Junghardt, Karin Kranhold

Erscheinungsjahr: 2025

Abstract

Der Beitrag stellt eine Textmontage dar, die auf einem assoziativen Gespräch zwischen den Künstler*innen Doris Sprengel und Hannes Brunner basiert. Die offene, netzartigen Collage nutzt das multidimensionale Spiel mit Sprache als Mittel der Erkenntnisgewinnung im Rahmen Künstlerischer Forschung. Der Beitrag zielt darauf ab, den Raum künstlerischen Praktiken, wie er bereits häufig in Veranstaltungen eröffnet wird und auch im Rahmen der Tagung Klima - Landschaft - Kunst. Kulturelle Bildung im Anthropozän (2024, Potsdam) konzeptionell verankert wurde, in eine Textform zu übersetzen. Eingangs werden sowohl künstlerische Partizipationsstrategien als auch die konkreten Arbeiten der beiden Künstler*innen auf der Tagung beschrieben. In der Collage selbst stehen Herausforderungen und Paradoxien im Mittelpunkt, die einerseits durch das Anthropozän in der künstlerischen Arbeit entstehen und auf die andererseits durch künstlerische Arbeit neue Perspektiven eröffnet werden können.

Die Tagung Klima - Landschaft - Kunst. Kulturelle Bildung im Anthropozän und ihre künstlerischen Interventionen

Die geistes-, kultur- und erziehungswissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Konzept des Anthropozäns hat in den letzten Jahren zu einer ausdifferenzierten Literaturlage geführt und auch eine breite und sehr lebendige Reflexion in der Kulturellen Bildung angestoßen (vgl. hierzu umfassend Hübner 2023: „Transformation, Digitalität und BNE: Was war? Was ist? Kommt was?“). Parallel zu den theoretischen Diskussionen u.a. zu der Frage, inwiefern auf Nachhaltigkeit bezogene kulturelle Bildungskonzepte kon- oder divergieren, widmen sich auch partizipativ arbeitende Künstler*innen dem Themenfeld, sei es in künstlerischen Forschungsprojekten (vgl. Jörg/Niederhauser 2025) oder in Site-Specific-Performances, die „Landschaft als Mitspielerin“ begreifen (Westphal/Kranixfeld 2024).

In der Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg bemühen wir uns, als Fachstelle für Kulturelle Bildung zwischen Akteur*innen, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen, Multiplikator*innen und der vielschichtigen Gruppe der aktiv Beteiligten eine vermittelnde Rolle einzunehmen, eine Rolle, für die der ständige Perspektivwechsel konstitutiv ist, gerät man auch manchmal zwischen die Stühle. Eine Möglichkeit, dieser Rolle gerecht zu werden, liegt im Eröffnen gemeinsamer Erfahrungsräume, die multiperspektivische Anknüpfungspunkte bieten. Hierzu zählen u.a. künstlerische Prozesse, die zwischen „Sparkling moments“ und „Loops and Spirals“ Erfahrungen von Inspiration, Irritation und Widerständigkeit ermöglichen können (Mandel 2025). Künstlerische Partizipationsstrategien im Rahmen kultureller Bildungspraktiken können mit diesen Inspirationen und Irritationen, die sich im Moment der teilhabenden künstlerischen Erfahrung, nicht in einer nachgeordneten diskursiven Vermittlung erschließen, ein großes Potenzial für den Anstoß transformatorischer Bildungsprozesse entfalten. Hierunter sollen insbesondere Prozesse verstanden werden, bei denen es sich nicht um einen Wandel von „Selbst- und Weltverhältnissen [handelt], sondern um Selbst-Weltverhältnisse, die nicht getrennt voneinander gedacht werden können” (Reinwand-Weiss 2023). Ein entsprechendes relationales Verhältnis gilt für die im Konzept des Anthropozäns zentralen Mensch-Natur-Beziehungen.

Dieser Annahme entsprechend war ein wesentlicher Bestandteil der Tagung Klima - Landschaft - Kunst. Kulturelle Bildung im Anthropozän, die 2024 in Kooperation zwischen dem Studiengang Kulturarbeit der Fachhochschule Potsdam, der Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg, der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und der Universität der Künste Berlin in Potsdam stattfand, das Öffnen von Resonanzräumen für ästhetische Reflexion und Erfahrung. Während der Veranstaltung stellten sich Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Fachrichtungen, Künstler*innen und kulturelle Bildner*innen unter anderem der Frage, wie die anstehende Transformation durch künstlerisch-pädagogische Praktiken mitgestaltet werden kann. An der Tagung beteiligten sich auch die Künstler:innen Hannes Brunner und Doris Sprengel mit Interventionen. Beide beschäftigen sich in ihrer künstlerischen Praxis auf sehr unterschiedliche Weise mit dem Thema Klimakrise und öffnen dabei konkrete „Erfahrungsräume, in denen Bildung als transformatives Geschehen kognitiv, emotional und sozial erfahren werden kann“ (Sippl/Rauscher 2022, 26).

Hannes Brunner setzt sich auf vielfältige Weise für eine künstlerisch forschende transdisziplinäre Vermittlung ein und beteiligte sich gemeinsam mit der Kulturwissenschaftlerin Marina Resende und dem Soziologen und Künstler Jakob Wirth an der Tagung mit der interaktiven Installation stoff&wert - no ethical climate diplomacy no more, die unmittelbar vor dem Orangerieschloss im Park Sanssouci aufgebaut wurde. 

 

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Abb. 1: Hannes Brunner, Marina Resende, Jakob Wirth: stoff&wert - no ethical climate diplomacy no more. Vor dem Orangerieschloss im Park Sanssouci Potsdam während der Tagung „Klima – Landschaft – Kunst“, 19./20.9.2024.

 

Ein Kubus aus gepressten Plastikabfällen, seit Jahren auf einer inoffiziellen brandenburgischen Deponie vergessen, wurde mitten im Park Sanssouci in seiner plastischen Wirkung und seiner Zusammensetzung als eine Manifestation historischen Erbes und zukünftiger Verantwortung inszeniert und langsam zerlegt. Für die reguläre Entsorgung von einem Kilo Plastikmüll werden aktuell 94 Cent bezahlt und genau diese Summe erhielten nun Interessierte für ein Kilogramm Müll, um diese Menge zukünftig doch noch vorschriftsmäßig dem Recyclingkreislauf zuzuführen. Dieser „Tauschhandel“ wurde von den Künstler*innen diskursiv begleitet und stellt „unsere Art der Wertschöpfung in Frage und in den öffentlichen Raum“ (Brunner o. J.: T+/-V – circular economies). Das Publikum wird so handelnder Teil einer künstlerischen Performance und Aktivierung.

Die Künstlerin Doris Sprengel arbeitet an der Schnittstelle zwischen künstlerischer Praxis und gesellschaftlicher Reflexion und lädt zu kollaborativen Prozessen ein, bei denen gemeinsames Schreiben, Zeichnen und Kooperieren im Mittelpunkt stehen. Sie strebt in ihrer Arbeit nach rhizomartigen Strukturen, wie sie Anna Oppermann (vgl. Oppermann 1984) in ihren Werken und Gilles Deleuze in seiner Philosophie beschreiben (vgl. Deleuze/Guattari 1977).

Für eine Folgeveranstaltung zur Tagung mit dem Titel Klima - Wald – Kunst, die die Plattform Kulturelle Bildung in Eberswalde veranstaltete, entwickelte Doris Sprengel die Installation Wald-Roman: Man betrat einen schulzimmerähnlichen Raum, der zentrale Tisch in der Mitte vollgepackt mit Büchern, Bildern und Artikeln über Baumsorten, Pilze, Vogelarten, mit Vergrößerungsgläsern, Moos- und Rindestücken, Riechfläschchen mit Waldesduft, dazwischen Karteikarten, Notizbücher, Stifte, Scheren, Stempel, Taschenlampen, Vogelstimmen erschallten, Plakate und Bilder hingen an der Wand, Gedichtbände und Waldgeschichten waren verstreut zu finden, eine alte Schreibmaschine und ein VHS-Rekorder standen einsatzbereit. Trotz der Fülle des Materials war alles einladend arrangiert und wohlgeordnet präsentiert. 

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Abb. 2: Doris Sprengel: Geschichten aus dem Wald. Raum-Roman während der Tagung „Klima – Wald – Kunst“ in Eberswalde, Bürgerbildungszentrum Amadeu Antonio, 28.11.2024.

 

Begreift man den Menschen im Anthropozän nach Eva Horn als „Teilnehmer an Netzwerken sehr unterschiedlicher Handlungsträger, die Pflanzen, Tiere, Landschaften, Ressourcen, Atmosphären und Dinge umfassen“ (Horn 2017:9), eröffnet Doris Sprengel ein riesiges Forschungslabor, ein Arbeitszimmer, eine Einladung, das Thema Wald an einem Zipfel zu ergreifen, der individuell anspricht, um sich damit rhizomartig vorwärts bewegend zu beschäftigen: lesend, schauend, riechend, hörend, bastelnd, zeichnend, tippend.

Den Raum, der künstlerischen Praktiken in Veranstaltungen bereits häufig gewährt wird, möchten wir auch in dem auf der Tagung beruhenden Dossier Kulturelle Bildung im Anthropozän möglich machen und so einen Bogen zwischen dem Praxiswissen partizipativ arbeitender Künstler*innen und dem akademischen Diskurs schlagen. In der nun folgenden Textmontage setzt Doris Sprengel ihre künstlerische Arbeitsweise in schriftlicher Form fort. Sprengels Montage beruht auf einem assoziativen Gespräch, das sie mit Hannes Brunner geführt hat, und vereint verschiedene Textformen zu einer offenen, netzartigen Collage, die durch einen multidimensionalen Umgang mit Sprache zum Mittel der Erkenntnisgewinnung im Rahmen Künstlerischer Forschung wird. Das zugrundeliegende Gespräch fand am 02.06.2025, nachmittags, im Park Sanssouci in Potsdam vor der Orangerieschloss statt.

Das Gespräch. Eine Textmontage

Doris Sprengel: Ich freue mich sehr, heute mit dir über deine Arbeit, deine Perspektiven und die aktuellen Entwicklungen in der Kunst- und Kulturlandschaft zu sprechen. Ausgehend von der Tagung Klima – Landschaft – Kunst, die nach den Möglichkeiten künstlerischer Praktiken für kulturelle Bildung im Anthropozän fragte, erforsche ich, ob und wie künstlerische Interventionen Transformationsprozesse anstoßen können. Mein Anliegen ist es, unterschiedliche Blickwinkel zusammenzubringen und den kreativen Austausch zu fördern – sowohl in der Praxis als auch im gesellschaftlichen Kontext. Ich bin gespannt auf unser Gespräch und darauf, gemeinsam neue Impulse zu entdecken. Ich möchte unser Gespräch als eine Collage / Montage verstehen, die sich in verschiedene Richtungen ausbreitet. Besonders interessiert mich der Gegensatz von Algorithmisierung und Anthropomorphismus. Wie siehst du diese Begrifflichkeiten?

Hannes Brunner: Wir leben heute unter der Herrschaft der Algorithmisierung. Sie macht Ursache und Wirkung mathematisch nachvollziehbar, aber sie reduziert auch unsere Wahrnehmung. Was nehmen wir offiziell wahr mit unseren Sinnen?

Was glauben wir mental? Das hat die ganze Entwicklung der künstlichen Intelligenz und Technologie mit sich gebracht. Wir vertrauen auf Technik, ohne sie wirklich zu verstehen und benutzen zu können.

Anthropomorphismus: „Da frage ich (die KI) Ach, was habe ich da? Und dann? 
Die Antwort ist ganz nett..."

Wir werden den Austausch zwischen den Menschen nicht mehr weiter schulen können. Wir werden jetzt immer weiter dieses technologische Glied zwischen uns bringen.

Das ist eine der Herausforderungen, die auch meine Installation stoff&wert thematisiert. Wir wissen viel über die Materialien, mit denen wir arbeiten.

Wir können durch den Algorithmus prognostizieren, wie weit sich zum Beispiel Stoffe wie Polymere verfeinern und wie weit sie sich verbreiten.

WAS HEIßT DAS ÜBERHAUPT, WENN DIESE SUBSTANZEN, DIESE POLYMERE IRGENDWO ABGELAGERT WERDEN? UND WAS IST UNSERE SOZIALE, GESELLSCHAFTLICHE REAKTION DARAUF? DAS BEHERRSCHEN WIR NOCH NICHT. WIR KÖNNEN NICHT REAGIEREN.

Das ist die Provokation meiner Arbeit: Was machen wir mit diesen Stoffen, diesen Müll-Kuben, die keiner mehr haben will?

Einwegabfall: „Der Einwegabfall kommt in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in die Welt. Seitdem haben wir den Kampf mit dieser Euphorie."

ONE WAY USE AND THROW IT AWAY AND PRODUCE AGAIN. 

Doris Sprengel: Deine Installation basiert auf Müll-Kuben, die aus nicht mehr verwertbaren Polymeren bestehen. Wie gehst du in deiner künstlerischen Arbeit mit diesen Materialien um?

Hannes Brunner:

Müllkuben: Plastikmüll, zu Kuben gepresst, verboten in einer Halle in Brandenburg gelagert, weil man ihn nicht genau verorten kann, um die Verursacher zur Verantwortung zu ziehen.

Wir versuchen, das Material zu kulturalisieren, also in einen gesellschaftlichen Zusammenhang zu stellen. Es ist diese extreme Beschleunigung des Kapitals und des Kauf-Verkaufs. Diese Variante ist interessant:

Sie kommt gleichzeitig mit dem Aufkommen der Atomkraftwerke. Hier wissen wir eigentlich auch die Endlösung nicht. Es geht um die Energieproduktion, um die Produktion als solche und um die Geschwindigkeit. Aber was machen wir danach?

Material: „Es geht nach wie vor um die endlos wirkenden Ressourcen des Erdöls. 
Also Plastik. Du kannst auch sagen, Plastik ist das älteste Material.
Es geht zurück auf das Öl und auf die Bäume, die den Dinosauriern das Futter gaben."

Das ist kulturell wieder interessant und wir haben das als raffiniertes Zeug hier vor diesem erhabenen Gebäude hingestellt, kompakt unserer Welt entsprechend gepresst, kubatisiert.

Kuben: „Kuben machen also das quadratisch quadratische Denken.
Da ist alles hinein gezwängt."

Die Kuben sind Ausdruck einer zirkulären Ökonomie, die aber in der Realität oft an ihre Grenzen stößt. Es ist ein komplexes Geflecht aus Ökonomie, Politik und Gesellschaft. Sie werden in Zwischen- und Endlagern aufbewahrt, aber nie endgültig. So werden sie Spekulationsobjekte, Jonglierbälle, die immer von einer Hand in die andere gereicht werden, aber nie zur Ruhe kommen oder herunterfallen dürfen. Das Material wird dadurch Eigentum jener Spekulanten, die damit Geld zu machen glauben, während die eigentlichen Arbeitenden nichts profitieren.

UND DAS IST GENAU DIE FRAGE. WARUM KONNTEN WIR DEN KUBUS NICHT VOR DER ORANGERIE LASSEN? WO IST DIE RECHTLICHE GRUNDLAGE, DIE DAS NICHT ZULÄSST? DAS WÄRE EIGENTLICH DIE SCHLUSSFOLGERUNG GEWESEN, DIESES MONSTER HIER ZU LASSEN, WEIL ES NUR HIER IN EINER FORM SOWOHL KULTURELL ALS AUCH MATERIALISTISCH EINGEBETTET WERDEN KANN.

Doris Sprengel: Ist das für dich schon Kulturelle Bildung? Kann künstlerische Praxis solche Prozesse vermitteln?

Hannes Brunner: Unbedingt. Kunst kann diese Kakophonie der Materialien sichtbar machen und zur Reflexion anregen.

Monoplastik als Kunstwerk: „Aus diesen Gründen konnten die Kuben auch nicht mehr entsorgt werden. Deswegen ist unser ganzes Land auch voll mit diesem wunderbaren Gepressten. Sie sind wie die Quader für eine Pyramide, Altersmonumente für irgendeinen Pharao. Wir wissen auch nicht, was wir damit machen sollen."

Kunst zeigt solche Paradoxien auf und stößt Diskussionen an, die über eine reine Thematisierung hinausgehen.

ES GAB BEREITS DIE IDEE, TEILNEHMER*INNEN ALS HUMAN RESSOURCES FÜR EIN SEMINAR ZU GEWINNEN MIT DEM ZIEL, DASS SIE SICH AUCH VERANTWORTLICH ERKLÄREN, MIT DEM MATERIAL UMZUGEHEN.

Materialistische Kommunikation: „Denn ich habe mir das vorher nochmals notiert. Dass es für mich bei der Geschichte nicht einfach um Kunst als Kunst ging, sondern um Kommunikation, materialistische und aktionistische. Wir bringen etwas, zeigen das hier und geben das auch zur Reflexion."

Doris Sprengel: Du hast die ästhetische Dimension angesprochen. Verändert sich unser Begriff von Schönheit angesichts dieser „Verwüstung" durch Material?

Hannes Brunner: Ja, unser Schönheitsbegriff wandelt sich. Was früher als reine Natur galt, ist heute mit menschlichen Spuren durchsetzt. In der Wüste der Mongolei habe ich blinkende Plastikflaschen entdeckt. Diese „heruntergefallenen Sterne", wie ich diese von Menschen gemachte Vermüllung genannt habe, sind Teil unserer neuen Ästhetik.

Heruntergefallene Sterne: „Der Begriff geht eigentlich zurück auf eine Forschungsreise in die Mongolei. Und ich war da nicht im Ozean, sondern in der Mongolei. Und ich war in diesen Städten und denk mir, Wahnsinn, diese Weiten und das wunderschöne Land und so klar, karg, hart und ich weiß nicht was. Und man sieht im inneren Auge natürlich immer gleich schon die Kamele und die vielen Reiter und hat eine richtige mittelalterliche Welt vor sich. Und dann geht man aber über die Steppen und sieht, da blinkt es und dort blinkt es! Das sind alles Plastikflaschen; und du denkst, du bist total alleine und fragst dich, Mensch! Warum fliegt das überall hier rum?  Wie kommt das überhaupt hierher? Wenn du als einziges weit unten in der Ebene eine Jurte siehst, wahrscheinlich nur mit einer einzigen Nomadenfamilie, dann kommen dir diese Plastikflaschen in der Steppe völlig absurd vor.
Wie kommt dieses Zeug hierher?"

ZUKÜNFTIGE GENERATIONEN WERDEN ANDERE INNERE BILDER HABEN ALS WIR.

Die Medialisierung und Algorithmisierung verändern unsere Wahrnehmung grundlegend.

Generationen: „Wir konnten noch quer um den Globus trotten und glauben, das wir irgendwo Paradiese finden, die unseren Vorstellungen entsprechen. Und wir glaubten an die Verbindung dieser inneren Augen, mit denen wir irgendwie Bilder produzieren konnten. Das wird zukünftigen Generationen nicht mehr möglich sein."

UNS WIRD IN DEN NÄCHSTEN 50 JAHREN DAS ZEUG DERMAßEN UM DIE OHREN FLIEGEN, DASS WIR UNS EINFACH DARAN GEWÖHNEN MÜSSEN, DASS DAS VON UNS IST.

Doris Sprengel: Du sprichst von einem spielerischen Kreislauf in deiner Arbeit.

Wie funktioniert dieses <Spiel>?

Hannes Brunner: Wir haben mit stoff&wert einen Kreislauf inszeniert, bei dem das Material und sein Wert thematisiert werden. Wir berechneten den Wert des Plastiks und die Besucher haben den Wert inklusive dem taxierten Kilopreis zurückerhalten. Das ist eine künstlerische Reflexion auf die Ökonomisierung von Wertstoffen, aber auch ein Versuch, Nachhaltigkeit zu verkörpern und nicht nur zu thematisieren.

UND WIR HABEN SO EINEN SPIELERISCHEN KREISLAUF ERZEUGT.

Kreislauf: „Es sind nicht nur wir, die wir uns seit Kinder Gedenken dran zu halten versuchen, die moralische Flagge hochzuhalten. „Mensch, liebes Mädchen, schmeiß kein Zeug weg! - Lies bitte deine weggeworfenen Kaugummi-Papierchen auf!“ Wir sind so geschult worden und geben das weiter. Leider reicht das nicht mehr aus! Denn es wird immer offensichtlicher, dass das Material aus sich selbst heraus - und durch die industrielle und wissenschaftlich Handhabung - so konzipiert ist, dass du es als gesellschaftliche*r Nutznießer*in wegschmeißen MUSST."

Doris Sprengel: Ist das Kunstwerk für dich pars pro toto – also ein Teil, der für das Ganze steht?

Hannes Brunner: Ja, der Kubus steht exemplarisch für unsere Gesellschaft. Er ist ein Monument unserer Zeit. Er zeigt, wie wir mit Ressourcen umgehen, wie Wert entsteht und wie gesellschaftliche Vereinbarungen getroffen werden. Die Kunst kann hier als Katalysator für neue Denkweisen dienen.

Magie: „Und der Kubus ist natürlich dann auch das Magische. Der Kubus, der ja eigentlich auch etwas verbirgt, das Innenleben und uns. Das fand ich entscheidend. Wir stellen einfach diesen Kubus aus, obwohl er innen wie außen gleich ist. Das ist nur gepresst. Innen sieht er genauso aus wie aussen, und da ist diverses aus Polymeren und sonstiges Zeugs drin. Und vom Material her und dessen Konsistenz ist der Würfel so kompakt, dass man ihn nicht einmal richtig auseinandernehmen kann."

DA WAR BEI MIR DAS BEDÜRFNIS ZU SEHEN: OKAY, WAS HEIßT EIGENTLICH „KATASTROPHE“ ODER WAS HEIßT „KACKE“ MATERIALISTISCH GESEHEN? SCHÖNHEIT HEIßT OFT AUCH GEWOHNHEIT. UND DA VERSUCHE ICH MIT DIESEM PROVOZIERENDEM BILD UNSER AUGE EIN BISSCHEN IN DER KUBATUR ZU LASSEN. DIESE KUBATUR, DIESES WUNDERBARE DING, DAS WIR IN DIE VITRINE SETZEN MÖCHTEN, UM DEM BEFREMDENDEN NICHT GANZ SO UNMITTELBAR AUSGESETZT ZU SEIN. EIN IDEAL, DAS HEIßT: ES TANGIERT UNS NICHT DIREKT.

Doris Sprengel: Wie siehst du die Rolle der Kunst angesichts der fortschreitenden Algorithmisierung und Medialisierung?

Hannes Brunner: Kunst muss sich diesen Entwicklungen stellen und neue Räume für Reflexion schaffen. Sie kann zeigen, dass Schönheit auch Gewohnheit ist, und hinterfragen, was als wertvoll gilt. Der Kubus als Kunstwerk bleibt dabei ein ambivalentes Symbol: Er ist transparent und doch verschlossen, alltäglich und zugleich magisch.

Monster: „Und so hat Material an und für sich in jeglichem Zustand eine länger währende Wirkung. Jedes einzelne Stück im Kubus hat seine eigene soziale Kontextualisierung und Funktion. Ein Würfel von gepresstem Plastik birgt ein unheimliches Potenzial von kleinen sozialen Monstern. Auf jeden Fall ist es ein Archiv. Man stelle es sich vor: Jedes Plastikstück eines solchen Würfels ist tatsächlich irgendwann einmal von einem Menschen in seine Hände genommen worden. So birgt jeder Kubus ein herrliches Verzeichnis von tausenden von Fingerabdrücken, die auch in ferner Zukunft Zeugen von lebendiger Präsenz sind. Sie werden länger als das eigentliche Material lesbar bleiben.“

ICH DENKE MIR AUCH: ICH KANN EINE ERLEUCHTUNG HABEN, WENN ICH DARÜBER REDE ODER WIR UNS AUSTAUSCHEN; DANN KOMMEN MIR ERKENNTNISSE ...STRATEGIEN WIE UND WAS MACHEN WIR WEITER?

Doris Sprengel: Vielen Dank für das Gespräch.