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Partizipation und Kulturelle Bildung in Jugendarbeit und Schule

von Helle Becker (05. Okt. 2015) Erscheinungsjahr: 2015
Partizipation ist ein Schlüsselthema! Ist Partizipation auch ein gemeinsames Thema?

Einer der Konfliktpunkte, die in Kooperationen eine Rolle spielen können, ist das Thema `Partizipation´. Für viele außerschulische Träger der Kulturellen Bildung ist partizipatives Handeln ein Arbeitsprinzip, für viele Schulen ist es ein Thema mit Fragezeichen. Warum spielt das `Partizipationsprinzip´ in der kulturellen Kinder- und Jugendbildung eine so große Rolle und warum meinen Träger und Schulen nicht unbedingt das Gleiche, wenn sie von Partizipation sprechen?

Was meint Partizipation?

Da nehmen alle Schülerinnen und Schüler einer Klasse an einem Museumsbesuch teil. Oder es werden alle Bilder, die die Kinder einer Klasse zum Thema der Lektüre im Deutschunterricht gemalt haben, im Flur aufgehängt. Ist das Partizipation? Hier würde man wohl eher von ‚Teilnahme‘ sprechen. Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums begleiten Kinder der benachbarten Förderschule auf dem Weg ins Museum. Oder die Jugendlichen des Abiturjahrgangs organisieren selbständig den Kartenverkauf für die Schulaufführung. Diese Aktivitäten würden viele als ‚soziale Partizipation‘ bezeichnen. Denn hier setzen sich Kinder und Jugendliche für soziale Zwecke ein oder gestalten selbsttätig ihre Umwelt.

`Echte´ Partizipation beginnt für viele erst dort, wo es etwas zu entscheiden gibt, das für die Person oder für mehrere (eine Gruppe, das Gemeinwesen, den Staat) bedeutsam ist. „Wird Partizipation ernst genommen, hat sie zumeist einen ernsthaften, realitätsbezogenen und für die Beteiligten bedeutungsvollen Anlass“, schreiben die Erziehungswissenschaftler Hartmut Wedekind und Michael Schmitz (o.J.:12).

Vielleicht wird in der Klasse darüber abgestimmt, ob man ins Museum oder ins Theater gehen möchte. Oder Schülerinnen und Schüler arbeiten in einer Steuergruppe mit, die über das kulturelle Profil der Schule entscheidet. Dieses Verständnis von Partizipation wird häufig als ‚politische Partizipation‘ bezeichnet. Denn hier bestimmen Kinder und Jugendliche nach demokratischen Regeln über das, wenn auch hier nur begrenzte, Gemeinwohl. Der Erziehungswissenschaftler Horst Biedermann versteht Partizipation in diesem Sinne als „freiwillige Teilnahme an öffentlichen – im Sinne von allen Mitgliedern offen stehenden –, gemeinschaftlichen Entscheidungsprozessen, wobei der Prozess zur Entscheidungsfindung auf Diskursivität gründet und durch klar definierte – möglichst ausgeglichene – Machtverteilung auf alle und Verantwortungsübernahme von allen Beteiligten gekennzeichnet ist“ (Biedermann 2006:116).

Die bekannten Modelle, die es gibt, um Partizipation zu definieren (vgl. Hart, Schröder), nennen aber neben solcher „Mitbestimmung/Mitverantwortung“ auch die „Selbstbestimmung/Selbstverantwortung“ als Ziel aller Partizipationsbestrebungen. Mitbestimmung unterscheidet sich von Selbstbestimmung in ihrem Bezug zur Allgemeinheit. Während Mitbestimmung auf die Beispiele oben zutrifft (eine Gruppe entscheidet für sich oder sogar über weitere Betroffene), meint individuelle Selbstbestimmung, den eigenen Interessen und Urteilen Rechnung zu tragen. Wenn beispielsweise Schülerinnen und Schüler im Ganztag aus einem Angebot kultureller Aktivitäten jeden Tag wählen können, woran sie teilnehmen möchten oder wenn sich jeder Jugendliche im Workshop ein eigenes künstlerisches Thema sucht, dann treffen sie zunächst für sich allein Entscheidungen.

Solche Unterscheidungen von Partizipation im Sinne von Mitmachen, sozialer Mitwirkung, Mitbestimmung und Selbstbestimmung zu treffen ist schon eine gute Basis, um sich über ein Partizipationsverständnis auszutauschen.

Warum eigentlich Partizipation?

Ein zweiter Faktor, der das Partizipationsverständnis von außerschulischer und schulischer Bildung bestimmt, ist die Begründung, warum Kinder und Jugendliche überhaupt partizipieren sollten. Die Begründungen spielen eine zentrale Rolle, denn von ihnen werden die pädagogische Haltung und das pädagogische Handeln sowie organisatorische und methodische Entscheidungen abgeleitet. In Kooperationen sollten die jeweiligen Sichtweisen und Begründungen geklärt und die daraus erwachsenden Konsequenzen verhandelt werden.

  • Partizipation als demokratisches Grundprinzip

Vorausgeschickt werden sollte, dass politische Partizipation ein Grundprinzip und Grundrecht unseres demokratischen Gemeinwesens ist und auch Kinder und Jugendliche Partizipationsrechte haben, die sogar in einer Reihe von gesetzlichen Regelungen festgeschrieben sind. Diesen sind außerschulische Träger ebenso verpflichtet wie die Schule. Neben der Internationalen Kinderrechtskonvention und der Charta der Grundrechte der Europäischen Union sind es vor allem zwei Gesetzeskontexte, die Partizipation von Kindern und Jugendlichen zum Thema machen.

Träger der Kinder und Jugendhilfe sind an das Sozialgesetzbuch VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz / KJHG) gebunden. Dieses erhebt die Partizipation von Kindern und Jugendlichen zum Grundprinzip der Kinder- und Jugendhilfe. §1 legt fest, dass „jeder junge Mensch (…) ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwort­lichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ hat. §8 schreibt die „Beteiligung von Kindern und Jugendlichen“ an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe vor. Zudem hält das zweite Kapitel in §11 fest, dass die Jugendarbeit junge Menschen „zur Selbstbestimmung“ befähigen und „zu gesellschaftlicher Verantwortung“ anregen soll. Dieses Gesetz bindet Träger der Kinder- und Jugendhilfe an das Partizipationsprinzip, auch bei Aktivitäten in der Schule.

Aber auch für die Schule wurde der Partizipationsgedanke festgeschrieben. Die Kultusministerkonferenz forderte mit ihrem Beschluss „Stärkung der Demokratieerziehung“ (Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland 2009) für alle Kinder die Möglichkeit, schon in der Grundschule und Sekundarstufe I zu lernen, „dass die Demokratie den Menschen die Möglichkeit eröffnet, für sich selbst und die Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen“. Partizipation und Selbstverantwortung müssten früh und „in möglichst allen Lebenszusammenhängen erlernt und erfahren werden“. In vielen Schulgesetzen wurden entsprechende Regelungen aufgenommen.

  • Partizipation für bessere Lernergebnisse

Im Kontext von Schule hört man jedoch oft eher pragmatische Begründungen, warum Schülerinnen und Schüler partizipieren sollten. Eine häufig vorgebrachte Begründung ist die, dass Partizipation das Lernen fördere: „Selbstbestimmung im Lernen schafft erst die Voraussetzung, Sachverhalte und Inhalte länger zu behalten, da dem Lernenden selbst die Relevanz und der Sinn des Lernvorgangs und Lerninhalts bewusst ist und er über Anknüpfungspunkte verfügt, die seine Lebenswirklichkeit mit dem Lernstoff verbinden“ (Reich 2007f.). Und Forschungsergebnisse zeigen „dass in Schulkassen mit hoher Schülerpartizipation (bezogen auf die Mitgestaltungsmöglichkeiten bei der Planung und Entscheidung schulischer Angelegenheiten) `ein positives Lernverhalten und entsprechende Lernhaltungen der Schüler-/innen im Hinblick auf Lernmotivation, Arbeitsverhalten und leistungsbezogenes Selbstvertrauen sichtbar werden‘.“ (Eikel 2006:7).

  • Partizipation für ein besseres Schulklima

Analog zur Begründung, dass Partizipation den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft fördert, wird auch mit dem Zusammenhang zwischen Schulklima und schulischen Partizipationsmöglichkeiten argumentiert. Denn es ist nachgewiesen worden, „dass sich die Zufriedenheit von Schülern mit ihrer Schule und damit die pädagogische Grundatmosphäre deutlich verbessert, wenn Schüler ihre Partizipationschancen in der Schule als vielfältig wahrnehmen und sie sich als ernst zu nehmende Gesprächspartner erleben“ (Schmidt 2002:103). Partizipationserfahrungen sollen also eine prosoziale Einstellung von Kindern und Jugendlichen bewirken.

  • Partizipation als Prinzip von Selbstbildung und Persönlichkeitsentwicklung

Die außerschulische Kinder- und Jugendbildung dagegen begründet Partizipation vor allem als pädagogisches Prinzip, basierend auf der Grundannahme, dass Bildungsprozesse immer Selbstbildungsprozesse seien: „Wenn man Subjekt des eigenen Lernens ist, muss die Person dieses auch mitbestimmen können und es muss die aktive gemeinschaftliche Selbstgestaltung des Lernens und Lebens gefördert werden.“ (Sturzenhecker 2005:31). In der Jugendarbeit äußert sich die Vorstellung, dass Bildung nur als Selbstbildung denkbar ist und dass Partizipation die notwendige Voraussetzung für Selbstbildung bedeutet, in Prinzipien wie: Freiwilligkeit, Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit, Mitwirkung, Anerkennung und Ressourcen- bzw. Stärkenorientierung.

Anerkennung als Grundprinzip

Pädagogisch setzt diese Perspektive voraus, dass Kinder und Jugendliche in jeder Lebensphase als Subjekte anerkannt werden, die zur Partizipation grundsätzlich fähig sind und die Berechtigung hierzu nicht erst erlangen müssen, zum Beispiel durch den Erwerb von Wissen oder Fähigkeiten. Dieses ‚Prinzip der Anerkennung‘ ist grundlegend für die Kinder- und Jugendarbeit (vgl. Hafeneger/Henkenborg/Scherr 2002). Es meint mehr als die gelegentliche Berücksichtigung von Interessen, nämlich größtmögliche Selbst- und Mitbestimmung, da „Kompetenzen und Erfahrungen in der Regel erst im Vollzug bestimmter Handlungen entstehen, so dass die Zuerkennung von Partizipationsrechten Kinder und Jugendliche überhaupt erst in die Lage versetzt, entsprechende Beteiligungskompetenzen zu entwickeln“ (Bundesjugendkuratorium 2009:9). Partizipationsfähigkeit, Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit sowie die Fähigkeit zur Mitbestimmung werden also gleichzeitig als Voraussetzung, Mittel und als Ziele der Persönlichkeitsentwicklung angesehen.

Dafür müssen Erwachsene Kindern und Jugendlichen in der Regel mehr Mündigkeit unterstellen oder zutrauen, als sie eventuell de facto schon haben. Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik bringt es – zugegeben, sehr abstrakt – so auf den Punkt: „Die Theorie der Anerkennung (…) setzt das voraus, worum es geht, nämlich die reziproke Interaktionsbeziehung autonomer Individuen, ohne plausibel machen zu können, wie es zu diesen Beziehungen kommen kann: Sie muss daher kontrafaktisch Verhältnisse antizipieren, die noch nicht hergestellt sind“ (Brumlik 2002:23). Einfacher – und nicht nur auf Kinder und Jugendliche bezogen (!) – formulierte es Karl Jaspers mit seinem berühmten Spruch: „Die Demokratie setzt die Vernunft im Volk voraus, die sie erst hervorbringen muss.“

Die Erwachsenen haben es in der Hand

Wir wissen alle, dass es in der Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern bzw. Jugendlichen viele Situationen gibt, in denen diese Anerkennungsforderungen enttäuscht werden. Will man aber ernst machen mit dem Prinzip, dann ist das Anerkennungsprinzip das immer wieder zu befragende Korrektiv für alle diesbezüglichen Entscheidungen. Denn es sind die Erwachsenen, welche die Informations-, Definitions-, Entscheidungs- und Handlungsmacht haben, von der sie zugunsten von Partizipationsspielräumen von Kindern und Jugendlichen abgeben müssen. Es ist ihre Aufgabe, Partizipationsmöglichkeiten zu erkennen, zu bestimmen und zu strukturieren. Und es liegt auch in ihrer Hand, ob Entscheidungen tatschlich etwas zählen, ob sie wichtige Dinge betreffen und tatsächliche Folgen in der Realität haben.

Es wird also viel verlangt von den handelnden Erwachsenen, die Partizipationsprozesse unterstützen wollen. Sie brauchen Vertrauen in die Stärken der Kinder und Jugendlichen, Offenheit für ihre Gedanken und Ideen (ohne gleich alles besser zu wissen). Sie müssen konfliktfähig sein, geduldig (langwierige oder umständliche Partizipationsprozesse nicht vorschnell durch eigene Entscheidungen abbrechen) und „fehlerfreundlich“ (Entscheidungen erlauben, die sich hinterher als falsch herausstellen). Sie benötigen Kenntnisse über verschiedene Partizipationsmethoden und müssen die Meinungs- und Urteilsbildung der Kinder und Jugendlichen unterstützen und Entscheidungsprozesse moderieren.

Partizipation braucht Zeit und Geduld

Aus dem bisher Gesagten kann man ableiten, dass Vieles in Sachen Partizipation auch schief laufen kann: Vereinzelte, isolierte, unvollständige, halbherzige oder scheinhafte, inkonsequente oder abgebrochene Partizipationsprojekte können Frust und Misstrauen provozieren. Da gibt es nur eine Lösung: Es ist wichtig zu wissen und zu kommunizieren, dass Partizipation ein Lernprozess ist. Mit jedem Schritt werden Erfahrungen gemacht, aber auch Sicherheiten verlassen, Haltungen verändert, Grenzen ausgelotet und mit Sicherheit auch Fehler gemacht. All das gehört zu einem Lernprozess dazu, und je deutlicher das allen Beteiligten ist, umso eher profitieren alle von den gemachten Erfahrungen. Kulturelle Bildung, die nach den Prinzipien der Jugendarbeit bzw. außerschulischen Kinder- und Jugendbildung arbeitet, ist Experte in Sachen Partizipation und damit ein guter Partner für alle Schulen, die das versuchen wollen.

Eine Handreichung mit Beispielen und Checklisten ist zu finden in:
Helle Becker: Partizipation von Schülerinnen und Schülern im Ganztag. Der GanzTag in NRW. Beiträge zur Qualitätsentwicklung 2014,Heft 27:
http://nrw.ganztaegig-lernen.de/sites/default/files/GanzTag_2014_27.pdf