Musikalische Bildung in der Laienmusik

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von Stephan Schmitz

Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Rund 5.000.000 Aktive – soweit sie sich mit einiger Sicherheit und sinnvoll erfassen lassen – musizierten 2009/2010 in über 170.000 Ensembles des vokalen und instrumentalen Laienmusizierens (Deutsches Musikinformationszentrum 2010). Vor allem auf lokaler Ebene durchdringt das Laienmusizieren in seinen vielfältigen Erscheinungsformen zahlreiche Lebensbereiche (vgl. beispielhaft für Köln: Reimers 1996). Damit bildet es einen wesentlichen Bestandteil nicht nur des Musiklebens in Deutschland, sondern auch dessen, was das soziale und kulturelle Leben in der Gesellschaft trägt und insgesamt ausmacht.

Bestimmung von Begriff und Gegenstand

Der Begriff der „Laienmusik“ meint hier

1. den Bereich des aktiven, (re)produzierenden Musizierens in Abgrenzung zu rezeptions­orientierten Aneignungs-­ und Umgangsformen,

2. den nicht­-professionellen Bereich in Abgrenzung zum professionellen Musizieren, das auf Gewinnerwerb gerichtet ist und dessen AkteurInnen in der Regel durch eine entsprechende musikalische Fachausbildung qualifiziert sind. Dabei sind die Übergänge zwischen Laienmusi­zieren und professionellem Musizieren vielfach fließend, insbesondere in den Bereichen Rock/Pop/Jazz (vgl. Bruhn/Rösing 2002) und in der Phase der beruflichen Etablierung angehender professioneller MusikerInnen. Der Begriff „Laie“ wird in dieser Darstellung gegenüber Begriffs­alternativen wie „Amateur“, „Liebhaber“ oder „Dilettant“ bevorzugt, da er sich weitestgehend durchgesetzt hat (zur Geschichte der genannten Bezeichnungen vgl. Sponheuer 1996; Pape/Pickert 1999:39ff.; insgesamt Pape 2007).

Die Verbindung mit dem Begriff der „musikalischen Bildung“ verweist auf das Leitthema Kulturelle Bildung. Damit ist nicht nur der Aspekt des musikalischen Lernens im Sinne eines Kompetenzerwerbs (im Singen oder Instrumentalspiel) im Kontext des Laienmusizierens gemeint; vielmehr ist auch die substantielle Bedeutung des Laienmusizierens für die Existenz einer in ihren unterschiedlichen Traditionen und Kontexten vielfältigen und vitalen Musikkultur wie auch – zwei Seiten einer Medaille – die Möglichkeit einer individuellen aktiven Teilhabe daran zu betonen. Weitere denkbare und sinnvolle Perspektiven auf das Phänomen „Laienmu­sizieren“ als Ort bürgerschaftlichen Engagements, als Träger der Kultur und des Musiklebens in Städten und Gemeinden, als „Katalysator“ für Inklusion und Integration, als sinnstiftende Freizeitbeschäftigung und Form aktiver Lebensgestaltung, als Wirtschaftsfaktor oder als Form sozialer Bindung müssen hier leider weitgehend ausgeklammert werden (zu einigen der genannten Aspekte vgl. Deutscher Bundestag 2007:163f.;191ff.;389f.; Probst-­Effah/Reimers 2003; zu Ehrenamt und Migration Reimers 2006; zu Laienmusik als sozialintegratives Feld Noll/Stein 1996).

Musik und Musikvermittlung in formalen Bildungsinstitutionen und in der außerschuli­schen Bildung sind in ihrer praktischen Ausgestaltung teilweise ebenfalls der Laienmusik zuzuordnen und haben – um etwa für die Musikschulen zu sprechen – die Hinführung zum Laienmusizieren in Familien, Schulen, Vereinen, Kirchen und freien Gruppen und dessen Förderung zum Ziel (vgl. Verband deutscher Musikschulen 2009).

Informelle und/oder sporadische Formen des Musizierens (beispielsweise Hausmusik, private Musikkreise, Karaoke, DJing, Sampling oder auch Singen in Fußball­-Fankulturen) sind äußerst bedeutsam und prägend für den alltäglichen und aktiven Umgang von Laien mit Musik (vgl. Kalies/Lehmann/Kopiez 2009). Da dieses weite Feld zugleich Teilgegenstand eines anderen Beitrags (siehe Susanne Binas-­Preisendörfer „Selbst-­Bildungen. Praktiken musikalischer und kultureller Sozialisation im Zeitalter medialer Multioptionalität“) ist, liegt der Schwerpunkt dieser Darstellung auf den über Verbandsstrukturen abgebildeten Formen des Laienmusizierens.

Geschichte

Eine noch so knappe Übersicht über die Geschichte des Laienmusizierens kann an dieser Stelle nicht in sinnvoller Weise geleistet werden. Daher sei hier lediglich auf die Wurzeln einiger Korpo­rations-­ und Erscheinungsformen hingewiesen, die auch heute noch maßgeblich das öffentliche Erscheinungsbild des Laienmusizierens prägen (ausführlich und konkret für das Rheinland vgl. Schwedt/Schwedt 2002:9ff.). Mit dem Erstarken des Bürgertums entwickelte sich seit dem 18. Jh. das Musizieren bürgerlicher Amateurmusiker, zum Teil in Nachahmung höfischer Kultur, zum Teil als Ausdruck (bildungs-)bürgerlichen Selbstbewusstseins (vgl. Schleuning 2000). Musikalische Liebhabergesellschaften, Collegia Musica und Singvereine wurden bereits vor 1800, besonders aber ab der ersten Hälfte des 19. Jh.s gegründet. Im 19. Jh. hat ebenfalls eine Vielzahl von Orchester­- und Blasmusikvereinen ihre Wurzeln. Etwa ab der Mitte des 19. Jh.s entstanden Posaunenchöre, später besonders in Bergbauzentren auch Bandoneon­ und Zitherorchester im Arbeitermilieu. Als historisches Phänomen für das Laienmusizieren überaus bedeutsam war die Jugendmusikbewe­gung im ersten Drittel des 20. Jh.s, zumal die auf Interdependenzen mit der nationalsozialistischen Ideologie gerichtete Kritik die Musikpädagogik und das Laienmusizieren in der Nachkriegszeit nachhaltig prägte (zur Jugendmusikbewegung insgesamt Antholz 1996). In jüngerer Vergangenheit lässt sich eine weitere Pluralisierung der Erscheinungsformen des Laienmusizierens beobachten.

Strukturen

Derzeit sind die Verbände des instrumentalen und vokalen Laienmusizierens weitgehend in der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Chorverbände (ADC) bzw. der Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände (BDO) zusammengeschlossen.

Der ADC gehören an: Allgemeiner Cäcilien-Verband r Deutschland (ACV); Arbeitskreis Musik in der Jugend (AMJ); Internationaler Arbeitskreis r Musik (IAM); Verband Deutscher Konzert-Chöre (VDKC); Chorverband in der Evangelischen Kirche in Deutschland (CEK). AMJ und IAM mit Wurzeln in der Jugendmusikbewegung sind auch dem instrumentalen Musizieren zuzurechnen.

Der BDO gehören an: Bund Deutscher Blasmusikverbände (BDB); Bund Deutscher Zupfmusiker (BDZ); Bund r Zupf- und Volksmusik Saar (BZVS); Bund Saarländischer Musikvereine (BSM); Bundesverband Deutscher Liebhaberorchester (BDLO); Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände (BDMV); Deutscher Akkordeonlehrer-Verband (DALV); Deutscher Bundesverband der Spielmanns-, Fanfaren-, Hörner- und Musikzüge (DBV); Deutscher Harmonika-Verband (DHV); Deutscher Turner-Bund, Fachgebiet Musik und Spielmannswesen; Deutscher Zithermusik-Bund (DZB); Evangelischer Posaunendienst in Deutschland (EPiD).

Alleine an den unterschiedlichen Verbandsbezeichnungen lässt sich die Pluralität ablesen, die in vielfacher Hinsicht unter dem gemeinsamen Dach „Laienmusizieren“ besteht. Weitere Verbände, die ihren Schwerpunkt direkt oder mittelbar im Laienmusizieren haben, jedoch nicht in den beiden großen Zusammenschlüssen abgebildet sind, sind aus dem Spektrum der Mitglieder des Deutschen Musikrats (DMR): Deutscher Chorverband (DCV); Jeunesses Musicales Deutschland (JMD); Arbeitskreis der Musikbildungsstätten in Deutschland.

Die Verbände sind in der Regel über Landes-­ bis auf Kreisebene bzw. entsprechende (kirchliche oder sonstige) Verwaltungsebenen untergliedert. Sie bieten ihren Mitgliedern neben den üblichen zum Teil umfangreichen Verbands­Serviceleistungen (wie beispielsweise gemeinsame politische Vertretung, nationale und internationale Vernetzung, Austauschforen und Fachtagungen, Rahmenverträge mit Verwertungsgesellschaften, Beratung, zentrale Veranstaltungen und Wettbewerbe, Auszeichnungen, Modellprojekte etc.) hinsichtlich der musikalischen (Aus­-)Bildung einen mitunter sehr ausdifferenzierten Rahmen für die Aus­bildung des musikalischen Nachwuchses sowie der ehrenamtlichen MultiplikatorInnen. Der Landesverbandsebene kommt dabei – wie auch bei der regionalen Vernetzung und Interessenvertretung – häufig eine zentrale Bedeutung zu. Vielfach bestehen verbandsinterne Lehr­gangsstrukturen zum Erwerb von Leistungsabzeichen für den musikalischen Nachwuchs sowie zum Erwerb von Qualifikationen für StimmführerInnen und DirigentInnen als MultiplikatorInnen in der Erwachsenenbildung; hierbei nehmen die Musikbildungsstätten eine zentrale Rolle ein. Auf lokaler Ebene erfolgt die (Jugend­-)Ausbildung vielfach in ehrenamtlicher Eigenregie, soweit nicht eine Kooperation mit einer Musikschule besteht oder die Ensemblemitglieder privat qualifizierten Unterricht erhalten. Einige Verbände, die nicht so sehr als Dachverband Vereinsstrukturen abbilden (AMJ, IAM, JMD), bieten schwerpunktmäßig Kurse und Freizeiten für das praktische Laienmusizieren, berufliche Fort- und Weiterbildung und internationale (Jugend­-)Begegnungen an.

Ausblick

Eine aktuelle Herausforderung für das organisierte Laienmusizieren besteht im Jugendbereich vielfach darin, im Umfeld einer zunehmenden Etablierung von Ganztagsschul­-Modellen und von Schulzeitverkürzungen SchülerInnen mit knapper werdender Freizeit für das Engagement in Laienmusikvereinen zu gewinnen. In der Schule ist zudem die gegenläufige Entwicklung zu beobachten, dass regulärer Musikunterricht seltener stattfindet, aber mehr Kinder über Profilbereiche und Projekte (Klassenmusizieren, JeKi, JeKiSS etc.) mit praktischem Musizieren in Berührung kommen. Im Erwachsenenbereich bedeutet zunehmende (Arbeits-­)Mobilität mitunter ein Problem für Vereinsstrukturen, die stark auf Kontinuität und nachhaltige soziale Bindung angelegt sind. Ensembles, die in geeigneter Form mit Fluktuation und temporärer Bindung umgehen, können jedoch profitieren. Dazu gehört auch ein geeigneter Umgang mit heterogenen musikalischen Hintergründen und Präferenzen der Aktiven.

Verwendete Literatur

  • Antholz, Heinz (Antholz, Heinz (1996)): „Jugendmusikbewegung“. In: Finscher, Ludwig (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart (2., neubearb. Ausg.). Sachteil Band 4 (sp. 1569-1587). Kassel/Stuttgart: Bären­reiter/Metzler.
  • Bruhn, Herbert/Rösing, Helmut (Bruhn, Herbert/Rösing, Helmut (2002)): Amateurmusiker. In: Bruhn, Herbert/Oerter, Rolf/Rösing, Helmut (Hrsg.): Musikpsychologie (221-228). Ein Handbuch (4. Auflage). Reinbek: Rowohlt.
  • Deutscher Bundestag (Hrsg.) (Deutscher Bundestag (Hrsg.) (2007)): Schlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“. Drucksache 16/7000. Berlin.
  • Deutsches Musikinformationszentrum (Deutsches Musikinformationszentrum (2010)): Orchester, Ensembles, Chöre und Musizierende im Laienbereich 2009/2010: www.miz.org/intern/uploads/statistik39.pdf (letzter Zugriff am 22.09.13)
  • Kalies, Christoph/Lehmann, Andreas C./Kopiez, Reinhard (Kalies, Christoph/Lehmann, Andreas C./Kopiez, Reinhard (2009)): Musikleben und Live-Musik. In: Bruhn, Herbert/Kopiez, Reinhard/Lehmann, Andreas C. (Hrsg.): Musikpsychologie. Das neue Handbuch (2. Auflage) (293-315). Reinbek: Rowohlt.
  • Noll, Günther/Stein, Helga (Hrsg.) (Noll, Günther/Stein, Helga (Hrsg.) (1996)): Musikalische Volkskultur als soziale Chance. Laienmusik und Singtradition als sozialintegratives Feld. Tagungsbericht Hildesheim 1994 der Kommission für Lied-, Musik- und Tanzforschung in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde e.V. Essen: Die Blaue Eule.
  • Pape, Winfried (Pape, Winfried (2007)): Amateurmusiker. In: de la Motte-Haber, Helga/Neuhoff, Hans (Hrsg.): Musikso­ziologie (244-259). Laaber: Laaber.
  • Pape, Winfried/Pickert, Dietmar (Pape, Winfried/Pickert, Dietmar (1999)): Amateurmusiker: Von der klassischen bis zur populären Musik. Perspektiven musikalischer Sozialisation. Frankfurt/M.: Peter Lang.
  • Probst-Effah, Gisela/Reimers, Astrid (Hrsg.) (Probst-Effah, Gisela/Reimers, Astrid (Hrsg.) (2003)): Laienmusizieren in Nordrhein-Westfalen In: Landesmusikrat Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Musikland NRW Band 5 (o.S.). Münster: agenda.
  • Reimers, Astrid (Reimers, Astrid (2006)): Laienmusizieren. In Deutscher Musikrat (Hrsg.): Musikalmanach 2007/08. Daten und Fakten zum Musikleben in Deutschland (38-50). Regensburg: ConBrio.
  • Reimers, Astrid (Reimers, Astrid (1996)): Laienmusizieren in Köln. Köln: Concerto.
  • Schleuning, Peter (Schleuning, Peter (2000)): Der Bürger erhebt sich. Geschichte der deutschen Musik im 18. Jahrhundert. Stuttgart/Weimar: Metzler.
  • Schwedt, Elke/Schwedt, Herbert (Schwedt, Elke/Schwedt, Herbert (2002)): Gesang- und Musikvereine 1800-2000. Zur Geschichte und Verbreitung laienmusikalischer Vereinigungen. In: Irsigler, Franz (Hrsg.): Geschichtlicher Atlas der Rheinlande, Beiheft XI/8-XI/10 (o.S.). Köln: Rheinland.
  • Sponheuer, Bernd (Sponheuer, Bernd (1996)): Artikel „Kenner – Liebhaber – Dilettant“. In: Finscher, Ludwig (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart (2., neubearb. Ausg.) (Sp. 31-37). Sachteil Band 5. Kassel: Bärenreiter/Stuttgart: Metzler.
  • Verband deutscher Musikschulen (VdM) (Verband deutscher Musikschulen (VdM) (2009)): Strukturplan des VdM – Der Weg zur Musik durch die Musikschule. Bonn: VdM.

Anmerkungen

Dieser Text wurde erstmals im Handbuch Kulturelle Bildung (Hrsg. Bockhorst/ Reinwand/ Zacharias, 2012, München: kopaed) veröffentlicht.

Zitieren

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Stephan Schmitz (2013 / 2012): Musikalische Bildung in der Laienmusik. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/artikel/musikalische-bildung-laienmusik
(letzter Zugriff am 26.09.2018)

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