„Lass sie süchtig nach Anerkennung, Motivation und Theaterspielen sein. Bitte, da bin ich gerne Dealer“ - Über das berufliche Selbstverständnis von AnleiterInnen in der Kulturellen Bildung.

Eine qualitative Studie. Masterarbeit im Studiengang Kulturvermittlung - Hildesheim, den 23.10.2013

Artikel-Metadaten

von Malin Kettel

Erscheinungsjahr: 2014

Einleitung

Kulturelle Bildung ist in aller Munde. Bundesweite Programme wie die „Kulturagenten für kreative Schulen“ oder die Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung „Kultur macht stark!“ zeigen, wie groß die Nachfrage und die Bereitschaft zur finanziellen Förderung in diesem Bereich ist. Kulturelle Bildung muss ihre Position als zentraler Bestandteil der Allgemeinbildung nicht mehr rechtfertigen. Die aktuelle Diskussion besteht vor allem in der Frage nach der Qualität in der Kulturellen Bildung. Um sich mit dieser Frage beschäftigen zu können, muss zunächst geklärt werden, welche Konzepte, Formate und Ansprüche sich hinter dem Begriff und der Praxis der Kulturellen Bildung verbergen. (vgl. Reinwand 2012:108) Ein Aspekt dieser Diskussion sind die AnleiterInnen, die beruflich in der  Kulturellen Bildung tätig sind. Es bestehen keine Ausführungen darüber, wer Kulturelle Bildung durchführen kann und welche Eigenschaften diese Berufsgruppe ausmacht oder ausmachen sollte. Die Menschen, die in der Kulturellen Bildung tätig sind, haben sehr unterschiedliche fachliche Hintergründe und Ausbildungen. Das führt dazu, dass nicht ein Berufsbild für Fachkräfte in der Kulturellen Bildung als homogenes Tätigkeitsfeld zu erfassen ist. (vgl. Bischoff 2005:36) Die vorliegende Arbeit unternimmt einen Versuch, dieses Berufsbild klarer einzugrenzen und beschäftigt sich mit dem beruflichen Selbstverständnis von AnleiterInnen in der Kulturellen Bildung. Ausgehend davon, dass sich Kulturelle Bildung auch als eine pädagogische Haltung versteht (vgl. Reinwand 2013), bilden dabei die Haltungen, Grundsätze, Prinzipien und Ziele der ProbandInnen den Schwerpunkt. Ziel der Arbeit ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede unter den interviewten AkteurInnen aufzuzeigen. Die Untersuchung findet in einem qualitativen Forschungsdesign statt. Sie hat das Ziel, subjektive Wirklichkeiten darzustellen. Dementsprechend können in dieser Arbeit keine generellen Aussagen über AnleiterInnen in der Kulturellen Bildung im Allgemeinen getroffen werden.

Darstellung der Fragestellung

Explizite Forschungen zum beruflichen Selbstverständnis in der Kulturellen Bildung sind zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt. Es gibt theoretische Versuche, das Berufsfeld der Kulturellen Bildung sowie der verwandten Kulturpädagogik einzugrenzen, sie kommen jedoch weitestgehend zu dem Schluss, dass in diesen Bereichen ein „differente[s] Selbstverständnis“ (Zacharias 2012:844) herrscht und „theoretisch wie praktisch keine gesicherten Definitionen verfügbar sind.“ (ebd.) In der Literatur lassen sich jedoch Grundsätze und Prinzipien für die kulturpädagogische Arbeit und die Kulturelle Bildung finden. Offen bleibt, welche Grundsätze, Absichten und Ziele Fachkräfte in der Praxis der  Kulturellen Bildung verfolgen. Um dies herauszufinden, wurde für die vorliegende Arbeit folgende Forschungsfrage formuliert:

 „Welches berufliche Selbstverständnis haben AnleiterInnen in der Kulturellen Bildung und welche Haltung nehmen sie in Bezug auf ihre TeilnehmerInnen ein?“

Zu diesem Thema wurden Fachkräfte aus verschiedenen Kunstsparten und unterschiedlichen strukturellen Bedingungen, die in der vermittelnden Arbeit mit Kindern und Jugendlichen tätig sind, interviewt. In qualitativen Interviews wurden sie zu ihrer Berufsmotivation, ihren beruflichen Haltungen, Einstellungen, Überzeugungen und Werten sowie zu ihren Arbeitsbedingungen befragt. Die Interviews wurden im Anschluss auf die im Vorfeld formulierte Fragestellung hin ausgewertet und auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede untersucht. Ziel der Arbeit war es, herauszufinden, welche Grundsätze, Prinzipien und Absichten AnleiterInnen in der Kulturellen Bildung haben, welches Selbstverständnis sie in Bezug auf ihren Beruf formulieren und ob sich trotz aller Differenzen das Abbild einer Berufsgruppe erkennen lässt.

Darstellung der Ergebnisse der empirischen Untersuchung

Im Folgenden werden die Ergebnisse der geführten Interviews dargestellt. Die Auswertung erfolgte mit der Erstellung eines Kategoriensystems, welches Aspekte des beruflichen Selbstverständnisses und der Haltung gegenüber den Teilnehmenden darstellt. Die Darstellung der Ergebnisse erfolgt anhand dieser Kategorien. Da das berufliche Selbstverständnis dynamisch ist, beschreiben die Ergebnisse dieser Studie eine Momentaufnahme der Darstellungen der ProbandInnen zum Zeitpunkt der Interviews.

(Pädagogische) Grundsätze an die eigene Arbeit und an sich selbst

Die (pädagogischen) Grundsätze der ProbandInnen beschreiben eine wertschätzende und ressourcenorientierte Haltung in Bezug auf die Teilnehmenden Die Interviewten setzen sich zum Ziel, die Kinder und Jugendlichen zu bestärken, ihnen mit Wohlwollen zu begegnen, sie ernst zu nehmen und niemanden auszuschließen. Auch die Partizipation der Kinder und Jugendlichen am Angebot und an der Gestaltung der Angebote zeigt diese wertschätzende und ernstnehmende Haltung. Diese positive Einstellung gegenüber den Teilnehmenden beinhaltet auch, ihnen etwas vermitteln zu wollen, sie herauszufordern und ihnen Wissen zu vermitteln, das sie ohne die Angebote der AnleiterInnen nicht erlangen könnten. Aus diesem Grund ist den Befragten auch wichtig, dass sie als AnleiterInnen ihr Wissen einbringen und die Teilnehmenden nicht ausschließlich alleine agieren lassen. Des Weiteren sollen die Teilnehmenden zu Dingen herausgefordert werden, die sie sich ohne Anstoß vielleicht nie zugetraut hätten.

Absichten

In der Betrachtung der Ziele, die die Fachkräfte für ihre Arbeit formulieren fällt auf, dass diese Intentionen sehr auf persönlichen Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen basieren oder gesellschaftliche Verantwortung und Aufklärung beinhalten. Die Absichten, den Kindern und Jugendlichen Erfahrungen zu ermöglichen, durch die sie sich selber auf eine andere und neue Art und Weise kennen lernen, spiegeln sich sowohl in dem allgemeinen Wunsch nach Selbsterfahrung und der Möglichkeit für Körpererfahrung als auch in dem Wunsch, den Teilnehmenden etwas für ihr Leben mit auf den Weg zu geben wider. Eine gesellschaftlich aufklärerische Verantwortung übernehmen die ProbandInnen, indem sie die von den Künsten unabhängigen Ziele, wie das Reflexionsvermögen der Teilnehmenden zu schulen und ihnen Toleranz und Offenheit gegenüber gesellschaftlicher Vielfalt zu vermitteln, formulieren.

Alle vier Interviewten sehen sich nicht ausschließlich als VermittlerInnen künstlerischer Inhalte, sondern legen großen Wert auf die Vermittlung von ideellen Werten. Diese schließen auf der einen Seite Transfereffekte ein, wie mehr Mut, Selbstbewusstsein und einen anderen Umgang mit dem eigenen Körper. Auf der anderen Seite setzen die Fachkräfte sich für eine politische Aufklärung ein, die nicht nur für den Museumspädagogen von Bedeutung ist, sondern sich auch in der Tanz- und der Theatervermittlung wiederfindet.

Grundsätze und  Regeln

Im Folgenden werden die Regeln und Grundsätze beschrieben, die die Interviewten für ihre Teilnehmenden aufstellen. Auffällig ist, dass diese in engem Zusammenhang mit den Grundsätzen stehen, die ihrer eigenen Arbeit zugrunde liegen. Daraus lässt sich schließen, dass die AnleiterInnen das Ziel verfolgen, die von ihnen gelebte Haltung auch unter den Teilnehmenden zu kultivieren.

Auch die Regeln und Grundsätze, die die ProbandInnen für ihre Arbeit formulieren, zeigen einen sozialen Schwerpunkt. Respektvoller Umgang untereinander, eine gegenseitige Unterstützung und Wertschätzung sind die zentralen Punkte dieser Kategorie. Hinzu kommt in diesem Teil der Auswertung erstmals auch ein qualitativer Anspruch an die Arbeit. Die Teilnehmenden werden ernst genommen in ihrer Verantwortung für das Produkt und den Prozess und auf diese im Zweifelsfall auch hingewiesen. Konzentration und sich selber zurückzunehmen, wenn andere an der Reihe sind, spiegeln ebenfalls Regeln wieder, die keinen sozialen Hintergrund haben, sondern zu einer produktiven Arbeitsatmosphäre beitragen sollen.

Barrieren

Während in den vorhergegangenen Kategorien, in denen es um Einstellungen, Haltung und Absichten ging, in den meisten Punkten ein Konsens zwischen den ProbandInnen herrschte, zeigen weitere Aspekte des beruflichen Selbstverständnisses vermehrt Kontroversen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass im Arbeitsalltag aller ProbandInnen eine grundsätzliche Arbeitszufriedenheit herrscht. Bei einigen der Befragten steigert sich diese Zufriedenheit bis hin zur Begeisterung und einer großen Freude an der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen. Auch die Begeisterung für das, was die Teilnehmenden leisten, spielt in diesem Punkt eine wichtige Rolle.

Die angesprochenen Problematiken im Arbeitsalltag beziehen sich vor allem auf finanzielle Barrieren und den großen Aufwand, den die Akquise von Geldern bedeutet. Dieser wird als hemmend für die eigentliche Arbeit empfunden. Das Themenfeld Problematiken in der Zusammenarbeit mit Schule zeigte in drei der vier Interviews eine große Relevanz, wird aber in dieser Arbeit nicht dargestellt.

Positionierung im Berufsfeld

In der Abgrenzung des eigenen Berufsfeldes zu anderen Disziplinen gibt es gegensätzliche Sichtweisen. Während sich zwei der ProbandInnen als KünstlerIn sehen und sich von pädagogischer Arbeit abgrenzen, sieht sich ein Proband ganz klar nicht als Künstler und behauptet, man dürfe auch kein_e KünstlerIn sein, um vermittelnde Arbeit mit Kindern und Jugendlichen durchzuführen.

Ein zentraler Punkt im beruflichen Selbstverständnis der ProbandInnen ist, dass sie alle ihre Tätigkeit aus ideellen Gründen ausführen. Für alle Interviewten ist ein finanzieller Aufstieg weniger wichtig als das Vermitteln ihrer Ideale, auch wenn eine finanzielle Grundsicherung von allen ProbandInnen gewünscht wird. Trotz der Beschreibung schwieriger finanzieller Rahmenbedingungen zeigen sich die ProbandInnen zum Teil sogar dankbar dafür, dass sie diesen Beruf ausüben und damit ihre Leidenschaft leben dürfen.

Transfereffekte

Die Meinungen und Einstellungen zum Thema Transfereffekte bilden den Abschluss dieses Kapitels und zeigen auf, welchen Stellenwert Transferwirkungen im Arbeitsalltag der ProbandInnen einnehmen. Hier gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Während eine Probandin Transfereffekte für etwas Positives hält, grenzt sich ein anderer klar von ihnen ab und möchte seine Arbeit nicht instrumentalisieren lassen.

Fazit der empirischen Ergebnisse

Die Auswertung der vier Interviews macht deutlich, wie viele Gemeinsamkeiten die ProbandInnen in ihren Einstellungen und Haltungen gegenüber ihren Teilnehmenden haben. Dies ist in besonderem Maße bemerkenswert, da alle vier Interviewten in unterschiedlichen Kunstsparten tätig sind, sehr unterschiedliche berufliche Rahmenbedingungen haben und sich ihre praktische Arbeit weitestgehend unterscheidet. Dass dennoch eine so große Übereinstimmung in Prinzipien und Absichten der ProbandInnen besteht, lässt darauf schließen, dass es im Umgang mit den Teilnehmenden und den diesem Verhalten zugrunde liegenden Grundsätzen eine Art ‚Berufsethos‘ gibt, der sich auf die kunst- und kulturvermittelnde Arbeit im Allgemeinen bezieht. Dass diesen Grundsätzen eine wertschätzende und ressourcenorientierte Haltung den Kindern und Jugendlichen gegenüber als Basis zugrunde liegt, entspricht den Ansprüchen, die auch die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) einer qualitativ guten Kulturellen Bildung zugrunde legt.

Von besonderem Interesse ist die Tatsache, dass sich zwei der vier ProbandInnen, obwohl sie diesen Grundsätzen entsprechen, selbst davon distanzieren, pädagogische bzw. Bildungsarbeit zu leisten. Während der Interviews wurde bezüglich dieser Selbstdarstellungen eine Ambivalenz und Unsicherheit festgestellt, was die Annahme bestätigt, dass „ein Spannungsverhältnis im Selbstverständnis zwischen künstlerischen und pädagogischen Professionen“ (Reinwand 2012:113) besteht.

Interessant ist außerdem, dass die ProbandInnen in ihren Ausführungen darüber, was ihnen in ihrer Arbeit besonders wichtig ist, kaum die Vermittlung künstlerischer Fähigkeiten nennen. Das Unterrichten von expliziten Fertigkeiten wird sogar abgelehnt. Den ProbandInnen geht es vielmehr um die Vermittlung von Werten und gesellschaftlichen Thematiken mit den Mitteln der Künste, wie es einige der Konzepte Kultureller Bildung in der Theorie auch vorsehen. Mit den genannten Absichten werden die ProbandInnen außerdem einem breiten Kulturbegriff gerecht, der nicht nur die Künste, sondern außerdem gesellschaftlich relevante und soziale Themen beinhaltet. Dieser Kulturbegriff wird ebenfalls als Grundlage eines Konzeptes Kultureller Bildung genannt. (vgl. Reinwand 2012:112)

Dass die ProbandInnen das Ziel formulieren, ihre Teilnehmenden zu demokratisch aktiv Mitgestaltenden zu machen und ihnen ein Bewusstsein für gesellschaftliche und kulturelle Vielfalt und Toleranz zu vermitteln, bestätigt die Annahme von Reinwand, die Kulturelle Bildung trage die Kernfrage „nach einem guten und menschenwürdigen Leben für alle in sich“ (Reinwand 2012:113).

Aus pädagogischer Sicht ist der Tatbestand besonders relevant, dass die Veränderungen im Verhalten und der Selbstwahrnehmung der Teilnehmenden in den Angeboten Kultureller Bildung nicht nur aufgrund eines länger währenden Gruppen- und Arbeitsprozesses eintreten. Die Beschreibungen, dass LehrerInnen in der Schule ihre SchülerInnen in der Theater AG oder während einer Führung im Museum anders wahrnehmen als in ihrem eigenen Unterricht, lässt die Vermutung zu, dass diese Veränderungen vor allem aufgrund der wohlwollenden, wertschätzenden und ernstnehmenden Haltung der AnleiterInnen auftreten. Ein langwieriger gruppendynamischer Prozess scheint dafür nicht unbedingt nötig zu sein.

Nach Aussagen der Berufssoziologie vermittelt jeder Beruf bestimmte Werte und Normen. (vgl. Ebert 2011) Die Tatsache, dass die ProbandInnen dieser Studie fast identische Werte und Normen vertreten, lässt die Vermutung zu, dass  - entgegen der Theorie - das berufliche Selbstverständnis in der Kulturellen Bildung gar nicht so „different“ (Zacharias 2012:844) ist, wie angenommen. Erkennen lässt sich, trotz der inhaltlichen Übereinstimmungen, dass ein Gefühl der Zugehörigkeit zum Berufsfeld der Kulturellen Bildung noch nicht vorhanden ist und „theoretisch wie praktisch keine gesicherten Definitionen verfügbar sind“ (ebd.). Damit bestätigen sich - trotz der großen Übereinstimmungen - die „Identifikationsprobleme[n] bei den Berufsinhaber[Inne]n“ (Bischoff 2005:37) im Feld der Kulturellen Bildung. In dieser Arbeit können die ProbandInnen aufgrund ihrer Tätigkeiten und den von ihnen vertretenen Werten und Haltungen eindeutig dem Berufsbild der Kulturellen Bildung zugeschrieben werden. Ob sie dies jedoch von sich selbst behaupten würden, bleibt unklar.

Ausblick

Die Auswertung der Interviews zeigt eine große Schnittmenge mit den Grundsätzen und Zielen, die die BKJ in ihren Prinzipien der Kulturellen Bildung vorsieht. Dieses Ergebnis ist besonders bemerkenswert, da versucht wurde, die Auswahl der ProbandInnen so heterogen auszuwählen, wie sie in der Beschreibung des Berufsfeldes dargestellt wird. Sowohl die verschiedenen Bezugskünste als auch die unterschiedlichen Ausbildungen der Befragten ließen große Differenzen in den Grundsätzen und Zielen in Bezug auf die Teilnehmenden erwarten. Doch die pädagogische Haltung, die in der Theorie der Kulturellen Bildung dargestellt wird, zeigt sich deutlich in den Aussagen aller ProbandInnen. Dieses Ergebnis lässt vermuten, dass die Heterogenität des Berufsfeldes und die Vielfalt der Zugänge zu diesem kein Hindernis für eine weitestgehend einheitliche Grundsatzstruktur der Fachkräfte bildet. Die Subjektbezogenheit, Stärkenorientierung und weitere von der BKJ auf Basis der reformpädagogischen Theorien formulierten Prinzipen und Einstellungen werden weitestgehend von allen befragten Fachkräften als Teil ihres beruflichen Selbstverständnisses dargestellt. Die subjektive Darstellung des eigenen beruflichen Selbstverständnisses lässt keine Schlüsse auf die tatsächliche Praxis der jeweiligen AnleiterInnen zu. Hier stößt die Studie an ihre Grenzen. Zwar lassen sich bestimmte Grundsätze und Dogmen aus den genannten Praxisbeispielen ableiten, jedoch wurde die Praxis im Rahmen der Forschung zu keinem Zeitpunkt beobachtet oder mit den Aussagen der Interviewten abgeglichen. Diese Aufgabe könnte im Rahmen einer weiteren Studie in Angriff genommen werden. Offene Fragen hierbei wären: ‚Wie setzen die Fachkräfte ihre Ziele und Prinzipien in der Praxis um?‘ und/oder ‚lassen sich die Prinzipien und Grundsätze der Probanden aus ihrem Handeln in der Praxis der Kulturellen Bildung wiedererkennen/ableiten?‘. Ein weiterer Gesichtspunkt, der in dieser Arbeit nicht aufgegriffen werden konnte, ist die Frage danach, inwiefern den Fachkräften die Richtlinien der BKJ oder andere theoretische Grundlagen der Kulturellen Bildung oder Kulturpädagogik bekannt sind und ob diese Einfluss auf ihr berufliches Selbstverständnis haben oder in dessen Entwicklungsprozess hatten. Dieser Frage konnte in dieser Forschung nicht nachgegangen werden. Interessant wäre diese Frage auf zwei Ebenen: Zum einen wäre es interessant zu erfahren, ob die in der Fachliteratur oder auf Onlineportalen veröffentlichten Qualitätsstandards, Richtlinien und Leitsätze von den in der Praxis Tätigen rezipiert werden. Des Weiteren ist der Einfluss dieser Leitlinien sowohl auf das berufliche Selbstverständnis als auch auf die Praxis der Anleitenden ein interessantes Untersuchungsfeld. Sind die Ziele und Prinzipien der ProbandInnen, wie sie in der vorliegenden Studie dargestellt wurden, das Ergebnis einer bewussten oder unbewussten Wahrnehmung der öffentlich zugänglichen, schriftlichen Leitlinien und Empfehlungen? Oder sind sie viel mehr aus der Praxis heraus, auf der Basis  von Erfahrungen entstanden? Und wenn zweiteres der Fall ist, wie lässt es sich erklären, dass diese Grundsätze und Einstellungen der Fachkräfte aus unterschiedlichsten Zusammenhängen so große Übereinstimmungen vorweisen und gleichzeitig mit den entwickelten Leitlinien weitestgehend übereinstimmen? Eine Vermutung wäre, dass Menschen, die sich für eine Tätigkeit in der Kulturellen Bildung entscheiden, Menschen sind, denen ein wertschätzende Haltung inne ist im Sinne eines Habitus der Kulturellen Bildung. (vgl. Ebert 2011) Um diese Fragen beantworten zu können, müsste eine weitaus größere Stichprobe untersucht werden, um die Ergebnisse dieser Studie auch im breiteren Feld bestätigen zu können. Bei der Befragung müsste ein Schwerpunkt auf die Entstehung der beruflichen Haltung, deren Prägung und die Gründe für diese Einstellungen gelegt werden. Aller Heterogenität und Undefinierbarkeit eines beruflichen Selbstverständnisses zum Trotz konnte diese Studie zeigen, dass es auch in sehr unterschiedlichen Bereichen der Kulturellen Bildung einen ‚gemeinsamen Nenner‘ geben kann. Diese Tatsache kann als wichtige Grundlage für weitere Forschungen in diesem Bereich genutzt werden.

Verwendete Literatur

  • Bischoff, Johann/Brandi, Bettina (Hrsg.) (Bischoff, Johann/Brandi, Bettina (Hrsg.) (2005)): Kulturpädagogik. Berufsbild, Qualifikations­ansprüche und Positionen. Merseburger Medienpädagogische Schriften. Bd. 2. Aachen: Shaker.
  • Ebert, Jürgen (2011): Aneignung eines professionellen Selbstverständnisses I. Analyse von Modulen zur Habitus- und Identitätsbildung aus Bachelor-Studiengängen „Soziale Arbeit“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz. HAWK Hildesheim/ Holzminden/ Göttingen: http://www.hawk-hhg.de/sozialearbeitundgesundheit/media/Professionelles… (Letzter Zugriff am 08.10.2013)
  • Reinwand, Vanessa-Isabelle (2013): Wirkungsforschung in der Kulturellen Bildung. In: V. Hennefeld/ R. Stockmann (Hrsg.). Evaluation in Kultur und Kulturpolitik. Eine Bestandsaufnahme (111-136). Münster u.a.: Waxmann.
  • Reinwand, Vanessa-Isabelle (2012): Künstlerische Bildung – Ästhetische Bildung – Kulturelle Bildung. In: Bockhorst, Hildegard/Reinwand, Vanessa-Isabelle/Zacharias, Wolfgang (Hrsg) (2012): Handbuch Kulturelle Bildung (108-114). München: kopaed.

Anmerkungen

Für eine Vollversion der Arbeit mit der Beschreibung des wissenschaftlichen Vorgehens und der Methodik wenden sich InteressentInnen bitte an die Autorin Malin Kettel.

Zitieren

Gerne dürfen Sie aus diesem Artikel zitieren. Folgende Angaben sind zusammenhängend mit dem Zitat zu nennen:

Malin Kettel (2014): „Lass sie süchtig nach Anerkennung, Motivation und Theaterspielen sein. Bitte, da bin ich gerne Dealer“ - Über das berufliche Selbstverständnis von AnleiterInnen in der Kulturellen Bildung. . In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/artikel/lass-suechtig-nach-anerkennung-motivation-theaterspielen-sein-bitte-da-bin-ich-gerne-dealer
(letzter Zugriff am 26.09.2018)

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