Kulturelle Bildung in der Ganztagsschule. Empirische Ergebnisse der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG)

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von Ivo Züchner

Erscheinungsjahr: 2014

Kaum eine politische Entscheidung hat die Geschichte der deutschen Schullandschaft so verändert, wie die Entscheidung von Bund und Ländern, den Auf- und Ausbau der Ganztagsschulen umfassend zu fördern. Auch wenn das „Investitionsprogramm Bildung und Betreuung“ (IZBB) mit einer Laufzeit von 2003 bis 2007 nicht die einzige Initiative zum Ausbau von Ganztagsschulen darstellte und die Bundesländer teilweise die Förderung von Ganztagsschulen auf Landesebene schon eingeleitet hatten, begann mit dem IZBB-Programm eine Entwicklung von Ganztagsschulen, die in ihrer Dynamik vermutlich in der Form zu Beginn nicht abschätzbar war.

Nach Angaben der Kultusministerkonferenz (KMK) gab es im Jahr 2002 insgesamt 4951 Ganztagsschulen, die damals etwa 16 Prozent aller allgemeinbildenden Schulen (genauer: schulischer Verwaltungseinheiten) ausmachten. Bis zum Schuljahr 2011 / 2012 stieg ihre Anzahl auf 15 340 und damit auf 54 Prozent aller Schulen an (vgl. KMK 2008 und 2013). Mit anderen Worten: Mehr als die Hälfte der deutschen Schulen sind heute Ganztagsschulen. Nach den Daten der KMK waren damit 2011 etwa 30 Prozent aller SchülerInnen an allgemeinbildenden Schulen GanztagsschülerInnen (vgl. KMK 2013:12).

Die politischen Ziele des Auf- und Ausbaus der Ganztagsschulen waren dabei vielfältig. Die Hoffnungen lagen vor allem in einer besseren individuellen Förderung der / des Einzelnen, einer besseren Unterstützung der gerade im Schulsystem weniger erfolgreichen Kinder und Jugendlichen. Außerdem sollte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert und nicht zuletzt das Bildungs- und Erfahrungsspektrum von Kindern und Jugendlichen mit anderen nicht-unterrichtsbezogenen Lehrinhalten erweitert werden (vgl. Rauschenbach 2009:179). Entsprechend sind im Rahmen des Ganztagsbetriebs an vielen Schulen neben dem Unterricht und dem Mittagessen Ganztagsangebote entstanden, die vor allem am Nachmittag stattfinden, und Aktivitäten im Bereich Sport, Spiel, Umwelt und Natur und eben auch im musisch-künstlerischen Bereich unterbreiten.

Diese Entwicklung wurde von den verschiedenen Anbietern außerschulischer Jugendbildung und Freizeitaktivitäten mit hoher Aufmerksamkeit verfolgt, da zunächst eine neue zeitliche und möglicherweise auch inhaltliche Konkurrenz in den Ganztagsschulen vermutet wurde: Eine zeitliche Konkurrenz, da ein längerer Schultag die Teilnahme an außerschulischen Angeboten am (frühen) Nachmittag unmöglich machen und spätere Zeiten nach einem langen Schultag unattraktiv sein könnten; eine inhaltliche Konkurrenz, da die Ganztagsschulen mit ihren erweiterten Freizeit- und Bildungsangeboten auch Aktivitäten durchführen, wie sie auch Sportvereine, Musikschulen und andere Akteure außerschulischer Freizeit anbieten könnten. Langfristig sahen sich Anbieter folglich existenziell bedroht. Die größten Sorgen haben sich diesbezüglich mittlerweile gelegt, als Reaktion sind im Kontext der Ganztagsschule mittlerweile vielfältige Kooperationen zwischen Schule und außerschulischen Akteuren (auch der kulturellen Jugendbildung) entstanden und werden politisch stark unterstützt.

Entsprechend ist die Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen in den Blick der Forschung gerückt, die sich insbesondere mit den Wechselwirkungen zwischen schulischen und außerschulischen Angeboten sowie der sozialen Selektivität bzw. mit Kompensationseffekten außerunterrichtlicher Angebote beschäftigt hat. Die Universität Bremen (vgl. Lehmann-Wermser et al. 2010:127f.) untersuchte in der Studie zur musisch-kulturellen Bildung an Ganztagsschulen (MUKUS-Studie) in drei Bundesländern Umfang, Qualität und Inanspruchnahme musisch-kultureller Angebote inner- und außerhalb der Freizeit. Sie stellte fest, dass die Teilnahme an musisch-kulturellen Ganztagsschulangeboten im Gegensatz zu außerschulischen Angeboten nicht mit der sozialen Herkunft zusammenhängt. Die Kulturpädagogin Mechthild Eickhoff analysierte Kooperationen der Jugendkunstschulen und Kulturpädagogischen Einrichtungen mit Ganztagsschulen. Dabei stellte sie fest, dass in den ersten zwei Jahren der Kooperationserfahrung die Jugendkunstschulen noch keinen nennenswerten Rückgang der TeilnehmerInnenzahlen ihrer Nachmittagsangebote erlitten, und dass es vereinzelt gelänge, „dass Schüler und Schülerinnen in das außerschulische Programm der kulturpädagogischen Einrichtung wechseln bzw. dort eine neue Freizeitbeschäftigung finden.“ (Eickhoff 2007:133f.). Die Grundtendenz dieser Befunde bestätigen auch die Daten der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG), welche das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt a. M., das Deutschen Jugendinstituts (DJI) in München, des Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der Technischen Universität (TU) Dortmund sowie die Universität Gießen mit Fördermitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sowie Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) verantworteten (vgl. Holtappels et al. 2008; Fischer et al. 2011; Züchner/Arnoldt 2011).

An diese Arbeiten anknüpfend, widmet sich der folgende Beitrag der Frage, welche Rolle künstlerisch-musische Angebote in den Ganztagsschulen spielen. Dabei wird ein empirischer Überblick über das Angebot und die Nutzung von musisch-künstlerischen Angeboten an Ganztagsschulen gegeben und die Aus- und Wechselwirkungen der Teilnahme an Ganztagsangeboten auf außerschulische Aktivitäten analysiert. Zudem wird der Frage nachgegangen, inwieweit Ganztagsangebote neuen Zielgruppen Zugang zur Kulturellen Bildung, ob zu musisch-künstlerischen oder zu Angeboten im Bereich Computer und Neue Medien, ermöglichen.

Datengrundlage der Analysen

Die Ergebnisse aus der StEG bieten die Ausgangsbasis für die Analysen. In der ersten Förderphase nahmen an fast bundesweit 370 Schulen die Schulleitungen, die Lehrkräfte, SchülerInnen, Eltern, Kooperationspartner sowie weiteres pädagogisches Personal im Zeitraum von 2005 bis 2009 an einer dreimaligen Fragebogenerhebung teil. Begründet war die Teilnahme so zahlreicher Akteure darin, möglichst alle relevanten, am Ganztagsschuleben Beteiligten zu Wort kommen zu lassen und die verschiedenen Perspektiven der Ganztagsschulbetrachtung einzunehmen. Durch die querschnittliche sowie die längsschnittliche Analyse konnten sowohl die Schulentwicklung als auch deren Einflussnahme auf die SchülerInnen über die Zeit betrachtet werden. Die folgenden Analysen beruhen auf den Befragungen der Schulleitungen und der SchülerInnen der Sekundarstufe I. Detaillierte Informationen über die Teilnahme an bestimmten Ganztagsangeboten wurde in den Befragungswellen 2007 und 2009 erfasst, sodass die Teilnahme an kulturellen Angeboten in der Ganztagsschule von einer Kohorte, die 2005 die 5. Klasse und 2007 die 7. Klasse besuchte, nachverfolgt werden kann. Dabei hat StEG in die Untersuchung ausschließlich Ganztagsschulen einbezogen, um einen Vergleich zwischen Halbtags- und GanztagsschülerInnen zu ermöglichen.

Angebote Kultureller Bildung in Ganztagsschulen

Bei der Betrachtung der Angebotsseite stehen die Angaben der Schulleitungen zu Kooperationen mit außerschulischen Partnern im Fokus. Musisch-künstlerische Angebote gibt es an Schulen erst durch den Ausbau von Ganztagsschulen. Chöre, Orchester, Theater-AGs, Bandprojekte und viele andere musisch-künstlerische Aktivitäten gehörten und gehören auch in vielen Halbtagsschulen (gerade in der Sekundarstufe) zum mehr oder weniger regelmäßigen Nachmittagsangebot für Kinder und Jugendliche. Entsprechende Darbietungen und Aufführungen waren und sind seit jeher Highlights des Schullebens. Auch Angebote mit Neuen Medien und Computer sind Bestandteil im Ganztagsprogramm vieler Schulen. Mit dem Ausbau des ganztägigen Schulbesuchs haben die Schulen mehr Zeit und die Angebote an Gestaltungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten gewonnen. Dies hat zur Entwicklung von Förderangeboten, aber eben auch zur verstärkten Einrichtung von eher freizeitorientierten sportlichen und musisch-künstlerischen Angeboten im Kontext des Ganztagsbetriebs geführt. Gerade für letztere war in den Schulen eine Grundausstattung schon über die sportlichen und künstlerischen Unterrichtsfächer vorhanden. Mittlerweile sind die Ganztagsangebote wesentlicher Bestandteil des Ganztagsprofils von Schulen, was auch für Eltern dafür relevant ist, ihr Kind an Schulen anzumelden. Gleichzeitig steht hinter dem Projekt eines erweiterten Bildungs- und Erfahrungsraums in den Ganztagsschulen auch die Idee, entsprechende außerschulische Angebote einem Kreis von Kindern und Jugendlichen nahezubringen, der damit ansonsten eher weniger erreicht wird.

Ganztagsangebote nach Schulform (Auswahl, Angaben in %)

 

Insgesamt (n=300)

Grundschulen (n= 83)

Andere Schulen der Sek I (n=177)

Gymnasien (n=40)

 

in %

in %

in %

in %

Fachunabhängige Angebote

Sportangebote

96,3

96,4

96,0

97,5

Musisch-künstlerische Angebote

93,3

92,8

92,1

100,0

Technische Angebote / Neue Medien

81,7

73,5

88,1

70,0

Handwerkliche / Hauswirtschaftliche Angebote

78,0

72,3

87,6

47,5

Unterstützungs- und Förderangebote

Hausaufgabenhilfe

94,7

98,8

93,2

92,5

Förderunterricht niedrige Fachleistung

87,3

84,3

89,8

82,5

Förderunterricht hohe Fachleistung

56,3

59,0

50,3

77,5

Deutschunterricht für SchülerInnen nicht-deutscher Herkunft

49,0

54,2

52,0

25,0

Fachbezogene Angebote

Mathematik

68,7

60,2

67,2

92,5

Deutsch / Literatur

66,0

69,9

63,3

70,0

Naturwissenschaft

63,7

60,2

61,0

82,5

Fremdsprachen

52,3

47,0

50,8

70,0

Weitere Angebote

Formen sozialen Lernens

62,3

47,0

70,1

60,0

Interkulturelles Lernen

18,0

13,3

20,9

15,0

Muttersprachlicher Unterricht

29,0

27,7

32,2

17,5

Politik, Ethik, Religion

23,3

20,5

21,5

37,5

Tab. 1: Ganztagsangebote nach Schulform (Quelle: StEG-Schulleitungsbefragung 2009)

Anhand der StEG-Daten lässt sich die Verteilung der Ganztagsangebote über die Schulformen darstellen. Dabei wird deutlich, dass neben der Hausaufgabenhilfe Sportangebote sowie musisch-künstlerische Angebote auf dem Lehrplan an allen Ganztagsschulen stehen.

An über 90 Prozent der Schulen, an den befragten Gymnasien sogar an allen Schulen, werden musisch-künstlerische Ganztagsangebote gemacht. Damit lässt sich die Kulturelle Bildung neben der Hausaufgabenhilfe und den Sportangeboten quasi als Standard der Ganztagsschulpraxis bezeichnen. Nahezu alle Schulen führen im Rahmen des Ganztags musisch-künstlerische Angebote mindestens einmal in der Woche durch. Auch die Bereiche Computer und Neue Medien sind in einem Großteil der Schulen präsent, insbesondere an den nicht-gymnasialen Schulen der Sekundarstufe sind sie stark vertreten. Insgesamt fällt dabei auf, dass die erweiterten Freizeit- und Bildungsmöglichkeiten in Sport, Musik, Kunst wie auch Computer / Neue Medien die Ganztagsschullandschaft stärker prägen und ausmachen als vertiefende Fach- oder Förderangebote, die stärker auf schulisches Lernen zielen. Nicht aufgeführt sind hier die nicht festgelegten Freizeitangebote und freien Zeiten, die auch an der Mehrheit der Schulen vorhanden sind.

Anteil der Ganztagsschulen mit Kooperationspartner aus dem Bereich ... (Auswahl, Angaben in %)

 

Insgesamt

(n= 300)

Grundschulen (n=83)

Schulen der Sek I (ohne Gymnasien) (n=177)

Gymnasien (n=40)

 

in %

in %

in %

in %

Sportvereine, Sportbund, Sportschule

64,0

75,9

58,2

65,0

Kunst- und / oder Musikschulen

39,0

51,8

32,8

40,0

Kulturelle Institutionen

(z. B. Museum, Theater, Bibliothek)

36,7

39,8

35,6

35,0

Polizei

33,7

41,0

32,2

25,0

Jugendzentrum, Jugendclub

25,7

24,1

28,8

15,0

Jugendamt

29,7

34,9

32,2

7,5

Betriebe

27,7

7,2

36,7

30,0

Einrichtung der Jugendsozialarbeit / Beratungsstellen

24,3

12,0

33,9

7,5

Sonstige Ämter, Gemeinde, Stadt

22,3

27,7

23,2

7,5

Kirchengemeinde

22,0

27,7

20,3

17,5

Volkshochschule, Bildungszentrum, Bildungswerk

16,3

8,4

22,0

7,5

Kulturelle Vereine (z. B. Kultur- oder Musikverein, Karnevalsverein)

11,7

8,4

14,1

7,5

Vereine im Bereich Natur

16,7

15,7

15,3

25,0

Wohlfahrts-, Jugendverbände

16,3

10,8

19,2

15,0

Bürgerhaus, Stadtteilbüro

9,7

12,0

10,2

2,5

Tab. 2: Anteil der Ganztagsschulen mit Kooperationspartner aus den unterschiedlichen Bereichen (Quelle: StEG-Schulleitungsbefragung 2009)

Kooperationspartner der Ganztagschulen

Die Ganztagsangebote werden in der Regel nicht von den Schulen allein und nicht nur durch das Schulpersonal erbracht. In Form von Kooperationen oder durch die Einbindung außerschulischer MitarbeiterInnen sind Organisationen und Personen an der Gestaltung von Ganztagsangeboten beteiligt. Die Schulleitungen wurden im Rahmen von StEG gebeten, Auskunft darüber zu geben, welche Kooperationspartner im Ganztagsbetrieb ihrer Schule Angebote machen.

Häufigste Kooperationspartner der Ganztagsschule sind Sportvereine und Sportschulen, die an zwei Drittel aller Ganztagsschulen Angebote machen. Gefolgt werden sie von Kunst- und Musikschulen, die an 40 Prozent aller Schulen, sogar an über 50 Prozent der Grundschulen präsent sind, sowie von kulturellen Institutionen wie Museen, Bibliotheken und Theater, die sich für Angebote an etwa 35 bis 40 Prozent der Schulen verantwortlich zeichnen.

Entsprechend den fast überall vorhandenen Angeboten, zeigt sich auch bei den Kooperationspartnern, dass der Bereich der musisch-künstlerischen Aktivitäten für die Schulen eine hohe Bedeutung hat, und dass die Schulen diese Angebote nicht allein mit Schulpersonal, sondern zu großen Anteilen auch durch Kooperationspartner durchführen lassen. Auch Jugend- und Bildungszentren sowie Jugendverbände sind mit ihrem Arbeitsspektrum als Kooperationspartner mit kulturellen Angeboten gefragt.

Mit Blick auf Unterschiede zwischen den Schulformen zeigt sich, dass gerade die Kunst- und Musikschulen an Grundschulen und Gymnasien stärker vertreten sind als an den anderen Formen der Sekundarstufe I. Auch wenn dies immer auch eine Frage von Angebot und Nachfrage ist, bleibt weiter zu beobachten, ob sich hier möglicherweise eine schichtspezifische Nutzung von Angeboten der Kulturellen Bildung – und diesmal im Schulkontext – feststellen lässt.

Kooperationsbeziehungen der Schulen mit außerschulischen Partnern

Die Schulleitungen wurden über das Vorhandensein von Kooperationspartnern hinaus auch kurz zu den Beziehungen zu den Partnern befragt. Dabei wird deutlich, dass Kooperationen nicht zwangsläufig immer auf einem schriftlichen Kooperationsvertrag basieren.

Bewertung der Schulleitungen der Kooperationsbeziehung zu außerschulischen Partnern (mit Vertrag)

Kooperationspartner aus dem Bereich

n

Anteil Schulen mit Kooperationsvereinbarung

Bewertung durch die Schulleitung (Ø-Schulnote)

Sportvereine

192

49,1 %

2,1

Kunst- und Musikschule

112

41,9 %

2,0

Kulturelle Institutionen (Theater, Bibliotheken, Museen)

110

38,2 %

2,0

Jugendamt

89

27,0 %

2,7

Betriebe

83

55,4 %

2,0

Jugendzentrum

77

35,1 %

2,3

Kirchengemeinde

66

18,2 %

2,2

Einrichtungen der Jugendsozialarbeit / Beratungsstellen

73

39,7 %

2,1

Kulturelle Vereine

35

28,6 %

2,2

Vereine im Bereich Umwelt / Natur

50

32,0 %

2,0

Tab. 3: Anteil der Schulen, die mit ihren Kooperationspartnern schriftliche Kooperationsvereinbarungen abgeschlossen haben sowie Bewertung der Kooperationspartner durch die Schulleitungen (Quelle: StEG-Schulleitungsbefragung 2009)

Je nach Kooperationspartner geben nur 20 bis 50 Prozent der Schulleitungen an Ganztagsschulen an, mit Kooperationspartnern auch eine schriftliche Kooperationsvereinbarung für die Ganztagsangebote abgeschlossen zu haben. Dies lässt den Schluss zu, dass zahlreiche Absprachen auf informeller Ebene getroffen werden, weist aber auch auf eine gewisse formale Unsicherheit der Kooperationen hin.

Die Unterschiede nach Kooperationspartnern machen deutlich, dass je nach Organisation auch unterschiedliche Prioritäten gelegt werden. So treffen Schulen mit Betrieben (55 %), Sportvereinen (49 %) und Kunst- und Musikschulen (42 %) häufiger schriftliche Vereinbarungen als etwa mit dem Jugendamt, den Jugendzentren oder anderen Vereinen. Über die Ursachen können an dieser Stelle nur Vermutungen angestellt werden, da auch die Regelungen in den Kooperationsvereinbarungen deutlich unterschiedlich sind. Anzunehmen wäre allerdings, dass vor allem dort eine schriftliche Kooperationsvereinbarung abgeschlossen wird, wo es um die Finanzierung laufender Kosten geht, die nicht aus anderer öffentlicher Förderung gedeckt werden (Betriebe, Sportvereine). Verträge werden auch dann abgeschlossen zur inhaltlichen Gestaltung bestimmter Bereiche mit Schulen, die bei den Kooperationspartnern nicht zum generellen Aufgabenbereich gehören (wie z. B. im Jugendamt, in der Jugendsozialarbeit oder auch in Museen).

In den Bewertungen der Kooperationsbeziehungen durch die Schulleitungen zeigt sich ein insgesamt positives Bild. So werden fast alle Kooperationsbeziehungen im Durchschnitt mit „gut“ bewertet, die Kunst- und Musikschulen sowie die kulturellen Institution wie Museen, Theater und Bibliotheken werden im Mittel sogar noch etwas besser als die anderen Organisationen bewertet.

Kulturelle Aktivitäten im Ganztagsbetrieb

Bei der Betrachtung der Abnehmerseite kann analysiert werden, an welchen Angeboten Kinder und Jugendliche als GanztagsschülerInnen teilnehmen und inwieweit auch hier bestimmte Selektionsmechanismen greifen. Dazu wird anhand der StEGDaten zunächst die generelle Teilnahme am Ganztagsbetrieb betrachtet, um dann in einem zweiten Schritt auf die Teilnahme an bestimmten Angeboten einzugehen. Als ein bedeutsames Ergebnis der StEG zeigte sich, dass die Teilnahme am Ganztagsbetrieb für Kinder und Jugendliche schon zeitlich höchst Unterschiedliches bedeuten kann. Während Kinder und Jugendliche in den Ganztagsgrundschulen zumeist an vier bis fünf Angeboten bis in den Nachmittag am Ganztagsbetrieb teilnehmen (74 % in der 3. Klasse), erweist sich die nachmittägliche Einbindung in die Schulen der Sekundarstufe I als deutlich weniger zeitintensiv (s. Abb. 1). So nahm im Jahr 2009 die große Mehrheit der GanztagsschülerInnen in der Sekundarstufe I nur an ein bis zwei Nachmittagen in der Woche am Ganztagsbetrieb teil (64 % in der 5. Klasse, 70 % in der 9. Klasse) und nur etwa ein Drittel ist regelmäßig an vier bis fünf Tagen ganztägig in der Schule. Zahlreiche Ganztagsschulen sind somit bei Weitem nicht in full-time angelegt und die Grenzen zwischen den Ganztagsschulen und den Halbtagsschulen, die in der Regel auch AGs am Nachmittag anbieten, sind in einer zeitlichen Perspektive offensichtlich nicht wirklich trennscharf. Das heißt aber auch, dass sich für außerschulische Aktivitäten eine zeitliche Konkurrenz eher im Grundschulalter als im Alter von 11 Jahren aufwärts stellt. Christine Steiner (2011), aber auch Gerald Prein sowie Thomas Rauschenbach vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München sowie Ivo Züchner (2008) haben sich darüber hinaus mit der Frage beschäftigt, inwieweit die Teilnahme am Ganztagsbetrieb sozial selektiv ist, ob Kinder und Jugendliche nach sozialer Herkunft im Ganztagsbetrieb eher unter- oder überrepräsentiert sind. Die Daten der StEG als auch der wissenschaftlichen Begleitung der offenen Ganztagsschule in Nordrhein-Westfalen ergaben auch hier ein nach Schulstufen geteiltes Bild. So zeigten sich in den Schulen der Sekundarstufe keine Hinweise auf Über- oder Unterrepräsentanz von Kindern aus ressourcenärmeren oder ressourcenstärkeren Familien. Die Frage, ob einzelne Bundesländer dem Ausbau der Ganztagsschulen in bestimmten Schulformen der Sekundarstufe eine Priorität einräumen, findet hier keine Berücksichtigung. Hingegen fand sich für den Primarbereich die Tendenz, dass am Ganztagsbetrieb der offenen Ganztagsgrundschulen, bei denen die Teilnahme freiwillig, aber teilweise mit Kosten verbunden ist, eher Kinder aus Familien mit höherem sozioökonomischen Status bzw. höherem Bildungsstand der Eltern teilnehmen. Hier ist eine gewisse soziale Selektivität schon in der Teilnahme am Ganztagsschulbetrieb angelegt.

Anzahl der Tage mit ganztägigem Schulbesuch von GanztagsschülerInnen (Angaben in %)

Abb. 1: Anzahl der Tage mit ganztägigem Schulbesuch von GanztagsschülerInnen (Quelle: StEG-Schülerbefragung 2009, Primarstufe und Sek I)

Teilnahme an Ganztagsangeboten

In der StEG wurden die SchülerInnen in den Erhebungen der Jahre 2007 und 2009 danach gefragt, welche Ganztagsangebote sie im Einzelnen besuchen. Für die KulturelleBildung wurde so die Teilnahme an Angeboten im Bereich Kultur, Tanz, Theater, Musik (z. B. Instrument lernen, Chor, Band, Orchester) sowie im Bereich Basteln, Werken und Handwerken erhoben. Insgesamt lassen sich die inhaltlichen Schwerpunkte der wahrgenommenen Ganztagsangebote sortieren in eher fachnahe Angebote (Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaft), in eher fachungebundene Bildungs- und Freizeitangebote (Sport, der Bereich der musisch-künstlerischen Bildung, aber auch Computer und Medien) und andere Angebote (Berufsorientierung, soziales Lernen, muttersprachliche Angebote). Bei der Sortierung der Angaben der Kinder und Jugendlichen zeigt sich, dass auch die Teilnahme an fachungebundenen Bildungs- und Freizeitangeboten unter den Ganztagsangeboten insgesamt deutlich überwiegen (s. Tab. 4). In der Addition der reinen Anzahl der Nennungen der Bereiche ergibt sich für die Mehrheit der GanztagsschülerInnen eine regelmäßige Teilnahme an drei (5. Klasse) bzw. zwei (7. und 9. Klasse) verschiedenen Angebotstypen. Mehr als die Hälfte, in den Gymnasien zum Teil sogar zwei Drittel, aller GanztagsschülerInnen nimmt dabei regelmäßig an Sportangeboten teil. Computerangebote und Angebote zu Neuen Medien werden von 30 bis 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen regelmäßig wöchentlich wahrgenommen.

Regelmäßige Teilnahme an Ganztagsangeboten (Querschnitt 2009)                                       

 

Schulen der Sek I Kl. 5 (n=2 860)

(ohne Gymnasium) Kl. 7 (n=3 071)

 

Kl. 9 (n=2 337)

 Gymnasium

 Kl. 5 (n=347)

 

Kl. 7 (n=383)

Angebote im Bereich

in %

in %

in %

in %

in %

Sport

56,3

56,8

52,9

67,1

64,0

Computer / Video / Medien

29,7

33,8

33,2

40,1

41,6

Musik (Instrument, Band, Chor)

23,8

19,3

18,2

24,9

18,3

Basteln, Werken, Handwerken

22,6

17,2

11,2

35,7

24,1

Kultur; Tanz, Theater

19,2

15,0

14,8

20,2

18,5

Umwelt / Natur

11,4

7,9

6,9

18,7

8,6

Deutsch

21,7

12,0

12,8

35,2

22,0

Mathematik

20,2

14,1

18,5

34,3

21,2

Fremdsprache

17,6

17,7

17,6

30,3

18,3

Naturwissenschaften

12,0

8,2

7,8

23,3

11,0

Heimatsprache

8,6

5,7

6,1

19,5

16,5

Beruf / Berufsausbildung

3,8

6,2

13,7

8,1

9,5

Streitschlichtungskurse, Mentorenausbildung etc.

4,7

5,5

9,5

8,9

8,4

Spiele / Gesellschaftsspiele

25,9

19,4

13,1

37,9

25,4

Nachrichtlich: Teilnahme an einem der Angebote Musik; Basteln/ Werken; Tanz/Theater

43,4

34,8

25,2

49,2

38,3

Tab. 4: Regelmäßige Teilnahme an Ganztagsangeboten (Quelle: StEG-Schülerbefragung 2009, Sek I, Querschnitt)

Dabei ist der Anteil der TeilnehmerInnen an den Angeboten in befragten Gymnasien jeweils höher als in den anderen befragten weiterführenden Schulen – obwohl die Angebote dort nach Auskunft der Schulleitungenseltener sind. Danach, und noch in stärkerem Ausmaß als (schul-)fachbezogene Angebote, werden musisch-künstlerische genutzt, unter denen die Teilnahme an musikalischen etwas häufiger ist als an bildnerisch-künstlerischen oder darstellendkünstlerischen Angeboten (die mit dem Alter abnehmend zwischen 25 und 15 % der Ganztagsteilnehmenden erreichen). Summiert man die drei musisch-künstlerischen Kategorien auf, so besuchen in der 5. Klasse 43 bis 49 Prozent, in der 7. Klasse 35 bis 38 Prozent und in der 9. Klasse etwa 25 bis 27 Prozent der GanztagsschülerInnen regelmäßig ein musisch-künstlerisches Angebot. Insgesamt ist zu konstatieren, dass die Aktivitäten im Bereich Musik und Kunst sowie Computer und Neue Medien Bestandteil des „Ganztagserlebens“ einer großen Gruppe von Kindern und Jugendlichen ist. Allerdings führt das Gesamttableau der Teilnahme an Angeboten noch nicht zum Schluss, dass mit der Ganztagsschule ganz neue Lernwelten und -zeiten geschaffen worden sind, sondern eher, dass das Potenzial dafür geschaffen wird. Mit beschränkter zeitlicher Einbindung und nur ausgewählter Teilnahme an Angeboten bildet die Ganztagsschule nicht automatisch für alle SchülerInnen einen reichhaltigen Lern- und Erfahrungsraum. Zu fragen ist, inwieweit hier klassischerweise Außerschulisches auch in der Schule wahrgenommen wird oder inwieweit es gelingt, Kindern und Jugendlichen auch neue Erfahrungs- und Lerngelegenheiten zu bieten.

Schichtspezifische Teilnahme an Ganztagsangeboten

Die Jugendforschung hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Aktivitäten in Sportvereinen und die Teilnahme an außerschulischen musisch-künstlerischen Angeboten einem schichtspezifischen Bias unterliegen. Kinder und Jugendliche aus Familien mit mehr ökonomischen und kulturellen Ressourcen nehmen häufiger an entsprechenden Angeboten von Vereinen und Jugendmusikschulen etc. teil (vgl. Engels/Thielebein 2011). Lässt sich diese soziale Selektivität von außerschulischen Freizeit- und Bildungsangeboten auf die Ganztagsschulangebote übertragen? Am Ort Ganztagsschule sind im Grundsatz Kinder aller sozialer Schichten in gleichem Maße vertreten und somit könnte sich das Problem der Zugangsschwellen als weniger stark erweisen. Bei der Betrachtung der Angaben zur Nutzung entsprechender Ganztagsangebote nach sozialer Herkunft der Eltern zeigen sich sowohl Chancen als auch bekannte Unterschiede (s. Abb. 2). Für die darstellend-künstlerischen als auch für die bildend-künstlerischen Ganztagsangebote finden sich, auch unter Kontrolle weiterer Einflussfaktoren wie Geschlecht, Alter und Schulform, keine schichtspezifischen Unterschiede. Im Gegensatz zeigt sich für die musikalischen Ganztagsangebote eine deutlich höhere Teilnahmequote unter den Kindern und Jugendlichen, deren Eltern über einen höheren sozioökonomischen Status verfügen. Hier spiegelt sich das Bild einer nach sozialer Herkunft unterschiedlichen Teilhabe an außerschulischen musikalischen Angeboten wider. Auch multivariate Mehrebenenanalysen, die die Nutzung in den Einzelschulenberücksichtigen und weitere Einflussfaktoren kontrollieren (vgl. Züchner / Rauschenbach 2013: 182), bestätigen die in der Grafik ablesbaren Unterschiede. Dabei hängt die Teilnahme an musikalischen Ganztagsangeboten stark mit dem Spieleneines Instruments in der Freizeit zusammen (vgl. Züchner/Arnoldt 2011:284).

Dies lässt darauf schließen, dass die schichtspezifische Teilnahme an musikalischen Angeboten auch durch das (außerschulische) Erlernen von Instrumenten, das je nach sozialer Herkunft sehr unterschiedlich häufig ist, vermittelt wird. Ein anderer Zusammenhang lässt sich für die Angebote im Bereich Computer und Neue Medien herstellen. Obwohl der Anteil der Teilnehmenden unter GymnasiastInnen höher ist als in anderen Schulformen der Sekundarstufe I, zeigt sich hier eine verstärkte Teilnahme von Kindern und Jugendlichen mit niedrigerem familiären Sozialstatus. Wird berücksichtigt, dass gerade letztere Gruppe signifikant häufiger angibt, zu Hause nicht über einen Computer oder einen Internetanschluss zu verfügen, deutet dies auf eine kompensatorische Wirkung von Ganztagsschulangeboten hin. Somit zeigt sich als Fazit, dass die Ganztagsschulen durchaus die Chance einer erweiterten Bildungsteilhabe für Kinder aus ressourcenärmeren Familien bieten können. Allerdings stellt sich auch die Frage, wie das Erlernen eines Instruments und die musikalische Aktivität für alle Kinder in den Ganztagsschulen, zumindest grundsätzlich gleichermaßen, ermöglicht werden kann.

Ganztagsschulbesuch und musisch-künstlerische Aktivitäten in der Freizeit

StEG befragte die Kinder und Jugendlichen in Ansätzen auch nach ihren außerschulischen Freizeitaktivitäten. Auch wenn dabei in Anlehnung an Fragen der Jugendforschung eher generelle Aktivitäten erhoben wurden, stand in allen Erhebungswellen im Mittelpunkt, ob und wie häufig sie in der Freizeit ein Instrument spielen und wie häufig sie in der Freizeit künstlerischen Aktivitäten (Malen, Zeichnen, Basteln und Werken) nachgehen. Betrachtet werden können zunächst die Angaben zum Spielen eines Instruments in der Freizeit, in Abhängigkeit vom Ganztagsschulbesuch. Hierfür wurden für die Befragung im Jahr 2009 drei Gruppen unterschieden: 1.) SchülerInnen mit halbtägigem Schulbesuch, 2.) SchülerInnen mit ganztägigem Schulbesuch, die aber nicht an musikalischen Ganztagsangeboten teilnehmen und 3.) SchülerInnen mit ganztägigem Schulbesuch, die an musikalischen Ganztagsangeboten teilnehmen. In der Gegenüberstellung lässt sich zunächst festhalten, dass durch den Ganztagsschulbesuch die Häufigkeit des Spielens eines Instruments offensichtlich nicht eingeschränkt wird (s. Abb. 3). Vielmehr zeigt sich in der Gruppe der GanztagsschülerInnen eine insgesamt größere Häufigkeit des Spielens eines Instruments, wobei diese bei denen, die auch musikalische Ganztagsangebote wahrnehmen, noch etwas verstärkt ist. Es wurde schon darauf hingewiesen, dass das Spielen eines Instruments auch dazu führt, entsprechende Ganztagsangebote zu besuchen. Dennoch lässt sich hier insgesamt, unter Kontrolle von Alter, Geschlecht und Schulform schlussfolgern, dass die Ganztagsschule die außerschulischen musikalischen Aktivitäten nicht bremst, sondern möglicherweise eher noch fördert. Entsprechendes zeigt sich bei der Betrachtung der StEG-Daten im Längsschnitt von 2007 bis 2009. SchülerInnen, die 2007 in der 5. Klasse waren und in den drei Schuljahren die Schule nur halbtätig oder ganztägig ohne Teilnahme an musikalischen Ganztagsangeboten besucht haben, spielen zu 25 bzw. 20 Prozent häufiger in der Woche ein Instrument in ihrer Freizeit.

Teilnahme an Ganztagsangeboten der Kulturellen Bildung nach sozialer Herkunft (Angaben in %)

Abb. 2: Teilnahme an Ganztagsangeboten der Kulturellen Bildung nach sozialer Herkunft. Anmerkung: SES=Sozioökonomischer Status, Indikator: Höchster sozioökonomischer Status im Haushalt (HISEI); n=11507 (Quelle: StEG-Schülerbefragung 2009, Sek I, Querschnitt)

 

Spielen eines Instrumentes nach Ganztagsschulteilnahme

Abb. 3: Spielen eines Instrumentes nach Ganztagsschulteilnahme (Quelle: StEG-Schülerbefragung 2009, Sek I, Querschnitt)

Unter den GanztagsschülerInnen, die an mindestens einem oder sogar an beiden Zeitpunkten musikalische Ganztagsangebote besuchen, beläuft sich der Anteil auf fast 60 Prozent. Ein vergleichbares Ergebnis zeigt sich für das Malen, Zeichnen und Basteln, also für die bildnerisch-künstlerischen Aktivitäten. Auch hier berichten diejenigen, die an sprechenden Angeboten teilnehmen, von der erheblich häufigeren entsprechenden Aktivität in der außerschulischen Freizeit. Genau wie bei der Musik kann diese nicht zwingend als ein kausaler Einfluss interpretiert werden, zumal hier wahrscheinlich grundlegende Neigungen und Hobbys sowohl auf die außerschulische als auch die außerunterrichtliche Freizeit wirken. Dennoch legen die längsschnittlichen Daten eine Beförderung entsprechender außerschulischer Freizeitaktivitäten zumindest nahe, und weisen darauf hin, dass ein Abnehmen der Aktivitäten außerhalb der Schule nicht zu verzeichnen ist.

Fazit

In der Bilanz der Analysen lässt sich feststellen, dass die Kulturelle Bildung und ihre außerschulischen Organisationen einen festen Platz als Kooperationspartner in den Ganztagsschulen eingenommen haben. Insgesamt scheint der Ganztagsschulalltag vor allem durch Freizeit- und Bildungsangebote jenseits von Unterricht und Förderung geprägt zu sein. Sport und musisch-kulturelle Bildung sind sowohl in der Verbreitung als auch in der Teilnahme durch die SchülerInnen zentrale Angebote der ganztägigen Bildung. Dabei haben die Schulen, die musisch-kulturelle Angebote machen, in der Regel mindestens einen Kooperationspartner aus den Kunst- und Musikschulen oder anderen kulturellen Institutionen wie Theater, Museen und Bibliotheken. Die Ganztagsschule bietet als „Regelinstitution“ grundsätzlich die Chance, dass alle SchülerInnen entsprechende Angebote wahrnehmen können. Es werden auch Kinder und Jugendliche für musisch-künstlerische Aktivitäten gewonnen, die aufgrund geringerer familiärer Ressourcen nicht zu den klassischen TeilnehmerInnen außerschulischer kultureller Bildungsangebote gehören. Dies scheint gerade in der Sekundarstufe für den Bereich der Darstellenden und Bildenden Künste zu gelingen, für die Musik zeigt sich jedoch eine schichtspezifische Nutzung der Angebote – selbst auf Schulebene. Hier scheint das Beherrschen eines Instruments wesentlicher Einflussfaktor für die Teilnahme zu sein. Zu überlegen ist daher, inwieweit Angebote, Instrumente zu lernen, die oft mit sehr individualisiertem und auch kostspieligem Unterricht verbunden sind, in der Ganztagsschule ihren Platz finden oder andere Formen finden können. Mit Blick auf die Frage der Ganztagsschule als Konkurrenz für Anbieter außerschulischer kultureller Bildungsangebote zeichnet sich, soweit sie aus diesen Daten zu beantworten ist, keine Verdrängung oder Einstellung außerschulischer Aktivitätenaufgrund eines Ganztagsschulbesuchs ab. Vielmehr scheinen entsprechende Aktivitäten zusätzlich in die Schule getragen zu werden bzw. die außerschulischen Aktivitäten zusätzlich zu befördern. Hierbei dürften die Kooperationen der Schulen in der Durchführung von musisch-kulturellen Angeboten eine bedeutsame Rolle spielen, die ihrerseits für Wechselwirkungen zwischen außerunterrichtlichen und außerschulischen Angeboten sorgen.

Verwendete Literatur

  • Eickhoff, Mechthild (2007): Bildung als Fragen ans Leben. Zur Kooperation von Jugendkunstschulen und Ganztagsschulen. In: Zeller, Maren (Hrsg.) (2007): Die sozialpädagogische Verantwortung der Schule. Kooperation von Ganztagsschule und Jugendhilfe (119-136). Baltmannsweiler.
  • Engels, Dietrich/Thielebein, Christine (2011): Zusammenhang von sozialer Schicht und Teilnahme an Kultur-, Bildungs- und Freizeitangeboten für Kinder und Jugendliche. Berlin.
  • Fischer, Natalie/Holtappels, Heinz Günther/Klieme, Eckhard/Rauschenbach, Thomas/Stecher, Ludwig/Züchner, Ivo (Hrsg.) (2011): Ganztagsschule: Entwicklungen, Qualität, Wirkungen. Längsschnittliche Befunde der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG). Weinheim.
  • Holtappels, Heinz Günter/Klieme, Eckhard/Rauschenbach, Thomas/Stecher, Ludwig (Hrsg.) (2008): Ganztagsschule in Deutschland (2. Auflage). Weinheim. KMK (Ständiges Sekretariat der Kultusminister der Länder) (2013): Allgemeinbildende Schulen in Ganztagsform: Daten 2007–2011. Berlin.
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  • Prein, Gerald/Rauschenbach, Thomas/Züchner, Ivo (2008): Analysen zur Selektivität von offenen Ganztagsschulen“ In: Prüß, Franz/Kortas, Susanne/Schöpa, Matthias (Hrsg.): Die Ganztagsschule von der Theorie zur Praxis: Anforderungen und Perspektiven für Erziehungswissenschaft und Schulentwicklung (81-97). Weinheim/München.
  • Rauschenbach, Thomas (2009): Zukunftschance Bildung. Familie, Jugendhilfe und Schule in neuer Allianz. Weinheim/München: Juventa.
  • Steiner, Christine (2011): Teilnahme am Ganztag. Zeitliche Entwicklungen und mögliche Selektionseffekte. In: Fischer, Natalie/Klieme, Eckhard/Holtappels, Heinz Günther/Rauschenbach, Thomas/Züchner, Ivo (Hrsg.): Ganztagsschule: Entwicklung, Qualität, Wirkungen (57-75). Weinheim.
  • Züchner, Ivo/Arnoldt, Bettina (2011): Schulische und außerschulische Freizeit- und Bildungsaktivitäten. Teilhabe und Wechselwirkungen. In: Fischer, Natalie/Klieme, Eckhard/Holtappels, Heinz Günther/Rauschenbach, Thomas/Züchner, Ivo (Hrsg.): Ganztagsschule: Entwicklung, Qualität, Wirkungen (267-290). Weinheim.
  • Züchner, Ivo/Rauschenbach, Thomas (2013): Bildungsungleichheit und Ganztagsschule – empirische Vergewisserungen. In: Braches-Chyrek, Rita/Nelles, Dieter/Oelerich, Gertrud/Schaarschuch, Andreas (Hrsg.): Bildung, Gesellschaftstheorie und Soziale Arbeit (175-192). Opladen.

Zitieren

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Ivo Züchner (2014): Kulturelle Bildung in der Ganztagsschule. Empirische Ergebnisse der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG). In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/artikel/kulturelle-bildung-ganztagsschule-empirische-ergebnisse-studie-zur-entwicklung
(letzter Zugriff am 26.09.2018)

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