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Kapiteleinführung: Rahmenbedingungen und Strukturen Kultureller Bildung

von Peter Kamp  Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Unübersichtlichkeit ist die Leitmetapher für ein Entwicklungsfeld, das in aller Munde und den­noch unzulänglich alimentiert ist. Es ist nicht lange her, da konnte man darauf wetten, dass die öffentlich geäußerte Wertschätzung Kultureller Bildung im umgekehrten Verhältnis zum förderpolitischen Engagement stand. Heute muss man Kulturelle Bildung gleich mehrfach in Schutz nehmen: einerseits gegen Vereinnahmung von allen möglichen Seiten; andererseits auch gegen Erwartungsüberfrachtung; drittens sicher auch gegen Überdehnung. Stimmt das Verhältnis von Regel und Ausnahme in der Kulturellen Bildung? Sind wir auf dem richtigen Weg? Blickt überhaupt noch einer durch im Dschungel vorhandener und fehlender Zuständigkeiten?

Schneisen ins Dickicht schlagen will das vorliegende Kapitel, dessen AutorInnen alle­samt die doppelte Perspektive von Mangel und Überfluss, Ungeduld und Selbstbescheidung einnehmen. Wie auch anders auf einem Terrain, dessen Erschließung, Urbarmachung und Befestigung sich mittlerweile im Takt halber Jahrhunderte messen lässt, was nicht abgeht ohne auch berufsbiografische Grenzüberschreitungen! Mehr als eine der nachstehenden Stimmen kennt aus eigenem Erleben sowohl die praktischen Mühen der Ebene wie das Versanden von Energie auf den Kommandohöhen von Politik und Verwaltung. Das vor allem macht sie authentisch und – zumindest im Chor – auch realistisch.

Das elegante Wort von der „Querschnittsaufgabe“ hatte lange den ambivalenten Charme eines verantwortungsflüchtigen Herakles: Wenn alle zuständig sind, kann keiner in die Pflicht genommen werden. Heute kommt es mehr denn je auf die Verbindungsstellen und Kooperationsschnittmengen an und vor allem auf die Zeit, Kraft, Energie und Kreativität, die in solche Übergänge und Schwellenphänomene investiert werden können und sollen. Dies ist selbst schon eine Anforderung an die kulturelle Bildungsaffinität aller Akteure auch auf der Leitungsebene.

Die klassischen Politikfelder Jugend, Bildung und Kultur unterliegen einem tiefgreifenden Wandel, dessen Konturen für die Bundesebene aller drei Felder sowie systematisch und aus Landessicht für die Jugendpolitik (KJHG-­Perspektive), für die Kulturpolitik und für die Bildungspolitik nachgezeichnet werden. Dabei wird deutlich, wie prekär die Auswirkungen unterschiedlich tief verankerter Gestaltungsvorgaben sind, mit starker Rendite des Jugend­hilferechts. Welche Rechtsgeltung und Rechtsverbindlichkeit Kulturelle Bildung im Rahmen kulturpolitischer Begründungsfiguren reklamieren kann, zeigt ein historisch ausgerichteter Beitrag an den Regulativen „Pflichtaufgabe, Grundversorgung, Infrastruktur“ auf. Diesen nati­onalen Leitmetaphern steht eine beachtliche internationale Kodifizierungs- und Vernetzungs­dynamik gegenüber, die vor allem um Fragen der Qualitätsentwicklung und Evaluation kreist.

Auf sensible Stellen in einer plural geprägten Kultur-­ und Bildungslandschaft, in der die Kluft zwischen Wissen und Handeln zumindest nicht erkennbar kleiner wird, macht eine Reihe von AutorInnen aufmerksam, die dem Akteursfeld nicht originär angehören, jedoch fach- oder förderpolitisch zugewandt sind: Seismografisch werden die Verschiebungen in einem ‚trisektoral’ strukturierten Politikfeld registriert, auf dem öffentlich-­rechtliche, privat­-kommerzielle und frei­-gemeinnützige Akteure mit ihren jeweils eigenen gesellschaftlichen Funktionen, Organisationsstrukturen und Handlungslogiken zunehmend aktiv werden. So wenig das enorme Potential zivilgesellschaftlichen Engagements in der Kulturellen Bildung Ausfallbürge für klamme Kassen in Bund, Ländern und Gemeinden sein kann, so wenig können oder wollen die rasant zunehmenden Stiftungen jenseits einer Hebel-­ oder Katalysatoren­funktion Strukturpolitik im föderalen System ersetzen, in dem die Kommunen weiterhin die finanzielle Hauptlast tragen.

Wie sich in einer auf Lücke gebauten kulturellen Bildungslandschaft Innovationsimpulse „auf Dauer stellen“ (Arnold Gehlen) lassen, skizzieren die abschließenden Beiträge aus drei verschiedenen Perspektiven: Wettbewerbe und Preise sind von jeher das Regelinstrument zur Feier der Ausnahme und als solches durchaus traditions-­, struktur-­ und schulbildend. Modelle und Modellversuche waren (und sind nach wie vor) Innovationskonstrukte zur kreativen Umgehung förderrechtlicher Restriktionen mit nachweisbarem Nachhaltigkeitseffekt. Vom Fehlenden ausgehend Gesamtkonzepte zu entwickeln war schon immer ein starker Impuls für Zukunftsträume – gerade auch im Zusammenspiel sonst unverbundener Ebenen von freien Trägern, öffentlicher Hand und Staat einerseits, Stadt, Land und Bund andererseits.

Wenn es zutrifft (auch hierüber muss gestritten werden dürfen), dass Kulturelle Bil­dung ein „Umsetzungsproblem“ hat (Kulturenquete) oder „Achillesferse“ ist im deutschen Bildungssystem (Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert), dann muss man unablässig und beharrlich fragen, ob wenigstens die Richtung stimmt, oder besser: die Richtungen. Es mag ja sein, dass gerade die Richtungskämpfe oder der Konflikt zwischen Richtungsvielfalt und umstrittener Deutungshoheit das Genuine der hiesigen kulturellen Bildungslandschaft ist, worum uns manche in der Welt beneiden.