Kulturelles Lernen als mimetisches Lernen. Anthropologische und ästhetische Perspektiven
Abstract
In diesem Beitrag wird untersucht, inwieweit kulturelles Lernen mimetisches Lernen ist, das eine Grundlage aisthetischer Erfahrungen bildet und für die Erhaltung und Weitervermittlung von Kultur von zentraler Bedeutung ist. Mimetische Prozesse sind keine bloßen Imitationsprozesse. Sie sind vielmehr Prozesse produktiver Nachahmung, in denen Subjekte unter Bezug auf andere Menschen und Kulturgüter lernen und sich entwickeln (Gebauer/Wulf 1992, 1998, 2003). Zu einem erheblichen Teil sind mimetische Prozesse körperlich sinnliche Prozesse, mit denen sich Menschen die Welt erschließen. Sie spielen für die ästhetische Bildung (Wulf 2013b, 2014), den Umgang mit Alterität (Wulf 2006a, 2016; Wulf u.a. 2018) und den Erwerb praktischen Wissens eine wichtige Rolle (Wulf 2005, 2006b). Forschungen zu den Spiegelneuronen (Rizzolatti/Sinigaglia/Griese 2008; Jacoboni 2008) und zur evolutionären Anthropologie (Tomasello 2002) bestätigen besonders für die frühe Kindheit die anthropologische Bedeutung mimetischer Prozesse für den Erwerb des Sozialverhaltens und für die Aneignung der Welt. Sie bekräftigen die bereits seit der griechischen Antike bekannte zentraler Rolle mimetischer Prozesse für die Entwicklung der Individuen. Wie zahlreiche Forschungen gezeigt haben, können mimetische Prozesse auch zur Entstehung und Verbreitung von Gewalt führen (Girard 1987, 1988; Tarde 2002). Sie tragen jedoch auch und vor allem zum Erwerb praktischen Wissens (Wulf 2006b) bei und ermöglichen Menschen und Dingen ‚schonende‘ ästhetische Erfahrungen.
Die mimetische Aneignung der Welt
Walter Benjamin hat in seiner Autobiographie „Berliner Kindheit um 1900“ gezeigt (Benjamin 2010), wie ein Kind seine kulturelle Umwelt in Prozessen der Anähnlichung inkorporiert. In ihrem Verlauf erfolgt eine Anähnlichung an die Räume, Winkel, Gegenstände und Atmosphären des Elternhauses und eine Einfügung der von diesen Dingen als ‚Abdrücke‘ genommenen Bilder in die Vorstellungswelt des Kindes, in der sie zu neuen Bildern und Erinnerungen werden, die dem Kind helfen, sich andere kulturelle Welten zu erschließen. In diesen Prozessen der Verkörperung kultureller Erzeugnisse und des Erschlossen-Werdens durch sie wird Kultur weitergegeben. Die mimetische Fähigkeit, die materielle Außenwelt in Bilder zu überführen und sie dadurch in die innere Bilderwelt der Menschen zu transferieren und den Menschen verfügbar zu machen, ermöglicht die aktive Gestaltung kultureller Gegebenheiten durch die einzelnen Menschen.
Diese Prozesse beziehen sich nicht nur auf den Umgang mit den materiellen Produkten der Kultur, sondern richten sich auch auf die sozialen Verhältnisse und Handlungsformen, auf die Inszenierungen und Aufführungen des Sozialen. In besonderer Weise sind es Formen praktischen Wissens, die in körperbezogenen, sinnlichen Prozessen mimetisch gelernt werden und es möglich machen, in Institutionen und Organisationen kompetent zu handeln. Rituelles Wissen stellt einen wichtigen Bereich dieses praktischen sozialen Wissens dar, mit dessen Hilfe sich Institutionen in den Körpern der Menschen verankern und es ermöglichen, sich in sozialen Zusammenhängen zu orientieren. In mimetischen Prozessen werden Bilder, Schemata, Bewegungen gelernt, die den Einzelnen handlungsfähig machen. Insofern sich mimetische Prozesse auf historisch kulturelle Produkte, Szenen, Arrangements und Aufführungen richten, gehören sie zu den wichtigsten Vorgängen, in denen Kultur an die nachwachsenden Generationen weitervermittelt wird. Ohne mimetische Fähigkeiten gäbe es nicht die Möglichkeit kulturellen Lernens und nicht die Möglichkeit einer ‚doppelten Vererbung‘, das heißt einer Weitergabe von Kulturgütern, die bei den Menschen neben die biologische Vererbung tritt und eine verändernde Weiterentwicklung von Kultur ermöglicht.
Die Schrift als „Ensemble unsinnlicher Ähnlichkeiten“ (Benjamin) ruft mimetische Prozesse hervor, mit deren Hilfe das Gelesene zum Leben erweckt wird. Das Gleiche gilt für andere kulturelle Güter, die erst durch eine mimetische Bezugnahme lebendig werden. Ohne diese stellen sie lediglich ein kulturelles Potential dar, das seine Bedeutung jedoch erst in Bildungs- und Selbstbildungsprozessen entfaltet. Besonders wichtig werden solche Prozesse bei der Transferierung der Kultur von einer Generation an die nächste, in deren Verlauf Metamorphosen erforderlich sind, um die Lebendigkeit der Lebens-, Wissens-, Kunst- und Technikformen zu erhalten. Insofern mimetische Prozesse nicht einfach Kopien symbolisch bereits interpretierter Welten erzeugen, sondern darin bestehen, dass Menschen gleichsam einen Abdruck dieser Welten nehmen, den sie inkorporieren, haben diese mimetischen Bezugnahmen stets die urursprünglichen Bezugswelten verändernde, kreative Aspekte. So entsteht eine kulturelle Dynamik zwischen den Generationen und Kulturen, die immer wieder Neues hervorbringt.
Kulturelles Lernen ist weitgehend mimetisches Lernen, das im Zentrum vieler Prozesse der Bildung und Selbstbildung steht, das sich auf andere Menschen, soziale Gemeinschaften, Kulturgüter richtet und deren Lebendigkeit garantiert. Mimetisches Lernen ist ein sinnliches, körperbasiertes Lernen, in dem Bilder, Schemata, Bewegungen praktischen Handelns erlernt werden und das sich weitgehend unbewusst vollzieht und gerade dadurch nachhaltige Wirkungen erzeugt, die in allen Bereichen der Kulturentwicklung eine wichtige Rolle spielen (Taussig 1993; Ricoeur 1988-1991).
Mimetisches Lernen in früher Kindheit
Mimetische Fähigkeiten lassen Kleinkinder an den kulturellen Produkten und Prozessen ihrer Gesellschaft teilnehmen. Sie ermöglichen, was in der Psychologie ‚Wagenheereffekt‘ genannt wird und darin besteht, dass Kleinkinder die materiellen und symbolischen Produkte ihrer kulturellen Gemeinschaft inkorporieren können, diese dadurch erhalten bleiben und an die nächste Generation weitergegeben werden können. Mimetische Prozesse richten sich zunächst vor allem auf andere Menschen. In ihnen nehmen Säuglinge und Kleinkinder auf die Menschen Bezug, mit denen sie zusammenleben: Eltern, ältere Geschwister, andere Verwandte und Bekannte. Sie versuchen sich diesen anzuähneln, indem sie zum Beispiel ein Lächeln mit einem Lächeln beantworten. Doch sie initiieren auch durch die Anwendung bereits erworbener Fähigkeiten die entsprechenden Reaktionen der Erwachsenen. In diesen frühen Prozessen des Austauschs erlernen Kleinkinder zum Beispiel auch Gefühle. Sie lernen, diese in Bezug auf andere Menschen in sich zu erzeugen und sie bei anderen Menschen hervorzurufen. Im Austausch mit der Umwelt entwickelt sich ihr Gehirn, das heißt, es werden bestimmte seiner Möglichkeiten ausgebildet, andere hingegen verkümmern. Die kulturellen Bedingungen dieses frühen Lebens schreiben sich in die Gehirne, in die Körper der Kinder ein. Wer nicht in frühem Alter Sehen, Hören oder Sprechen gelernt hat, kann es zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr erlernen. Die mimetischen Bezugnahmen der Säuglinge und Kleinkinder lassen zunächst keine Subjekt-Objekt-Trennung entstehen. Diese ist erst das Ergebnis späterer Entwicklungen. Zunächst ist die Wahrnehmung der Welt magisch, das heißt, nicht nur die Menschen, sondern auch die Dinge werden als lebendig erlebt. In dieser im Verlauf der Entwicklung der Rationalität an Bedeutung verlierenden Fähigkeit, die Welt in Korrespondenzen zu erfahren, bilden sich zentrale Möglichkeiten, in mimetischen Prozessen die Außenwelt in Bilder zu verwandeln und in die innere Bilderwelt aufzunehmen.
Mimesis frühen Sozialverhaltens
Neuere Forschungen in der evolutionären Anthropologie zeigen: Zwar gibt es elementare Formen mimetischen Lernens auch bei anderen Primaten, doch sind Menschen in besonderer Weise fähig, mimetisch zu lernen. Kulturwissenschaftler*innen überrascht diese Erkenntnis nicht. Schon Aristoteles hat in der Fähigkeit zu mimetischem Lernen und in der Freude der Menschen an mimetischen Prozessen eine besondere menschliche Begabung gesehen (Aristoteles 1987). Unter Bezugnahme auf die Erforschung des Sozialverhaltens von Primaten und im Vergleich zu diesen ist es Vertreter*innen der Entwicklungspsychologie und der kognitiven Psychologie in den letzten Jahren gelungen, einige Charakteristika des menschlichen Lernens in diesem frühen Alter zu bestimmen und den besonderen Charakter des mimetischen Lernens beim Menschen im Säuglings- und Kleinkindalter zu rekonstruieren. Zusammenfassend lässt sich diese Fähigkeiten von Kleinkindern wie folgt skizzieren:
„Sie identifizieren sich mit anderen Personen; nehmen andere als intentionale Akteure wie sich selbst wahr; nehmen mit anderen an Aktivitäten gemeinsamer Aufmerksamkeit teil; verstehen viele der kausalen Beziehungen, die zwischen physischen Gegenständen und Ereignissen in der Welt bestehen; erkennen die kommunikativen Absichten, die andere Personen durch Gesten, sprachliche Symbole und Sprachkonstruktionen ausdrücken; lernen anhand von Imitation durch Rollentausch anderen gegenüber dieselben Gesten, Symbole und Konstruktionen hervorzubringen; und bilden sprachlich basierte Gegenstandskategorien und Ereignisschemata.“ (Tomasello 2002:189)
Diese Fähigkeiten versetzen Kleinkinder in die Lage, an kulturellen Prozessen teilzunehmen. Sie können sich an den Inszenierungen der Praktiken und Fertigkeiten der sozialen Gruppe beteiligen, in der sie leben, und sich dadurch deren kulturelles Wissen aneignen. Die hier beschriebenen Fähigkeiten verweisen auf die zentrale Bedeutung des Lernens von Vorbildern für die Entwicklung des Kleinkindes. Diese Prozesse lassen sich jedoch besser als mimetische Prozesse begreifen. Die Fähigkeiten, sich mit anderen Personen zu identifizieren, sie als intentional Handelnde zu begreifen und mit ihnen Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, sind an das mimetische Begehren des Kindes gebunden, den Erwachsenen nachzueifern, sich ihnen anzuähneln beziehungsweise wie sie werden zu wollen. In diesem Begehren, den Älteren ähnlich zu werden, liegt die Motivation dafür, kausale Beziehungen zwischen den Gegenständen der Welt zu begreifen und die kommunikativen Absichten anderer Menschen in Gesten, Symbolen und Konstruktionen zu verstehen und wie diese Gegenstandskategorien und Ereignisschemata herauszubilden. Bereits mit neun Monaten erreichen Kleinkinder diese in den mimetischen Möglichkeiten des Menschen liegenden Fähigkeiten, über die andere Primaten zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens verfügen.
Spiegelneuronen: Der Weg zum Anderen
Neurowissenschaftliche Forschungen konnten in den 1990er Jahren nachweisen, dass sich Menschen von nicht-menschlichen Primaten dadurch unterscheiden, dass sie in besonderer Weise befähigt sind, sich in mimetischen Prozessen die Welt und andere Menschen zu erschließen. Grund dafür sind die Spiegelneuronen beziehungsweise das Spiegelneuronen-System. Die Analyse der Funktionsweise von Spiegelneuronen zeigt, wie das Erkennen anderer Menschen, ihrer Handlungen und ihrer Intentionen von unserem Bewegungsvermögen abhängen. Die Spiegelneuronen scheinen es unserem Gehirn zu ermöglichen, beobachtete Bewegungen auf unsere eigenen Bewegungsmöglichkeiten zu beziehen und deren Bedeutung zu erkennen. Ohne diesen Mechanismus nähmen wir zwar Bewegungen und das Verhalten anderer Menschen wahr, doch wüssten wir nicht, was ihr Verhalten bedeutet und was sie wirklich tun. Die Spiegelneuronen sind ein physiologisches Korrelat dafür, dass wir nicht nur als einzelne, sondern auch als soziale Personen handeln können. Sie wirken mit bei mimetischem Verhalten und Lernen, gestischer und verbaler Kommunikation sowie dem Verständnis der emotionalen Reaktionen anderer Menschen (Rizzolatti/Sinigaglia,/Griese 2008) . Die Wahrnehmung der Schmerzen oder des Ekels eines anderen Menschen aktiviert die gleichen Gehirnregionen, die aktiviert werden würden, wenn wir diese Gefühle unmittelbar selbst empfänden. Zwar gibt es diese Spiegelneuronen auch bei nicht-menschlichen Primaten, doch ist ihr System beim Menschen komplexer. Im Unterschied zu anderen Primaten sind Menschen in der Lage, transitive und intransitive Bewegungshandlungen zu unterscheiden, Handlungstypen und die Sequenz der Handlungen, die diese Typen ausmachen, zu wählen, sowie bei Handlungen aktiv zu werden, die nicht wirklich vollzogen, sondern lediglich nachgeahmt werden. Das Spiegelneuronen-System ermöglicht es uns, die Bedeutung der Handlungen anderer Menschen zu begreifen, und zwar nicht nur einzelne Handlungen, sondern auch Handlungssequenzen (Jacoboni 2008). Zahlreiche experimentelle Versuche haben zudem gezeigt, was die Primatenforschung schon für Kinder mit neun Monaten nachgewiesen hat, dass das System der Spiegelneuronen nicht nur beobachtete Handlungen verarbeitet, sondern auch die Intention, mit der diese Handlungen vollzogen wird. Wenn wir jemanden handeln sehen, dann haben seine Bewegungen für uns eine unmittelbare Bedeutung. Entsprechendes gilt auch für unsere Handlungen und deren Verständnis durch andere Menschen. Experimentelle Untersuchungen haben gezeigt, dass die Qualität des Bewegungssystems und die Spiegelneuronen notwendige, doch nicht ausreichende Bedingungen für das mimetische Vermögen darstellen. Es bedarf darüber hinaus weiterer neuronaler Vorgänge, damit Prozesse entstehen, die über die bloße Wiederholung hinausgehen und in denen eine mimetische Anähnlichung an die Welt und an andere Menschen geschieht.
Die mimetische Entstehung von Gewalt
Mit mimetischen Prozessen können sich auch Prozesse der Ansteckung mit Erfahrungen der Auflösung von Subjektivität ins Chaos und in die Freisetzung von Gewalt verbinden. Diese Prozesse beinhalten eine Auseinandersetzung mit Macht und Herrschaft, Gewalt und Unterdrückung, die Teil jeder Kultur sind und zu deren Erhaltung mimetische Prozesse beitragen. Der circulus vitiosus der Gewalt ist ein Beispiel für die mimetische Struktur vieler Gewalterscheinungen. Die Erkenntnis des ‚Ansteckungscharakters‘ mimetischer Prozesse ist der Ausgangspunkt einer wichtigen Theorie der Entstehung gesellschaftlicher Gewalt (Girard 1987, 1988). Die mimetische Aneignung von Einstellungen und Handlungsformen schafft zwischen den nachgeahmten und den nachahmenden Menschen Konkurrenz und Rivalität, die zum Ausgangspunkt von Gewalthandlungen werden. Eine widersprüchliche Situation entsteht: Die vom Nachahmenden erstrebte Aneignung von Eigenschaften des Nachgeahmten verträgt sich nicht mit dem Wunsch beider, sich zu unterscheiden und ihre Einmaligkeit zu behaupten. Diese paradoxe Situation führt zur Verstärkung der gesellschaftlichen Gewaltpotenziale.
Handlungen mit großer emotionaler Intensität scheinen in besonderem Maße mimetische Prozesse herauszufordern; der ansteckende Charakter des Lachens, der Liebe und der Gewalt ist sprichwörtlich. Nach Girards Auffassung werden in frühen Kulturen Gewalthandlungen mit Gewalthandlungen beantwortet. Dadurch entsteht ein circulus vitiosus der Gewalt, der Ausmaß und Intensität der Gewalthandlungen verstärkt. Nicht selten werde dadurch der Zusammenhalt der Gesellschaften gefährdet, die mit Hilfe von Verboten und Ritualen versuchen, der mimetisch intensivierten Gewalt Herr zu werden.
In mimetischen Krisen, in denen Gewalthandlungen ausbrechen, deren Eindämmung mit Hilfe von Verboten beziehungsweise Ritualen nicht mehr gelingt, kann es zur rituellen Opferung eines ‚Sündenbocks‘ kommen (Girard 1988), mit deren Hilfe die Krise beigelegt werden soll. Ein potenzielles Opfer wird gemeinschaftlich ausgewählt, als Sündenbock bestimmt und geopfert. Im Zusammenschluss der Gemeinschaft entwickelt sich eine ‚Gegenspielermimesis‘, das heißt eine Allianz gegen das zum Feind erklärte Opfer. Einmütig wird in der Regel jemand ausgesucht, der sich nicht verteidigen kann und dessen Tötung keine weiteren Gewalthandlungen nach sich zieht. Zwar ist die Opferung selbst eine Gewalthandlung; doch wird von ihr erwartet, dass sie den mimetischen Zirkel der in der Gesellschaft vorhandenen Gewalthandlungen beendet. In der Gewalthandlung schließt sich die Gemeinschaft solidarisch gegen das Opfer zusammen: Dies gibt ihr dem Anschein nach die Möglichkeit, sich durch diese Handlung von der ihr selbst inhärenten Gewalt zu befreien.
Das Ende der Krise wird durch folgenden Umkehrmechanismus erreicht. Einmal wird das Opfer für die der Gesellschaft innewohnende Gewalt verantwortlich gemacht. Dadurch wird ihm eine Macht zugeschrieben, die es nicht hat; doch entlastet sich die Gesellschaft durch diese Zuschreibung von ihren eigenen Gewaltpotenzialen. Andererseits wird dem Opfer die Kraft der Versöhnung zugesprochen, die sich in der Gesellschaft nach dem Tod des Opfers einstellt. In beiden Fällen handelt es sich um Zuschreibungen und Übertragungen, die sicherstellen sollen, dass das Opfer zu den erwarteten Ergebnissen führt. Die Rückkehr zur Ruhe wird als Beweis dafür gedeutet, dass das Opfer für die mimetische Krise verantwortlich war. Natürlich ist diese Annahme eine Illusion. Nicht die Gesellschaft leidet unter der Aggression des Opfers, sondern das Opfer unter der Gewalt der Gesellschaft. Damit dieser Umkehr-Mechanismus funktioniert, dürfen beide Übertragungen auf das Opfer nicht als solche durchschaut werden. Wenn dies geschähe, bestünde die Gefahr, dass das Opfer seine versöhnende, Befreiung bringende Kraft verlöre.
Soziales Handeln und mimetisch erworbenes praktisches Wissen
Auch die Fähigkeit zu sozialem und institutionellem Handeln wird in kulturellen Lernprozessen mimetisch erworben. Zahlreiche Forschungen haben dies in den letzten Jahren ergeben. Menschen entwickeln die von Kultur zu Kultur unterschiedlich ausgeprägten Fähigkeiten des Spielens, Tauschens von Gaben und rituellen Handelns in mimetischen Prozessen. Um jeweils ‚richtig‘ handeln zu können, ist ein praktisches Wissen erforderlich, das über sinnliche, körperbezogene mimetische Lernprozesse in den entsprechenden Handlungsfeldern erworben wird (Wulf 2006b). Auch die jeweiligen kulturellen Charakteristika sozialen Handelns lassen sich nur in mimetischen Annäherungen erfassen. Praktisches Wissen und soziale Handlungen sind stark historisch und kulturell geformt (Wulf 2006a; Kraus/Budde/Hietzge/Wulf 2017).
In einer ersten Annäherung werden soziale Handlungen als mimetisch bezeichnet, wenn sie als Bewegungen Bezug auf andere Bewegungen nehmen, wenn sie sich als körperliche Aufführungen oder Inszenierungen begreifen lassen und wenn sie eigenständige Handlungen sind, die aus sich heraus verstanden werden können und die auf andere Handlungen oder Welten Bezug nehmen. Nicht mimetisch sind damit Handlungen wie mentale Kalküle, Entscheidungen, reflexhaftes oder routiniertes Verhalten, aber auch einmalige Handlungen und Regelbrüche.
Überall, wo jemand mit Bezug auf eine schon bestehende soziale Praxis handelt und dabei selbst eine soziale Praxis herstellt, entsteht ein mimetisches Verhältnis zwischen beiden. Dies ist der Fall, wenn wir eine soziale Praxis aufführen, wenn wir nach einem sozialen Modell handeln, wenn wir eine soziale Vorstellung körperlich ausdrücken. Dabei handelt es sich nicht einfach um imitatorische Handlungen. Mimetische Handlungen sind nicht bloße Reproduktionen, die exakt einem Vor-Bild folgen. In mimetisch vollzogenen sozialen Praxen kommt es zur Erzeugung von etwas Eigenem (Wulf 2009, 2013a, 2013b).
Im Unterschied zu den Prozessen der Mimikry, in denen eine bloße Anpassung an vorgegebene Bedingungen vollzogen wird, erzeugen mimetische Prozesse gleichzeitig Ähnlichkeit und Differenz zu anderen Situationen oder Menschen, auf die sie sich beziehen. Durch die Anähnlichung an früher erfahrene Situationen und kulturell geprägte Welten erwerben Subjekte die Fähigkeit, sich in einem sozialen Feld zu orientieren. Durch die Teilnahme an der Lebenspraxis anderer Menschen weiten sie ihre Lebenswelt aus und schaffen sich neue Handlungs- und Erfahrungsmöglichkeiten. Dabei überlagern sich Rezeptivität und Aktivität; in diesem Prozess verschränkt sich die vorgegebene Welt mit der Individualität derer, die sich auf sie mimetisch beziehen. Die Menschen schaffen die früher erfahrene Situation beziehungsweise die Welt außerhalb ihrer noch einmal und machen sie in der Verdopplung zu ihrer eigenen. Erst in der Auseinandersetzung mit der früheren Situation beziehungsweise der äußeren Welt gewinnen sie ihre Individualität. Erst in diesem Prozess formt sich der nicht festgestellte Antriebsüberschuss der Menschen zu individuellen Wünschen und Bedürfnissen. Die Auseinandersetzung mit dem Außen und die Selbstbildung entstehen in demselben System. Äußere und innere Welt gleichen sich kontinuierlich an und werden nur in der Wechselbeziehung erfahrbar. Ähnlichkeiten und Korrespondenzen zwischen Innerem und Äußerem entstehen. Die Menschen machen sich der Außenwelt ähnlich und ändern sich in diesem Prozess; in dieser Transformation wandeln sich ihre Wahrnehmung des Äußeren und ihre Selbstwahrnehmung.
Mimetische Prozesse führen dazu, Ähnlichkeiten zu empfinden und Korrespondenzen zur sozialen Umwelt herzustellen. Indem Menschen diese erleben, erfahren sie Sinn. Ähnlichkeiten zu erzeugen, gehört zu den frühen menschlichen Fähigkeiten. Offensichtlich sind sie bei Phänomenen, die in sinnlicher Hinsicht miteinander korrespondieren. Sie können zwischen zwei Gesichtern auftreten oder in Prozessen erscheinen, in denen ein Mensch die Handlungen eines anderen nachahmt. Auch zwischen Lebendem und Unbelebtem lassen sich Formen der Ähnlichkeit entdecken. Der menschliche Körper dient dazu, Ähnlichkeiten herzustellen und auszudrücken. Tanz und Sprache sind dafür augenfällige Beispiele. Weder im Tanz noch in der Sprache sind Darstellung und Ausdruck, Aufführung und Verhalten verschieden. Sie bilden zwei Aspekte, die in der Mimesis nicht auseinanderfallen, sondern in einem Akt verschränkt sind.
Der Erwerb praktischen Wissens in mimetischen Prozessen muss nicht auf Ähnlichkeit beruhen. Wenn in einer Bezugnahme auf eine vorgängige Welt sozialer Handlungen beziehungsweise performativer Aufführungen mimetisches Wissen erworben wird, dann lässt sich erst in einem Vergleich der beiden Welten bestimmen, welches der Gesichtspunkt der mimetischen Bezugnahme ist. Ähnlichkeit ist ein allerdings häufiger Anlass für den mimetischen Impuls. Doch auch die Herstellung eines magischen Kontakts kann zum Ausgangspunkt der mimetischen Handlung werden. Selbst für die Abgrenzung des Handelns von vorhandenen sozialen Praxen ist eine mimetische Bezugnahme erforderlich. Sie erst erzeugt die Möglichkeit von Akzeptanz, Differenz oder Ablehnung vorgängiger sozialer Handlungen.
In mimetischen Lernprozessen werden vorgängige soziale Handlungen noch einmal gemacht. Dabei wird die Bezugnahme nicht vom theoretischen Denken, sondern mit Hilfe der Sinne aisthetisch hergestellt; verglichen mit der ersten sozialen Handlung entfernt sich die zweite Handlung von dieser insofern, als sie sich mit ihr nicht direkt auseinandersetzt, sie nicht verändert, sondern sie noch einmal macht; dabei hat die mimetische Handlung einen zeigenden und darstellenden Charakter; ihre Aufführung erzeugt wiederum eigene ästhetische Qualitäten. Mimetische Prozesse beziehen sich auf von Menschen bereits gemachte soziale Welten, die entweder als wirklich gegeben oder die imaginär sind.
Der dynamische Charakter sozialer Handlungen hängt damit zusammen, dass das für ihre Inszenierung erforderliche Wissen ein praktisches Wissen ist. Als solches unterliegt es in geringerem Maße als analytisches Wissen rationaler Kontrolle. Dies ist auch der Fall, weil praktisches rituelles Wissen kein reflexives, seiner selbst bewusstes Wissen ist. Dazu wird es erst im Zusammenhang mit Konflikten und Krisen, in denen die aus ihm entstehenden Handlungen einer Begründung bedürfen. Wird die soziale Praxis nicht in Frage gestellt, so bleibt das praktische Wissen gleichsam halbbewusst. Wie das Habitus-Wissen umfasst es Bilder, Schemata, Handlungsformen, die für die szenische körperliche Aufführung sozialer Handlungen verwendet werden, ohne dass sie auf ihre Angemessenheit hin reflektiert werden. Sie werden einfach gewusst und für die Inszenierung der sozialen Praxis herangezogen.
Die residuale Instinktausstattung, der Hiatus zwischen Reiz und Reaktion sowie die ‚„Exzentrizität‘“ sind Voraussetzungen der außerordentlichen Plastizität der Menschen und der damit verbundenen Möglichkeiten, in mimetischen Prozessen ein praktisches Wissen zu erwerben, mit dessen Hilfe soziales Handeln entworfen, inszeniert und aufgeführt werden kann (Plessner 1982; Suzuki/Wulf 2007). Zu diesem praktischen Wissen gehören auch die Körperbewegungen, mit deren Hilfe Szenen sozialen Handelns arrangiert werden. Mittels der Disziplinierung und Kontrolle von Körperbewegungen entsteht ein diszipliniertes und kontrolliertes praktisches Wissen, das – im Körpergedächtnis aufbewahrt – die Inszenierung entsprechender Formen symbolisch-szenischen Handelns ermöglicht. Dieses praktische Wissen ist auf die in einer Kultur herausgebildeten sozialen Handlungs- und Aufführungsformen bezogen und daher ein zwar ausgeprägtes, in seinen historisch-kulturellen Möglichkeiten jedoch auch begrenztes Wissen.
In mimetischen Prozessen vollzieht sich eine nachahmende Veränderung und Gestaltung vorausgehender Welten. Hierin liegt das innovative Moment mimetischer Akte. Mimetisch sind soziale Praxen, wenn sie auf andere Handlungen Bezug nehmen und selbst als soziale Arrangements begriffen werden können, die sowohl eigenständige soziale Praxen darstellen als auch einen Bezug zu anderen Handlungen haben. Soziale Handlungen werden durch die Entstehung praktischen Wissens im Verlauf mimetischer Prozesse möglich. Das für soziale Handlungen relevante praktische Wissen ist körperlich und ludisch sowie zugleich historisch und kulturell; es bildet sich in face-to-face-Situationen und ist semantisch nicht eindeutig; es hat imaginäre Komponenten, lässt sich nicht auf Intentionalität reduzieren, enthält einen Bedeutungsüberschuss und zeigt sich in den sozialen und kulturellen Inszenierungen und Aufführungen von Religion, Politik und alltäglichem Leben.