Kulturelle Bildung auf dem Land: Erfahrungen aus der Praxis am Beispiel des Vereins „Ländliche Akademie Krummhörn-Hinte e.V.“

Artikel-Metadaten

von Christine Schmidt

Erscheinungsjahr: 2018

Abstract

In der Theorie wird anhand diverser Konzepte und reflektierter Praxis über Kulturelle Bildung in ländlichen Räumen debattiert. Doch: Weshalb entstand und wuchs ein Verein der Kulturellen Bildung im ländlichen Raum wie die Ländliche Akademie Krummhörn-Hinte e.V.? Seit 36 Jahren existiert der soziokulturelle Verein am nordwestlichen Rand der Bundesrepublik, in Ostfriesland, die nächste größere Stadt ist fast 100 Kilometer entfernt. Welches sind die Faktoren, die ein Gelingen Kultureller Bildung auf dem Land ausmachen? Braucht es dafür spezielle Konzepte? Oder besondere Menschen? Oder viel Geld? Es lohnt sich, einen Blick in die Praxis, hinter die Kulissen zu werfen, die Geschichte dieses Vereins zu erfahren und in der Analyse vielleicht Antworten auf die Fragen zur Kulturellen Bildung auf dem Land zu bekommen.

Die Ländliche Akademie Krummhörn-Hinte e.V.: Daten, Fakten und Ziele

Die Ländliche Akademie Krummhörn-Hinte (LAK) ist seit 36 Jahren im Landkreis Aurich in Ostfriesland und dort in den Gemeinden Krummhörn und Hinte als gemeinnütziger Kulturverein in der Kulturellen Bildung aktiv. Im direkten Einzugsgebiet der LAK leben rund 20.000 Menschen. Der Verein hat zurzeit etwa 500 Mitglieder. Er agiert mit einem Vorstand bestehend aus vier Personen und drei hauptamtlichen halbtagsbeschäftigten Mitarbeiter*innen, vier Minijobber*innen und 15 Honorarkräften sowie rund 20 dauerhaft arbeitenden Ehrenamtlichen. Das Angebot der LAK beinhaltet kontinuierlich arbeitende Gruppen in den Bereichen Musik, bildende Kunst, Theater und Kreativhandwerk. Das Konzept sieht vor, allen Menschen künstlerische Ausdrucksformen zugänglich zu machen und das Bewusstsein für die regionale Identität zu stärken. Jährlich erarbeitet die LAK ein oder zwei Großprojekte wie Musicals, Theaterstücke, Konzerte, Ausstellungen, Filme, die sich inhaltlich mit regionalhistorischen oder gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzen. Zielsetzung dieser Projekte ist es, viele Gruppen der LAK über die gruppeninterne Arbeit hinausgehend zusammen zu bringen und auch Außenstehende in die Aktivitäten einzubinden. Die Besucher*innen-Zahlen für Darbietungen liegen jährlich bei mehreren Tausend. Die LAK ist zudem Kooperationspartnerin im Angebot der Kulturellen Bildung für Kindergärten und Schulen.

Finanzierungskonzept

Das Finanzierungskonzept der LAK ist stabil und basiert auf drei Säulen:

  1. Eine institutionelle Förderung durch die Gemeinden Krummhörn und Hinte
  2. Mitgliedsbeiträge, Spenden und Gagen
  3. Fördermittel für Projekte, die jedoch ausschließlich der Umsetzung der Projekte zufließen.

Entwicklung der LAK und darauf basierende Entscheidungen

Rückblickend betrachtet, hat die LAK im Laufe ihres 36-jährigen Bestehens ihr Ziel der Kulturellen Bildung inhaltlich in mehreren verschiedenen Schwerpunkten verfolgt, die sich aus gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ergaben. Gegründet wurde der Verein 1982 von zwei Professoren der Hochschule in Emden aus dem Fachbereich Sozialpädagogik. Das primäre Ziel der Gründung bestand darin, Student*innen über die Arbeit in der LAK Praxiserfahrungen zu vermitteln und die Kulturarbeit auf dem Land zu stärken. Zu jener Zeit gab es in der ländlichen Region außerhalb Emdens eine noch höhere Jugendarbeitslosigkeit als in den Städten, eine geringe Mobilität und diverse Möglichkeiten für Förderprojekte der Bundesagentur für Arbeit. In Deutschland erlebten Bildungsinstitute aller Art eine Hochkonjunktur. Auch die LAK arbeitete zu diesem Zeitpunkt als Partnerin des Arbeitsamtes und ihr Schwerpunkt lag im Bereich der Vermittlung von handwerklichen Fähigkeiten. Der noch heute bestehende Name Ländliche Akademie ist Zeugnis aus dieser Zeit.

In Pilsum, einem Dorf der Gemeinde Krummhörn, entwickelten sich bereits in jenen Jahren kleine Gruppen mit künstlerischer Ausrichtung, hauptsächlich in den Bereichen Musik und Theater. Die künstlerische Ausrichtung kristallisierte sich als Alleinstellungsmerkmal der LAK heraus. Andere, größere Bildungseinrichtungen übernahmen schon bald in Partnerschaft mit der Arbeitsagentur den Bereich der beruflichen Qualifizierung. Die LAK wurde Partnerin der Gemeinde Krummhörn für den Bereich Kulturelle Bildung und wird seitdem institutionell von ihr gefördert.

Zugänge zur Musik

In jenen Jahren entwickelten sich stetig mehr Gruppen, die durch ehrenamtliche Dozent*innen geleitet wurden. Der damalige künstlerische Gesamtleiter Prof. Hans-Jürgen Tabel legte viel Wert auf einen Zugang zur Musik oder zur Kunst ohne Voraussetzung von Vorkenntnissen wie das Notenlesen. Er leitete Musikgruppen wie Handglockenchöre oder Gruppen mit Tonstäben. Charakteristisch dafür ist, dass die*der einzelne Musiker*in auf einem Notenblatt anhand von Farben den eigenen Einsatz einzelner Töne in einer Komposition durch Zählen der Takte erkennen konnte und dadurch mit lediglich zwei oder drei Tönen an einem Musikstück beteiligt wird. Eine solche Gruppe besteht aus mindestens acht und höchstens zwölf Personen, die nur gemeinsam ein Musikstück erklingen lassen können. Auch für Kinder eignet sich dieses Prinzip des Musizierens gut zum spielerischen Erlernen von Musik und Noten. Bald folgten Flöten-, Gitarren- und Xylophonegruppen für Erwachsene und für Kinder. Die LAK wuchs und der Zulauf war enorm.

Internationales

Von Beginn an dezentral ausgerichtet, entwickelten sich in den Folgejahren in nahezu allen 19 Dörfern der Krummhörn Musikgruppen. Um diese vielen Gruppen in einem Gemeinschaftserlebnis zusammen zu bringen, entstand die Idee der Musicalprojekte. Es wurden Theaterstücke konzipiert, die regionale Geschichte zum Inhalt hatten und die ergänzt mit viel Musik und Gesang in einer großen Gulfhofscheune in der Gemeinde Krummhörn präsentiert wurden. Herausragend in dieser Zeit ist ein Projekt über die Auswanderergeschichte der Ostfriesen. Das Musical „Achter de Sünn an“ (Der Sonne hinterher) erzählt von den Ostfriesen, die im 19ten und frühen 20ten Jahrhundert aufgrund der vorherrschenden Armut nach Amerika übersiedelten. Weil es in Amerika noch Nachfahren aus dieser Zeit gab, ist das Ensemble der LAK mit 120 Menschen nach Amerika geflogen, um dort die Geschichte in ostfriesischem Platt den Menschen in Iowa zu präsentieren. Noch heute gibt es dadurch persönliche Verbindungen von LAK Mitgliedern und Menschen in Iowa.

Kontakte zu Musikgruppen in anderen europäischen Ländern gehörten zu einem weiteren Schwerpunkt der LAK im Rahmen der Arbeit von Prof. Tabel. Für seine Gruppen organisierte er Fahrten nach Polen, Ungarn, Lettland und Schweden. Mit ihm fuhren Mitglieder der LAK auch ein weiteres Mal nach Iowa zu einem Besuch der dort lebenden Nachfahren der Ostfriesen. Aber es gab auch Gegenbesuche. Die LAK organisierte für die Gruppen aus anderen Ländern die private Unterbringung und ein umfangreiches Besuchsprogramm im Rahmen des Austausches.

Fördern, aber nicht überfordern

Innerhalb dieser großen Projekte wurden durch die LAK professionelle Autor*innen, Komponist*innen und auch Regisseur*innen engagiert. Diese waren gar nicht so leicht zu finden, denn es galt, die in der LAK vorgefundenen Rahmenbedingungen komplett zu berücksichtigen. Die Theaterstücke mussten alle Menschen, die eine Rolle spielen wollten, einbeziehen. Das heißt, es hatte exakt so viele Rollen im Stück zu geben, wie sich Mitwirkende gemeldet hatten. Das Gleiche galt für die Musik. Die Musikgruppen der LAK, die sich zu einem Orchester zusammenschließen wollten, benötigten exakt eine Komposition, die deren Instrumente einsetzt wie Tonstäbe, Handglocken und Xylophone. Die gewonnenen professionellen Akteure waren gezwungen, genau für die optionalen Kompetenzen der Laien zu arbeiten. Es sollte gefördert werden, aber nicht überfordert – ein weiteres Konzeptprinzip der LAK.

Ehrenamt und Hauptamt

Bis Mitte der 1990er Jahre wurde die LAK insgesamt durch einen ehrenamtlichen Vorstand geleitet, vielfach ehrenamtlich verwaltet und verfügte über keine Büroräume. Inzwischen war der Verein jedoch so angewachsen, dass es zunehmend schwierig wurde, die Organisation durch eine solche Struktur umzusetzen. Über ein gefördertes Projekt der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur (LAGS) Niedersachsen wurde dann das Modell des festangestellten Geschäftsführers für den Verein etabliert. Auch die Verwaltung des Vereins wird seit Ende der 1990er Jahre durch festangestellte Mitarbeiter*innen geleistet. Mit dem Einsatz von festen Arbeitskräften ging auch der Bezug von Büroräumen in einer Schule der Gemeinde Krummhörn einher. Diese Form der Leitung und Verwaltung ist bis heute geblieben. Die Gesamtverantwortung liegt weiterhin beim ehrenamtlichen Vorstand.

Niedrigschwellige, kostengünstige Angebote für alle

Die ersten Mitarbeiter*innen der LAK entstammten zum größten Teil aus den Praktika der Student*innen der Hochschule Emden. Auch der erste offizielle Geschäftsführer war zuvor Student der Sozialen Arbeit beim LAK-Gründer Prof. Hans-Jürgen Tabel gewesen. Nach wie vor lag der Schwerpunkt der Angebote der LAK im Bereich der Musik. Durch Initiative des ersten Geschäftsführers gründeten sich ein großes Blasorchester und ein Chor. Er initiierte auch den sogenannten Helfer*innenkreis: Ehrenamtlich arbeitende Mitglieder, die vielfältige Aufgaben bis hin zum kompletten Bühnenbau übernahmen. Inzwischen gab es auch Honorarkräfte in der bildenden Kunst, für die Keramik-, Mal- und Filzgruppen. Die Holzwerkstätten entstanden und es bildete sich eine Kunstschule. Viele der Kinder und Jugendlichen aus der Gemeinde Krummhörn verbrachten ihre Nachmittage bei der LAK. Durch die Förderung der Gemeinde war es möglich, die Mitgliedsbeiträge niedrig zu halten. Eine Mitgliedschaft berechtigte zur Teilnahme an allen Angeboten. Auch dieses Konzeptprinzip der LAK, niedrigschwelliger, kostengünstiger Zugang zu allen künstlerischen Ausdrucksformen ist bis heute so geblieben.

Veränderungsprozesse und deren Erfordernisse

Ein Verein, der seit 36 Jahren existiert, unterliegt in dieser Zeit vielfältigen Veränderungen. Da sind einerseits interne Umbrüche, durch wechselnde Personen oder veränderte Ansprüche von Mitgliedern sowie andererseits sich ändernde externe Einflüsse und Rahmenbedingungen, die Konsequenzen nach sich ziehen.

Interne Veränderungsprozesse

Innerhalb der LAK haben Änderungen in der Zusammensetzung des gesamten arbeitenden Teams immer zu erheblichen Unruhen geführt: So als müssten sich die agierenden Pole erst neu ausrichten und aus einer heftigen Anstoßdynamik wieder zu einer ruhigen Konstellation zusammenfinden. In der langen Zeitspanne ergaben sich automatisch Personalveränderungen. Die LAK hat schon einige solcher Krisen erlebt. Damit verbunden sind massive Mitgliedskündigungen, heftige, spaltende Hintergrundgespräche, die bis zu verfeindeten Polen innerhalb des Vereins führen können, Förderung von Neid und Missgunst, so dass oftmals eine externe Konfliktlösung notwendig wird.

Gelingende Vereinsarbeit

Besonders schwerwiegend sind Personalveränderungen in der Leitungsebene, aber selbst ein dazukommender Hausmeister kann erhebliche Unruhe verursachen. Woran liegt das? Eine mögliche Antwort könnte in dem Konstrukt „Verein“ liegen. Ein Verein besteht zunächst aus vielen Menschen, die sich freiwillig und mit einer hohen Motivation zu einer selbstverwirklichenden und selbstbewusstseinsfördernden Aktivität zusammenfinden. Der Spaß am Tun in der Freizeit steht für die*den Einzelnen im Vordergrund. Zudem bedeutet die Vielzahl der Menschen auch eine Vielzahl von Erwartungen und eine unterschiedlich hohe Bereitschaft zu unliebsamen Begleitaufgaben, die aber ein Verein selbstverständlich auch hat – in einer Vereinssatzung werden durch gesetzliche Vorgaben die außenwirksamen Regularien des Vereins geregelt, die in allen Vereinen weitestgehend identisch sind.

Die internen organisatorischen Regeln, Aufgabenverteilungen und Verwaltungen von Prozessen bilden sich in einem nahezu freien Spiel der Kräfte. Hat ein Unternehmen ein festes Organigramm mit Aufgabenstrukturen, die dann entsprechend mit Personal besetzt werden, so ist in einem Verein keine solche Personalbesetzung möglich. Es gilt, die Kompetenzen der Menschen im Verein zum Wohle des Ganzen nutzbar zu machen. Aus der entstehenden Mischung der Kompetenzen und der optionalen Bereitschaft, diese in einem frei zu wählenden Umfang einzusetzen, entsteht langsam ein Organisationsprofil, das sich dann auch in einem Organigramm abbilden ließe. Bricht aus diesem Konstrukt eine Person weg oder es kommt eine Person hinzu, muss das gesamte Bild neu sortiert werden. Diese Aufgabe des „Sortierens der freiwillig eingesetzten Fähigkeiten“ zur bestmöglichen Arbeitseffizienz eines Vereins obliegt zusätzlich zur gesamten außenwirksamen Repräsentanz und Verantwortlichkeit einem ehrenamtlich agierenden Vorstandsteam und/oder hauptamtlich einer Geschäftsführerin/einem Geschäftsführer. Ein gutes Gelingen eines Vereins ist daher in hohem Maße von der Befähigung des Vorstandsteams und der Geschäftsführung abhängig, diese Vereinssortierung leisten zu können, denn diese Aufgabe erfordert besondere Kompetenzen. Ohne Empathie, Motivationsfähigkeit, Kommunikationsstärke, Selbstreflexion, strategisches Denken, Krisenmanagement und Organisationsfähigkeit ist sie nicht leistbar.

Vorausschauende Planung

Derzeit ist die LAK in diesem Punkt gut aufgestellt. Die Kompetenzverteilung funktioniert nahezu ideal. Bis auf die üblichen „normalen“ kleinen Reibereien und Missverständnisse, die aber zeitnah und mit wenig Aufwand wieder aufgefangen werden können, ist der Funktionsablauf sichergestellt. Dennoch ist klar, dass dieser jetzige Personalzustand nicht immer so bleiben wird. Sowohl im Vorstand als auch in der Mitarbeiter*innen-Struktur stehen mittelfristige Änderungen bevor. Diese sind aktuell noch nicht kalkulierbar und es gibt nur bedingt strategische Überlegungen, mit welchen Methoden und Mitteln vorausgeplant werden könnte. Diese vorausschauende Planung ist eine wichtige Aufgabe für die kurzfristige Arbeit des Vereins.

Externe Auswirkungen

Ist ein Verein in der Struktur gesund aufgestellt und somit stark agierend in seiner Zielrichtung, so entstehen immer wieder Veränderungen in den äußeren Rahmenbedingungen, in der gesellschaftlichen Haltung und/oder der Politik, die ebenfalls extreme Prozesse bedeuten können.

Finanzielle Ressourcen

Im Feld der Kulturellen Bildung auf dem Land hat die LAK in ihrer Geschichte ebenfalls große externe Veränderungen bewältigen müssen, bzw. sie muss sie noch bewältigen. Wesentlich wirken immer Veränderungen in der finanziellen Absicherung. Für die LAK ist es ein Segen, dass sie eine institutionelle Förderung durch die Gemeinden Krummhörn und Hinte erfährt. Dadurch befindet sie sich finanziell seit vielen Jahren in vermeintlich sicherem Fahrwasser. Allerdings ist die Situation nicht unkritisch. Eine Erhöhung der Zuschüsse erfolgt seit über zehn Jahren aufgrund der schlechten Haushaltslagen der Gemeinden nicht mehr und durch die steigenden Kosten, auch Lohnkosten, sinkt der Zuschuss faktisch.

Mitgliederentwicklungen

Eine Reduzierung der Mitgliederzahlen, bedingt durch den demografischen Wandel, zieht eine entsprechende Reduzierung der Einnahmen durch Mitgliedsbeiträge nach sich. Der Haushalt der LAK im Bereich der Basisarbeit, der kontinuierlichen Gruppenangebote schrumpft dadurch. Sinkend sind die Mitgliederzahlen auch bei Kindern und Jugendlichen. Neben dem ursächlichen demografischen Wandel beschleunigt diese Entwicklung die Zunahme der Ganztagsschulen. Gleichzeitig sinkt in der Gesellschaft die Bereitschaft zu einer längerfristigen Vereinsbindung.

Qualität in Kooperationen mit Schulen und Kindergärten

All dies sind Faktoren, für die in der LAK aktuell Antworten gesucht, die ausprobiert werden. So hat die LAK ihre Kooperationen mit Schulen und Kindergärten stetig erhöht. Dafür war es erforderlich, in der LAK interne Rahmenbedingungen zu ändern. Das Kontingent an Mitarbeiter*innen in Minijobs auf 450 € Basis wurde ausgebaut, da in Schulkooperationen aufgrund einer Bestimmung des Kultusministeriums nur angestellte Kräfte arbeiten dürfen. Die Bezahlung dieser Kräfte erfolgt nun nicht mehr durch Mitgliedsbeiträge und Förderungsbeitrag der Gemeinde, sondern durch Bezahlung der Schule und Gemeindeförderung. Die LAK fungiert als Vermittlerin von Kräften und als Garant für Qualität in der kulturellen Bildungsarbeit. Die LAK ist bestrebt, dieses Modell der Vereinssicherung weiter auszubauen.

Qualität in Theater-Großprojekten

Auf der anderen Seite erleben die jährlichen Theater-Großprojekte der LAK mit regionalhistorischem und/oder gesellschaftspolitischem Hintergrund sowohl bei den Beteiligten als auch bei den Besucher*innen beständiges Wachstum. Das Mitwirken bei zeitlich befristeten großen künstlerischen Projekten mit hoher Außenwirksamkeit erfreut sich in allen Altersgruppen wachsender Beliebtheit. Aber auch bei diesen Projekten ist ein Wachstum bei den Fördermitteln nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Durch die landesweite Zunahme von soziokulturellen Projekten bei gleichbleibendem Fördertopf werden die Mittel für die einzelnen Antragsteller zukünftig knapper werden müssen. Deshalb ist die zu erreichende hohe Qualität eines Laienspiels auf zwei Seiten von hoher Bedeutung: Einerseits für den Zuspruch durch die Besucher*innen und damit für die Einnahmen aus Eintrittsgeldern, andererseits auch für die Motivation der Menschen, dabei mitzuwirken. Wie aber ist hohe Qualität bei niedrigem Budget zu erreichen? Nur mit hohem persönlichen Engagement von Menschen mit entsprechender Kompetenz. Für den Arbeitsbereich der Kulturellen Bildung auf dem Land gilt exakt das Gleiche wie für den Bereich der sozialen Arbeit wie in der Pflege und in der Kinderbetreuung. Das individuelle Engagement, die persönliche Ambition, das Motiv Gutes zu tun und dafür auf Einkommen zu verzichten, ist ein zwingender Faktor zur Realisierung von ambitionierter und funktionierender Kultureller Bildung.

Qualität (zum) trotz Mobilität und Internet

Werfen wir einen Blick auf die Anfangsbedingungen der LAK, sind weitere entscheidende Veränderungsfaktoren festzustellen: Die zunehmende Mobilität der Bevölkerung und die höhere Transparenz durch das Internet. War der Zulauf zur LAK Beginn sehr hoch durch das erstmalige Angebot von Kultur vor der Haustür und der Situation, dass nicht jeder Haushalt über mehrere Fahrzeuge verfügte, so ist das heute ein völlig anderes Bild. Die Bereitschaft der Menschen, sich zu attraktiven Angeboten mit dem eigenen Fahrzeug zu bewegen ist sehr viel größer geworden. Räumliche Distanz stellt nur noch in geringem Maße eine Hürde dar. Diese Entwicklung führt dazu, dass sich die Kulturelle Bildung auf dem Land der Konkurrenz der städtischen Angebote stellen muss. Und zwar nicht nur der Angebote der nächstgelegenen Kleinstadt. Auch die wird inzwischen durch die höhere Transparenz im Internet mit Angeboten aus Großstädten gemessen. Insgesamt üben also die zunehmende Mobilität und die Möglichkeit des Vergleichs im Internet einen starken Druck auf die Angebotsformen aus. Das gilt insbesondere für die jüngere Generation.

Auch für ältere Personen hat sich die Erwartungshaltung verändert - ein weiterer Grund, stärker die Qualität der Arbeit in der Kulturellen Bildung in den Fokus zu nehmen. Gleichzeitig wächst auch der Bedarf, die eigene Leistung bekannter zu machen: Die Internetpräsenz ist zwingend erforderlich. Dabei gilt es nicht nur, eine eigene Homepage vorzuhalten, sondern auch im stetigen Dialog mit User*innen in den sozialen Medien zu kommunizieren. Die Mund zu Mund Propaganda funktioniert dort inzwischen fast besser als direkt auf der Straße.

Zukünftiges

Für die LAK stellt sich indes die Frage eines zentralen Anlaufpunktes bzw. eines eigenen Kulturhauses. Bisher ist ein solches noch nicht in Sicht, denn es ist nicht aus der eigenen finanziellen Kräften der LAK zu realisieren und bedürfte Unterstützung aus den Gemeinden. Ein solch zentrales Haus, ein soziokulturelles Zentrum, würde andere Formen der gemeinschaftlichen Begegnung von Vereinsmitgliedern ermöglichen. Sei es durch ein Vereins-Café oder durch eine offene Bühne. Gleichzeitig kämen damit aber auch neue Aufgaben auf den Verein zu. Die Betreuung eines solchen Zentrums stellt andere Herausforderungen an die Mitarbeiter*innen. Ob und inwieweit sich diese Veränderung für den Verein ergeben wird, ist zurzeit offen. Es gibt Bestrebungen innerhalb der Politik der Gemeinden, die ein solches Zentrum befürworten, aber es gibt eben auch diejenigen, die ein solches Unternehmen für zu kostenaufwändig halten.

Faktor Mensch

Land - Stadt

Immer wieder stellt sich die Frage, ob Menschen, die auf dem Land leben, anders sind als Städter*innen und ob deshalb die Kulturelle Bildung anders geartet sein müsste? Das ist sicherlich eine interessante Frage für die Forschung in der Soziologie und Psychologie.

Die Freude an der Teilnahme kultureller Angebote und die Motivation, sich künstlerisch auszudrücken, basiert auf menschlichen Wünschen und Instinkten, die nicht durch regionale Bedingungen entstehen. Dies lebt in uns allen, da wir Menschen sind. Allerdings werden Wünsche und Bedürfnisse durchaus durch äußerliche Reize geweckt und motiviert. Kunst und Kultur für sich selbst zu entdecken, ist auf dem Land, bedingt auch durch die reduzierten Angebote der sogenannten Hochkultur, die zumeist in Theatern, Museen, Opernhäusern und Konzertsälen dargeboten wird, sehr viel schwieriger als in einer Stadt. Insofern sind nicht die Menschen andere, die dort leben, aber die Bedingungen sind komplett anders. Wäre es politisch gewünscht, eine gleiche Form Kultureller Bildung auf dem Land zu erreichen wie in großstädtischen Zentren, dann bedürfte es einer sehr großen Investition. Dies umzusetzen, ist illusorisch. Dennoch wäre es sicherlich überlegenswert, eine bessere Vernetzung sowohl der Hochkultur mit der Soziokultur als auch der städtischen Hochkultur mit der ländlichen Kultur zu initiieren. Dies könnte z.B. durch Förderung von Hochkultur-Reise-Angeboten auf dem Land erfolgen. Doch auch würden Menschen gebraucht, die für einen Besuch der Angebote der Hochkultur motiviert sind. Auch Kulturelle Bildung funktioniert, genau wie alle anderen Bildungsformen, nicht von allein. Zwar sind es keine Lehrkräfte, die die Vermittlung übernehmen, aber dennoch braucht es wissende Akteure.

Das Besondere

Die LAK erfuhr auf dem Land von Beginn an Akzeptanz durch die hohe Qualität ihrer Angebote. Bei der Gründung 1982 bürgte allein die Tatsache, dass die Gründer Professoren waren, für entsprechende Hochwertigkeit. Die politischen Entscheidungsträger auf dem Land hätten kaum Argumente finden können, das Ansinnen der Hochschule aus Emden auszuschlagen. Lediglich die vorhandene Skepsis Neuem gegenüber galt es in der Bevölkerung zu überwinden. Die Tatsache, dass die Jugendlichen über geförderte Maßnahmen durch die Arbeitsagentur zugewiesen wurden, hat sicherlich in der handwerklichen Sparte geholfen. Doch es funktionierte auch für den Musikbereich. Für die Menschen in den Dörfern war es etwas Besonderes und Außergewöhnliches, in derartige Musikprojekte einzusteigen, die keinerlei musikalische Vorkenntnisse erforderten und somit ohne einen vorherigen Besuch der teuren und weit entfernten Musikschule wahrgenommen werden konnten. Das hatte Charme und einen hohen Motivationsfaktor. Dies erklärt das schnelle Wachstum der LAK.

Dieser Verein war in seiner Form einzigartig und für die Gemeinde Krummhörn weit ausstrahlend. Insofern begründet sich, dass sich bei den Verantwortlichen der Gemeinde sehr schnell die Prämisse bildete, dass dieser Verein unbedingt erhalten werden muss. Inzwischen agieren in der LAK schon drei Generationen nebeneinander. Viele Kinder und Jugendliche fanden durch Gruppen und Projekte der LAK Zugang zur Kunst. Einige studierten und studieren Musik. Das Modell trägt sich immer noch. Nach wie vor ist es die Qualität, die die LAK mit ihren Angeboten auszeichnet.

Menschen entscheiden sich für die LAK, wenn ihre persönlichen und individuellen Erwartungen erfüllt werden. Diese Bedürfnisse der Menschen entspringen dem Zeitgeist. Daher ist es für die LAK unerlässlich, sich fortwährend neu zu definieren und zu verändern. Das Ziel, Kulturelle Bildung für alle zu ermöglichen, ist dabei nicht aus dem Fokus zu verlieren.

Faktoren des Gelingens

Sollte der soziokulturelle Verein Ländliche Akademie Krummhörn-Hinte e.V. beispielhaft für langjährige erfolgreiche Kulturelle Bildung auf dem Land analysiert werden, würden sich wohl folgende Faktoren des Gelingens ergeben:

  1. Ein Zugangskonzept, das nahezu allen Menschen ein Mitwirken ermöglicht, nicht nur bezogen auf den künstlerischen Aspekt, sondern auch auf die finanziellen Möglichkeiten.
  2. Einsatz professioneller Kräfte, die Angebote erarbeiten, die die Teilnehmenden fördern, aber nicht überfordern.
  3. Erarbeitung von Alleinstellungsmerkmalen zur Steigerung der Attraktivität.
  4. Kooperationen mit anderen Bildungseinrichtungen.
  5. Zusammenarbeit und Einbeziehung politischer Entscheidungsträger*innen.
  6. Effizienter Einsatz von ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen sowie die richtigen Menschen mit ihren Kompetenzen am richtigen Ort.
  7. Entwicklung eines stabilen Finanzkonzeptes.
  8. Permanente Reflektion der Arbeit und der Angebote.
  9. Flexibilität, Kreativität und Krisenmanagement in Erneuerungsprozessen.
  10. Spaß und Freude an der Arbeit und beim Dabeisein.

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Gerne dürfen Sie aus diesem Artikel zitieren. Folgende Angaben sind zusammenhängend mit dem Zitat zu nennen:

Christine Schmidt (2018): Kulturelle Bildung auf dem Land: Erfahrungen aus der Praxis am Beispiel des Vereins „Ländliche Akademie Krummhörn-Hinte e.V.“ . In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/artikel/kulturelle-bildung-dem-land-erfahrungen-aus-praxis-beispiel-des-vereins-laendliche-akademie
(letzter Zugriff am 26.09.2018)

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