Die Klimakrise als Zivilisationskrise
Keynote zur Labortagung „AnWenden. Künstlerische Lehre und Vermittlung in der Klimakrise“
Abstract
Der Vortrag analysiert die derzeitige Krise nicht als bloßes Klimaproblem, sondern als Zivilisationskrise. Diese Krise resultiert aus der Ausbreitung und Globalisierung eines in der Moderne entstandenen Gesellschaftsmodells, der sogenannten „Megamaschine“, in der ökonomische, politische und kulturelle Dimensionen eng miteinander verknüpft sind.
Dieses System, das – historisch einmalig – die endlose Akkumulation von Kapital institutionalisiert hat, ist auf die vollständige Verwertung und Umwandlung natürlicher sowie menschlicher Ressourcen in Ware und Profit ausgerichtet. Der moderne Staat und kapitalistische Wirtschaftsinstitutionen sind dabei ko-evolutionär verflochten. Die Ideologien des Westens, insbesondere der Glaube an den eigenen Fortschritt und an die Beherrschbarkeit der Natur mittels Technik, legitimier(t)en diese Entwicklung über Jahrhunderte und wurden mit militärischen Mitteln gesichert. Längst sind die daraus hervorgehenden systemischen Effekte zu einer Klima- und Zivilisationskrise geworden, weil in diesem kapitalistischen System die planetaren Grenzen überschritten wurden und massive soziale Ungleichheiten entstanden sind, aber auch gemeinsame Sinnhorizonte aufgegeben wurden.
Die mechanistische Weltsicht des 17. Jahrhunderts, nach der die Welt kausal, zerlegbar und beherrschbar ist und das als wertig gilt, was messbar ist, hat sich auch in der Organisation von Bildungs-, Wirtschafts- und Kulturinstitutionen niedergeschlagen. Doch wird diese Weltsicht mit Ergebnissen der modernen Wissenschaften – etwa der Quantenphysik, der Biosemiotik oder der Bewusstseinsforschung – widerlegt: Die Wirklichkeit ist vernetzt, offen, basiert auf Bedeutung und Interpretation.
Vor diesem Hintergrund formuliert der Vortrag drei notwendige „Abschiede“, um einen zivilisatorischen Übergang zu ermöglichen: den Abschied
- von der kapitalistischen Produktionsweise hin zu gemeinwohlorientierten und gerechteren Wirtschaftsformen,
- von der Herrschaft über die Natur hin zu einer regenerativen Ko-Existenz und
- vom westlichen Herrschaftsanspruch hin zu globaler Solidarität und Friedenspolitik.
Angesichts der Vielschichtigkeit und Dauerhaftigkeit der aktuellen Krisen sind solche tiefgreifenden Transformationsprozesse notwendig, um eine lebenswerte Zukunft für Mensch und Natur zu sichern.
Ein integraler Bestandteil dieses Wandels ist die Rekultivierung aller Lebensbereiche: Wirtschaft, Politik, Bildung und insbesondere Kultur. Kultur sollte nicht länger ein Randbereich der Gesellschaft sein, sondern zur sinnstiftenden Quelle und zum Ort kollektiver Bedeutungsproduktion werden. Das wird besonders am Beispiel des Theaters deutlich, das als „geistiges Feld“ den kollektiven Akt der Bedeutungsgebung vollzieht, wenn es Erfahrungs-und Bedeutungsräume eröffnet, um kollektive Weltbeziehung und individuelle Schöpfungskraft zu stärken.
Keynote im Video
Struktur der Keynote
00:00 Die Klimakrise als Teil einer Zivilisationskrise
08:41 Die Megamaschine
17:33 Ideologische Macht: Der Mythos des Westens
19:53 Der Mythos der Naturbeherrschung
30:20 Was tun? Die drei großen Abschiede
35:52 Die Rekultivierung der Welt
44:41 Die Rolle des Theaters – Das geistige Feld
53:03 Publikumsfrage: Faschismus und Megamaschine