Perspektiven für Kulturelle Bildung und Soziale Arbeit im Tandem – Entwicklung forschungsbasierter Leitfäden für die Ausbildung von Kultur- und Sozialarbeiter*innen zu Link-Workern
Abstract
Während Kulturelle Bildung und Musik in der Sozialen Arbeit von verschiedenen Aufträgen und Perspektiven aus agieren, so teilen Sie Kerngedanken: Die Beteiligten der Angebote und Projekte beziehen sich auf Musik als kulturelles Ausdrucksmittel der Kommunikation, Emotionsregulierung, der sozialen Orientierung und der individuellen Sinngebung. Das Forschungsprojekt Zukunftsmusik untersucht die Schnittstelle von Kultureller Bildung und Sozialer Arbeit durch Tandemprojekte von Musikstudierenden und Studierenden der Sozialen Arbeit. Ziel ist es, musikbezogene Interventionen zu entwickeln, die das subjektive Wohlbefinden von Teilnehmenden fördern und dabei zentrale psychologische Bedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit (gemäß der Selbstbestimmungstheorie) adressieren. Die qualitative und quantitative Evaluation basiert auf ethnographischen Beobachtungen, Interviews und psychometrischen Instrumenten. Die Forschung dient zugleich der Entwicklung eines Ausbildungsmodells für sogenannte Link-Worker im Kontext des Social Prescribing, bei dem kulturelle Angebote als gesundheitsfördernde Maßnahmen vermittelt werden. Im Fokus stehen die Potenziale ästhetischer Praxis zur Förderung von Teilhabe, Identitätsbildung und sozialem Zusammenhalt. Die Tandemstruktur erlaubt einen interdisziplinären Dialog und stellt ein innovatives Modell für zukunftsorientierte Bildungs- und Interventionsformate dar. Die Ergebnisse sollen in praxisnahe Leitfäden münden, die zur Professionalisierung zukünftiger Kulturvermittler*innen beitragen und die Wirksamkeit Kultureller Bildung im sozialen Feld belegen.
Im Kontext von Teilhabe und Wohlergehen stehen Kulturelle Bildung und ästhetische Praxen in der Sozialen Arbeit im Fokus gemeinsamer Diskurse und Forschungsansätze. Der vorliegende Beitrag untersucht die Facetten der Qualitätsfragen, Kommunikationsformen und Haltungen sowie die Akzentuierung der kreativen Gestaltungsprozesse anhand eines praxisbezogenen Forschungsprojekts. In diesem Ansatz genannt Zukunftsmusik werden die Auswirkungen von Musik und verwandten ästhetischen Praktiken untersucht, die in Projekten von Studierenden der Sozialen Arbeit und Musikstudierenden in Tandem-Partnerschaften gemeinsam konzipiert, realisiert und dokumentiert werden. Diese Projekte bewegen sich an der Schnittstelle mehrerer musikbezogener und sozialarbeiterischer Disziplinen und können daher den Dialog von Kultureller Bildung und Sozialer Arbeit fördern. Das Konzept geht mit Bezug auf Christopher Smalls Auffassung von Musicking von einem weiten Musikbegriff aus, der Freiwilligkeit und die Interessen der Beteiligten, ebenso wie langfristige Bildungs- und Lernprozesse berücksichtigt (vgl.Small 1998:9; vgl. Bruhn 2014). Hierbei können alle Handlungen, die im weitesten Sinne zum Musikmachen oder Musikerleben beitragen, eine Rolle spielen. Der dadurch möglich werdende kreative Dialog zwischen Nicht-Expert*innen und Expert*innen fördert nicht nur die musikalische Teilhabe, sondern auch zentrale Ziele der Kulturellen Bildung und Sozialen Arbeit, wie Kreativität, Gestaltung, soziale Kompetenzen und Identitätsstärkung (vgl. Jäger / Kuckhermann 2004). Ein langfristiges Ziel aller beteiligten Disziplinen ist die Steigerung des subjektiven Wohlergehens und der Kapazität der Selbstbestimmung der Beteiligten und damit ein Beitrag zum Sozialen Wandel. Dies wird gemäß der Selbstbestimmungstheorie durch verlässliche Erfahrungen von Autonomie, Kompetenz und sozialer Zugehörigkeit nach Edward Deci und Richard Ryan gefördert (vgl. Deci / Ryan 1985; Gagné 2003; Rabinowitch 2020; Stevens / Hubrich 2021a und 2021b).
Kulturelle Bildung und Soziale Arbeit im Kontext der Zukunftsmusik
Kulturelle Bildung bezieht sich in diesem Kontext auf die bildungsbezogene Auseinandersetzung mit künstlerischen Ausdrucksformen wie Bildender Kunst, Musik, Theater, Literatur, Design, Mixed Media oder Architektur und ihren vorfachlichen Erscheinungsformen mit weitreichenden sozial-gesellschaftlichen Facetten und Schattierungen. Sie ist ein Teilbereich der allgemeinen Bildung und zielt darauf, Menschen zur aktiven Teilhabe am kulturellen Leben zu befähigen, Wahlmöglichkeiten zu schaffen und Erlebnisräume zu eröffnen. Dabei geht es nicht nur um das Erleben von Kunst und die Schulung der sinnlichen Wahrnehmung im Sinne der ästhetischen Bildung, sondern auch um Selbstreflexion, Ausdruck und gesellschaftliches Engagement. Kulturelle Bildung fördert ästhetische Wahrnehmungen und Erfahrungen, emotionale und soziale Kompetenzen sowie die Fähigkeit, das eigene Leben und die Umwelt bewusst und kreativ mitzugestalten – als lebensbegleitender Prozess. Der Beitrag, den die ästhetische Bildung dazu leistet, kann in die Dimensionen Fingerfertigkeiten, Alphabetisierung, Selbstaufmerksamkeit und Sprache unterteilt werden (Dietrich et al 2012:26ff). Der zentrale Begriff zur Beschreibung der individuell angelegten Transformationsprozesse ist die ästhetische Erfahrung (Zirfas 2023/2022; Brandstätter 2013/2012). In der politischen Akzentuierung kommen Fragen der Kultursensibilität, der Diversität und des sozialen Zusammenhalts aber auch der Nachhaltigkeit und Ökonomisierung kultureller und sozialer Einrichtungen in den Blick (Keuchel 2023/2022).
Unter Sozialer Arbeit wird gemäß ihres Auftrags die Sicherstellung der sozialen und kulturellen Existenz verstanden. Dem Deutschen Berufsverband zufolge befähigt die Soziale Arbeit Menschen, die Herausforderungen des Lebens zu bewältigen und das Wohlergehen zu verbessern. Als praxisorientierte Profession und wissenschaftliche Disziplin mit Bezugswissenschaften fördert sie gesellschaftliche Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt sowie die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen (DBSH 2025). Für musikbezogenes Handeln im Rahmen von Kulturarbeit sind viele Arbeitsansätze der Sozialen Arbeit anschlussfähig, wie die Lebensweltorientierung, der Lebensbewältigungsansatz, der Capability Approach und das Empowerment (vgl. Thiersch 2015; Böhnisch 2016; Robeyns 2006; Herriger 2020). Das Feld der Kulturarbeit ist weit gefasst und schließt die kulturelle Sozialarbeit mit ein. Darin agieren Fachkräfte der Sozialen Arbeit ebenso wie ästhetisch Praktizierende mit und an der Seite von Adressat*innen Sozialer Arbeit, die aus der gesamten Lebensspanne stammen können. Angebote richten sich grundsätzlich an alle Menschen, während sie ebenfalls vulnerable oder zu bestärkende Zielgruppen gezielt ansprechen (Darian 2024). Ästhetische Praxis wird in der Sozialen Arbeit als eine subjektbezogene, sinnlich-vermittelte Form der Auseinandersetzung mit Welt und Wirklichkeit verstanden. Im Zentrum stehen Wahrnehmung, Ausdruck und Gestaltung, die Jugendlichen ermöglichen, sich selbst und ihre Umwelt über künstlerisch-symbolische Prozesse zu erfahren, zu reflektieren und aktiv mitzugestalten. Solche Erfahrungsräume tragen nicht nur zur individuellen Identitätsentwicklung bei, sondern eröffnen zugleich Chancen auf soziale Teilhabe im Sinne einer inklusiven Kulturellen Bildung (vgl. Meis 2018:19ff; Jäger und Kuckhermann 2004:122ff).
Gemeinsame Diskurse – multiple Perspektiven
Während Kulturelle Bildung und Soziale Arbeit von verschiedenen Aufträgen und Perspektiven aus agieren, so teilen Sie Kerngedanken: Die Beteiligten der Angebote und Projekte beziehen sich auf Musik als kulturelles Ausdrucksmittel der Kommunikation, Emotionsregulierung, der sozialen Orientierung und der individuellen Sinngebung. Musik ist ein mögliches Medium zur Gestaltung von Beziehung, zur Verarbeitung von Erfahrungen und zur Entwicklung des Selbst (Meis / Mies 2012). Die Gestaltung von Beziehungen bezieht sich vielfältig auf die eigene Person, die Mitmenschen, auf Materialien und Gegenständen und letztlich auf die Welt insgesamt. Im Kontext ästhetisch-künstlerischer Methoden wird Musik als eine Form des symbolischen Handelns beschrieben, die zwischen innerem Erleben und äußerem Ausdruck lanciert und vermittelt. Musik kann Distanz und Reflexion ebenso ermöglichen wie Identifikation und emotionale Beteiligung (Meis / Mies 2012: 22 ff). Somit wird Musik im weitesten Sinne nicht nur gehört, sondern gelebt, interpretiert und ihr Bedeutung zugeschrieben – sie wird Teil der individuellen und kollektiven Biografien (Hill / Josties 2007). Die identitätsstiftende und selbstwirksamkeitsfördernde Wirkung von Musik ist nicht auf die individuelle Ebene beschränkt, sondern sie ermöglicht Ausdruck und Gestaltung als Verbindung zwischen Selbst und sozialer Umwelt (Petri-Preis / Ziegenmeyer 2025). Musikalische Praxis kann einen Beitrag zur aktiven Lebensgestaltung leisten – insbesondere auch für Menschen, deren Lebenswirklichkeit durch sprachliche oder kulturelle Differenzerfahrungen geprägt ist. In der Kulturarbeit, im sozialpädagogischen Handlungsfeld der ästhetischen Praxen und insbesondere in der Musik liegt der Fokus auf dem Bewusstmachen der sinnlichen Wahrnehmung, Erfahrung der Gestaltbarkeit der Welt, der Stärkung der individuellen Ausdrucksmöglichkeiten und der Förderung der Selbstwirksamkeit und Selbstwertprozesse im ganzheitlichen und ressourcenorientierten Sinne (Krieger / Marquardt 2019). Für Projekte im Kontext dieses Feldes lassen sich Gelingensbedingungen formulieren (Stevens / Hubrich 2021b). Als ein zuverlässiges Fundament für die Umsetzung von Gelingensbedingungen hat sich die korporale Dimension musikalisch-kreativen Handelns herausgestellt (Hubrich 2017; Böhler et al. 2013). Nach dem Ansatz der Creative Embodiment of Music (Hubrich 2017, Clarke 2012) werden leibgebundene Ansätze in den Fokus gestellt, in denen der Körper als „existential ground of culture and self“ (Csordas 1994:6) verstanden und als zentraler Bezugspunkt der musikalisch-kreativen Arbeit integriert wird (Wolf 2016).
Die folgenden Diskurse sind sowohl in der Kulturellen Bildung als auch in den ästhetischen Praxen relevant, d.h. beide Perspektiven müssen sich diesen stellen und diese ggf. verschieden beantworten. In beiden Gebieten spielt Vorfachlichkeit als Potential eine Rolle, in der die Künste noch nicht nach Kategorien voneinander getrennt werden. Gerade in der Darstellung unterschiedlicher ästhetischer Dimensionen eines Kernthemas tun sich Gestaltungspotentiale auf. In diesen Gestaltungspotentialen zeigt sich die Bedeutung des kreativen Handelns, da im Umgang mit schöpferischem Material sowohl Bildung realisiert als auch Wohlergehen und Handlungsspielraum entstehen kann. Beziehungsgestaltung und kultursensible, wertschätzende Formen der Kommunikation sind sowohl in der Kulturellen Bildung als auch in den ästhetischen Praxen der Sozialen Arbeit die Grundlagen der gestalteten Zusammenarbeit. Das gilt insbesondere für das voraussetzungsoffene Arbeiten, das Zugänge für möglichst viele Menschen eröffnen und offen halten will. Gleichzeitig fußen viele ästhetische Praxen auf lebenslangen Lern- und Bildungsprozessen, mit denen auch im Kontext von Kultureller Bildung und ästhetischer Praxis in einer dynamischen Balance umgegangen werden muss. Die Qualitätsfrage der ästhetischen Praxen stellt sich sowohl für die Initiator*innen, wieviel Expertise muss mindestens mitgebracht werden, als auch für die Teilnehmenden, wieviel und was kann und soll in den Projekten erreicht werden, damit man sie als gelungen betrachten will.
Der Forschungsansatz Zukunftsmusik
Zukunftsmusik als Forschungsansatz konzipiert eine Haltung, die die Zukunft der Musik und ihre gesellschaftliche Rolle hinterfragt. Als Ansatz für Musikpädagogik und soziale Musikprojekte befasst sie sich mit Fragen der Zugänglichkeit und Inklusion und entwickelt Strategien, um Menschen voraussetzungsoffen in kreative Prozesse einzubeziehen. Zukunftsmusik zeigt, dass ein Dialog auf Augenhöhe über Musik möglich ist – auch mit Gruppen, die andere musikalische Vorlieben haben als die Anleitenden. Dazu ist eine konstruktive, offene Atmosphäre von entscheidender Bedeutung, damit empathische, wertschätzende und authentische Kommunikation nicht nur als Wohlwollen, sondern als konsequente Arbeitsform gelingen kann (vgl. Empowerment: Herriger 2020). Die Initiator*innen müssen ein Gespür für die Bedürfnisse der jeweiligen Partizipierenden bzw. Klient*innen aufbringen, sich also in die Einflussfaktoren, die Emotionen, die persönlichen Geschichten und Situationen sowie Hemmungen einfühlen und dementsprechend handeln und ihre Konzeptionen ausrichten. Somit kann gemeinsames kreatives Schaffen die drei psychologischen Grundbedürfnisse nach Autonomie, sozialer Eingebundenheit und Kompetenz erfüllen, wie sie die Selbstbestimmungstheorie (Deci / Ryan 1985) beschreibt. Damit ergibt sich eine erweiterte Perspektive auf die Qualitätsfrage, da sowohl auf der Seite der Initiator*innen als auch der Partizipierenden von einer Diversität der Expertisen ausgegangen werden muss und Raum für diese geschaffen werden kann.
In diesem Kontext ist es z.B. möglich, auch die hegemoniale Stellung der weißen europäischen Kultur kritisch zu reflektieren und den Fokus auf von den Teilnehmenden selbst geschaffene Gruppenidentitäten zu legen (Boeskov 2014). Alle Beteiligten begegnen sich als gleichberechtigte Partner*innen; die Leitungspersonen verstehen sich als Facilitator und nicht als Lehrpersonen. Im Unterschied zur Community Music, deren Hauptziel das gemeinsame Musizieren ist, nimmt Zukunftsmusik Musik als Ausgangspunkt für ein gemeinsames kreatives Schaffen, das auch andere Ausdrucksformen einschließen kann und daher nicht zwingend zu Musikmachen führen muss (Small 1998). Um dies leisten zu können, ist es notwendig, dass im Leitungsteam Expertisen vorhanden sind, die sich zu einem soliden Überblick über Ansätze und Wirkungsweisen von verschiedenen Kunstsparten ergänzen, damit auf die Bedürfnisse und Impulse der Teilnehmenden soweit wie möglich eingegangen werden kann. Je nach Kontext und Ressourcenlage können Entscheidungen über die Wahl der Mittel auch gemeinsam mit den Partizipieren getroffen werden. Die Grundbedürfnisse nach Autonomie- und Kompetenzerfahrungen sowie sozialer Zusammengehörigkeit können als Barometer fungieren und auf geeignete Medien hinweisen.
Musikalische Prozesse beispielsweise, die Körperlichkeit und Bewegung besonders stark akzentuieren und integrieren, fördern sozialen Zusammenhalt, da sie insbesondere wahrnehmungsbetonte und sensomotorische Vorgänge initialisieren, während sich auch sowohl autonome Handlungen als auch Kompetenzerfahrungen gezielt darin fördern lassen, sodass die Grundbedürfnisse der Selbstbestimmungstheorie angesprochen werden (Hubrich 2014; Stevens 2017).
Zukunftsmusik versteht sich damit als offener, partizipativer Ansatz, der Musik als Ausgangspunkt für sozialen Dialog nutzt – ein Raum, in dem unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen auf Augenhöhe zusammentreffen können. Bei den Fachkräften fördert er Formen der Moderation und Prozessbegleitung, die sowohl im Kontext von Kultureller Bildung als auch in der Musik der Sozialen Arbeitin ihrer Relevanz besonders deutlich werden.
Forschungsprojekt Zukunftsmusik
Diese Herangehensweisen spielen im Forschungsvorhaben der Zukunftsmusik eine tragende Rolle. Dafür wurden Musikstudierende und Studierende der Sozialen Arbeit mit Musiker*innen und Initiator*innen Kultureller Bildung in Teams zusammengestellt, um sich gemeinsam an musikalischen Projekten in sozialen Kontexten wie z.B. in Wohngruppen als Co-Leader zu beteiligen, eigene Teile des Projekts durchzuführen und voneinander zu profitieren (Hubrich / Stevens 2019). Eine weitere Pilotstudie mit Schüler*innen einer neunten Klasse an einer Hauptschule in einem sogenannten Brennpunkt in Deutschland deutet darauf hin, dass Zukunftsmusik ein Umfeld schaffen kann, das Motivation, Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit stärkt. Trotz pandemiebedingter Einschränkungen zeigen die Ergebnisse, dass dieser Ansatz geeignet ist, Verbindungen zu fördern, Vielfalt als Ressource zu nutzen und kreative Teilhabe unabhängig von musikalischer Expertise zu ermöglichen (Stevens / Hubrich 2021b).
Bedeutung der Tandem-Studie der Zukunftsmusik
In der aktuellen Studie der Zukunftsmusik haben sich zwei Tandems aus Studierenden der Musik und der Sozialen Arbeit gebildet. In ihren Projekten bringen sie sich mit ihrer jeweiligen Perspektive ein und bilden ein Expertenteam mit multiplen Ausrichtungen. Zu den Kontexten, in denen sie sich eigenständig Zugang verschaffen und spezifische Konzeptionen entwickeln und durchführen, gehören z.B. Praktika in einer Kindertagesstätte mit selbst gestalteten musikalischen Projekten, die einmal im Monat in einem Seniorenheim stattfinden und dort erweiterte Interaktionsmöglichkeiten bieten. Weitere Tandems aus den genannten Studierenden bieten musikalische Angebote in einer Erstwohn-Einrichtung für Menschen mit Fluchterfahrung oder in einem Verein für queere Kultur an. Somit können die Kontexte sehr unterschiedlich sein und spezifische Konzeption und Kontextwissen erfordern, dass die Studierenden der Sozialen Arbeit mitbringen, während die Musikstudierenden ihre musikalische Expertise einbringen. Über den Kontext des Praktikums entscheiden die Studierenden im Rahmen der Kontexte Sozialer Arbeit eigenständig.
In einer zweimonatigen Vorbereitungsphase mit Theorie, Praxis und Reflexion bereiten sich die Tandems auf die Projektphasen vor. Die angehenden Sozialarbeiter*innen verbringen insgesamt sehr viel mehr Stunden in der Einrichtung und lernen die Gegebenheiten auch im Alltag der Einrichtung kennen. Diese Tandems werden von einem Forschungsteam begleitet, das regelmäßige Befragungen und Evaluationen des Status quo durchführt. Die Ergebnisse werden u.a. für die Erweiterung von Berufsfeldern für Musiker*innen und Sozialarbeiter*innen im Kontext ästhetischer Praxen genutzt.
Darstellung der Forschungsziele
In diesem Forschungsvorhaben werden als erstes die Konzeptionen und Wirkungen der durchgeführten Musikprojekte untersucht. Die vormals genannten Diskurse der Kulturellen Bildung wie Vorfachlichkeit, Bedeutung des kreativen Handelns sowie die Voraussetzungsoffenheit und Partizipation der musikalischen Angebote werden im Fokus stehen. Das zweite Forschungsziel beleuchtet die Zusammenarbeit der Musikstudierenden und der Studierenden der Sozialen Arbeit im Tandem, ebenso wie die Beziehungsgestaltung und Kommunikation auf Augenhöhe im Kontext der Teilnehmenden. Insbesondere bei der Qualitätsfrage aufseiten der Expert*innen wie auch der Heterogenität der Teilnehmenden werden lohnenswerte Einblicke zu den Auswirkungen der verschiedenen Expertisen auf die musikalischen Angebote erwartet.
Die beiden Ziele beeinflussen einander: Aus der Perspektive der Selbstbestimmungstheorie betrachtet, lassen sich die Erkenntnisse in ihren Zusammenhängen entschlüsseln. Beobachtungen zu Gelingensbedingungen für den Dialog und die gestalterische Zusammenarbeit mit Fokus Musik innerhalb der Tandems können in Praxisempfehlungen für Konzeptionen von Musikprojekten einfließen, sofern festgestellt wird, dass diese Bedingungen das Erfahren der genannten intrinsischen Bedürfnisse teilweise oder vollständig begünstigt. Der Mehrwert dieser Studie liegt darin, dass die Reflexion und Selbstreflexion mit sofortiger Umsetzung in die Praxis unter wissenschaftlich begründeten Bedingungen ein Gerüst liefert, um das soziale Miteinander unter dem Miteinbezug von Kultureller Bildung evaluationsfähig zu machen. Es lässt sich hierdurch eine Evaluationsskala ableiten. Studierende, die diesen Weg der Tandem-Bildung gehen, sind prädestiniert als Link-Worker im Kontext des Social Prescribing weitergebildet zu werden, weil sie bereits die Wirksamkeit von voraussetzungsoffenen Musik-Interventionen selbst erlebt haben und wissen, wie sie eingesetzt und umgesetzt werden können.
Aus den Erkenntnissen dieser Forschung sollen Leitfäden formuliert werden, welche die Gelingensbedingungen insbesondere für die Förderung der Selbstbestimmung und damit des sozialen Zusammenhalts und inter- bzw. transkulturellen Verständnisses in musikalischen Projekten veranschaulichen und deren Umsetzung durch konkrete Hilfestellungen erleichtern (vgl. für vergleichbare Leitfäden z.B. Chard und Lane 2025).
Methodik und erwartete Ergebnisse
Das Ziel der Evaluation im Rahmen dieses Forschungsprojekts besteht darin, kausale Zusammenhänge zwischen Interventionstechniken und ihren Wirkungen zu identifizieren. Studierende, die Tandems gebildet haben, entwickeln musikbezogene Interventionen, die darauf abzielen, Bedingungen für langfristiges subjektives Wohlbefinden zu schaffen. Die Wirksamkeit dieser Interventionen wird mithilfe validierter Instrumente der Selbstbestimmungstheorie, wie der Basic Psychological Needs Satisfaction and Frustration Scale (BPNSFS), überprüft.
Die Ergebnisse der Umfragen werden mit Beobachtungsprotokollen verglichen, die die Tandem-Teilnehmenden im Sinne ethnographischer Beobachtung während des Projekts angefertigt haben. Ergänzend werden Kurzinterviews mit den Klient*innen durchgeführt. Parallel dazu reflektieren und dokumentieren die Tandem-Teilnehmenden ihren eigenen Prozess im Hinblick auf die drei grundlegenden psychologischen Bedürfnisse.
Das Forschungsteam besucht eines der Tandem-Projekte zu drei verschiedenen Zeitpunkten über die gesamte Laufzeit hinweg und erhebt zusätzliche Daten in Form von Beobachtungsprotokollen und Interviews. Eine anschließende Datenanalyse, die über die Perspektive der Selbstbestimmungstheorie hinausgeht, ermöglicht weiterführende Erkenntnisse zu korrelativen und kausalen Zusammenhängen zwischen Interventionstechniken und Wirkungen. Diese Zusammenhänge können in weiteren Experimenten überprüft und validiert werden.
Relevanz: Ausbildung zum Link-Worker im Kontext des Social Prescribing
Die Ergebnisse dieser Forschung können u.a. dem aktuell auch in Deutschland national weiterentwickelten folgenden Format zugute kommen: Social Prescribing oder Kultur auf Rezept bezeichnet einen Ansatz, bei dem Gesundheitsfachkräfte Patient*innen an kulturelle oder gemeinschaftliche Aktivitäten verweisen, um Wohlbefinden und Teilhabe zu fördern. Über sogenannte Link-Worker werden soziale Bedürfnisse ermittelt und individuelle Teilhabepläne entwickelt. Das Modell stärkt besonders vulnerable Gruppen – etwa Menschen mit Einsamkeit, Armut oder psychischer Belastung – und trägt zur Verringerung gesundheitlicher Ungleichheit bei. Angesichts der gesellschaftlichen Folgen zunehmender Vereinsamung kommt der Qualifizierung von Link-Workern an der Schnittstelle zwischen Gesundheit und Kultur besondere Bedeutung zu.
Social Prescribing
Social Prescribing oder Kultur auf Rezept ist ein Ansatz, bei dem Fachpersonen im Gesundheitswesen Patient*innen an nicht-medizinische Angebote wie kulturelle oder gemeinschaftliche Aktivitäten verweisen, um Gesundheit und Wohlbefinden zu fördern (WHO 2022). In der Regel erfolgt die Zuweisung über sogenannte Link-Worker, die gemeinsam mit den Teilnehmenden soziale Bedürfnisse und Interessen ermitteln und daraus individuelle Teilhabepläne entwickeln. Diese Link-Worker benötigen für die Umsetzung dieser Aufgabe den genannten Überblick über die Wirkungsweisen der jeweiligen ästhetischen Praxen. Darüberhinaus ist es entscheidend, dass sie das lokale Umfeld der Kulturangebote und Künstler*innen verschiedener Sparten kennen, um bei der Umsetzung eines Rezepts mitwirken zu können. Im Sinne der Perspektiven verschiedener Expertisen sollte die Entscheidung für die Wahl des adäquaten Mediums eines ausgestellten Rezepts nach Möglichkeit nicht nur mit den Link-Workern sondern auch mit den Klient*innen getroffen werden. Das Modell lässt sich flexibel an lokale Kontexte anpassen – etwa durch Kulturvermittler*innen, Sozialarbeitende oder gemeinnützige Organisationen.
Bei genauerem Hinsehen geschieht hier zweierlei: Kulturelle Teilhabe wird ermöglicht und entscheidende Beiträge zu Heilungsprozessen durch soziale und kulturelle Faktoren wie Bildung, soziale Einbindung und kreative Betätigung werden geleistet. Davon profitieren insbesondere auch vulnerable Gruppen wie Menschen mit chronischen Erkrankungen, psychischer Belastung, sozialer Isolation oder Armut. Kultur auf Rezept fördert damit nicht nur individuelles Wohlbefinden, sondern auch gesellschaftliche Teilhabe und trägt zur Verringerung gesundheitlicher Ungleichheit bei. Am Beispiel der Wirkung auf Einsamkeit läßt sich dies veranschaulichen.
Daten des Einsamkeitsbarometers (Schobin et al 2024) zeigen, dass Personen über 75 Jahre am stärksten von Einsamkeit betroffen sind. Einsamkeit steht in einem negativen Zusammenhang mit dem Vertrauen in politische Institutionen, dem politischen Interesse und der Beteiligungsbereitschaft. Dies geht mit politischem Desinteresse und geringerer Wahlbeteiligung einher. Einsamkeitsprävention kann zur Vorbeugung bestimmter Krankheiten beitragen. Forschungen regen an, soziale Beziehungen im Gesundheitssystem stärker zu berücksichtigen (Holt-Lunstad 2022). Einsamkeit gilt zudem als Ausdruck verdeckter Armut und als gravierende Folge sozialer Ungleichheit. Besonders gefährdet sind Alleinerziehende, pflegende Personen sowie Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung. Deren Einsamkeitsrisiko könnte durch besseren Zugang zu Bildung, Arbeit und sozialer Unterstützung reduziert werden. Dieser Zugang könnte durch Kulturelle Bildung und Musik im Kontext der Sozialen Arbeit wesentlich gefördert werden.
Besonders im Hinblick auf die Gefährdung des Individuums und des gesellschaftlichen Zusammenhalts, die durch zunehmende Vereinsamung entsteht, kann Social Prescribing wirkungsvoll eingesetzt werden. Dabei kommt der Position des/der Link-Worker, der/die an der Schnittstelle zwischen Gesundheitsmanagement und kultureller Intervention agiert und Hauptansprechperson der Betroffenen ist, eine zentrale Bedeutung zu. Ein Bildungsangebot für zukünftige Link-Worker, das beide Bereiche einschließt, verspricht eine effektivere Herangehensweise an dieses Thema.
Der Innovationscharakter der Zukunftsmusik
Solche Tandems gab es noch nicht.
Der Ansatz Zukunftsmusik als Praxis im Sinne einer Erweiterung der Community Music durch den Ansatz to music und musicking nach Small ist neu.
Musik-Interventionen im Kontext der Selbstbestimmungstheorie zu untersuchen ist neu (vgl. Robinson 2025).
Ein Vor-Bildungs-Angebot für Studierende, die Link-Worker werden möchten, gibt es noch nicht.
Der Ansatz kann sowohl aus Sicht der sozialen Arbeit wie aus Sicht der Kulturellen Bildung gesehen werden.
Das zentrale Ziel der Zukunftsmusik-Forschung liegt darin, dass Bildungsangebote im Bereich Musik und Kultur weite Kreise ihrer möglichen Zielgruppen erreichen und nachhaltig zu weiterer Kultureller Bildung anregen sowie aus sozialarbeiterischer Sicht Aspekte der Selbstbestimmung stärken, die maßgeblich zur Lebensbewältigung beitragen können. Auch soll die Wirkung solcher Angebote sichtbarer und vielgestaltig dargestellt werden, sodass Fachkräfte und Lehrende ebenso wie Entscheidungsträger*innen auf die sich wandelnden gesellschaftlichen Bedürfnisse reagieren und Handlungsoptionen schaffen können. wobei besonders von den Künsten Offenheit und Flexibilität gefragt sind.
Die Arbeit der Tandems, in der Studierende der Sozialen Arbeit und Musikstudierende zusammenarbeiten, bietet ein Modell für innovative, demokratische und nachhaltige Arbeitsweisen, die auf einer spezifischen Kombination von Kultureller Bildung und Sozialer Arbeit gründen. Dabei bringen die Studierenden ihre spezifischen Fachkenntnisse ein – Soziale Arbeit mit Kommunikations- und Beratungsfähigkeiten, Musikstudierende mit musikalischem Praxis-Wissen. Ein Beispiel hierfür ist die aktuelle Tandem-Studie, die durch eine Kooperation zwischen der Hochschule Darmstadt und der Akademie für Tonkunst Darmstadt zustande kommt. Die Ergebnisse sollen den Ausbildungsprogrammen beider Hochschulen zugute kommen und könnten in gemeinsam gestaltete Kurse münden, welche die Studierenden auf erweiterte Berufsfelder wie z.B. im Social Prescribing vorbereiten.
Die Projekte zeigen, dass kreative Beteiligung vielfältig fördernd wirkt, indem sie die psychologischen Grundbedürfnisse der Teilnehmenden anspricht, diese tragfähig involviert und ihr Wohlbefinden steigert. So tragen die Projekte zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts bei. Zu den Zielen der Wirkungsforschung gehören die Entwicklung einer universell anwendbaren Mess-Skala zur Bewertung der Auswirkungen auf das Wohlbefinden, die Schaffung eines Werkzeugs für Studierende der Sozialen Arbeit und der Künste, sowie die Förderung der Integration von Kulturaktivitäten in die soziale Infrastruktur und Stadtplanung (z.B. Maier 2025). Akteure der Kulturellen Bildung wie der ästhetischen Projekte können diese sowohl für eigene Anträge und Evaluationen als auch für die Ausleuchtung ihrer Perspektiven auf die gemeinsamen Diskurse zu Qualitätsfragen, Kommunikationsformen, Akzentuierung der Kreativität nutzen. Die Umsetzung dieser Erkenntnisse in entsprechenden Ausbildungskontexten ist wünschenswert.