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Kultur- und Kreativwirtschaft

von Andreas Kohlmann  Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Begriffsklärung, Entstehungs- und Begründungszusammenhang

Die Kultur-­ und Kreativwirtschaft (KuK) ist die gesamtgesellschaftliche Wertschöpfungskette der Erzeugung, Herstellung und Verbreitung von Dienstleistungen und Waren, die Kreativi­tät und intellektuelles Kapital als vorrangige Inputfaktoren zur Erstellung von Leistungen nutzen. Haupterlösquelle der KuK sind der Handel und Verkauf von Immaterialgüterrechten. Die Wertschöpfungskette der KuK umfasst aus gesamtgesellschaftlicher Sicht sowohl privatwirtschaftliche, an Erwerbszielen orientierte Akteure, als auch gemeinwirtschaftliche Akteure, deren Ziele an gesellschaftspolitischen Zielsystemen ausgerichtet sind (UNESCO/UNCTAD 2008:13).

Zur statistischen Messung der KuK existiert international kein einheitliches Modell. Bei der Rezeption von KuK-Studien muss das jeweilige Referenzmodell deswegen Beachtung finden (UNESCO/UNCTAD 2008:11ff.). In Deutschland umfasst die KuK die folgenden elf Teilmärkte: Architektur, Buch, Design, Film, Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Musik, Presse, Rundfunk, Software/Games und Werbung. Die Bruttowertschöpfung der KuK betrug in Deutschland im Jahr 2009 schätzungsweise 2,6 % des BIP (Söndermann 2009:4). Der weltweit größte Exporteur für Waren der KuK ist China mit einem Anteil von 20,8 % am globalen Weltmarkt im Jahr 2008, gefolgt von den USA mit einem Anteil von 8,6 % (UNESCO/UNCTAD 2010:132).

In Deutschland ist der gesellschaftliche Diskurs zur KuK erst in jüngerer Zeit durch die Empfehlungen der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt (Deutscher Bundestag 2007b:333). International lässt sich der Diskurs zur Kultur­- und Kreativwirtschaft in eine Entwicklungslinie globaler kulturpolitischer Leitideen einreihen, der mit einer zunehmenden Ausdehnung des Kulturbegriffes qua Hochkultur zu einem weiten Kulturbegriff parallel läuft und mit einer Operationalisierung kulturpolitischer Prozesse verbunden ist. Einen Höhepunkt dieser Entwicklungen bildet der erste globale Bericht zur Kreativen Ökonomie der UNESCO im Jahr 2008 (UNESCO & UNCTAD 2008).

Verortung im Feld der Kulturellen Bildung und Gegenstandsbeschreibung

Die KuK ist mit dem gesellschaftlichen System der Kulturellen Bildung in zweierlei Weise verschränkt. Erstens sind die Akteure der Kulturellen Bildung als KonsumentInnen auf den Märkten der KuK aktiv und tragen dort zur Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen bei. Zweitens sind die Akteure der Kulturellen Bildung selbst als ProduzentInnen von Dienstleis­tungen und Waren innerhalb der Angebotskette der KuK einzuordnen. Die Beziehung der Kulturellen Bildung zur Wertschöpfungskette der KuK lässt sich deswegen treffend mit dem Kunstwort Prosument bezeichnen (Toffler 1982).

Die konkrete Organisation des Systems der Kulturellen Bildung innerhalb der Wertschöp­fungskette der KuK ist systematisch bisher unerforscht. Aus phänomenologischer Sicht lässt sich feststellen, dass die Prosumentenrolle des Systems der Kulturellen Bildung durch ihr Nachfrageverhalten die Ausformung eines Bildungsprogramms bewirkt, während ihr Produzentenverhalten Bildungseffekte innerhalb der Leistungserstellungsprozesse der KuK hervorruft. Zur empirischen Beschreibung des Systems der Kulturellen Bildung an der Schnittstelle zur KuK ist eine Untergliederung in ein Bildungsprogramm und ein System der Bildungseffekte entsprechend angemessen.

Eine Untersuchung des Bildungsprogramms der Kulturellen Bildung kann Aufschluss dar­ über geben, in welcher konkreten Zusammensetzung sich das System der Kulturellen Bildung an den elf verschiedenen Teilmärkten der KuK bedient. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit für regionale bzw. internationale Vergleichsstudien. Des Weiteren ist bei Betrachtung der Kon­sumentenseite der Kulturellen Bildung die Frage der Qualifizierung von Dienstleistungen zu erörtern, um zu erkunden, inwieweit unterschiedliche Qualitätsaspekte der Dienstleis­tungserbringung eine Rolle im Leistungserstellungsprozess der Kulturellen Bildung spielen. Betrachtet man das System der Kulturellen Bildung von der Produzentenseite her, so ist einerseits zu klären, wie sich die Akteure der Kulturellen Bildung in bestehende Klassifikati­onssysteme und Datenmodelle der KuK eingliedern lassen. Andererseits ist das System der Kulturellen Bildung als Produzentin von Bildungsleistungen ein Teilspektrum des allgemeinen Bildungsangebots einer Gesellschaft. Eine Erfassung der Leistungserstellungsprozesse der Akteure der Kulturellen Bildung im Kontext der KuK kann damit Erkenntnisse liefern, welche gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfungseffekte das System der Kulturellen Bildung bewirkt und welche Auswirkung das System der Kulturellen Bildung auf das gesamtwirtschaftliche Nachfrage­- und Investitionsverhalten hat.

Wissenschaftsbezug und Theorien

Der Bedeutungszuwachs der Kultur-­ und Kreativwirtschaft ist ein Zeichen für den gesamtge­sellschaftlichen Wandel von Industrie-­ zur Wissensökonomien. Populär wurde diese Betrach­tung erstmals durch den Engländer John Howkins, der in seinem Buch „The Creative Economy“ die Strukturen der Kreativen Ökonomie umreißt (Howkins 2002). Howkins verweist darin auf das hohe Ausmaß immaterieller Vermögenswerte im Kontext von Wissensgesellschaften einerseits, andererseits auf den hohen Stellenwert des Faktors Kreativität bei der Erzeugung neuen Wissens und innovativer Ideen und zeigt damit erstmals die volkswirtschaftliche Be­deutung der KuK in einer globalen Gesamtdarstellung auf (siehe Gisela Ulmann „Kreativität und Kulturelle Bildung“).

Innerhalb dieses gesamtwirtschaftlichen Rahmens verortet sich ebenfalls die Untersu­chung „The Rise of the Creative Class“ des Amerikaners Richard Florida (Florida 2002). Flori­da berechnet in seiner Studie einen Indexmaß zur näherungsweisen Abbildung der kreativen Ressourcen einer Gesellschaft und kann damit regionale Wachstumsunterschiede erklären. Floridas Kreativitätsindex ist aus diesen Gründen ein wichtiges Maß für wissenschaftliche Untersuchungen zur Messung des Potentials einer Gesellschaft, Kreativität in ökonomisch relevante Wachstumsoptionen zu transferieren. Zur Einordnung und Reflexion der KuK ist eine weitere theoretische Perspektive relevant, die sich diesem gesellschaftlichen Wandel unter dem Begriff der „Experience Economy“ (dt. Erfahrungsökonomie) nähert. Vorreiter dieser Perspektive sind die Autoren Joseph Pine II und James H. Gilmore, die in ihrem Buch „The Experience Economy“ die These vertreten, dass Gesellschaften mit zunehmendem Wohlstand dazu übergehen, neben Waren und Dienstleistungen auch Erfahrungen zu kapi­talisieren und in Güterform zu tauschen (Pine/Gilmore 1999). Erfahrungen sind für Pine und Gilmore eine Form ökonomischer Wertschöpfung, die zwar Bestandteil aller wirtschaftlichen Transaktionen ist, aber erst in modernen Gesellschaften in ausdifferenzierter Form auftritt.

Die Autorengruppe Albert Boswijk, Thomas Thijssen und Ed Peelen erweitern die theore­tische Perspektive der Erfahrungsökonomie und sehen sie mit einem neuen Koordinations­prinzip verbunden, das sie als „dialogische Selbststeuerung“ bezeichnen (Boswijk u.a. 2007). Darunter verstehen sie eine Ordnung wirtschaftlicher Transaktionen, die auf kooperativer Ko-Kreation von Erfahrungen beruht. Dementsprechend verstehen die Autoren Erfahrung als kontinuierlichen Interaktionsprozess der Handlung und Reflexion, welcher für Individuen einen sinnhaften Bedeutungshorizont in ihrem Lebensraum entwickelt. Erfahrungen ver­mitteln Individuen dadurch neue Betrachtungsperspektiven auf die Welt bzw. sich selbst (Boswijk u.a. 2007:24).

Herausforderungen an der Schnittstelle von KuK und Kultureller Bildung

Die gesellschaftlichen Entwicklungen im Kontext der KuK und ihre theoretische Reflexion durchbrechen tradierte Überzeugungen an der Schnittstelle von Wirtschaft und Kultur. In Wissensgesellschaften, deren Produktionssystem hauptsächlich auf dem Austausch imma­terieller geistiger Güter aufbaut, bilden Kreativität und Ökonomie keinen unüberbrückbaren Graben, sondern werden durch einen gemeinsamen Interessensmechanismus verbunden, dessen Form noch weitestgehend unbekannt ist. Der Begriff des „Innovationstausches“ des Kunsttheoretikers Boris Groys liefert einen Versuch, sich explizit mit der Schnittstelle von Kreativität und Ökonomie auseinanderzusetzen (Groys 2004).

Die Entwicklungen der KuK betreffen jedoch auch ganz praktisch das System der Kul­turellen Bildung; denn während es sich im Kontext der Industriegesellschaften zu Recht als Eigensystem aufstellt, zerfließen diese Grenzen in Ökonomien, die vornehmlich durch symbolische Prozesse organisiert sind (Dolgin 2010). Eine Erforschung der Akteure der KuK an der Schnittstelle zum System der Kulturellen Bildung kann deswegen helfen, die spezifischen Muster der Interdependenzbewältigung innerhalb dieses gesellschaftlichen Feldes samt seiner sozialen Ordnungen zu verstehen. Darauf aufbauend wird es möglich, Lösungsvorschläge für eine Governance der Kulturellen Bildung zu formulieren, die einerseits gemein-­ und privatwirtschaftliche Akteure miteinander koordiniert und sich andererseits der Herausforderungen einer gesellschaftlich sich wandelnden Umwelt bewusst ist.

Ausblick

Es ist in Zukunft wünschenswert, den politischen Elan rund um die KuK zu nutzen, um wissen­schaftlich orientierte Forschungsvorhaben im Kontext der KuK anzustoßen, gerade auch an der Schnittstelle zum System der Kulturellen Bildung. Erkenntnisse zu einer kritisch reflektierten Funktionsweise der KuK, die eine freiheitliche Gesellschaftsentwicklung zulässt, sind jedoch ausschließlich im interdisziplinären Diskurs zu gewinnen. Als Hilfswissenschaft kann die Ökonomie den Akteuren der Kulturellen Bildung dazu dienen, die prekären, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Kulturellen Bildung auf wertungsoffene Faktoren zurückzuführen und wissenschaftlich geleitete Empfehlungsvorschläge der Gegensteuerung auszuarbeiten. Denn nur ein wirtschaftswissenschaftlich fundierter Forschungskontext kann garantieren, dass die ökonomischen Effekte Kultureller Bildung erkannt und durch intersubjektiv mess­bare Ursache-­Wirkungszusammenhänge erklärt werden. Insbesondere in einem zunehmend globalisierten Kontext der Kulturpolitik kann eine systematische ökonomische Forschung z.B. dann auch die spezifisch deutschen best practices der Kulturpolitik herausarbeiten, ohne die Notwendigkeit eines bestimmten Kulturmodells voraussetzen zu müssen. Die kulturwissen­schaftliche Forschung darf sich deswegen vor der Verwendung wirtschaftswissenschaftlicher Instrumentarien nicht versperren. Kann es der wissenschaftlichen Gemeinschaft deshalb gelingen, die gedanklichen Hürden in der gemeinsamen Kommunikation zu überwinden, dann kann die gemeinsame Erforschung der KuK und der Kulturellen Bildung in Zukunft mit Sicherheit einen wichtigen Beitrag zur Gestaltung einer kreativen Gesellschaft leisten.

Verwendete Literatur

  • Boswijk, Albert/Thijssen, Thomas/Peelen, Ed (2007):

    The Experience Economy. A New Perspective. Amsterdam: Pearson.

  • Deutscher Bundestag (Hrsg.) (2007):
    Schlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“. Drucksache 16/7000. Berlin.
  • Dolgin, Alexander (2010):

    The Economics of Symbolic Exchange. Berlin u.a.: Springer.

  • Florida, Richard (2002):

    The Rise of the Creative Class. New York: Basic Books.

  • Groys, Boris (2004):

    Über das Neue. Versuch einer Kulturökonomie (3. Auflage). Frankfurt/M.: Fischer.

  • Howkins, John (2002):
    The Creative Economy. How People Make Money From Ideas. London: Penguin Press.
  • Pine II, James/Gilmore James H. (1999):
    The Experience Economy. Work is Theatre and Every Business a Stage. Boston: Harvard Business School Press.
  • Söndermann, Michael (2009):
    Monitoring zu ausgewählten wirtschaftlichen Eckdaten der Kultur- und Kreativwirtschaft 2009. Kurzfassung. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie: For­schungsbericht Nr. 589.
  • Toffler, Alvin (1982):
    Die dritte Welle. Zukunftschance. Perspektiven für die Gesellschaft des 21. Jahr­hunderts. München: Goldmann.
  • UNESCO & UNCTAD (2010):
    Creative Economy Report 2010. Creative Economy: A Feasible Development Option. United Nations.
  • UNESCO & UNCTAD (2008):
    Creative Economy Report 2008. The Challenge of Assesing the Creative Economy. Towards Informed Policy-making. United Nations.

Anmerkungen

Dieser Text wurde erstmals im Handbuch Kulturelle Bildung (Hrsg. Bockhorst/ Reinwand/ Zacharias, 2012, München: kopaed) veröffentlicht.