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Kulturelle Beteiligung – Studie über die Nutzung kultureller Angebote der Stadt Wien gibt exemplarisch Aufschluss über förderliche und hemmende Faktoren kultureller Teilhabe

von Daniel Schönherr / Florian Oberhuber (19. Jun. 2015) Erscheinungsjahr: 2015
Durchgeführt im Auftrag der Kulturabteilung der Stadt Wien von SORA -Institute für Social Research and Consulting

Wer nutzt welche kulturellen Angebote der Stadt Wien, und was sind die förderlichen und hemmenden Faktoren für kulturelle Beteiligung? Erstmals liefert eine vom österreichischen Sozialforschungsinstitut SORA (http://www.sora.at) im Auftrag der Kulturabteilung der Stadt Wien durchgeführte Studie einen Überblick über die konkrete Nutzung des kulturellen Angebots in Wien sowie über gruppenspezifische Unterschiede in der kulturellen Teilhabe. Die Studie verlief von Dezember 2014 bis März 2015 in drei Forschungsschritten. In einer Literaturrecherche wurden zunächst themenrelevante Studien und Publikationen aufgearbeitet. Im Anschluss daran erfolgte eine Auswertung der 2013 durchgeführten „Sozialwissenschaftlichen Grundlagenstudie II“, bei der mehr als 4.000 in Wien lebende Personen ab 15 Jahren telefonischu.a. zu ihren kulturellen Aktivitäten befragt wurden. In einem dritten Schritt wurden zwei Fokusgruppen mit kulturinteressierten WienerInnen ohne Matura durchgeführt, die weiteren Aufschluss über förderliche und hemmende Faktoren für die kulturelle Teilhabe lieferten.

Hintergrund: Kulturelle Beteiligung

Die nicht immer präzise Verwendung des Kulturbegriffs in bisherigen Studien und Publikationen zur kulturellen Teilhabe erschwert eine definitive Einordnung des behandelten Gegenstands, denn in Folge ist zumeist auch der Begriff der „kulturellen Teilhabe“ nur auf den ersten Blick klar definiert. Die doppelte Wortbedeutung des Begriffs „Kultur“, der sowohl weit im Sinne allgemeiner kultureller, eigentlich gesellschaftlicher Praktiken, andererseits aber auch eng im Sinne künstlerisch-kultureller Praktiken verstanden werden kann, schwingt z.B. in der Definition von „kultureller Teilhabe“ der UNESCO mit, wenn dort von Tätigkeiten, „die innerhalb der Gemeinschaft durchgeführt werden“, ebenso gesprochen wird wie von der „Teilnahme an formellen und kostenpflichtigen Ereignissen“.

Die vorliegende Studie zur kulturellen Beteiligung in Wien folgt einem eng gefassten Kulturbegriff: ihr liegt jene Auffassung von „Kultur“ zugrunde, die im direkten Zusammenhang mit der „Teilnahme an formellen und kostenpflichtigen Ereignissen“ steht. Eine nützliche Definition kultureller Beteiligung liefert Morrone (2006), indem er die Ausübung kultureller Aktivitäten orts- und soziokulturell unterscheidet:

Abbildung: Kulturelle Beteiligung (nach Morrone, 2006)

Die vorliegende Studie versuchte zwar, alle drei Arten der kulturellen Teilhabe sowie ihre unterschiedlichen Ausprägungen zu berücksichtigen, spätestens in der Sekundärdatenauswertung der Daten der „Sozialwissenschaftlichen Grundlagenstudie II“ aber fokussiert sie auf jene „culture de sortie“, die sich als aktive bzw. passive kulturelle Praktiken zum Konsum künstlerisch-kultureller Inhalte äußern.

Hohe kulturelle Beteiligung in Wien

Nur 6% der WienerInnen haben in den vergangenen zwölf Monaten keines der abgefragten kulturellen Angebote besucht. Hochgerechnet nehmen damit rund 1.4 Mio. WienerInnen an mindestens einer der abgefragten kulturellen Aktivitäten teil. Ein Viertel aller WienerInnen besucht zwei oder drei Angebote, mehr als die Hälfte zwischen vier und sechs und 7% nehmen sogar an allen abgefragten Kunstsparten teil.

Musikveranstaltungen und Kinos werden von mehr als 70% der WienerInnen mindestens ein Mal im Jahr besucht, Theater und Ausstellungen von rund 60%, Veranstaltungen wie z.B. Film- oder Musikfestivals von rund der Hälfte. Bezirksfeste und Lesungen werden am seltensten, aber immerhin auch noch von rund 40% der WienerInnen zumindest ein Mal im Jahr besucht.

Abbildung: Kulturelle Beteiligung in Wien

Junge WienerInnen und Höherqualifizierte besonders kulturaktiv

Deutliche Unterschiede in der kulturellen Beteiligung zeigen sich zunächst nach Alter: So sind Unter-30-Jährige überdurchschnittlich kulturaktiv, nur 1% hat keine einzige kulturelle Veranstaltung, jede/r Zehnte hingegen alle sieben abgefragten Kultursparten in den vergangenen zwölf Monaten mindestens ein Mal besucht. Dieses Ausmaß der Kulturnutzung schränkt sich mit zunehmendem Alter deutlich ein.

Neben dem Alter erweist sich der Bildungshintergrund als wichtiger Einflussfaktor: Personen mit Matura oder Studienabschluss haben zu rund 10% an allen, zu rund zwei Drittel an mindestens vier kulturellen Angeboten teilgenommen, kaum einer zählt zu den NichtnutzerInnen. Demgegenüber fallen Menschen mit maximal Pflichtschul- oder Lehrabschluss durch eine geringere kulturelle Teilhabe auf. Dass sie jedoch vollständig ‚kulturfern‘ sind, kann nicht bestätigt werden: 89% der Personen mit maximal Pflichtschulabschluss haben mindestens ein kulturelles Angebot im letzten Jahr besucht, Personen mit Lehrabschluss sogar zu 93%.

MigrantInnen der zweiten Generation besonders kulturaktiv

MigrantInnen der ersten Generation nehmen etwas seltener an kulturellen Veranstaltungen teil als Befragte, deren Eltern zwar noch im Ausland, die selbst aber schon in Österreich geboren wurden. Deutlich werden die generationsbedingten Unterschiede z.B. bei Theaterbesuchen: Während zwei Drittel der Befragten ohne Migrationsgeschichte und rund 60% der migrantischen Befragten in zweiter Generation in den vergangenen 12 Monaten zumindest ein Mal im Theater waren, trifft das nur auf 49% der MigrantInnen der ersten Generation zu.

Auffallend ist, dass MigrantInnen der zweiten Generation insgesamt sogar etwas kulturaktiver sind als Personen ohne Migrationshintergrund. Dabei haben die Fokusgruppen gezeigt, dass kulturelle Teilhabe gerade für kulturinteressierte Personen mit Migrationshintergrund eng an andere Teilhabeformen und Möglichkeiten der (informellen) Weiterbildung geknüpft ist. Der Besuch von kulturellen Angeboten wie z.B. Ausstellungen oder Theaterabenden wird von MigrantInnen als Möglichkeit, Neues kennenzulernen, den eigenen Horizont zu erweitern oder auch zur Integration im Sinne der Teilhabe an der österreichischen Kultur gesehen und genutzt.

Abbildung: Kulturelle Beteiligung in Wien nach Migrationshintergrund

Typen kultureller Beteiligung in Wien: von den „Inaktiven“ bis zu den „überaus Kulturaktiven“

Insgesamt lassen sich vier Typen der kulturellen Teilhabe aus den Daten herauslesen. Etwas mehr als jede/r zehnte Wiener bzw. Wienerin lässt sich den „überaus Kulturaktiven“ zuordnen, die am wenigsten zwischen den einzelnen kulturellen Angeboten unterscheiden und de facto alle – von Kinofilmen über Theateraufführungen bis hin zu Lesungen und Bezirksfesten – mehrheitlich nutzen. Rund 30% zählen zu den „partiell Kulturaktiven“, die populärkulturelle Angebote eher präferieren, d.h. besonders häufig ins Kino und auf Bezirksfeste oder -festivals gehen, traditionell hochkulturelle Angebote jedoch seltener besuchen als der dritte Typ der „traditionell Kulturaktiven“. Diese machen 17% der Stichprobe aus und besuchen am häufigsten Konzerte, Ausstellungen, Theaterabende und Lesungen. Der vierte Typ charakterisiert sich im Vergleich zu den anderen drei Gruppen durch eine lediglich sporadische und eingeschränkte Nutzung kultureller Angebote. Nur Konzerte und Kinofilme werden von der Mehrheit dieser „weitestgehend Kultur-Inaktiven“ zwar besucht, in der Regel aber nur ein bis zwei Mal pro Jahr. Rund 40% der WienerInnen gehören dieser Gruppe an.

Abbildung: Typen kultureller Beteiligung in Wien

Soziale Herkunft entscheidet über kulturelle Beteiligung

Während sich die vier Kultur-Typen teils deutlich nach Geschlecht, Alter und Migrationshintergrund voneinander unterscheiden, erweist sich vor allem die soziale Herkunft als starker Prädiktor für Art und Ausmaß der späteren kulturellen Beteiligung. Gerade die Gruppe der „traditionell Kulturaktiven“ stellt jenes Kulturpublikum dar, dem der französische Soziologe Pierre Bourdieu den „legitimen Geschmack“ zuschreiben würde, d.h. Personen der zumeist höheren sozialen Schichten, die sich auf hochkulturelle Kulturangebote (Theater, Lesungen, Ausstellungen) verständigen. Ob jemand zu dieser Gruppe gehört oder nicht, dafür ist oftmals schon die soziale Herkunft entscheidend. Haben die Eltern beide keine Matura, dann verringern sich die Chancen darauf deutlich – auch wenn die Person selbst z.B. eine höhere Schule besucht hat. Umgekehrt sind Befragte, die aus einem bildungsnahen Elternhaus stammen, später grundsätzlich kulturaktiver. Die soziale Herkunft, d.h. die kulturelle Bildung, die eine Person bereits in der Kindheit im Elternhaus vermittelt bekommt, ist damit ausschlaggebend für ihre spätere kulturelle Beteiligung. Diese hohe Relevanz des Elternhauses hat sich auch in den Fokusgruppen gezeigt: Viele erzählten, wie es das Interesse oder die Begeisterung von Eltern, Großeltern oder anderen Verwandten war, durch die sie schon in der Kindheit mit kulturellen Aktivitäten in Berührung kamen.

Abbildung: Typen kultureller Beteiligung in Wien nach sozialer Herkunft und Bildungsabschluss

Kulturelle Bildung in der Schule eröffnet potentiell Zugänge und baut Barrieren ab

Dass Personen aus bildungsferneren Schichten, die selbst ebenfalls maximal Lehrabschluss haben, mehrheitlich zur Gruppe der „Kultur-Inaktiven“ zählen, legt den Schluss nahe, dass die in den heimischen Schulen vermittelte kulturelle Bildung die sozialen Ungleichheiten im Zugang zu kulturellen Angeboten nicht ausreichend auszugleichen vermag. Dass die Schule umgekehrt auch prägend für das eigene kulturelle Interesse sein kann, haben die Erinnerungen der TeilnehmerInnen der Fokusgruppen gezeigt. Diese berichteten von zahlreichen Ausflügen, Konzert- und Theaterbesuchen, die sie in ihrer Schulzeit unternommen haben – und selbst wenn sie nicht an allen gebotenen Aktivitäten damals interessiert waren, so haben sich potentielle Zugangsbarrieren durch die reine Kenntnis der Angebote dadurch im späteren Erwachsenenleben abgebaut.

Kulturelle Teilhabe als Indikator sozialer In- bzw. Exklusion

Während Armut lange Zeit als zentraler Indikator für soziale Ungleichheiten galt, haben sich die Diskussionen in jüngerer Zeit verstärkt auf die Frage weiterer Erscheinungsformen und Erfahrungsweisen sozialer Ungleichheiten verlagert. Derart rückten die vielfältigen Gestalten, die der Verlust sozialer Inklusion annehmen kann, in den Vordergrund des Interesses. In Zuge der vorliegenden Studie konnte etwa ein starker Zusammenhang zwischen dem Arbeitsmarktstatus und der kulturellen Teilhabe einer Person nachgewiesen werden, d.h. erwerbslose Personen sind mehrheitlich kultur-inaktiv. Im direkten Zusammenhang damit steht das ökonomische Kapital: Reicht das Haushaltseinkommen nur noch knapp oder gar nicht mehr aus bzw. liegt das Haushaltseinkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle, steigt der Anteil an „Kultur-Inaktiven“ auf mehr als die Hälfte an.

Aber auch die politische Partizipation zeigt Zusammenhänge mit der kulturellen Teilhabe: Menschen, die sich politisch z.B. in Vereinen engagieren, zählen wesentlich häufiger zum Kulturpublikum als jene, die keine politische Teilhabe aufweisen. Dieser Zusammenhang zeigt sich auch umgekehrt.

Und schlussendlich zeigen sich auch deutlich positive Zusammenhänge zwischen der kulturellen Teilhabe und der Lebenszufriedenheit in all ihren Facetten, sei es die Zufriedenheit mit den Freizeitmöglichkeiten, den sozialen Kontakten, der beruflichen Tätigkeit oder sogar dem Gesundheitszustand.