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jugend.kultur.austausch: Kulturelle Bildung mit internationalen Partnern

von Rolf Witte  Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Das Zusammenleben in multikulturellen Gesellschaften ist heute tägliche Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen (siehe Bernd Wagner „Von der Multikultur zur Diversity“). Kulturelle Vielfalt ist Reichtum und gleichzeitig Herausforderung für unsere modernen Gesellschaften. Kulturelle Bildung nutzt Unterschiede und Verunsicherungen gezielt als Anlass für die Entwicklung kreativer Neugier und bietet Räume für künstlerische Ausein­andersetzungen, den Dialog der Kulturen und die Entwicklung interkultureller Kompetenzen. In der konkreten Begegnung mit Menschen, die über andere kulturelle Hintergründe verfügen, öffnen sich Jugendlichen und KulturpädagogInnen beim internationalen Jugendkultur­- und Fachkräfteaustausch immer wieder fremde Welten und neue Sichtweisen. Kulturelle Vielfalt erleben heißt hier ganz konkret, über Ländergrenzen und Sprachbarrieren hinweg, aktiv zum friedlichen Zusammenleben beizutragen und gemeinsam mit PartnerInnen aus anderen Ländern selbst kreative Beiträge und Strategien zu den viel diskutierten Themen „Globalisierung“ und „interkultureller Dialog“ zu entwickeln.

Jugendkulturaustausch

Immer mehr lokale, regionale, landes­- und bundesweite Einrichtungen und Träger der Kultu­rellen Bildung, wie Jugendkunstschulen, Kinder­- und Jugendzirkusse, Medienwerkstätten, Theater-­ und Tanzgruppen usw., führen internationalen Jugendkulturaustausch durch. Allein durch den „JugendkulturService International“ der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) werden jährlich fast 100 Maßnahmen mit ca. 2.000 Teilnehmenden beraten und mit Mitteln des Bundesjugendministeriums (BMFSFJ), der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch und der beiden deutsch­-französischen und deutsch­-polnischen Jugendwerke (DFJW, DPJW) finanziell gefördert. Daneben sind weitere bundesweite Fachorga­nisationen vor allem der musikalischen Bildung ebenfalls anerkannte „Zentralstellen“ für die finanzielle Förderung des Jugendkulturaustauschs, sodass interessierte AntragstellerInnen ihre Förderanträge bei fachlich versierten KollegInnen stellen können und nicht auf die Bear­beitung durch öffentliche Verwaltungsstellen angewiesen sind.

Internationaler Fachkräfteaustausch

Viele Einrichtungen und Träger der Kulturellen Bildung nutzen internationale Fachkräftepro­gramme zum Know­how­-Transfer zwischen Deutschland und für sie interessanten Partner­ländern. So wurde z.B. von den jeweiligen Fachorganisationen mit Unterstützung des BMFSFJ je ein mehrteiliges deutsch-­japanisches Studienprogramm von 2005 bis 2007 zum Thema „Theaterarbeit mit Jugendlichen“ sowie von 2008 bis 2010 zum Thema „Bildende Kunst in der schulischen und außerschulischen Kulturellen Bildung“ durchgeführt, was sowohl die Theaterpädagogik als auch die Kunsterziehung in beiden Ländern konzeptionell bereichert hat. Aber auch lokale und regionale Einrichtungen und Träger der Kulturellen Bildung organisieren mit Fachpartnern aus verschiedensten Ländern Fachtagungen, Hospitationen, Workshops und internationale Fortbildungen, die für alle Teilnehmenden neue fachliche Impulse für die eigene Arbeit aus den Partnerländern mit sich bringen.

Internationale Freiwilligendienste in der Kultur

In den letzten Jahren engagieren sich Einrichtungen und Träger der Kulturellen Bildung vermehrt für internationale Freiwilligendienste in ihren eigenen Einrichtungen und bei ihren internationalen Partnern. Sie reagieren damit auf eine starke Nachfrage von Jugendlichen aus Deutschland und aus dem Ausland und nutzen zur Finanzierung vor allem das Förderangebot des Europäischen Freiwilligendienstes im Rahmen des EU­-Programms „Jugend in Aktion“. Erste europaweite Netzwerke für den Austausch Jugendlicher als Freiwillige in Kultureinrichtungen sind in diesem Zusammenhang schon entstanden, teilweise auch gezielt für die Arbeit mit benachteiligten Jugendlichen in Stadtteilkulturzentren. Eine Angebotsform, die sich sicherlich in den nächsten Jahren noch wesentlich weiterentwickeln wird und die durch die langfristigen freiwilligen „BotschafterInnen“ in ausländischen Partnereinrichtungen der Kulturellen Bildung zu deutlich tieferen Beziehungen und konzeptionellem Austausch führen kann und damit den „klassischen“ kurzfristigen Jugendkulturaustausch in Gruppen sehr sinnvoll ergänzt.

Nationale und internationale Fördermöglichkeiten

Deutschland ist mit der Einrichtung der bilateralen Jugendwerke DFJW und DPJW, den bilate­ralen Koordinierungszentren Tandem (mit Tschechien) und ConAct (mit Israel), der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch und mit dem „Programm Internationale Jugendarbeit“ im Rahmen des Kinder-­ und Jugendplans des Bundes (KJP), das den Austausch mit interessierten Partnern aus beliebigen Partnerländern fördert, führend in der Unterstützung konkreter Mobilitätsmaßnahmen für junge Menschen und Fachkräfte der Jugendarbeit. Von all diesen Fördermechanismen profitieren natürlich auch die Akteure der Kulturellen Bildung, auch wenn die Förderquote dieses Bereichs im Vergleich zu anderen Bereichen der Jugendarbeit angesichts seiner gesellschaftlichen Bedeutung auf jeden Fall noch deutlich gesteigert werden könnte.

Diese vor allem die bilaterale Zusammenarbeit fördernden Strukturen ergänzen sich aus Sicht der Träger von internationalem Jugendkulturaustausch sehr gut mit den Unter­stützungsmöglichkeiten von Seiten der Europäischen Union, die einen Schwerpunkt auf die multilaterale Zusammenarbeit bei der Förderung legt. So können sich Einrichtungen und Träger der Kulturellen Bildung entsprechend ihrer personellen und inhaltlichen Möglichkeiten Schritt für Schritt zu aktiven und erfahrenen Akteuren des Jugendkulturaustauschs entwickeln und nach und nach anspruchsvollere Begegnungskonzepte mit einer steigenden Anzahl internationaler Partnereinrichtungen in die Tat umsetzen.

In Zeiten der „Generation facebook“ zeigen sich jedoch auch die Grenzen der reinen Mobilitätsförderung der verschiedenen Zuschussgeber, die, wie in den letzten Jahrzehnten des 20. Jh.s, davon ausgehen, dass ein internationales Austauschprojekt erst mit der Anreise einer Partnergruppe beginnt. Aber heute entwickeln sich internationale Begegnungsprojekte zunehmend schon lange vor der physischen Begegnung digital, die Partnergruppen kommu­nizieren regelmäßig miteinander, bereiten Bestandteile des gemeinsamen künstlerischen Vorhabens zu Hause vor, und auch künstlerische Ergebnisse von „analogen“ Begegnungen werden zunehmend digital weiter be-­ und verarbeitet. Dabei handelt es sich zum Teil durchaus um kostenintensive Projektteile, die von den veralteten Fördermechanismen zurzeit nicht unterstützt werden können.

Wirkungsforschung und Qualitätsentwicklung

Der Bereich der Kulturellen Kinder- und Jugendbildung arbeitet über die finanzielle Förderung von Begegnungen hinaus auch eng mit den binationalen Jugendwerken und Koordinierungs­zentren, der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit (IJAB), dem Forscher-Praktiker-Dialog Internationale Jugendarbeit und dem zuständigen Referat für europäische und internationale Jugendpolitik des BMFSFJ in übergreifenden Fragen des internationalen Jugendaustauschs zusammen. So z.B. bei der Entwicklung und Implementierung der „Nachweise International“, die zum Teil auf der Konzeption des Kompetenznachweises Kultur beruhen, bei der Lang­zeitstudie zum internationalen Jugendaustausch, die unter Federführung der BKJ von der Universität Regensburg durchgeführt wurde, und bei der „Evaluation von Jugendbegegnun­gen“, wo leicht zu nutzende Fragebögen zur Evaluation auch speziell des Jugendkulturaus­tauschs entwickelt wurden und allen Trägern zur Verfügung stehen (siehe Brigitte Schorn/ Vera Timmerberg „Kompetenznachweis Kultur“).

Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik

Offiziell sind alle Aktivitäten der Internationalen Jugendarbeit Bestandteil der Auswärtigen Kultur-­ und Bildungspolitik des Auswärtigen Amtes (AA), und dementsprechend werden sie auch im jährlichen Bericht des AA zu diesem Politikbereich aufgeführt. Es gibt jedoch keine eindeutige und offizielle Anerkennung des so weit reichenden und sich beständig aktiv weiterentwickelnden Bereichs des Jugendkultur­- und Fachkräfteaustauschs der Träger der Kulturellen Bildung durch das Auswärtige Amt. Gründe hierfür sind einerseits die Ressortzuständigkeit des Bundesjugendministeriums und die rechtliche Verfasstheit der Träger meist als zivilgesellschaftliche Strukturen und freie Träger der Kinder­- und Jugendhilfe. Das Auswärtige Amt konzentriert seine Aktivitäten (und damit leider auch die Förderung) stark auf die offiziellen Mittlerorganisationen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, wie z.B. das Goethe-Institut und das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa). Und das obwohl die Aus­tauschprogramme im Bereich der Kulturellen Bildung größtenteils idealtypisch die qualitativen Anforderungen der Auswärtigen Kultur­- und Bildungspolitik konsequent erfüllen, wie z.B. an die Dialogform und die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den ausländischen Partnern. Eine Anerkennung und Förderung der Rolle und Funktion der Träger der Kulturellen Bildung als für Deutschland wichtige Akteure in der internationalen Zusammenarbeit in den Feldern Bildung und Kultur muss dringend erreicht werden, auch damit Begegnungsvorhaben der entsprechenden Akteure mit ihren Partnern adäquat unterstützt und gefördert werden können.

Kulturelle Bildung und Entwicklungszusammenarbeit

Zunehmend mehr lokale, regionale und landesweite BKJ­-Mitglieder unterhalten regelmäßige Beziehungen zu Partnerorganisationen und lokalen Trägern in afrikanischen, lateinamerika­nischen und asiatischen Entwicklungs-­ und Schwellenländern, die zum Teil bemerkenswerte Formen der kulturellen Bildungsarbeit entwickelt haben. Erfahrungen dieser anspruchsvollen partnerschaftlichen Projektarbeit werden immer wieder publiziert, und eine vertiefte Beschäf­tigung mit den dortigen Konzepten könnte Einrichtungen und Träger der Kulturellen Bildung in Deutschland noch wesentlich deutlicher dazu motivieren, schwer erreichbare Zielgruppen stärker in den Blick zu nehmen, wie dies z.B. in südamerikanischen Stadtteilkultureinrichtun­gen ausgezeichnet gelingt.

Insgesamt stellt die internationale Zusammenarbeit mit Partnern aus einzelnen oder mehreren Ländern für die Einrichtungen und Träger der Kulturellen Bildung immer eine Herausforderung dar und verlangt zum Teil sehr große personelle und zeitliche Anstrengun­gen, die es manchmal auch innerhalb der eigenen Einrichtung zu verteidigen gilt. Aber alle Akteure des internationalen Jugendkultur­- und Fachkräfteaustauschs bestätigen immer wieder, dass sich dieser Aufwand sowohl für die jugendlichen Teilnehmenden als auch für die mitwirkenden haupt­-, neben-­ und ehrenamtlichen Fachkräfte der Kulturellen Bildung lohnt. Viele Projektbeschreibungen und auch alle bisher angestellten wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigen dies einhellig.

Anmerkungen

Dieser Text wurde erstmals im Handbuch Kulturelle Bildung (Hrsg. Bockhorst/ Reinwand/ Zacharias, 2012, München: kopaed) veröffentlicht.