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Morsches Elfenbein, lahme Utopien... Perspektiven für die Soziokultur

von Pius Knüsel (03. Jul. 2015) Erscheinungsjahr: 2015
Vortrag im Rahmen der Veranstaltung „Sind wir nicht alle ein bisschen Soziokultur?“ der LAGS - Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur Niedersachsen, April 2015.

Die Frage, ob die großen Kultureinrichtungen sich legitimerweise der Arbeitsweise der Soziokultur bedienen, bzw. ob ihre Soziokulturalisierung begrüßenswert ist, ruft unmittelbar nach der Mutter aller Fragen: Was ist Soziokultur?

Als erste Antwort fiel mir der Ausspruch des Richters am amerikanischen Supreme Court Peter Stewart von 1966 ein – der Satz, mit dem er berühmt wurde: „I do not know what it is. But I know when I see it“. Er sprach natürlich nicht über Soziokultur, sondern über Pornographie. Er urteilte in der Frage, ob Louis Malle’s Film „The Lovers“ pornographisch sei und deshalb mit Zensur belegt werden müsse. Zur Beruhigung: Er fand im Film keine Obszönität. Die Anekdote soll nur zeigen, wie schwierig es ist, theoretisch über Soziokultur zu reden. Die Fülle von Aktivitäten, die sich des Begriffs bedienen, ist außerordentlich divers und wird vermutlich immer diverser, so dass ich zweifle, ob Soziokultur gewissermaßen theoriefähig ist (was nicht dasselbe wie politikfähig meint).

Ich habe mich dann auf eine dreifache Weise dem Begriff zu nähern versucht.

1. Der Blick in die heimische Kulisse

Pro Helvetia, die ich von 2002 bis 2012 leitete, verabschiedete sich 2004 von der Soziokultur. Im Kern ging es um einen Konflikt zwischen den Kunstabteilungen Visuelle Künste, Literatur, Musik, usw. einerseits und der Abteilung Kultur und Gesellschaft (bzw. Soziokultur) andererseits. K&G verwendete andere Kriterien, um Projektanträge zu beurteilen, Kriterien der Partizipation, der Wirkung, der Inklusion. Diese standen meistens im Widerspruch zu den ästhetischen Kriterien der Kunstabteilungen, die sich binnen-ästhetisch gebärdeten, aber natürlich einem Zeitgeist der Innovation gehorchten, hinter dem genauso soziale Kräfte standen, einfach – polemisch formuliert – exklusive. Den dauernden Widerspruch der Kriterien empfanden wir bei Pro Helvetia als lähmend. Worauf wir uns von der Soziokultur verabschiedeten. Es war der Mangel an ästhetischer Kompetenz, der die Soziokultur ihre Existenz innerhalb der Stiftung kostete.

Allerdings war die Schließung der Abteilung nur das Symptom einer allgemeinen Entwicklung in der Schweiz: der Begriff Soziokultur verschwand Schritt für Schritt aus der kulturpolitischen Debatte, die Professionalisierung der kulturellen Praxis führte zu einer Anpassung an die Konzepte der Kunstförderung. Was von der Soziokultur sich nicht als künstlerische Arbeit definieren ließ, wanderte ab in die Sozialdepartemente, wo es unter dem Titel der Gemeinschaftskultur weiterlebte. Sichtbarstes Zeichen war die wachsende Zahl von Gemeinschaftszentren in den Städten, in denen sich allerhand kreative Praxis von Laien sowie bürgerschaftliches Engagement konzentriert. Politische Brücken zwischen der Kulturförderung und der Förderung von Gemeinschaftskultur gibt es praktisch keine.

Doch mit dem Abschied von der Soziokultur war für Pro Helvetia das letzte Wort in Sachen Partizipation noch nicht gesprochen. 2010 bedeutete den Beginn der Blüte der Kulturvermittlung. Sie meint den Aufbau ästhetischer Kompetenz bei den Nicht-Kulturinteressierten oder den Kulturfernen. Im Unterschied zur Soziokultur geht es nicht mehr darum, den Teilnehmenden eine eigene, von ihnen her bestimmte Ästhetik und ästhetische Sozialität bewusst zu machen, sondern sie für die Errungenschaften der Hochkultur zu sensibilisieren. Kulturvermittlung, wie sie in der Schweiz seit 2009 sogar im Kulturförderungsgesetz des Bundes verankert ist, ist im Wesentlichen ein Rekrutierungsprogramm für die Hochkultur, ein Legitimierungsinstrument, das sich der Lehren aus den Jahrzehnten der Soziokultur bedient.

Im Fokus der Kulturvermittlung steht die Stärkung des Elfenbeins, das an Relevanz und Anziehungskraft verloren hat. Seine gesellschaftsverändernde Wirkung, die möglicherweise immer nur in der Einbildung ihrer Protagonisten existierte, ist nicht (mehr) zu finden, die Einrichtungen rutschten aus der Mitte der Gesellschaft, wo sie dem Kulturbürgertum als Verständigungsplattform dienten, an den Rand, wo sie mit dem Vorwurf kämpfen, Privilegien an bereits Privilegierte zu verschenken. Die Aufgabe von Kulturvermittlung, die in der neuen Generation von Subventionsverträgen für fast alle großen Kultureinrichtungen zur obligatorischen Hausaufgabe wurde, ist es, das Faktum der steten 10 Prozent Nutzer von subventionierter Kultur zu korrigieren. Dabei überkreuzen sich in der Vermittlungstheorie zwei unterschiedliche Verständnisse, ohne dass die Mischung geklärt würde: Einmal ein liberales Verständnis von Kulturvermittlung, das in der Rekrutierung von neuem Publikum die Sicherung der wirtschaftlichen Basis sieht, zum Zweiten ein sozialdemokratisches Verständnis, das in der Erziehung zum Kunstgenuss einen Beitrag zur Gleichverteilung der kulturellen Güter sieht. Beide Ausrichtungen aber anerkennen die Höherwertigkeit von „richtiger“ Kultur und passen zum konservativen Geist, der die kulturelle Gesellschaft beherrscht.

2. Update Soziokultur - Die Fahrt nach Berlin

Auf den 12. März 2015 war in der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin das Update Soziokultur angesetzt, gleichzeitig die Vernissage des Handbuchs Soziokultur. Ich leistete mir einen Tag Berlin, um mit dem letzten Flug nach Zürich einen Tag der Ratlosigkeit abzuschließen. Meine Feststellungen:

  • Politik will Stabilität

Die Soziokultur hat dazu beigetragen. Sie hat in großer Zahl Partizipationsofferten entwickelt, über die Bürgerinnen und Bürger sich einbringen. Und damit zu einem lebendigen Gemeinweisen beitragen. Das ist die Gewissheit des eigenen Erfolgs, die die Soziokultur beflügelt. Doch dieser Erfolg irritiert zugleich. Soziokultur ist Teil des Systems geworden, ökonomisch oft genug abhängig von öffentlichen Geldern, eine Struktur, die lokales Glück produziert. Von Widerständigkeit oder Opposition keine Rede mehr, eher das obligatorische freundliche Programm an Bürger- und Kulturgruppen, die unter dem Dach der Soziokultur Aufnahme gefunden haben, die für bessere Kitas, komfortablere Radwege und die Energiewende kämpfen. Die Soziokultur ist, was ihre politische Dimension angeht, im Mainstream angekommen. Nur so kann ich mir den Berliner Aufruf von Holger Bergmann erklären, das Störpotential müsse wieder her. Aus dem Aufruf spricht Nostalgie, doch als Symptom ist er beachtenswert. Soziokultur, so übersetze ich ihn, ist heute gedacht und organisiert in den Begriffen und Instrumenten staatlicher kultureller Logik. Sie hat sich ihren Platz in der staatlichen Kulturpolitik erkämpft. Das ist die großartige Integrationsleistung. Doch für diese Geborgenheit (allerdings nur im Anbau, nicht im Haupthaus, dort residieren die Museen und Theater) zahlt sie einen Preis. Sie quält sich jetzt mit denselben Struktur- und Finanzierungsfragen wie die Kulturtanker auch, mit der Frage der Verlässlichkeit von Kulturpolitik. Von da drängt sich sogleich ein ketzerischer Gedanke auf: Brauchen die Themen der Zukunft, für die Soziokultur sich zuständig fühlt, die Strukturen von heute?

  • Soziokultur lebt in der Ahnung ihrer eigenen Marginalisierung

Positiv gewendet: Dass sie Opfer des eigenen Erfolgs werden könnte, siehe die Soziokulturalisierung der großen Kultureinrichtungen. Was die Staatstheater Braunschweig oder Oldenburg tun, wirkt in der Tat sehr soziokulturell: offene Bühnen, offene Werkstätten, Mitmachtheater, Bürgerbühne. Der Leuchtturm des partizipativen Staatstheaters ist Dresden, auf dessen Bürgerbühne die SZ vom 7. April 2015 eine Hymne singt. Es ist so, partizipative Elemente sind überall gefragt. Der Bürger sieht sich plötzlich in der Hauptrolle auf der großen Bühne, wo er sich gerade erst an die kleine Rolle im soziokulturellen Zentrum gewöhnt hat. Der problematische Aspekt: Die neue Durchlässigkeit der Kultureinrichtungen, zu denen die Soziokultur traditionell in einem Spannungsverhältnis steht, ist nur ein Aspekt einer großen Transformation. Die Gesellschaft insgesamt ist partizipativer geworden, offener für Mitbestimmung, mehr und mehr Verantwortung liegt bei den Bürgerinnen und Bürgern (oder wird bei ihnen deponiert, ob sie wollen oder nicht), deren Stimme entsprechend mehr Gehör findet. Die katalytische Funktion von soziokulturellen Initiativen, so scheint es, erübrigt sich im Getümmel der Suche nach aktiven Bürgern.

3. Das Handbuch Soziokultur

Der dritte Anlauf führte durch den Theorieteil des Handbuchs Soziokultur. Darin plädiert die Kulturministerin von Niedersachsen für die Stärkung der Kulturfachverbände, eine Flexibilisierung der regionalen Kulturförderung sowie die konsequente Öffnung der Kultureinrichtungen des Landes. Sie redet einer „Kultur der Kulturpolitik“ das Wort, also einer Politik, die die Bedürfnisse der Basis respektiert und sie in Aushandlungsprozessen in kulturpolitische Programme überführt. Hier hätten wir dann wieder die Priorität der professionellen Kultur, die sich zwar öffnet, aber sicher nicht kleiner macht. Und wenn es um eine (demokratische) Kultur der Kulturpolitik geht, darf man sich nicht zu viel in die Tasche lügen. Das Kulturestablishment ist diskurstechnisch immer im Vorsprung, näher an den Mechanismen, näher an der Macht, da von den Mächtigen frequentiert, ganz im Unterschied zu Brelingen Mitte & Co. Höchstens ein starker Landesverband kann hier für ein prekäres Gleichgewicht sorgen. Die weiteren Beiträge versuchen sich in einer Begriffsbestimmung von Soziokultur.

Was mir von der Lektüre bleibt, ist, dass Soziokultur eine Art Negativdefinition erfährt. Sie ist jede Kultur, die den ästhetischen Maßstab durch einen anderen ersetzt. Und jeder andere ist in erster Linie ein gesellschaftlicher. Mit einer Ausnahme: der kommerzielle. Doch dieses Fass wollen wir heute nicht öffnen.

Ins Positive gedreht, ist Soziokultur ein Filter, der Aktivitäten zulässt, die kommunikativen und Erlebniswert haben, vom Flohmarkt über die Selbsthilfegruppe bis zum Popkonzert und dabei, so Norbert Sievers, kein Themenfeld auslässt, weder das Alter noch die Arbeitslosigkeit, weder die Esssucht noch das Sterben. Aktivitäten, die ein Gegenmodell sind zur Vergeistigung, die die traditionelle Introversion oder Versenkung ersetzen durch Extroversion, die Aktivität an die Stelle von Rezeptivität setzen (darin finden sich m.E. die beiden Modi kultureller Partizipation: aktiv oder rezeptiv). Nur, dass sie Aktivität so deutlich vor Ästhetik setzt, dass letztere aus dem Blickfeld verschwunden ist.

So wären Hoch- und Soziokultur komplementär, Ästhetik versus Interaktion, Aura versus Selbermachen. Aus dieser Polarität hat die Soziokultur bisher ihr Selbstverständnis geschöpft. Doch die Unruhe in der Szene zeigt, dass das Terrain in Bewegung ist. Fressen die Großen die Kleinen?

Ich vermute, nein. Die Bürgerbühnen etc. sind mittelfristig keine Bedrohung für die Soziokultur. Unser Unwohlsein rührt vielmehr aus der inneren Unbeweglichkeit – die jener der großen Kultureinrichtungen gleicht. Man kann es die strukturelle Erstarrung nennen. Die Freiräume sind vorgegeben und werden nicht mehr als solche empfunden; sie sind selbstverständliche, erprobte und etwas ausgelaugte Gefäße. Die Veränderung, die Soziokultur seit ihrer „Erfindung“ anstrebte, ist heute verwaltet und organisiert. Sie ist eingefügt in einen politischen Auftrag. Damit aber erlahmen die Utopien. Der Normalbetrieb hat den Elan verzehrt. Armin Klein, Ko-Autor des „Kulturinfarktes“, nannte Soziokultur „betreutes Altern“. Was genau außer ein bisschen mehr Ökologie, etwas bessere Schulen und gesünderen Menschen wollen wir (noch)? Umso mehr beschäftigen uns Phänomene wie die Bürgerbühne. Hier tut sich was. Wie ist das möglich? Warum dort, und warum nicht bei uns?

Mit der Sinnfrage ist die Soziokultur nicht alleine. Doch während die Fragilität der soziokulturellen Strukturen Erschütterungen rasch existenzbedrohend erscheinen lässt, kann die Hochkultur sich auf ihrer traditionellen Existenzberechtigung ausruhen. Die paar angedrohten Theaterschließungen, die Schlagzeilen machen, sind nicht aus Zweifeln an der Instanz Theater erfolgt, sondern schlicht aus purer Not. Diese trifft, wo sie eintritt, die Soziokultur vorher.

4. Die Komplikation

Nun kann man diesen Gegensatz von Ästhetik und Sozialität, von selbstverständlicher Existenz und ephemerer Aktivität relativieren mit dem Argument, auch der ästhetische Maßstab sei ein sozialer, weil er einer bestimmten Klasse oder Gruppe (zu)gehöre. Das trifft, wenn man die Nutzeranalysen der Hochkultur anschaut, zu. Das Bürgertum, heute die Intelligenzija, schafft es, den ästhetischen Maßstab als essentiell und als universal zu bestimmen. Das Feuilleton hilft dabei. Die Politik, in den Händen derselben Gruppe (wie häufig sieht man Politiker im Soziokulturumfeld, von kostspieligen Eröffnungen abgesehen?), hat ihn so übernommen, woraus die Landschaft der denkmalgeschützten Theater, Museen und Konzerthäuser entstanden ist.

Von da rührt der ursprünglich widerständige Dreh von Soziokultur, den die meisten hier drin teilen und auf den Holger Bergmann in Berlin rekurrierte. Auratische, also Distanz schaffende Hochkultur ist die Leitkultur, nicht die suchende Soziokultur. Doch Hochkultur ist Sache einer Minderheit. Sie tritt zwar mit dem Anspruch an, sich einer Mehrheit zu öffnen (siehe die Aktualität von Kulturvermittlung), aber sie wird das nie schaffen, nie schaffen wollen. Je vertrauter die Tradition einer Mehrheit der BürgerInnen wird, umso rascher treibt das Feld seine Entwicklung voran, enteilt also der Umarmung der Vielen. Deshalb sind große erfolgreiche Kunstausstellungen oder erfolgreiche Klassikkonzerte kein Widerspruch dazu. Sie inszenieren die Gemeinplätze der Hochkultur – zu Gemeinplätzen werden sie durch die ständige Reinszenierung sowie die mediale Trivialisierung – auf eine Weise, dass sie die Second-Order-Desires bedienen. Second-Order-Desires sind Wünsche zweiter Ordnung; in diesem Fall meinen sie jene Motivation, einmal sich so zu verhalten wie jene, die dazugehören. Die Anziehungskraft von Second-Order-Desires kann man als Instrumente von Kulturvermittlung nutzen, bloß bestätigen sie das soziale Schisma, indem sie ihre Träger in Stand der Nicht-Initiation belassen. Sie waren in der Picasso-Ausstellung und haben an Aura und Diskurs geschnuppert. Da Picasso zum Bildungsstrandgut gehört, fanden sie Zugang. Doch sie ahnen erst recht, dass die Weiten des Kunstbetriebs unzugänglich bleiben. In den Begriffen der Kulturvermittlung tritt hier weder eine Transformation der Persönlichkeit noch eine des institutionellen Sektors ein. Kulturelle Affinität bleibt eine soziale Definition, sowohl aus Sicht der Kultureinrichtungen wie aus Sicht der „Konsumenten“.

Ästhetik – so lautete die (altbekannte) Kernthese des „Kulturinfarkts“ – ist ein sozialer Distinktionsmechanismus. Man muss das nicht mal problematisch sehen; es genügt, es als soziologisches Faktum anzuerkennen, um zum Schluss zu kommen, dass Soziokultur gewissermaßen das Negativum der Hochkultur darstellt, auch wenn wir Soziokulturarbeiter uns in beiden Sphären bewegen. Es stellt sich die Frage, ob das ein interessanter Zustand ist (von der individuellen Befriedigung im Job abgesehen) und ob er sich ändern lässt. Denn wenn diese soziale Bedingtheit bleibt, hängt das kulturpolitische Gedeihen der Soziokultur immer vom kulturpolitischen Gedeihen der Hochkultur ab. Mithin blieben die Proportionen immer dieselben. Das aber war, wenn ich mich erinnere, nie die Intention von Soziokultur: im Schatten zu bleiben.

Aus der gegenseitigen Bedingtheit ergeben sich zwei weitere unglückliche Erscheinungen:

Einmal: Soziokultur verharrt in einem Anerkennungsdefizit, wie auch von Norbert Sievers im Handbuch Soziokultur beschrieben. Sie bleibt die Unvollendete – der Vorhof zur großen Welt der großen Ästhetik.

Zweimal: Hochkultur, die im Zentrum der Kulturpolitik steht und über große Ressourcen, aber eine Menge institutioneller Trägheit verfügt, steht unter politischem Sozialisierungsdruck. So bedient sie sich in jenem Feld, wo die Sozialisierung programmatisch ist: bei der Soziokultur. Das darf sie. Wieso sollte sie nicht? Noch gibt es keine Patente für kulturelle Verfahren und Aktionen, und hoffentlich wird es sie nie geben. Eine soziale Osmose ist überlebenswichtig, für das gesamte kulturelle Feld. Auch soziokulturelle Einrichtungen bemühen sich darum, wenn auch anders ausgerichtet, und sie bedienen sich bei ihren Schwestereinrichtungen.

Meine Vermutung ist, dass die Soziokulturalisierung der Theater (und Museen) nicht allzu weit führen wird. Alle bisherigen Versuche, die Schwellen zur Hochkultur aufzuheben, sind gescheitert oder wurden vom System selber erstickt. So wie eine Hochschule auf Selektion baut und eben keine Grundschule ist, baut auch Hochkultur auf Auswahl, auf soziale Exklusivität. Selbstverständlich machen ein paar Tausend Menschen in den offenen Werkstätten und auf den Bürgerbühnen tolle Erfahrungen. Das finde ich gut; ich bin schließlich kein Verächter von E-Musik, Shakespeare und Frank Castorf. Doch sehe ich keine Massenbewegung hin zum Theater. Denn die Bürgerbühne bliebt eine Top-Down-Beziehung mit pädagogischem Impetus; und es bleibt vorerst auch ein Distinktionsmechanismus innerhalb der Theaterwelt. Die Bürger heißen zwar Experten des Alltags, spielen zugleich aber die zweifelhafte Rolle des authentischen Rohstoffs in einem System, das nach neuen Erlebnissen dürstet. Die neueste Welle, die unsere Gesellschaft erfasst hat und auf der das Theater mitreitet, ist die Authentizität – das Unverfälschte, das Echte, das noch nicht Kultivierte (siehe dazu Albrecht Goeschel, „Kulturpolitik in der Authentizitätsgesellschaft“, Jahrbuch für Kulturpolitik, 2013).

Was uns beunruhigen muss, ist, dass das Bürgertheater, passiert es unter dem Dach des Staatstheaters, plötzlich mediale Aufmerksamkeit erzeugt und eine Welle theoretischer Reflexionen anstößt, während es als Produkt der Soziokultur (von einer kurzen Phase abgesehen) als ästhetisch vernachlässigbare Selbstverständlichkeit übergangen wurde. Die Antwort kann nur sein: der authentische Stoff erzeugt in Verbindung mit der Gestaltungsmacht der Profis ein größeres Versprechen. Dieses ästhetische Versprechen bedeutet einen Relevanzvorsprung.

5. Die Verallgemeinerung

5.1 Soziokultur – das erste Produkt des Kreativitätsdispositivs?

Dass der Bürger und die Bürgerin als Akteure ins Theater einziehen, kann man vor einem viel weiteren Hintergrund sehen. Andreas Reckwitz („Die Erfindung der Kreativität“, 2012) hat das Kreativitätsdispositiv in die kultursoziologische Diskussion eingeführt: jene Konstellation, die Kreativität als höchsten Wert bestimmt und Strukturen wie Prozesse im Blick auf die Realisierung individueller wie kollektiver Kreativitätspotentiale konfiguriert. Aus der Möglichkeit, sich schöpferisch zu verwirklichen, ist im Zuge der Innovationsideologie ein Imperativ geworden, der sich in einer ständigen Aufforderung zu kreativem Verhalten und zu lebenslangem Lernen niederschlägt.
Soziokultur war möglicherweise das erste Produkt des Kreativitätsdispositivs, dessen Durchbruch Reckwitz auf die 70er veranschlagt, als der bürgerliche Kunstkanon zerfiel und in der Ökonomie sich eine ästhetisierende Warenproduktion durchzusetzen begann, das Objekt also zum affektiven Fetisch wurde und Konsum zu einer Haltung der Selbstverwirklichung. Soziokultur schuf in dem Moment erste Breschen individueller Freiheit, soziale Gestaltungsräume, die sich mit kooperativen, gemeinschaftsverändernden Aktivitäten füllten. Es war, um nochmals Goeschel zu zitieren, kooperativer Bürgersinn bzw. eine Kultur der Verantwortlichkeit, die sich hier Bahn brach.

Doch heute ist individuelle Kreativität generalisiert, Teil aller Lebensbereiche, treibender Aspekt in neuen Medien, neuen Formen von Aktivität, neuen Aktivierungen, Selbstinszenierung und Selbstverwirklichung eine medial honorierte Selbstverständlichkeit. Mit Fug kann man sich fragen, welcher Platz Soziokultur als Aktion und nicht einfach als physischem Raum in einer solchen Welt noch zukommt.

5.2 Zum Kreativitätsdispositiv gesellt sich das Betreuungsdispositiv

In den 40 Jahren seit Erfindung der Soziokultur hat der Staat zahlreiche neue Angebote für Bürgerinnen und Bürger aufgebaut. Für Deutschland fällt mir dazu zuerst das Stichwort Daseinsvorsorge ein. War Soziokultur anfänglich eine echte Basisbewegung, gehört sie mittlerweile zu einem Strauß von Angeboten, in die Bürger sich einbringen können. Wie die Hochkultur mit der Konkurrenz des Fernsehens, des Reisens (authentisches Erleben, nochmals…) und der digitalen Welt konfrontiert ist, so ist es auch Soziokultur. Selbermachen kann heute jeder, soziale Gruppenbildung löst sich vom Ort und geschieht via Internet über große Distanzen hinweg – jenseits von Soziokultur. So bleibt Soziokultur vielleicht auf ihre Stammkundschaft fixiert wie die Hochkultur auch, auf jene 10% der Bürger, die sich in solchen sozialen Formen wohl fühlen, während die anderen 90% sie aus legitimen Gründen ignorieren.

Dazu kommt, dass zivilgesellschaftliche Partizipationsmodelle, wie sie für die Startzeit der Soziokultur zentral waren, heute zu einer gängigen Polittechnik geworden sind, die bei Konflikten vor allem im Umweltbereich und in der Urbanistik zur Anwendung kommt. Damit hat Soziokultur ein weiteres Erkennungsmerkmal verloren, wenn man von den Versammlungsräumen absieht, die sie quasi kostenfrei zur Verfügung stellt.

5.3 Institutionalisierung der Soziokultur

Eine der folgenschwersten Veränderungen ist die physische Institutionalisierung der Soziokultur. Institutionalisierung hat unbestreitbare Vorteile. Aktivitäten benötigen Räume, Räume schaffen Anziehungs- und Identifikationspunkte. Doch sie haben ihren Preis. Die Sorge um ihren Erhalt und hinlängliche Finanzierung trotz wechselnder Bedürfnisse wird zu einer dauernden Priorität. Eine gebaute Struktur determiniert auch das Denken, bestimmt, was möglich ist und was nicht, verlangt nach Management und Organisation, nach Abläufen und Entscheidungsmechanismen. Das alles ist im Blick auf Dauerhaftigkeit und Arbeitsbelastung richtig. Doch es erschwert und verlangsamt.

Im Herbst 2014 nahm ich an der Besichtigung des modernisierten Pavillons in Hannover teil. Ich war beeindruckt und bedrückt zugleich, beeindruckt vom hohen Stand der Einrichtung, bedrückt wegen der betrieblichen Zwänge, die sich daraus ergeben. Wie fängt man mit Strukturen, die für die Bedürfnisse von gestern und heute gebaut sind, die Bedürfnisse von morgen auf, wenn die Strukturen den Blick verstellen?

5.4 Eine weitere Diagnose ist der Ideologieverlust

„Vielfalt. Aus Prinzip.“, der Slogan der Soziokultur, zeugt nicht nur von der Unüberschaubarkeit der Phänomene, die wir bearbeiten, sondern auch vom Verlust des Fokus. Es ist möglich, dass wir in einem postideologischen Zeitalter leben (das Max Fuchs konsequent als neoliberal bezeichnet), in dem das individuelle Glück alleiniger Maßstab ist, den die Zeitgenossen, wir inklusive, in selbstverständlichem Opportunismus anwenden. Doch wohin? Sind soziokulturelle Zentren und Initiativen nur ein Instrument der Megaideologie der Selbstverwirklichung, oder schaffen wir es, einen gemeinsamen Fokus zu setzen, eine Welt von morgen zu entwerfen? Zu dieser Entideologisierung gehört wohl, dass Soziokultur, auf der Suche nach politischer Relevanz, sich zunehmend nach der politischen Agenda richtet. Sie reagiert, sie setzt nicht mehr. Der Spürhund, den H.-Jörg Siewert im Handbuch beschwört, findet Spuren, die andere gelegt haben.

6. Die Empfehlungen >> fünf Möglichkeiten

Ich denke nicht, dass die Soziokultur in einer Krise steckt. Umso leichter kann sie Veränderungen angehen. Aus dem bisher Gesagten zeichnen sich für mich fünf Möglichkeiten ab:

  1. Die Erarbeitung ästhetischer Kompetenz scheint mir ein viel versprechender Weg zu sein. Dabei müsste die Soziokultur Acht geben, eine spezifische ästhetische Kompetenz zu entwickeln, die vor allem jene künstlerischen Felder bedient, die von den großen Einrichtungen nicht bedient werden. Das sind die Felder der Popkultur und der medialen Kultur. Um eine solche Kompetenz zu entwickeln, wäre auch ein theoretischer Diskurs nötig, was denn hohe ästhetische Qualität außerhalb institutioneller Normierung ist. Gerade der Game-Bereich böte hier ein riesiges Betätigungsfeld, sofern man ihn nicht pädagogisch, sondern als eigenständige, innovative Kunstform angeht. Daraus könnte sich über die Jahre eine Redefinition von Hoch-Ästhetik ergeben als gestaltbare Sphäre, zu der auch die Bürgeraktivitäten der Kulturtanker gehören. Der Aufbau ästhetischer Kompetenz durch mehr kunstorientierte Produktion würde ohne Zweifel das Anerkennungsdefizit beheben.
     
  2. Im Sinne von Andreas Reckwitz könnte die Soziokultur sich in einem viel stärkeren Ausmaß der Förderung der profanen Kreativität zuwenden. Profane Kreativität meint Selbstverwirklichung ohne Selbstinszenierung. Eine solche Ausrichtung hieße, Einzelnen und Gruppen zu helfen, ihre eigenen schöpferischen Kräfte zu realisieren, ganz ohne Seitenblick auf eine öffentliche Verwertung, aber auch außerhalb pädagogisch inspirierter Strukturen. Dazu wäre mit den Häusern der Soziokultur bereits ein wichtiger Baustein vorhanden. Denkbar ist, dass ein solches Programm stark in mobilen Formen sich manifestiert, sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, und sich auf Zwischennutzungen spezialisiert, die nie in dauerhafte Strukturen übergeführt werden.
     
  3. Zu vermuten ist, dass der Abschied vom Begriff Soziokultur einen Aufbruch erleichtern würde. Ich weiß nicht, ob der von Wolfgang Schneider favorisierte Begriff der Breitenkultur zweckdienlicher wäre. Sicher aber ist Soziokultur mit den (von mir hier reichlich genutzten) Aufbruchs- und Veränderungsphantasien der Post-68er aufgeladen, was ihn wenig attraktiv erscheinen lässt. Denkbar ist, jene Aktivitäten, die der Gemeinschaftsbildung dienen, in einen eigenen Programmbereich zusammenzufassen und jene, die eindeutig kunst-kulturellen Charakter haben, an das übrige Kulturfördersystem anzudocken, ebenso jene der Laienkultur. Formen, Inhalte und Wirkungsabsichten ließen sich besser auseinanderhalten, entsprechende Instrumente der Förderung sich präziser entwickeln.
     
  4. Soziokultur könnte den Weg der Nützlichkeit aber auch in eine andere Richtung beschreiten. Sie könnte sich zur Sondierungs- und Sozialcoaching-Technik für die Sozialdepartement machen und Aufgaben für soziale Problembereiche übernehmen. Dazu müsste sie wohl eng mit kommunalen Behörden zusammenarbeiten, sich mit Soziologie und Sozialanalyse beschäftigen (und ein Stück Theorieaversion überwinden). Sie würde zu einem Instrument der Sozialpolitik, ähnlich wie in der Schweiz. Mit Vor- und Nachteilen; Nachteilen vor allem, was den eigenen Gestaltungsanspruch angeht …
     
  5. Zuletzt aber müssten wir auch nachdenken über den Wiedergewinn einer Gegenästhetik – nicht komplementär, wie im ersten Punkt, sondern als Gegenwelt, die geprägt ist von den ästhetischen Konzepten jener Gruppen, die nicht am Hochkulturfeld partizipieren können oder wollen. Auch das müsste begleitet sein von kulturpolitischer Programmatik, vor allem aber mit einer vertieften Auseinandersetzung mit den ästhetischen Vorlieben der „Anderen“ beginnen. Es könnte zu einem Konzept der „aufsuchenden Kulturarbeit“ reifen. Ich hoffe, dass wir so in ein postsoziokulturelles Zeitalter gelangen. Wo individuelle Verwirklichung und Gesellschaftsgestaltung als zwei Seiten einer Münze sich zeigen. Wo also gemeinsinnige Kooperation (wieder) im Zentrum steht.