Poetry Slam und kreatives Schreiben in der Sozialen Arbeit – Ästhetische Praxis und kulturelle Teilhabe

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von Babette Friedrich

Erscheinungsjahr: 2026

Peer Reviewed

Abstract

Der vorliegende Beitrag widmet sich der Untersuchung des Verhältnisses zwischen schreibpädagogischen Angeboten und der ästhetischen Bildung im Kontext der Sozialen Arbeit. Ausgehend von der Beobachtung, dass Schreiben häufig funktional oder schulisch verengt wahrgenommen wird, wird es hier als künstlerischer, sinnlicher und sozial eingebetteter Prozess verstanden. Im Fokus stehen Schreibwerkstätten in der offenen Jugendarbeit und der Erwachsenenbildung, die als zeitgenössische ästhetische Praxis Räume kreativen Selbstausdrucks eröffnen. Anhand theoretischer Bezüge zu ästhetischer Erfahrung, Subjektbildung und praxisreflexiver Beispiele wird aufgezeigt, wie Schreib- und Performanceprozesse kulturelle Teilhabe ermöglichen, Selbstwirksamkeit fördern und Bildungsprozesse als Transformation anregen können. Der Beitrag plädiert für eine pädagogische Rahmung des kreativen Schreibens, die sich durch eine Verbindung von Offenheit, Wertschätzung und einer klaren Abgrenzung zu therapeutischen Ansätzen auszeichnet.

Kreatives Schreiben als Praxis ästhetischer und kultureller Teilhabe

Künstlerische Tätigkeiten werden in pädagogischen Kontexten häufig als Möglichkeiten verstanden, sich kreativ mit sich selbst, mit anderen und mit der sozialen Umwelt auseinanderzusetzen. In der sozialpädagogischen Praxis lässt sich beobachten, dass schreibpädagogische Gruppenangebote einen niedrigschwelligen Zugang zu ästhetischen Erfahrungen eröffnen und kulturelle Teilhabe fördern, da sie keine spezifischen Vorkenntnisse oder künstlerischen Fertigkeiten voraussetzen. Hinzu kommt, dass das Schreiben nicht aufwendig ist, es genügen Papier und Bleistift. Erfahrungen wie Entspannung, Selbstreflexion, Selbstausdruck und Emotionsregulation können dabei sowohl in der offenen Jugendarbeit als auch in der Erwachsenenbildung angeregt werden. Das kreative Schreiben fungiert in diesen Zusammenhängen als Medium, über das Klient*innen eigene Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle und die Stellung zur Mitwelt in eine gestaltete Form überführen können. (Scheiner 2004:113)

Trotz dieses Potenzials wird Schreiben in Bildungsdiskursen im Bereich der Kinder- und Jugendbildung hauptsächlich im Deutschunterricht verortet. In der Erwachsenenbildung erscheint es aufgrund seiner Nähe zu beruflichen Schreibanforderungen oftmals weniger als künstlerische oder gesundheitsfördernde Praxis, sondern eher als funktionales Instrument. Im Vergleich zu anderen künstlerischen Ausdrucksformen wie Malen oder Musizieren wird der ästhetische Charakter des Schreibens oft unterschätzt. Bräuer beschreibt kreatives Schreiben als „cross-curriculäres Phänomen“, da es eine große Bandbreite unterschiedlicher Diskurse, Textsorten und Anwendungsfelder umfasst (Bräuer 1998:12). Von Werder (2016:19) verortet kreatives Schreiben in drei zentralen wissenschaftlichen Zugängen: als Stilaneignung, als Spiel sowie als Mittel der Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung. Darauf aufbauend entwickelt er ein integratives Verständnis des kreativen Schreibens, das Schreiben zugleich als Spiel, Stilpraxis und reflexiven Erfahrungsraum begreift (von Werder 2016:23). Als Lernziele benennt er unter anderem die Veränderung sprachlicher und expressiver Kompetenzen, die Entwicklung von Schreib- und Spielkompetenz, die Verbesserung der interpersonellen Kommunikation sowie die Erweiterung von Selbsterfahrung, Selbstwahrnehmung und Selbstverantwortung (von Werder 2016:330). Vor diesem Hintergrund kann gemeinsames kreatives Schreiben als Zugang zu Kultureller Bildung verstanden werden. Insbesondere im nicht-formalen Bildungsbereich entfaltet es sein Potenzial, da die Schreibprozesse ergebnisoffen und wertungsfrei angelegt sind und die verwendeten Techniken niedrigschwellig vermittelt werden, wie sie in Werkstattformaten der potentiellen Literatur (OuLiPo) gelehrt werden und leicht zu erlernen sind (Werkstatt für experimentelles Schreiben in Frankfurt „Was bedeutet potentielle Literatur?“).

Zentral für das kreative Schreiben – als ästhetische Bildung in nicht-formalen Bildungssettings – ist die Wahrnehmung von Sprache als sinnliches und gestaltbares Material. Neben inhaltlichen Aspekten rücken klangliche Qualitäten, Rhythmus, Bildhaftigkeit und visuelle Anordnung von Texten in den Fokus. Schreiben wird damit nicht allein als kognitiver Vorgang verstanden, sondern als ästhetische Erfahrung, die Wahrnehmung, Imagination, Gestaltung und Lernen miteinander verbindet. In dieser Perspektive eröffnet Schreiben einen Erfahrungsraum, in dem eigene kulturelle Ausdrucksformen im Medium des Literarischen vollzogen werden können. (Kuckhermann 2015:194–196)

Klient*innen der Sozialen Arbeit verfügen häufig über eingeschränkte Zugänge zu kulturellen Ressourcen und ästhetischen Erfahrungen. Diese ungleiche Verteilung von Teilhabemöglichkeiten kann die gesellschaftliche Partizipation erschweren. (Meis 2018a:20) Die Angebote der ästhetischen Bildung dienen nicht nur der Teilhabe, sie fördern außerdem Lebensfreude, soziale Kontakte, schaffen Sinn und Werte, unterstützen die Persönlichkeitsentwicklung und stärken die Resilienz-Kräfte sowie das Selbstwertgefühl von Menschen. Ästhetische Bildung baut demnach Ressourcen der Lebensbewältigung und Teilhabe auf und knüpft aktiv an diese an. (Meis 2018b:40–41)

In sozialpädagogischen Gruppenangeboten zeigt sich, dass Teilnehmende durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe soziale Verbundenheit erfahren und bestehende Isolation schrittweise überwinden können. Durch biografisch-kreative Schreibwerkstätten und das Feedback durch die Gruppe erleben sie Erfolge, Bestätigung und Selbstwirksamkeit. Kreativität stellt zudem für Klient*innen der Sozialen Arbeit eine wichtige Ressource bei der Bewältigung von Problemen dar. Durch sie können Problemlösungsansätze sowohl gefördert als auch angeregt werden. (Meis 2018b:45)

Soziale Arbeit orientiert sich an den Lebenswelten ihrer Adressat*innen und zielt darauf ab, Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen zu unterstützen sowie ihre Teilhabe an sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Prozessen zu fördern. Dabei begreift sie sich nicht nur als Hilfe zur Bewältigung individueller Problemlagen, sondern auch als gesellschaftliche Praxis, die auf die Erweiterung von Handlungs- und Gestaltungsspielräumen sowie auf die Stärkung von Ressourcen und Selbstwirksamkeit ausgerichtet ist. (Wendt 2017:26–27) Im Rahmen der Kulturellen Bildung ermöglicht Soziale Arbeit die Schaffung ästhetischer Erfahrungsräume, in denen Menschen sich mittels kreativer und künstlerischer Praxis mit sich selbst, mit anderen sowie mit ihrer Umwelt auseinandersetzen können. Kulturelle Bildung wird hierbei als ein nicht-formaler Bildungsbereich verstanden, dessen Ziel die Ermöglichung kultureller Teilhabe sowie die Zugänglichkeit ästhetischer Ausdrucksformen jenseits leistungs- oder verwertungsorientierter Logiken ist. Die Verbindung von Sozialer Arbeit mit kulturell-ästhetischen Bildungsangeboten stellt einen vielversprechenden Ansatz zur Förderung gesellschaftlicher Teilhabe und Subjektbildung, insbesondere für Menschen in herausfordernden Lebenslagen, dar. Soziale Arbeit unterstützt Menschen in schwierigen Lebenssituationen, indem sie Ausdrucksmöglichkeiten fördert sowie persönliche, soziale und kulturelle Kompetenzen stärkt. Sie nutzt auch kulturell-ästhetische Mittel, um Ausgrenzungserfahrungen, Diskriminierung und Benachteiligungen zu verringern und Teilhabechancen zu erweitern. (Treptow 2012:194–195)

Kreative Schreibprozesse sind in pädagogischen Kontexten durch eine spezifische Spannung zwischen Anleitung und Offenheit gekennzeichnet. Methodische Vorgaben, Schreibimpulse und Übungen strukturieren den Prozess und eröffnen zugleich Spielräume für individuelle Ausdrucksformen. Der spielerische Charakter des Schreibens sowie Formen literarischer Geselligkeit – etwa das Teilen von Texten in der Gruppe oder kollektives Schreiben – fördern einen offenen Umgang mit Sprache. Diese Balance zwischen Struktur und Offenheit stellt einen zentralen Aspekt pädagogischer Professionalität in der außerschulischen Kulturellen Bildung dar.

Bildung als Transformation ästhetischer Erfahrung

Lernen und Bildung lassen sich als Transformationsprozesse beschreiben, in denen sich Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsmöglichkeiten von Subjekten verändern. Kreatives Schreiben kann solche Prozesse anregen, indem es Menschen dazu einlädt, vertraute sprachliche Muster zu verlassen und neue Ausdrucksformen zu erproben. Während die therapeutische Wirkung des Schreibens, etwa im Sinne emotionaler Entlastung, unter anderem von Silke Heimes (2012) vielfach beschrieben wurde, richtet sich der Fokus in diesem Beitrag auf das Schreiben als ästhetischen Bildungsprozess.

Die ästhetische Erfahrung im Schreibhandeln eröffnet Möglichkeiten der Neuorientierung und Selbstveränderung. Im Schreibprozess erleben sich Schreibende häufig anders als in schulischen oder beruflichen Zusammenhängen. Erfahrungen von Inspiration, Selbstwirksamkeit und Resonanz treten dabei in den Vordergrund. Diese Tendenz manifestiert sich insbesondere in biografischen Schreibformaten oder Poetry-Slam-Projekten, die im Rahmen der Arbeit mit Frauen sowie mit jungen Menschen umgesetzt wurden. Der künstlerische Schreibprozess wird zu einem Raum der Selbsterfahrung, in dem Subjektivität nicht festgeschrieben, sondern im ästhetischen Handeln hervorgebracht und reflektiert werden kann (von Werder 2016:22).

Eine zentrale Voraussetzung für kreatives Schreiben als Bildungsprozess ist eine klare pädagogische Haltung. Im Unterschied zur Kunsttherapie steht nicht die biografische oder entwicklungspsychologische Deutung der entstandenen Texte im Vordergrund. Schreibpädagogische Bildungsprozesse werden vielmehr durch professionelle Anleitung, die gezielte Auswahl der Schreibübungen, Wiederholungen sowie durch die Gestaltung von Seminarräumen und Gruppenprozessen angeregt. Ein wesentliches Prinzip besteht darin, den Fokus auf den Prozess zu richten, hierbei die entstandenen Texte zunächst für sich stehen zu lassen und sie als individuellen Ausdruck ästhetischer Erfahrung zu würdigen. (Alers 2018:54–55, 61) In diesem Verständnis lässt sich kreatives Schreiben als ästhetische Praxis begreifen, die nicht an einen engen Kunstbegriff gebunden ist, sondern ästhetische Erfahrung, sinnliche Wahrnehmung und subjektive Bedeutungsbildung durch das Medium Sprache ermöglicht. Damit ist das kreative Schreiben im Sinne eines weiten Begriffs Kultureller Bildung zu verorten, der unterschiedliche Formen ästhetischer und künstlerischer Praxis umfasst und pädagogisch rahmt (siehe: Max Fuchs „Zu den Problemen theoretischer Abgrenzungen in der kulturellen Bildung„).

Praxiserfahrungen aus Schreibwerkstätten in der offenen Jugendarbeit und Erwachsenenbildung

Die folgenden Ausführungen basieren auf Praxiserfahrungen aus Schreibwerkstätten der Verfasserin, die im Rahmen der offenen Jugendarbeit sowie in der Erwachsenenbildung konzipiert, organisiert und durchgeführt wurden. Die Angebote fanden entweder in einem vierzehntägigen Rhythmus oder als kompakte Projekttage statt und zielten darauf ab, Schreibfähigkeiten, ästhetische Ausdrucksmöglichkeiten und Prozesse der Selbstreflexion zu fördern. Ausgangspunkt für die Konzeption der Werkstätten waren Gespräche mit Teilnehmer*innen, insbesondere mit Mädchen und Frauen, die bereits Erfahrungen mit Tagebuchschreiben oder ein Interesse an kreativen Ausdrucksformen geäußert hatten. Auch Poetry-Slam-orientierte Schreibwerkstätten erwiesen sich als niedrigschwellige und motivierende Formate, in denen junge Menschen eigene Themen in verdichteter, performativ ausgerichteter Textform bearbeiten und sprachlich gestalten konnten.

Die dargestellten Erfahrungen und Beobachtungen sind kontextgebunden und beziehen sich auf spezifische sozialräumliche und institutionelle Rahmenbedingungen. Sie erheben keinen Anspruch auf Generalisierbarkeit, sondern verstehen sich als praxisreflexive Einblicke, die zur fachlichen Diskussion über Potenziale kreativen Schreibens in der Sozialen Arbeit beitragen sollen. Die in gemeinsamen Feedbackrunden geäußerten Rückmeldungen der Teilnehmenden bestätigten wiederholt die wahrgenommene Bedeutung der Angebote für Ausdruck, Austausch und persönliche Entwicklung.

Schreibkompetenz stellt eine Schlüsselqualifikation dar, die nicht nur für schulische und berufliche Kontexte, sondern auch für die Persönlichkeitsentwicklung von Bedeutung ist. In den Schreibwerkstätten wurde Schreiben jedoch nicht primär als leistungsorientierte Kompetenz, sondern als ganzheitlicher, ästhetischer und sozial eingebetteter Prozess verstanden. In Anlehnung an das Empowerment-Modell wird davon ausgegangen, dass Menschen über eigene Ressourcen und Fähigkeiten verfügen, die durch unterstützende pädagogische Rahmenbedingungen aktiviert werden können (Schilling 2016:71). Ziel der Schreibworkshops war es daher, vorhandene Stärken sichtbar zu machen und zu erweitern, anstatt Defizite in den Vordergrund zu stellen. Insbesondere Techniken der freien Assoziation, des Clusterns oder des kollektiven Schreibens erwiesen sich durch ihre Offenheit und Einfachheit als niedrigschwellige Zugänge, die Schreibhemmungen abbauen und ästhetische Erfahrungen jenseits leistungsbezogener Anforderungen ermöglichen (vgl. Scheiner 2004:112).

Das kreative Schreiben erwies sich in den Workshops als integrativer Prozess, der unterschiedliche Dimensionen menschlichen Erlebens anspricht. Auf emotional-affektiver Ebene bot die Gruppe einen Raum für Anerkennung, Geborgenheit, Entspannung, Neugier und Inspiration. Das Schreiben ermöglichte es den Teilnehmenden, ihre Gefühle wahrzunehmen, auszudrücken und zu regulieren. Dies wirkte insbesondere für Personen, die nur schwer Zugang zu emotionalen Ausdrucksformen haben, unterstützend. (vgl. hierzu auch Heimes 2012:29–34) Eine Teilnehmerin berichtete, dass sie durch die Werkstatt das Tagebuchschreiben für sich neu entdeckt habe. Sie sagte, dass sie durch das Schreiben ihre Gedanken ordnen könne. Erst im Verlauf des Schreibprozesses manifestieren sich die eigentlichen Themen und Anliegen. Es trägt dazu bei, dass sie einen Zustand tiefer Entspannung erfährt und sich die notwendige Zeit für die Selbstreflexion nimmt. Das Schreiben fungierte folglich als Instrument der Selbstreflexion und emotionalen Selbstregulation im Alltag. Auf kognitiv-rationaler Ebene lernten die Teilnehmerinnen verschiedene Schreibtechniken kennen, erweiterten ihre kreativen Ausdrucksmöglichkeiten und setzten diese unmittelbar praktisch um. Schreiben wurde dabei als erlernbarer Prozess erfahren, der durch Übung und Feedback innerhalb der Gruppe vertieft wurde (vgl. Alers 2018:60–75). Auch die psycho-aktionale Dimension spielte eine zentrale Rolle: Die Teilnehmer*innen erlebten sich als kreativ handelnde Subjekte, entwickelten Stolz auf die geschriebenen Texte und erfuhren auf diese Weise Selbstwirksamkeit. Diese Erfahrungen wirkten sich positiv auf das psychische Wohlbefinden aus und stärkten die Motivation, sich weiterhin schreibend auszudrücken (vgl. Heimes 2012:29–34). Auf sozial-kommunikativer Ebene ermöglichten die Schreibwerkstätten Erfahrungen von Zugehörigkeit, Solidarität und gegenseitiger Unterstützung. Unterschiedliche biografische, soziale und kulturelle Hintergründe wurden nicht als Hindernis, sondern als Bereicherung wahrgenommen. In diesem Sinne eröffnete das kreative Schreiben auch Zugänge zur kulturell-ethischen Dimension, indem unterschiedliche Perspektiven, Prägungen und Ausdrucksweisen sichtbar und verhandelbar wurden (vgl. Alers 2018:60–75).

Für die praktische Umsetzung von Schreibworkshops hat sich eine Gruppengröße von maximal zwölf Teilnehmer*innen bewährt, da sie sowohl intensives Arbeiten als auch einen geschützten Rahmen ermöglicht. Vorerfahrungen im kreativen oder biografischen Schreiben waren nicht erforderlich. Die Teilnehmenden ohne Vorkenntnisse im Bereich des kreativen Schreibens hatten die Möglichkeit, grundlegende Techniken kennenzulernen und zu erproben. Dazu zählten unter anderem das freie Schreiben, das Clustern, das Akrostichon, die Erstellung von Listen sowie das sinnliche Schreiben. Die Teilnehmenden mit Vorkenntnissen hatten die Gelegenheit, ihre Ausdrucksmöglichkeiten zu vertiefen. Eine Dauer von etwa 120 Minuten pro Einheit, ergänzt durch kurze Pausen, erwies sich als angemessen, um konzentrierte Schreibphasen und Austausch zu ermöglichen.

Zentral für die Schreibwerkstätten war die Gestaltung eines geschützten Raumes – in Anlehnung an Virginia Woolf –, in dem die Teilnehmer*innen Abstand vom schulischen oder alltäglichen Leistungsdruck gewinnen konnten. Die Teilnehmenden wurden von Beginn an aktiv in den Schreibprozess einbezogen, ihre Bedürfnisse und Erfahrungen flossen in die Planung der Einheiten ein. Lernen wurde dabei als dialogischer Prozess verstanden, der auf einer Ich-Du-Beziehung basiert (Buber 2017:25–30). Lob, Anerkennung und Wertschätzung bildeten grundlegende Elemente der Lernatmosphäre. Durch selbstbestimmtes Tun, Beobachtung und gegenseitiges Feedback konnten ganzheitliche Transformationsprozesse angeregt werden (vgl. Alers 2018:60).

Die vorliegenden Praxiserfahrungen legen nahe, dass Schreibworkshops einen wirksamen Rahmen bilden, um ästhetische Erfahrungen, Selbstwirksamkeit und Bildungsprozesse zu fördern. Durch eine flexible, ressourcenorientierte pädagogische Haltung können Schreibhemmnisse aufgegriffen und die Übungen situativ angepasst werden. Gemäß dieser Auffassung konstituiert sich das kreative Schreiben als eine offene, dialogische und künstlerische Praxis der Sozialen Arbeit.

Poetry-Slam-Schreibwerkstätten als zeitgenössische ästhetische Praxis

Ergänzend zu den beschriebenen Schreibwerkstätten wurden von der Verfasserin in sozialpädagogischen Kontexten auch an der Form des Poetry Slam angelehnte Schreibwerkstätten umgesetzt. Diese Formate erweisen sich insbesondere für die Soziale Arbeit aus zwei Gründen als bedeutsam.

Erstens fördert Poetry Slam die kulturelle Teilhabe, indem Teilnehmer*innen Zugang zu kulturellen Räumen erhalten und sich zugleich aktiv in kulturelle Diskurse einbringen. Die Teilnahme an Poetry-Slam-Schreibwerkstätten ist dabei stets auch Teilhabe an aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, da das Format Themen und Ausdrucksweisen aufgreift, die gegenwärtig gesellschaftliche Relevanz haben. Zweitens eröffnet Poetry Slam ästhetische Erfahrungsräume, in denen Selbstwirksamkeit und Empowerment gestärkt werden können. Selbstwirksamkeit bezeichnet dabei die subjektive Überzeugung, durch eigenes Handeln wirksam zu sein, während Empowerment einen sozialpädagogischen Ansatz beschreibt, der darauf abzielt, Menschen durch ressourcenorientierte Rahmenbedingungen, Partizipation und Anerkennung in ihrer lebensweltlichen Handlungsfähigkeit zu stärken (Herriger 2024:20–21). Die Teilnehmenden befähigt es, mittels Schreib- und Performanceprozessen eigene Erfahrungen zu reflektieren, sprachlich zu gestalten und öffentlich sichtbar zu machen.

Poetry Slam stellt eine zeitgenössische ästhetische Praxis dar, die aufgrund ihrer performativen, sprachkreativen und partizipativen Struktur eine besondere Bedeutung für die Soziale Arbeit besitzt. Als niedrigschwellige Ausdrucksform verbindet das Format kreatives Schreiben mit öffentlicher Performance und ermöglicht ästhetische Erfahrungen, die sowohl auf individueller als auch auf sozialer Ebene wirksam werden. Die offene Stilvielfalt des Poetry Slams – der sich verschiedener literarischer Genres bedienen kann – schafft einen breiten Zugang zu kreativen Ausdrucksweisen und erweist sich insbesondere für heterogene Zielgruppen als geeignet, da unterschiedliche sprachliche, kulturelle und biografische Zugänge gleichwertig nebeneinander bestehen können.

Der demokratisch-partizipative Charakter des Formats erlaubt Teilhabe unabhängig von Bildungshintergrund oder literarischen Vorerfahrungen. Nicht von Relevanz ist die Zugehörigkeit zu einem etablierten Literaturkanon, sondern die performative Vermittlung zwischen Text und Publikum. Die Ergebnisse der begleitenden Workshops legen nahe, dass sich durch die Offenheit der Räume ästhetischer Bildung insbesondere für junge Menschen und benachteiligte Gruppen Möglichkeiten eröffneten, ihre Themen, Lebensrealitäten und Perspektiven kreativ zu artikulieren.

Poetry Slam erweitert damit – auch im Kontext des kreativen Schreibens – das pädagogische Potenzial ästhetischer Bildung und stellt einen bedeutsamen Ansatz dar, um Ausdruck, Reflexion, Identitätsbildung und soziale Teilhabe zugleich zu fördern.

Fazit

Die im Beitrag dargestellten theoretischen Überlegungen und Praxiserfahrungen verdeutlichen, dass kreatives Schreiben durchaus als eigenständige Praxis ästhetischer Bildung zu verstehen ist. Im Medium Sprache ermöglicht es sinnliche, spielerische und reflexive Erfahrungen, in denen Subjekte sich selbst, ihre Ausdrucksmöglichkeiten und ihre Beziehung zur Welt neu erfahren können. Schreiben wird dabei nicht als bloßes Mittel zur Kompetenzsteigerung, sondern als künstlerischer Prozess wirksam, der Bildungsprozesse im Sinne von Transformation anregen kann.

Die Praxisbeispiele aus Schreibwerkstätten und Poetry-Slam-Formaten zeigen, dass kreative Schreib- und Performanceprozesse in der Sozialen Arbeit ein hohes Potenzial besitzen. Sie eröffnen niedrigschwellige Zugänge zu kultureller Teilhabe, stärken Selbstwirksamkeit und Empowerment und ermöglichen es Teilnehmenden, eigene Themen, Erfahrungen und Perspektiven sichtbar zu machen. Der performative Charakter des Poetry Slams erweitert diese Potenziale, indem es ästhetische Erfahrungen mit Öffentlichkeit, Resonanz und gesellschaftlicher Teilhabe verbindet.

Zugleich wird deutlich, dass Schreibwerkstätten eine klare pädagogische Rahmung erfordern. Eine wertschätzende Haltung, die Offenheit für individuelle Ausdrucksformen mit methodischer Struktur verbindet und auf therapeutische Deutungen verzichtet, ist dabei zentral. Unter diesen Bedingungen kann kreatives Schreiben als wirksame Praxis Kultureller Bildung verstanden werden, die ästhetische Erfahrung, Subjektbildung und soziale Teilhabe miteinander verbindet.

Verwendete Literatur

  • Alers, Kirsten (2018): Schreiben wir! Eine Schreibgruppenpädagogik. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

  • Bräuer, Gerd (1998): Schreibend Lernen: Grundlagen einer theoretischen und didaktischen Schreibpädagogik. Innsbruck: Studien-Verlag.

  • Buber, Martin (2017): Das dialogische Prinzip. München: Gütersloher Verlags-Haus. 

  • Fuchs, Max (2014): Zu den Problemen theoretischer Abgrenzungen in der kulturellen Bildung. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/den-problemen-theoretischer-abgrenzungen-kulturellen-bildung (letzter Zugriff am 09.01.2026). 

  • Heimes, Silke (2012): Warum Schreiben hilft: Die Wirksamkeitsnachweise zur Poesietherapie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

  • Herriger, Norbert (2024): Empowerment in der Sozialen Arbeit. Stuttgart: Kohlhammer.

  • Kuckhermann, Ralf (2015): Ästhetische Praxis in der Sozialen Arbeit. In: Braun, Tom / Fuchs, Max / Zacharias, Wolfgang (Hg.): Theorien der Kulturpädagogik (182 – 206) Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

  • Meis, Mona-Sabine (2018a): Ästhetische Bildung. In: Meis, Mona-Sabine / Mies, Georg-Achim (Hrsg.): Künstlerisch-ästhetische Methoden in der Sozialen Arbeit: Kunst, Musik, Theater, Tanz und digitale Medien (17–30). Ort: Stuttgart: Kohlhammer.

  • Meis, Mona-Sabine (2018b): Leitvorstellungen und Leitziele der künstlerisch-ästhetischen Praxis in der Sozialen Arbeit. In: Meis, Mona-Sabine / Mies, Georg-Achim (Hrsg.): Künstlerisch-ästhetische Methoden in der Sozialen Arbeit: Kunst, Musik, Theater, Tanz und digitale Medien (40–58). Ort: Stuttgart: Kohlhammer.

  • Scheiner, Peter (2004): Literatur und Schreiben. In: Jäger, Jutta / Kuckhermann, Ralf. (Hrsg.): Ästhetische Praxis in der Sozialen Arbeit (103–119). Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

  • Schilling, Johannes (2016): Didaktik/Methodik Sozialer Arbeit: Grundlagen und Konzepte. München: Ernst Reinhardt.

  • Treptow, Rainer (2012): Kulturelle Strategien und soziale Ausgrenzung. Was kann Kulturarbeit leisten? In: Wissen, Kultur, Bildung: Beiträge zur sozialen Arbeit und kulturellen Bildung (192–200). Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

  • Werder, Lutz von (2016): Lehrbuch des Kreativen Schreibens. Wiesbaden: marixverlag.

  • Wendt, Peter-Ulrich (2017): Lehrbuch Methoden der Sozialen Arbeit. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

  • Werkstatt für experimentelles Schreiben in Frankfurt (2026): Was bedeutet potentielle Literatur? Online unter: https://www.oulipo-frankfurt.de/grundlagen/ (letzter Zugriff am 02.02.2026).

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Babette Friedrich (2026): Poetry Slam und kreatives Schreiben in der Sozialen Arbeit – Ästhetische Praxis und kulturelle Teilhabe. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/poetry-slam-kreatives-schreiben-sozialen-arbeit-aesthetische-praxis-kulturelle-teilhabe (letzter Zugriff am 20.04.2026).

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