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Öffentliche Bibliotheken als gesellschaftliche Orte Kultureller Bildung

von Jan-Pieter Barbian  Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Die Förderung der Sprach- und Lesekompetenz

Kaum ein anderer Schriftsteller auf der Welt hat sich so hingebungsvoll mit dem Handwerk, der Kunst und der Ethik des Lesens beschäftigt wie der 1948 in Buenos Aires geborene Alberto Manguel. In seiner „Geschichte des Lesens“ schreibt er: „Wir alle lesen in uns und der uns umgebenden Welt, um zu begreifen, wer wir sind und wo wir sind. Wir lesen, um zu verstehen oder auf das Verstehen hinzuarbeiten. Wir können gar nicht anders: Das Lesen ist wie das Atmen eine essentielle Lebensfunktion“ (Manguel 1998a:16). Allerdings stellt Manguel 1998 in dem Essay „Der Computer des heiligen Augustinus“ an der Wende zum 21. Jh. die kritische Frage, „wie wir uns in einer Welt der virtuellen Räume, die zweifellos mit dem Buch koexistieren wird (und dieses hier und da ersetzt), weiterhin die Fähigkeit des Erfindens, des Erinnerns, des Lernens, des Aufzeichnens, des Verwerfens, des Staunens, des Jubelns, des Protestierens erhalten. Wie werden wir es schaffen, kreative Leser zu bleiben, statt uns in passive Zuschauer zu verwandeln?“ (Manguel 1998b:349).

Die Sprache und das Lesen sind Jahrtausende alte Kulturtechniken, ihre Erlernung und Beherr­schung unabdingbar notwendige Schlüsselqualifikationen, um sich Informationen zu erschließen, das Wissen über unsere Lebenswelt anzueignen und sich mit anderen über das Gelernte auszu­tauschen. Das Lesen von Büchern bietet nach Einschätzung von Maryanne Wolf, Direktorin des Center for Reading and Language Research an der Tufts University in Boston/Massachusetts, einen positiven emotionalen Raum, in dem jedes Kind ganz aufgehen kann. „Schon kleine Kinder lernen beim Vorlesen so viel über ihre Gefühle und die Gefühle anderer, das sind wertvolle Lektionen“. Auch wer das Internet nutzen will, muss zuerst lesen können. Die Freude und Begeisterung für das Lesen bei nachwachsenden Generationen zu wecken, ist daher eine zentrale Aufgabe für die Bildungspolitik, der sich auch die Öffentlichen Bibliotheken intensiv widmen.

Die Leseförderung bei Kindern muss bereits vor dem Eintritt in die Schule beginnen, denn die Phase, in der die Lesekompetenz erworben und der Grundstein zu einer „Lesebiografie“ gelegt werden, ist allen wissenschaftlichen Forschungen zufolge sehr kurz. Die ersten vier bis acht Lebensjahre sind entscheidend. Eine vorbereitende Leseförderung sollte daher bereits in die vorschulische Erziehung integriert werden. Dabei spielen die Eltern eine entscheidende Rolle. Nach dem britischen Vorbild „Books for Babies“ erhalten inzwischen auch in einer Reihe von Städten in Deutschland alle Eltern zur Geburt eines Kindes ein „Lesestart­-Paket“ mit ersten Informationen zur frühkindlichen Sprachförderung, ein erstes Bilderbuch, weitere Buchempfehlungen und eine „Leselatte“. Sie ist eine Messlatte aus Hartplastik oder Papier, die neben dem körperlichen Wachstum auch die Fortschritte eines heranwachsenden Kindes im Umgang mit Büchern und dem Lesen verzeichnet. Zu jeder Altersstufe informiert die „Leselatte“ die Eltern über ihre Möglichkeiten zur Förderung der Lesekompetenz ihres Kindes. Für Babys sind Bücher noch eine Art Spielzeug. Fühlbücher, Holzbücher und Badebücher können den ersten Kontakt zum Medium Buch herstellen. Mit zwei Jahren beginnen Kinder, kleine Szenen mit Personen und kurze, einfache und mündlich erzählte Geschichten zu begreifen. Im Alter von sieben Jahren steht die Erlernung des Lesens im Mittelpunkt. Vorlesen und Lesen im Wechsel mit einem Elternteil sind dabei besonders wichtig, weil auf diese Weise der Spaß am Lesen geweckt und das Lesen als eine soziale Kompetenz einstudiert werden. Kindergärten, Schulen und Bibliotheken können diesen Lernprozess unterstützen, sie können Eltern auch Empfeh­lungen und Hilfestellungen geben, aber die Eltern müssen selbst die Aufgabe als Vorbilder und Förderer ihrer Kinder auch bei der Entwicklung der Fähigkeit des Lesens übernehmen.

Das Projekt „Vorlesepaten für Kindergärten“, das in zahlreichen Öffentlichen Bibliotheken läuft, möchte die Aktivitäten der ErzieherInnen in den Kindergärten im Bereich der Leseförderung unterstützen. Ehrenamtliche VorleserInnen besuchen – nach einer grundlegenden Qualifizierung in Seminaren – kontinuierlich städtische Kindergärten. Durch das regelmäßige Vorlesen und Betrachten von ausgewählten Bilder­ und Kinderbüchern sollen den Kindern das „Abenteuer“ Lesen vermittelt, ihre Sprachentwicklung gefördert und die Freude am Lesen geweckt werden. Die Bibliotheken stellen den Kindergärten „Vorlese­-Bibliotheken“ mit einer ausgewählten Mischung an empfehlenswerten Kinderbüchern als Wechselbestand zur Verfügung. Darüber hinaus werden Medienboxen zu Themen, die Kinder beschäftigen, angeboten: der eigene Körper, gesunde Ernährung, Streiten und Vertragen, Sprachen, Berufe, Leben in der Stadt, Straßenverkehr, Glauben/Religion, Abschied und Tod.

Die Förderung der Medienkompetenz

Bücher sind auch heute noch das Leitmedium in jeder Öffentlichen Bibliothek. Doch neben ihnen und weiteren Printprodukten wie Zeitungen oder Zeitschriften gibt es mittlerweile ein reichhaltiges Angebot an audiovisuellen und digitalen Medien: Musik­ und Hörbuch­-CDs, MP3s, DVDs/Bluerays, Sach­-CD­-ROMs, CD-­ROM-­Spiele, eBooks, eJournals, Datenbanken. Darüber hinaus bietet das Internet eine Vielzahl an Informations-­ und Kommunikationsmöglichkeiten. Mit dieser Vielfalt an Medien sind nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch zahlreiche Erwachsene hoffnungslos überfordert. In früheren Zeiten reichte es aus, wenn Öffentliche Bibliotheken eine qualifizierte Auswahl an Büchern zu unterschiedlichen Sachgebieten für die Ausleihe bereitstellten. Heute bringen sich die Bibliotheken aktiv in die Vermittlung von Medienkompetenz ein. Das ist aus zwei Gründen erforderlich: Zum einen erklärt sich die Nutzung der audiovisuellen und digitalen Medien ebenso wie des Internet – im Gegensatz zum Buch – nicht mehr von selbst, sodass der souve­räne Umgang mit den neuen Technologien erst erlernt werden muss; zum anderen verändern die neuen Medien unser Leseverhalten. Das „lesende Gehirn“ (Wolf 2009) steht nämlich immer stärker in Konkurrenz zum „digitalen Gehirn“ (ebd.), das vielen Ablenkungen und einem Druck zur Schnelligkeit ausgesetzt ist. Daher weist Maryanne Wolf in ihrer Studie auf die akute Gefahr hin, „dass Kinder, deren lesendes Gehirn noch nicht voll ausgebildet ist, die noch nicht gelernt haben, Hintergrundwissen zu verknüpfen, einen sehr kurzen Schaltkreis entwickeln. Ein Gehirn, das nicht lernt zu fokussieren, sich zu konzentrieren“ (Heidemann 2010:23).

Die Konsequenzen, die sich aus dieser Entwicklung ergeben, belegen die Ergebnisse von mehreren Befragungen unter Jugendlichen. Die Studie zur Frage „Haben Bücher eine Zukunft?“, die 2007 von der Frankfurter Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers in Auftrag gegeben wurde, stellte fest, dass Mädchen im Alter zwischen zehn und 13 Jahren regelmäßig und viel lesen, während es bei den Jungen im gleichen Alter nur jeder fünfte tut. Von den sogenannten VielleserInnen aus dieser Altersgruppe nutzt wiederum jeder zweite das Internet, um sich Informationen zu besorgen; demgegenüber bleibt die Welt des Internet 62 % der NichtleserInnen völlig verschlossen. Das heißt, wer viel liest, informiert sich in der Regel auch wesentlich besser über andere Medien und erreicht vermutlich damit einen wesentlich besse­ren Bildungsgrad als die Gruppe der Wenig-­ oder NichtleserInnen. Eine bundesweite Befragung von 5.700 Personen, darunter 1.000 Eltern von Kindern unter 14 Jahren, durch das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Stiftung Lesen, der Wochenzeitung Die Zeit und der Deutschen Bahn AG kam im gleichen Jahr zu dem Ergebnis, dass 42 % der Eltern ihren Kindern nur noch unregelmäßig aus Büchern vorlesen und fast ein Fünftel aller Eltern dies überhaupt nicht mehr tun. In Familien mit einer Migrationsgeschichte ist diese Abwärtsentwicklung noch deutlicher nachzuweisen: Hier sind es nur 17 % der Eltern, die angeben, ihren Kindern täglich vorzulesen, während 80 % dies unregelmäßig oder überhaupt nicht mehr tun. Darüber hinaus stellt die Studie fest, dass sich 47 % aller Eltern vom Vorlesen ganz zurückziehen, sobald ihre Kinder die Schule besuchen. Auf die Frage, auf welches Medium Jugendliche zwischen zwölf und 19 Jahren am wenigsten verzichten könnten, landeten 2009 das Internet, der PC, der Fernseher und der MP­3­-Player auf den ersten vier Plätzen, während Bücher nur von 10 % der Mädchen und 5 % der Jungen vermisst würden. Auch bei den Favoriten im Internet stehen Freizeitaktivitäten und virtuelle Kommunikationsmöglichkeiten im Vordergrund, wohingegen Bücher und Bibliotheken überhaupt keine Rolle spielen.

Damit stehen die Kindergärten und Schulen ebenso wie die Öffentlichen Bibliotheken vor der Herausforderung, die Welt der Bücher mit der Welt der digitalen Medien und des virtuellen Raums miteinander in Einklang bringen zu müssen (siehe Vera Haldenwang „Medienbildung in der Schule“ und Hans-Jürgen Palme „Medien in der Kita“) . Dazu empfiehlt Maryanne Wolf, Kinder „langsam an die digitalen Medien heran[zu]führen.“ Wir müssen ihnen helfen, „das Beste aus beiden Welten zusammenzubringen: eine multiple Lesefähigkeit, die die Anforderungen der digitalen Welt erfüllt und sich doch auf die Tiefe eines Buchlesens einlassen kann.“ Um Kindern und Jugendlichen den „Mehrwert“ des aktiven Lesens vermitteln zu können, sollten Erwachsene wissen, worauf Alberto Manguel in seinem Buch „Die Bibliothek bei Nacht“ hinweist: „Die eigentliche Macht des Lesers liegt nicht in seiner Fähigkeit, Informationen zu sammeln, sie zu ordnen oder zu katalogisieren, sondern in seiner Gabe zu interpretieren, zu assoziieren und sich das Gelesene anzuverwandeln“ (Manguel 2007:107). Diese Fähigkeit wird durch das Internet weder erleichtert noch ersetzt, denn es ist nichts anderes als „ein Hilfsmittel“: „Es kann nichts dafür, dass unser Interesse an der Welt, in der wir leben, so oberflächlich ist. Sein Vorteil ist die Vielfalt und die schnelle Verfügbarkeit der Informationen; da kann es uns nicht gleichzeitig auch noch mit Konzentration und Tiefe dienen“ (ebd.:252).

Bibliotheken als Bildungspartner der Schulen

Im November 2001 wurden die Ergebnisse der PISA­-Studie (Programme for International Student Assessment) veröffentlicht, die im Auftrag der OECD die Basiskompetenzen 15­-Jähriger Schüler­Innen in 32 Staaten untersuchte und miteinander verglich. Dabei stellte sich heraus, dass die Lesekompetenz deutscher SchülerInnen unter dem europäischen Durchschnitt lag. 42 % der SchülerInnen gaben an, dass sie überhaupt nicht gerne lesen, für 31 % war es sogar „Zeitverschwen­dung“. Zudem waren die Qualität der Bildung und der schulische Abschluss so stark von der sozialen Herkunft abhängig wie in keinem anderen Land der Welt. Seither ist viel geschehen. Die Schul­- und Bildungspolitik ist auf der Ebene des Bundes und der Länder, aber auch in den Medien und in der gesamten Gesellschaft als ein wesentliches Thema wiederentdeckt worden. Es besteht heute Konsens, dass Bildung die wichtigste Zukunftsressource in und für Deutschland ist.

Die Öffentlichen Bibliotheken haben ihre Aktivitäten zur Leseförderung seit 2001 noch einmal deutlich erweitert. Dabei wurden die Kindergärten als Orte der beginnenden Lese­sozialisation erkannt und in die bis dahin zumeist auf die Schulen begrenzten Programme einbezogen. Die enge Verzahnung und Intensivierung der Zusammenarbeit mit Kindergärten und Grundschulen in Verbindung mit einer Sensibilisierung der Elternhäuser für die Notwen­digkeit ihrer Mitwirkung bietet die Chance, dass die Sprach-­ und Leseförderung früh begin­nen kann. Defizite in der Sprach- und Lesekompetenz können auf diese Weise rechtzeitig erkannt und ausgeräumt werden. Die Öffentlichen Bibliotheken übernehmen in diesem auf Nachhaltigkeit setzenden Prozess zum einen die Funktion der Bereitstellung von Medien (Kinder-­ und Jugendbüchern, Themenpaketen, Hörbüchern, Bilderbuchkinos), zum anderen machen sie ErzieherInnen, LehrerInnen an Grundschulen sowie Eltern qualifizierte Angebote zur praktischen Leseförderung – sei es durch die Bereitstellung entsprechender Fachlitera­tur, die Organisation von Lesenächten und Leseclubs, Autorenlesungen, die Aufführung von Theaterstücken oder durch die Vermittlung von VorlesepatInnen.

Die Leseförderung muss über die Grundschule hinaus insbesondere bei den Hauptschulen, aber auch bei den weiterführenden Schulen fortgesetzt werden. Da die meisten Schulen entwe­der über keine oder allenfalls über eine unzureichend ausgestattete Schulbibliothek verfügen, steht auch hier das Angebot an Medien im Vordergrund: sei es in Form von Klassensätzen, Medienboxen und Themenpaketen, durch die Einrichtung spezieller Schüler-Center, durch die Bereitstellung von Lesestoff für die unterschiedlichen Jahrgangsstufen oder der entsprechenden digitalisierten Texte am PC oder durch die Abstimmung des allgemeinen Medienbestands auf die Unterrichtsstoffe der weiterführenden Schulen. Doch nicht nur die SchülerInnen, sondern auch die LehrerInnen bedürfen der Unterstützung: mit Print­- und audiovisuellen Medien für den Unterricht, mit modernen Datenbanken und digital aufbereiteten Sachfilmsequenzen, mit pädagogischer und didaktischer Fachliteratur. Darüber hinaus erhalten und wecken die Öffent­lichen Bibliotheken mit besonderen Veranstaltungsformen und Festivals die Lust am Lesen.

„Interkulturelle Bildung“: Bibliotheken als Integrationsorte für MigrantInnen

Im Jahr 2008 lebten in Deutschland insgesamt 15,6 Millionen Menschen mit Migrationser­fahrung. Das entspricht einem Anteil von 19 % an der Gesamtbevölkerung von 82,1 Millionen EinwohnerInnen. Dabei handelt es sich allerdings um keine homogene Gruppe von Menschen – weder im Hinblick auf die ethnische Herkunft und die Hintergründe der Migration noch im Hinblick auf die soziale Stellung und die individuellen Interessen. Diese disparate Ausgangslage hat Auswirkungen sowohl auf den Bereich der schulischen Bildung als auch auf die Teilhabe an kulturellen Angeboten. Die Politik sollte darauf reagieren und sie kann es am besten über das Medium der Kulturellen Bildung. Musik und Kunst sind kulturelle Äußerungsformen, die weltweit verstehbar sind – unabhängig von der Sprache. Aber selbst bei der Literatur, beim Theater und beim Film lassen sich Übersetzungs­-Brücken zwischen unterschiedlichen Kulturen bauen.

Auf dem Gebiet des interkulturellen Dialogs haben Öffentliche Bibliotheken seit langem eine Vorreiterrolle übernommen. Fremdsprachige Medienangebote gehören schon seit den 1970er Jahren in vielen Bibliotheken zum Standard. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, trotz stagnierender oder sinkender Etats den Bestand so aufzubauen, dass eine repräsenta­tive Auswahl an Medien in den Originalsprachen vorhanden ist. Daher wurde an vielen Orten die Konzentration auf wenige Sprachen erforderlich – beispielsweise Türkisch und Russisch wegen des hohen Anteils an MigrantInnen aus den entsprechenden Ländern. Öffentliche Bibliotheken können jedoch nicht nur einen wichtigen Beitrag für die soziale Integration von MigrantInnen aus unterschiedlichen Herkunftsländern leisten, sondern auch für das gegensei­tige Verständnis der Menschen im zusammenwachsenden Europa. Dazu tragen die vielfältig angebotenen Medien mit Informationen über die 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union ebenso bei wie die Medien zum Erlernen der entsprechenden Fremdsprachen.

Lebenslanges Lernen

Die Förderung der Beschäftigung mit Kultur ebenso wie eines eigenständigen kreativen Engagements in Kindergärten und Schulen legt einen wesentlichen Grundstein. Es kommt allerdings darauf an, den damit eingeleiteten Prozess kulturellen Lernens zu verstetigen. Öffentliche Bibliotheken sind in der Regel diejenigen Kultur­- und Bildungseinrichtungen in einer Stadt, die von der Bevölkerung am stärksten frequentiert werden. Nicht allein Kinder und Jugendliche, sondern Erwachsene aller Altersgruppen, aller sozialen Schichten und aller ethnischen Gruppen nutzen die Öffentlichen Bibliotheken – sei es für schulische, studentische und berufliche Zwecke, zur Erlernung von Sprachen und anderen Schlüsselqualifikationen, zur Orientierung in Verbraucher­-, Rechts-­ und Lebensfragen oder für ihre Freizeitaktivitäten.

Die Bereitstellung von qualifiziert ausgewählten Medien und von Internetarbeitsplätzen allein genügt jedoch nicht mehr. Sie muss um eine aktive Komponente ergänzt werden: die Unterstützung bei der Orientierung auf dem großen Markt der jährlichen Neuerscheinungen, die Vermittlung von Kompetenz in der Nutzung der digitalen Medien ebenso wie der Recherchemöglichkeiten in Daten­banken und im World Wide Web. Auf diese Weise können Öffentliche Bibliotheken ihre Funktion als Orte lebenslangen Lernens erfüllen. Sie können dies entweder eigenständig leisten oder vernetzt mit Volkshochschulen und anderen Weiterbildungs-­ oder Kultureinrichtungen innerhalb einer Stadt.

Der demografische Wandel als Herausforderung

Der Aktionsradius für die Kulturelle Bildung sollte nicht allein auf die nachwachsenden Gene­rationen begrenzt bleiben. Neben dem Schutz der Umwelt und der Sicherung des Bildungsni­veaus bei nachwachsenden Generationen gehört der demografische Wandel in Europa zu den großen gesellschaftspolitischen Herausforderungen in der Gegenwart und für die Zukunft. In Deutschland waren im Jahr 2005 bereits knapp 16 Millionen Menschen (19,23 %) 65 Jahre und älter. Bis zum Jahr 2050 wird die deutsche Bevölkerung von derzeit rund 82 Millionen auf ca. 76 Millionen sinken. Im gleichen Zeitraum wird nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes der Anteil der 65­-Jährigen und Älteren auf bis zu 38,1 % ansteigen. 2050 wer­ den Menschen im Alter von 60 Jahren damit den stärksten Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmachen und ihre Zahl doppelt so hoch sein wie die der Neugeborenen. Kulturelle Bildung muss daher eingebettet werden in die Bildungsbiografien und Bildungswelten der Kinder und Jugendlichen, der Erwachsenen jüngeren und mittleren Alters und der SeniorInnen ab 60.

Es handelt sich bei der Altersgruppe „60 plus“ allerdings auch hier um eine sehr heterogene Gruppe mit differenzierten Interessen, unter anderem auf dem Gebiet der Kultur. Daraus lassen sich im Hinblick auf die Kulturelle Bildung drei Ansatzpunkte ableiten: Erstens sollten die zu dieser Gruppe gehörenden Individuen in ihren Interessen an einer Beschäftigung mit unterschiedlichen Sparten des kulturellen Lebens bestärkt werden; zweitens können sich diese kulturell Interessierten, die in der Regel familiär eingebunden sind, als ehrenamtliche MultiplikatorInnen für die Kulturelle Bildung der nachwachsenden Generationen engagieren; drittens sollten die Individuen dieser Gruppe, die bislang noch überhaupt kein oder nur ein geringes Interesse an Kultur haben, für das kulturelle Leben aktiviert werden. Auch diese Potentiale werden nur dann auszuschöpfen sein, wenn die öffentlichen Kultureinrichtungen diese Herausforderung wahrnehmen und sich verstärkt um diese Aufgabe bemühen.

Besondere Medien- und Veranstaltungsangebote für „SeniorInnen“ finden sich bereits heute in einer Reihe von Öffentlichen Bibliotheken. Doch die demografische Entwicklung einer alternden Gesellschaft muss noch wesentlich stärker in den Blick genommen werden. Für diese Aufgabe gibt es keine Patentrezepte. Denn entweder nutzen ältere Menschen die Medien und Veranstaltungen der Bibliotheken oder sie bleiben ihnen fern. Daher sollten Kunden­- beziehungsweise Nichtkun­denbefragungen dem Aufbau besonderer Angebote für die „Generation 60 plus“ vorausgehen, um den Bedarf präziser erfassen zu können. Was die Medien betrifft, so sind es sicherlich bestimmte Themen, die für diese Altersgruppe von besonderem Interesse sind: Gesundheit (Ernährung, Entspannung, Körperliche Fitness, Medizin, Geistige Fitness); Lebensorientierung (Älter werden, Familie, Partnerschaft, Wohnen, Krisenbewältigung, Zeitmanagement); Bildung und Kultur (Mobili­tät, Reisen, Literatur, Musik, Kunst); Verbraucherfragen (Rente, Geldanlage, Versicherungen, Erben, Patientenrecht). Daneben gehören Veranstaltungen (Lesungen, Vorträge, Ausstellungen), spezielle OPAC­, Internet­ und Datenbankeinführungen sowie Informationen über aktuelle Literatur für die „Generation 60 plus“ zu den Dienstleistungen, für die sich ältere Menschen besonders interessieren.

Fazit

Kulturelle Bildung ist ein wesentlicher Faktor zur Profilierung der aktuellen Kulturpolitik im Allgemeinen und der einzelnen Kultursparten im Besonderen. Sie darf allerdings nicht auf einen Aspekt, nämlich den der Schulen, begrenzt bleiben, sondern das Handlungsfeld sollte im Hinblick auf Inhalte und Zielgruppen weit gespannt werden. Eine konzeptionell ausdif­ferenzierte und professionell organisierte Kulturelle Bildung eröffnet zahlreiche Chancen:

>> zur Heranführung nachwachsender Generationen an den Wert des „kulturellen Erbes“ und an die vielfältigen kulturellen Aktivitäten der Gegenwart – rezeptiver ebenso wie selbst­gestaltender Art;

>> als praxisorientierter Ansatz zur Verzahnung von Kultur und Bildung als zwei tragenden Säulen des gesellschaftlichen Lebens;

>> zur Aktivierung der kreativen Potentiale einer Gesellschaft, die nicht auf den reinen Mate­rialismus und passiven Konsum beschränkt bleiben sollte, die Fantasie, Kreativität und Ideenreichtum benötigt, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können;

>> zur Einbeziehung einer stetig wachsenden Schicht älterer Menschen, denen die Teilhabe an Kultur entweder bereits heute ein Bedürfnis ist oder bei denen dieses Bedürfnis noch geweckt werden kann;

>> als Medium der Integration ausländischer MitbürgerInnen, bei denen über die „Sprache der Kultur“ ein Verständnis für ihre neue Lebensumwelt gefördert werden kann, und umgekehrt ein Zugang zu „fremden Welten“ bei Einheimischen ermöglicht wird;

>> als politisches Instrument zur Legitimation der öffentlichen Subventionierung von Kultur trotz immer knapper werdender Finanzmittel.

Um diese Chancen konkret wahrnehmen zu können, muss Kulturelle Bildung als integraler Bestandteil der Kulturpolitik in den Ländern und Kommunen verstanden, im Rahmen von Kultur­entwicklungsplänen konkret definiert und in der kulturellen Praxis verankert werden. Die aktive Rolle, die gerade die öffentlichen Bibliotheken auf diesem Gebiet seit langem in vielfältiger Weise wahrnehmen, sollte endlich gesetzlich anerkannt und die Finanzausstattung, die sich in der Mehrzahl der Kommunen seit Jahren dramatisch verschlechtert, nachhaltig gesichert werden.

Verwendete Literatur

  • Bertelsmann-Stiftung/Bundespräsidialamt (Hrsg.) (2009):
    Familie. Bildung. Vielfalt. Den demographi­schen Wandel gestalten. Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung.
  • Deutsches Pisa-Konsortium (Hrsg.) (2001):
    PISA 2000: Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen: Leske + Budrich.
  • Heidemann, Britta (2010):
    Wie wir Lesen lernen – und warum wir es vielleicht gerade verlernen. Ein Inter­view mit der Bildungsforscherin Maryanne Wolf. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 187/2010, 23.
  • Keller-Loibl, Kerstin (Hrsg.) (2009):
    Handbuch Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit. Im Auftrag der Expertengruppe Kinder- und Jugendbibliotheken des Deutschen Bibliotheksverbandes e.V. Bad Honnef: Bock+Herchen.
  • Klieme, Eckhard/Artelt, Cordula/Hartig, Johannes/Jude, Nina/Köller, Olaf/Prenzel, Manfred/Schneider, Wolfgang/Stanat, Petra (Hrsg.) (2010):
    PISA 2009. Bilanz nach einem Jahrzehnt. Münster: Waxmann.
  • Manguel, Alberto (2007):
    Die Bibliothek bei Nacht. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Frankfurt/M.: S. Fischer.
  • Manguel, Alberto (1999):
    Im Spiegelreich. Berlin: Volk & Welt.
  • Manguel, Alberto (1998a):
    Eine Geschichte des Lesens. Berlin: Volk & Welt.
  • Manguel, Alberto (1998b):
    Der Computer des heiligen Augustinus. Berlin: Volk & Welt.
  • Statistisches Bundesamt Deutschland (2010):
    Pressemitteilung Nr. 33 vom 26.1.2010: Anteil der Einwohner mit Migrationshintergrund leicht angestiegen: www.destatis.de
  • Wolf, Maryanne (2009):
    Das lesende Gehirn. Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in unseren Köpfen bewirkt. Heidelberg: Akademischer Verlag.

Anmerkungen

Dieser Text wurde erstmals im Handbuch Kulturelle Bildung (Hrsg. Bockhorst/ Reinwand/ Zacharias, 2012, München: kopaed) veröffentlicht.