Klubhaus der Gewerkschaften „Joliot Curie“ Riesa: Was war? Was bleibt von der Kulturarbeit in der DDR?

Artikel-Metadaten

von Birgit Wolf

Erscheinungsjahr: 2025

Peer Reviewed

Abstract

Kulturhäuser und Klubhäuser waren wichtige kulturelle, gesellige und gesellschaftliche Orte in der DDR und entstanden zumeist in den 1950er Jahren in unmittelbarer Nähe zu Volkseigenen Betrieben (VEB) oder Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG). Der VEB Rohrkombinat Stahl- und Walzwerk Riesa war das größte metallurgische Kombinat der DDR mit etwa 12.500 Werktätigen. 1950 wurde unweit vom Stahl- und Walzwerk das Klubhaus der Gewerkschaften „Joliot Curie“ eröffnet. Getragen wurde es von der Kombinatsgewerkschaftsleitung, dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB). Mit jährlich um die 320.000 Besucher*innen war das Klubhaus DER Kulturort in Riesa und der Region. Mit dem Beitritt der DDR zur BRD 1990 verschwand nicht nur der VEB, es erlosch auch die finanzielle Unterstützung des Stahl- und Walzwerkes für das Klubhaus. Es musste schließen.

Der Wandel von zentralistischen zu föderalen, pluralistischen Strukturen in der Kulturarbeit zweier unterschiedlicher politischer Systeme wird folgend am Beispiel des Klubhauses „Joliot Curie“ geschildert. Fast 35 Jahre nach dem Beitritt der DDR zur BRD gehen Studierende der Universität Hildesheim während eines Lehrforschungsseminars auf Spurensuche in Riesa und erforschten die Geschichte(n) des Klubhauses in der DDR über die Wendezeit bis zur Gegenwart. Neben Primär- und Sekundärquellen basiert der Artikel auf Interviews mit acht Zeitzeug*innen, die durch die Zusammenarbeit mit Sprungbrett e.V. und dem Stadtmuseum Riesa ermöglicht wurden. Als pars pro toto bietet die Geschichte(n) um das Klubhaus in Riesa Perspektiven auf die ostdeutsche Geschichte und Gegenwart. 

Riesaer Wendegeschichten: Spurensuche

Regionale Geschichte(n) der Wendezeit wurden bis vor kurzem selten in der wissenschaftlichen und bundesdeutschen Öffentlichkeit wahrgenommen. Wenig ist über die Geschichte und den Verbleib der breitenkulturellen Einrichtungen der DDR bekannt. Eine solche Aufarbeitung der Geschichte der Nachwendezeit glückte beispielsweise in der Zusammenarbeit der Stadt Riesa, dem Stadtmuseum Riesa und Sprungbrett e.V. zum Jubiläum 30 Jahre Deutsche Einheit mittels des Projektes „Riesaer*innen auf dem Weg in die Deutsche Einheit“. So wurden 2021 im Stadtmuseum Riesa die Ausstellungen Schicksal Treuhand – Treuhand Schicksale“ und „Riesa auf dem Weg ins vereinte Deutschland“ gezeigt. Überraschend groß war die Resonanz der Besucher*innen. In Gesprächsrunden (Erzählsalons) wurde deutlich, dass „bei vielen Menschen der Stadt die Jahre der Wende- und Nachwendezeit heute noch immer sehr präsent sind. Obwohl die Wiedervereinigung für viele Menschen eine positive Entwicklung bedeutete, ist vieles Negative noch nicht aufgearbeitet“ (Riesa Wendegeschichte), resümiert der Projektleiter Martin Tritschler.

In diesen Erzählsalons, in Gesprächen mit den Riesaer*innen tauchte immer wieder das Klubhaus „Joliot Curie“ auf. Dieses Klubhaus war in der jüngsten Stadtgeschichte ein weißer Fleck. Nichts erinnerte mehr an die Vielfalt der Zirkelangebote, an die ca. 30 kontinuierlich stattfindenden handwerklichen und künstlerischen Werkstätten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ebenso wie die Konzerte, Lesungen und Tanzabende, die das Klubhaus weit über die Grenzen der Stadt hinaus zum Kulturort gemacht hatten. Sprungbrett e.V. eröffnete daher 2022 im Zentrum der Stadt einen PopUp-Shop mit Fotos und Dokumenten, der Riesaer*innen einlud, Bilder, Objekte und vor allem ihre Geschichten zum Klubhaus „Joliot Curie“ einzubringen. Diese Sammlung bot den Grundstock der Ausstellung „KULTURARBEIT großgeschrieben. Zur Geschichte des Klubhauses ‚Joliot Curie‘ im Stadtmuseum Riesa“, die von November 2022 bis April 2023 gezeigt wurde.

Im Wintersemester 2023/24 offerierte die Autorin das Lehrforschungsseminar „1990: Von zentralistischen zu pluralistischen Strukturen am Beispiel des Klubhauses der Gewerkschaften „Joliot Curie“ Riesa“ am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Im Zentrum des Seminars stand das Klubhaus „Joliot Curie“ mit seinen Angeboten zu DDR-Zeiten und den Entwicklungen nach 1990. Die Spurensuche führte die forschenden Studierenden und die Seminarleitung vor Ort nach Riesa: Die „Zeitkapsel“ Klubhaus wurde besucht, durch das Stadtmuseum geführt, Zeitzeug*innen interviewt. Die leitfadengeführten Interviews wurden mit dem ehemaligen Leiter des Bereichs Volkskunst, der Leiterin des Keramikzirkels und der Klubhausleiterin in der Wendezeit, dem Zirkelleiter Emaillieren sowie zwei Tänzerinnen des Volkskunstensembles und einem neuen Mitstreiter sowie der Leiterin des Stadtmuseums geführt – siehe Kasten –  und anschließend ausgewertet.

Im Fokus der Fragen standen Ziele, Angebote und Wirkungen der Kulturarbeit zu DDR-Zeit sowie Wege, (Förder-)Strategien und „Überlebenswille“ nach 1990: Warum schloss das Klubhaus? Welche Zirkel haben aus welchen Gründen die Transformation in die bundesdeutsche Trägerlandschaft geschafft? Wer waren die Protagonist*innen der Veränderungen? Wer nahm weiterhin die Angebote wahr? Welche Unterstützung gab es von wem in welcher Form? Und: Welche Erkenntnisse kann man daraus für gegenwärtige Transformationen generieren? Hierzu wurde der Bogen von der DDR-Zeit über die Wendezeit bis zur Gegenwart gespannt. Ergänzt wurde das Seminar durch Tonaufnahmen zur Geschichte des Klubhauses „Joliot Curie“ (vgl. https://riesa-wendegeschichten.net/projekte/klubhaus/) sowie gerahmt mit einem theoretischen Überblick zu kulturpolitischen Programmen und Strukturen der DDR und den gesellschaftlichen Transformationsprozessen in der Wendezeit. Auf Ergebnissen und Erkenntnissen der Primär- und Sekundärquellen, der Originaldokumente, der Mitschnitte des Riesaer Projektes und vor allem auf der systematischen Analyse der leitfadengeführten Zeitzeug*innen-Interviews basiert der folgende Artikel.

Kulturarbeit in der DDR >> Sinnvolle Freizeit für alle

„Zum Kulturhaus kommen die Menschen nach ihrer Arbeit, 
sie wandeln in hellen weiten Räumen, 
sehen ein Gemälde, eine Plastik, lesen ein Buch. 
In Hörsälen und Zirkeln weiten sie ihren Gesichtskreis, 
festigen ihre Überzeugung und das Rüstzeug für ihr berufliches Können. 
Sie schärfen in Diskussionen und gemeinsamem Spiel ihr Denken 
oder halten Feierabend im geselligen Kreis. 
Auf der Bühne und im Konzertsaal werden sie mit den Werken der Meister ihrer 
und anderer Völker bekannt und versuchen sich auch selbst in den Künsten.
Sie schauen die Welt, wie sie war und wie sie sein wird. 
Hier, in ihrem Kulturhaus, feiern sie würdig die Festtage der Nation. 
Sie werden mit Vertrauen, Wissen, Freude 
und mit Ehrfurcht vor den großen Leistungen der Menschheit erfüllt.“

Josef Kaiser (1954), Architekt u.a. des Kulturpalastes des VEB Maxhütte Unterwellenborn

In der DDR gehörten neben der Hochkultur die Breitenkultur, also die Amateur- oder Laienkultur, ebenso wie die Körperkultur – Sport –, Touristik und Alltagskultur zur staatlich geförderten Kultur. Kulturförderung und Kulturvermittlung waren seit 1968 in der Verfassung verankert: „Die Förderung der Künste, der künstlerischen Interessen und Fähigkeiten aller Werktätigen und die Verbreitung künstlerischer Werke und Leistungen sind Obliegenheiten des Staates und aller gesellschaftlichen Kräfte“ (Verfassung der DDR von 1968 Artikel 18 (2)).

3% der Bruttolöhne eines Betriebes mussten in Kultur- und Sozialausgaben investiert werden. Dies umfasste u.a. Brigadefeiern, Kinderferienlager oder eben das Kulturhaus. Insbesondere durch die betriebliche Kulturarbeit wurden die Werktätigen in die Zirkel und andere Angebotsformate eingebunden.

„Erstürmt die Höhen der Kultur!“ entsprach bereits dem Ideal der Arbeiterparteien der Weimarer Republik, insbesondere der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). An diesem Ideal orientierte sich auch der Arbeiter- und Bauernstaat: Sich die „Bildung und Kultur der bürgerlichen Klasse anzueignen und sich damit auf ein Niveau von kultureller Zeitgenossenschaft zu begeben, bedeutet nicht nur eine politische und ökonomische Klassenherrschaft zu erzielen, sondern auch Kulturelle Bildung als Teil des sozialistischen Menschenbildes zu betrachten. Die vollentfaltete sozialistische Persönlichkeit ist eben auch eine, die Künste rezipiert, für die Kultur ein Teil des Lebens ist“ (Thierse 2020:216). Dies zu erreichen, „erforderte im politischen System der DDR einen Dirigismus. Er wurde von oben nach unten durchgesetzt“ (Mohrmann 2020:241).

Die um 1950 geschaffenen Kulturhäuser waren ein Symbol des Aufbruchs in eine neue Zeit. Sie dienten der Umsetzung des Rechts auf Bildung, der Erziehung zur allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit – unabhängig von Herkunft und Wohnort. Im Sozialismus sollten alle die Freizeit sinnvoll nutzen, „als Zeit für die Entwicklung der Persönlichkeit und der sozialistischen Lebensweise außerhalb der Arbeit, die körperliche Erholung, geistige Tätigkeit, politische Aktivität, Geselligkeit und Lebensgenuss einschließt“ (Bönniger et al 1984:12). Schlüssel der DDR-Kulturpolitik war hierfür die betriebliche Kulturarbeit der Kulturhäuser, die sowohl die Rezeption von Kunst und Kultur als auch die ästhetische, künstlerische und handwerkliche Tätigkeit umfasste (vgl. Mandel/Wolf 2020:32) und Erwachsene, die Werktätigen, erreichte, aber auch in die Familien und Region hineinwirkte. Auf diese Weise „konnten sich viele entwickeln und haben Facetten an sich entdeckt, die sonst nie zu Tage gekommen wären“ (AH - Interviewpartner*innen siehe Kasten).

Klubhaus >> „Für den Kumpel nur das Beste. Larifari gibt es nicht!“

Kulturarbeit: Das Klubhaus des Stahl- und Walzwerks Riesa

In Riesa an der Elbe, zwischen Dresden und Leipzig gelegen, stand das mit ca. 12.500 Werktätigen größte metallurgische Kombinat der DDR, das VEB Rohrkombinat Stahl- und Walzwerk Riesa. Das Gros der Stahlwerker*innen kam anderorts her, fand in der auf 52.000 Einwohner*innen wachsenden Stadt ein neues Zuhause oder wohnte in den Dörfern des Umlands. Das Stahlwerk hatte einen großen Einfluss auf das tägliche und kulturelle Leben der Stadt. Jede Familie war irgendwie mit dem Stahlwerk verbunden. Der Betrieb wurde für viele eine Heimstätte. Auf dem Gelände befanden sich Kindergärten, Kantinen, eine Nähstube, Schuhmacherei, Fahrradreparaturwerkstatt, Sattlerei, Betriebspoliklinik, Betriebsberufsschule, Betriebsakademie sowie Betriebsportgemeinschaften, deren Fußballklub Stahl Riesa in der DDR-Oberliga – die höchste Spielklasse – spielte. Für den Urlaub unterhielt das Stahlwerk Ferienheime an der Ostsee, im Erzgebirge und der Sächsischen Schweiz. 1950 wurde das Klubhaus „Joliot Curie“ in unmittelbarer Nähe des Stahlwerks, in der Bahnhofstraße, eröffnet (Abb. 1). Der ehemalige Gasthof wurde umgebaut: ein großer Saal, Werkstätten für die Zirkelarbeit, Gaststätte und gegenüber die Bibliothek. Getragen wurde das Klubhaus von der Kombinatsgewerkschaftsleitung.

Abbildung_1
Abb. 1: Klubhaus „Joliot Curie“ in den 1960er Jahren 
© Stadtmuseum Riesa

Das Klubhaus war mit jährlich um die 320.000 Besucher*innen DER Freizeit- und Kulturort Riesas und der Region. Das Konzept beruhte auf vier Säulen:

  • Veranstaltungen
  • Volkskunstensemble „Joliot Curie“
  • Zirkel des künstlerischen Volksschaffens
  • Gewerkschaftsbibliothek.

Zum einem wurden auf dieser Grundlage mehr als 300 Veranstaltungen pro Jahr angeboten: von (Jazz-)Konzerten, Film- und Diaabenden, Lesungen, Vorträgen über Programme wie der „Bunte Weihnachtsteller“ bis hin zur Disko und „Zu zweit im Klub – Tanzabend für Verheiratete“. Zum anderen nahmen an den ca. 30 Zirkeln regelmäßig ca. 500 Aktive teil. Die Bandbreite der Zirkel reichte von Indianistik, Keramik, Malerei und Fotografie, Nähen über Floristik, dem Zirkel Schreibender Arbeiter, Textil- und Metallgestaltung bis hin zum Volkskunstensemble, das Orchester, Chor und Tanz verband. In den Zirkeln agierten Stahlwerker*innen u.a. mit Kindergärtnerinnen, Ärzt*innen und Buchhalter*innen auch aus anderen Betrieben der Stadt (vgl. MG): Menschen aus verschiedenen Milieus kamen zusammen. Die jährliche Ausstellung „Der Stahlwerker und seine Freizeit“ präsentierte Arbeiten von „Volkskünstlern der angeleiteten Zirkel und denen, die individuell zu Hause, im Keller oder im Schuppen gebastelt, geschnitzt, geklöppelt, gehäkelt und gestrickt haben“ (WZ).

Der Klubhausleiter stützte sich „auf die Mitarbeit einer Klubkommission, die von ihm gebildet“ (Bönniger et al 1984:17) wurde. Alle Mitarbeiter*innen des Klubhauses waren „Betriebsangehörige. Wir wurden vom Betrieb bezahlt“ (WZ). Neben den hauptamtlichen Mitarbeiter*innen arbeitete aus jeder Betriebsabteilung ein Vertreter ehrenamtlich in der Klubkommission mit. Dies waren die Kulturobmänner der Brigaden – die Teams, Abteilungen im Betrieb. Sie betreuten die Veranstaltungen technisch und personell, übernahmen Einlass- und Garderobendienste und nahmen die Kartenbestellungen der Brigaden entgegen. Diese Klubkommission war „unsere Stärke, diese Männer waren unser Juwel gewesen. Sie haben den Vorteil gehabt, die Künstler hautnah und kostenlos erleben zu können und brachten zudem ihre Frau oder Freundin mit“ (WZ).

Mit seiner vielfältigen Arbeit setzte das Klubhaus „Joliot Curie“ die kulturpolitischen Leitlinien der DDR um: In der DDR hatten „alle Bürger das Grundrecht auf Teilnahme am kulturellen Leben“ (Bönniger et al 1984:12). An alle – an Kinder, Jugendliche und Erwachsene – wurde ein (kultureller) Bildungsanspruch gestellt – quasi im Kontext des lebenslangen Lernens. Für die Werktätigen und deren Familien wurden Kulturveranstaltungen, Brigadefahrten ins Museum, ins Theater oder zur Kunstausstellung nach Dresden organisiert oder Filmtage für sozialistische Kollektive durchgeführt. Hierfür „musste es das Kino bezahlen, aber die Leute konnten kostenlos rein. Da wurden Filme gezeigt, die nicht immer im Kino liefen“ (WZ). Kinder- und Jugendchöre, Kinder- und Jugendtanzgruppen, -mal- und -keramikzirkel sprachen junge Menschen an. So besuchten die vier Keramikzirkel wöchentlich ca. 20 Kinder, 15 Jugendliche und 25 bis 30 Erwachsene (vgl. PS).

Kulturarbeit: Experimente zwischen Eigensinn und Enge

Riesa war Provinz. Doch verstand es der Klubhausleiter Herbert Risse, insbesondere internationale Jazzmusiker auf die Riesaer Bühne zu holen und diese so zum Mekka des Jazz im Elbtal zu machen. In Riesa traten die drei großen B’s des Jazz Chris Barber, Acker Bilk und Kenny Ball auf. Neben den bekannten DDR-Musiker*innen gastierten Peter Kraus, Hazy Osterwald, Katja Ebstein oder Jonny Hill in Riesa. Die Veranstaltungen waren zumeist kostengünstig – ab 3,50 Mark und konnten auch mal über 40 Mark kosten. Die größte und beliebteste Veranstaltung war jährlich der „Bunte Weihnachtsteller“, welche im Kino Capitol veranstaltet wurde, da es dort 750 Plätze gab.

Wie es gelang, Prominente nach Riesa zu holen, schildert Werner Zawischa, Leiter des Bereichs künstlerisches Volksschaffen, anhand des Besuchs des sowjetischen Schriftstellers Wladimir F. Popov. Sein Buch „Havarie im Stahlwerk“ erschien 1973. Die Erzählung glich der Situation im Stahlwerk Riesa. „Man konnte die Namen austauschen mit unserer Parteileitung oder irgendwelchen anderen Leuten, die sich reingehangen haben in ingenieurtechnische Aufgaben und keine Ahnung davon hatten, aber sagten: ‚So wird’s gemacht!‘“ (WZ) Popov sollte im Klubhaus lesen. Über den Schriftstellerverband der DDR war eine Einladung nicht möglich, so fuhr Herbert Risse selbst nach Moskau und lud Popov ein, der dieser Einladung folgte und in Riesa las. Daraufhin wollte „der Schriftstellerverband der DDR, dass Popov nach Berlin kommt. Alle wollten ihn und fragten: ‚Wie habt ihr das gemacht?‘ ‚Naja, einfach mit Menschen reden.‘ Solche Experimente haben wir gemacht, dafür waren wir bekannt. Das hat uns auch ein Image eingebracht gegenüber staatlichen Gremien“ (ebd.).

All dies stieß bei den Stahlwerker*innen und in der Stadt auf Wohlwollen: „‚Was sie machen, ist für uns, das ist gut.‘ Das hat uns Mut gemacht“ (WZ). Herbert Risse folgte seiner Devise: „Für den Kumpel nur das Beste. Larifari gibt es nicht!“ Das unkonventionelle Handeln Herbert Risses zwischen Wagemut und Rückhalt bei der Stahlwerkleitung, der Stadt, Partei und offenbar auch beim Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) ermöglichte dieses Vorgehen. „Allgemein gab es die Auffassung, dass man in einer bestimmten Position, wie der des Leiters eines Klubhauses, Mitarbeiter der Stasi sein musste. Es könnte sein, dass sein plötzlicher Weggang damit zu tun hatte. Ich kann das nicht belegen. Jedoch hatte Herr Risse die Tür zu seinem Büro immer offen, aber wenn bestimmte Leute zu Besuch kamen, hat er die Tür geschlossen“ (MG). Es stellt sich die Frage, ob und inwieweit Herbert Risse seinen Kopf hergehalten hat, um die größtmögliche Freiheit für die Kulturarbeit zu ermöglichen.

Kulturarbeit: Balanceakt zwischen staatlichen Vorgaben und eigenen Vorhaben

Das Klubhaus „Joliot Curie“ erhielt jährlich 360.000 Mark vom Stahl- und Walzwerk, wovon „etwa 120.000 Mark für die reine Kultur übrigblieb. Alles andere waren Gagen, Honorare, Betriebskosten, Heizung, Strom, Wasser“ (WZ). 35 Mitarbeiter*innen, also Klubhausleiter, Volkskunstensemble, Sekretärin, Bibliothekare, Reinigungskräfte wurden in den 1980er Jahren davon bezahlt (vgl. WZ). Diese finanziellen Mittel waren verbunden mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag, also damit, fachliche Kenntnisse zu vermitteln, handwerkliche und künstlerische Fähigkeiten zu entwickeln und allen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu ermöglichen. Mit der Umsetzung dieses Auftrags „sollte das geistig-kulturelle Leben der Werktätigen tief mit dem sozialistischen Ideengehalt durchdrungen und in aller Breite und Vielfalt entwickelt werden“ (siehe: Birgit Wolf „Kulturvermittlung in der DDR zwischen Auftrag und Wirklichkeit). Zugleich wurde Einfluss und Kontrolle auf deren Freizeitgestaltung genommen.

In der Praxis bedeutete das, dass sich die DDR-Politik unmittelbar auf Inhalte und Ästhetik der Angebote auswirkte bzw. diese zu staatlichen Feiertagen das kulturelle Rahmenprogramm beisteuern, repräsentative Werke zu sozialistischen Jubiläen schaffen oder Gastgeschenke für Delegationen stiften mussten. Aus den verschiedenen Blickwinkeln wird dieses Spannungsfeld von Vorgaben und eigenen Vorhaben der Kulturarbeit im Klubhaus im Rückblick wie folgt beschrieben:

  • Perspektive Leitung
    Der Leiter der Zirkelarbeit im Klubhaus erzählt, dass das Bezirkskabinett für Kulturarbeit der Volkskunst Vorgaben machte. Es gab Aufrufe zu Jahrestagen. „Jeden Monat hatten wir Zirkelleiterbesprechung. Da sagte ich: ‚Machen wir uns zusammen Gedanken, wie wir das umsetzen können, damit es abgehakt ist.‘ So hieß es dann: ‚Zu Ehren des Parteitages machen wir eine Volkskunstausstellung.‘ Diese hätten wir sowieso gemacht“ (WZ).
  • Perspektive Volkskunstensemble
    Eine Tänzerin beschreibt rückblickend, dass „sie bis auf unsere Trainingssachen alles von den Schläppchen und Schuhen bis hin zum Kostüm für die Aufführungen bekommen“ (ML) haben, für das Ballett nichts zu bezahlen hatten. Getanzt wurde von der Folklore über Klassik bis hin zu den Auftragswerken für die Arbeiterfestspiele. „Wir hatten zwei große Auftragswerke. Wir mussten immer mal so etwas machen wie ‚Die Fahne von Kriwoj Rog‘, was hochpolitisch war. Wir haben das natürlich gemacht, machen müssen, aber das hat nicht ganz so viel Spaß gemacht wie zum Beispiel ‚Die Aufforderung zum Tanz‘ oder Tänze aus Opern“ (ML).
  • Perspektive Zirkel Metallgestaltung
    Der Leiter des Zirkels Emaillieren erinnert sich: „Mit dem Herrn Zawischa haben wir sehr gut zusammengearbeitet. Wenn eine Delegation kam und eine Schale oder so überreicht werden sollte, dann haben wir dies gemacht. […] Wenn wir politisch gespurt haben, ging es uns gut. Wenn wir aufgemuckt hätten, hätten wir gehen können. Es hat nie am Geld gemangelt. Es hat niemand etwas bezahlt für Emaille, für Kupfer, für Strom“ (AD).
  • Perspektive Zirkel Schreibender Arbeiter
    Eine Teilnehmerin berichtet: „Brigaden haben Kulturausflüge unternommen, alle vier Jahre gab es die Kunstausstellung in Dresden, moderne Kunst. Hierzu hatte ich einen Artikel geschrieben, der sogar in der Stahl-Zeitung [Anm.: die Betriebszeitung des Stahl- und Walzwerks] abgedruckt wurde. In diesem Artikel erwähnte ich, dass mir einige der Bilder nicht gefallen hatten wie die Darstellung einer Ärztin, die total groggy auf einem Stuhl liegt. Das hat mich gestört. Ich habe nie eine Ärztin kennengelernt, die so erschöpft war. Ich habe meine Meinung geäußert, dass mir das Bild nicht gefallen hat. Das war sicherlich nicht regimegerecht, da alles, was in der Kunstausstellung war, als gut betrachtet wurde“ (MG).

Die subjektiven Rückblicke stehen für die Praxis der Akteur*innen in der DDR. Generell resümieren beispielsweise Brigitte Prautzsch und Michael Hametner: „Es hatte sich eine Praxis eingebürgert, als Zielstellung der künstlerischen Arbeit Ziele anzugeben, die den staatlich erwarteten entsprachen, ohne sich aber wirklich daran zu halten. Die Administrationen waren zu täuschen, der einzelne konnte durchaus sein individuelles Konzept verwirklichen. An dieser Praxis von Konzeption und Unterlaufen derselben in der DDR wird deutlich, daß es eine in sich geschlossene staatliche Kultur so nicht gegeben hat. Es gab immer auch einen individuell nutzbaren Gestaltungsspielraum“ (Hametner/Prautzsch 1993:330).

Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass das Klubhaus der Gewerkschaften „Joliot Curie“ unweit des VEB Stahl- und Walzwerkes Riesa über 40 Jahre den kulturpolitischen Anspruch des sozialistischen (Kultur-)Lebens etabliert hatte, um die kulturelle Teilhabe aller zu ermöglichen. Trotz der Vielzahl der Angebote und seiner Popularität in der Region ebenso wie des Eigensinns des Leiters und der Mitarbeiter*innen war das Klubhaus der Ort staatlicher Kulturpolitik und finanziell vom Stahl- und Walzwerk abhängig. Die teils seit Jahrzehnten beschäftigten Mitarbeiter*innen hatten sich im DDR-System eingerichtet und setzten – wie die DDR-Kulturpolitik insgesamt – auf ein eher antiquiertes, ideologisches Konzept von Veranstaltungsangeboten und Volkskunstzirkeln, welches wenig mit den Ansprüchen und Wünschen insbesondere der jungen Menschen korrespondierte.

1990 >> Wendezeit

Das Eigentum

Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.
KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN.
Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.
Es wirft sich weg und seine magere Zierde.
Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.
Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst.
Und unverständlich wird mein ganzer Text.
Was ich niemals besaß wird mir entrissen.
Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.
Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.
Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle.
Wann sag ich wieder mein und meine alle.

Volker Braun (1990)

Kunst von allen: Ende der Ära des geförderten künstlerischen Volksschaffens

Die Ideale der Demonstrant*innen von 1989, die DDR zu reformieren, wurden mit dem Ausgang der Wahlen zur Volkskammer am 18. März 1990 vereitelt. Die Allianz für Deutschland, ein Zusammenschluss von Ost-CDU, Demokratischer Aufbruch und Deutsche Soziale Union, gewann die Wahl. Der Kanzler der Einheit, Helmut Kohl, hatte im Wahlkampf die schnelle Einführung der D-Mark, „Wohlstand für alle“ und „Blühende Landschaften“ versprochen. Der Beitritt der DDR zur BRD am 3. Oktober 1990 bedeutete die Übernahme des ökonomischen, finanziellen, rechtlichen und politischen Systems. Innerhalb weniger Monate „vollzog sich der Wechsel von den zentralistischen DDR-Strukturen auf die pluralistischen Strukturen der föderalen BRD sowie vom sozialistischen ins kapitalistische System, von der Planwirtschaft in die Marktwirtschaft“ (siehe: Birgit Wolf „Transformation DDR >> BRD: Perspektiven Kultureller Bildung“). In den Jahrzehnten der Teilung Deutschlands galt in beiden Teilen Deutschlands die Pflege der deutschen Kultur als eine Grundlage der fortbestehenden Einheit der deutschen Nation. Kultur sollte daher „im Prozess der staatlichen Einheit der Deutschen auf dem Weg zur europäischen Einigung einen eigenständigen und unverzichtbaren Beitrag“ (Einigungsvertrag Artikel 35 (1)) leisten.

Das Grundgesetz der BRD sichert die Kulturhoheit der Länder und die kulturelle Selbstverwaltung der Kommunen. Es war ein Novum in der Geschichte der BRD, dass im Artikel 35 des Vertrages zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik über die Herstellung der Einheit Deutschlands (Einigungsvertrag) der Bund in den neuen Bundesländern Aufgaben zur Förderung von Kunst und Kultur übernahm: „Die kulturelle Substanz [Anm.: der DDR] darf keinen Schaden nehmen“ (Einigungsvertrag Artikel 35 (2)). Festgelegt wurde die „übergangsweise Förderung der kulturellen Infrastruktur, einzelner kultureller Maßnahmen und Einrichtungen“ (ebd.) aus Bundesmitteln. Nicht definiert wurde im Einigungsvertrag jedoch der Kulturbegriff und konkret, was als kulturelle Substanz gewertet wird und was zur kulturellen Infrastruktur zählt. Schnell zeigte sich, dass auf Bundesebene die hochkulturelle Orientierung der Maßstab war. Für die Breitenkultur vor Ort waren in der föderalen Systemlogik der BRD die Länder und Kommunen zuständig.

Mit dem Beitritt der DDR zur BRD brach die Finanzierung der Kultureinrichtungen weg, die durch die Betriebe und staatlich organisierten Massenorganisationen wie FDGB (Gewerkschaftsbund), FDJ (Jugendorganisation) oder Kulturbund gefördert wurden und für die breitenkulturelle Infrastruktur in der Stadt und auf dem Land zuständig waren. Zudem entstand durch die Umstellung von der zentralistischen Kulturarbeit auf die föderalen Strukturen ein Vakuum: Denn „die in Entstehung befindlichen Länder und Kommunen verfügen zunächst weder über die notwendigen Strukturen noch über die erforderlichen Mittel“ (Kämpf 1992:77), wie es im Memorandum des Ausschusses für Kultur der Volkskammer vom 12. September 1990 hieß, „um das Erbe der Vergangenheit und die Leistungen der Gegenwart fruchtbar“ (ebd.) zu machen. Zudem: „Das kulturell Besondere, der Breitenkulturbereich, war davon nicht berührt (im Infrastrukturprogramm ging es nicht um Erhaltung, sondern Neuentwicklung)“ (Prautzsch 1994:232). Umso mehr stellt sich die Frage, welche Einrichtungen und Angebote fortbestehen und sich den neuen Strukturen anpassen konnten.

1990 >> „Alles, was man glaubte, alles was sicher war, ist ab morgen nicht mehr.“

Klubhaus für alle: Ende der Ära des Klubhauses „Joliot Curie“

Mit der Währungsunion am 1. Juli 1990 und der Einführung der Deutschen Mark (DM) – drei Monate vor dem Beitritt am 3. Oktober 1990 – kamen alle Volkseigenen Betriebe und Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften unter das Dach der staatlichen Treuhandanstalt – die Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums –, deren Auftrag es war, diese zu privatisierenDieser Prozess führte dazu, dass „alles, was man glaubte, alles, was sicher war, ist ab morgen nicht mehr“ (WZ). In der Realität hieß das zumeist, dass die Betriebe abgewickelt und geschlossen wurden. Auch der VEB Rohrkombinat Stahl- und Walzwerk Riesa wurde 1990 aufgelöst und in die Stahl- und Walzwerk AG überführt, um bestehende Arbeitsplätze zu erhalten. 1991 erwarb der italienische Stahlproduzent Feralpi Siderurgica das 230.000 m2 große Grundstück, um ein neues Stahlwerk zu errichten (vgl. Feralpi-Stahl). Die Stahlwerker*innen wurden arbeitslos oder mussten ihr Werk abbauen. Parallel wurde das modernste Stahlwerk Europas errichtet, das im Jahr 2001 370 Mitarbeiter*innen beschäftigte (vgl. ebd.). „Gesagt wurde: ‚Morgen brauchst du nicht mehr zu kommen.‘ Das war brutal gewesen und ganz schwierig aufzufangen. Mitunter sind sie nervlich zusammengeklappt. Das waren nicht nur die Stahlwerker, wir hatten zwölf Kantinen, die in Schichten gearbeitet haben. Die Leute kannten keine Arbeitslosigkeit, kein Arbeitsamt“ (WZ).

1990 verschwand nicht nur der VEB, es erlosch damit auch die finanzielle Unterstützung des Stahl- und Walzwerks für das Klubhaus. Werner Zawischa erinnert sich: „Ende 1989 kam mein Chef, Herbert Risse, und sagte: ‚Du, das wird nichts mehr, wir kriegen kein Geld vom Staat mehr. Wir müssen jetzt Beiträge verlangen.‘ Das war erstmal eine Mark, dann schon fünf, später zehn DM. Da haben viele hingeschmissen, sind einfach nicht mehr gekommen“ (WZ).

Herbert Risse, über Jahrzehnte der Leiter des Klubhauses, ging von einem Tag auf den anderen. Martina Gruhle, die seit 1987 hauptamtlich am Klubhaus arbeitete, übernahm die Leitung und reflektiert: „1990 war das Klubhaus in seiner damaligen Form bereits Geschichte“ (MG). Sie „erlebte den Niedergang des Klubhauses. […] Das Einzige, was ich gemacht habe, war Schichtpläne zu erstellen und den Mitarbeitern zu sagen, wer zu Hause bleiben musste und wer arbeiten kam. Jede Woche musste ich einen umfangreichen Bericht über die Finanzen, geplante Veranstaltungen und deren Finanzierung an die Stahlwerksleitung abgeben, ohne dass es eine Resonanz gab. Wir hatten Einnahmen aus der Vermietung der Räumlichkeiten [Anm.: Spielcasino, Versicherungsagentur, Fahrschule, Modeverkauf]. Das hat mir sehr wehgetan, weil Konsum nicht zur Idee eines Kulturhauses passte. Es fühlte sich an, als würde der Kapitalismus übergestülpt werden und alles, was Geld einbringt, wurde gemacht“ (MG; siehe auch: Marius Wiechmann „Kunst und Individualität in der DDR“). Die Klubhausmitarbeiter*innen gingen erst in Kurzarbeit, nach und nach suchten sich einige eine neue Arbeit. Den Elan, andere künstlerisch-kulturelle Formate zu kreieren, für andere Zielgruppen das Haus zu öffnen oder neue Finanzierungsmodelle zu etablieren, gab es nicht. Stattdessen wickelten die Letzten 1991 im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) das Klubhaus ab. Dokumente, Kostüme, Materialen, das allermeiste wurde containerweise entsorgt. Einiges übernahm das Haus der Geschichte Bonn in seinen Bestand (siehe Abb. 2).

Abbildung_2
Abb. 2: Freundschaftsvertrag zwischen dem Kreistheater Döbeln und dem VEB Stahl- und Walzwerk Riesa in der Dauerausstellung „Alltag in der DDR“ in der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg / Haus der Geschichte 2025 
© Birgit Wolf

1991 wurde das Klubhaus verkauft, privatisiert, die Räumlichkeiten vermietet. Die Ära des Klubhauses „Joliot Curie“ endete endgültig. Als stummer Zeuge steht das Gebäude des ehemaligen Klubhauses heute in der Bahnhofstraße (Abb. 3).

Ostdeutschland zu Beginn der 1990er Jahre >> Neuanfänge überall

Neuanfänge: Kulturelle Bildung

Der Beitritt der DDR zur BRD war für alle ein Novum. Es gab keine Erfahrungen bei der Umstellung von zentralistischen auf föderale, pluralistische Strukturen. „Hinzu kam der Zeitdruck, so dass im Gegensatz zur BRD keine Verbandsstrukturen wachsen konnten“ (Fuchs 1990:23). Die Breitenkulturarbeit, also die Kunst- und Kulturvermittlung bzw. die Kulturelle Bildung, oblag in der DDR aufgrund ihres Bildungs- und Erziehungsauftrages zur allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit den staatlichen Massenorganisationen wie FDGB, FDJ oder Kulturbund bzw. Kommunen und Bildungseinrichtungen; es gab keine freien Vereine. Während öffentliche Kultureinrichtungen – wie Theater, Museen, Orchester, Bibliotheken – erhalten blieben und weiterhin kulturpädagogische Vermittlungsangebote unterbreiteten bzw. öffentliche kulturelle Bildungseinrichtungen – wie Musikschulen, Volkshochschulen – übernommen bzw. transformiert worden, wird im Folgenden der Aufbau bzw. die Transformation von Strukturen und Einrichtungen der Kulturellen Bildung skizziert.

Zentral gelenkte Einrichtungen in der DDR, wie die Kulturhäuser mit ihren vielseitigen Angeboten zwischen Kunst, (Laien-)Kultur und Sport, trafen zum einen auf die bundesdeutschen Regelungen zu Kompetenzen, Zuständigkeiten und Förderstrukturen der Länder und Kommunen in den Bereichen Kultur, Bildung, Soziales und Jugendhilfe. Zum anderen wurden „bundesdeutsche Vereinsstrukturen entweder eins zu eins übernommen oder eigenständige DDR-Verbände wurden in den bundesdeutschen Fachverband integriert“ (siehe: Birgit Wolf „Kulturelle Bildung zwischen kultur-, bildungs- und jugendpolitischen Entwicklungen: 50 Jahre der BKJ – eine Analyse“), wie beispielsweise die Musik- und Volkshochschulen. Leerstellen taten sich dort auf, wo keine vergleichbaren bundesdeutschen Fachverbände und -strukturen existierten – wie für Kulturhäuser, FDGB-Ferienheime oder Studentenklubs ebenso wie für das Zentralhaus für Kulturarbeit mit seinen Bezirks- und Kreiskabinetten, die die ehrenamtliche Kulturarbeit der jeweiligen Region anleiteten und die ehrenamtlich geleiteten Klubs unterstützten. Zugleich gab es seitens der westdeutschen Politik und teils auch seitens der Ostdeutschen eine vehemente Abwertung gegenüber all dem, was als systemnah, DDR-typisch galt.

Auf der Suche nach einer neuen Identität entwickelten sich (auch neue) Strukturen in Ostdeutschland. Vereine wurden zu Beginn der 1990er Jahre überall gegründet, die sich vielfach in neuen Verbänden organisierten. So entstanden 1990 die Landesverbände Kinder- und Jugenderholungszentren (KIEZ) in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, die Einrichtungen der Pionierlager fortführten. In Riesa wurde im November 1990 die Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten (AGJF) Sachsen e.V. gegründet, die sich zum Ziel setzte, zum einen „das weitere Wegbrechen von Einrichtungen und Angeboten der Kinder- und Jugendfreizeitgestaltung [zu] verhindern“ (Stecker/Range/Rau 1994:270), zum anderen „neue – pluralistische und demokratischen – Formen und Möglichkeiten von offener Kinder- und Jugendarbeit in Sachsen“ (ebd.) zu entwickeln. In diese Zeit fallen auch die Gründungen zahlreicher Fachverbände in den Sparten Theater, Tanz, Musik, Rhythmik, Foto und Film in den neuen Bundesländern ebenso wie die Dachverbände Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung. In Sachsen entstanden landweite Verbandsstrukturen u.a. mit der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren und Initiativen, dem Landesverband Sächsischer Jugendbildungswerke, dem Sächsische Jugendring oder Sächsische Musikrat, die teils im Rahmen des Programms Aus- und Aufbau freier Träger in den fünf neuen Bundesländern (AFT-Programm) des Bundesjugendministeriums finanziell gefördert und durch westdeutsche Verbände aktiv unterstützt wurden.

Neuanfänge überall: Kulturhäuser?

Als zentrale multifunktionale Orte waren Kulturhäuser DDR-spezifisch. In den Städten und Dörfern der DDR gab es u.a. über 2000 Kulturhäuser, die das kulturelle, gesellige und gesellschaftliche Zentrum insbesondere in den ländlichen Räumen waren. Hier traf man sich im Zirkel, zur Frauentags-, Kindertags- und Weihnachtsfeier oder auf ein Bier. 1990 brach überall deren finanzielle Basis weg, jedoch auch das ideologische Korsett. Die Akteur*innen vor Ort bestimmten nun die Entwicklungen.

Im Oktober 1990 wurde – um den Erhalt von Kulturhäusern zu unterstützen – seitens der Bundesvereinigung sozio-kulturelle Zentren e.V. konstatiert: „Es gilt bei den noch bestehenden Kulturhäusern eine Bestandsaufnahme zu machen und zu untersuchen, wie die dort vorhandenen räumlichen und technischen Möglichkeiten erhalten werden können. Bedingung hierfür dürfte die Entwicklung neuer inhaltlicher und organisatorischer Konzepte sein“ (Kämpf 1992:11). Thomas Strittmatter beschrieb wenige Jahre später, 1993, die Situation für das Land Brandenburg: „Ca. 40 Prozent der staatlichen Kulturhäuser, 54 Prozent der Jugendklubs und fast 70 Prozent der Gewerkschaftskulturhäuser wurden geschlossen oder nicht mehr genutzt“ (Strittmatter 1993:37). Strittmatter begründete den Abbau: Wir haben „es vor allem mit einem Typ von Einrichtungen zu tun, dessen funktionelle Basis am engsten mit den nun nicht mehr bestehenden gesellschaftlichen Organisationsstrukturen der DDR verknüpft war. Ihre Traditionslinie führt auf die Volkshäuser der Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung am Anfang dieses Jahrhunderts zurück. Während diese Traditionslinie in der Bundesrepublik nicht wieder aufgenommen wurde, erfuhr sie in der DDR eine starke Überformung durch Aufgabenstellungen, wie sie die Kulturhäuser in der Sowjetunion zu erfüllen hatten. Für diese Einrichtung gibt es in den alten Bundesländern kein Pendant“ (ebd.). Ferner führten ungeklärte Eigentumsfragen sowie die Größe der Kulturhäuser zur Schließung.

Parallel vollzog sich in der Kulturarbeit Ostdeutschlands ein abrupter Wandel vom Hauptamt zur vorübergehenden Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) und hin zum Ehrenamt, der sich oft bis heute im (kulturellen) Vereinsleben, vor allem fernab der (Groß-)Städte, manifestiert hat. In diese Zeit gesellschaftlicher Veränderungen bauten Engagierte zu Beginn der 1990er Jahre neue (Vereins-)Strukturen auf und führten die (Zirkel-)Angebote oft unter prekären Bedingungen wie auf ABM-Basis oder im Rahmen von § 249h – sogenannte Ein-Euro-Jobs – fort. Für die Kulturhäuser entstanden solche Initiativen kaum. Wenig erforscht sind dazu die Gründe: Waren sie zu uneinheitlich? Oder waren sie zu groß, zu sehr verfestigt in den DDR-Strukturen und zu sehr geprägt vom Agieren ‚von oben‘, sodass sie zu wenig agil und zu komplex für neue strukturelle und inhaltliche Konzepte waren?

Die öffentliche Förderung von Kultur wird im Grundgesetz als freiwillige Leistung der Kommunen im Rahmen ihrer Selbstverwaltung definiert. Auf dieser Grundlage sollten die ostdeutschen Kommunen mit dem Beitritt der DDR zur BRD die örtlichen Kultur- und Klubhäuser tragen. Das gelingt bis heute beispielsweise in Weißenfels, Henningsdorf oder Wolfen. Jedoch war das Gros der Kommunen mit dem Umfang der Leistungen und Angebote überfordert oder setzte andere Schwerpunkte. Die Kulturhäuser wurden ähnlich schnell und radikal wie die Betriebe, die diese bis dahin unterstützten, abgewickelt. „Diese Einrichtungen gingen sang- und klanglos unter, wurden sie nicht von rasch gegründeten, engagierten Vereinen davor gerettet“ (Knoblich 2022:20).

Neuanfänge: Kunst und Kultur im Freistaat Sachsen

Zu Beginn der 1990er Jahre war Ostdeutschland geprägt von Schließungen der Fabriken und Institutionen, von der Abwanderungen junger Menschen, insbesondere junger Frauen, sowie von Arbeitslosenquoten, die teilweise bei 25% lagen trotz großzügiger Vorruhestandsreglungen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Das traf auch den Kulturbereich. Seitens des Bundes, der Länder und Kommunen galt es nun die gesetzlichen Voraussetzungen für die demokratischen und pluralistischen Strukturen der Kulturarbeit zu schaffen und diese aufzubauen. Zugleich mussten den Mitarbeiter*innen das Know-how vermittelt, sie qualifiziert werden (siehe auch: Birgit Wolf „Transformation DDR >> BRD: Perspektiven Kultureller Bildung“).

Auch im Freistaat Sachsen erfolgten parallel zur Schließung von Betrieben und (Kultur-)Institutionen Weichenstellungen für den Aufbau demokratischer und pluralistischer Strukturen der Kulturarbeit und für die Qualifizierung derer Mitarbeiter*innen: Nach einer Übergangszeit wurde 1993 das Kulturraumgesetz verabschiedet, welches die Kulturpflege zur „Pflichtaufgabe der Gemeinden und Landkreise“ (§2 Sächsisches Kulturraumgesetz) erhob. Ferner errichtete der Freistaat in diesem Jahr den Sächsischen Kultursenat und die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Das Sächsische Kulturraumgesetz, das 1994 in Kraft trat, sicherte einen Teil der Angebote der „‚geerbten‘ breitenkulturellen Praxis mit qualifizierten, engagierten und teils eigenwilligen Mitarbeiter*innen, Technik und Material sowie Häusern auf der einen Seite sowie oft auch Teilnehmer*innen und Besucher*innen, die in den Angeboten ein Stück ‚Heimat‘ hatten, auf der anderen Seite“ (Knoblich 2018:158). Bereits zuvor war jedoch ein Großteil der betrieblichen Kulturhäuser geschlossen worden.

Die Realität bot folgendes Bild: „Die noch in DDR-Sozialisationskontexten gewonnenen kulturellen Kompetenzen konnten sich unter den neuen sozial-politischen Bedingungen nicht mehr überall entsprechend ihrer Artikulationsfähigkeiten entfalten. Die Zirkelkultur der DDR hatte, fast schon vergessen, eine breite Kleinkunstlandschaft entwickelt, die heute zu veröden droht“ (siehe: Werner Thole „Straße oder Jugendclub: Reaktivierung der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit in den neuen Bundesländern“). Es entstanden anstatt der einstigen staatlichen Einrichtungen entweder kommunale oder selbstverwaltete oder kommerzielle Angebote – oder eben nichts. Das neue soziale und kulturelle Dienstleistungsnetz konnte den einstigen flächendeckenden Organisationsgrad jedoch nicht annähernd erreichen, um die abgebauten kulturellen (Infra-)Strukturen abzufedern.

Neuanfänge: Riesa

Mit dem 3. Oktober 1990 galt das ökonomische, finanzielle, rechtliche und politische System der BRD auch in Riesa. Bereits mit der Währungsunion am 1. Juli 1990 übernahm die Treuhandanstalt das VEB Rohrkombinat Stahl- und Walzwerk Riesa. Nicht einmal ein Jahr später, am 12. April 1991, endete mit dem letzten Abstich am Ofen VII im Martinwerk der Stahl- und Walzwerk AG eine Tradition, die 1844 mit dem Eisenwerk der Gebrüder Schönberg begann und der Stadt einst den Beinamen Stahlstadt verlieh (vgl. Riesa 1991).

Bereits 1988 schlossen Riesa und Mannheim eine Städtepartnerschaft, die tragend beim Aufbau der kommunalen Selbstverwaltung der Stadt wurde. Die Chronik der Stadt Riesa skizziert die Veränderungen der Riesaer Kulturlandschaft auf der Suche nach neuen Existenzen bzw. hinsichtlich des Aufbaus westdeutscher Strukturen. 1990 bot das Klubhaus den Rahmen hierfür und zugleich wird dessen Wandlungsprozess anhand der Veranstaltungen beschrieben: Im Januar 1990 traf sich die Bürgerinitiative Kultur, um „Fragen der kulturellen Zukunft des Kreises“ (www.riesa.de) zu erörtern, wie beispielsweise die Werterhaltung kultureller Einrichtungen und die Gestaltung der Volksfeste. Im Frühjahr 1990 fand im Klubhaus der Gewerkschaften „Joliot Curie“ die Gala „Schlager, Schlager“ mit „Spitzenkünstlern unseres Landes sowie internationalen Showstars“ (ebd.) ebenso wie die Gründungsveranstaltung des Imkervereins statt. Der Klub Kontakt für Alleinstehende feierte sein fünfjähriges Bestehen mit einer Tanzveranstaltung im Mai. Im gleichen Monat fand die Delegiertenkonferenz der IG Metall statt, einen Monat später des Landesbezirksverbandes Bau Riesa der IG Bau/Holz. Im Juni gründete sich der Verband „Lebenshilfe e.V. Riesa“ im Klubhaus, im August der „Arbeiter-Samariter-Bund“. Am 1. Oktober 1990 fand „ein Podiumsgespräch mit allen Betriebsräten aus allen Betrieben des Kreises Riesa mit anschließendem Erfahrungsaustausch statt. Hauptinhalte der Diskussion sind der sozial gerechte und ökonomisch verträgliche Strukturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft“ (ebd.). Im November 1990 lud der Wirtschaftsjuniorenkreis Riesa zur Ausstellung „Fenster der Wirtschaft“ ins Klubhaus ein. Es stellten sich junge Unternehmen der Region vor, die sich mit Gästen aus der Partnergemeinde Mannheim/Ludwigshafen austauschten.

Aus Ludwighafen kam 1990 Wolfram Köhler zunächst als Dezernent für Kultur, ab 1991 als Dezernent für Kultur und Soziales, nach Riesa. 1987 hatte er, der Liedermacher, aus politischen Gründen die DDR verlassen. Wolfram Köhler „hatte keine formale Ausbildung in diesem Bereich, war vor der Wende in den Westen gegangen und kehrte mit dem Gedanken zurück, alles so wie im Westen zu gestalten“ (MG). Das Kulturhaus war nach seiner Überzeugung ein Abbild des sozialistischen Staates. „Während der Wende habe ich dafür gekämpft, dass die Stadt Geld zur Förderung des Kulturhauses in Riesa bereitstellt. Es gab jedoch viele Fachleute, die das belächelten“ (MG).

1990 begann der Scheideweg: Veranstaltungen fanden nun meist andernorts statt. Die Bibliothek wurde aufgelöst, ein Teil der Bücher übernahm die Stadtbibliothek, ein Teil wurde verschenkt. Die Zukunft von Volkskunstensemble und Volkskunstzirkel lag nun in den Händen der jeweiligen Zirkelleiter*innen und der aktiven Zirkelmitglieder. Den Sprung in die neue Zeit schafften u.a. der Schach- und Floristikzirkel nicht. Dank der Tatkraft engagierter Zirkelmitglieder und -leiter*innen wurden zu Beginn der 1990er Jahre Vereine gegründet, die Aktivitäten des künstlerischen Volksschaffens in die Neuzeit führten. Im Folgenden werden deren konkrete Entwicklungen als Teil der wachsenden vielfältigen Riesaer Vereinslandschaft skizziert.

Neuanfänge: Kunst und Kultur in Riesa

Riesa-Kreatives Centrum e.V.

Die Gründung des Riesa-Kreatives Centrums e.V. erfolgte spontan. „1992 rief mich der Schatzmeister an und sagte, wir müssen ganz schnell einen Verein gründen, sonst ist alles weg“, erzählt Werner Zawischa. „Wir waren drei Leute, die keine Ahnung von Vereinssatzungen hatten. Es war alles neu, jedes Gesetz. Wir sind zu welchen gegangen, die schon einen Verein gegründet hatten und haben abgekupfert“ (WZ). Die Mitstreiter*innen des Mal-, Zeichen- und Keramikzirkels sowie der Zirkel Holz-, Metall- und Textilgestaltung gründeten flugs einen Verein. „Als wir den Verein gegründet haben, waren wir 13, nach einem dreiviertel Jahr 30“ (WZ).

Das Riesa-Kreatives Centrums e.V. setzte die Zirkel-Traditionen des kreativen Schaffens und Ausstellens fort, anfangs gar am bewährten Ort: Am 11. Juni 1993 taucht das Klubhaus „Joliot Curie“ wieder in der Stadtchronik auf: Die „1. Ausstellung des Vereins Riesa-Kreatives Centrum e.V. eröffnet. Der Verein zeigt Exponate der Malerei/Grafik, Keramik, Schnitzen/Holzgestaltung, Künstlerische Textilgestaltung und Metallgestaltung“ (Riesa 1993). „Wir haben viel mit rüber gekriegt. Wir sind eine verschworene Gemeinschaft geworden“, beschreibt Werner Zawischa, der ehemalige Leiter des Bereichs künstlerisches Volksschaffen und nun Vereinsvorsitzender, den Wandel im Rückblick. Über die Jahre wurden regelmäßig Ausstellungen mit entstandenen Werken veranstaltet und „es wurde gepflegt, zu Geburtstagen zu fahren und zu gratulieren. Das war immer mein Anliegen, den Leuten klarzumachen, dass wir menschlich miteinander zusammenarbeiten müssen und nicht nur einen Job machen“ (WZ). Gepflegt wurde damit ein Anspruch, den es zu DDR-Zeiten bereits gab.

Auch der Zirkel Metallgestaltung/ Emaillieren, den Alfred Dathe leitete, wurde Teil des Riesa-Kreatives Centrums e.V. Neu hinzu kam Heinz Lindner, der Emaillieren als Ergänzung zu seinen Keramik- und Metallarbeiten sah. Mit ihm gemeinsam gab Alfred Dathe regelmäßig Emaillekurse in der Kulturwerkstatt ART. „Da sind die Kinder jede Woche gekommen“ (AD). Mit der Pandemie stand die Kulturwerkstatt ART jedoch vor dem Aus. Eine weitere Strategie zur Verbreiterung des Emaille-Angebots waren die „Ganztagsangebote an der Schule. Mit Kindern können sie nicht größere Sachen machen […] Wir haben drei Anhänger gemacht, da haben sie sich gefreut wie die Könige“ (AD). Die finanziellen Rahmenbedingungen des Ganztags mit 20 € pro Stunde, ohne dass Vor- und Nachbereitung sowie Fahrtzeit entgolten wurden, deckten nicht ansatzweise den Aufwand: „Mit viel Engagement kommt man gerade auf seine Nebenkosten“ (HL). Die Emaille-Werkstatt befindet sich heute beim Sprungbrett e.V. Kinder aus Riesa kommen nicht mehr, die „zocken“ nach Ansicht von Alfred Dathe „lieber“. Erreicht werden z.T. Interessierte aus Dresden und von noch weiter weg. In der Werkstatt gibt es noch Kupfer und Emaillepulver aus DDR-Zeit, aber keinen Nachwuchs mehr.

Nach 26 Jahren legte Werner Zawischa den Vereinsvorsitz mit 79 Jahren nieder. Noch immer sind einstige Zirkelmitglieder Aktive im Malerei-, Grafik- oder Keramikkurs. „Sie sind seit über 40 Jahren dabei, schon als Stahlwerker im Klubhaus“ (WZ). Während der Umbruchszeit verband sich für die Akteur*innen das eigene kreative Schaffen und soziale Miteinander mit ihren Vitae activa. Doch man blieb unter sich. Es fehlt der Nachwuchs. Vor Jahren haben sich die Schnitz- sowie die Metallgruppe, vor zwei Jahren die Textilgruppe aufgelöst. Eine Integration von Interessierten anderer Kreise und Generationen gelang nicht.

Konzertchor Riesa e.V.

1949 wurde der Chor als Teil des Volkskunstensembles „Joliot Curie“ gegründet, jedoch war der Chor Ende 1990 finanziell so nicht mehr tragbar. Silvester 1990/91 beschlossen Chormitglieder, weiter zusammen zu singen und einen Verein zu gründen. Flügel und Klavier zählten zum Erbe, doch den Chorleiter, Kleidung, Noten etc. mussten sie von nun an selbst finanzieren. Die Gründung des Konzertchores Riesa e.V. erfolgte im April 1991, ihren Probenraum fanden sie im Stadtmuseum.

2025 vereint der Konzertchor über 50 Sänger*innen und offeriert ein umfangreiches Repertoire an Volksliedern aus mehreren Jahrhunderten sowie Opernchöre und Chorsinfonik. Organisiert werden regelmäßige Konzerte, Aufführungen von klassischen Werken wie „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms oder „Carmina Burana“ von Carl Orff in Riesa und der Region, aber auch „Riesa singt“ – Mitsing-Event – und überregionale Chortreffen. Einst wie heute ist das Ziel „möglichst vielen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten Freude an der Musik zu vermitteln und den Zugang zur Chormusik zu eröffnen“ (Konzertchor Riesa). Max Hampel, Jahrgang 1998, übernahm im Januar 2025 die Leitung des Chores und führt diesen in die Zukunft.

Tanzstudio „Live“ e.V.

Zum Volkskunstensemble zählten in den 1980er zwei Kinder-, eine Junioren- und eine Erwachsenentanzgruppe. Angela Hoppe leitete damals ehrenamtlich die beiden Kindertanzgruppen an. 1990 wurde „das Ensemble durch die IG Metall übernommen. Es war jetzt nicht mehr das [vollständige] Ensemble, aber der Chor und die Tanzgruppen wurden unterstützt“ (AH). Man trat in Orten in Westdeutschland auf, „wo wir noch nie gewesen waren“ (AH). Der Tanz änderte sich. Modern Dance und Walzer kamen ebenso wie neue Trainerinnen dazu. Mit dem Abbau des Stahlwerkes verlor die IG Metall ihre Mitglieder und musste die Unterstützung einstellen.

Das Tanzstudio „Live“ e.V. wurde im April 1991 von 40 Tänzerinnen gegründet. Nach wechselnden Orten fanden sie ihre Räumlichkeiten in der Kastanienstraße. Heute erreicht der Verein etwa 150 Mädchen und Jungen, die regelmäßig in sieben Gruppen, vor allem in Kinder- und Jugendtanzgruppen, trainieren. Mit Show- und Modern Dance treten sie bei Stadt-, Dorf- und Firmenfesten auf sowie bei verschiedenen nationalen und internationalen Wettkämpfen an. Über Mitgliedsbeiträge, Zuwendungen vom Kreissportbund, Spenden und Sponsoring finanziert sich das Tanzstudio „Live“ e.V. (AH).

Fotozirkel artopan

Der Anfang der 1960er Jahre gegründete Fotozirkel bekam 1965 den Auftrag, am Buch „Wir und das Stahlwerk“ mitzuwirken. Die daran Beteiligten schufen den Fotoclub Ferrum und wurden zu einer der erfolgreichsten Amateurfotogruppen der DDR. Die Club-Mitglieder erhielten Auszeichnungen und hielten u.a. die Arbeit im Stahlwerk und den Alltag in Riesa als Zeitdokumente fest. Anfang der 2000er Jahre gründeten (Hobby-)Fotograf*innen der nächsten Generation den Fotozirkel artopan, der sich alle zwei Wochen in der Kulturwerkstatt ART traf. Nicht nur namentlich, sondern auch inhaltlich knüpfte der Fotozirkel artopan an die Arbeit des Fotoclubs Ferrum an. Neben den regelmäßigen Treffen in der Dunkelkammer organisierte der Fotozirkel Ausstellungen, thematische Fotoaktionen und Workshops, gemeinsame Besuche von Kunstmessen oder Fotoausstellungen. In den Jahren der Pandemie waren Treffen nicht möglich. Der Fotozirkel löste sich schließlich 2022 auf.

Indianistik Club Heyoka e.V.

Indianistik ließ Kinderträume aufleben und verkörperte zu DDR-Zeit die Sehnsucht nach Ferne, Freiheit und anderen Lebensweisen. In den 1970er Jahren entstand der Club Heyoka, dessen Mitglieder sich durch Theorie und vor allem durch Tänze, Lieder, selbstgefertigte Kleidung und Schmuck ihr eigenes Universum schufen. Mitglieder des Indianistikzirkels gründeten 1990 den Indianistik Club Heyoka e.V., pachteten sich eine Wiese und bauten regelmäßig die Tipis auf, um sich in die Lebensweise der Indianer*innen einzufinden, sie begreifbar zu machen. 2015 vermittelten sie diese Lebensweise durch indianische Trachten, Alltagsgegenstände und Schautafel innerhalb einer Ausstellung im Riesaer Stadtmuseum. Diese Ausstellung war verbunden mit dem Ansinnen, neue Interessierte zu gewinnen. Doch die Geschichten Karl Mays waren offenbar so fern wie der Wunsch, sich in die Lebensweise von Indianer*innen einzufühlen. Mit den Jahrzehnten reduzierten sich die Mitglieder immer mehr auf die Familie Harz mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln. Ende 2022 lösten sie den Verein auf.

Letztendlich ist festzustellen, die Stadt Riesa wollte sich zu Beginn der 1990er Jahre ein anderes Renommee geben. Man setzte auf eigene Neuanfänge. Das Kulturamt startete 1992 die „1. Internationale Sommerakademie der Bildenden Kunst“ für Jugendliche, Student*innen, Erwachsene und Senior*innen, „damit Riesa das Image der grauen, trostlosen Stahlstadt loswird“ (Böhme 1994:133), betonte damals Uwe Tschirner, der Kulturamtsleiter. Das Klubhaus zählte nicht dazu. Die Vereinsneugründungen zeugen vom Willen der Akteur*innen, dass das, was man in der organisierten Freizeit der DDR erlebte, strukturell, inhaltlich und sozial fortgeführt wird. Mit vertrauten Mitstreiter*innen schufen Engagierte aus dem Umfeld des Klubhauses in Riesa Vereine und Strukturen, die eine Kontinuität im Leben, ein Stück Identität und zugleich ein soziales Mit- und Füreinander bedeuteten. Sie schufen somit ein Gegengewicht zum oft ungehörten und ungesehenen Verlust von Arbeit, Infrastruktur und Kultur. Gerade diese sozialen Räume des Kreativen, des Miteinanders benötigt die Gesellschaft und neue sozio-kulturelle Strukturen sollten die entstehenden Leerstellen füllen. Auch wenn es in Riesa an Nachwuchs mangelt, bleibt die Hoffnung der Akteure, dass die Bedeutung von haptischen, handwerklich künstlerischen Fähigkeiten wieder vermehrt erkannt wird: „Das brauchen wir als Mensch unbedingt, dass wir uns mit den Händen und mit den Augen und mit dem Herzen irgendwo einer Sache verschreiben, die uns begeistert“, beschreibt Heinz Lindner seine Vision. 2025 fand die inzwischen 33. Sommerakademie mit 18 Kursen für Kinder, Jugendliche, Erwachsene statt – Heinz Lindner war Kursleiter.

2025 >> Kulturarbeit: Was bleibt

In den vergangenen 35 Jahren wandelte sich die Welt ebenso wie die Gesellschaft, Politik, Medien, Kulturen etc. in Deutschland. Pars pro toto wurde anhand der Recherchen aufgezeigt, wie die Übergänge der Angebote des künstlerischen Volksschaffens in die Vereinslandschaft partiell gelangen und welchen Einfluss Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik auf die gegenwärtige Kultur- und Vereinslandschaft in Riesa hatten. In den Vereinen wurde man teils miteinander alt, teils passte man Angebote dank steter Innovationen der Anleitenden an Bedarfe an. Aus dem Volkskunstensemble heraus gründeten sich der Konzertchor Riesa e.V. und das Tanzstudio „Live“ e.V., die nun in zweiter Generation fortgeführt werden. Sie integrierten sich in bundesdeutsche Verbandslandschaft, die ihre Aktivitäten fachlich und finanziell unterstützte.

Gleichfalls der Foto-, Indianistik-, Keramik- und Malzirkel sowie die Zirkel der Schreibenden Arbeiter bzw. der Metall- und Textilgestaltung gründeten Anfang der 1990er Jahre ihre Vereine. Für die Zirkelleiter*innen und -mitglieder blieb die Beschäftigung mit der handwerklich-künstlerischen Arbeit ein roter Faden in ihren Biografien – zuweilen bis in die Gegenwart. Sie führten den bewährten Mix aus dem eigenen kreativen Schaffen und Präsentieren in Ausstellungen und auf Wettbewerben sowie den Besuch von Ausstellungen und Ateliers fort. Andere Angebote wie Emaillieren oder Indianistik korrespondieren nicht mehr mit dem Zeitgeist. Mit den Jahrzehnten verabschiedeten sich Mitglieder, die kulturelle Vereinslandschaft dünnt aus. Die Jugend kreiert(e) indes ihre eigenen Angebote und Orte, oft anderorts.

Das Klubhauses „Joliot Curie“ war „ein Haus, das von den Menschen lebte, für die Menschen lebte und mit den Menschen lebte“, sagt Anja Hirschberg, die als Museumsleiterin 2022 die Ausstellung „KULTURARBEIT großgeschrieben. Zur Geschichte des Klubhauses „Joliot Curie“ im Stadtmuseum Riesa“ kuratierte. Gezeigt wurde ein Stück Lebensgeschichte der Riesaer*innen, denn „jeder, der älter als 50 ist, kennt die Aktivitäten des Klubhauses“ (MG). Martin Trischler, der Leiter des Projektes „Riesaer*innen auf dem Weg in die Deutsche Einheit“, veröffentlichte 2025 das BuchKlubhaus der Stahlwerker – Das Joliot-Curie-Haus. Eine Zeitreise“, in dem er Zeitzeug*innen über ihr Ringen nach kultureller Identität in einer Region zwischen industrieller Blüte und Vergessen zu Wort kommen lässt.

Dass das Klubhaus und dessen Wirken in der Region ebenso wie die anschließende Transformation der Zirkelangebote in Vereinsstrukturen (während der Wendezeit) wieder ins Bewusstsein der Riesaer*innen gerückt wurden, ist dem Engagement der Enkel*innen-Generation zu verdanken. Nach über 30 Jahren wurde das Klubhaus in der Bahnhofstraße (Abb. 3) wieder Stadtthema, welches im Inneren den Charme von einst bewahrt (Abb. 4). Gewürdigt und sichtbar wurden somit auch die Akteur*innen, die die Kulturlandschaft Riesas bis in die Gegenwart prägen.

Abbildung_3
Abb. 3: KLUBHAUS in der Bahnhofstraße 2024 
© Birgit Wolf
Abbildung_4
Abb. 4: Saal des ehemaligen Klubhauses in der Bahnhofstraße 2024 
© Birgit Wolf

Schlussendlich bleibt festzustellen: Die kulturelle Breitenarbeit, insbesondere die betriebliche Kulturarbeit, in Klubs und Kulturhäuser war ein Teil der Kulturpolitik der DDR. Kulturhäuser als Dritte Orte für alle entsprachen mit ihrem Angebotsspektrum, ihren Formaten, Strukturen, hauptamtlichen Mitarbeiter*innen weder politisch noch strukturell, weder vom weiten Kulturbegriff noch in ihrem umfänglichen Programm der bundesdeutschen Kulturlandschaft, ihren Fördermöglichkeiten oder den bundesweiten Verbandsstrukturen der 1990er Jahre. Mit ihrem Credo „Kultur für alle“ bzw. „Alle Künste unter einem Dach“ hätten die Kulturhäuser die ostdeutschen Schwestern der westdeutschen Soziokultur sein können, als „Orte einer Kultur für und vor allem von allen […], als ‚alternative‘ Gegenbewegung zivilgesellschaftlicher Initiativen zu einem als elitär empfundenen öffentlichen Hochkulturbetrieb und in kritischer Abgrenzung zum kapitalistischen Gesellschaftssystem“ (siehe: Birgit Mandel „Deutschland: Kulturhäuser der DDR und soziokulturelle Zentren der BRD“). Doch zu verschieden waren ihre Herkünfte: Während die Kulturhäuser mit ihrem vielfältigen Angebotsspektrum alle Bevölkerungsgruppen und sozialen Milieus ansprachen, war die bundesdeutsche Träger- und Angebotsstruktur sehr viel zersplitterter und die Soziokultur „auf bestimmte, links-alternative Milieus fokussiert mit Öffnung und spezifischer Einladung hin zu als benachteiligt geltenden oder unterrepräsentierten sozialen Gruppen wie Arbeitslose, Alleinerziehende, bestimmte Migrant*innengruppen“ (ebd.). Eine Integration gelang Anfang der 1990er Jahre selten, doch hätte diese bei entsprechender finanzieller und ideeller Unterstützung in der Breite den bundesdeutschen Landschaften der Soziokultur, Jugendkunstschulen und Kulturellen Bildung einen enormen Aufschub geben können. Warum diese Chancen so wenig genutzt wurden, ist eine andere Forschungsfrage.

Kulturarbeit: Was fehlt – anstatt des Fazits

In Deutschland dominiert für Erwachsene auf der Ebene von Bund, Ländern und Kommunen die öffentliche Förderung von rezeptiven und vermittelnden Angeboten in Oper-, Theater- und Konzerthäusern sowie Museen, Ausstellungen und Bibliotheken (vgl. Kulturfinanzbericht 2024). Außerhalb der Ballungszentren beschränkt sich die kontinuierliche öffentliche Förderung der eigenen, produktiven Kreativität Erwachsener zumeist auf Volkshochschulen und Jugendkunstschulen oder Vereine und Künstler*innen, die Lücken schließen.

Das Beispiel Riesa zeigt nach 35 Jahren, dass es insbesondere da, wo starke bundes- und landesweite (Fach-)Strukturen der Breitenkultur vorhanden sind, die Lobbyarbeit und Qualifikationen durch Aus- und Fortbildungen sowie Wettbewerbe durchführen, sich Strukturen entwickeln und diese auch nachhaltig bestehen konnten, z.B. der Tanz- und Chorverein. Diese bundes- und landesweiten Fachstrukturen zur Unterstützung existieren hingegen für andere kontinuierliche, kreative Freizeitangebote für Erwachsene, wie sie in den Mal- und Keramik- ebenso wie Textil- und Metallgestaltungskursen in Riesa offeriert werden, nicht. Die einstigen Zirkelmitglieder bewahren sich ihre Nische in einer Stadt, die gegenwärtig über keine Jugendkunstschule verfügt und deren kreisweite Volkshochschule derartige Kurse punktuell offeriert. Die öffentliche Förderung kultureller Teilhabe in diesen Bereichen richtet sich fast ausschließlich an junge Menschen. Mit Schulabschluss verebbt zumeist das Engagement. Derweil suchen gerade die breitenkulturellen Vereine Nachwuchs. Hier gilt es Brücken zu bauen durch die gezielte Förderung und Qualifikationen junger Menschen an den Übergängen sowie die kontinuierliche, breitenkulturelle Förderung in der Fläche.

Über Jahrzehnte verstummten die Erzählungen und Geschichten der Wendezeit, auch bezogen auf die Kulturarbeit und die damit verbundene Verluste und Neuanfänge. Geblieben sind aus jener Zeit die bis heute spürbaren Enttäuschungen. Gegenwärtige gesellschaftliche Transformationen erinnern viele ostdeutsche Menschen an die Umbrüche der frühen 1990er Jahre sowie an die Schließungen der Betriebe, den Verlust der (Kultur-)Arbeit, die mit Unsicherheiten und mit Zukunftsängsten zusammenhingen. Das hat sich tief in das kulturelle sowie kollektive Gedächtnis in diesen Regionen eingegraben. Geblieben ist bei den Menschen eine Skepsis gegenüber Neuem, das von außen kommt. Um diese Brüche und Leerstellen zu bearbeiten, benötigt es vor Ort neue Erzählungen, auch mittels der Künste, die viele einbeziehen und sich gesamtgesellschaftlich Gehör verschaffen. Hierfür braucht es einen (Kultur-)Ort im Ort. Die beschriebene Initiative in Riesa ist hierfür Best Practice. Junge Menschen haben ein Stück Vergangenheit in die Stadt (zurück)gebracht.

 

Hintergrund und Interviewpartner*innen

Dieser Artikel sowie die Ausstellung „KULTURARBEIT großgeschrieben. Zur Geschichte des Klubhauses „Joliot Curie“ im Stadtmuseum Riesa“ basieren auch auf Interviews und auf Erkenntnissen des Projektes „Riesaer*innen auf dem Weg in die Deutschen Einheit“, das maßgeblich durch das Engagement und die Unterstützung Martin Tritschler, Mitarbeiter bei Sprungbrett e.V., ermöglicht wurde.

Zeitzeug*innen-Interviews wurden am 11. Januar 2024 im Zuge des Seminars „1990: Von zentralistischen zu pluralistischen Strukturen am Beispiel des Klubhauses der Gewerkschaften „Joliot Curie“ Riesa“ am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim in Riesa geführt mit:

  • Alfred Dathe (AD), Ingenieur, seit 1970 Teilnehmer im Zirkel Kupferschmieden und Emaillieren, Zirkelleiterausbildung, ehrenamtlicher Leiter des Zirkels Emaillieren im Klubhaus; bis heute aktiv. Das Interview führte Stella Schiwy.
  • Martina Gruhle (MG), geb. 1951 in Riesa; Ausbildung zur Industriekauffrau am Stahl- und Walzwerk Riesa, Studium an der Bergakademie Freiberg; Teilnehmende, später ehrenamtliche Leiterin des Zirkels Schreibender Arbeiter; seit 1987 hauptamtliche Mitarbeiterin des Klubhauses und 1990-1991 dessen Leiterin. Das Interview führte Marius Wiechmann.
  • Anja Hirschberg, geb. 1990 in Riesa; Studium der Geschichte- und Kunstgeschichte an der TU Dresden; seit 2022 Leiterin des Stadtmuseums Riesa sowie Kuratorin der Ausstellung „KULTURARBEIT großgeschrieben. Zur Geschichte des Klubhauses „Joliot Curie““ Das Interview führte Birgit Wolf.
  • Angela Hoppe (AH), geb. 1960; seit dem 13. Lebensjahr Mitglied des Balletts im Klubhaus, (Fern-)Studium Tanzpädagogik an der Kulturakademie Halle; ehrenamtliche Leiterin der Kindertanzensembles im Klubhaus; 1992 Gründung des Tanzstudios „Live“ e.V. und dessen Vorsitzende bis heute. Das Interview führte Lina Weidner.
  • Martina Lersen (ML), geb. 1951; Diplom-Pädagogin; seit dem 8. Lebensjahr Mitglied der Kindertanzgruppe, später im Volkskunstensemble des Klubhauses; seit 1992 Leiterin des Tanzsportes der Turn- und Spielvereinigung Coswig 1920 e.V. Das Interview führte Lina Weidner.
  • Heinz Lindner (HL), geb. 1951 in Dresden; Fernmeldemechaniker, seit 1982 Beschäftigung mit Keramik, Raku und Ofenbau, freischaffender Künstler in Riesa; räumte das Klubhaus mit aus; in den 1990er Jahren Teilnehmer im Angebot Emaillieren, später mit Alfred Dathe Anleiter bei Kursen. Das Interview führte Stella Schiwy.
  • Petra Sohr (PS), geb. 1951; Dekorateurin, Facharbeiterin Schrift- und Grafikmaler, Zirkelleiterausbildung; seit 1974 am Stahl- und Walzwerk tätig; Teilnehmende des Keramikzirkels, Übernahme der ehrenamtlichen Leitung des Keramikzirkels bis heute, Vorstand Riesa-Kreatives Centrum e.V. Das Interview führte Leon Luge.
  • Werner Zawischa (WZ), geb. 1939; Maler, Pantomime; (Fern-)Studium Kulturwissenschaften; 1961-1965 ehrenamtlicher Leiter des Klubs junger Talente in Riesa; 1971-1991 Leiter für den Bereich künstlerisches Volksschaffen, 1992-2018 Vorsitzender Riesa-Kreatives Centrum e.V. Das Interview führte Julia Oepen.

Das Haus der Geschichte Bonn bewahrt in seinem Bestand zahlreiche Objekte und Dokumente aus dem Kulturhaus „Joliot Curie“ Riesa. Einige Objekte werden in der Dauerausstellung „Alltag in der DDR“ in der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg in Berlin gezeigt (vgl. beispielsweise Abb. 2). 

Verwendete Literatur

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  • Böhme, Jürgen (1994): Die Sommerakademie der bildenden Kunst in Riesa. In: Stecker, Heidi / Range, Christine / Rau, Siegward (1994): Reibungen. Kinder- und Jugendkulturarbeit in Sachsen. Leipzig: Kultur-Dienst bei KunstStück, 130-134.
  • Bönniger, Karl / Klemann, Bernd / Listewnik, Volker (1984): Kultur in unserer freien Zeit. Berlin: Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik.
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  • Tanzstudio „Live“ e.V. (o.J.): Über uns. Online verfügbar unter: https://tanzstudio-live.de/ueber-uns/ (letzter Zugriff am 30. März 2025).
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  • Wiechmann, Marius (2024): Kunst und Individualität in der DDR. In: Kulturelle Bildung Online: https://www.kubi-online.de/artikel/kunst-individualitaet-ddr (letzter Zugriff am 29. März 2025).
  • Wolf, Birgit (2023): Transformation DDR >> BRD: Perspektiven Kultureller Bildung. In: Wissensplattform Kulturelle Bildung Online: https://www.kubi-online.de/artikel/kulturvermittlung-ddr-zwischen-auftrag-wirklichkeit (letzter Zugriff am 24. März 2025).
  • Wolf, Birgit (2021): Kulturvermittlung in der DDR zwischen Auftrag und Wirklichkeit. In: Wissensplattform Kulturelle Bildung Online: https://www.kubi-online.de/artikel/kulturvermittlung-ddr-zwischen-auftrag-wirklichkeit (letzter Zugriff am 24. Januar 2025).
  • Wolf, Birgit (2015): Kulturelle Bildung zwischen kultur-, bildungs- und jugendpolitischen Entwicklungen: 50 Jahre der BKJ – eine Analyse. In: Wissensplattform Kulturelle Bildung Online: https://www.kubi-online.de/artikel/kulturelle-bildung-zwischen-kultur-bildungs-jugendpolitischen-entwicklungen-50-jahre-bkj (letzter Zugriff am 22. März 2025).

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Birgit Wolf (2025): Klubhaus der Gewerkschaften „Joliot Curie“ Riesa: Was war? Was bleibt von der Kulturarbeit in der DDR?. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/klubhaus-gewerkschaften-joliot-curie-riesa-was-war-was-bleibt-kulturarbeit-ddr (letzter Zugriff am 25.11.2025).

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