Von der Multikultur zur Diversity

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von Bernd Wagner

Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Begrifflichkeiten: Multikultur. Interkultur. Integration. Kulturelle Vielfalt

Eine Gesellschaft, in der eine Vielzahl von Kulturen nebeneinander existieren, ist – rein be­grifflich – eine multikulturelle Gesellschaft. In diesem Verständnis sind auch alle ethnisch homogenen Gesellschaften – Benjamin Barber weist darauf hin, dass heute weniger als 10 % der Staaten homogen sind und sich wie Dänemark und Holland nicht weiter ethnisch untergliedern lassen (Barber 1999:18) – multikulturell, denn ab einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung bestehen dort immer mehrere Kulturen nebeneinander. Schon bei einem engen Kulturbegriff stehen in entwickelten gegenwärtigen Gesellschaften neben der traditionellen „legitimen“ staatlich geförderten Kultur verschiedene Formen von Breiten-­, Sub-­ und Alter­nativkulturen, vielfältige Jugend­-, Frauen-­, Senioren-­ und sonstige Kulturen, die Kulturen der jeweiligen Lebensstilgruppen und Milieus und Ähnliches.

Bei einem weiten Kulturbegriff, der sich nicht auf kulturell­-ästhetische Präferenzen und symbolische Produktionen beschränkt, ist eine multikulturelle Gesellschaft dadurch be­stimmt, dass hier Menschen unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit, ethnischer Herkunft und gesellschaftlicher Wertesysteme zusammenleben. Das ist die heute gebräuchliche Kenn­zeichnung von multikultureller Gesellschaft. Da Menschen aus anderen Herkunftsregionen als derjenigen, in der sie leben, ihre eigenen Traditionen, Gewohnheiten, Werte, kulturellen Praxen haben, ist jede multiethnische Gesellschaft eine multikulturelle und häufig eine multireligiöse Gesellschaft.

Multikulturalität ist dabei weder eine Norm noch ein Wert an sich, sondern heute in nahezu allen entwickelten Ländern eine Tatsache, eine Folge von wirtschaftlichen Entwicklungen, Migrationsbewegungen und Globalisierungsprozessen, von politischer Verfolgung, kriegeri­schen Auseinandersetzungen, sozialer Not und ökologischem Raubbau.

Neben Multikultur als Realitätsbeschreibung in den wissenschaftlichen Debatten der 1990er Jahre ist das Wort Interkultur getreten, wo es um Aktivitäten und Handeln in der mul­tikulturellen Gesellschaft geht. Interkultur geht wie Multikultur von der Existenz unterschied­licher Kulturen in einer Gesellschaft aus, die ausdrücklich als legitime und schützenswerte Ausdrucksformen anerkannt werden, sofern sie nicht die Rechte anderer und den demokra­tischen Minimalkonsens verletzen. Dabei thematisiert der Begriff stärker als Multikultur die vorhandenen kulturellen Differenzen und hat einen Austausch, einen Dialog, eine Kommuni­kation „zwischen“, das heißt „inter“ den Menschen unterschiedlicher Kulturen im Blick. Die Betonung liegt hier auf Partizipation, dem beiderseitigen Kennenlernen, dem gegenseitigen Austausch und der gemeinsamen Kommunikation über Trennendes und Verbindendes, aus denen etwas Neues, Drittes entstehen kann und oft auch entsteht.

„Interkulturalität“ (siehe Susanne Keuchel/Ernst Wagner „Poly-­, Inter­- und Transkulturali­tät“), heißt es im UNESCO-Übereinkommen über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen, „bezieht sich auf die Existenz verschiedener Kultu­ren und die gleichberechtigte Interaktion zwischen ihnen sowie die Möglichkeit, durch den Dialog und die gegenseitige Achtung gemeinsame kulturelle Ausdrucksformen zu schaffen“ (Deutsche UNESCO­-Kommission 2006:21).

Als ein solches gesellschaftspolitisches Konzept steht Interkultur in einem Spannungs­feld zum inzwischen minimalen allgemeinen gesellschaftlichen Konsens von Integration als politische und gesellschaftliche Aufgabe in der Bundesrepublik. Dabei wird Integration vielfach, wenn auch nicht durchgängig, als Anpassung der „Anderen“, der „Fremden“ an das Bestehende, das Vorgefundene verstanden und die doppelseitige An-­ und Herausforderung übersehen. Zudem geht es, wenn von Integration die Rede ist, fast immer um die Defizite derer, die der Norm nicht entsprechen (vgl. zum gegenwärtigen Integrationsverständnis ausführlicher Scherer 2009:71­-81; Terkessidis 2010:39­-76).

Durch die internationale Diskussion, vor allem die vielfältigen Ansätze und Aktivitäten der UNESCO, hat sich etwa seit der Jahrhundertwende die Begrifflichkeit Kulturelle Vielfalt in Deutschland verbreitet. Einen Meilenstein bildet hier die im Oktober 2005 verabschiedete „Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“. Sie trat am 18. März 2007 in Kraft und wurde von der Bundesrepublik Deutschland am 12. März 2007 ratifiziert.

Kulturelle Vielfalt bezieht sich danach „auf die mannigfaltige Weise, in der die Kulturen von Gruppen und Gesellschaften zum Ausdruck [...] gebracht, bereichert und weitergegeben (werden und auf die) vielfältigen Arten des künstlerischen Schaffens, der Herstellung, der Verbreitung, des Vertriebs und des Genusses von kulturellen Ausdrucksformen, unabhängig davon, welche Mittel und Technologien verwendet werden“ (Deutsche UNESCO-­Kommission 2006:20, 17f.).

Zentrales Ziel der Konvention ist

„a) die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen zu schützen und zu fördern;

b) die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Kulturen sich entfalten und frei in einer für alle Seiten bereichernden Weise interagieren können;

c) den Dialog zwischen den Kulturen anzuregen, um weltweit einen breiteren und ausge­wogeneren kulturellen Austausch zur Förderung der gegenseitigen Achtung der Kulturen und einer Kultur des Friedens zu gewährleisten;

d) die Interkulturalität zu fördern, um die kulturelle Interaktion im Geist des Brückenbaus zwischen den Völkern weiterzuentwickeln ...“ (ebd.).

Herausbildung und Entwicklung der Begriffe

Die Ende der 1970er Jahre von kirchlichen Kreisen in die Diskussion eingeführte Bezeich­nung der Bundesrepublik als „multikulturelle Gesellschaft“ wurde etwa ein Jahrzehnt später von VertreterInnen politischer Parteien, vor allem den Grünen, aber auch der CDU und der SPD aufgegriffen und zu einer vagen politischen Konzeption der Multikulturalität oder des Multikulturalismus weiterentwickelt. Dabei standen nordamerikanische und englische Vorstellungen Pate. Die damit verbundenen unterschiedlichen Vorstellungen waren selten genau ausbuchstabiert. Letztlich verbindet sie die gesellschaftspolitische Anerkennung der Bundesrepublik als Einwanderungsland und der Kulturen der in Deutschland lebenden Men­schen aus anderen Ländern als Ausdruck von deren kulturellen Traditionen und Bedürfnissen, denen sie hier ebenso nachgehen dürfen sollen wie in ihren Heimatregionen, sofern sie die Menschenrechte achten und nicht die Rechte anderer Menschen verletzen.

Zum Verständnis der multikulturellen Gesellschaft gehört die Abkehr von Vorstellungen einer wie auch immer gearteten Homogenität der Kultur einer Gesellschaft, die in modernen Gemeinwesen weder durch eine gemeinsame Nationalgeschichte oder die staatsbürgerliche Einheit noch durch eine wie auch immer definierte Leitkultur begründet sein kann. Die Basis des Zusammenlebens ist die Anerkennung eines gemeinsamen demokratischen Wertekon­senses und die Schaffung vernünftiger Verfahren, mit kulturellen Differenzen umzugehen, und hat nichts mit einem „folkloristischen Multikultur“­-Verständnis zu tun, nach dem andere, fremde Kulturen idealisiert und per se als Bereicherung der „öden, farblosen Bundesrepublik“ begriffen werden.

In vielen in den 1990er Jahren entwickelten und diskutierten Überlegungen und Vor­schlägen stehen die Probleme des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und divergierender kultureller Traditionen im Mittelpunkt, das „Wagnis der mul­tikulturellen Demokratie“, wie der Untertitel des für die damalige Diskussion einflussreichsten Buches „Heimat Babylon“ von Daniel Cohn-­Bendit, dem damaligen Frankfurter „Dezernent für Multikulturelle Angelegenheiten“, und Thomas Schmid heißt. Hier wie in den meisten anderen Beiträgen von grün-­linker und kirchlicher Seite zum politischen Konzept einer multikulturellen Gesellschaft werden immer auch die Schwierigkeiten und die aus unterschiedlichen Kulturen und Gewohnheiten entstehenden Konflikte des Zusammenlebens von MigrantInnen und ein­heimischer Bevölkerung, der religiöse Fundamentalismus, Sprachprobleme sowie die höhere Kriminalitätsrate betont und gefordert, was später „Leitkulturbefürworter“ als Hauptargument gegen die Vorstellungen einer multikulturellen Gesellschaft einwenden: „Eine Gesellschaft, die von Einwanderung geprägt ist“, heißt es in „Heimat Babylon“, „untergräbt ihre Grundlagen, wenn sie es bei einem Nebeneinander der Zuwandererkulturen und Ethnien belässt, wenn sie also auf Integration und die Herausbildung eines für alle verbindlichen Wertekanons verzichtet“ (Cohn­-Bendit/Schmid 1992:318).

Von der Mehrzahl der konservativen KritikerInnen des Konzepts der multikulturellen Gesellschaft wurde dieses Bemühen um das „Wagnis einer multikulturellen Demokratie“ nicht zur Kenntnis genommen und darin lediglich die Gefahr gesehen, dass die vermeintlich einigende Kraft deutscher Geschichte, Sprache, Tradition und Kultur, mithin die „Homogenität“ und „Identität des deutschen Volkes“, untergraben würden. Folgen wären danach letztlich eine Preisgabe der Nation als Rechts­- und Schicksalsgemeinschaft, ein Verlust an Identität und Zusammengehörigkeitsgefühl.

Diese Ängste führten dazu, dass der eher beschreibende und außerhalb der Bundesre­publik weitgehend anerkannte Begriff Multikultur von periodisch wiederkehrenden Fest­stellungen seines „Endes“, „Todes“, oder der „endgültigen Widerlegung“ der „Lebenslüge“ von „Multikulti“ begleitet wird. „Die einzigen Orte, wo Multikulti am Ende ist“, schreibt der Schriftsteller Ilija Trojanow, „sind die Friedhöfe und die Köpfe der Dogmatiker. Multikulti ist der Normalzustand kultureller Entwicklung, es ist wie die Luft zum Atmen. [...] Wo Einfalt herrscht, kann jeder Unsinn zum Blühen gebracht werden. Ohne Multikulti gebe es keine deutsche Kultur. Die Minnesänger waren Multikulti, Goethe war es, wie auch Franz Kafka und Paul Celan, ebenso wie [Albrecht] Dürer und [Georg] Baselitz oder [Wolfgang Amadeus] Mozart und Roberto Blanco“ (2009:10).

Inzwischen haben auch konservative KritikerInnen, nachdem sie anerkennen mussten, dass auch die Bundesrepublik eine Einwanderungsgesellschaft ist und heute über 20 % der hier lebenden Bevölkerung über eine Migrationsgeschichte verfügen, langsam „ihren Frieden“ mit dem Begriff der Multikulturellen Gesellschaft gemacht, auch wenn sie ihn nicht gebrauchen. An seine Stelle ist vielfach „Kulturelle Vielfalt“ getreten. Der Begriff wurde vor allem durch die UNESCO­Aktivitäten bei uns gebräuchlich und vielfach aufgegriffen, teilweise auch anstelle von „Integration“ (siehe hierzu u.a. auch Forum der Kulturen 2007, 2009, 2011).

Zur Verbreitung hat die Deutsche UNESCO-Kommission sich frühzeitig bemüht, möglichst viele zivilgesellschaftliche Akteure neben den staatlich-­kommunalen Vertretern in den Umset­zungsprozess der UNESCO­-Konvention in Form der „Bundesweiten Koalition kulturelle Vielfalt“ einzubinden. Hierin sind ExpertInnen aus Kultur, Verbänden, Parteien, Wirtschaft, Kommu­nen, öffentlich­-rechtlichen Körperschaften, Forschung und Publizistik vertreten. Seit Juni 2004 fanden neun Konsultationsrunden der Bundesweiten Koalition Kulturelle Vielfalt statt.

Im Dezember 2009 hat die Deutsche UNESCO-Kommission das Weißbuch „Kulturelle Vielfalt gestalten“ herausgegeben. Es ist ein Projekt der Bundesweiten Koalition Kulturelle Vielfalt und wurde von über 60 ExpertInnen erarbeitet. Es enthält politische Handlungsempfehlungen aus der Zivilgesellschaft zur Umsetzung des UNESCO-­Übereinkommens zur Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in und durch Deutschland.

Bis Frühjahr 2012 wird die Bundesrepublik Deutschland – zeitgleich mit weiteren 94 Vertragsparteien – erstmalig einen Umsetzungsbericht erstellen. Als Fachbeitrag der Zivilge­sellschaft wird dazu ein Kaleidoskop aus Projekten, Initiativen und Maßnahmen entstehen, das die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen und die Umsetzung der Konvention in und durch Deutschland spiegelt.

Im Zusammenhang mit der internationalen Diskussion haben in den interkulturellen Diskursen in den letzten Jahren auch immer stärker die Begrifflichkeiten „Diversity“ oder „Cultural Diversity“, so der originale Wortlaut der Konvention, Verbreitung gefunden. Sie be­deuten mehr als das deutsche „Vielfalt“ im Sinne von Mannigfaltigkeit, sondern auch Diversität und Verschiedenheit.

Darin werden ,,die differierenden Werte, Traditionen, Erfahrungen, Lebenspraxen erkannt, zueinander in Bezug gesetzt, in der gesellschaftlichen Interaktion erprobt und einvernehm­lich in diesem Prozess entstandenen Regeln unterworfen. Dieses Konzept von Vielfalt und Verschiedenheit, das diversity bedeutet, scheint mir die einzig mögliche langfristige Leitlinie für moderne demokratische, plurale Kulturpolitik und damit Förderung zu sein“ (Kolland 2007:42; siehe hierzu auch ausführlicher Kolland 2006 und Dorothea Kolland „Kulturelle Bildung zwischen den Kulturen“).

Dabei hat diversity zwei entscheidende andere Stoßrichtungen als andere Konzepte: „Zum einen zielt“, wie Mark Terkissidis schreibt, „das Konzept auf die Institutionen selbst [...], nicht auf die Personen, die in diesen Institutionen nicht der Norm entsprechen. Zum anderen stehen nicht bestimmte Gruppen im Zentrum des Konzepts, sondern das Individuum. Hierin besteht der Unterschied zum Ansatz der Integration. Dieser geht weiterhin davon aus, dass es ein großes Ganzes gibt mit einer Normgruppe und abweichenden Gruppen. Das Ziel ist erreicht, wenn die abweichenden Gruppen in der Norm aufgehen und so ein idealer, aber letztlich nie da gewesener Ursprungszustand wiederhergestellt wird“ (2007:15).

Theoretische Grundlagen: Identität und Kultur

Das Problem aller bisher skizzierten Ansätze – am geringsten bei „diversity“ – besteht darin, dass sie vielfach mit einer Ethnisierung von Lebenslagen und gesellschaftlichen Konflikten einhergehen. Ethnizität bekommt eine zentrale Bedeutung, die nicht ihrer realen in den sozialen Lebenspraxen entspricht und wird als Grundlage „kultureller Identität“ begriffen beziehungsweise diese darauf reduziert. Identität wird hier oft als in sich ruhende, von kul­turellen Traditionen und Herkunftsregionen geprägte Einheit gesehen, bei der eindeutig das Eigene und das Fremde unterschieden werden können.

Ein solches „essentialistisches“ Verständnis von Identität als einem mit einer konkreten Gruppe von Menschen oder einem Ort fest verbundenen Traditions-­ und Wertesystem ent­spricht aber nicht dem „normalen“ Vorgang der Heraus-­ und Weiterbildung von Identität und von individuellen Kulturen. Kulturen entstehen immer aus der wechselseitigen Durchdringung der verschiedenen Einflüsse. Sie sind immer Produkte von Beziehungen und Durchquerungen und bilden sich im Kontakt und der Auseinandersetzung mit Fremdem und Anderem sowie deren Aufnahme und Verarbeitung aus. Kultur bedeutet schon immer „zwischen den Kulturen“ (Alexander Düttmann), ist nie „rein“ und homogen, sondern hybrid und heterogen, ein Bastard. Kulturen sind immer Vermischungen, ein ständiger Prozess, der sich eine Zeitlang mit einer Gegend und einer Gruppe von Menschen verbindet, aber auch da bleiben sie nicht stationär. Aus diesem Grund sind auch „authentische Kulturen“, die ohne prägende Einflüsse von außen ihre Ursprünglichkeit bewahren, eine Fiktion, da Kulturen nie in „Reinform“ existieren, nicht statisch und homogen sind, sondern hybrid, heterogen und „multikulturell“.

Trotz dieses kontinuierlichen Wandels und des Bastardcharakters aller Kulturen konstitu­ieren sie immer für eine gewisse Zeit ein gemeinsames „Wir“, schaffen eine – mal länger, mal kürzer dauernde – Einheit und heben sich in ihrem eigenen Zusammenhang von anderen ab. Von daher ist das Reden von „Kultur“ immer etwas Widersprüchliches, da etwas Prozesshaftes als Festes begriffen wird: „Kultur“ bezeichnet – wie „Bildung“ – immer zugleich den Stand und das Mittel des Bildungsprozesses des Menschen und einer Personengruppe.

Wie die Kulturen sind die darin verankerten individuellen Identitäten ebenso etwas Flüssi­ges, sich Veränderndes. Kulturen helfen der Verortung der eigenen Person in geschichtlichen, geografischen und kulturellen Kontexten, sind aber nichts Wesenseigenes, sondern entwi­ckeln sich weiter, auch in Spannung und Auseinandersetzung mit der sozialen, kulturellen und politischen Umwelt und damit auch im Kontakt mit den anderen Kulturen. Zumal in heutiger Zeit von Enträumlichung und Mobilität, Enttraditionalisierung und Pluralisierung sind sie etwas Widersprüchliches und Sich-­Überschneidendes, geprägt vom Ort, der Herkunft, der sozialen Lage, den Alltagserfahrungen, den kulturellen Zusammenhängen, die selbst immer weniger etwas Festes, Starres sind.

Der indisch­stämmige, in Harvard lehrende Wirtschaftswissenschaftler und Ökonomie­-Nobel­-Preisträger Amartya Sen hat in seinem Buch „Die Identitätsfalle“ (2007:33f.) seine Kritik an der vielfach anzutreffenden Reduktion der Identität des Menschen auf eine Eigenschaft und die darauf basierende eindimensionale Zu-­ und Einordnung auf eine soziale Gruppe, vornehmlich die Religion und die Ethnie oder, damit eng zusammenhängend bzw. diese zusammenbindend, die „Kultur“ eindrucksvoll zusammengefasst, indem er zeigt, dass jeder Mensch aus einer Fülle sehr unterschiedlicher Eigenschaften, die erst zusammengenommen seine komplexe Identität ausmachen, besteht: „Eine Person kann ganz widerspruchsfrei amerikanische Bürgerin von karibischer Herkunft mit afrikanischen Vorfahren, Christin, Liberale, Frau, Vegetarierin, Langstreckenläuferin, Feministin, Heterosexuelle, Tennisfan et cetera sein“ (ebd.). Allein bei der Aufzählung seiner eigenen Persönlichkeitsmerkmale füllt Sen eine halbe Buchseite. So ist er nach eigenen Angaben Asiate, Bürger Indiens, Ökonom, Autor, Feminist, Anhänger des Laizismus usw. Als solche komplexe Persönlichkeit gehört jeder Mensch einer Vielzahl sehr unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen an. Und was auf den Einzelnen zutrifft, gilt auch für die großen sozialen Gebilde wie Staat, Religion oder Nation. Viele Konflikte und Gewalttätigkeiten in der Gegenwart beruhen nach Sen auf der Illusion einer einzigen Identität.

Handlungsempfehlungen

Im Prozess der Entwicklung von Formen des Zusammenlebens in einer zunehmend kultu­rell, ethnisch und religiös vielgestaltigeren Gesellschaft kommt kulturell­-künstlerischen Aktivitäten und hier besonders Kultureller Bildung sowie der Verbindung von Schule und kul­turellem Leben eine wichtige Bedeutung zu. Neben ihrer Funktion zu unterhalten fungieren künstlerisch-­ästhetische und kulturell­-kreative Betätigungen immer auch als Selbstausdruck und dienen der Selbstvergewisserung. Kunst und Kultur sind gestaltete Formen der Ausein­andersetzung mit Selbst­- und Welterfahrung, in denen es neben Unterhaltung und Genuss auch um Sinn und Bedeutung geht.

Dieser Selbstvergewisserung von Individuen und Selbstverständigung von Gruppen mittels Kunst und Kultur kommt bei gesellschaftlichen Minderheiten − gleich welcher Art − immer eine größere Bedeutung zu als in der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft. Durch ihre minoritäre Stellung sind sie in der Regelung oft von vielen Bereichen allgemeiner Gesellschaftlichkeit ausgegrenzt und auf ihre eigene, ursprüngliche Bezugsgruppe aus dem gleichen Herkunfts­land und der gleichen Herkunftsgegend verwiesen, über die man sich über die gemeinsamen kulturellen Traditionen versichert. Diskriminierungen und Zurücksetzungen im Beruf, im Alltagsleben, auf dem Wohnungsmarkt, im Schul-­ und Ausbildungsbereich und auf anderen wichtigen gesellschaftlichen Feldern verstärken die Bedeutung der kulturell­künstlerischen Verarbeitung dieser Erfahrungen und dabei oft den Rückzug auf die traditionelle Herkunfts­kultur.

Als gestaltete Formen sinnlicher Auseinandersetzung mit Erfahrungen von sich und der Mitwelt in Breakdance, Straßenrap und Graffiti, in einer traditionellen Volksweise, einem arabischen Liebeslied und einem alten persischen Theaterstück oder neuen, gemeinsam erarbeiteten Tanz-­, Musik-­ und Theateraufführungen eignen sich Kunst und verwandte Formen kulturell-­künstlerischer Selbst­- und Weltaneignung besonders gut für die Begegnung von Menschen unterschiedlicher Kulturen. Entscheidend ist dabei, dass es ein wechselseitiger Austausch – also Interkultur – ist, der erst zu gegenseitiger kultureller Anerkennung führt und das Bewusstwerden von Differenz und Gemeinsamkeit möglich macht.

Allerdings benötigt die Debatte über das Leben und Zusammenleben in einer kulturell vielfältigen Gesellschaft bei allen Fortschritten der letzten Jahre auch einen gedanklich-­kon­zeptionellen Perspektivwechsel – und damit das damit verbundene Handeln. Danach sollte(n)

>> kulturelle Vielfalt als Wesensmerkmal aller modernen Gesellschaften, Interkulturalität als ihr Strukturkennzeichen und Multikultur als Normalzustand kultureller Entwicklung begriffen werden;

>> nicht oder weniger von nationalen, ethnischen, religiösen und kulturellen Gruppen, sondern von Individuen ausgegangen werden und diese als AdressatInnen kulturpolitischer Förderung in den Blick genommen werden;

>> die Strukturen der Institutionen sich ändern und sich nicht die Menschen den Strukturen anpassen müssen;

>> statt der Defizite von Anderssein, dessen Potentiale Ausgangpunkte des Denkens und Handelns sein;

>> wir uns alle bemühen, mehr über die Vielfalt und Andersheit wissen zu wollen und weniger von unseren gewohnten Vorstellungen und Denkbildern ausgehen;

>> anstelle von „Integration“ mehr „diversity“ zum Ausgangs-­ und Zielpunkt unserer kultur­- wie gesellschaftspolitischen Aktivitäten gemacht werden.

Im Zentrum einer an diversity orientierten Kulturpolitik und Kulturellen Bildung stehen die Begegnung, der Dialog und der Austausch zwischen den kulturellen Aktivitäten und Akteuren der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen sowie die Schaffung der Voraussetzungen der kulturellen Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund an Kulturaktivitäten, Kulturorten und Kultureinrichtungen in der Zuwanderungsgesellschaft. Diese beziehen sich dabei vor allem auf drei Dimensionen, die eng miteinander zusammenhängen, aber nicht zusammenfallen und bei einzelnen Sparten und Institutionen sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Zum einen handelt es sich dabei darum, dass die Barrieren abgebaut werden, die es KulturakteurInnen und -­produzentInnen migrantischer Herkunft erschweren, als KünstlerInnen aktiv werden zu können und die gleichen Chancen wie deutschsprachige BewerberInnen zu bekommen sowie dass sie verantwortliche Positionen in Leitungen von Kulturinstitutionen und Kunstjurys wahrnehmen.

Zum anderen geht es darum, inwieweit sich die Kultureinrichtungen den Themen von Migration, MigrantInnen und der multikulturellen Gesellschaft öffnen sowie kulturelle Stoffe, Stücke und Kunstformen aus Herkunftsländern von MigrantInnen ins Programm integrieren. Zum Dritten steht die Aufgabe, dass sich die Kultureinrichtungen und Kunstinstitutionen ver­stärkt um MigrantInnen als Kulturpublikum bemühen, was mit der thematischen Gestaltung des Programms zusammenhängt, aber sich nicht darauf reduziert.

In den einzelnen Sparten, Kunstformen und Einrichtungsarten ist die Umsetzung dieser drei Partizipationsarten – Personal, Programm, Publikum – sehr unterschiedlich ausgeprägt. Am größten ist sie bislang im Bereich der kommerziellen Kultur, der Kulturwirtschaft und der audiovisuellen Medien. Im frei-­gemeinnützigen Bereich der Kulturellen Bildung, der Soziokul­tur und der sozialen Kultur­- und Bildungsarbeit wurden in den letzten Jahre zahlreiche neue Aktivitäten, Projekte und Programme im Sinne einer interkulturellen Praxis durchgeführt. Am schwersten tun sich vielfach immer noch – allerdings in inzwischen sehr unterschiedlicher Abstufung – die traditionellen Kunstinstitutionen in kommunaler und staatlicher Trägerschaft und die Kulturpolitik selbst. Dabei sind entsprechende Ansätze in kulturellen Bildungsein­richtungen wie Bibliotheken und Volkshochschulen bedeutend weiter als in traditionellen Kunstinstitutionen wie Theater und Museen (siehe hierzu die Beispiele für die Entwicklung bei einzelnen Kulturangeboten und in verschiedenen Kunsteinrichtungen wie Theater, Museen, Bibliotheken, freie Kultur bei Wagner 2009a:578-585 sowie Institut für Kulturpolitik 2008).

 

Verwendete Literatur

  • Barber, Benjamin (1999):

    Demokratie im Würgegriff. Kapitalismus und Fundamentalismus - eine unheilige Allianz. Frankfurt/M.: Fischer.

  • Cohn-Bendit, Daniel/Schmid, Thomas (1992): Heimat Babylon. Das Wagnis der multikulturellen Demo­kratie. Hamburg: Hoffmann & Campe.
  • Deutsche UNESCO-Kommission (Hrsg.) (2006): Übereinkommen über Schutz und Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen. Magna Charta der Internationalen Kulturpolitik. Bonn: Deutsche UNESCO-Kommission.
  • Forum der Kulturen (Hrsg.) (2011):

    Offen für Vielfalt – Zukunft der Kultur. 3. Bundesfachkongress Interkultur. Stuttgart: Selbstverlag.

  • Forum der Kulturen (Hrsg.) (2009):

    Kulturelle Vielfalt und Teilhabe. 2. Bundesfachkongress Interkultur. Stuttgart: Selbstverlag.

  • Forum der Kulturen (Hrsg.) (2007):

    Kulturelle Vielfalt – Differenzieren statt Pauschalisieren. Stuttgart: Selbstverlag.

  • Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Hrsg.) (2008): Interkulturelle Bildung – Ein Weg zur Integration. Bonn/Essen: Klartext.
  • Kolland, Dorothea (2007): Cultural Diversity als Leitlinie für kommunale Kultur-Förderpolitik. In: Forum der Kulturen (Hrsg.): Kulturelle Vielfalt – Differenzieren statt Pauschalisieren (42f.). Stuttgart: Selbstverlag.
  • Kolland, Dorothea (2006): Kulturelle Vielfalt: Diversity und Differenz. In: Institut für Kulturpolitik (Hrsg.): Jahrbuch für Kulturpolitik 2006. Thema: Diskurs Kulturpolitik (139-148). Essen: Klartext.
  • Scherer, Albert (2009): Leitbilder in der politischen Debatte: Integration. Multikulturalismus und Diversity. In: Gesemann, Frank/Roth, Roland (Hrsg.): Lokale Integrationspolitik in der Einwanderungsgesell­schaft (71-88). Wiesbaden: VS.
  • Sen, Amartya Kumar (2007): Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt. München: C.H. Beck.
  • Terkessidis, Mark (2010): Interkultur. Berlin: Suhrkamp.
  • Terkessidis, Mark (2009): Diversity statt Integration – Kultur- und integrationspolitische Entwicklungen der letzten Jahre. In: Forum der Kulturen (Hrsg.) (2009): Kulturelle Vielfalt und Teilhabe. 2. Bundes­fachkongress Interkultur (12-15). Stuttgart: Selbstverlag.
  • Terkessidis, Mark (2007): Interkultur. Berlin: Suhrkamp.
  • Trojanow, Ilija (2009): Laute und lautere Multikultibinsen. In: Forum der Kulturen (Hrsg.) (2009): Kulturelle Vielfalt und Teilhabe. 2. Bundesfachkongress Interkultur (8-11). Stuttgart: Selbstverlag.
  • Wagner, Bernd (2009a): Kultur, Kunst und Kulturpolitik in der Einwanderungsgesellschaft. In: Gesemann, Frank/Roth, Roland (Hrsg.): Lokale Integrationspolitik in der Einwanderungsgesellschaft (573-592). Wiesbaden: VS.

Anmerkungen

Dieser Text wurde erstmals im Handbuch Kulturelle Bildung (Hrsg. Bockhorst/ Reinwand/ Zacharias, 2012, München: kopaed) veröffentlicht.

Zitieren

Gerne dürfen Sie aus diesem Artikel zitieren. Folgende Angaben sind zusammenhängend mit dem Zitat zu nennen:

Bernd Wagner (2013 / 2012): Von der Multikultur zur Diversity. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/artikel/multikultur-zur-diversity
(letzter Zugriff am 14.06.2019)

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Dieser Artikel wurde dauerhaft referenzier- und zitierbar gesichert unter https://doi.org/10.25529/92552.109.

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